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Laura Misellie

Douphne Parker

Neue Freunde & Wie dadurch alles begann





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Widmung

Für

Frau Mechthild Grütter

 

Die Frau,

die meine Leidenschaft für das Verfassen von Geschichten bereits wahrgenommen hat,

als sie mich das Schreiben lehrte.

Prolog

 

 

 

Wo fange ich am besten an?

Ich habe in meinen jungen Jahren so einiges durchgemacht, habe viel Schlimmes erlebt, das Pech magisch angezogen. Wenn ich heute so darüber nachdenke, erscheint mir das alles so unglaubwürdig, dass ich meine Geschichte jemandem erzählen möchte.

Deshalb möchte ich dir nun erzählen, wie alles begann.

Kapitel 1 "Hey"

Er stach direkt ins Auge, als er den Raum betrat. Die hellbraunen Haare, die stattliche Statur. Und dann diese unglaublichen Augen. Welche Farbe war das? Ich konnte es von meinem Platz aus kaum erkennen, aber sie wirkten grau, oder nicht? Blau-grau. Ich musste mich stark zusammenreißen, nicht allzu auffällig zu ihm zu starren.

Die Schuluniform, die niemand gerne trug, schien auch ihm zuwider zu sein. Das Hemd steckte lieblos in der Hose, hing an einer Stelle über den Gürtel. Die Krawatte hing lose um seinen Hals und er trug die Schultasche lässig über der Schulter.

Sein Gesichtsausdruck wirkte emotionslos und dadurch beinahe schon arrogant. Trotzdem stand er dort, vor der ganzen Klasse, und wirkte unglaublich attraktiv. Der Neue.

Er musste verschlafen haben. Offenbar fehlte ihm morgens die Zeit, sich vernünftig anzuziehen. Oder es gab einen anderen Grund dafür, dass er so halbherzig gekleidet war. Ja, das musste es sein. Er wirkte nicht verschlafen, also musste es die einfachere Erklärung sein. Es war ihm wohl einfach egal, dass er nicht korrekt gekleidet war. Das passte schon viel eher zu der kühlen Mimik und der distanzierten Körperhaltung.

Und vor allem passte es viel besser zu dem Mann, den ich bereits zuvor gesehen hatte. Für mich war der Neue nämlich nicht wirklich allzu neu. Erst gestern war er mir aufgefallen, zusammen mit Benjamin Grolf und Gary Blansted. Ich versuchte, ihn daher nun zu ignorieren und sah zu Alex herüber. Ich musste mir noch etwas einfallen lassen. Er sollte von der Auseinandersetzung zwischen Ben und Gary erfahren. Sie waren immerhin seine Freunde.

Obwohl ich mich wirklich zusammenreißen wollte, lenkte nun Thalia meine Aufmerksamkeit auf sich und damit auch wieder auf den Neuen. Sie stand auf und ging auf ihn zu, stolzierte beinahe. Es war so klar, dass sie ihre Chance gleich nutzen wollte. Niemand war versessener auf neue, gutaussehende Männer in der Stadt. Ich verdrehte nur genervt die Augen, obwohl ich mir das Schauspiel auch nicht entgehen lassen wollte.

Sie stellte sich dicht neben ihn, sah zu ihm auf und stieß lediglich ein „Hey“ aus. Ihre blonde Hochsteckfrisur saß perfekt. Bei den Mengen an Haarspray war das auch kein Wunder. Ähnliche Mengen befanden sich in ihrem Gesicht. Das Make-Up konnte man heruntermeißeln, ganz wie immer.

Obwohl einige meiner Mitschüler interessiert beobachteten, was sich vor ihren Augen abspielte, schien der Neue sich nicht im Geringsten für sie zu interessieren. Er starrte sie an, doch es machte den Eindruck, als würde er geradewegs durch sie hindurchsehen. Kaum vorstellbar, dass es ihm möglich sein konnte, ihr aufgedonnertes Äußeres zu ignorieren.

„Ich bin Thalia“, fuhr sie nach einer kurzen Pause penetrant fort. „Thalia …“

„Mudo!“ Ihr Name wurde durch den Raum gebrüllt und sie zuckte merklich zusammen.

Im Klassenzimmer herrschte augenblicklich absolute Stille. Während jeder versuchte, auf dem schnellsten Weg zu seinem Platz zu kommen, lehnte der Neue noch immer lässig an der Wand. Er war augenscheinlich völlig unbeeindruckt von dem Gebrüll unseres Mathe- und Sportlehrers Mr. Jason Qurandi.

Er, seines Zeichens stellvertretender Schuldirektor, war ein furchtbarer Lehrer. Er mobbte Schüler, wurde oft beleidigend und machte insgesamt den Eindruck, dass er seinen Job hasste. Er war jeden Tag grauenhaft gelaunt und nicht zögerlich beim Verteilen von Strafarbeiten, weshalb sein Auftauchen beinahe eine Panik auslöste.

Es dauerte nicht lange, bis er merkte, dass es jemanden im Raum gab, der ihm nicht Folge leistete. Sein Blick sprach Bände.

„Du!“ Er deutete ungeniert mit dem Finger auf den Fremden. „Setzen!“

Der Neue stieß sich mit dem Fuß von der Wand ab und ging langsam auf ihn zu. Eine Weile lag eine unheilvolle Ruhe im Raum. Ohne einen Ton von sich zu geben, warf er schließlich eine Mappe auf das Lehrerpult.

Inzwischen kochend vor Wut, weil es so lange dauerte, nahm Mr. Qurandi sie und schlug die erste Seite auf. „So.“ Er wandte sich gereizt den restlichen Schülern zu. „Kai McKenzie besucht von nun an diese Klasse.“

Ich warf einen Blick zu Alex und Gary. Alex grinste still in sich hinein, amüsierte sich scheinbar wieder über Qurandis Autoritätsversuch. Gary allerdings starrte bloß mit einem glasigen Blick auf seinen Tisch. Ob er ihn auch wiedererkannte? Anscheinend, denn er wirkte keineswegs begeistert.

„Parker!“ Dass mir kein erschrockener Laut entfuhr, war auch alles. Ich hasste es, wenn Qurandi meinen Namen so brüllte, doch widerwillig hob ich die Hand. „McKenzie, das ist Miss Parker. Neben ihr ist ein freier Platz. Wenn Sie also Fragen haben, stellen Sie sie ihr und zwar erst nach dem Unterricht.“

Gemütlich näherte Kai sich und ließ sich auf den Stuhl fallen, der ihm zugeteilt wurde. Ich spähte zu ihm herüber, um sicherzugehen, ob er vielleicht wirklich Fragen hatte. Es war kein Wunschkonzert. Wenn Qurandi wollte, dass ich mich um den Neuen kümmere, dann tat ich besser daran, es auch zu tun.

Der Neue war wirklich faszinierend. Noch immer wirkte er kühl, distanziert und unnahbar, aber ich konnte nicht ignorieren, dass mich sein Verhalten neugierig machte.

 

Was kann ich dir aber vorab erst mal über mich erzählen?

Mein Name ist Douphne Parker. Der grinsende Idiot in meiner Sitzreihe war Alexanders Matthews und mein bester Freund.

Eigentlich war er ein sympathisches Kerlchen. Meistens jedenfalls, wenn er mich nicht gerade um sieben Uhr an einem Sonntagmorgen aus dem Bett holte. Er war stets korrekt gekleidet und gehörte durchaus zur witzigen Sorte Mann, der einen im richtigen Moment zum Lachen bringen konnte. Nur sieben Uhr morgens … Dafür gibt es wohl einfach nicht den richtigen Witz.

Alex war selten in festen Händen. Das lag wohl daran, dass er schon früh karrierefixiert war und eine Beziehung als Ablenkung empfand. Er war gerne früh auf, am liebsten den ganzen Tag unterwegs und mit Dingen beschäftigt, für die sich viele Frauen einfach nicht interessierten.

So kam es, dass er Schülerdetektiv wurde. Du lachst vermutlich, aber so war es. In der Schule war es ein Freizeitangebot, doch Alex war davon so begeistert, dass es ihn nicht mehr losließ.

Was im Dorf passierte, von Unfällen bis Einbrüchen, faszinierte ihn. Er steckte in alles seine Nase herein und spielte gerne den Ermittler, völlig gleich, wem er damit auf die Nerven ging. Du hältst ihn für verrückt? Das eigentlich Verrückte daran war, dass durch seine Hilfe schon so manches aufgedeckt werden konnte.

Wo Alex war, war auch ich. Wem ging er also bevorzugt mit seiner Spionage auf den Wecker? Mir natürlich. Schlimmer noch. Man brachte mich damit sogar in Verbindung, nannte meinen Namen in diesen Zusammenhängen. Naja, mitgefangen, mitgehangen, was? Obwohl ich dir sagen kann, dass es nicht immer nur von Vorteil ist, in einem kleinen Dorf auf diese Weise noch bekannter zu werden, als man sowieso schon war.

Alex und ich besaßen inzwischen unseren Schulabschluss, doch wir beschlossen, auf der Spellington-High zu bleiben, um das Abitur in Angriff zu nehmen. Beinahe all unsere Mitschüler trafen dieselbe Entscheidung. Es sollte also eigentlich kaum eine Veränderung darstellen, für weitere drei Jahre die Schulbank zu drücken. Das dachte ich damals wirklich. Heute schmunzle ich bloß darüber.

Außer Alex gab es in meinem Leben noch jemanden. Benjamin Grolf und Gary Blansted waren Freunde von Alex. Ich verbrachte deshalb viel Zeit mit ihnen, aber eigentlich mochte ich weder den einen, noch den anderen.

Ich könnte dir vermutlich nun haufenweise Geschichten über die beiden erzählen, aber ich habe ihre Anwesenheit nie genossen, also gibt es nichts, das ich dir über Gary erzählen möchte.

Mit Ben würde ich gerne ebenso verfahren, aber da er für einen gewaltigen Wendepunkt in meinem Leben verantwortlich ist, komme ich wohl später nicht daran vorbei, dir von ihm zu erzählen.

Außer den männlichen Personen in meinem Leben gab es da noch jemanden, mit dem es nicht immer einfach war. Thalia Mudo und ich führten seit dem Kindergarten eine ständig wechselnde Freundschaft. Die meiste Zeit empfand ich sie als sehr anstrengend und lästig, doch irgendwie trennten sich unsere Wege trotzdem nie vollständig.

Auch Alex kannte ich bereits seit Kindertagen. Im Prinzip, und so traurig das auch klingen mag, war er mein einziger und bester Freund.

 

Kai McKenzie sprach den gesamten Schultag kein Wort mit niemandem. Thalia versuchte immer wieder das Gespräch zu suchen, doch er ließ sie jedes Mal abblitzen. Er schien sich für nichts wirklich zu interessieren und als der Schulgong ertönte, der das Ende des Schultages verkündete, hatte man ihn noch immer kein Wort sagen hören.

Während mein Blick an ihm haftete, als er seine Bücher in den Spind räumte, stellte Alex sich zu mir und grinste mir schadenfroh entgegen. „Mathe war doch heute mal richtig cool.“

„Sicher“, erwiderte ich nur tonlos, wandte dabei aber meinen Blick immer noch nicht von dem Neuen ab.

„Hast du Qurandis Gesichtsausdruck gesehen, weil er ihn ignoriert hat?“ Alex schien mal wieder mit Humor an die Sache heranzugehen, das tat er immer.

Als ich aber trotzdem nicht reagierte, folgte er meinem Blick. Dann grinste er erneut und tat, was er scheinbar nicht lassen konnte. Er stolzierte zu seinem Schließfach, lehnte sich dagegen und sprach den Neuen an.

Sehr langsam, um bloß nicht in das Bevorstehende hereingezogen zu werden, folgte ich ihm. Ich kannte Alex‘ aufdringliche Art nur zu gut und war mir sicher, dass es den Neuen stören würde. Es musste einen Grund dafür geben, wieso er den ganzen Tag mit niemandem sprach und vermutlich lag es daran, dass er einfach nicht wollte.

„Hey.“ Alex versuchte cool und lässig zu wirken. Ich mochte ihn unglaublich gern, aber das war er nicht. „Woher kommst du?“

Kai legte sein letztes Buch in den Spind und wandte sich schließlich, ohne einen Gruß zu erwidern, von Alex ab. Unsere Blicke trafen sich, als er an mir vorbeiging. Ich lächelte leicht, doch er sah mich nur einen kurzen Moment ausdruckslos an, dann ließ er uns stehen.

„Wohl nicht sehr gesprächig, was?“, rief Alex es ihm verärgert hinterher.

Er kam auf mich zu und ich lächelte ihn schadenfroh an. „Hättest du doch jetzt mal deinen Gesichtsausdruck sehen können.“

Sein Blick hing noch immer an Kai und er schüttelte den Kopf, während ich ihm ebenfalls hinterherschaute und beinahe noch faszinierter war, als vorher. Wieso nur mied er den Kontakt?

Schließlich machten Alex und ich uns gemeinsam auf den Weg, wie jeden Tag.

„Gary hat es heute ganz schön eilig gehabt“, sprach er das Thema an, das ich bisher gekonnt gemieden hatte.

„Das liegt vermutlich an seinem Streit mit Ben.“ Ich sah mich um. Einerseits, um zu prüfen, ob der in der Nähe war, andererseits in der Hoffnung, einen Ausweg aus diesem Gespräch zu finden. „Ich habe Ben und seine neuen Freunde gestern gesehen.“

Alex wich meinem Blick aus und sah mit einer schuldbewussten Miene auf den Boden. „Ja, die habe ich auch schon gesehen.“ Er räusperte sich kurz, beschleunigte dann seine Schritte.

Ich blieb abrupt stehen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Vor der Tatsache, dass du uns schon wieder in deine Spionageaktion reinziehen wolltest?“

„Es tut mir leid“, erwiderte er und drehte sich zu mir. „Okay, hör‘ mal. Ich mag Ben und finde es nicht gut, wenn du dich ständig mit ihm anlegst. Es ist bloß eine seiner Phasen. Das wird wieder vorbeigehen, also vielleicht könntest du ihn einfach mal in Ruhe lassen, auch wenn er gerade nicht deinen Anforderungen entspricht?“

Bitte was? Ich stieß einen abschätzenden Laut aus. Sollte das sein Ernst sein? Eine seiner Phasen? Ben war schon lange dabei, sich merkwürdig zu verändern. Er war launisch und wirkte immer öfter unberechenbar. Das schob ich nicht auf eine Phase, sondern eher auf einen psychischen Knacks. Nun stand mein bester Freund vor mir und verteidigte die Tatsache, dass Ben mit einer Schlägertruppe um die Häuser zog und sogar Gary angegangen war?

Ja, es stimmte. Ich konnte Ben nicht leiden. Mit wem er seine Zeit verbrachte, war mir also eigentlich herzlich egal, solange ich ihn dafür nicht um mich haben musste. Da ich ihn aber zwangsläufig ertragen musste, weil Alex ihn mochte, konnte ich nicht wegsehen, wenn er sich verhielt, wie ein psychopathischer Schläger.

„Was interessiert es mich eigentlich?“ Ich zuckte mit den Schultern, ging an Alex vorbei und die Auffahrt zu meinem Haus hoch. „Er ist dein Freund, nicht meiner.“

Meine Geduld für Alex, seine Ermittlungen und seine Freunde hatte immer ihre Höhen und Tiefen, doch zu dieser Zeit stand es darum besonders schlecht.

Heute wird mir nachgesagt, dass ich erst einige Monate später anfing, mich zu verändern, doch ich denke, dass dieser Tag der Startschuss für meine weiteren Entscheidungen war.

An diesem Tag leitete ich eine Tradition ein. Ich beschloss, wieder zurück zur Schule und in das danebenliegende Café ‚Lukasz’s‘ zu gehen, um mich abzureagieren.

Auf dem Weg dahin kam ich am Bolzplatz vorbei und wurde davon überrascht, dass Ben dort erneut sein Unwesen trieb. Dieses Mal waren seine neuen Freunde nicht dabei. Nur einer von ihnen und ich blieb neugierig stehen.

Es war Kai McKenzie, dessen Hand in diesem Augenblick an Bens Hals schnellte und ihm die Kehle zudrückte. „Droh‘ mir nicht!“

Ich erstarrte. Am liebsten wollte ich das Atmen einstellen, um möglichst unauffällig zu wirken. Stattdessen verschwand ich in hockender Haltung hinter einem Baum, um nicht entdeckt zu werden. Mich zu verstecken, schien mir in diesem Moment irgendwie angebracht zu sein.

„Jeder hat eine Schwachstelle, McKenzie“, hörte ich Ben sagen und ich meinte, ein kleines Lachen in seiner Stimme erkennen zu können. „Verscherz‘ es dir nicht mit mir, denn wenn ich deine finde …“

Plötzlich kehrte Ruhe ein und ich hörte Schritte, die sich entfernten. Weil ich vermutete, dass die Luft rein war, kam ich hinter dem Baum hervor und wischte mir den Dreck von den Händen. Damit fertig, ging ich einen Schritt nach vorn, als ich Kai nicht nur sprichwörtlich geradewegs in die Arme lief.

Ich schreckte zurück und als mir sein wütender Gesichtsausdruck auffiel, konnte ich ihm nicht länger in die Augen sehen.

„Wie lange stehst du da schon?“ Es klang ruppig und er starrte mich herrisch an.

Wow, was stimmte nicht mit ihm? Er baute sich vor mir auf, schüchterte mich ein. Ich runzelte die Stirn wegen seines Verhaltens, als er sich ein paar Schritte von mir entfernte. Es verschlug mir die Sprache.

Kai erweckte den Eindruck, dass man ihn nicht reizen sollte, also schwieg ich lieber. Er vermied den Blickkontakt, rieb sich mit der Hand durch das Gesicht. Er wirkte gestresst und fuhr sich mit den Fingern über die Augen.

Zuerst wollte ich mich von ihm abwenden und das Weite suchen, doch dann entschied ich mich um und machte einige Schritte auf ihn zu. So schlimm konnte er schon nicht sein, oder? Außerdem siegte meine Neugier zu oft über meine Vernunft.

Kai steckte die Hände in seine Hosentaschen, ließ die Arme locker hängen und trat einen kleinen Stein weg. Er drehte mir den Rücken zu, schlenderte lässig auf und ab.

„Du musst wissen, dass ich neu hier bin und keine große Lust habe, mich für Leute einzusetzen, die ich nicht kenne.“

Er legte Rechenschaft für den vorigen Tag ab, das war mir klar. Ich wurde aber nicht aus ihm schlau. Erst redete er kein Wort, nun wollte er sich erklären? Sein Verhalten machte mich neugierig, doch gleichzeitig schüchterte mich der aggressive Ton in seiner Stimme ein.

„Du solltest dich gegenüber Ben nicht so vorlaut verhalten, wie du es gestern getan hast“, ermahnte er mich.

„Also soll ich lieber wie ein liebes, schüchternes Mädchen vor ihm weglaufen?“ Ich lachte leise.

 Noch nie hatte ich mich vor Ben zurückgenommen und ich würde mit Sicherheit nicht heute damit anfangen, weil ein Fremder mir dazu riet.

„Bist du denn nicht genau das?“ Kai musterte mich abschätzend.

War das der einzige Schluss, zu dem er gekommen war? Er kannte mich einen Tag und ging davon aus, dass ich nichts weiter war, als ein liebes Vorstadtmädchen? Vielleicht stimmte es zum Teil. Ich war ein Lieblings-Typ. Lehrer mochten mich, weil ich nicht störte und selten auffiel. Das war es auch schon. Ich war unscheinbar, stach nie heraus. Durchschnitt eben, aber glücklich.

Kai schlenderte zu mir und blieb neben mir stehen. Ich wandte meinen Blick abrupt von seinem Gesicht ab, da mir sein eiskalter Gesichtsausdruck nicht zusagte, doch dann bemerkte ich die Verletzungen an seinem Arm. Er war übersäht von Kratzern, blauen Flecken und Blutergüssen.

Mir lag die Frage schon auf der Zunge, als er es merkte und mich barsch ausbremste. „Stell‘ mir jetzt keine dummen Fragen, ja? Ich will keine Belehrungen, traurigen Blicke oder sonst was!“

Obwohl seine Worte hart klangen, lag eine Spur von Erschöpfung in seinen Augen. Als er dann auch noch die Hände aus den Taschen zog, wich ich erschrocken zurück. Mein Blick haftete an einer Wunde, die noch nicht besonders alt zu sein schien und sie befand sich direkt an seinem Handgelenk.

„Hast du das von Leuten wie Ben?“ Ich stellte die Frage mindestens genauso nervös, wie erschüttert.

„Nein.“ Ein Lachen lag in seiner Stimme.

„Aber du …“ Sein Bick brachte mich in diesem Moment zum Schweigen.

Kai war definitiv anders, als jeder Mensch, den ich bislang kennengelernt hatte. Er war verschlossen, abweisend und tatsächlich ziemlich unfreundlich. Mein Drang, Qurandis Anweisung nachzukommen, sank gegen null. Kai McKenzie wollte mit Sicherheit keine Fragen über die Schule oder das Dorf stellen und ich verspürte nicht mehr den Wunsch, auf ihn zuzugehen.

Kapitel 2 "Ben"

„Kai.“

Für einen Moment wirkte er äußerst verwundert, dann drehte er sich zu der Person um, die ihn ansprach. Auch ich kam nicht umher, dem Fremden einen überraschten Blick zuzuwerfen. Vor allem, weil er ziemlich verloren wirkte, wie er da so vor uns stand.

Gleich auf den ersten Blick wirkte er charmant, weil er mich verunsichert anlächelte. Im Vergleich zu Kai hätte aber wohl jeder in diesem Augenblick sympathisch gewirkt.

Der schien von dem Auftauchen des jungen Mannes vor uns beinahe aus der Bahn geworfen zu werden. „Ray.“

Eine merkwürdige Stimmung lag in der Luft und mitten drin war mal wieder ich. Die beiden erweckten den Eindruck, dass Redebedarf bestand, doch meine Anwesenheit störte sie ganz offensichtlich.

Der Fremde musterte mich, warf zwischendurch einen Blick zu Kai und reichte mir dann schließlich seine Hand. „Ich bin Ray Klevens, ein Freund von ihm hier.“

Er lächelte mich an und ohne besondere Absicht erwiderte ich es. Ich war tatsächlich überrascht, dass jemand, der Kai seinen Freund nannte, so nett wirkte. Was hatte es nun aber mit den beiden auf sich? Nun waren schon zwei Fremde im Dorf und über beide wusste man nichts. Es war ungewöhnlich.

„Ich nehme an, dass du sein einziger Freund bist, oder?“ Ich warf Kai einen verstohlenen Blick zu.

Seine schroffe Art konnte nicht einfach vergessen werden und ich war deswegen nicht unbedingt in bester Stimmung. Wirklich, dass er Freunde haben sollte, wunderte mich stark.

Kai starrte mich abweisend an, dann wandte er sich dem Neuankömmling zu. „Ich glaube, wir sollten uns unterhalten.“

Ray lächelte noch immer, doch dieses Mal schimmerte wieder die Unsicherheit hindurch. Ich nickte bloß und beschloss, den beiden ihren Raum zu lassen. Trotzdem hoffte ich, dass ich zu einem späteren Zeitpunkt erfahren würde, was es mit den beiden auf sich hatte.

 

Was mich daheim allerdings erwartete, verblüffte mich beinahe noch mehr, als die Anwesenheit zweier Fremder in Spellington. Meine Mutter verkündete mir stolz, ein Date zu haben.

Um zu verstehen, wieso mich diese Aussage überraschte, muss ich wohl zuerst erklären, wie meine häuslichen Umstände waren.

Es gab nur meine Mutter und mich. Wir lebten alleine in einem schönen, großen Haus mitten in Spellington. Ich wuchs ohne Vater auf. Nicht, dass es nicht einen geben würde, aber aus den Erzählungen meiner Mutter wusste ich nur, dass der uns kurz nach meiner Geburt verlassen hatte. Es gab nie ein Wort, eine Karte zu meinem Geburtstag. Einfach nichts. Zu gerne hätte ich ihn kennengelernt, aber ich wusste nicht, wo er sich befand, also gab es keine Möglichkeit für mich, ihn zu kontaktieren.

Für gewöhnlich blieb meine Mutter alleine. Sie war Anwältin und ohnehin selten zu Hause. Vermutlich fehlte da einfach die Zeit für einen Mann, immerhin konnte sie sich kaum welche für mich nehmen.

„Er heißt Michael Brown.“ Sie klang glücklich und um ehrlich zu sein, war es mir zu diesem Zeitpunkt egal. Ich muss zwar schon zugeben, dass mir ein bisschen die Vaterfigur in meinem Leben gefehlt hat, doch ich war auch nie besonders scharf darauf, sie durch einen Fremden besetzt zu wissen. Vor allem nicht mehr in meinem Alter.

„Und wann gehst du endlich?“ Ich grummelte es nur leise vor mich hin, was aber mehr meiner allgemeinen Grundstimmung an diesem Tag zuzuschreiben war.

„Gleich.“ Sie trällerte es fröhlich. „Willst du mich loswerden?“

Ich ließ mich auf den Sessel fallen und legte meine Füße auf der Rückenlehne ab. „Nur diesen Kerl.“

„Douphne, nimm die Füße runter“, ermahnte meine Mutter mich und sah auf mich herunter. „Du kennst ihn doch noch gar nicht. Gib ihm wenigstens eine Chance.“

Ich sollte wohl noch erwähnen, dass wir ständig aneinander vorbeiredeten. Unsere Beziehung war gut, wie sie war. Ich war selbstständig genug, um alleine klarzukommen. Das lernte ich in all den Jahren, in denen sie so viel arbeitete. Es gefiel mir so, denn umso mehr wir miteinander redeten, umso mehr stritten wir uns. Alleine deshalb stellte ich mir gerne vor, wer wohl mein Vater war. Meine Mutter und ich waren uns nicht wirklich ähnlich, also musste ich ihm eindeutig ähnlicher sein.

Jetzt starrte ich sie bloß verwirrt an, weil sie mich mal wieder nicht verstand. „Ich rede doch gar nicht von deinem Date.“

Was sollte ich denn auch gegen einen Mann vorbringen, den ich noch gar nicht kannte? Obwohl ich ehrlicherweise zugeben musste, dass mir nicht der Sinn danach stand, ihn kennenzulernen.

Mom zwängte sich zu mir auf den Sessel und blickte mitleidig auf mich herunter. „Dein Tag war mies, mein Schatz?“

Ich seufzte. „Alex und ich haben Streit und wir haben einen neuen Mitschüler. Ich fand ihn zuerst toll, aber jetzt habe ich gemerkt, dass er es nicht ist.“

In dem Augenblick klingelte es an der Türe. Zwei Minuten später war meine Mutter bereits verschwunden und ließ mich mit meinem Frust alleine zurück.

 

Als meine Mutter am Abend heimkam, brachte sie ihr Date mit. Für jemanden, der den Abend also eigentlich in Ruhe auf der Couch mit der Lieblingsserie genießen wollte, entwickelte es sich nicht unbedingt toll. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich sogar, sie würde mich dort einfach sitzenlassen, aber kaum fiel die Türe hinter ihnen ins Schloss, ermahnte sie mich bereits, aufzustehen.

So kam es dann, dass ich nur wenig später mit meiner Mutter und Michael Brown an einem Tisch saß und Tee trank. Alles in allem konnte man schon sagen, dass die Situation angespannt wirkte. Wer will denn bitte am Date der eigenen Mutter teilhaben? Sie hätte mir den Mann auch erst Wochen später vorstellen können, oder nicht?

Richtig unangenehm wurde es allerdings erst, als der neue Göttergatte beschloss, mich auszufragen. Keine sinnvollen Fragen, geschweige denn originelle. Er arbeitete offenbar ein Handbuch ab. Vielleicht gab es ja eines, was einem näherbrachte, wie man Töchter des Dates für sich einnehmen konnte. Eine gruselige Vorstellung, oder? Naja, ungefähr so gruselig wie dieser Moment.

Der arme Michael stellte tapfer jede Frage, die ihm einfiel und ich antworte brav, äußerst bemüht, nicht unfreundlich zu erscheinen. Sicherlich wollte ich nicht dazu beitragen, den ersten Mann seit Ewigkeiten gleich wieder zu vergraulen. Welche Strafe es wohl dafür geben würde? Hausarrest mit Sicherheit nicht. Und überhaupt, wer sollte schon kontrollieren, ob ich überhaupt zu Hause bleiben würde? Mom war ja nie da.

Ich lächelte still in mich hinein, während Michael mich ebenfalls anlächelte. Ein wenig gezwungen, das muss ich schon zugeben. Ihm schien die Situation fast noch unangenehmer zu sein, als mir. Dass das überhaupt noch möglich sein konnte.

Regen prasselte gegen das Fenster. Es fiel mir nur auf, weil endlich mal Stille herrschte. Michael schienen die Fragen ausgegangen zu sein. Endlich. Ihm und mir schien die Anspannung aufzufallen, aber meine Mutter bemerkte es nicht. Merkwürdigerweise schien es Michael nicht sonderlich zu stören, dass geschwiegen wurde. Vermutlich musste es ein komischer Abend für ihn sein und er wollte wohl einfach nur noch weg. Dieses Gefühl teilte ich mit ihm. Wirklich.

Als es plötzlich an der Türe schellte, riss es uns alle aus unseren Gedanken und ich schrak auf. Wer wollte wohl noch so spät am Abend was von uns? Vermutlich war es Alex, der wieder mit irgendwelchen Hirngespinsten um die Ecke kommen wollte. Auch danach stand mir nicht der Sinn, aber alles, wirklich alles, war besser, als noch eine Minute länger Teil des Dates meiner Mutter zu sein.

Unglaublich, dass ich da hineingeraten war. Ich schüttelte genervt den Kopf, als ich auf die Türe zusteuerte. Sogar Kai wäre mir in diesem Augenblick ein willkommener Besucher gewesen. Ja, wirklich jeder war nun willkommen. Hauptsache, ich konnte dem peinlichsten Moment meines Lebens entfliehen.

Ganz offenbar waren Dates nicht ganz die Sache meiner Mutter und in Zukunft sollte sie es wohl lieber wieder lassen, denn Michael Brown würde ich nach diesem Abend bestimmt nie wiedersehen.

Kaum öffnete ich die Haustüre, war ich mir aber plötzlich nicht mehr sicher, ob mir tatsächlich alles gelegen kam, um verschwinden zu können. Vor mir stand ein Freund von Ben. Einer dieser großen Typen, der dieses Unheilvolle ausstrahlte.

In diesem Moment tat er das nicht. Er war aus der Puste, wirkte gestresst. Noch dazu klatschnass, denn das Wetter passte sich offenbar der Stimmung im Haus an.

„Ben und Alex sind auf dem Schulhof“, informierte er mich schließlich. „Irgendwas stimmt nicht. Es läuft aus dem Ruder. Sie streiten und Alex will sich nicht beruhigen. Du bist doch seine Freundin, oder? Kannst du mitkommen und versuchen, das zu beenden?“

„Mom!“, rief ich knapp. „Alex braucht mich!“

Ich bekam nicht mal eine Antwort, aber sie war es nicht anders gewohnt, dass ich für meinen besten Freund alles stehenließ. Vielleicht war ihr Date außerdem ohne meine Anwesenheit noch irgendwie zu retten.

Ich schlüpfte bloß in meine Sneakers und folgte Bens Freund reichlich genervt durch den strömenden Regen, bis hin zum Zaun des Schulgebäudes. Obwohl es ein lauwarmer Regen war, bereute ich nach nur wenigen Minuten, dass ich keine Jacke trug. Alex sollte sich schleunigst beruhigen, sonst würde ich meine Laune deswegen an ihm auslassen. Darauf konnte er sich verlassen.

Was zum Teufel war los? Noch am Vormittag hatte er Ben vor mir verteidigt und nun musste ich bei dem miesesten Wetter des Jahrhunderts und ohnehin schon genervt zu einem Streit herbeieilen, den man auch gut und gerne am Tag hätte führen können. Die Sonne war bereits untergangen und obwohl Spellington der wohl sicherste Ort auf Erden war, fühlte ich mich nicht wohl dabei, mit einem Fremden durch die Straßen zu laufen.

„Worüber streiten die Idioten sich denn?“ Ich seufzte, als man mir das Schultor öffnete und mich vorbeitreten ließ.

Ich bekam keine Antwort, stattdessen passte sich Bens Freund meiner Geschwindigkeit an und lief langsam neben mir her. Wir waren nun auf dem Hof und ich lauschte der Stille. War es nicht ein bisschen zu still? Ich selbst stritt oft mit Alex, aber weder er, noch ich, waren dabei jemals so leise, dass man uns auf einem leeren Schulhof nicht hätte hören können.

Mein plötzlich gewecktes Misstrauen ließ mich noch langsamer werden und dann spürte ich den groben Stoß, der mir verpasst wurde. Es kam so kräftig, dass ich vornüber stolperte und fiel. Ich landete unsanft auf den Knien und mir schoss der Schmerz durch die Beine, als ich sie mir auf dem rauen Asphalt aufschlug.

Im nächsten Moment wurde mir klar, dass Alex nicht da war. Ben kam in mein Sichtfeld und ich begriff, dass es bei dieser Sache nicht um meinen besten Freund ging, sondern um mich.

Beinahe hätte ich schmunzeln müssen. Wieso sollte er auch ausgerechnet Alex die Stirn bieten? Dem einen Menschen, der immer zu ihm hielt? Da passte ich doch viel besser ins Bild. Die Frau, die nie ein gutes Wort an ihm ließ, ihn immer wieder provozierte und vor den Leuten vorführte.

Rückblickend hätte ich meine Abneigung wohl lieber für mich behalten sollen, denn offenbar war Ben wütend. Die Frage war nur, was wollte er jetzt von mir?

Verwundert sah ich zu ihm, als er sich mit einem Grinsen vor mich hockte. Ihm schien es zu gefallen, dass ich im Dreck kniete. Die aufgeschlagenen Knie blutig. Von Kopf bis Fuß durchnässt.

„Was willst du von mir?“ Ich gab mir Mühe, kühl und gelassen zu wirken.

Hatte nicht sogar Kai mich erst vor wenigen Stunden davor gewarnt, nicht zu vorlaut gegenüber Ben zu sein? War ich vielleicht wirklich zu forsch und zu unfreundlich? Wollte Ben sich nun rächen? Aber wie? Was würde er tun?

„Mir war klar, dass wir dich mit Alex herlocken können“, bemerkte Ben ebenso kühl.

„Wer hätte das nicht gewusst?“ Ich schüttelte lachend den Kopf. Nein, ich konnte wirklich nicht anders. Ich nahm Ben nicht für voll, konnte und wollte ihn in keiner Weise respektieren. „Er ist mein bester Freund.“

„Richtig.“ Ben nickte und erhob sich wieder. „Die Freundschaft, die in deinen Augen ewig bestehen wird. Aber um ihn geht es hier nicht. Das hier ist eine Sache zwischen dir und mir, nicht wahr? Darauf hast du es doch schon lange angelegt, oder?“

Ich seufzte, allerdings eher innerlich. Niemals wäre ich davon ausgegangen, mal so zu enden. Ben war nie auf meine bissigen Kommentare eingegangen. Er zeigte niemals Wut, wenn ich ihn vorführte. Nun wurde mir klar, dass er es sich aufgespart hatte. Wohl für einen Moment, wie diesen.

„Und was?“ Ich rappelte mich auf und starrte ihm geradewegs in die Augen. „Was willst du jetzt von mir, Benjamin? Dir passt es nicht, wie ich mit dir rede? Seit Ewigkeiten lässt du es zu, aber ausgerechnet heute fühlst du dich stark und willst mir Konter geben? Bestärkt von den Gorillas, die du Freunde nennst? Brauchst du die, um dich stark zu fühlen?“

Es war nicht zu leugnen, dass ich in der Klemme steckte, doch was wollte er mir schon antun? Vermutlich wollte er sich vor seinen neuen Freunden aufspielen, den harten Kerl mimen. Von mir aus sollte er das tun. Was konnte schon groß dabei herumkommen?

Ich lachte leise, immerhin konnte ich ihn noch nie wirklich ernstnehmen. Als Ben dann aber einem seiner Freunde zunickte und etwas auffing, verging mir mein Humor. Ich hörte das Klicken, noch bevor ich realisieren konnte, dass er mir eine Waffe vor die Nase hielt.

Eine echte Waffe. Ich starrte in die Mündung einer Handwaffe und ganz plötzlich ging mir der Arsch gehörig auf Grundeis, verzeih‘ die Ausdrucksweise.

„Ben …“ Ich sprach ihn zögernd an, obwohl mir die Worte beinahe im Hals steckenblieben. „Was soll das?“

Die Angst schoss mir in die Knochen. War das sein Ernst? Ich ging in Gedanken durch, was ich jemals zu ihm gesagt haben könnte, was das rechtfertigen würde.

Mir fiel nichts ein. Welchen Grund lieferte ich ihm, mir eine geladene Pistole an den Kopf zu halten? Es gab keinen. Wirklich keinen. Das ließ nur einen Schluss zu. Die Vermutung, die ich schon so lange hegte. Ben war unausstehlich, keine Frage. Aber etwas veränderte sich zunehmend. Es war der Ausdruck in seinen Augen. Mal für Mal, wenn wir uns sahen, wurde es schlimmer und an diesem Abend machte es mir das erste Mal wirklich Angst.

Verrücktheit. Ja, das war es, was ich erkannte. Er wirkte überhaupt nicht mehr zurechnungsfähig. Benjamin Grolf hielt mir eine Waffe an den Kopf und lächelte. Seine Augen funkelten, als würde er sich über etwas freuen. Er empfand Freude, weil er mich verängstigte. Das war nicht normal. Ben war nicht normal. Er war krank. Das wurde mir nun deutlich bewusst.

Wie sollte ich nur aus der Sache herauskommen? Was sollte ich tun? Wie sollte ich Ben dazu bringen, die Waffe zu senken?

„Ben!“

Kai McKenzie schob sich zwischen uns, genau in die Schusslinie. Wo kam er her? War er schon die ganze Zeit über dagewesen? Was passierte nur? Wieso war er da?

Ben senkte die Waffe und Erleichterung machte sich in mir breit. Egal, wo Kai herkam oder wann er aufgetaucht war. Ich war nur froh, nicht mehr in diese Mündung starren zu müssen.

„Wolltest es also doch nicht verpassen?“ Ben winkte ihn mit einer laschen Handbewegung aus dem Weg.

Mir riss seine Aussage beinahe den Boden unter den Füßen weg. Wie bitte? Meine Augen weiteten sich vor Entsetzen und ich starrte Kai ungläubig an. Er wusste davon? Er war da, weil er wusste, was Ben tat?

Zu diesem Zeitpunkt hielt ich nichts mehr von ihm. Ich hasste ihn regelrecht. Er hatte gewusst, dass Ben mich in eine Falle locken wollte und trotzdem hatte er keinen Ton darüber verloren. Was für ein Mensch tat so etwas? Wie konnte man so etwas verheimlichen?

Kai stellte sich neben Ben und sah mich an, bis sich unsere Blicke trafen. In seinen Augen konnte ich Wut erkennen, doch das war nichts Neues. Kai machte den Anschein, von Natur aus ein wütender Mensch zu sein. Aber was interessierte es mich? Er war kein guter Mensch und auch alles andere kümmerte mich in diesem Augenblick nicht, als Ben erneut die Waffe auf mich richtete.