Die Jagd nach dem geheimnisvollen Rollsiegel

Der Autor

AutorKarim Pieritz wurde 1971 in Berlin geboren und lebt dort mit seiner Familie. Mit dem Schreiben von Geschichten begann er schon als Grundschüler. Bis zum Abschluss seines Studiums der Nachrichtentechnik schrieb er Kurzgeschichten, doch im Berufsalltag fehlte ihm die Zeit für seine Leidenschaft. Als sein Sohn immer wieder neue Gutenachtgeschichten von ihm erzählt bekommen wollte, weckte das seine verloren geglaubte Inspiration. Er schrieb seine fantasievollen Abenteuer auf und erschuf so die Kinderbuch-Reihe »Leuchtturm der Abenteuer« für Leseanfänger. Von 2013 bis 2016 erschienen sechs Kinderbücher der mittlerweile abgeschlossenen Reihe. 2017 erschien sein erstes Jugendbuch »Die Jagd nach dem geheimnisvollen Rollsiegel«.

Endlich Online

Mein Vater hatte uns zum Burghof gebracht, wo sich auch die anderen Schüler aufhielten. Tina, Willy und Charleen standen etwas abseits und wurden von meiner Mutter befragt. Mein Vater war in voller Kampfausrüstung mit Schutzweste und Helm, den er unter dem Arm trug.

»Es tut mir leid, dass wir dich diesem Wahnsinnigen ausgeliefert haben«, sagte mein Vater. »Wir sind sonst so vorsichtig, aber das haben wir nicht kommen sehen. Was wir in den ersten Befragungen der Schüler gehört haben, lässt mir noch nachträglich graue Haare wachsen. Ich bin so stolz auf dich, dass du dich hier so gut geschlagen hast!« Er wuschelte durch meine Haare. Ich ließ es ihm durchgehen. Vielleicht wurde ich auch ein wenig rot, aber es war ein schönes Gefühl. »Wie geht es dir?«

»Alles cool«, sagte ich und sah zu Tina.

Mein Vater folgte meinem Blick und lächelte. »Freunde von dir?«

»Ja«, sagte ich. »Ich weiß, dass ich gesagt habe, dass ich sofort wieder nachhause will, wenn ihr fertig seid. Aber müssen wir wirklich sofort zurück?«

»Also ...«

»Ich möchte hierbleiben. Im Internat.«

Dass es hier keinen Lehrer mehr gab, fand ich gar nicht so schlecht. Internat ohne Lehrer, wie cool war das denn?

»Ehrlich gesagt werden deine Mutter und ich in Zukunft sehr oft auf Reisen sein. Ein Internat ist gar keine schlechte Idee, wenn du das willst.«

Ich nickte mehrmals. Sollte es möglich sein, dass ich mit Tina zusammenbleiben könnte? Mein ganzer Körper kribbelte bei der Vorstellung.

»Leider will die Staatsregierung den Laden hier dichtmachen«, sagte er. »Dieser Jäger hat das Internat nur mit seinen guten Beziehungen aufmachen können, aber lange hätte er das nicht durchgehalten. Es gab zu viele Unregelmäßigkeiten und Beschwerden durch Eltern.«

Ich ließ den Kopf hängen. Mein Vater legte seine Hand auf meine Schulter.

John mit Vater

»Ich werde mit ein paar Leuten reden«, sagte er. »Eigentlich sollte im Januar der Regelbetrieb starten und wenn sich bis dahin ein neuer Direktor findet, wer weiß? Nächstes Jahr sehen wir weiter, aber morgen früh geht es für alle nachhause.«

»Okay«, sagte ich und presste die Lippen aufeinander.

»Als kleine Entschädigung für deinen Horrortrip habe ich dir was mitgebracht.« Mein Vater holte etwas aus seiner Jackentasche.

»Ein Handy!« Mir fielen fast die Augen aus den Höhlen. Wie geil war das denn? Doch dann fiel mir was ein.

»Danke! Aber hier gibt's kein ...« Da fielen mir wirklich die Augen aus dem Kopf. Ich hatte ein NETZ!

»Wir haben in der Burg einen Handystörsender entdeckt und abgeschaltet«, erklärte mein Vater.

Kurz darauf hörte ich überall Benachrichtigungstöne. Die anderen Schüler sahen verblüfft auf ihre Handys.

»Ich bin ONLINE!«, schrie ein Junge hysterisch.

»Ich auch!«, kreischte ein Mädchen.

Dann wurde es still, als alle mit ihren Handys beschäftigt waren.

Meine Mutter kam zu uns. Sie umarmte mich lange, sah mich dann an und seufzte. Dann sah sie zu meinem Vater.

»Wir vermissen drei Jungen, Drillinge, die dem Direktor geholfen haben«, sagte sie. »Wir müssen eine Fahndung einleiten.«

Ein junger Polizist mit Schutzweste und Maschinenpistole ging auf meinen Vater zu.

»Hauptkommissar Bauer«, sagte er, »wir haben ein Problem.«

»Ist es wieder dieser Förster, der einen Dinosaurier im Wald gesehen haben will?«

Ach du Scheiße!

»Nein«, antwortete der Polizist, »der Gefangenentransport mit dem Verdächtigen hat Verstärkung angefordert, weil drei Personen die Zufahrt zur Landstraße blockieren. Ein Team ist unterwegs, aber wir haben den Kontakt verloren.«

Mein Vater wurde ernst. »Ich kümmere mich darum!« Er sah mich an. »Du bleibst mit deinen Freunden hier.«

Meine Eltern rannten davon, der junge Polizist blieb und schaute grimmig in alle Richtungen. Hätte ich meinem Vater noch vom Tentakelmonster erzählen sollen?


Ich ging zu Tina, Charleen und Willy, dabei kam ich an Max vorbei.

»Wir haben gehört, was du gemacht hast«, sagte Max. »Das war echt cool!« Er hielt seinen Daumen hoch.

»Danke fürs Öffnen des Burgtors!«, sagte ich und erwiderte seine Geste.

»Gern geschehen!« Weitere Schüler hielten ihren Daumen hoch und jubelten.

Ich erreichte meine Freunde und Tina knutschte mich ab, als gäbe es kein Morgen.

»Ich hab Neuigkeiten«, sagte ich in einer Knutschpause. »Gurkenstein ist getürmt.«

»So ein Mist!«, schimpfte Tina. »Den hätten wir keine Sekunde aus den Augen lassen dürfen.«

»Ich glaube, er hatte einen Fluchtplan.« Ich legte meinen Arm um sie und sie kuschelte sich an mich wie ein Kätzchen.

»Der Polizist da drüben ist ja ein Süßer«, sagte Charleen. »Dem sag ich mal Hallo.« Und weg war sie.

»Unser Dino wurde von einem Förster gesichtet«, sagte ich.

»Solange er ihn nicht gefressen hat«, sagte Tina. »Also der Dino den Förster.«

»Irgendwann wird er Hunger bekommen«, sagte Willy. »Dann sind wir schuld, wenn was passiert.«

»Im Wald gibt's genug zu fressen«, sagte Tina. »Waschbären zum Beispiel. Die sind eine echte Plage, sagt mein Vater. Vielleicht frisst der Dino einfach alle Waschbären, dann hätte es auch was Gutes.«

»Der soll lieber den Direktor fressen«, sagte ich.

»Super Idee«, sagte Willy.

»Die beste Neuigkeit aber ...« Ich hielt mein Handy hoch.

»Das haben wir schon mitbekommen«, lachte Tina. »Falls du es gerade nicht brauchst, also ...«

»Nee, ich muss erstmal den Schulchat checken.«

Der Cloud sei Dank waren auf meinem neuen Handy alle meine Apps samt Daten schon da. Im Schulchat war die Hölle los. Ich las noch einmal die letzten Nachrichten, Tina und Willy lasen mit.

MichaXXX

John sieht voll hässlich aus

Chrissss

wie ein Mädchen

MichaXXX

der IST ein Mädchen. Habs beim Duschen gesehen

Chrissss

LOL

MichaXXX

spielt ja auch wie ein Mädchen Fußball

Chrissss

SUPER LOL!

Chrissss

mach weiter, gibt voll fett Punkte!

Davor hatten sie schon wirklich dummes Zeug gepostet. Seitenweise. Aber das war der Zeitpunkt, wo ich mein Handy geschrottet hatte.

»Gott, sind das Idioten«, schimpfte Tina.

»Sowas musst du einfach ignorieren«, sagte Willy.

Ab jetzt kamen neue Nachrichten.

LeonieW

Ihr seid Idioten. John ist voll nett.

»Wer ist Leonie?«, fragte Tina eifersüchtig.

Mir wurde heiß. »Eine Mitschülerin«, krächzte ich und scrollte schnell weiter.

Die Diskussion wurde heftig. Gut, dass Lehrer in der Gruppe nicht zugelassen waren. Schließlich erreichte ich das Ende. Offenbar waren Micha und Chris ziemlich alleine mit ihrem John-Bashing. Fast alle anderen hatten mich verteidigt. Ich musste mich echt beherrschen, nicht vor Rührung loszuheulen, da brummte mein Handy.

LeonieW

Bist du online? Gehts dir gut?

MichaXXX

Hey, John, tut uns leid! Wir wollten nur Punkte sammeln. War nicht so gemeint.

Chrissss

Wir brauchen dich im Team. Du bringst die Tore! Sorry!!!

LeonieW

Das sagen sie nur, weil ihre Lehrerin das verlangt.

MichaXXX

Komm, Alter, sei nicht nachtragend.

Ich holte tief Luft und schrieb meine Antwort.

JB

Meine Meinung zu eurer Entschuldigung folgt jetzt:

Dann tippte ich so oft wie möglich einen KACKEHAUFEN nach dem anderen. Und ENTER!

LeonieW

LOL!!!

Es folgten zahllose Smileys meiner Mitschüler. Das war super!

»Ich glaub, deine Klasse in Berlin ist ganz okay«, lachte Tina.

Ich steckte mein Handy weg. »Genug für heute, ich muss mich erst langsam wieder daran gewöhnen.«


Wir gingen über den Burghof zur Terrasse vor dem Speisesaal und sahen auf den kristallklaren See, über dem die Sonne unterging.

»Willy«, sagte ich, »erzähl mal, was du in der Vergangenheit erlebt hast.«

»Nennt mich bitte William.«

»William ist cool«, sagte ich. Tina nickte.

»Ich bin in der Höhle, wo mich Tim digitalisiert hat, vor einem Jahr aufgetaucht. Allerdings war ich unsichtbar.«

»Krass«, sagte Tina.

»Obwohl ich unsichtbar war, hatte mich in der Speisekammer auf der Suche nach was Essbarem eine Ratte angegriffen.«

»Hilfe!«, sagte ich.

»Sie musste mich irgendwie gespürt haben und sprang mir ins Gesicht. Ich konnte sie mit den Händen abwehren, doch dann machte es PUFF und sie war weg.«

»Wie meinst du das?«, fragte ich.

»Wie ich es gesagt habe, sie löste sich komplett in Luft auf. Ich experimentierte danach noch mit Käfern und anderen Insekten. Alle lösten sich auf, wenn ich sie berührte.«

»Unheimlich«, sagte ich.

»Alles Lebendige, was ich berührte, verschwand vor meinen Augen, selbst Blumen.«

»Gilt das immer noch?« Ich machte einen Schritt von ihm weg und zog Tina mit.

Willy grinste. »Nein, je näher der heutige Tag kam, desto schwächer wurde das Phänomen. Ich wurde mit der Zeit auch wieder sichtbarer. Seit heute ist alles wieder normal.«

»Seltsam«, sagte Tina.

»Ich spielte einige Zeit den Rattenfänger von Burg Grottenfels, bis ich etwas echt Unheimliches bemerkte.«

»Was denn?«, fragte ich.

»Ich fand in einem Lagerraum mehrere Fallen und benutzte sie. Die gefangenen Ratten berührte ich, indem ich den Finger zu ihnen in die Falle steckte. PUFF, sie waren weg. Doch dann flimmerte es ganz merkwürdig im Käfig und ein Rattenskelett erschien.«

»IGITT!«, rief Tina.

»Das verstehe ich nicht«, sagte ich. »Hast du die Ratten umgebracht?«

»Das hatte ich auch zuerst gedacht, aber das passte nicht zu einer anderen Beobachtung. Eine Ratte hatte ein Stück vom Käfig abgeknabbert und hielt es im Maul. Es war aus Metall und als ich die Ratte berührte, verschwand es auch. Als dann kurz darauf das Skelett erschien, war auch das Metallteil wieder da, nur total verrostet.«

»Aha ...«

»Ich machte weitere Experimente und fand heraus, dass jedes Ding, was die Ratten berührten, mit ihnen verschwand und immer, wenn sie als Skelett zurückkamen, kam auch das Ding wieder - nur gealtert.«

»Dann hast du ...«

»... die Ratten in die Vergangenheit geschickt!«, rief Tina.

»Ich glaube, ich hatte sowas wie Zeitenergie in mir. Immer, wenn ich etwas Lebendiges berührte, übertrug ich diese Energie und schickte das Lebewesen in die Vergangenheit.«

»Wow«, sagte Tina, »du bist ja voll der Wissenschaftler. Dein Papa wäre stolz auf dich.«

»Es war gut, dass ich diese Entdeckung zuerst mit Ratten gemacht habe. So war ich vorgewarnt und vermied es, irgendwen zu berühren.«

»Sehr rücksichtsvoll«, lachte Tina.

»Ich konnte mich endlich wichtigeren Dingen zuwenden. Zunächst musste ich mir einen Schutzanzug organisieren, einen Feuerwehrschlauch, einen Kompressor und genug Schimmelvernichter, um dem Seeungeheuer den Garaus zu machen.«

»Cool!«, sagte ich.

»Wenn der Direktor wüsste, was ich mit seiner Kreditkarte so alles von seinem PC bestellt habe.« William grinste. »Ich versteckte das Zeug unter einer Plane in der Höhle. Dann musste ich nur noch auf meinen Einsatz heute warten.«

»Wahnsinn!«, sagte Tina.

»Und hast du auch deine Schwester gerettet?«, fragte ich.

Hoffentlich, hoffentlich, hoffentlich!

»Das war schwieriger, als ich zuerst gedacht hatte, denn ich musste dem Direktor hinterherspionieren, während er ihre Entführung plante. Ich war kurz davor, ihn einfach zu berühren.«

»Verständlich«, sagte ich.

»Doch wer weiß, was das für Folgen gehabt hätte. Ich hielt mich also zurück und wollte Emma mit dem geringsten Einfluss auf das Raum-Zeit-Kontinuum retten. Ich wollte es für alle unbemerkt tun und sie bis heute hier verstecken.«

Wenn die Rettung erfolgreich verlaufen wäre, dann wäre Emma doch jetzt hier, oder nicht? Das dachte offenbar auch Tina, denn sie griff nach meiner Hand und drückte sie. Mir bildete sich ein Knoten im Bauch.

»Das Problem bei Emmas Rettung war, dass ich sie nicht berühren durfte. Ich wollte sie ja nicht in die Vergangenheit schicken. Ich spannte ein Sicherungsnetz an der Stelle, wo sie nach meinen Berechnungen in die Schlucht stürzen würde. Als der Tag ihres Verschwindens kam, geschah alles, wie es der Direktor erzählt hatte. Emma stieg aus, um einem Schmetterling zu folgen, und stürzte ab. Der Direktor sah ihr noch hinterher, aber er bemerkte nicht, dass sie im Netz hing. Ich zog sie mit einer Seilwinde hoch und befreite sie vorsichtig, ohne sie zu berühren. Ich dachte, dass ich immer noch unsichtbar genug bin, aber das stimmte nicht. Emma sah mich und umarmte mich stürmisch. Für einen kurzen Augenblick war ich der glücklichste Bruder auf der ganzen Welt. Ich hatte meine kleine Schwester wieder! Sie gab mir einen Kuss auf die Wange und dann war sie weg.« Williams Augen glitzerten feucht.

»Sie war weg?«, fragte ich und blinzelte.

»Ja«, schniefte William, »ich hatte sie viele Jahre in die Vergangenheit geschickt. Ich hatte sie schon wieder verloren.«

»Oh Gott!«, sagte ich. »Wie schrecklich.«

»Ich forschte nach und fand heraus, dass vor zwölf Jahren ein kleines Mädchen im Wald gefunden wurde. Sie war verwirrt und erinnerte sich an nichts mehr. Nicht einmal an ihren Namen.« William sah mich an. »Das Mädchen kam zu verschiedenen Pflegeeltern, bis sie im September schließlich nach Burg Grottenfels kam. Ein Mädchen mit einem Schmetterling in ihren goldenen Haaren.«

»Oh«, sagte Tina und wurde blass.

»Charleen«, schniefte William, »ist Emma. Doch sie ist nicht mehr meine kleine Schwester. Meine kleine Emma habe ich für immer verloren.«

Tina und ich sahen uns erschrocken an.

»Wie furchtbar«, sagte Tina.

Ich nickte zustimmend. Als wir wieder zu William sahen, war er weg.

»Wo ist er hin?«, fragte ich. Mit Blicken suchten wir die Gegend ab, doch von William fehlte jede Spur.

»Die Treppe zum See«, sagte Tina. »Los, wir müssen hinterher, wer weiß, ob das Tentakelmonster noch lebt.«


Wir rannten die Treppe hinab und am Ufer des Sees entlang zur alten Jagdhütte am See. William stand dort mit tränennassem Gesicht und sah zur untergehenden Sonne.

»Mensch Willy ... äh, William«, keuchte ich außer Atem. »Was machst du denn hier?«

»Hier bin ich in den letzten Monaten immer zum Nachdenken hergekommen«, schniefte William. »Ich habe von dem Tag geträumt, an dem ich meine Schwester endlich wiedersehen werde. Aber jetzt ... jetzt schmerzt es zu sehr, wenn ich sie sehe. Ich kann nur an meine kleine Schwester denken, die ich für immer verloren habe.«

Tina umarmte William. »Ach Mensch«, schniefte sie.

Auch meine Augen wurden feucht.

»Das tut mir leid«, sagte ich. »Vielleicht kann ich dir mit dem Rollsiegel helfen. Wir reisen gemeinsam in die Vergangenheit und retten deine Schwester nochmal.«

William löste die Umarmung mit Tina. Er schüttelte den Kopf.

»Das wird nicht funktionieren«, sagte er. »Das würde es vielleicht noch schlimmer machen. Was ist, wenn wir sie berühren und dadurch hundert oder mehr Jahre in die Vergangenheit schicken? Jetzt weiß ich wenigstens, dass es ihr gut geht. Nur mir geht es nicht gut, aber das ist egal.«

Der arme William. Ich würde ihm so gerne helfen.

William sah auf den See hinaus. »Letzten Monat musste ich einen Jungen davor bewahren, vom Seeungeheuer gefressen zu werden.«

»Wirklich?« Ich bekam plötzlich ein mulmiges Gefühl.

»Ich schlich doch seit der Eröffnung des Internats unsichtbar durch die Burg. Beim vorletzten Vollmond zerrten die Drillinge einen Jungen aus seinem Bett und warfen ihn dem Seeungeheuer zum Fraß vor.«

Mein Herz wummerte wie verrückt.

»Der arme Kerl«, sagte William. »Ich hatte die Drillinge belauscht und so von ihrem Plan erfahren. Tim, ihr Anführer, hatte es ihnen befohlen, weil der Junge dem Direktor mehrmals widersprochen hatte. Darauf steht bei Tim die Todesstrafe.«

»Alter!«, stöhnte ich.

»Die Drillinge haben ihn gefesselt und mit einem Sack über dem Kopf hier abgeladen.« William zeigte zum Ufer. »Dann machten sie ihren Mutter-Singsang und hauten ab, als das Monster auftauchte.«

Meine Kehle trocknete aus. Warum versetzte mich diese Story so in Panik?

»Ich hab den armen Kerl natürlich gerettet, aber er hielt mich für einen Geist und dachte, ich wollte ihn in den See stoßen. Er ist dann wie eine Rakete abgedüst und nie wieder zurückgekehrt. Stell dir vor, der echte Geist von Burg Grottenfels war ich!«

In meiner Erinnerung sah ich das Monster aus meinem Albtraum mit seinen Tentakeln, die nach mir griffen.

William sah mich an. »Dich haben sie letzten Vollmond auch hierher gebracht.«

»Aber das war doch nur ein Traum!«, stammelte ich.

William schüttelte den Kopf. »In den letzten Tagen im Internat wurde es für mich immer schwieriger, niemandem über den Weg zu laufen. Ich wurde ja immer sichtbarer. Ich versteckte mich im Hexenturm, der wegen Bauarbeiten geschlossen war. Ich hatte allerdings vergessen, dass ich vor meiner Zeitreise dort einmal geschlafen habe. Das war in der Nacht, nachdem wir das Ritual durchgeführt hatten. Ich hatte damals Angst, Tim könnte uns das Tablet im Schlaf klauen. Und so wäre ich mir fast selbst über den Weg gelaufen! Ich konnte mich aus dem Turm raus schleichen, da hörte ich laute Schreie. Das warst du.«

»Ich?«

»Die Drillinge hatten dir einen Sack über den Kopf gezogen und dich hierher geschleppt.«

Konnte das wirklich wahr sein?

»Die wollten mich ECHT dem Seeungeheuer opfern?«

»Ich kam gerade noch rechtzeitig«, sagte William. »Leider durftest du mich nicht sehen, daher hab ich dir einen Stein auf den Kopf gehauen. Nur ganz leicht. Gar nicht doll.«

Ich rieb eine Stelle an meinem Hinterkopf.

»Daher habe ich die Beule! Und deshalb hat Tim im Speisesaal so blöd gefragt, was ich denn hier mache. Der dachte, ich bin tot!«

Das musste ich erstmal verdauen. Die hatten echt versucht, mich umzubringen. Als Tim mich in die Schlucht stieß, hatte er so einen blöden Spruch gemacht. Sowas überlasse ich nicht nochmal den Drillingen! Dieser Scheißkerl. Gut für ihn, dass er schon eine Schleimpfütze war.

»Wie bin ich wieder in mein Bett gekommen?«, fragte ich.

»Das hat ewig gedauert, ich konnte dich ja nicht anfassen. Daher habe ich dir ein Seil um die Beine gewickelt und dich über den Boden in dein Zimmer geschleift.«

»Alter!«

Bei der Vorstellung tat mir jeder Knochen im Leib weh.

»Tiiiiiiiiiiinaaaaaaaaah!«, röchelte eine Stimme.

Das war doch jetzt nicht wahr!

»Was war das?«, schrie Tina. »Macht ihr einen Scherz?«

»Tiiiiinaaaaaaaaaaah!«

»Oh nein!«, schrie Tina. Sie zeigte zum See. Dort erhob sich das Ungeheuer. Zahllose Tentakel schlängelten sich aus dem Wasser und peitschten in unsere Richtung.

»Hast ... du ... noch ...?«, stammelte ich.

William verstand sofort. »Nein«, sagte er. »Den Schimmelvernichter habe ich aufgebraucht.«

Das Monster baute sich vor uns auf und wuchs in die Höhe. Sein Schatten war durch die untergehende Sonne riesig und bedeckte uns komplett.

»Tiiiinaaaah!«, brüllte es. Jetzt sah ich auch den Tentakelarm mit Toms halb zerfressenem Gesicht.

»Eeeendlich«, röchelte das Tom-Monster. »Eeeendlich werden wir vereiiiint!«

Tina hob einen Ast auf und fuchtelte damit herum. »Weiche, Bestie!«

Ein Tentakelarm des Monsters packte sie. Mit einer blitzschnellen, fließenden Bewegung warf es sie in sein Maul.

»TINA!«, schrie ich. »NEIN!«

Ich nahm das Rollsiegel aus meiner Hosentasche. Ich spürte, wie seine Energie mich durchströmte, dann richtete ich meinen Arm auf das Monster. Es erstarrte und leuchtete auf. Ich sah einen deutlichen Umriss von Tina, die in ihm hin und her zappelte.

»Was tust du?«, schrie das Wesen. »Aaaaaufhören, das tut weh!« Alle seine Arme peitschten herum.

»Es reicht mir mit dir!«, schrie ich. »Spuck Tina wieder aus, oder ich spreng dich in Stücke!«

»Niemals!«, schrie das Wesen.

Ich hielt das Siegel immer fester. Lichtstrahlen schossen zwischen meinen Fingern hindurch. Es wurde Zeit, den Liebes-Schalter des Rollsiegels zu drücken. Tina konnte mich in dem Glibber nicht hören, also wagte ich es.

»Tina, ich liebe dich!«, flüsterte ich. Ich bekam jedes Mal eine Gänsehaut, wenn ich sowas Kitschiges sagte. Nicht auszudenken, wenn sie mich hörte!

Plötzlich überstrahlte das Licht des Siegels alles.

PENG!

Die Explosion warf mich um. »Uff!«

»Alter!«, rief William. Offenbar hatte es ihn auch umgehauen.

Eine Schockwelle raste über den See und zerfetzte das Monster in kleine Schleimklumpen, die wie Regen auf die Seeoberfläche prasselten und versanken. Übrig blieb Tina, die mit einem lauten PLATSCH im Wasser landete.

»Cool«, lachte William.

Wir standen auf und klopften uns den Staub ab.

»Ich habe einen tollen Superhelden-Namen für dich«, sagte William. »Love Boy

Ich wurde knallrot. »Alter«, stammelte ich, »das ist doch kein Name für einen Superhelden! Wie kommst du auf so einen Scheiß?«

»Ich hab dich ›Ich liebe dich‹ flüstern hören, als du dein Siegel benutzt hast«, lachte William.

»Ja«, stammelte ich, »ich muss das sagen, damit es funktioniert, aber ...«

»Nix aber. Es würde nicht klappen, wenn du es einfach nur sagst. Du liebst Tina wirklich, das ist cool.«

»Nix ist cool! Sowas sagt man nicht zu einem Mädchen, das man erst eine Woche kennt.«

»Aber wenn's doch stimmt?« William lachte. »Love Boy

»Versprich mir, dass du Tina nichts davon erzählst!«

»Nö.« William grinste.

Triefend stapfte Tina aus dem See und kam zu uns.

»Versprich es«, zischte ich.

»Okay, wenn es denn sein muss.«

Würde er dichthalten?

»Was für ein Tag«, schimpfte Tina und nahm ihre verschmierte Brille ab. Sie sah mir in die Augen und kam näher. »Übrigens, in dem Glibberzeug konnte ich jedes Geräusch total laut hören. Der Schleim wirkte wie ein riesiger Verstärker.«

»Ach so ...«, stammelte ich.

»Ja, und weißt du was?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Ich dich auch!« Dann küsste sie mich.


Wir trafen uns um Mitternacht frisch geduscht und umgezogen auf der Terrasse vor dem Speisesaal. Keiner der anderen Schüler war noch wach und meine Eltern und ihre Kollegen hatten sich in das Lagezentrum im Dorf zurückgezogen. Der Mond schien über dem See und es war verblüffend hell.

Smiley hatten wir zuvor im Speisesaal gefunden, wie er an Stromkabeln knabberte. Ich musste echt noch rausfinden, was der kleine Kerl so frisst. Ob er sich als Haustier eignete?

William und ich beobachteten die Mädchen. Sie standen etwas abseits und unterhielten sich. Tina streichelte Smiley und sagte zu ihm lauter Zeug wie »Knuffipuffi« und »Schnuffipuffi«. Gott sei Dank hatte sie mir bislang keinen solchen Kosenamen verpasst!

»Wirst du Charleen erzählen, dass du ihr Bruder bist?«, fragte ich.

»Ich weiß es nicht. Das ist alles einfach zu krass. Charleen ist einfach zu krass.«

»Wie meinst du das?«

»Charleen ist so gar nicht wie meine kleine Emma. Sie redet nur noch von diesem Polizisten.«

Ich lachte. »Sie ist ja auch keine vier mehr.«

»Das weiß ich doch. Aber auch die heutige Charleen hat sich irgendwie verändert. Vor ihrer Geisternummer war sie anders. Damals war sie nett und lustig. Jetzt ... ich weiß nicht. Sie ist irgendwie seltsam.«

»Sie ist halt ein Mädchen«, lachte ich. »Die sind manchmal seltsam.«

»Das sagen die von uns auch«, lachte William. »Apropos seltsam. Ich hatte Charleen vorhin, als du mit Tina auf Smiley-Suche warst, von unserem Abenteuer erzählt, jedenfalls so viel, wie ich selbst erlebt hatte. Da sah sie mich ganz komisch an und sagte, dass du dann ja etwas unglaublich Heldenhaftes getan hast, um sie zu retten. Sie sagte, dass sie einem Jungen, der so etwas für sie getan hat, auf jeden Fall etwas schenken will. Sie glaubt, dass sie dir im Tablet dieses Versprechen schon gegeben hat, auch wenn sie sich nicht daran erinnern kann. Hast du eine Ahnung, was sie damit meint?«

Obwohl es draußen kühl war, wurde mein Kopf schlagartig heiß.

»Nee«, krächzte ich, »keine Ahnung.«

»Ich glaub, sie will dir zum Dank für ihre Rettung einen Kuss geben«, lachte William. »Da wird Tina aber was dagegen haben, oder?«

Ich nickte. Oh ja, Tina wird was dagegen haben.

»Jedenfalls will sie ihr Versprechen noch heute Nacht einlösen. Kann ich dabei sein? Ich würde zu gerne Tinas Gesichtsausdruck dabei sehen.«

Mein Gesicht wurde so heiß, dass mir fast die Haut vom Gesicht schmolz.

Plötzlich war es totenstill, als hätte jemand bei der ganzen Welt auf Pause gedrückt. Ein Spot fiel auf Tina. Ich sah hoch, doch da war kein Scheinwerfer. Das Licht kam direkt aus dem Himmel.

»Tina!«, rief eine Frauenstimme.

»Ja?« Tina sah sich verwirrt um, dann sah sie nach oben zum Licht.

»Herzlichen Glückwunsch, du hast gewonnen!«

»Was denn?«

»Du hast bei unserer Kundenzufriedenheitsumfrage mitgemacht und den ersten Preis im Glücksspiel gewonnen. Du darfst einen Tag Gott sein!«

Tina sah mich mit offenem Mund an.

»Wie krass ist das denn?«, rief sie.

»Nun ja«, sagte die Stimme, »es gab wie immer nicht viele Teilnehmer. Die Leute bekommen ihren Wunsch erfüllt und haben keine zwei Minuten, ein paar Fragen zu beantworten. Aber wenn mal was nicht klappt, dann ist das Jammern groß. Es ist immer dasselbe. Wie auch immer, nimmst du den Gewinn an?«

Tina sah hoch. »Ja, gerne.«

»Schön, deine Zeit als Göttin beginnt sofort!«

»Ich will mich noch umziehen ...«

ZING!

Tina war umgezogen. Sie trug ein rotes Festkleid und ihre langen, schwarzen Haare schimmerten im Mondlicht. Sie sah umwerfend aus!

»Krass, krass, krass!«, jubelte Tina und schaute auf das Kleid. »Ich rede nie wieder schlecht über kitschige Disney-Filme, versprochen.«

»Dann kann es jetzt losgehen?«

»Äh, wieso, wohin?«

»Zum Planeten, wo du einen Tag Göttin bist.«

Tina machte große Augen. »Planet?«

»Ja«, sagte die Stimme, »du darfst einen Tag Göttin auf dem Planeten der Wollmäuse sein, der ursprünglichen Heimat der Menschheit. An- und Abreise sind inklusive.«

»Ich wusste es doch!«, sagte William. »Wir haben außerirdische Vorfahren!«

»An- und Abreise ...« Tina legte ihre Stirn in Falten, dann sah sie mich an. »Kommst du mit? Kann er mitkommen? Und die anderen? Und Smiley?«

»Kein Problem«, sagte die Stimme.

»Darf ich auch mal Gott sein?«, fragte Charleen.

»Na klar«, lachte Tina.

»Dann nix wie hin«, kicherte Charleen und rieb sich die Hände.

»Bin gespannt auf unsere außerirdischen Vorfahren«, sagte William.

Wollmäuse. Was sollte das sein? Mäuse mit einem Pelz? Ich wollte in keinen Streichelzoo!

»John, komm bitte mit«, säuselte Tina. »Alleine gehe ich nicht, das wäre doof.«

Ich seufzte. Wenn sie mich so lieb um etwas bat, konnte ich einfach nicht nein sagen. Und vielleicht wird es ja doch ganz lustig?

»Auf geht's«, rief ich, »zum nächsten Abenteuer!«


ENDE


Und so geht es weiter ...

Danksagung

Dass dieses Buch existiert, verdanke ich meinem Sohn, denn er wollte mal bei diesem spannenden Vorgang zusehen: dem Schreiben. Ich setzte mich von ihm neugierig beobachtet vor ein leeres Dokument und fing an. Es entstand die erste Szene mit John, der in ein Internat abgeschoben werden sollte, weil ein Verbrecher hinter seinen Eltern her war. Mein Sohn forderte immer neue Szenen und je länger ich an dieser Geschichte schrieb, desto spannender fand ich sie. Plötzlich wollte ich nur noch an diesem Abenteuer arbeiten und legte dafür ein anderes Projekt auf Eis.

Besonderer Dank gebührt meiner Frau. Sie ist die Kraft, die mich zu mehr anspornt, als ich zunächst liefere. Ohne ihre ehrliche und immer konstruktive Kritik wäre die Handlung meiner Bücher unverständlicher, weniger spannend und die Charaktere wären weniger glaubwürdig.

Da der Held des Buches älter als mein Sohn ist, brauchte ich eine andere Inspirationsquelle. Ich begab mich auf eine spannende Zeitreise in meine eigene Jugend als pubertierender 13-Jähriger. Das war zu Anfang etwas schwierig, aber mir half die Tatsache, dass ich im Herzen ein Junge geblieben bin, der die Dinge nicht so ernst nimmt.

Aber auch wenn ich die Gefühlswelt eines 13-Jährigen aus eigener Erfahrung kannte, hatte ich Probleme, die richtige Sprache zu finden. Dabei halfen mir jugendliche Testleser, die ihre Aufgabe ganz fantastisch gemeistert haben. So danke ich Nick, Finn, Linda, Julius, Basti und Tim für ihren tollen Einsatz und ihre unglaublich hilfreiche Kritik!

Ich möchte auch den Teilnehmern des Writers Coaching-Kurses, den ich seit 2013 besuche, danken, insbesondere meinen Testlesern Claudia Johanna Bauer (Kursleiterin), Fabienne Boulaich, Ina Wulf und Nicole K., die auch an der Schreibreise nach Usedom 2016 teilgenommen haben, wo ein Großteil meines Jugendbuches entstanden ist. Außerdem möchte ich der Autorin Juliane Jacobsen danken.

Besonderer Dank gebührt auch meiner Illustratorin Sonja K. Richter, die mich durch ihre Bilder zu neuen Dingen inspiriert und mich auf »schiefe Bilder« aufmerksam gemacht hat.

Ohne die Kritik meiner jugendlichen und erwachsenen Testleser wäre dieses Buch heute ein ganz anderes!

Verlag

Impressum

www.karimpieritz.de

© 2018 Verlag Karim Pieritz, Berlin
1. Auflage Februar 2017
2. Auflage November 2018

Alle Rechte vorbehalten

Neue Rechtschreibung

Illustrationen: Sonja Krutyholowa-Richter

Gestaltung: Karim Pieritz

Google Web Fonts: Trade Winds (Überschriften), AnonymousPro (Verschiedenes)

Die Geschichte ist frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Namen oder Ereignissen wäre rein zufällig.

Die Jagd nach dem geheimnisvollen Rollsiegel

Abenteuer-Jugendbuch

für coole Jungen und abenteuerlustige Mädchen

Inhaltsverzeichnis

Burg Grottenfels
Der Geist
Das Quanten-Tablet
Die geheime Macht
Das Rollsiegel
Mutter
Das Digit-All
Der Kampf
Endlich Online
Die Fortsetzung

Der Autor
Danksagung
Kinderbuch-Reihe

Burg Grottenfels

»Lasst mich raus!«, schrie ich und löste meinen Sicherheitsgurt. Wir fuhren mit dem Auto durch die Nacht, vorne saßen meine Eltern.

»Jonathan«, befahl mein Vater. »Schnall dich wieder an, ich fahre über 100!«

»Ich heiße JOHN!« Jonathan nannte er mich nur, wenn er mich ärgern wollte. Ich rüttelte an der verschlossenen Tür, da überholte uns ein Auto. Ich kurbelte das Fenster runter und der Fahrtwind blies mir meine Haare durcheinander. »Hilfe!«, schrie ich. »Ich werde entführt!«

»John«, rief meine Mutter. »Bitte beruhige dich! Es ist doch nur zu deinem Besten.«

»Und deshalb gebt ihr mich weg? Zu FREMDEN? Nein, ihr wollt mich nicht mehr! Ich hasse euch!«

»Schnall dich jetzt an!«, brüllte mein Vater. »Wenn ich im Einsatz jeden Befehl anzweifeln würde, wäre ich schon lange tot!«