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Danke Gertrud

oder

das Schicksal einer stolzen vertriebenen oberschlesischen Bauerstochter

©2017 Michel Michel

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

978-3-7439-1817-7 (Paperback)

978-3-7439-1818-4 (Hardcover)

978-3-7439-1819-1 (e-Book)

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Bei den verwendeten Abbildungen handelt es sich um private Aufnahmen.

Dieses Buch habe ich geschrieben:

Für meine Frau, für unsere Familie

und für alle, denen Gertrud wichtig war

Michel

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Bonn, April 2017

Über den Autor Michel, Michel

Jahrgang 1949, Studium zum Wirtschaftsingenieur, Studium der Volkswirtschaft, Soziologie, Politikwissenschaft, Philosophie und Ethik, arbeitete jahrelang bei einer internationalen und einer europäischen Organisation sowie in mehreren internationalen Beratungsunternehmen. Autor von mehreren Werken, u.a. “Abenteuer Deutschland” und “Ich denke oft…. an die Rue du Docteur Gustave Rioblanc” “Deutsche Identität - quo Vadis?” und verschiedene Beiträge in Fachzeitschriften

INHALT

1. Vorwort

2. Meine erste Begegnung

3. Der Freund ihrer Tochter

4. Wer sind die Oberschlesier?

5. Wie waren die Schlesier?

6. Wie ist die Identität der Oberschlesier?

7. Was für ein Gemüt haben die Schlesier?

8. Wer war Gertrud?

9. Geschichte und Vertreibung

10. Wie war Gertrud - als Tochter, Ehefrau, Mutter?

11. Überlebenswille und Stärke - immer weitermachen

12. Tradition und Glauben- Halt und Orientierung

13. Träume / Sehnsüchte - was wissen wir davon?

14. Verzicht auf Selbstverwirklichung

15. Härte gegen sich und die Familie

16. Toleranz und Einfühlen ließ sie bei sich erst im Alter zu

17. Familie, Kinder und Heim

18. Stolz und Ehrgeiz

19. Umfeld und Geselligkeit, kleine Freuden

20. Schicksalsschläge, Krankheit und Ende

21. Epilog

Literaturverzeichnis

1. VORWORT

Meine Schwiegermutter ist im Dezember 2016 verstorben. Ich habe sie über 44 Jahre lang gekannt - oder geglaubt zu kennen. Sie war eine sogenannte „einfache Frau“. Dies glaube ich jedoch nicht. Angesichts ihres bewegten Lebens versuche ich, ihr mit diesen Zeilen so gerecht wie möglich zu werden. In der Familie wurden sehr viele Erlebnisse erzählt. Diese mögen wahr sein. Dieses Buch hat jedoch nicht den Anspruch, die objektive und umfassende Wahrheit über das Leben von Gertrud widerzuspiegeln, sondern meine subjektive Wahrnehmung widerzugeben. Allen Lesern, die möglicherweise diese subjektiven Darstellungen kritisieren, möchte ich entgegenhalten, dass lediglich meine Erlebnisse mit ihr widergegeben werden sollen.

Dieses Buch wäre nicht zu Stande gekommen ohne die wertvolle Hilfe meiner Ehefrau Marlene und von Frau Hangebrauck.

Ich habe dieses Buch aus der Erinnerung geschrieben, da ich in dieser Zeit keine Notizen angefertigt habe. Mögliche Kritik an lebenden Personen habe ich nicht persönlich geäußert, sondern immer nur aus der Sache heraus. Sollte sich jemand in seiner Ehre und Würde verletzt fühlen, so bitte ich um Nachsicht.

2. MEINE ERSTE BEGEGNUNG

Meine erste Begegnung mit meiner Schwiegermutter fand im Juli 1973 statt. Ich kannte damals meine damalige Freundin und jetzige Frau gerade mal acht Wochen. Ich musste für die Begegnung zu einer kleinen Siedlung von Aussiedlern im Bergischen Land fahren. Als ich ankam, bot sich mir ein Bild von einer typischen Siedlung mit kleinen, gepflegten Vorgärten sowie „Standardhäusern“, die der damaligen Zeit gerecht wurden. Ich klingelte an der Tür. Meine damalige Freundin, jetzige Frau, öffnete mir die Tür und dann stand auf einmal eine Dame in den späten Vierzigern vor mir. Auf den ersten Blick schien sie mir etwas stämmig und in ihrem Gesicht leuchteten rosarote Bäckchen. Sie war freundlich und bot mir an, einzutreten. Sie führte mich nicht in das Wohnzimmer, sondern in die Küche. In der Küche war der Tisch gedeckt, ein Stücken Streuselkuchen „Schlesischer Art“ und Kaffeetassen sowie eine „Zuckerdose“ standen darauf. Was ich zu der Zeit noch nicht wusste, war, dass meine Frau Kind von Vertriebenen aus Schlesien ist, zwar geboren in Deutschland, aber stark mit der schlesischen Herkunft verwurzelt. Meine Schwiegermutter bot mir an, Platz zu nehmen und versuchte mich mit ihren Blicken zu durchbohren. Durch ihre Gesichtsausdrücke konnte man erkennen, welche Fragestellungen zu meiner Person sich in ihrem Kopf verbargen: Wer ist dieser Kerl? Woher kommt er? Wieso verliebt sich meine Tochter in einen Nachkommen des „Erbfeinds“? Was für eine Familie hat er? Meint er es gut mit meiner Tochter? Ist er ihr ebenbürtig? All diese Fragen standen ihr ins Gesicht geschrieben, dabei war sie im Gespräch freundlich im Ton und stellte mir keinerlei unangenehme Fragen. Ich habe mich ihr dann vorgestellt und merkte im Laufe der Diskussion, dass die Spannungen zwischen uns sich langsam lösten. Sie bat mir Kuchen und Kaffee, woraufhin ich drei Löffel aus der „Zuckerdose“ nahm, um sie in meinen Kaffee zu geben. Zu meinem Erstaunen war in der Zuckerdose jedoch kein Zucker, sondern Salz. Somit habe ich versalzenen Kaffee getrunken, aber keine Miene dabei verzogen und auf die Bitte hin, nochmal Kaffee zu trinken, habe ich dankend abgelehnt.

Während dieser ersten Begegnung wurde ich einer genauen Überprüfung unterzogen. Ich habe dabei aber sehr wenig preisgegeben. Ich erfuhr gleichzeitig von ihr, dass sie starke Kritik an dem damaligen Kanzler Brandt übte: an seiner Ostpolitik, die in ihren Augen einen Verrat darstellte, insbesondere an dem schlesischen Volksteil. Während dieser ersten Begegnung habe ich diese Frau als eine gutmütige „Bäuerin“ wahrgenommen, die irgendwie nicht in ihrem passenden Umfeld war. Es erschein mir, als empfände sie ihre Umgebung wie nach einer Entwurzelung und als wäre sie dadurch unglücklich über ihre eigene Situation. Während dieser ersten Begegnung habe ich auch ihren Mann und meinen Schwiegervater kennengelernt. Mir schien, dass sie immer noch irgendwie in ihren Mann verliebt war, aber auch eine Art von Stolz hatte, Tochter von reichen Bauern zu sein. Was mich auch beeindruckte war die zarte Haut, die in ihrem Gesicht und ihrem Hals hervorstach. Ihre Fragestellungen mir gegenüber schienen durchdacht zu sein und sie vermittelte den Eindruck, dass sie wohl wusste, was sie tat, auch wenn dies ihrem Mann nicht immer gefiel.

Sie zeigte mir während dieses Besuchs ihren Garten, der hinter dem Haus lag, der mit Gemüse und Obst bepflanzt war und war darauf unwahrscheinlich stolz. Danach zeigte sie mir den Hühnerstall und lobte die Qualität der Eier in den höchsten Tönen. In diesem Umfeld war sie auf eine besondere Art und Weise glücklich, als ob sie hierdurch einen bösen Traum in ihrem Innern verdrängen würde.

Als ich mich von ihr verabschiedete, hatte sie einen regelrecht „festen“ Händedruck und blickte mir direkt in die Augen, um sicher zu gehen, dass ich ihre Tochter nicht unglücklich machen würde.

3. DER FREUND IHRER TOCHTER

Meine Schwiegermutter hatte vier Töchter und meine Frau war die zweitgeborene Tochter.

Ihre älteste Tochter, die zwar noch im Haus wohnte, aber bereits beruflich bei einem bekannten Kreditinstitut tätig war, hatte sich vor kurzem in einen ihrer Kollegen verliebt und sich fest an ihn gebunden. Der Freund der ältesten Tochter war jedoch ein Kölner und die Familie konnte sehr schnell einschätzen, wie die soziale Herkunft seiner Familie aussah. Weiterhin spielte die älteste Tochter die Rolle der „Anstandsdame“ bei ihren jüngeren Schwestern. Das Verhältnis zwischen der ältesten Schwester und meiner Frau war nicht frei von Konflikten. Auch deswegen wurde die ältere Schwester beauftragt, mich schon im Juni 1973, bei einem Zusammenkommen im Studentenwohnheim meiner Frau, genau unter die Lupe zu nehmen. Hierbei sollte sie erkunden, was ich wohl für eine Art Mensch sei. Es war daher am Anfang für mich äußert schwierig, gegen die Vorurteile hinsichtlich meiner Herkunft anzukämpfen. Ich war aufgrund meiner Ausbildung in Frankreich über geschichtliche Zusammenhänge hinsichtlich der Weimarer Republik, des zweiten Weltkriegs und der Vertreibung der Deutschen relativ gut im Bilde. Daher war ich relativ kritisch gegenüber der Denkweise und Vorurteile mancher „Vertriebenen“ eingestellt, die sich stets nach einer „revanchistischen“ Politik sehnten und damit die Rückkehr in die „richtige Heimat“ bezwecken wollten. Da ich zu diesem Zeitpunkt in meiner politischen Ansicht relativ „links“ orientiert war (ich habe ja Willy Brandt Wahlplakate geklebt), war es für mich schwierig, mit dieser politischen „Rechtsorientiertheit“ und solch einem Grundgedanken in der Familie meiner Frau zurechtzukommen. Ich war außerdem von Hause aus kritisch gegenüber Banken und deren Machenschaften eingestellt. Somit habe ich bei meiner ersten Begegnung möglicherweise die ältere Schwester vor den Kopf gestoßen. Vor den Kopf gestoßen insoweit, als dass ich ihren damaligen Arbeitgeber und ihren Freund in ihren Augen schlechtgemacht habe. Gleichzeitig war zwischen meiner Frau und ihrer älteren Schwester schon vor meiner Zeit stets ein Konkurrenzkampf gewesen. Dieser Konkurrenzkampf hat sich in den ersten Jahren unserer Beziehung stark zugespitzt.

Vorurteile hinsichtlich meiner Person wurden schließlich zu Behauptungen, dass man mich nicht kennen würde, und die ältere Schwester wurde beauftragt, Informationen über mich herauszufinden. Dies ging so weit, dass sie in meiner Geburtsstadt in Frankreich Erkundigungen über mich einholte. Einwohner, die mich und meine Familie kannten, haben mich frühzeitig gewarnt, da sowohl meine „Schwägerin“ als auch ihr Mann der französischen Sprache nicht mächtig waren. Das gesamte Viertel hat mich insoweit geschützt, als dass sie jegliche Fragen über mich abgeblockt haben. Ich war daher in den Augen meines zukünftigen Schwiegervaters ein „Halunke“ und ein „Filou“.