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JOHN HART

REDEMPTION ROAD

Straße der Vergeltung

Thriller

Deutsch von Rainer Schmidt

C. Bertelsmann

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Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »Redemption Road« bei Thomas Dunne Books, an imprint of St. Martin’s Press, New York.


1. Auflage

Copyright © 2016 by John Hart

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017

beim C. Bertelsmann Verlag,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlag: www.buerosued.de, München

Umschlagmotive: Getty Images / Fran García / EyeEm und
Kurt Miller Photography

Herstellung: hag

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-19424-6
V001

www.cbertelsmann.de

Für Norde, Matthew und Mickey.
Gute Männer, nicht mehr da …

It’s a cold and it’s a broken halleluja.

LEONARD COHEN

GESTERN

Die Frau war eine seltene Schönheit insofern, als sie nichts von ihrer Vollkommenheit wusste. Er hatte sie lange genug beobachtet, um das zu ahnen, aber erst als er sie kennenlernte, hatte sich erwiesen, dass er instinktiv richtiglag. Sie war bescheiden und schüchtern und leicht zu beeinflussen. Vielleicht war sie unsicher oder nicht besonders intelligent. Vielleicht war sie auch einsam oder nicht sicher, wo in dieser schwierigen Welt ihr Platz war.

Im Grunde war es egal.

Ihr Aussehen stimmte, und das lag an den Augen.

Sie leuchteten, als sie auf dem Gehweg herankam, in ihrem Sommerkleid, das locker um ihre Knie schwang, aber nicht unschicklich aussah. Ihm gefiel, wie das Kleid wehte und wie hübsch sie Arme und Beine bewegte. Sie war hellhäutig und still. Das Haar hätte ihm anders ein bisschen besser gefallen, aber es war okay.

Eigentlich ging es um die Augen.

Sie mussten klar und tief und arglos sein, deshalb musterte er sie eingehend, um sich zu vergewissern, dass sich in den paar Tagen, seitdem sie sich verabredet hatten, alles unverändert war. Sie schaute sich zaghaft um, und aus der Ferne spürte er die Unzufriedenheit, die aus schlechten Männerbeziehungen und einem sinnlosen Job resultierte. Sie hatte sich mehr vom Leben erhofft. Er begriff das wie wohl die wenigsten Männer.

»Hallo, Ramona.«

Sie scheute merklich zurück, als sie einander jetzt so nah waren. Ihre Wimpern berührten dunkel den geschwungenen Wangenknochen, und sie legte den Kopf schräg, sodass er ihren makellosen Kiefer aus dem Auge verlor.

»Ich bin froh, dass wir uns dazu entschlossen haben«, sagte er. »Ich glaube, es wird ein sinnvoll verwendeter Nachmittag werden.«

»Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben.« Sie errötete, den Blick immer noch gesenkt. »Ich weiß, Sie sind sehr beschäftigt.«

»Die Zukunft ist für uns alle wichtig, das Leben und wie man es lebt, der Beruf, die Familie, die persönliche Zufriedenheit. Da kommt es darauf an, alles zu planen und zu durchdenken. Und das muss niemand allein tun, nicht in einer Stadt wie dieser. Wir kennen einander hier. Wir helfen einander. Das werden Sie verstehen, wenn Sie länger hier sind. Die Menschen sind nett. Nicht nur ich.«

Sie nickte, aber er wusste, was sie tief im Innern empfand. Sie waren einander wie zufällig begegnet, und sie fragte sich, warum sie so schnell Zutrauen gefasst hatte, vor allem zu einem Fremden. Aber das war sein Talent – sein Gesicht und seine sanfte Art und wie sie ihm vertrauten. Manche Frauen brauchten das: Geduld, eine Schulter zum Anlehnen. Wenn sie erst begriffen hatten, dass er keine romantischen Interessen verfolgte, war es einfach. Er war verlässlich und freundlich. Sie hielten ihn für einen Mann von Welt.

»Dann sind Sie bereit?« Er öffnete die Wagentür, und einen Moment lang sah sie beunruhigt aus. Ihr Blick wanderte über Brandlöcher und rissiges Vinyl. »Der ist geliehen«, sagte er. »Ich bitte um Entschuldigung, aber mein normales Auto ist in der Werkstatt.«

Sie nagte an der Unterlippe, und der Muskel der einen glatten Wade spannte sich. Das Armaturenbrett war fleckig, der Bodenbelag verschlissen.

Sie brauchte noch einen Schubs.

»Wir wollten das eigentlich morgen tun, erinnern Sie sich? Am Spätnachmittag? Kaffee und ein bisschen plaudern?« Beim Lächeln bildeten sich Fältchen in seinem Gesicht. »Wenn der Plan nicht geändert worden wäre, hätte ich den anderen Wagen. Aber Sie wollten einen anderen Tag vereinbaren. Sozusagen in letzter Minute, und wir tun es doch eigentlich für Sie …«

Er ließ seine Worte in der Schwebe, damit sie sich daran erinnerte, dass sie dieses Treffen vorgeschlagen hatte, nicht umgekehrt. Sie nickte abschließend, weil es stimmte und weil sie nicht wirken wollte wie jemand, der sich für etwas so Bedeutungsloses wie ein Auto interessierte – nicht, wenn sie zu pleite war, um sich selbst eins zu kaufen. »Meine Mutter kommt morgen früh aus Tennessee.« Sie warf einen Blick zurück auf das Apartmenthaus, und neue Falten zeigten sich an ihren Mundwinkeln. »Damit habe ich nicht gerechnet.«

»Ja.«

»Und sie ist meine Mom.«

»Das haben Sie mir erzählt. Ich weiß.« Ein frustrierter Unterton schlich sich in seine Stimme, eine leise Ungeduld. Er lächelte, um seiner Reaktion die Schärfe zu nehmen, aber er hatte nicht die geringste Lust darauf, sich an die Hinterwäldlerwurzeln erinnern zu lassen, die dieses Mädchen mit irgendeinem Hinterwäldlerkaff verbanden. »Der Wagen gehört meinem Neffen«, erklärte er. »Er ist auf dem College.«

»Das erklärt es.«

Sie meinte den Geruch und den Schmutz, doch sie lachte jetzt, und so lachte er auch. »Die jungen Leute«, sagte er.

»Ja, genau.«

Er verbeugte sich spielerisch und sagte etwas von einer Kutsche. Sie lachte, aber er achtete nicht mehr darauf.

Sie saß schon im Wagen.

»Ich mag Sonntage.« Sie richtete sich auf, als er sich hinter das Steuer schob. »Die Stille, die Ruhe. Keine Erwartungen.« Sie strich sich das Kleid glatt und zeigte ihm die Augen. »Lieben Sie den Sonntag nicht?«

»Doch, natürlich«, sagte er, obwohl es ihm völlig egal war. »Haben Sie Ihrer Mutter erzählt, dass wir uns treffen?«

»Natürlich nicht«, sagte das Mädchen. »Das gäbe eine Million Fragen. Sie würde sagen, ich sei aufmerksamkeitsbedürftig oder verantwortungslos und ich hätte besser sie anrufen sollen.«

»Vielleicht unterschätzen Sie sie.«

»Nicht meine Mutter. Nein.«

Er nickte, als verstehe er ihre Vereinsamung. Die Mutter erdrückend, der Vater distanziert oder tot. Er drehte den Zündschlüssel, und es gefiel ihm, wie sie dasaß – mit geradem Rücken, die Hände sittsam im Schoß gefaltet. »Die Menschen, die uns lieben, neigen dazu, zu sehen, was sie sehen wollen, nicht das, was wir wirklich sind. Ihre Mutter sollte genauer hinschauen. Ich glaube, sie wäre angenehm überrascht.«

Diese Bemerkung machte sie glücklich.

Er fuhr los und redete genug, um dafür zu sorgen, dass sie es blieb. »Was ist mit Ihren Freunden?«, fragte er. »Arbeitskollegen? Wissen die Bescheid?«

»Sie wissen nur, dass ich mich heute mit jemandem treffe und dass es privat ist.« Sie lächelte und zeigte ihm die warmen, tiefgründigen Augen, die ihn überhaupt erst angezogen hatten. »Sie sind sehr neugierig.«

»Das glaube ich«, sagte er, und sie lächelte zum zweiten Mal.

Sie brauchte ein Dutzend Minuten, bis sie die erste sinnvolle Frage stellte. »Moment mal. Ich dachte, wir wollten Kaffee trinken.«

»Vorher fahre ich mit Ihnen woandershin.«

»Was meinen Sie damit?«

»Es ist eine Überraschung.«

Sie reckte den Hals, als die Stadt hinter ihnen versank. Felder und Wälder erstreckten sich in alle Himmelsrichtungen. Anscheinend bekam die leere Straße eine neue Bedeutung. Sie hob die Finger und berührte ihren Hals, ihre Wange. »Meine Freunde erwarten mich.«

»Ich dachte, Sie hätten ihnen nichts erzählt?«

»Habe ich das gesagt?«

Er sah sie an, ohne zu antworten. Der Himmel draußen war violett, und die Sonne leuchtete orangegelb zwischen den Bäumen auf. Der Stadtrand lag weit hinter ihnen, und eine verlassene Kirche stand still auf einer Anhöhe in der Ferne. Der Turm war eingestürzt, als habe er das Gewicht des dunkler werdenden Himmels nicht mehr tragen können. »Ich liebe Kirchenruinen«, sagte er.

»Was?«

»Sehen Sie sie nicht?«

Er streckte den Zeigefinger aus, und sie starrte das uralte Gemäuer an, das verbogene Kreuz. »Ich verstehe nicht.«

Sie war beunruhigt, bemühte sich aber, so zu tun, als wäre alles normal. Er beobachtete die Schwarzdrosseln, die sich auf der Ruine niederließen. Kurze Zeit später bat sie ihn, sie nach Hause zu bringen.

»Ich fühle mich nicht wohl.«

»Wir sind fast da.«

Jetzt hatte sie Angst, das merkte er – Angst vor seinen Worten und der Kirche und dem seltsamen flachen Pfeifen, das zischend zwischen seinen Lippen hervorkam.

»Sie haben sehr ausdrucksvolle Augen«, sagte er. »Hat Ihnen das schon mal jemand gesagt?«

»Ich glaube, mir wird schlecht.«

»Das wird es schon nicht.«

Er bog auf einen Kiesweg ab, und die Welt bestand aus Bäumen und Dämmerung und der Hitze ihrer Haut. Als sie an einem offenen Gatter in einem rostigen Zaun vorbeikamen, fing sie an zu weinen, erst leise, dann lauter.

»Sie brauchen keine Angst zu haben«, sagte er.

»Warum tun Sie das?«

»Was tue ich denn?«

Sie weinte heftiger, rührte sich jedoch nicht. Der Wagen rollte zwischen den Bäumen hervor auf eine Lichtung, die unter Unkraut, alten Maschinen und rostigem Metall erstickte. Ein leerer Silo ragte rund und streifig in die Höhe. Der obere Rand war vom Licht der sinkenden Sonne rosarot gefärbt. Unten klaffte eine kleine Tür, und dahinter war es schwarz und still.

Sie starrte an dem Silo hinauf, und als sie den Blick wieder senkte, sah sie Handschellen in seiner Hand.

»Legen Sie die an.«

Er warf ihr die Handschellen in den Schoß. Darunter breitete sich ein warmer, nasser Fleck aus. Er sah zu, wie sie verzweifelt aus dem Fenster starrte und nach Menschen oder Sonnenlicht oder einem Grund zur Hoffnung Ausschau hielt.

»Tun Sie so, als ob es in Wirklichkeit nicht passierte.«

Sie legte sich die Handschellen an. Der Stahl klingelte wie kleine Glöckchen. »Warum tun Sie das?«

Diese Frage hatte sie schon einmal gestellt, aber das konnte er ihr nicht verdenken. Er stellte den Motor ab und lauschte seinem Ticken in der Stille. Es war heiß auf der Lichtung. Im Wagen roch es nach Urin, doch das störte ihn nicht. »Wir wollten es morgen tun.« Er hielt ihr einen Elektroschocker an die Rippen und sah, wie sie zuckte, als er abdrückte. »Bis dahin brauche ich Sie nicht.«

EINS

Gideon Strange öffnete die Augen. Es war dunkel und heiß, und er hörte seinen Vater weinen. Er blieb ganz still liegen, auch wenn das Schluchzen weder neu noch unerwartet war. Sein Vater landete am Ende oft dort in der Ecke – zusammengekauert, als wäre das Zimmer seines Sohnes der letzte heile Ort auf der Welt –, und Gideon dachte daran, einmal zu fragen, warum sein Vater nach all den Jahren immer noch so jämmerlich und schwach und gebrochen war. Es wäre eine einfache Frage, und wenn sein Vater noch so etwas wie ein Mann wäre, würde er sie wahrscheinlich beantworten. Aber Gideon wusste, was sein Vater sagen würde, deshalb ließ er den Kopf auf dem Kissen und beobachtete die dunkle Ecke, bis sein Vater sich aufrappelte und durch das Zimmer herankam. Eine ganze Weile stand er schweigend da und schaute herunter. Dann berührte er Gideons Haar und versuchte sich Kraft einzuflüstern: Bitte, Gott, bitte. Dann bat er seine seit Langem tote Frau Julia um Kraft, und aus dem Bitte, Gott wurde Hilf mir, Julia.

Gideon fand das alles erbärmlich – die Hilflosigkeit, die Tränen, die zitternden, schmutzigen Finger. Bewegungslos liegen zu bleiben war das Schwierigste, nicht weil seine Mutter tot war und deshalb nicht antwortete, sondern weil er wusste, wenn er sich auch nur ein bisschen bewegte, würde sein Vater vielleicht fragen, ob er wach sei, traurig oder genauso ratlos. Dann würde Gideon die Wahrheit sagen müssen: Das alles sei er nicht. Aber er sei innerlich einsamer, als ein Junge seines Alters es sein sollte. Sein Vater schwieg jedoch. Er fuhr seinem Sohn mit den Fingern durchs Haar und stand vollkommen still da, als könnte die Kraft, die er suchte – was immer es sein mochte –, ihn auf magische Weise finden. Gideon wusste, dass dies niemals geschehen würde. Er kannte Bilder von seinem Vater und hatte ein paar nebelhafte Erinnerungen an einen Mann, der lachte und lächelte und nicht so gut wie jede Stunde jedes Tages mit Trinken verbrachte. Jahrelang hatte er geglaubt, dieser Mann könnte immer noch zurückkehren. Aber Gideons Vater trug seine Tage wie einen verschlissenen Anzug. Er war ein leerer Mann, dessen einzige Leidenschaft aus den Gedanken an seine vor Langem verstorbene Ehefrau erwuchs. Dann erschien er halbwegs lebendig, doch was nutzte ein gelegentliches Aufflackern?

Der Mann berührte das Haar seines Sohnes ein letztes Mal, ging dann quer durch das Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Gideon wartete noch eine Minute, bevor er sich aus dem Bett rollte – vollständig angezogen. Er lebte von Kaffee und Adrenalin, und es fiel ihm schwer, sich zu erinnern, wann er das letzte Mal geschlafen oder geträumt oder an etwas anderes gedacht hatte als an die Frage, wie man einen Mann umbrachte.

Er schluckte angestrengt und öffnete die Tür einen Spaltbreit. Nur mit Mühe konnte er darüber hinwegsehen, dass seine Arme dünn und weiß waren und sein Herz so schnell klopfte wie das eines Kaninchens. Mit vierzehn, sagte er sich, war man Manns genug. Älter brauchte er nicht zu sein, um den Abzug zu drücken. Gott wollte schließlich, dass Jungen zu Männern wurden, und Gideon würde nur tun, was sein Vater täte, wenn er Manns genug wäre. Das bedeutete, dass auch Töten und Sterben zu Gottes Plan gehörten. Das sagte Gideon sich in der Dunkelheit seines Kopfes und gab sich große Mühe, den Teil seiner selbst zu überzeugen, der zitterte und schwitzte und sich übergeben wollte.

Dreizehn Jahre waren vergangen, seit seine Mutter ermordet worden war, und noch einmal drei Wochen, bis Gideon den kleinen schwarzen Revolver seines Vaters gefunden hatte, und zehn Tage, bis er herausgefunden hatte, dass der Nachtzug um zwei ihn zu dem grauen, quadratischen Gefängnis am anderen Ende des County bringen würde. Gideon kannte Kids, die auf fahrende Züge aufgesprungen waren. Es kam entscheidend darauf an, sagten sie, schnell zu laufen und nicht daran zu denken, wie scharfkantig und schwer diese großen glänzenden Räder tatsächlich waren. Aber Gideon befürchtete, er würde fehlspringen und unter den Zug geraten. Jede Nacht hatte er Albträume deshalb – aufblitzendes Hell und Dunkel und dann ein Schmerz, der so echt war, dass ihm beim Aufwachen die Knochen in den Beinen wehtaten. Es war ein furchtbares Bild, selbst wenn er wach war. Er kämpfte es nieder und öffnete die Tür gerade so weit, dass er seinen Vater sehen konnte, der zusammengesunken in einem alten braunen Sessel saß, ein Kissen an die Brust gedrückt, und den kaputten Fernseher anstarrte, in dem Gideon die Waffe versteckt hatte, nachdem er sie zwei Abende vorher aus der Kommodenschublade seines Vaters geklaut hatte. Jetzt wurde ihm klar, dass er sie in seinem Zimmer hätte aufbewahren sollen, aber er hatte gedacht, es gäbe kein besseres Versteck als die ausgetrockneten Eingeweide eines Fernsehgeräts, das nicht mehr funktionierte, seit Gideon fünf war.

Wie sollte er den Revolver da herausholen, wenn sein Vater direkt davorsaß?

Gideon hätte es anders machen sollen, nur liefen seine Gedanken manchmal schief. Er wollte nicht schwierig sein. Es ergab sich einfach so, und selbst die freundlichen Lehrer schlugen ihm vor, sich mehr mit Holz- und Metallwerkunterricht als mit den hochtrabenden Wörtern in den dicken, schweren Büchern zu befassen. Als er jetzt im Dunkeln stand, dachte er, dass die Lehrer vielleicht doch recht hatten, denn ohne den Revolver konnte er weder schießen noch sich schützen, noch Gott zeigen, dass er den Willen hatte, zu tun, was nötig war.

Nach einer Minute schloss er die Tür und dachte: der Zwei-Uhr-Zug

Aber die Uhr stand bereits auf 1:21.

Dann auf 1:30.

Er spähte wieder durch den Türspalt und sah zu, wie die Flasche sich hob und senkte, bis sein Vater zusammensackte und die Flasche ihm aus den Fingern rutschte. Gideon wartete noch fünf Minuten und schlich sich dann ins Wohnzimmer. Er stieg über Motorenteile und andere Flaschen hinweg und stolperte einmal, als ein Auto vorbeirumpelte und Licht durch einen Spalt zwischen den Vorhängen hereinfluten ließ. Als es wieder dunkel war, kniete er sich hinter den Fernseher, nahm die Rückwand ab und holte den Revolver heraus, der schwarz und glatt war und schwerer, als er ihn in Erinnerung hatte. Er klappte die Trommel heraus und sah nach den Patronen.

»Junge?«

Es war die klägliche Stimme, der klägliche Mann. Gideon richtete sich auf und sah, dass sein Vater wach war – ein Loch, geformt wie ein Mann, im fleckigen Polster. Er wirkte unsicher und verängstigt, und einen Moment lang wollte Gideon sich wieder unter die Decke verkriechen. Er konnte immer noch alles abblasen und so tun, als wäre nichts davon passiert. Es wäre schön, dachte er, niemanden umzubringen. Aber er sah den Blumenkranz in den Händen seines Vaters. Die Blumen waren jetzt welk und trocken, doch an ihrem Hochzeitstag hatte seine Mutter sie wie eine Krone auf ihrem Haar getragen. Er schaute sie an, schon wieder – Schleierkraut und weiße Rosen, fahl und spröde –, und dann stellte er sich vor, wie das Zimmer aussähe, wenn ein Fremder von oben hineinschaute: der Mann mit den verwelkten Blumen, der Junge mit dem Revolver. Gideon hätte gern die Macht dieses Bildes erklärt, damit der Vater verstand, dass der Junge tun musste, was der Vater nicht tat. Stattdessen drehte er sich um und lief hinaus. Er hörte, wie er noch einmal gerufen wurde, aber da war er schon aus der Tür und wäre fast gestürzt, als er von der Veranda sprang und weiterrannte, mit dem Revolver in der Hand, der sich jetzt warm anfühlte, während die harte Landung auf dem Zement des Gehwegs durch seine Schienbeine vibrierte, und weiter, einen halben Block weit und dann geduckt durch den Garten eines alten Mannes in den dichten Wald hinein, der sich am Bach entlang ostwärts erstreckte, und einen großen Hügel hinauf, wo Maschendrahtzäune an ihren Pfosten hingen und Fabriken vom Rost verschlossen waren.

Er fiel gegen den Zaun, und sein Vater, weit hinter ihm, rief immer wieder seinen Namen, so laut, dass seine Stimme brach und krächzte und schließlich ganz versagte. Eine Sekunde lang zögerte Gideon, aber als im Westen eine Lokomotive pfiff, schob er den Revolver unter dem Zaun hindurch und kletterte oben darüber hinweg, riss sich die Haut auf und schlug sich beide Knie an, als er ungeschickt auf dem überwucherten Parkplatz auf der anderen Seite landete.

Der Zug pfiff lauter.

Er brauchte es nicht zu tun.

Niemand musste sterben.

Doch was da redete, war die Angst. Seine Mutter war tot, und ihr Mörder musste bezahlen. Also nahm er Kurs auf die Lücke zwischen der ausgebrannten Möbelfabrik und dem Betrieb, in dem sie Garn hergestellt hatten, bei dem aber jetzt eine ganze Seitenwand eingestürzt war. Zwischen den Gebäuden war es dunkler, aber trotz der losen Ziegel unter seinen Füßen schaffte Gideon es, ohne zu fallen, zu einem Loch im Zaun neben der großen Weißeiche in der hinteren Ecke. Er hatte Licht von einer Straßenlaterne und von ein paar tief stehenden Sternen, doch das verschwand, als er bäuchlings unter dem Drahtzaun hindurchrobbte und auf der anderen Seite in einen Wassergraben fiel. Er rutschte auf der trockenen, lockeren Erde der Böschung hinunter und musste aufpassen, dass er die Waffe in der schwarzen Dunkelheit nicht verlor. Er platschte durch ein Wasserrinnsal und kletterte auf der anderen Seite hinauf. Atemlos stand er in einer Schneise im Gestrüpp vor den stählernen Gleisen, die sich weiß von der Erde abhoben.

Er krümmte sich mit Seitenstichen vornüber, aber der Zug kam schon um die Biegung und schoss sein Licht am Berg hinauf.

Er müsste abbremsen, dachte er.

Doch das tat er nicht.

Gideon stürmte bergauf, als wäre der Berg nichts. Drei Lokomotiven und eine Wand aus Stahl, so rauschte der Zug vorbei, als könnte er einem die Luft aus der Lunge reißen. Mit jeder Sekunde kamen weitere Wagen den Berg hinauf, und Gideon konnte sie im Dunkeln ahnen, fünfzig Waggons und dann noch einmal hundert, die mit ihrem Gewicht an den Lokomotiven zogen, bis ihm klar wurde, der Zug war jetzt so langsam geworden, dass er fast mitlaufen konnte. Und das versuchte er – er rannte schnell, während die Räder gelbe Funken sprühten und ein Vakuum aufbauten, das an den Knochen seiner Beine saugte. Er sprang einen Waggon an, dann noch einen, aber die Sprossen waren hoch und glatt.

Er riskierte einen Blick zurück und sah, dass die letzten Wagen hinter ihm heranrasten, noch zwanzig vielleicht, dann weniger. Wenn er den Zug verpasste, würde er das Gefängnis nicht erreichen. Seine Finger streckten sich, er stürzte und schürfte sich das Gesicht auf, rannte weiter und bekam eine Sprosse zu fassen. Ein qualvoller Schmerz durchzuckte seine Schulter, und seine Füße prallten auf die Holzschwellen, bevor der Waggon ihn schließlich umgab wie eine schützende Schale.

Er hatte es geschafft. Er war in dem Zug zu einem Mann unterwegs, den er töten würde, und diese Tatsache lastete schwer in der Dunkelheit. Jetzt war es kein Gerede mehr, kein Warten und kein Planen.

Die Sonne würde in vier Stunden aufgehen.

Die Kugeln würden echte Kugeln sein.

Na und?

Er saß entschlossen in der schwarzen Finsternis. Das Land hob und senkte sich, und die Häuser zwischen den Hügeln sahen aus wie Sterne. Er dachte an schlaflose Nächte und Hunger, und als der Fluss unter ihm glitzerte, hielt er Ausschau nach dem Gefängnis. Er sah ein helles Licht, meilenweit draußen im Tal. Es kam rasend schnell näher, und so lehnte er sich hinaus, als das Gelände am flachsten und am wenigsten steinig aussah. Er wartete auf die Kraft zum Absprung, aber er war immer noch im Zug, als nackte Erde vorbeiflog und das Gefängnis wie ein Schiff in der Dunkelheit versank. Er würde es verpassen. Also dachte er an das Gesicht seiner Mutter, tat einen Schritt hinaus, fiel und landete auf dem Boden wie ein Sack Steine.

Als er zu sich kam, war es immer noch dunkel, und obwohl die Sterne matter wirkten, hatte er genug Licht, um an den Gleisen entlangzuhumpeln, bis er zu einer Straße kam, die zu einer Ansammlung brauner Gebäude führte, die er einmal vom Rücksitz eines fahrenden Wagens aus gesehen hatte. Er ging unter einer Tafel hindurch, auf der in schwarzen Lettern stand: HÄFTLINGE WILLKOMMEN, und betrachtete die aus Hohlblocksteinen gebaute Bar mit den zwei Fenstern dahinter. Sein Gesicht spiegelte sich verschwommen in der Scheibe. Leute oder Autos waren nicht unterwegs, und als er sich nach Süden wandte, sah er das Gefängnis, das in der Ferne aufragte. Er betrachtete es eine ganze Weile, bevor er sich in den Durchgang neben der Bar drückte und mit dem Rücken an einen Müllcontainer lehnte, der nach Chickenwings, Zigaretten und Pisse roch. Er hätte gern Genugtuung darüber empfunden, dass er es so weit geschafft hatte, aber der Revolver auf seinem Schoß passte nicht ins Bild. Er versuchte, die Straße zu beobachten, doch da gab es nichts zu beobachten; also schloss er die Augen und dachte an ein Picknick, das sie einmal gemacht hatten, als er noch klein war. Das Foto, das dabei aufgenommen worden war, stand in einem Rahmen auf seinem Nachttisch zu Hause. Er hatte eine gelbe Hose mit großen Knöpfen angehabt, und er glaubte sich zu erinnern, dass sein Vater ihn hochgehoben und über dem Kopf im Kreis herumgewirbelt hatte. Er hielt den Gedanken an diese Kindheit fest und stellte sich dann vor, wie es sich anfühlen würde, den Mann zu töten, der sie ihm weggenommen hatte.

Hahn spannen.

Arm ausgestreckt und ruhig halten.

Er übte es im Kopf, damit er es in der Realität richtig machen würde, aber selbst in seiner Fantasie zitterte die Waffe und blieb stumm. Tausend Mal in tausend Nächten hatte Gideon sich das Gleiche ausgemalt.

Sein Vater war nicht Manns genug.

Er würde nicht Manns genug sein.

Er drückte den Lauf an die Stirn und betete um Kraft. Dann ging er alles noch einmal durch.

Hahn spannen.

Arm ausstrecken.

Noch eine Stunde lang versuchte er, sich bereit zu machen. Dann übergab er sich in der Dunkelheit und schlang die Arme um seinen Brustkorb, als wäre ihm alle Wärme der Welt ebenfalls gestohlen worden.