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Digitale Originalausgabe

 

 

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Ein Imprint der Arena Verlag GmbH

Digitale Originalausgabe
© Arena Verlag GmbH, Würzburg 2016
Covergestaltung: Alexander Kopainski unter Verwendung von Bildern von ©Shutterstock
Alle Rechte vorbehalten
E-Book-Herstellung: Arena Verlag 2018

ISBN: 978-3-401-84030-7

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Prolog

Zu sterben war unspektakulär. Der Schmerz ließ nach. Das grelle Licht in ihren Augen trübte sich. Die Notwendigkeit zu kämpfen verebbte einfach. Sie schien sich ganz langsam weiter von der Welt zu entfernen, als würde sie weggezoomt werden.

Es war ein Schock, als die Luft zurück in ihre Lungen strömte. Hustend würgte ihr Körper alles wieder hervor. Sie rollte sich keuchend auf Hände und Knie und wunderte sich, dass sie nicht gepackt wurde, dass sich die Hände nicht abermals um ihren Hals schlossen. Warum hatte der Mann sie einfach losgelassen? Sie hörte eine vertraute Stimme an ihrem Ohr, aber das Blut rauschte so laut in ihrem Kopf, dass sie kaum ein Wort verstand. Jemand griff sie fest am Arm – jemand Vertrautes, der immer an ihrer Seite zu sein schien, wenn sie ihn brauchte. Doch ihre Sicht war so verschwommen, dass sie kaum wusste, was passierte. Mit einer Hand an ihrem brennenden Hals kam sie schwankend auf die Füße. Sie griff nach seinem Arm. Er zog sie mit sich.

Doch sie konnte nicht rennen. Sie bekam keine Luft. Woher hatte er die Waffe? Er schlug damit nach dem Sicherheitsbeamten, der sie immer noch verfolgte. Sie liefen auf die Ak’aznar-Brücke, die sich als weiter Bogen auf die andere Seite des Flusses schwang. Ihr war klar, dass sie es so niemals ans andere Ufer schaffen würden. Als ihre Beine erneut unter ihr nachgaben, schüttelte sie bereits den Kopf, bevor er sich zu ihr knien konnte. Seine dunklen Augen waren weit aufgerissen.

»Du musst weiterlaufen«, stieß sie hervor. »Sonst war alles umsonst.« Sie rang nach Atem. »Lauf jetzt«, befahl sie. »Das ist mein Ernst. Lauf!«

»Nicht ohne dich«, widersprach er. Sie wusste, er wollte sie nicht allein lassen und riss sich ein letztes Mal zusammen. Dann konnte sie zumindest ihn retten. Und sie konnte tun, was getan werden musste.

Mit letzter Kraft stieß sie ihn von sich und zog sich am Brückengeländer hoch. »Ich will, dass du läufst – so schnell du kannst. Sonst springe ich.«

Erster Teil

Was sie schaudern ließ, war nicht,

was sie sahen,

sondern das,

wovon sie wussten, dass es da war.

Kapitel 1

Ihre Blicke folgten den glatten, steilen Wänden, bis sie in den grauen Himmel übergingen. Der Schutzwall war das Beeindruckendste, was sie je gesehen hatten. Weiß und massiv ragte er über ihnen in die Höhe – unerschütterlich zu ihrem Schutz.

»Niemand«, behauptete der Propaganda-Beauftragte mit euphorischer Stimme, »niemand kann dieses Bollwerk überwinden – niemals.« Mit einer schwungvollen Geste seines Arms dirigierte er ihre Blicke. »Wie Sie wissen, stehen wir hier vor dem Haupttor. Es erstreckt sich über die gesamte Höhe des Walls und bewegt sich auf digital steuerbaren Schienen.« Er winkte mit einer knappen Handbewegung, damit die Gruppe ihm folgte. »Wir kommen jetzt zu Alpha Nord – einem von acht identischen Wachtürmen.« Kurz drehte er sich noch einmal um – so abrupt, dass die nachkommenden Schüler aufeinander aufliefen. Ein schiefes Lächeln sprang ihm ins Gesicht. Wie jeder Bürger des Systems entsprach sein Aussehen einem standardisierten Phenotyp. Er war Typ D.1 – athletische Statur, blonde Haare und hellbraune Augen. »Wir nehmen natürlich den Fahrstuhl. Unser Hightech-Modell bringt uns in nur fünf Sekunden auf die Plattform in 50 Metern Höhe und spart uns 235 Stufen.«

In geordneten Zweierreihen folgten sie ihm in den Stumpf des Wachturms. Die hoch aufgeschossenen Tore aus dunkelblau getöntem Panzerglas schluckten sie wie beiläufig. Sie durchquerten die Halle zur Hälfte, wo sie die Check-in-Schalter passieren mussten. Auf den endlosen Kacheln verlor sich ihre Schar beinah. Das war die Macht des Systems. Und das System war alles.

Studienrätin Bormann marschierte hinter ihren Schülern her und sorgte dafür, dass auch die letzten das straffe Tempo beibehielten. Das energische Hämmern ihrer Absätze saß ihnen im Nacken. Die Lehrerin hatte zu verstehen gegeben, wie privilegiert sie waren, dass sie die Führung erhielten. Für den Normalbürger waren solche Führungen nicht vorgesehen. Aber als zukünftige Absolventen der besten Elite-Schule der Nord-Union stand es ihnen zu.

»Wir passieren nun die Sicherheitskontrollen«, verkündete der Beauftragte. »Dann zeige ich Ihnen, wovor wir Sie hier schützen – anschließend, wie.« Nacheinander traten sie in die Ganzkörperscanner und ließen über die Mini-Ports in ihren Fingerkuppen ihre DNA einlesen.

»Sie haben uns nicht über die Zwillinge informiert«, wandte sich der Typ-D.1-Mann gedämpft an Studienrätin Bormannn.

Sie faltete ihre Mundwinkel in ein säuerliches Lächeln. »Ist es hier nicht Ihre Aufgabe, uns vor dem Unvorhergesehenen zu schützen? Warum betrachten Sie dies nicht als spontane Übung?«

»Sicher.« Einen Augenblick war seine Miene gefangen zwischen Vorwurf und seiner standardmäßig eingestellten Ungezwungenheit. Schließlich brachte er hervor: »Sicherheitstechnisch wäre es dennoch wünschenswert gewesen, Vorkehrungen zu treffen.« Dann beeilte er sich, wieder an den Anfang der Gruppe zu gelangen. Ehe er die Schüler in Richtung des Fahrstuhls winkte, wartete er, bis zwei Soldaten sich ihnen anschlossen. Sie trugen hellgraue Uniformen und eine glänzend schwarze Panzerung, die ihren Brustkorb, aber auch Arme und Oberschenkel, schützte. Ihre Gesichter waren hinter den Visieren ihrer Helme nur zu erahnen. Auf dem Weg durchs Gebäude blieben ihre automatischen Gewehre auf die Rücken der Zwillinge gerichtet.

Lautlos flog der gläserne Fahrstuhl mit ihnen in die Höhe und gab sie nach nur wenigen Augenblicken auf den Kamm des Schutzwalls frei. Nebeneinander traten Nell und Julianne an die mit Schießscharten versehene Brüstung. Scharf blies ihnen der Wind entgegen, griff ihnen ins Haar, ließ es wie dunkle Schleier hinter ihnen wehen. Gemeinsam ließen sie ihre Blicke in die Tiefe stürzen. Ein Graben machte den Schutzwall vom Getto aus unerreichbar. Endlos und öde erstreckte sich dahinter die grasbewachsene Ebene. Am Horizont ließ sich als dunkler Streifen der Beginn des Urwalds erahnen. Was sie schaudern ließ, war nicht, was sie sahen, sondern das, wovon sie wussten, dass es da war.

Sie berührten sich nicht. Das wäre gefährlich gewesen, gerade jetzt. Aber es war auch nicht nötig. Ein winziges Zucken im Augenwinkel genügte, um zu wissen, dass die andere das Gleiche dachte: Eine von ihnen würde dort unten enden – auf der anderen Seite, im Getto.

Wieder winkte der Führer die Gruppe von Jugendlichen zusammen. »Eine sicher einmalige Gelegenheit: Sie erhalten einen exklusiven Blick auf das Getto. 60.712 Quadratkilometer Wildnis hat das System den Freien abgetreten«, erklärte er. »Wie Sie wissen, handelt es sich um all jene, die sich nicht an die Regeln unseres Systems halten wollten oder ihnen nicht gewachsen waren – also um ehemalige Bürger, die untreu wurden. Unseren Beobachtungen zufolge haben sie bisher keine Bemühungen gezeigt, einen Status zu erreichen, den man als zivilisiert bezeichnen könnte. Sie leben als Wilde, vermehren sich und ziehen ihren Nachwuchs in weitgehender Ignoranz jeglicher Werte groß.« Im Prinzip erzählte er ihnen nichts Neues. Die Großzügigkeit des Systems war allgemein bekannt. Obwohl diese Individuen ihre animalischen Triebe nicht zu kontrollieren vermochten, wie gesunde Bürger, wurden sie nicht eliminiert. Sie wurden lediglich aus der Gesellschaft entfernt, um andere nicht zu infizieren. Natürlich verloren sie die Sicherheit, die das System ihnen bot, aber sie durften am Leben bleiben. Nell und Julianne schauten stumm in die Leere.

»Wie viele leben im Getto?«, wollten ihre Mitschüler wissen.

»Nun.« Der Propaganda-Beauftragte stand steif an der Brüstung. »Nach derzeitigen Schätzungen zählen wir momentan ungefähr 10.000 Freie.«

»Das ist eine unglaublich geringe Bevölkerungsdichte für das Gebiet«, bemerkte ein Schüler sofort. »Angeblich handelt es sich doch um sehr fruchtbares Land. Warum müssen wir ihnen so viel überlassen?«

Der Typ-D.1-Mann verschränkte die muskulösen Arme vor der Brust. »Hierfür gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Zum einen existiert jenseits des Schutzwalls zunächst ein Sicherheitsstreifen, der von den meisten Punkten aus mehrere Kilometer ins Landesinnere reicht. Wenn Freie sich diesem nähern, sichten wir sie schon von Weitem. So können wir früh Maßnahmen ergreifen, sollten sie sich dem Schutzwall in größeren Gruppen nähern. Zum anderen werfen sich direkt dahinter Hügel auf, die in einen dichten Urwald übergehen. Die Landschaft ist von Seen und einigen hohen Bergen geprägt. Über weite Strecken ist der Zugang zum Meer nur über steile Klippen möglich. Natürlich könnte diese Wildnis erschlossen werden, allerdings nur mit sehr großem Aufwand.« Sein Grinsen ließ ihn ausgesprochen zufrieden wirken. »Drittens macht es insbesondere wegen des Vulkans wenig Sinn, das Gelände zu besiedeln. Es gibt einzelne Geologen, die glauben, er sei eingeschlafen. Die meisten warten allerdings längst auf den nächsten Ausbruch, und wenn dieser Berg explodiert, werden aller Wahrscheinlichkeit nach große Teile des Gebiets zerstört. Es ist für uns also nicht ratsam, dort eine dauerhafte Siedlung einzurichten.«

Studienrätin Bormann stieß ein missbilligendes Zischeln aus. Die Schüler schreckten aus ihrer andächtigen Stimmung und konzentrierten sich auf ihre Lehrerin. Nur Nell drehte sich nicht augenblicklich um, sondern blickte weiter in die Ferne. Die Wildnis schien sich hinter den Hügelkuppen ihren Blicken zu entziehen. Aber auch die struppige, ungeordnete Wiese fesselte ihren Blick. Der Wind tauchte durch die langen Halme und bauschte sie zu Wellenmustern auf. Dazwischen wuchsen zahllose Blumen. Von der Höhe des Schutzwalls waren sie lediglich als bunte Kissen sichtbar. Es war verwirrend, wie viel Schönheit sich in dieser fremden Welt fand, obwohl niemand sie in Muster geordnet hatte.

Studienrätin Bormann verschränkte ihre feingliedrigen Hände ineinander. Sie entsprach Phenotyp C – mit zierlicher Statur, braunen Haaren und braunen Augen. Neben dem groß und breit gebauten Propaganda-Beauftragten wirkte sie unscheinbar. Ihre Schüler kannten jedoch ihre unnachgiebige Art und ließen sich nicht von ihrer Erscheinung täuschen. »Wir dürfen nicht vergessen, was der oberste Grund für die Großzügigkeit des Systems ist«, bemerkte sie, ohne dass ganz klar war, ob sie den Propaganda-Beauftragten zurechtwies oder die Schüler aufklärte. »Wer seinen Platz im System nicht will, dem steht es frei zu gehen.« Ruckartig zuckte ihr Kopf in die Richtung des Gettos. »Dorthin«, erklärte sie, »in die Freiheit.«

Böig rollte sich der Wind über den Schutzwall. Plötzlich fühlte er sich kälter an. Die Freiheit – das war ein Ort für Verbrecher. Das war der Ort für alle, die sich nicht an die Regeln hielten. In die Freiheit würde eine von ihnen ausgewiesen werden – Nell oder Julianne.

»Sehr richtig«, bestätigte ihr Führer in seiner unerschöpflich guten Laune und rieb sich kurz die Hände. »In der Freiheit vermehrt sich das Verbrechen eifrig.« Er lachte und rang zumindest einigen Schülern ein zerstreutes Lächeln ab.

Der Blick in die Natur war wie ein Fenster in eine andere Welt. Es war unglaublich, dass alles dort einfach gewachsen war – hervorgebracht von einer nicht greifbaren Kraft, allein von der Natur – ganz ohne Kontrolle durch Menschenhand. Zuerst war es faszinierend gewesen. Es wurde Nell jedoch zunehmend unheimlich. Niemand hatte unter Kontrolle, was dort passierte. Die Sensation wäre perfekt gewesen, wenn sich ihnen nun auch einer der Freien gezeigt hätte.

Der Propaganda-Beauftragte riss sie jedoch aus ihren Betrachtungen, indem er sie energisch zurück zum Aufzug drängte. »Wir haben einen Besichtigungstermin im Kontroll-Terminal von Alpha Nord.«

Nachdem alle Schüler in die Kabine gezwängt waren, sackte der Fahrstuhl in die Tiefe. Die Mauern des Schutzwalls schoben sich vor ihre Aussicht und verschluckten das Getto. Nell warf einen vorsichtigen Blick in Richtung ihrer Schwester. Der Soldat stand mit dem Gewehr direkt hinter ihnen, sodass sie lieber nicht nach ihrer Hand griff. Julianne starrte mit blassem Gesicht vor sich hin.

Automatisch folgte sie der Gruppe, als sich die Fahrstuhltüren auf halber Höhe des Wachturms öffneten. Nell hätte ihr gern Mut gemacht. Sie würden sich etwas einfallen lassen. Es musste eine Möglichkeit geben, damit sie beide im System bleiben durften.

Als sie an Studienrätin Bormann vorbei durch die Tür in den Kontroll-Terminal I ging, spürte sie schwer den Blick der Lehrerin auf sich. Nell verzog jedoch keine Miene. Ihr Blick blieb kühl geradeaus gerichtet. Sie wusste, dass ihr im Gegensatz zu Julianne keine Regung anzumerken war. Nicht einmal ihr Herzschlag hatte sich beschleunigt. Studienrätin Bormann wandte ihre Aufmerksamkeit beruhigt den Großbildschirmen im Kontrollraum zu.

An mehreren Reihen von Schreibtischen saßen Soldaten, die das Getto über Satellitenbilder im Blick behielten. Sie schenkten der Schülergruppe keine Beachtung. Wie ihre Kollegen trugen sie hellgraue Anzüge – allerdings ohne die glänzende schwarze Panzerung. Erleichtert stellte Nell fest, dass auch Juliannes Blick interessiert an den Kontrollarmaturen hing. Ein wenig gesunde Farbe kehrte in ihre Wangen zurück, während sie zuhörte, wie der Propaganda-Beauftragte die Technik und Software erläuterte.

Nell und Julianne glichen sich in sämtlichen Details. Unterschieden werden konnten sie nur durch komplexe Verfahren. Die Standard-DNA-Scanner, die überall zum Bezahlen und Identifizieren Verwendung fanden, konnten das nicht zuverlässig leisten. Schlimmer noch als die Tatsache, dass sie mit ihrer puren Präsenz bei jeder Kontrolle die technischen Lücken im System verdeutlichten und den anderen Bürgern vorhielten, war die Tatsache, dass sie hier nicht hergehörten. Es sollte sie nicht geben. Sie waren wider das System, der Idee der stätigen Genverbesserung von Individuen. Aus ihrer DNA hatte man bereits vor ihrer Geburt eine äußerst günstige Kompetenzverteilung errechnet. Daraufhin hatten Nell und Julianne unterschiedliche Förderprogramme durchlaufen. Bis dahin mussten Nell und Julianne mit dem Stigma leben, dass es – in einer Welt von Individualisten – zwei von ihnen gab. Anderen waren sie unheimlich. Es war offensichtlich, dass es eine Verbindung zwischen ihnen gab. Und enge Bindungen zwischen Systembürgern galten als widerrechtlich. Eine enge Bindung hatte jeder Bürger nur zum System und zu sich selbst – zu nichts sonst. Dafür musste man sich nicht sorgen, weil das System sich sorgte und für Sicherheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit garantierte. Jedem Systembürger stand ein Platz in dieser Ordnung zu, wenn er sich an die Regeln hielt. Sosehr sie darauf trainiert waren: Die Bindung zwischen Nell und Julianne konnte man nicht leugnen. Vor dem System galten sie jedoch nur als eine Person: Die wertvolle, mit der man weiterarbeiten sollte, und dem weniger effektiven zweiten Teil, der aussortiert werden musste. Es war nur ein Platz für sie vorgesehen – nicht zwei. Deshalb würde eine von ihnen gehen müssen. Anschließend würde das System alle Spuren beseitigen, die darauf hindeuteten, dass es den überzähligen Zwilling je gegeben hatte.

»Der Schutzwall reicht bis aufs Meer hinaus. Suchscheinwerfer, unsere fortschrittlichste Kamera-Technologie sowie steuerbare Schussanlagen verhindern auch bei Nacht, dass Freie den Schutzwall umfahren und an unserer Küste anlanden.«

»Warum ist der Schutzwall an der Meerseite nicht vollständig geschlossen?«, fragte ein Schüler. »Können die Freien nicht entkommen, indem sie aufs Meer hinausfahren?«

Vehement schüttelte der Führer der Gruppe den Kopf. »Ihre Technologie erlaubt es ihnen, Flöße und einfache Boote zu bauen – nichts, was der Hochsee standhielte. Um Land zu erreichen, müssten sie über 5.000 Kilometer überwinden, das ist vollkommen ausgeschlossen. Die Schließung des Schutzwalls zur Meerseite hin würde also nur unnötig Ressourcen kosten, da die Instandhaltung durch die ständige Brandung extrem aufwändig wäre.« Er hielt inne und warf einen triumphierenden Blick in die Runde, ehe er den letzten Kniff verriet: »Bei regelmäßigen Patrouillen durch das Getto überprüfen unsere Kommandeure zudem die Entwicklung der Getto-Bevölkerung. Sollten sie ungewöhnliche Aktivitäten registrieren, erstatten sie Meldung und entsprechende Maßnahmen werden ausgelöst.«

Er hielt sich vage. Wie immer, wenn sie einen vorsichtigen Blick jenseits der Systemgrenzen werfen durften, wurden ihre sonst so präzisen Unterrichtsinhalte ungenau. Was sollten das für Maßnahmen sein, fragte sich Nell. Und warum sprach der Typ-D.1-Mann nicht aus, dass die Freien Staaten des Westens – der größte politische Konkurrent des Systems – das einzige Ziel jenseits des Ozeans waren, das die Freien ansteuern könnten? Natürlich wusste der Großteil der Systembevölkerung nichts über die Freien Staaten – außer, dass sie irgendwo jenseits des Ozeans existierten. Aber sie waren immerhin die zukünftige Elite. Sollten sie nicht mehr erfahren dürfen?

Nell musterte die Bildausschnitte, die einander auf den großen Bildschirmen im Kontroll-Terminal ablösten. Der Propaganda-Beauftragte erging sich in ausschweifenden Gesten, um markante Landmarken auszuweisen. Er deutete auf den Vulkan, wies auf die beiden großen Seen hin und fuhr mit einer Handbewegung die Küstenlinie nach. Eine von ihnen würde sich dort draußen zurechtfinden müssen. Außer sie konnten es verhindern.

Kapitel 2

Die Sonne ließ ihr Licht großzügig über den Zen-Plaza fließen. Gleißend wurde es von den umstehenden weißen Mauern reflektiert. Die Architekten hatten auf scharfe Ecken und Kanten verzichtet. Die Gebäude strebten in eleganten Kurven in die Höhe. Nell und Julianne saßen am Rand des Zen-Gartens – dem Mittelpunkt des Platzes nahe dem Zentrum von Monacum. Das helle Licht ließ Juliannes schwarze Haare beinah bläulich schimmern. Nell konnte sich in ihr sehen wie in einem Spiegel. Sie entsprachen Phenotyp B.1 – groß und schlank mit schwarzen Haaren und grünen Augen. Julianne hatte sich einen strengen Zopf gebunden, während Nell ihre Haare offen trug. Wie jeder andere Systembürger mussten sie die einheitliche Garderobe tragen und so war es ihre einzige Möglichkeit, sich voneinander abzugrenzen. Der fließende Stoff der schlichten Hose und des ärmellosen Oberteils mit V-Ausschnitt war in ihrem Fall dunkelblau. Da sie erst bei ihrer Klassifizierung nach ihren Abschlussprüfungen endgültig einer der drei existierenden Kategorien zugeteilt würden, waren sie derzeit noch Anwärter auf die Kategorie 1. Zum Zeichen dafür waren die Säume ihrer Shirts weiß abgesetzt und die Hosenbeine mit einem dünnen weißen Streifen versehen. Dunkelblau war die Farbe der ersten Kategorie. K2-Bürger trugen Dunkelgrün und K3-Bürger Dunkelrot.

Nicht weit von ihnen führten über wenige Stufen kiesbestreute Wege unter das kühle Dach üppiger Pflanzen mit unnatürlich großen Blättern. Plätscherndes Wasser und sorgsam hergestellte Symmetrie erleichterten den Weg in die Meditation, bei der jeder Systembürger regelmäßig sein Gedächtnis leeren musste.

Früher war Nell gerne dort spazieren gegangen. Das viele Grün war eine Erleichterung fürs Auge. Die Stadt bot wenig, wo man sich vom sterilen Weiß erholen konnte. Seit sie diesen kurzen Blick ins Getto erhascht hatte, schien es jedoch nicht mehr echt. Seit sie dort oben auf dem Wall gestanden hatte, fragte sie sich, wie es sich anfühlte, durch ungekürztes Gras zu laufen.

Während sie den gekühlten, angenehm süßen Saft trank, ließ sie ihren Blick über das sich endlos fortsetzende Schachmuster der Bodenplatten gleiten. Obwohl am Siebten Tag niemand arbeitete und viele Menschen unterwegs waren, verloren sie sich auf dem weitläufigen Platz.

»Erinnerst du dich an unseren Schulausflug?«, fragte Julianne unvermittelt. Ihre Augen schimmerten hellgrün im Sonnenlicht.

»Du meinst, als wir zum Getto gefahren sind?«, vermutete Nell. Julianne nickte zögernd. Es war nicht ratsam, hier darüber zu sprechen. Das Getto war die Angst, die ihnen allen im Nacken saß. Das Beste war, so zu tun, als existierte es nicht.

»Es ist bald so weit«, flüsterte Julianne trotzdem und riss Nell aus ihrer entspannten Stimmung. Der Schulausflug war fast zwei Jahre her und die Ausweisung schien noch unausweichlicher als damals.

»Noch drei Monate«, stimmte Nell zu.

Julianne schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht von dir getrennt sein.«

Nell seufzte kurz. »Vielleicht sollten wir mit unserer Mutter reden«, schlug sie vor. Es war eine nutzlose Idee, aber sie wollte sich später nicht vorwerfen, irgendetwas unversucht gelassen zu haben. Sie lehnte sich zurück und stützte sich mit den Händen im sorgsam manikürten Grasteppich ab. Julianne jedoch stand abrupt von dem niedrigen Mäuerchen auf. »Ich hasse die Zeit«, stieß sie hervor. »Seit mir klar ist, dass wir auch von dem Gesetz betroffen sind, verabscheue ich jeden Augenblick, der vergeht.«

Hastig sprang Nell auf und ergriff Julianne am Arm, um sie energisch mit sich zu ziehen. Sie wusste, was ihre Schwester meinte. Die Zeit scheint dein Feind zu sein, wenn es diesen einen Tag gibt, vor dem du dich fürchtest, von dem du hoffst, dass er niemals kommt. Unaufhaltsam tickt er dir entgegen.

Julianne musste dringend auf heitere Gedanken gebracht werden, damit sie dem System die Selektion nicht noch leichter machte – sonst würde der nächste DNA-Scanner die hohe Konzentration von Stresshormonen in ihrem Blut registrieren oder die soundsensitiven Überwachungssensoren würden die Anspannung in ihrer Stimmung signalisieren oder irgendeiner der treuen Systembürger würde sie als ungewöhnliche Beobachtung melden. »Du musst dich konzentrieren«, redete Nell gedämpft auf sie ein, während sie Julianne in Richtung des Fahrstuhls zur Untergrundbahn dirigierte. »Du darfst gerade jetzt nicht die Nerven verlieren. Wir haben das so oft geübt. Konzentriere dich aufs Atmen – langsam durch die Nase einatmen und kontrolliert durch den Mund ausatmen, bis sich dein Herzschlag beruhigt.« Durch die richtige Atemtechnik ließ sich vieles im Körper kontrollieren. Die Stimme wurde ruhiger. Die Muskeln entspannten sich. Aber Juliannes vegetatives Nervensystem, das den Körper unwillentlich und plötzlich unter Anspannung setzen konnte, überrumpelte sie immer wieder.

»Es ist nicht so, dass ich es nicht versuche«, behauptete Julianne hilflos, während sie sich über die schwarzen und weißen Bodenplatten ziehen ließ. »Ich kann nicht ins Getto gehen«, stieß sie hervor – ihre Stimme durch die Anspannung immer noch zu hoch.

Nell fasste sie fester am Arm. »Das reicht nicht«, sagte sie scharf. Gerade jetzt waren vermutlich alle verfügbaren Kameras und Mikrofone auf sie gerichtet. Die Spracherkennung erfasste Unworte und Sensoren griffen jede erregte Stimme auf. Wenn das Getto erwähnt wurde, blinkten in irgendeinem Kontroll-Terminal kleine Lämpchen und Wachleute wurden auf sie aufmerksam. »Du darfst solche Sachen nicht sagen – schon gar nicht in der Öffentlichkeit.«

»Ich weiß …«, Julianne wollte gerade weiterreden, doch Nell schüttelte den Kopf. Mit einem warnenden Blick brachte sie ihre Schwester zum Schweigen. Sie erreichten den Lift in den Untergrund. Zum einen war der Fahrstuhl unter Garantie bild- und tonüberwacht, zum anderen gerieten sie hier ins Gedränge der bummelnden Menschen, die alle wohldosierte Fröhlichkeit auf ihren Gesichtern spazieren trugen.

Die Schwestern warteten, bis eine Gruppe Bürger der Kategorie 3 in dunkelroten Garderoben die Kabine verlassen hatte und sich zügig über den Zen-Plaza verstreute. Nell fasste Julianne an beiden Händen, obwohl sie wusste, dass sie dadurch noch mehr auffallen würden. »Lenk dich ab«, befahl sie. »Konzentriere dich auf irgendeine Zahlenfolge.«

Nell wusste, dass diese Übung Julianne immer half: Zahlen aufzureihen gab ihr Sicherheit und sie war beinah unschlagbar darin. Ihr Puls beruhigte sich, ihr Atem wurde entspannter. Hinter drei jungen Männern in dunkelgrünen Kategorie-2-Garderoben betraten sie den Fahrstuhl. Sie entsprachen Typ B – die üblichere Kombination mit braunen Augen zu den schwarzen Haaren. Nell lehnte sich gegen das blaue Glas der Fahrstuhlwand und ignorierte gleichmütig die Blicke der drei Männer.

Die Leute starrten immer, wenn sie die Zwillinge zusammen sahen. Je älter sie wurden, desto häufiger zuckten die Blicke in ihre Richtung, desto hastiger flackerten sie wieder davon, desto heimlicher wurden sie beobachtet von Leuten, die sich selbst unbeobachtet glaubten. Je älter sie wurden, desto mehr verdichteten sich die Schatten um sie herum. Nell warf einen Blick in Juliannes Richtung. Erstaunt bemerkte sie den Augenaufschlag, den Julianne den Männern zuwarf. Er schien sogar Wirkung zu haben. Mindestens amüsierten die drei sich darüber. Einer blinzelte Julianne sogar kurz zu. Verwundert fragte sich Nell, wie ihre Schwester plötzlich diesen Blick unter ihren langen Wimpern hervorzauberte. Ein Lächeln spielte schelmisch um ihre Lippen.

Doch selbst wenn die Männer reagierten, war es gefährlich. Grundsätzlich achtete man besser darauf, anderen nicht zu lange in die Augen zu sehen. Dann hatte das System auch keinen Grund nachzuforschen. Da Nell und Julianne gemeinsam aufwuchsen, wurden sie ohnehin häufiger als andere überprüft. Denn normalerweise wurden Zwillinge wenigstens nach der Geburt getrennt und in Ausbildungsprogramme in verschiedenen Teilen der Nord-Union geschickt. Nach Abschluss der Ausbildung entschied ein Gericht auf Basis mehrerer Kompetenztests, welcher Zwilling ausgewiesen wurde. Die Ausnahme war bei Nell und Julianne nur gemacht worden, weil die äußerst breit gestreute und günstige Kompetenzentwicklung aus ihrer DNA errechnet worden war. Sie besuchten die beste Eliteschule des Systems, wo eine optimale Förderung in verschiedenen Kompetenz-Programmen sichergestellt war. Trotzdem würde eine von ihnen gehen müssen. Und bis dahin begegnete man ihnen mit Misstrauen.

In den gewölbten weiß getünchten Gängen des Untergrunds nahmen die drei jungen Männer bald einen anderen Weg als Julianne und Nell. Ein letzter Blick flog zwischen ihnen her, dann bogen die Schwestern auf eine U-Bahn-Plattform ab. Eine an die Wand projizierte Anzeige zählte die verbleibende Zeit bis zur Ankunft des nächsten Tunnel-Blitzes in Millisekunden herunter. Darunter eilten die Namen der Stationen auf der Route entlang. Die Endstation des nächsten TB lag in dem Außenbezirk von Monacum, in dem ihre Mutter lebte. Es blieb noch Zeit, bis sie sich im Internat zurückmelden mussten.

»Lass uns direkt zu ihr fahren«, schlug Nell vor.

Julianne erwiderte zweifelnd ihren Blick. »Ohne uns anzumelden?«

Die Plattform füllte sich rasch mit Menschen. Die Uhranzeige machte sich bereit, auf Anfang zu springen. Von vorne her ersetzte eine Null nach der anderen die rasenden Zahlen. Lautlos und silbern schoss der TB in die Station.

»Du hast selbst gesagt, wir haben keine Zeit mehr«, erinnerte Nell ihre Schwester. »Wir fahren einfach hin, statt wochenlang auf einen Termin zu warten.«

Mit einem zögernden Nicken stimmte Julianne zu. Obwohl sie nicht weit von ihr entfernt wohnten, hatten sie ihre Mutter noch nie spontan besucht.

Der TB öffnete seine Türen und spuckte eilig lange Reihen von Fahrgästen aus. Ebenso zügig betraten anschließend die auf der Plattform wartenden Fahrgäste die Bahn. Als Julianne und Nell nacheinander ihre DNA einlasen, geriet der Fluss ins Stocken. Der Automat stieß einen irritierten Summton aus und ließ ein rotes Warnlicht kreisen. Die Zwillinge traten zur Seite, um auf einen Wachmann zu warten, aber die übrigen Fahrgäste mussten mit ihnen ausharren, bis er kam. Eilig näherte sich der Wachmann. Über der Brusttasche seines dunkelgrauen Overalls waren in roter Farbe die Buchstaben TB eingenäht. Er tippte eine rasche Zahlenfolge in das Tastenfeld des Automaten und bestätigte sie durch seine DNA. Das Summen verklang. Das rote Warnlicht erlosch. Der Nächste in der Schlange rückte vor. Der Wachmann sah misstrauisch zwischen den Zwillingen hin und her. Dann nahm er jedoch kommentarlos einen Multi-Scanner vom Gürtel, um ihre Fingerabdrücke und Netzhäute zu prüfen. Anschließend durften sie sich setzen. Kaum hatten sie die Haltebügel heruntergezogen, glitten die Türen zu und die lautlose Beschleunigung des TB drückte sie in den Sitzen zurück. Nell und Julianne legten die Köpfe gegen die Nackenstützen. Die hohe Geschwindigkeit bekam ihnen beiden nicht, aber mit der richtigen Atemtechnik ließ sich die aufsteigende Übelkeit gut kontrollieren. Beinah ohne Fahrtgeräusche tauchte der TB durch den tiefschwarzen Tunnel. Das Bild der langen Sitzreihen wurde zwischen den spiegelnden Scheiben hin und her geworfen.

Nell sah ihre Schwester forschend von der Seite an. »Gerade im Aufzug – was hatte das zu bedeuten?«, wollte sie wissen.

Julianne bemühte sich erfolglos um eine unschuldige Miene. »Was?«

Statt einer Antwort versuchte Nell, Juliannes Blick aus dem Fahrtstuhl zu imitieren. Julianne musste lachen, stieß ihre Schwester aber vorwurfsvoll in die Seite.

»Blödsinn«, stritt sie ab, »so habe ich bestimmt nicht geguckt.«

»Genau so!«, beharrte Nell mit einem Grinsen, wurde im nächsten Moment aber ernst. »Du weißt schon, was du tust, oder?«

Julianne verdrehte die Augen. »Was habe ich denn gemacht?«

Nell unterdrückte ein Seufzen.

Julianne schüttelte ärgerlich den Kopf. »Was soll an Höflichkeit denn schlimm sein?«

Nell zog nur die Augenbrauen hoch und sie schwiegen während der TB in einer Station hielt. Je weiter sie sich vom Stadtzentrum entfernten, desto kürzer wurden die Schlangen auf den Plattformen. Nachdem die Bahn wieder beschleunigt hatte, sagte Nell gedämpft: »Du solltest das einfach nicht tun.«

»Ich verstehe aber nicht, wieso«, entgegnete Julianne ungehalten. »Ich fand, er sah gut aus. Und offenbar habe ich ihm auch gefallen. Dann dürfen wir uns doch ansehen.« Mit geschlossenen Augen hatte sie sich zurückgelehnt. Ein verträumtes Lächeln schwang sich um ihre Mundwinkel. »Ich wünsche mir, dass ich das eines Tages erlebe. Wie es uns früher erzählt wurde. Ich wünsche mir, dass es jemanden gibt, dem ich so viel bedeute, dass alles andere egal ist.« Sie seufzte leise und fügte schließlich hinzu: »Ich glaube, man spürt es daran, wie sie einen ansehen.«

Nell war froh, dass Julianne die Augen nicht öffnete, sondern sich offenbar ausführlich ausmalte, wie sich das anfühlen würde. So konnte sie nicht sehen, wie Nell sich abwandte. Es war albern, dass Julianne diese kindischen Fantasien noch immer nicht kontrollieren konnte. Und gefährlich. »Früher« war auch so ein Wort, das man besser nicht zu oft verwendete. Denn wer zu viele Erinnerungen an »früher« hatte, war offensichtlich nicht besonders gut darin, seinen Geist zu leeren, wie es Vorschrift war. Unvermittelt stieg eine diffuse Erinnerung in ihren eigenen Gedanken auf – eine alte Frau, die an ihrem Bett gesessen und erzählt hatte. Streng genommen hatte Nell lange geübt, jede zaghafte Erinnerung augenblicklich zu unterdrücken, sobald sie an ihrem Bewusstsein kratzte. Doch diese eine ließ sie zu.

Mir blutet so das Herz.

Aus der Dunkelheit tauchten Erinnerungsfetzen an Geschichten und verbotene Lyrik auf. Ihre Mutter hatte sich bemüht, die Frau von ihnen fernzuhalten, aber damals waren Nell und Julianne neugierig gewesen. Mittlerweile hatte Nell längst vergessen, wer die Frau war oder was genau sie ihnen erzählt hatte. Dennoch waren vermutlich die wenigsten Kinder solchen Einflüssen ausgesetzt. Und Julianne hatte offensichtlich diesen Teil ihrer Geschichte nicht aus dem Gedächtnis gelöscht. Dabei war das Vergessen der vielleicht zentralste Kern des Monoismus, dem Prinzip, nach dem das System in aller Strenge strebte: Nur wer im Moment lebte, ohne sich von vergangenem Ballast oder zukünftigen Problemen ablenken zu lassen, funktionierte effizient. Sich Sorgen zu machen, war überflüssig, wenn das System für einen sorgte. Darüber hinaus sorgte das Vergessen dafür, dass man keine unerwünschten Bindungen zu anderen Individuen aufbaute. Das Vergessen garantierte, dass man dem System treu blieb und das schuldete man dem System für die Sicherheit, die es einem bot. In ihrem Fall war das Problem nur, dass sich das System für eine von ihnen entscheiden würde, für die es sorgen wollte.

Julianne öffnete die Augen erst wieder, als Nell sie in Bezirk 8 des Äußeren Rings anstieß, weil sie aussteigen mussten. Der Automat summte und blinkte zum zweiten Mal aufgebracht und der TB-Wachmann eilte mit seinem Multi-Scanner herbei. Dann folgten sie vereinzelten Passagieren in die weiße, hell ausgeleuchtete Tunnellandschaft der Bahn. Lang gestreckte Pfeile trieben sie dem nächsten Ausgang entgegen. Von der nächsten Fahrstuhlkabine ließen sie sich an die Oberfläche einer ruhigen Wohnstraße schwämmen.

Julianne sah sich um. »Weißt du noch, in welche Richtung wir gehen müssen?«

Unsicher schaute Nell die Straße in beide Richtungen hinunter. Es boten sich kaum Anhaltspunkte, um ein einzelnes Grundstück von den anderen zu unterscheiden. Gerade strebte die Straße von einer Kreuzung zur nächsten.

»Das Haus war nicht weit von einem Fahrstuhl entfernt«, erinnerte sie sich. »Wir sollten uns aufteilen.«

Über die sauberen weißen Bodenplatten entfernten sie sich voneinander. Ordentlich weiß lackierte Zäune fassten von beiden Seiten die Straße ein. Dahinter bildeten manikürte Rasenflächen, runde Teiche mit spiegelnder Wasserfläche und gewagt designte Sträucher die Gärten. Die zum größten Teil einstöckigen Standardhäuser mit weißen Mauern und großen Fenstern setzten höchstens auf den Dachterrassen ein paar weitere grüne Akzente. An ein paar wenigen Gebäuden waren die Fensterrahmen in blassen Pastellfarben gestrichen. Nell glaubte, sich zu erinnern, dass eine hellblaue Eingangstür zum Haus ihrer Mutter gehörte. Ein paar Kinder rannten lachend hintereinander her und riefen, dass die Freien kämen, um sie zu holen. Etwas weiter verschwanden sie auf einem Grundstück. Auf manchen Rasenflächen lagen Hausbewohner auf Liegestühlen in der Sonne und verbrachten vorschriftsmäßig den Siebten Tag in entspanntem Zustand.

Nach wenigen Schritten blieb Nell stehen. Ein Haus mit Dachterrasse und bis zum Boden reichenden Fenstern erhob sich vor ihr. Der Garten war verlassen, aber die Tür war mit himmelblauen Streifen versehen. Nell sah sich nach ihrer Schwester um. Julianne war bereits wieder umgekehrt und befand sich auf Höhe des Fahrstuhls. Als sie Nell winken sah, beschleunigte sie ihre Schritte und stand wenig später neben ihr. Sie nickte zustimmend.

»Das ist es«, rief sie erfreut und schob das Gartentor auf. Nell folgte ihr zum Eingang, wo Julianne die Türglocke läutete. Ein leises Surren verriet, dass sich eine Kamera auf sie scharf stellte. Wenige Augenblicke später wurde die Tür geöffnet.

Ihre Töchter sahen Sheila ähnlich. Sie war etwas kleiner, aber ihre Haare fielen ihr lang und tiefschwarz über den Rücken. Abgesehen davon, dass an ihrer Garderobe die weißen Säume fehlten, trug sie die gleiche dunkelblaue K1-Uniform wie ihre Kinder. Obwohl sie von dem unangekündigten Besuch überrascht sein musste, ließ sie sich nichts anmerken. Bereitwillig zog sie die Tür weiter auf.

»Kommt rein«, lud sie ihre Töchter ein. Julianne fiel ihr um den Hals. Sheila erwiderte die Umarmung, warf Nell aber einen irritierten Blick zu.

Nell ergriff Julianne sanft am Arm, damit sie Sheila losließ, und zog sie mit sich durch den Flur. Der helle Wohnraum hatte eine Fensterfront zum Garten und war lichtdurchflutet. Der Blick in den Garten, der nur aus einer gepflegten Rasenfläche bestand, wurde schnell von einer hohen Hecke gebremst, die ihn von den Nachbargrundstücken abgrenzte. Winzige Blütenranken zogen sich als unauffällige Dekoration durch das dichte Blattwerk. Der Wohnraum war ebenso schlicht gehalten wie der Garten. Ein runder weißer Tisch mit gewagt geschwungenen Stühlen dominierte den Raum. Im Hintergrund breitete sich eine Sofalandschaft mit farbigen Kissen aus. Ein Typ-B-Mann lag darauf und folgte auf einem in die Wand gelassenen Bildschirm dem Tele-Programm des Ministeriums für Gesellschaftliche Aufklärung. Überrascht sah er auf, als die Zwillinge ins Wohnzimmer traten. Trotzdem erhob er sich nicht, sondern warf ihnen nur einen fragenden Blick zu.

Sheila deutete auf ihn, als sie hinter ihren Töchtern den Wohnraum betrat. »Das ist Till«, stellte sie ihn vor.

Nell und Julianne grüßten kurz, aber als Sheila zum Tisch wies und ihnen etwas zu trinken anbot, setzten sie sich dorthin. Sie brachte ihnen Saft, ehe sie sich ihnen gegenüber niederließ. Es war das Standardgetränk, das sie schon auf dem Zen-Plaza getrunken hatten – im Wesentlichen kühles Wasser mit einer feinen Süße versehen.

»Till und ich warten noch auf den Bescheid, dass wir uns fortpflanzen dürfen«, erklärte Sheila mit einem leichten Lächeln.

Julianne blieb steif auf ihrem Stuhl sitzen und gab ein kurzes Nicken von sich. Nell lehnte sich zurück. So sperrig die Stühle auch wirkten, sie passten sich hervorragend an den Schwung ihrer Wirbelsäule an. Sie warf einen Blick in Tills Richtung, aber er schaute gebannt auf den Bildschirm. Das MGA strahlte eine Spielshow aus, bei der Normalbürger in verschiedenen Disziplinen gegen Absolventen von Eliteschulen antraten, um Wellness-Urlaube zu gewinnen. Das passierte nur nie. Nell fand die Show langweilig, aber Till sah stoisch zu.

Nell richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Sheila, die offenbar eine Erklärung für ihr Auftauchen erwartete. Nell lehnte sich vor, um leiser sprechen zu können. Die Anwesenheit des fremden Mannes fühlte sich wie ein unübersehbares Mikrofon an. Sie tauschte einen kurzen Blick mit Julianne, aber ihre Schwester sagte nichts. Also begann Nell: »Du weißt vielleicht, dass bald entschieden wird, wer von uns ausgewiesen werden soll.«

Sheila schob ihr Saftglas von sich. »Sicher.«

»Wir wollen nicht getrennt werden«, entfuhr es Julianne.

Sheila blinzelte. Till räusperte sich und drehte den Ton lauter.

Nell legte Julianne eine Hand auf den Arm. »Es geht darum: Julianne wird definitiv Genie-Status in ihrer mathematischen Kompetenz erreichen und sie hat sich als Programmiererin hervorgetan. Sie hat sogar schon Aufträge vom Verteidigungsministerium bekommen, um ihre Software auf Sicherheitsmängel zu prüfen.« Sie drückte Juliannes Hand. »Und sie hat fast immer Lücken entdeckt.«

Sheila lächelte ihrer Tochter zu. »Das freut mich. Man hat mir schon vor deiner Geburt gesagt, dass du ideale Voraussetzungen hast.« Ihr Blick glitt zu Nell. »Ihr beide natürlich.«

»Das ist genau der Punkt«, hakte Nell wieder ein. »Meine mathematische Kompetenz ist gut. Aber meine eigentliche Stärke ist die analytische Kompetenz.«

»Nicht zu vergessen die emotionale«, ergänzte Julianne gedämpft. »Es gibt nichts, was sie aus der Fassung bringt, und gleichzeitig ist sie unfassbar gut darin, andere zu manipulieren. Sie hat sogar schon Lügendetektoren überlistet.«

Nell ignorierte den Kommentar und sah Sheila geradewegs an. »Wir haben unterschiedliche Stärken«, erklärte sie. »Glaubst du, es gibt eine Möglichkeit, das System zu überzeugen, keine von uns wegzuschicken?«

Sheila starrte sie einen Moment lang an, ehe sie sich fasste. »Warum kommt ihr damit zu mir?«

Nell hob die Schultern und lehnte sich über den Tisch. Sie achtete darauf, ihre Atemfrequenz nicht zu erhöhen. Sobald sich der Atem beschleunigte, drohte der Puls nachzuziehen. »Zu wem sollen wir sonst gehen?«, fragte sie leise. »Mir ist schon klar, dass dieses Thema brisant ist.« Sie warf einen kurzen Blick in Tills Richtung. »Allein dafür können wir ohne Weiteres beide ins Getto ausgewiesen werden.«

Sheila beugte sich ebenfalls vor. »Trotzdem verstehe ich nicht, warum ihr glaubt, ich könne euch helfen.«

Nell zog die Augenbrauen hoch. »Du arbeitest doch im Verteidigungsministerium. Und du bist unsere Mutter. Wer sollte uns helfen, wenn nicht du?«

Sheila schüttelte abwehrend den Kopf. »Ich wüsste nicht, wie. Ich bin Assistentin des Abteilungsleiters des Auslands-Geheimdienstes. Die haben mit dem Getto nichts zu tun. Und entscheiden kann ich gar nichts.«

»Ist so etwas denn schon mal vorgekommen?« Julianne sah sie hoffnungsvoll an.

Sheila hob die Augenbrauen. »Was meinst du?«

»Hat es einen ähnlichen Fall vielleicht schon mal gegeben, irgendwann früher?«

Wieder zeigte sich, wie schwer es Julianne fiel zu akzeptieren, dass es im System kein »früher« gab. Nell warf ihr einen ungeduldigen Blick zu. Sie wusste, dass es Julianne nie gelang, völlig im Moment zu leben, aber andere verstanden wahrscheinlich nicht mal, was sie meinte. Für Systembürger drehte sich die Zeit im Kreis. Es gab nur den Moment, davor oder danach gab es nichts.

Sheila zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung.«

»Aber es ist nicht unmöglich, oder?« Julianne sah ihre Mutter so bittend an, dass Sheila schließlich über den Tisch nach ihrer Hand griff.

»Dem Gesetz zufolge werden Zwillinge nach Abschluss ihrer Ausbildung getestet und einer wird ins Getto ausgewiesen. Warum sollte dieses Vorgehen abgewandelt werden?«

Entmutigt ließ Julianne ihren Blick sinken. Nell hingegen hatte nicht erwartet, dass es einfach war. »Weil eindeutige Gründe dagegensprechen«, bemerkte sie und klang überzeugter, als sie sich fühlte.

»Falsch«, meldete sich Till unvermittelt von der Sofalandschaft aus. Wenig überrascht wandte Nell den Kopf in seine Richtung. Dass er der Spielshow weniger interessiert folgte, als er vorgab, hatte sie längst vermutet. Er erhob sich, wobei er sich zu seiner vollen athletischen Größe entfaltete, und kam zum Tisch. Julianne sah ihn fragend an, als er sich mit beiden Händen auf einer Stuhllehne abstützte. »Genau das wird nicht passieren«, wiederholte er. »Sie werden nicht zulassen, dass hier irgendwelche Präzedenzfälle geschaffen werden.«

Nell sah in sein Gesicht mit dem markanten Kinn. »Was schlägst du vor?«

»Eine von euch geht ins Getto«, meinte er ruhig.

Die Blässe in Juliannes Lippen verriet, wie schwer es ihr fiel, ein Zittern zu unterdrücken. »Wir können gar nichts tun?«

Till tauschte einen kurzen Blick mit Sheila. »Zum einen«, sagte er leise, ohne seine Augen von ihr abzuwenden, »solltet ihr aufpassen, wen ihr an euren Gedanken teilhaben lasst.« Er ließ eine kurze Stille zwischen sie sacken, die sich bedeutungsschwer ausbreitete. Mit einem Wimpernschlag bezwang Nell die aufsteigende Panik. Sie hatte jahrelang trainiert und ihre Strategien funktionierten beinah automatisch. Natürlich kannten sie Till nicht. Er konnte sie einfach verraten. Streng genommen galt das aber auch für Sheila. »Das System lässt nicht zu, dass an Regelverstöße auch nur gedacht wird. Das wisst ihr so gut wie jeder andere. Wenn ihr auch nur andeutet, dass ihr mit dem Gesetz nicht einverstanden seid, kann das reichen, um euch zu verhaften.«

Nell zwang sich, Tills Blick standzuhalten. Seiner vorgebeugten Haltung sah sie an, dass er noch nicht fertig war.

»Zum anderen«, fügte er endlich hinzu, wobei er über dem laut gedrehten Fernsehprogramm kaum zu verstehen war, »zum anderen habt ihr exakt eine Option, wenn ihr zusammenbleiben wollt.« Erwartungsvoll richteten sich alle Augen auf ihn. Im selben Augenblick allerdings glaubte Nell zu wissen, was er meinte. Till wandte sich ab, um zum Sofa zurückzukehren. »Und die habt ihr vorhin selbst genannt«, sagte er, ehe er sich darauf fallen ließ.

Nell stand abrupt vom Tisch auf. Till hatte recht. Diese einfache Tatsache war plötzlich glasklar. »Es wird Zeit«, meinte sie. »Wir müssen uns rechtzeitig im Internat zurückmelden.« Sie sah in Sheilas Gesicht. Ihre Mutter hatte die gleichen hellgrün schimmernden Augen wie sie selbst. Sie wusste, dass sie das letzte Mal so voreinander standen. »Vielen Dank für ... den Saft«, sagte sie.

Sheila erhob sich ebenfalls und nickte. »Ich begleite euch zur Tür.«

»Auf Wiedersehen«, sagte Julianne in Richtung des Sofas, nachdem sie sich schwerfällig von ihrem Stuhl gestemmt hatte. Aber Tills Augen blieben auf den Bildschirm geheftet.

Der Flur bis zur Haustür erschien Nell länger als zuvor. Sie wollte sich an Julianne vorbeidrängen, die sich noch von ihrer Mutter im Arm halten ließ, doch Sheila ergriff Nell am Handgelenk.

»Mach es gut«, sagte sie zu Julianne und schob sie mit sanftem Nachdruck durch die Tür. In ihrem blassen Gesicht schienen Juliannes Augen zu verschwimmen, als sie zur Straße ging. »Nell«, sagte sie, wobei sie weiterhin ihr Handgelenk beinah schmerzhaft umklammerte, »ich kann mich noch an eure Geburt erinnern.« Als sie nun so dicht voreinander standen, bemerkte Nell, wie jung ihre Mutter aussah. Natürlich sorgten die Enzympräparate, die auch sie selbst bereits schluckte, für eine deutliche Verlangsamung des Alterungsprozesses, indem sie die Stabilität der Chromosomen wesentlich erhöhten. Dennoch war Nell überrascht, dass in Sheilas Gesicht nicht das kleinste Fältchen oder Grübchen zu sehen war. »Bei dir war es so leicht. Du hast nicht geschrien.« Sheila senkte kurz den Blick. »Nur Julianne konnte nicht aufhören zu weinen, bis man sie zu dir ins Bett legte.« Sheila sah ihrer Tochter nach, die sich irritiert zu ihnen umsah. »Verstehst du?«

Nell machte sich los. »Ja«, sagte sie. Sheila musste ihr keine Hinweise geben. Nell kannte Julianne besser. Und sie kannte sich selbst. Sie nickte ihr noch einmal kurz zu, ehe sie ihrer Schwester folgte. Hinter ihnen schloss sich die Tür.

Kapitel 3

Juliannes Finger flogen über die Tastatur. Ihre schmale Gestalt vor dem Schreibtisch spiegelte sich vor dem Hintergrund der Nacht in der dunklen Fensterscheibe ihres Zimmers im Internat. Mit kritischer Miene folgte sie den über den Monitor strömenden Meldungen. Nell beobachtete sie dabei. Niemand fand so schnell Sicherheitslücken. Darauf war sie während ihrer Ausbildung geschult worden. Niemand war im Programmieren besser. Wie an einer Perlenkette, hatte Julianne erklärt, reihten sich die Optionen aneinander, wenn sie an einem Projekt arbeitete. Noch während Julianne sie durchprobierte, knüpfte sie neue Ideen in die Kette ein. Sie versank in solchen Aufgaben, fühlte sich sicher darin und selbstbewusst – weil sie wusste, was zu tun war, weil sie überzeugt war, dass sie es konnte. Das kühle Monitorlicht verlieh Juliannes konzentrierter Miene einen bläulichen Schimmer.

Nell hielt sich still im Hintergrund, um ihre Schwester nicht zu stören, während sie versuchte, ihr eigenes Sicherheitssystem zu überlisten. In die Bürger-Datenbanken des Systems einzudringen, wo das Profil jeder einzelnen im System registrierten Person abgespeichert war, konnte ihre letzte Chance sein. Sie saß auf dem Bett – der einzigen anderen Sitzmöglichkeit im Raum. Auf dem Beistelltisch stand nichts außer Juliannes Medikamentenschachtel. Die kleinen, runden Pillen sorgten durch die Hemmung bestimmter Eiweißbotenstoffe im Gehirn für eine Verlängerung der gesunden, tiefen Schlafphasen und wurden abends eingenommen. Da sie gleichzeitig die Entstehung von Traumaktivitäten begünstigten, nahm jeder Systembürger nach dem Aufstehen als Erstes einen MelaBlocker ein – die länglichen Tabletten. Dadurch wurde man schnell wach und die Serotonin-Produktion wurde kontrolliert, sodass man sich idealerweise den ganzen Tag über in einem ausgeglichenen Zustand befand.

Mit nicht mehr als Schrank, Tisch und Bett eingerichtet, wirkte das große Zimmer kahl. Nell schaute aus dem Fenster. Die Internatsgebäude beschrieben einen Kreis um einen mit weißen Bodenplatten ausgelegten Innenhof. In der Mitte war ein kleiner symmetrischer Park mit niedrigen Hecken und einem Teich im Zentrum angelegt. Außen herum gruppierten sich Bänke. In der Dunkelheit waren sie von sanftem Licht angeleuchtet. Nells eigenes Zimmer lag quer über dem Platz auf einer höheren Etage. Sicherlich wusste die Internatsleitung längst, dass sie hier war. Viel länger würde Nell nicht ausharren können. Gerade jetzt durften sie nicht riskieren, dass jemand kam und nach ihnen sah.

Erneut stiegen Tippgeräusche in den stillen Raum auf. Julianne hatte sich von ihrer Angst zu dieser Tat hinreißen lassen. Aufgrund ihrer überragenden mathematischen Kompetenz war sie wertvoll für das System. Trotzdem war sie überzeugt, sie würde diejenige sein, die ins Getto geschickt wurde.

»Ich sterbe lieber, als dorthin zu gehen«, hatte sie geflüstert. »Lieber sterbe ich.«

»Es ist nur für den Fall, dass wir sie nicht überzeugen können«, hatte Nell ihr erklärt. »Auch wenn sie kein Einsehen haben, können wir dann zusammenbleiben.«