Hermann Löns

Mein grünes Buch

Alle meine Waldgeheimnisse
© e-artnow, 2017
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ISBN 978-80-268-7486-7
 
Editorische Notiz: Dieses eBuch folgt dem Originaltext.

Inhaltsverzeichnis

Hinter der Findemeute
Auf der Murke
In der Krähenhütte
Ein Ringeltauber
Heidfrühling
Am Fuchsbau
Im grünen Maienwald
Wo die Oder Rauscht
Am Fuhrenkamp
Ein Pirschtag am Kahnstein
Der Schwarze vom Jammertal
Unter den hohen Fuhren
Im Rauhhorn
Ein roter Bock
Ein goldener Heidherbsttag
Junghahnenbalz
Im Fuhrenstangenort
In der Jagdbude
Auf den Fuchs
Hinter der Krüppelweide
In weißen Wäldern
Auf der Kur
Ein blanker Tag

Hinter der Findemeute

Inhaltsverzeichnis

»Sau tot« und »Jagd vorbei« bliesen die Hörner, die Pleßschen kurz und hart, die hannoverschen lang und weich. Ich stand unter der Kuppe des Hallermundkopfs auf dem Wege und sah hinab in das Tal, ließ mir den Sturm um die Ohren pfeifen und mir gelbe Blätter um die langen Stiefel wehen und freute mich an dem Geläut der Meute, an dem Hu Su! der Rüdemänner, wie ich mich vorhin gefreut hatte an dem Knall der Büchsen, am Brechen und Blasen der Sauen. Ich sah das Fangeisen blitzen in des Kaisers Hand, sah das Hauptschwein nach den Hunden schlagen und sah es zusammenbrechen.

Da tauchte unter mir in den rotlaubigen Winterbuchen und den hohen gelben Schmielen ein grüner Rock auf, ein grüner Hut, dazwischen ein derbes, rotbäckiges, bartumrahmtes Gesicht, schweißglänzend; ein Lächeln zog in das Gesicht, eine vom Schweiß der Sauen gerötete schwere Hand fuhr grüßend an den grünen Hut und streckte sich dann meiner Rechten entgegen.

Es war der Rüdemann. Wie er so dastand, das Rüdemannshorn und die kurze Wehr an der Seite, die lange Rüdemannspeitsche in der Linken, rotbespritzt bis an die Oberschenkel, rote Schweißstreifen und Schweißspritzer am grünen Rock, da dachte ich mir: Ob es nicht viel lehrreicher für dich ist, morgen bei der Meute zu bleiben, mitzustürmen durch Dorn und Dickung, als hinter den Ständen zu bleiben? Im Jagen ist's doch schöner als hinterm Jagen.

Am andern Morgen, als die Meute zu Holz zog, zog ich mit in dem sonderbaren wilden Zug. Voran die beiden Rüdemänner, dahinter die Hundeführer in ihren verschossenen Joppen, in ihren verwetterten Hüten und ihren geflickten Hosen. Jeder führte an der Koppel zwei Hunde; einige der Männer trugen die Saufedern, deren scharfes Blatt Lederkappen verhüllten.

Mit lautem Hals zog die buntscheckige Meute bergan. Wütend rissen die jagdlustigen Rüden an den Koppeln und zerrten die Führer berganwärts, dem Gersieck zu. Der Sturm in den hohen Buchen pfiff ein lustiges Jagdlied; der Hals der Meute dazwischen, die Zurufe der Führer, das klang nach alten Zeiten.

Am Sammelplatz waren die Hunde nicht zu bändigen. Sie rissen an den Koppeln, gaben unaufhörlich Laut, und einstimmig fielen sie ein, als der Fürstengruß erklang; so arg machten sie es, daß die Rüdemänner ihnen ein Pfui Laut! nach dem anderen zuriefen und ihnen die Peitschenschnüre über den Rücken zogen. Da wurden sie etwas stiller.

Aber dann, als der Kaiser und der Kronprinz und die übrige Jagdgesellschaft nach ihren Ständen gingen, da war es wieder aus mit der Ruhe der Meute. Als die Jagd angeblasen wurde, als die ersten Schüsse fielen, da nahm das Jiffjaff kein Ende, und immer wieder mußte die Peitsche pfeifen.

In einer Berglehne, gelb von Schmielen, mit Tannen und Buchen bestanden, ging es hinein, im Sturmschritt, daß die grünen Zweige uns in die Augen schnellten und das Winterlaub der Buchenjugenden uns um die Ohren rauschte. Die Rüden in wilden Sätzen voran, die Führer an straffgezogenen Koppeln hinterher, daß die Braken brachen und die Äste knackten, Fallholz zerknasterte und Geknäk prasselte.

Allen voran die Rüdemänner. Jetzt teilen sie sich in die Meute. Pfui Laut! ruft der eine immer wieder und läßt die Peitsche kreisen; die Hunde sind zu laut, sie übertönen mit ihrem Halsgeben die Hornsignale.

Da vor uns bricht es in der Dickung. Hunde los! ruft der Rüdemann, und Hu Su, mit gellenden langgezogenem Kehlton, Hu Su, wahr too, min Hund, wahr too!

Das lassen sich die scharfen Hunde nicht zweimal sagen. Wie ein Donnerwetter fegen sie dahin über Stock und Stein, durch Braken und Dornen, daß das Fallaub fliegt unter ihren Läufen. Drüben an der Lehne flüchten die Sauen, schwarze Klumpen in dem roten Fallaub. Ein kurzer Knall, ein blaues Wölkchen, und im Knall zeichnet eine, rollt zu Tal, daß ganze Laublawinen mitgehen.

Aber diese, die zeichnet und stürmt weiter. Doch bei jeder Flucht wird sie kürzer, und jetzt schiebt sie sich hinter der Fahrstraße ein, Hu Su, wahr too, min Hund, wahr too! erklingt es. Der Keiler wird wieder hoch, schlägt zwei Hunde ab, flüchtet weiter, Schaum am Gebräch, hinter sich die Hunde. Der Rüdemann befiehlt: Mehr Hunde los! Noch zwei fahren auf den grimmen Bassen los, und noch einer und noch einer. Sie umkreisen mit giftigem Hals den Keiler. Der schiebt sich an einem Stuken ein und weist den Hunden das leuchtende Gewaff, sein wütendes Ruff, Ruff schnaubend.

Immer wieder gehen die Hunde zum Angriff über mit wütendem Hals, immer wieder fährt der Kopf des Keilers von rechts nach links, jedesmal überpoltert sich dann ein Hund, heult vor Gift und fährt wieder zu. Jetzt benutzt der eine rote Hund den Augenblick, da der Keiler nach seinem Koppelgenossen schlägt, er hängt am Gehör des Keilers, jetzt auch der andere, nun alle vier, und da springt auch schon der Rüdemann zu, faßt des Keilers Hinterlauf mit der Linken, zieht mit der Rechten das Weidmesser und stößt es mit sicherer Hand hinter das Blatt der Sau, die wie vom Blitz getroffen zusammenbricht. Mit wütendem Gezerre kühlen die Hunde ihre Wut an dem verendeten Bassen; tot, tot! ruft ihnen der Rüdemann zu, da lassen sie ab, werden aufgekoppelt, und weiter geht die Hatz.

Dort unten ist der übrige Teil der Meute an der Arbeit. Hechelnd und Hals gebend durchstöbern die Hunde die Dickung, die roten Zungen leuchten noch roter als die roten Mehlfäßchen und Hagebutten über ihnen, die Augen glänzen noch mehr als die blauglänzenden Schlehen um sie. Durch des Schwarzdorns stachelbewehrte Mauern fahren sie, hier ein schwarzer, struppiger Kobold, da ein schwarzweißer Terrier, dessen Preußenfarbe den roten Streifen bekam vom Schweiß der Sau. Nun hat er die Reichsfarben. Jetzt fährt der scharfe kleine Kerl mit Todesverachtung in das Gestrüpp, fährt zurück, heult vor Wut, faßt wieder zu, wird wieder abgeschlagen; jetzt bekommt er Hilfe, Hu Su, wahr too, min Hund! ertönt es, drei Rüden decken den Keiler, der Rüdemann springt zu, schlägt das rechte Bein über den Keiler und gibt ihm den Fang. Daß die Hose dabei einen langen Ratsch kriegt, das schadet nichts. Ein Signal ertönt. Langsam treiben! befiehlt es. Da können wir etwas verschnaufen. Das war eine wilde Jagd durch Stangenorte und Dickungen. Der Rüdemann setzt das uralte Signal: Meute zurück! Von allen Seiten rücken die Hundeführer an und koppeln die Hunde, auf und weiter geht's. Da stürzt ein Förster heran: Ein starker Keiler hat sich hier oben eingeschoben! Schnell dahin, Hunde los. Das war leichte Arbeit, der Keiler war sehr krank. Weiter geht die Suche.

Ein neues Signal. Aufmunterung im Treiben! Wieder geht's los im Sturmschritt, daß die dürren Stengel der Weidenröschen knacken, daß die silberne Samenwolle nur so stäubt. Unter uns die Schüsse, hinter uns das Hu Su und Horüdho, vor uns das Geläute der gelösten Hunde, über uns das Pfeifen des Sturmes. Immer weiter, durch schnallende Weißdornzweige, die uns Runen in die Backen ritzen und Schrammen in die Hände, durch den Bergbach, daß Wasser und Schlamm spritzen, in den hohen Ort hinein, Rüdemänner, Jäger, Hundeführer, Meute. Da schlägt einer über den Stuken, hier springt einer in den Pump bis an die Knie; weiter, weiter, alle wollen da sein, wo zwei Rüden ein hauendes Schwein stellen. Gellend erklingen die Kehltöne des Hu Su und Horüdho, halb vom Sturm verschlungen, daß man nur das hohle uuu und das schrille rüüdho hört aus dem Gebrause der Äste, dem Stampfen der langen Stiefel, dem Brechen des Fallholzes, dem Hals der Hunde. Hier, rechts, da ist er. Die kleinen Lichter glühen, die weißen Haderer blinken, drohend klingt das Blasen, giftig das Wetzen, jeder Schlag wirft einen Hund in das Laub. Aber alle richten sich wieder auf und fallen den Keiler von neuem an. Jetzt decken sie ihn, und da ist auch schon der Rüdemann, die Wehr blitzt in seiner Faust, fährt zwischen die Hunde und kommt rot in die Scheide zurück. Jagd aus, Hahn in Ruh! schmettert vom Kaiserstand das Horn. Rechts und links wiederholt sich der Waldhornruf, und der Widerhall wirft ihn doppelt zurück aus dem Tale.

Meute zurück! und Sammeln der Jäger! blasen die Hörner. Die Jagdgesellschaft besteigt die Jagdwagen. Wir warten, bis die Rüdemänner kommen. Sie blasen die Meute zurück, es fehlen noch einige Rüden. Endlich kommen die Rüdemänner, mit erhitzten Gesichtern, zerrissenen Händen, roten Schweiß am grünen Rock. Und nun geht's bergauf, bergab, so schnell die Pferde können, zum Hallerbruch, vorbei am Kaiserzelt, dessen bunte Standarte im Winde weht.

Eine Pause zum Verschnaufen gibt es kaum. Hastig wird ein Stück Wurst hinabgedrückt, ein Schluck hinuntergespült, einige Züge aus der Zigarre machen den Schluß, und schon meldet das Horn, daß die Arbeit für die Meute wieder beginnt. Vorläufig geht's noch langsam, die Hundenasen in den Kniekehlen, durch das Holz. Aber schon zeigen sich Sauen, eine ganze Rotte stürmt dahin. Hunde loskoppeln, ruft es laut, Hu Su und Horüdho, und da jagt schon die Meute an den Sauen. Standort da links. Schnell dahin. Drei Hunde ziehen die Sau nieder. Schon sitzt ihr die Wehr hinter dem Blatt. Und hundert Gänge davon decken die Hunde wieder eine Sau, und wieder gibt es Arbeit für die Wehr. Der Sturm prügelt den Wald. Fallholz regnet, Fallaub tanzt in Kringeln. Das paßt zu dem Knall der Büchsen, zu dem wilden Anjuchen, zu den tollen Sätzen der Rüdemänner. Da unten soll neue Arbeit sein. Aber wo ist die Meute? Die Rüdemänner setzen die Hörner an die bärtigen Lippen und rüden die Hunde an, laut klingt ihr daher, daher! und jetzt stürmen die Hundeführer mit ihren Koppeln heran. Denn hier hat sich wieder eine Sau eingeschoben in den Dornbusch. Im Umsehen ist sie gedeckt und abgefangen.

Wieder blasen die Hörner die Jagd ab. Zum Kaiserstand geht's. Da hat sich eine Sau in den Bach eingeschoben und schlägt die Hunde ab, daß es nur so dampft und spritzt. Das steile, schlüpfrige Bachufer steigt der Kaiser hinab. Die Feder ist hier schlecht anzuwenden, so macht der Kaiser die Wehr blank und gibt dem Keiler den Fang. Die Jagdgesellschaft besteigt die Wagen, wir aber ziehn mit der Meute durch den dämmernden Wald, durch diesen Wald, der so oft widergehallt hat vom Rüden der Hörner, vom Hals der Meute, vom Knall der Büchsen und in dem es still und stumm sein wird davon, bis das Jahr sich zweimal gewendet hat.

Und sollte ich dann wieder im Saupark sein, so werde ich beide Tage mit der Meute gehen, meine Augen erfreuend an dem wilden Bild und meine Ohren an den wilden Tönen, die an längstverwehte Zeiten erinnern, an Tage, als nur mit Meute und Feder gejagt wurde auf das ritterliche Schwarzwild.

Auf der Murke

Inhaltsverzeichnis

Ein goldener Märztag. Die Sonne sticht; Hummeln brummen in den Espenblüten, Fliegen surren um die Weidenschäfchen, der Hasel schwenkt gelbe Troddeln, weiße Märzglöckchen und blaue Leberblümchen leuchten aus dem Fallaube. Und alle Vögel singen, singen dem goldenen Tag ein Loblied. Das ist ein Tirilieren und Flöten, Pfeifen und Zwitschern, ein Jubel aus Hunderten von Kehlen, daß das Ohr erst langsam die einzelnen Stimmen herauskennt. Burrend schwirrt in der Schonung an der Kante ein Feldhuhnpaar auf, durch unsrer Tritte Rauschen im Gekose gestört, Lampe hoppelt eilig durch das Unterholz, vierzig Schritte weiter steht ein Reh auf und taucht im Gestrüpp unter, bei seinem Flüchten den weißen Spiegel blitzen lassend, mit hartem Flügelschlage klappert der Ringeltauber aus der knorrigen Eiche, und weiße kalkige Kleckse auf braunen Eichblättern am Boden sind die Visitenkarten von ihr, der unser Kommen gilt, von der Waldschnepfe.

Unter der hohen Espe, die auf grünschillerndem Stamme daumendicke Kätzchenknospen trägt, nehme ich meinen Stand. Links und rechts zieht sich der schwarze Kohlenweg hin, gegenüber ist die grüne Schneise, eingefaßt von dichtblühenden Haselsträuchern. Hinter mir erheben schlanke, silberne Birken die dünnhaarigen Häupter, zaghaft im lauen Lüftchen sich wiegend. Es jauchzt, piept, pfeift und trillert überall. Das Flöten der Drossel, das Gekuller der Schwanzmeise, der Goldammer Lockton, der Kohlmeise Geklingel mischt sich mit dem Silberglöckchenliede des Rotkehlchens, dem scharfen Geschnarre des Zaunkönigs, dem Gelächter des Buntspechts. Alle übertönt ein seltsamer Kehlton: Quorr und Quurr klingt es von oben herab, eine Riesenkette von Riesenvögeln, wie eine ungeheure Eins geordnet, zieht hoch über den Forst, an hundertfünfzig Kraniche. Langsam entschwindet die Kolonne den Augen des Jägers. Dann naht ein Nachtrab, drei müde, marode, und dann ein dritter Zug, über zweihundert, eine Riesen-Eins auf den blauen Abendhimmel schreibend und mit rauhen Kehltönen das hundertstimmige Waldkonzert übertönend. In der Ferne verklingen die heiseren Laute, und neu setzt das Waldkonzert ein, um wieder übertönt zu werden von den Rufen eines vierten Kranichzuges, über hundert Stücke zählend, bis auch dieser vorüber und das Jubeln und Pfeifen wieder zur Geltung kommt.

Blaß taucht der Mond aus zarten Wolken zur Linken auf, rot glüht es zur Rechten hinter dem Kronsberge. Mit breiten Schwingen streicht der Bussard heim, graue Motten taumeln aus dem Gesträuch, zarte Mücken tanzen zwischen gelben Haselkätzchen. Die Sonne verschwand hinter dem Hügel, Dämmerung verwischt die Umrisse des Unterholzes, Krähenflüge ziehen krächzend über die Kronen, Waldmäuse huschen über das braune Laub. Rätsch, ätsch! Der Eichelhäher warnt. Ein Spitzbube verrät den anderen. Meister Reineke schnürt da hinten über die Schneise, die Luntenspitze blitzt weiß.

Ein Viertel vor sieben! Jetzt müssen sie kommen. Domms! Der erste Schuß, dumpf und weit. Gelber wird der Mond, schwärzer der Wald, kürzer werden die Schneisen und Wege für die Augen. Summsend quert ein dicker Mistkäfer den Weg, ein heller Stern blitzt am Himmel, unsichtbare Kranichzüge ziehen über den Forst mit lautem Rufe. Kommen sie nicht, die Schnepfen? Wollen sie erst gebeten sein? Es ist sieben Uhr, Zeit, daß sie da sind. Ich setze die Locke an die Lippen: Pfiwitt, pfiwitt schrillt es fein und durchdringend. Aber kein Murken und Pfeifen antwortet, nur einzelne Drosseln konzertieren, und die Amsel zetert im Unterholz. Mit gellendem, hohlem Uhu huhuhuhu in langen Pausen reviert der Waldkauz den Forst, wie ein Schatten über die Schneise schwebend, weit noch ein Schuß, Turmglockenklänge, ferner Gesang und Hundegebell vom Dorfe her, noch ein Schuß, aber keine Schnepfe. Ein Viertel nach sieben. Bald ist es zu spät. Etwas hilft der Mond, dessen Scheibe ein riesenhafter, die halbe Himmelshälfte umspannender bleicher Ring umgibt, mir noch, aber schwärzer wird Weg und Holz. Plötzlich fährt das Gewehr an die Backe: Ein schwarzer Schatten saust stumm hinter der hohen Eiche vorbei, der Flug und der lange Stecher künden, daß sie es ist, aber es ist viel zu weit, und sie zog stumm, wurde zu spät bemerkt. Noch ein Weilchen, dann strebe ich durch den stillen Wald der Chaussee zu.

Am folgenden Nachmittage geht es wieder hinaus. Graue Schleier hüllen den Himmel ein, der Regen trommelt auf dem Wege. Ab und zu bricht die Sonne durch die Wolken, aber neue Schauer verjagen sie, bis plötzlich die Sonne Oberhand bekommt und die Wolken zu Paaren treibt. Mürrisch kauern sie sich am Horizonte zusammen und lauern auf die Nacht; dann ist die Sonne fort, dann kann es wieder losgehen mit dem nassen Spiel.

Der Weg auf der Grabenkante, gestern ein Vergnügen, ist heute athletischer Sport. Kilogramme schweren Kleibodens kleben an den Sohlen, jeder Schritt muß ausprobiert werden, alle Augenblicke glitsche ich aus, bis ich die Geduld verliere, über den Graben springe und auf dem Fahrweg gehe, der heute einer frischen Falge ähnelt. Die dicke Grauammer, die auf dem schwarzen Schlehdorn ihren Stammplatz hat und gestern mit viel Gefühl und wenig Talent ihre blecherne Stimme erschallen ließ, hat heute gar keine Lust zum Singen – sie nennt es singen, die Lerche sagt, es sei Radau – und hockt stumpfsinnig auf ihrem Platze. Das Krähenpaar, das gestern um diese Zeit die Falge absuchte, hat heute auch keine Lust, seine elegante schwarze Chaussüre im nassen Kleiboden zu ruinieren, und sitzt oben auf der gelben Dieme. Das bißchen Wolle, das gestern die Häsin lassen mußte, als ihr Anbeter ihr etwas zu ungestüm den Hof machte, und das gestern so zart und flockig am Grashalme hing, sieht heute aus, als wäre es mit bester ungarischer Bartwichse gesalbt, die Fußwege im Holze sind Wasserstraßen geworden, und unter den Tritten spritzt das Wasser hoch empor. Die weiße Visitenkarte der Schnepfe ist vom Regen weggewischt, jedes Weidenkätzchen weint eine dicke Träne, weil es glaubt, nun werde es wieder Winter, und die gelben Haselkätzchen sehen grau und naß aus, wie Pelzboas, die aus Versehen mit in den Waschtubben gesteckt sind, und von den Hunderten von Motten, die gestern hier herumstoben, ist nur ein Exemplar zu sehen, das jedenfalls im Besitze wasserdichter Flügel ist. Die meisten Vögel sind nicht bei Stimme, sie sind das rauhe Wetter nicht gewöhnt, ihre Bronchien sind in Afrika verweichlicht, und nun hat die ganze Gesellschaft den Schnupfen. Reineke läßt sich nicht sehen, sein Freund Lampe auch nicht, sie wissen, daß Nässe dem Balge schadet.

Ein Wind kommt, der die Tropfen von den Zweigen schüttelt und die Äste trocknet. Am Hügel steht eine Wolke, so massiv, als hätte sie ein ungeschickter Maler hingepinselt, und der Mond steckt ihr gegenüber sein rundes Gesicht durch eine weiße Wolke. Nach und nach beginnt hier und da eine Drossel zu probieren, ob sie auch durch den Schnupfen ihr Organ nicht verloren hat, aber die furchtbar weise Schwarzdrossel schlägt darüber solchen Lärm, daß die Sängerin schleunigst zu Bett geht, um zu schwitzen. Nur ein Goldammerhahn treibt sich auf dem Schlackenwege herum, wie es scheint aus reiner Eitelkeit, denn sein gelber Schlips sticht von den schwarzen Schlacken riesig effektvoll ab.

Ich habe meinen alten Stand eingenommen. Wieder stehe ich an dem Kohlenwege und lasse die Augen umhergehen. Im Graben raschelt es. Ein Waldmäuschen kommt unter den Wurzeln eines dicken Eichenstuken hervor; da fällt von einem gelb blühenden Weidenschäfchen ihm ein dicker Wassertropfen auf die Nase, und ganz konsterniert über solche Gemeinheit verschwindet es in seiner Wohnung und schimpft, einmal übellaunig geworden, mit seiner Frau, weil sie schon wieder alte schimmelige Eicheln und ranzige Bucheckern auf den Tisch gebracht hat. Frau Maus bleibt ihrem Herrn Mäuserich die Antwort nicht schuldig, zumal sie Migräne hat, weil die Wohnung zu feucht ist. Schließlich kommt es sogar zur Balgerei; es sind eben gewöhnliche Leute. Ich höre das Gequieke und verstehe es, lange in die Joppentasche, breche ein Stück Butterbrot ab und werfe es unter die Baumwurzel. Da wird es ruhig da unten, und bald knabbern Mann und Frau einträchtig daran herum. Hoch in der Luft ziehen unsichtbare Kraniche. Ich höre, wie der Kranich an der Spitze mit seiner heiseren Stimme, die er sich durch das Barfußlaufen im Moor geholt hat, dem letzten zuruft: »Du, nun führe du, ich bin müde von der Schrittmacherei, und wir machen sonst einen schlechten Rekord!« – »Ich kann auch nicht«, ruft der letzte, »für einen so großen Distanzflug war ich doch noch nicht trainiert genug.« – »Na, dann will ich führen«, ruft ein dritter. Weißer Nebel kriecht über die Wege und Schneisen und legt sich fest auf den Boden. Die Eule jammert, daß sie nun die paar abgehärteten Mäuse, die sich bei der Nässe hinauswagen, auch nicht sehen könne. Seit gestern abend habe sie noch keinen warmen Mäuseschwanz im Halse gehabt. Wenn sie wenigstens schlafen könnte, aber sie hätte den ganzen Tag geschlafen. Ich stecke die Pfeife an. Das mißfällt einem alten Rehbock, dem der Rauch in seinen verschnupften Windfang zieht, und er skandaliert ganz mordsmäßig in der Dickung. Wieder wird es lebendig oben unter den Wolken. Wildgänse ziehen nordwärts. »Du«, ruft die erste zu einer anderen, »da unten steht ein Kerl mit einem Schießprügel!« Die versteht den Wink. Klacks! fällt etwas neben mich. Kommt noch keine? Na, denke ich, dann will ich meinem Nachbarn, der da hinten auf der Schneise an der Eiche steht, eine Freude machen. Ich nehme das Hornpfeifchen, das ich am Joppenknopfe hängen habe, an den Mund: Pfiwitt, pfiwitt. Sofort hebt der Nachbar das Gewehr. Ich lache in mich hinein, aber nicht lange. Da unten gibt es einen Feuerstrahl, dann einen Knall, dann Dampf, und dann schallt es durch die Stille: »Such' verloren, such' verloren. So, schön, mein Hund, such' verloren, mein Hund!« Da kommt auch schon etwas die Schneise entlang, langschnäbelig und murkend, aber ehe ich anbacke, macht es einen Bogen und verschwindet in einer Schluppe. Immer gelber wird der Mond zur Linken, immer schwärzer die Wolkenwand zur Rechten, immer finsterer Busch und Weg. Da! Moark, moark, klingt es rechts. Zwei Schatten folgen sich hinter den schlanken Birken, deutlich sehe ich die Umrisse, aber nur einen Augenblick. Weit weg dröhnt ein Schuß. Heute abend ist viel los. Wiwi, wi! Gerade auf mich zu kommt es, ein schwarzes Ding. Es ist schlecht schießen von vorn, aber was hilft's! Domms! vorbei. Alle Wetter! Während ich mich ausschimpfe, zieht murkend wieder eine über mich weg. Domms! Ja Fleitjepiepen! Ich hätte lieber aufpassen sollen, statt zu suchen. Konnte ich nicht warten, bis der andere mit dem Hund kam? Natürlich war sie schon zu weit, als ich anbackte. Loch in die Luft! Aber nun aufgepaßt, daß das nicht wieder vorkommt. Domms, geht unten in der Schneise ein Schuß. Tire haute! schallt es zu mir herauf. Der da unten hat vorbeigeknallt. Da kommt sie an mit reißendem Flug, ich hebe das Gewehr, sie eräugt mich, macht einen Haken und verschmitzt mit dem dunklen Buschwerk. Aber da in der Lücke ist sie wieder. Domms! Da poltert es zwischen den jungen Eichen. Nun schnell, sie ist geflügelt. Ein paar Sprünge, ein paar Fehlgriffe, dann faßt die Hand etwas Weiches, Warmes, Zappelndes, die erste.

In der Krähenhütte

Inhaltsverzeichnis

Sonnenschein, blauer Himmel und stille Luft, das richtige Wetter für den Hüttker! Ein Tag, an dem das Federraubzeug zieht, auf Raub streichend und Horstplätze suchend. Heute muß es uns glücken; gestern aber, bei windigem Wetter und bewölktem Himmel, da war es eine langweilige Sitzerei in dem Erdloche auf der Kuppe des braunen heidwüchsigen Hügels, der vor dem Dorfe sich erhebt. Und doch wieder nicht langweilig, wenn auch nur vier von dem schwarzen Gesindel fielen und kein edler Räuber sich blicken ließ. Wer die Schrift zu deuten weiß in dem großen Buche der Natur, der langweilt sich nie, nicht bei erfolgloser Balz, bei zwecklosem Ansitz, bei ergebnislosem Enteneinfall, bei ohne Knall verstrichenem Schnepfenstrich.

Zu dreien ziehen wir zu dem Bauernhause, in dem Hans, der Uhu, auf der Bodenkammer haust. Die Reste von Krähen und Hähern bedecken den Fußboden, Gewölle liegen in den Ecken, und schön weiß getüncht hat unser Hans die Dielen.

Fauchend und schnabelknappend plustert er sich zu einem dicken Klumpen auf; ein geschickter Griff, und die Hand umspannt die furchtbar bewehrten Fänge. Bald sitzt er in dem Kasten, der mit Tragriemen versehen ist; und dann geht es zum Dorfe hinaus, in dessen Bäumen die Stare und Finken singen.

Bald stehen wir auf dem Kamme des Hügels. Noch ein Rundblick auf Moor und Heide, auf des Steinhuder Meeres blitzenden, blauen Spiegel, ein Hinhorchen nach der Gegend, von wo Hahnenbalzen erklingt, nach dem Himmel, von dem Heidelerche und Feldlerche herabsingen, und dann wird Hans aus dem Kasten geholt mit schnellem Griff, und schnell schlingt sich die weiche Lederfessel der Leitung um seinen rechten Fang, ein Zuruf Auf! und der kluge Vogel hakt auf der mannshohen derben Jule auf, die fest in die Erde gerammt ist, schüttelt sich und macht es sich bequem. Eilig wird noch ein Porzellanring unten an die Krücke gebunden, durch den die Führung läuft, das aufgerollte Ende der letzteren in die Schießscharte geworfen, und dann geht es hinab in das geräumige, überdachte Erdloch.

In der Hütte ist es recht behaglich. Über uns die dichte Heidplaggendecke, neben uns die weißen, glattgestochenen Sandwände, aus denen gelbe und blaue Feuersteinsplitter und weiße Kiesel hervorlugen, und vor uns die Schießscharten, mit Machangel verblendet. Bequem können wir von der Rasenbank den Uhu beobachten. Bald legt er die Federohren an, bald sträubt er sie; dann putzt er sein Gefieder, spreizt die mächtigen Schwingen, schüttelt sich und äugt umher. Jetzt reckt er den Dickkopf nach Westen und äugt scharf dorthin: er markiert. Da kommt es auch schon heran, das schwarze und graue Gesindel. Wütendes Krächzen ertönt, Schatten fallen auf den weißen Sand, ärgerlich knappt der Uhu und wackelt auf der Krücke hin und her. Arr, arr, errr, örrr, ertönt es heiser, und dicht an dem Nachtvogel vorbei stoßen die schwarzen Gesellen, einer, zwei, drei, wohl über zwanzig. Zwei Schüsse, noch zwei, einen Augenblick Schreckenspause, dann geht das Angstgekrächze los; Krah, krah. Vier Krähen liegen im Heidekraut, einige blocken auf dem kahlen, arg zerschossenen Fallbaum. Sie äugen verdutzt nach ihren verendeten Raubgenossen und denken, der Uhu auf der Stellung sei der Mörder gewesen. Noch ein Doppelschuß, das halbe Dutzend ist voll, und nun streicht die ganze Bande ab! Aber wo ist Hans? Auf der Krücke hakt er nicht mehr. Sehen wir nach. Da steht er am Boden und frühstückt; er hat sich eine Krähe gelangt und kröpft sie. Ein Ruck an der Führung, und, die Krähe in einem Fang, hakt er wieder auf.

Fünf glänzend schwarze Räuber liegen zu unseren Füßen auf dem weißen Sande. Die scharfen Schnäbel mögen manchen Junghasen, manches Feldhuhn zerpflückt haben. Nun aber haben sie ihren Lohn. Doch deswegen sind wir nicht hierher gezogen; nach edleren Räubern gelüstet uns. Geduldig raucht jeder seine Pfeife. Jagdgeschichten werden erzählt. Doch aufgepaßt! Der Uhu markiert wieder scharf. Aarr, aarr, Nebelkrähen. Das sind die tollsten auf der Krähenhütte. Unaufhörlich lassen sie ihre schwarzen Schwingen sausen, hell leuchtet in der Sonne der graue Rumpf. Bumm, bumm, zwei liegen da, bumm, die dritte, und jetzt die vierte, bumm, vom Fallbaum herab. Aber nun heißt es Geduld haben, so bald werden jetzt wohl keine Krähen mehr kommen.

Auch Hans scheint das zu glauben. Er legt die Federohren an, schließt die Augen und duselt. Doch ein Ruck an der Führung macht ihn wieder munter; schlafen kann er zu Hause genug! Um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, spreizt er die Flügel, markiert ein wenig, wenn ängstlich pfeifend die Pieper über ihn fortstreichen, schärfer, wenn von fern ein Krähenschrei ertönt, und duselt wieder ein. Die Krähen wagen sich heute nicht mehr an den unheimlichen Ort.

Noch eine Stunde wird verplaudert, aber nichts kommt mehr zum Schuß. Zwar belästigt ein Turmfalk, heftig hin und her stoßend, den Uhu ganz gewaltig, aber das nützliche Räuberchen hat von uns nichts zu befürchten. Auch ein Sperberweibchen streicht vorüber, nimmt aber von Hans gar keine Notiz. Wir warten noch eine halbe Stunde, doch vergeblich rucken wir den Uhu an, für heute morgen ist es aus.

Am Spätnachmittage geht es dann mit Hans hinaus ins Moor. Das Wetter hat sich gehalten; es ist recht warm. Unten im Moore haben wir Birkwild, Bekassinen, Enten und Kiebitze; hier raubt täglich gegen Abend der Hühnerhabicht, dicht über der Erde hinstreichend, um Büsche und Torfhaufen schwenkend und wie der Blitz die ahnungslose Ente, die furchtsame Birkhenne, den lustigen Kiebitz schlagend. Hier treiben sich auch Weihen herum, ja mitunter streicht sogar der Fischadler am Schwarzwasser, um laichende Hechte zu schlagen; auch der Schreiadler kommt hier ab und zu vor, und sogar der gewaltige Seeadler hat sich hier blicken lassen.