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Mohinder Singh Jus

DIE REISE

EINER

KRANKHEIT

 

Meinen Schülern und Patienten
in dankbarer Erinnerung
an meinen grossen Lehrer
B.-K. Bose gewidmet.

Mohinder Singh Jus

DIE REISE
EINER
KRANKHEIT

Homöopathisches Konzept

von Heilung und Unterdrückung

© 1998 Homöosana, SHI Homöopathie AG, Zug

Alle Rechte vorbehalten

6. Auflage 2007

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Gestaltung: Homöosana Verlag, Peter Oswald

E-Book: Schwabe AG, www.schwabe.ch

ISBN-13: 978-3-906407-03-6

eISBN (ePUB) 978-3-906407-17-3

eISBN (mobi) 978-3-906407-18-0

Inhalt

Vorwort M.S. Jus

Vorwort Dr. Tiedemann

Teil I: Einführung in die klassische Homöopathie

Was ist klassische Homöopathie?

Der Begründer der Homöopathie: C.F.S. Hahnemann (M. Cachin)

Der Begriff «Leben»

Gesundheit, Krankheit und Heilung

Heilung

Das Ähnlichkeitsgesetz

Homöopathie, eine individuelle Medizin

Bin ich krank oder mein Körper? «Ich» und «Mein»

Die Lebenskraft

Das Gesetz der kleinstmöglichen Dosis

Quellen homöopathischer Mittel

Potenzierung oder Dynamisierung

Homöopathisches Gesetz der Heilung

Homöopathische Erstverschlimmerung – Heilreaktion

Wahl der Potenz

Die Wiederholung der Dosis

Palliative Behandlung

Krankheitsklassifizierung

Einige bedeutende Homöopathen: C. v. Bönninghausen, C. Hering, J.T. Kent, B.K. Bose (M. Cachin)

Teil II: Die Reise einer Krankheit – Chronische Miasmen

Homöopathie, ein vollkommenes Medizinsystem

Unterdrückung von Krankheiten

Bedeutung eines Symptoms

Reise eines Symptoms

Konzept der Miasmen

Psora, Sykosis, Syphilis, tuberkulares Miasma

Die chronischen Miasmen im Überblick

Psora – allgemeine Bemerkungen

Charakterliche Merkmale der Psora

Körperliche Merkmale der Psora

Schlussbemerkungen – Psora, Mutter aller Krankheiten

Psora – Übersicht

Sykose – allgemeine Bemerkungen

Sykose – Aussehen

Sykose – charakterliche Merkmale

Sykose – körperliche Merkmale

Sykose – Übersicht

Syphilis – allgemeine Bemerkungen

Syphilis – Aussehen

Syphilis – charakterliche Merkmale

Syphilis – körperliche Merkmale

Syphilis – Übersicht

Tuberkulares Miasma – allgemeine Bemerkungen

Tuberkulares Miasma – Aussehen

Tuberkulares Miasma – charakterliche Merkmale

Tuberkulares Miasma – körperliche Merkmale

Tuberkulares Miasma – Übersicht

Wechseljahre und Homöopathie

Einfluss der Impfungen auf die Konstitution

Empfindlichkeit

Stichwortregister

Vorwort

Für Hahnemann ist das Leben bestimmt von der Lebenskraft, einem selbstregulierenden, dem Menschen innewohnenden vitalen Prinzip. Falls die Lebenskraft sich in Harmonie befindet, so erhält sie uns gesund. Eine Störung derselben führt zu Krankheit, und ihr Fehlen bedeutet Tod. Ihr verdanken wir unser Leben und unsere Lebendigkeit.

Das menschliche Leben ist ständig Veränderungen ausgesetzt. Jahreszeiten, Wetter und Temperatur sind in stetigem Wechsel, genauso wie Freud und Leid, Gewinn und Verlust, Stress und Erholung. Solange unsere Lebenskraft vital genug ist, haben äussere Veränderungen keinen sichtbaren Effekt auf unsere Gesundheit. Normalerweise können wir eine grosse Menge an Schwierigkeiten, Druck und Stress problemlos verkraften. Aber es kann auch vorkommen, dass ein verhältnismässig geringer Anlass zum Ausbrechen einer unheilbaren Krankheit führt. Zum Beispiel kann ein Kind, welches beschuldigt wird, ein wenig Schokolade gestohlen zu haben, eine Hirnhautentzündung entwickeln, oder eine kleine Verletzung am Fuss kann in eine Blutvergiftung übergehen. Ein solches Ereignis zeigt uns zwei Dinge:

1. Das menschliche Leben ist vergänglich.

2. Krankheiten haben viel tiefere Wurzeln, als es zunächst scheint.

Wir alle kennen Leute, welche sich einer guten Gesundheit erfreuten und kaum je krank waren, aber plötzlich hat eine kleine Verletzung, der Tod einer geliebten Person oder eine andere Störung eine schwerwiegende Erkrankung ausgelöst. Hahnemann erkannte, dass es in uns drinnen etwas geben muss, was uns für Krankheiten empfänglich macht. Er nannte diese dem Leben feindlich gesinnte Kraft «Miasma». Oft sind simple Auslöser wie ein Diätfehler, Überessen, zuviel Alkohol oder Kaffee, verdorbene Speisen, zuviel Sonnenexposition, Unterkühlung im Wind, Nasswerden im Regen, ein Geschäftsverlust, ein emotionaler Schock, Ärger, Freude etc. der Anlass, dass wir krank werden. Es kann sein, dass wir dann mit Schnupfen, Blasenentzündung, Magen-Darm-Grippe, Migräne, Fieberschüben, Nesselfieber, Rückenschmerzen oder irgendetwas anderem reagieren. Die Anfälligkeit für derartige Akutkrankheiten ist in erster Linie auf das Vorhandensein einer latenten Psora zurückzuführen, dem ersten von Hahnemann identifizierten Miasma. Die eigentlichen Krankheitserscheinungen wie Entzündung, Ausfluss, Bakterienbefall etc. sind dann lediglich die Folge der Schwächung der Lebenskraft durch das Miasma.

Hahnemann hat auch beobachtet, dass homöopathische Medikamente wie Aconitum, Belladonna oder Ignatia dem Patienten in einer Akutkrankheit sehr schnell Hilfe bringen können, aber eine dauerhafte Heilung im Sinne einer reduzierten Krankheitsanfälligkeit vermochten sie nicht zu bewirken. Er erkannte in Zuständen wie Grippe, Durchfall, Masern, Scharlach, Angina oder Migräne zwar akute Ausbrüche eines miasmatischen Grundleidens, die Entstehung von chronischen Krankheiten wie Epilepsie, Asthma, Diabetes, Rheumatismus etc. konnte er sich zu Beginn seiner Praxistätigkeit jedoch noch nicht erklären, denn damals war er sich des Unterschiedes zwischen akutem und chronischem Miasma noch nicht bewusst.

Hahnemann hat wiederholt die Beobachtung gemacht, dass eine korrekt gewählte Arznei nur teilweise oder nur für eine kurze Zeit wirkte. Er musste feststellen, dass immer wieder Rückfälle auftraten oder dass sich das Krankheitsgeschehen von einer Stelle einfach an eine andere verlagerte. Eine gewisse Zeit nach Abklingen der Stirnhöhlenvereiterungen traten neu z.B. Hüftgelenksbeschwerden auf, oder eine Anfälligkeit für Husten wurde abgelöst durch eine solche auf Migräne. Daher begann er sich für den tieferen Grund der Krankheitsanfälligkeit des Menschen zu interessieren, und er ist dieser Frage in der Folge unermüdlich nachgegangen.

Er begann, peinlichst genaue Anamnesen zu erheben. Jeder Patient, der ihn mit einer chronischen Krankheit aufsuchte, musste präzise berichten, wann sein aktuelles Leiden begonnen hatte, welche Krankheiten er davor hatte und woran seine Eltern, Grosseltern und übrigen Blutsverwandten litten, soweit sich deren Geschichte zurückverfolgen liess.

Nach zwölf Jahren akribischer Arbeit war Hahnemann überzeugt, dass Miasmen, falls sie nicht ausgeheilt werden, einen chronischen Charakter annehmen und bei der Zeugung eines Kindes auf die nächste Generation übertragen werden können. Er hat erkannt, dass chronische Krankheiten häufig auf dem Boden von solchen ererbten chronischen Miasmen entstehen. Ihr Ursprung liegt oft so weit zurück, dass es manchmal unmöglich ist, den wahren Auslöser und Beginn zu eruieren.

Hahnemann hat sich auch sehr intensiv mit der Suche nach tiefwirkenden Arzneien beschäftigt, welche die Fähigkeit besitzen, chronische Miasmen auszukurieren. Dabei hat er den Wert der heute als Polychreste bekannten Mittel wie Sulfur, Natrium muriaticum, Calcium carbonicum, Silicea, Mercurius etc. entdeckt.

Miasmen sind die Kräfte, welche im Gegensatz zur Lebenskraft stehen. Deshalb müssen wir die Miasmen und nicht die Lebenskraft angehen, wenn wir den Patienten heilen wollen. Wenn die Lebenskraft durch eine Störung unter Druck gerät, so produziert sie Krankheitssymptome. Diese Symptome entlasten einerseits die Lebenskraft, d.h., sie sind nötig, damit trotz der Störung eine gewisse Balance beibehalten werden kann. Andererseits sind die Symptome auch ein sichtbarer Ausdruck dafür, dass sich die Lebenskraft in Schwierigkeiten befindet, und mahnen uns, etwas für sie zu tun. Erscheinen also Symptome am Körper, so wurden diese zwar als Selbstschutz von der bedrängten Lebenskraft produziert, doch trägt sie nicht die Schuld daran, dass wir leiden. Verantwortlich dafür ist das dem Menschen innewohnende Miasma, welches seine Lebenskraft schwächt. Bei der Behandlung von Patienten müssen wir uns dieser Tatsache stets bewusst bleiben. Wenn ein Patient z.B. Nasenbluten entwickelt, welches nach einer schnellen Verschreibung von Hamamelis zwar prompt verschwindet, dafür später von einer Gehirnblutung gefolgt wird, so haben wir die Sprache der Lebenskraft nicht verstanden und den wahren Schuldigen nicht erkannt, da wir die Arznei auf das Symptom hin verschrieben und das darunterliegende Miasma nicht beachtet haben.

Miasmen sind die verborgenen dynamischen Kräfte, welche uns für Krankheiten empfänglich machen. Sie bestimmen auch die Art und Intensität der Krankheit der einzelnen Person gemäss ihrer individuellen Konstitution. Keine ernste chronische Krankheit kommt aus heiterem Himmel, sondern hat ihre Vorgeschichte, welche sich in den Symptomen vor ihrem Ausbruch zeigt.

Bei homöopathischer Behandlung von Krankheiten lässt sich folgendes Heilungsgesetz beobachten: Die jüngsten Symptome verschwinden zuerst, und ältere Symptome kommen in der umgekehrten Reihenfolge ihres Auftretens zurück und heilen ab. Zur Zeit Hahnemanns gab es sehr viele Tuberkulose-Kranke. Bei deren Befragung stellte er fest, dass diese Patienten zuvor oft an Hautausschlägen gelitten hatten. Im Verlaufe der Behandlung traten diese Hautausschläge bei gleichzeitiger Besserung der Lungensymptomatik jeweils wieder auf.

Eine hübsche junge Frau mit Akne, starker Nervosität und kolikartigen Menstruationsbeschwerden kann nach Einnahme eines homöopathischen Mittels erfreut sein über die prompte Besserung ihrer Akne, der wahre Homöopath kann über einen solchen Verlauf aber nicht glücklich sein, da es sich hier um eine homöopathische Unterdrückung handelt, denn die Besserung der Haut hat in diesem Fall nicht erste Priorität. Gemäss dem natürlichen Heilungsgesetz sollte zuerst eine grössere psychische Ausgeglichenheit, ein verbesserter Schlaf und eine Verminderung der Menstruationsschmerzen eintreten. Die Hautprobleme dürfen erst zuletzt abklingen.

Der Arzt, der einen miasmatischen Zustand oder eine miasmatische Krankheit unterdrückt, handelt gegen die Natur und ihr Heilungsgesetz.

Je nach miasmatischem Hintergrund ist es möglich, dass im Verlaufe der Therapie Hautausschläge in Form von Rötungen, Allergien, Nesselfieber, Akne, Abszessen, Furunkeln etc. auftreten. Auch vermehrtes Wasserlassen und starkes Schwitzen kommen vor. Bei hyperaktiven Kindern (POS-Syndrom, minimale cerebrale Dysfunktion) habe ich oft hohes Fieber oder Durchfall als Reaktion auf die homöopathische Arznei gesehen. Dies sind alles verschiedene Arten, wie sich die Lebenskraft von schädigenden Einflüssen reinigt. Diese Phänomene sind vorübergehend und sollten auf keinen Fall irgendwie behandelt werden, auch nicht mit einer Zwischengabe eines homöopathischen Akutmittels.

Ich habe oft Patienten gesehen, welche unter grossen beruflichen oder familiären Problemen standen und auf die korrekte Arzneimittelgabe mit Hämorrhoiden oder perianalem Juckreiz reagierten. Manche Frau mit chronischen Depressionen entwickelt starken Juckreiz an der Scheide, während sich ihr Gemütszustand bessert.

Bei einem solchen Verlauf der Behandlung ist der Homöopath oft versucht, dem Druck des Patienten nachzugeben und ein entsprechendes Zwischenmittel zu verschreiben. Falls er dies tut, kann es geschehen, dass dieses – subjektiv unangenehme – Symptom für immer verschwindet, dass damit aber der Heilungsprozess definitiv gestört ist und nicht mehr in Gang gebracht werden kann. Z.B. kann nach einer Gabe von Psorinum ein Ekzem stark aufblühen, und der Homöopath gerät aufgrund des grossen Juckreizes und der schmerzenden Hautrhagaden unter Druck. Jetzt heisst es ausharren, denn die Patientin sieht im Allgemeinen besser aus, ist ruhiger geworden und hat einige Pfunde ihres Übergewichtes verloren. Jeder Mittelwechsel und jede Arzneisalbe würde störend wirken und den Heilungsprozess der Lebenskraft gefährden. Nur falls dieser Zustand lebensbedrohlich wird oder schon sehr lange anhält, dürfen wir eine weitere Arzneigabe erwägen.

Bei der Behandlung einer chronisch-miasmatischen Krankheit braucht es viel Geduld, sowohl vom Patienten wie auch vom Homöopathen.

Entfernung der Gebärmutter wegen eines Myoms oder Entfernung eines Knotens in der Brust bringt keine Heilung. Was entfernt wurde, entspricht nur der Frucht der Krankheit. Eine Frau mit mehreren Fällen von Brustkrebs in der Familiengeschichte kann eine grosse Angst vor Krebs haben. Das Skalpell des Chirurgen erreicht aber diese tiefsitzende, miasmatisch begründete Furcht nicht. Was er entfernt, ist nur die Frucht oder das Produkt der Krankheit.

Es ist wahr, dass gewisse Symptome manchmal sehr stark sein können, gewisse Schmerzen kaum auszuhalten. Unser Aussehen kann in solchen Momenten alles andere als gesellschaftsfähig sein. Doch was hat eine schöne Haut mit Gesundheit und Heilung zu tun? Man darf die Worte des eigenen Schutzengels nicht in den Wind schlagen. Weshalb müssen wir für unsere Krankheit immer zu sogenannten Spezialisten rennen? Diese kennen meist nur die exakte Diagnose der Krankheit an der Oberfläche und die genau auf diese Beschwerden beschränkte Prognose. Wenn nach deren Behandlung weder von Auge noch mit dem Mikroskop, weder im Röntgen-, Ultraschall- oder MRI-Bild etwas festgestellt werden kann, so werden die Restbeschwerden psychisch genannt, und bald braucht man einen Psychiater.

Viele der sogenannt modernen Ärzte sind sich dessen bewusst und würden sogar gerne den von Hahnemann aufgezeigten Weg gehen. Aber um dies zu tun, müssten sie sich ein völlig neues Konzept von Leben, Krankheit und Heilung aneignen. Es ist schwer für sie, sich dermassen radikal zu ändern. Deshalb bleiben viele dabei und behandeln Neurodermitis weiterhin mit Cortisonsalben (schon der Name «Neuro»-Dermitis deutet ja darauf hin, dass die wahre Ursache bei den Nerven und nicht auf der Haut liegt), Verstopfungen mit jahrelangen, endlos wiederholten Laxantiengaben, Schlaflosigkeit mit Hypnotika etc.

Die Homöopathie gewinnt zur Zeit ständig an Popularität. Vor allem der grossen Unterstützung seitens der Patienten ist es zu verdanken, dass sie zum führenden System innerhalb der Alternativmedizin aufsteigen konnte.

Es war immer mein Wunsch, meine Arbeiten Medizinern und Laien gleichermassen zur Verfügung zu stellen. Was ich in diesem Buch darzustellen versucht habe, ist der Ursprung der Krankheitsentwicklung wie sie von Hahnemann, Kent und Bose verstanden wurde. Ich möchte miterleben, dass die Menschen zunehmend weniger krank sind. Jeder einzelne Patient sollte den inneren Grund für seine äussere Krankheit auffinden. Hautrötungen, Pubertätsakne, Wallungen in der Menopause, etwas Ausfluss oder analer Juckreiz brauchen nicht immer die stärkste aller Behandlungen. Was zuerst nötig ist, ist eine gründliche Prüfung der inneren Situation.

Patienten oder Patientinnen, deren gegenwärtigen Beschwerden sich nach einer Hämorrhoidenoperation, einer Warzenentfernung oder einer «erfolgreichen» Behandlung eines Hautausschlages mit Dermatologika entwickelt haben, sollen wachgerüttelt werden, damit sie denselben Fehler nicht noch einmal begehen.

Kurz gesagt ist es das Ziel dieses Buches, die verstümmelnden Auswirkungen von unterdrückenden Behandlungen offenzulegen, welche nicht auf den natürlichen Heilungsgesetzen basieren. Wahre Homöopathen haben den strengen Gesetzen zu folgen, welche bereits von Hahnemann erkannt und formuliert wurden.

Da das revolutionäre homöopathische Konzept von Gesundheit und Krankheit manchen sehr fremd sein mag, wurden gewisse Punkte und Aussagen absichtlich wiederholt und von verschiedenen Seiten beleuchtet.

Der zweite Teil des Buches basiert zum Teil auf meinen Vorlesungen. Um grösstmögliche Authentizität und den direkten Kontakt zu den Lesern zu bewahren, ist der Sprachfluss der Vorträge weitgehend beibehalten worden.

Am Ende der Beschreibung jedes einzelnen Miasmas folgt eine systematische Auflistung der zugehörigen Symptome. Diese ist v.a. für die Homöopathen unter den Lesern gedacht und soll ihnen das rasche Zuordnen eines Symptoms zum entsprechenden Miasma erleichtern. Ich hoffe, dass sich das vorliegende Buch dadurch als wertvolles und unentbehrliches Hilfsmittel für die tägliche Praxis erweisen wird.

Aus Dankbarkeit zu meinen Kollegen und Studenten hatte ich den langgehegten Wunsch, dieses Thema so in Buchform zu bringen, dass sie selbst ebenso davon profitieren können wie unsere Patienten.

Meinen homöopathischen Mitstreitern offeriere ich diese Arbeit als meine persönliche Erfahrung, und für meine eigenen Schüler in der Schweiz, in Deutschland und in anderen Teilen der Welt soll dieses Buch als bleibende Erinnerung an das dienen, was wir gemeinsam zusammen besprochen und erlebt haben.

Zug, im Januar 1998

Mohinder Singh Jus

Vorwort

Die Homöopathie hat es in unserer trotz allem Freiheits- und Selbstverwirklichungsgetöse recht uniformierten Zeit als individuelle Methode schwer sich zu behaupten. Schwer in ihrer Anfangszeit gegen den unwissenschaftlichen Verschreibungstrott und schwer noch heute gegen die Paradigmen aus dem letzten Jahrhundert in der modernen Medizin.

Individuell sieht die Homöopathie die Wurzeln der Krankheit, individuell die Person jedes einzelnen Kranken, individuell sucht sie jedem Kranken sein individuelles Mittel aus, und individuell ist – last but not least – die Art und Weise, wie der Arzt seinen Kranken untersucht.

Dabei bleibt es unverzichtbar, dass der Arzt die Fundamente der homöopathischen Wissenschaft beherrscht und dass der Kranke diese versteht, um im Heilprozess mitarbeiten zu können, denn es ist ein gemeinsamer Prozess, in dem der Arzt nicht allein agieren kann. Sie kennen sicher den Spruch: Natura (der Kranke und sein Mittel) sanat (heilt), Medicus curat (hilft), und anders geht es nicht, wenn es zu einer wirklichen Heilung kommen soll!

All das werden Sie kennen und verstehen lernen, wenn Sie die Reise einer Krankheit in diesem Buch verfolgen. Der Autor wird Ihnen ein guter Reiseführer sein. Mohinder Singh Jus hat als gebürtiger Inder keine Probleme mit immateriellen Dingen (wie so viele Europäer heute), und er wird von ihnen auch nicht fortgeschwemmt, so wie er schreibt und wie ich ihn kenne.

Sein homöopathischer Lehrer, B.-K. Bose, einer der Besten unter den vielen guten Homöopathen Indiens, hat seine Ausbildung bei dem berühmten J.T. Kent in Amerika erhalten, auf den sich heute die meisten klassischen Homöopathen der Welt beziehen.

Gehen Sie also ruhig auf diese Entdeckungsreise.

Die Seekarte ist zwar 200 Jahre alt, aber immer noch hochmodern, und auf den Reiseführer können Sie sich unbedingt verlassen!

Ich wünsche Ihnen gute Reise.

Dr. med. Max Tiedemann

Teil I:

Einführung in die
klassische Homöopathie

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Was ist klassische Homöopathie

Homöopathie ist eine Wissenschaft, die akute und chronische Krankheiten gemäss den Gesetzen der Natur heilt. Diese Heilmethode beruht auf Prinzipien, die noch älter sind als Hippokrates. Begründet wurde sie vor ca. 200 Jahren von Dr. C.F.S. Hahnemann.

Die Hauptprinzipien der klassischen Homöopathie sind:

Homöopathie erfasst den Menschen in seiner Ganzheit. Sie sieht den Patienten als ein Individuum, einen Menschen, der aus Körper, Seele und Geist besteht. Der Charakter, die Gewohnheiten, die psychischen und körperlichen Symptome sowie die bei Familienmitgliedern vorkommenden Krankheiten werden minutiös festgehalten. Primär wird der Mensch behandelt und nicht seine Krankheit. Die homöopathischen Mittel helfen dem Menschen, sein Gleichgewicht wieder zu finden und seine Symptome selber zu bekämpfen. Zwei Menschen mit der gleichen Krankheitsdiagnose werden höchstwahrscheinlich zwei verschiedene homöopathische Mittel verschrieben erhalten. Nicht die Krankheitsdiagnose ist massgebend, sondern wie der Patient seine Krankheit ausdrückt und durch welche Symptome er sich von einem anderen Patienten mit der gleichen Krankheitsdiagnose unterscheidet.

Die Homöopathie braucht Heilmittel in sehr kleinen Mengen, vorbereitet nach den Prinzipien der Potenzierung (Verdünnung und Verschüttelung). Oft werden die Urstoffe so stark potenziert, dass kein Molekül davon mehr nachweisbar ist. Die homöopathischen Mittel sind in solchen Verdünnungen nicht toxisch und haben keine toxischen Nebenwirkungen, wie sie in anderen Medizinsystemen bekannt sind. Es ist aus diesem Grund die ideale Medizin für jedes Alter, Säuglinge und Schwangere inbegriffen.

Der Vorwurf, die Wirkung der hochverdünnten homöopathischen Mittel könne nur auf einer Placebo-Wirkung beruhen, lässt sich durch die deutlichen und wiederholten therapeutischen Erfolge an Säuglingen, Tieren und sogar Pflanzen endgültig beseitigen.

Homöopathie hat zur Zeit Hahnemanns die erste Anerkennung bei der Behandlung von Epidemien wie z.B. Cholera oder Scharlach und bei akuten Fällen aller Art gefunden. Die Homöopathie wurde dann durch ihre Erfolge bei der Behandlung von chronischen, wiederkehrenden Krankheiten weltweit bekannt. Sie hat die Kraft, viele solcher Krankheiten dauerhaft zu heilen.

Homöopathie ist eine Heilmethode, die auf den festen Prinzipien beruht, welche Hahnemann formuliert hat. Dies sind natürliche Prinzipien, und wie ein physikalisches Gesetz werden sie für alle Zeiten gültig bleiben. Dies bedeutet nicht, dass die Homöopathie stehen bleibt und sich nicht weiterentwickelt, aber sie behält ihre eigene, stabile Wurzel.

Dr. C.F.S. Hahnemann
Vater der Homöopathie
1755-1843

Christian Friedrich Samuel Hahnemann wurde am 10. April 1755 in Meissen als Sohn eines Porzellanmalers geboren.

Von 1775-1779 studierte er Medizin, zuerst in Leipzig, dann in Wien und Erlangen.

Hahnemann war ein wahres Sprachgenie und bestritt seinen Lebensunterhalt während seiner Studienzeit mit der Übersetzung medizinischer Werke. Er konnte perfekt Latein, Griechisch, Hebräisch, Englisch, Französisch, Italienisch und Syrisch.

1781 finden wir den jungen Arzt in Dessau, wo er seine Kenntnisse in Chemie und der Arzneimittelherstellung beim Apotheker Häseler erweiterte. 1782 heiratete er Henriette Leopoldine Küchler, die Stieftochter dieses Apothekers, und eröffnete eine Praxis in Gommern.

Bereits zwei Jahre später gab er seine Praxis auf. Er war enttäuscht von der damaligen Schulmedizin und ihren «barbarischen» Methoden. Er wollte nichts mit einer Medizin zu tun haben, die «leicht das Leben in Tod verwandelt oder neue Übel und chronische Beschwerden herbeiruft, welche oft schwerer als die ursprünglichen zu entfernen sind.» Er befasste sich nur noch mit Chemie und Schriftstellerei.

Als er 1790 bei der Übersetzung der Arzneimittellehre von Cullen für die beschriebene physiologische Wirkung der Chinarinde keinen Zusammenhang mit Cullens Erklärungen sah, entschloss er sich, selbst Chinarinde einzunehmen. Bald entwickelte er alle Symptome eines Malariafiebers, eines Fiebers, das durch die Chinarinde geheilt wird. Jedesmal, wenn er die Einnahme der Chinarinde absetzte, verschwanden die Symptome. Sie traten wieder auf, sobald er wieder Chinarinde nahm.

Der Grundstein der Homöopathie war gelegt: «Ähnliches mit Ähnlichem heilen». Es vergingen jedoch noch sechs Jahre, bis Hahnemann aus diesem Experiment die Theorie der Homöopathie formulierte.

Er prüfte an sich, mehreren Familienmitgliedern und Freunden zahlreiche weitere Substanzen.

1796 formulierte er erstmals die neue Heilregel: «Man ahme der Natur nach, welche zuweilen eine chronische Krankheit durch eine andere hinzukommende heilt, und wende in der zu heilenden (vorzüglich chronischen) Krankheit dasjenige Arzneimittel an, welches eine andere, möglichst ähnliche, künstliche Krankheit zu erregen im Stande ist, und jene wird geheilt werden; Similia similibus.»

1810 publizierte er sein Hauptwerk, das Organon der Heilkunst, in dem er die Theorie und Praxis der Homöopathie zur Darstellung brachte. Es erschien zu seinen Lebzeiten in fünf Auflagen und wurde in zehn Sprachen übersetzt. Die 6. Auflage wurde erst 80 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht.

Mehrmals musste er seinen Wohnort wechseln, um der Missgunst seiner Kollegen und der Apotheker zu weichen.

1811 zog er nach Leipzig, um an der Universität Vorlesungen über sein neues Heilverfahren zu halten.

Die glänzenden Therapieerfolge, die er u.a. bei Cholera- und Typhusepidemien mit homöopathischen Mitteln erzielte, weckten den Zorn seiner Kollegen und der Leipziger Apotheker. Er stellte seine Medikamente selber her und gab sie selbst seinen Patienten ab, was selbstverständlich die Apotheker reizte. 1819 verboten ihm die Leipziger Behörden die Herstellung und Abgabe homöopathischer Mittel. Damit war seine ärztliche Tätigkeit in Leipzig nicht mehr möglich.

Bald danach bot ihm der Herzog von Köthen die Stelle eines Leibarztes an, verbunden mit der Erlaubnis, innerhalb des Herzogtums seine Heilkunst ungestört auszuüben und seine Arzneien selbst abzugeben. Hahnemann zog 1821 nach Köthen. Der Köthener Aufenthalt war dem Studium ärztlicher Werke, der Schriftstellerei und der Behandlung von Kranken gewidmet.

1830 starb seine 67jährige Frau Henriette, mit der er 48 Jahre verheiratet gewesen war und die zehn Kinder geboren und grossgezogen hatte. Er lebte dann mit zwei seiner Töchter zusammen weiter in Köthen.

1831-1832 hatte Hahnemann grossen Erfolg bei der Behandlung einer Cholera-Epidemie. Die Homöopathie erhielt in dieser Zeit grossen Auftrieb nicht nur in Deutschland, sondern auch in Amerika, England, Ungarn, Frankreich, Italien und anderen Ländern.

1834 kam eine gewisse Marquise Marie Mélanie d’Hervilly von-Paris zur Behandlung nach Köthen. Sie war eine 34jährige Malerin und Dichterin. Zwischen Mélanie und Hahnemann war es Liebe auf den ersten Blick, und trotz der Opposition der Familie waren sie nach sechs Monaten verheiratet. Hahnemann war fast 80jährig. Er vermachte den grössten Teil seines Vermögens seinen Kindern und reiste 1835 nach Paris, wo er bald mit seiner Frau zusammen eine lebhafte Praxis führte. Er erlebte eine zweite Jugend und arbeitete hart an der Weiterentwicklung der Homöopathie. Er entwickelte mit den LM-/Q-Potenzen sogar noch eine neue Potenzierungsmethode.

1843 erkrankte Hahnemann an einem starken Bronchialkatarrh und starb am 2. Juli 1843. Als er auf dem Sterbebett lag, sagte ihm seine Frau: «Die Vorsehung wäre Dir eigentlich einen Erlass aller Leiden schuldig, weil Du so viele andere gelindert und in Deinem mühevollen Leben so manche Beschwerde erduldet», antwortete Hahnemann: «Mir? Warum denn mir? Jeder auf dieser Welt wirkt nach den Gaben und Kräften, die er von der Vorsehung empfangen, und findet ein Mehr oder Weniger nur vor dem Richterstuhl der Menschen, nicht aber vor dem der Vorsehung statt; die Vorsehung ist mir nichts, ich bin ihr viel, ja Alles schuldig.»

Hahnemann liegt auf dem berühmten Pariser Friedhof «Cimetière du Père-Lachaise» begraben.

Der Begriff «Leben»

Ohne Lebewesen wäre das Leben nicht vorstellbar. Das Leben selbst ist unsichtbar; deshalb haben die Lebewesen eine Form und einen Körper, damit sie erkennbar werden. Oft neigen wir aber dazu, unsere wahre Identität mit unserer physischen zu verwechseln. So wie wir uns als Lebende wahrnehmen, so haben wir auch den Wunsch, alles in seiner stofflichen Gestalt und Form zu sehen. Wir haben Schwierigkeiten, an das zu glauben, was wir nicht sehen, berühren, schmecken oder riechen können. Es ist eine Art Identitätsverlust. Das Äussere ist grundsätzlich und unumstösslich vom Inneren abhängig. Seele und Körper sind so eng miteinander verstrickt, dass alles mechanisch erscheint. Gedanken bewirken den Wunsch zu gehen, und was wir sehen, ist die koordinierte Bewegung der Beine. Doch die Gedanken können wir leider nicht sehen. Das vor Ärger gerötete Gesicht ist nur ein Abbild der vielfältigen Launen des Lebens. Mit Tränen gefüllte Augen spiegeln die ganze innere Geschichte wider, die ein Mensch durchlebt. Die Tränendrüsen ermöglichen es uns, Emotionen zu äussern.

Durch den Körper können wir uns, andere Menschen, Freunde und Feinde identifizieren. Wir bemühen uns so sehr um unsere Aufmachung, tragen die feinsten Kleider, um hübsch und ansehnlich zu erscheinen, und tun oft viel mehr für unseren materiellen Teil als für uns selbst. Erinnern wir uns jedoch an das Leben von aussergewöhnlichen Berühmtheiten, dann werden wir feststellen, dass sie gar nicht besonders schön waren oder dass sie sich auf eine sehr einfache Art und Weise kleideten. Und wenn wir das Grab eines geliebten Menschen besuchen, ist es nicht seltsam, dass wir sagen: «Was für ein grossartiger Mensch», und uns überhaupt nicht an seinen Körper erinnern?

Gesundheit, Krankheit und Heilung

Die Homöopathie sieht den Ursprung von Krankheit im Spirituellen und nicht im Stofflichen. Gesundheit und Krankheit sind zwei verschiedene Ebenen des Lebens. Beide Bereiche drücken sich durch ihre eigenen individuellen Zeichen aus.

Gesundheit ist ein Zustand von Unbeschwertheit und Harmonie. In diesem Zustand befindet sich der Körper mit allen seinen Organen und deren Funktionen in einer rhythmischen und koordinierten Übereinstimmung mit Geist und Seele. Es herrscht Ruhe, Friede und Freude, und das Individuum ist in der Lage, normal zu denken, normal zu essen und normal zu verdauen; Bewegung und Alltag werden ohne Stress und Schmerz bewältigt. Diesen koordinierten Fluss von Seele zu Geist und Körper kennen wir als Gesundheit.

Die Lebenskraft (Abwehr, Immunsystem) ist für die Aufrechterhaltung dieses ununterbrochenen Flusses verantwortlich. Sie schützt uns vor Krankheit. Unsere Lebenskraft, die einem grossen Energiespeicher gleicht, verfügt über genügend Stärke, um aussergewöhnlichen Stress, extreme Temperaturen und andere unvorhersehbare Situationen auszuhalten. Solange wir diesen Speicher bewusst immer wieder auffüllen, sind wir in Sicherheit und bleiben gesund. Aber wir Menschen sind berüchtigte Verbraucher, wir verschleissen unsere Batterie, indem wir einen monotonen Lebensstil führen, Ramsch essen und wenig für unseren Körper und unseren Geist tun.

Krankheit ist das Ergebnis einer erschöpften Lebenskraft. Erst dann werden Bakterien und Viren zur Bedrohung für den Körper. Eine geschwächte Lebenskraft unterliegt den Angriffen seiner feindlich gesinnten Umgebung und alarmiert uns durch Warnsignale in Form von Symptomen.

Die erste Zerrüttung der Gesundheit findet auf der dynamischen Ebene statt, bevor sie sich auf der stofflichen Ebene zeigt. So ist das Krankheitssymptom nur die Frucht der Krankheit. Ein Beispiel: Ein gestresster junger Mann bekommt vor Jahresabschluss einen Hexenschuss. Dieses Symptom des Rückens ist lediglich die Manifestation des überbeanspruchten Geistes. Vielleicht führt er es darauf zurück, dass er etwas Schweres gehoben hat, oder auf eine falsche Bewegung. Aber warum geschieht es zu einer bestimmten Zeit im Jahr, unter bestimmten Umständen, warum so und nicht anders? Ein weiteres Beispiel: Ein Mann, der seit Jahren immer im gleichen Lokal zu Mittag isst, bestellt eines Tages eine Mahlzeit, die er vorher dort schon oft gegessen hat. Aber heute wird er plötzlich krank davon. Er entwickelt eine Magen-Darm-Entzündung. Bei näherer Betrachtung stellen wir fest, dass der Vorabend schrecklich verlaufen ist. Er hatte zu Hause Streit, und es besteht die Möglichkeit, dass seine Frau ihn verlässt.

Keine Bakterien, Viren oder Pollen könnten je diese gesunde natürliche Schutzwand durchdringen. Dazu muss erst irgendwo ein Schlupfloch entstehen. Vor dem Auftreten der physischen Krankheit muss es zuerst eine dynamische Krankheit geben.

Hahnemann sagte, dass die wahrnehmbaren pathologischen Veränderungen des Körpers weder die auslösenden noch die erhaltenden Ursachen der Krankheit sind, sondern dass sie das Endergebnis des morbiden Lebensprozesses darstellen.

Das Leben selbst ist unsichtbar und nur in wahrnehmbaren Gefühlsregungen, Bewegungen und Funktionen des Körpers erkennbar. Krankheit ist nichts weiter als ein veränderter Lebenszustand, der sich ebenso durch veränderte Empfindungen und Funktionen ausdrückt.

Heilung ist nur dann möglich, wenn es uns gelingt, die Lebenskraft zu stärken, welche dann die normalen Funktionen wiederherstellt, was wiederum zu einer Umwandlung des kranken Gewebes in normales Gewebe führt. Die Homöopathie glaubt nicht, dass die Entfernung eines Tumors oder eines erkrankten Organs oder eine symptomatische Therapie die dynamische Gesundheit bewirken kann.

Zusammenfassung:

  1. 1. Krankheit ist nicht getrennt vom Leben als Ganzes. Sie kommt nicht von aussen, sondern nimmt ihren Beginn im Innersten des Menschen. Krankheit ist eine Ebene, sie ist das Gegenstück zur Gesundheit.
  2. 2. Krankheit ist nichts anderes als der veränderte Zustand von Gesundheit, was sich durch verschiedene funktionale und organische Symptome äussert. Symptome sind lediglich Warnsignale für die innere Disharmonie.
  3. 3. Heilung ist nur durch die dynamische Unterstützung der Lebenskraft möglich, damit diese sich selbst befreien und die Gesundheit wiederherstellen kann. Homöopathie hält sich streng an diese von der Natur vorgegebenen Prinzipien und verschreibt potenzierte, dynamische Mittel, welche die dynamische Lebenskraft stimulieren.

Heilung

Heilung bedeutet nicht einfach Beseitigung lästiger Symptome. Sie bezeichnet die Wiederherstellung des Zustandes vor der Krankheit. Bei jeglicher Form von Rückfall können wir nicht von Heilung sprechen. So kann z.B. eine Migräne solange nicht als geheilt erklärt werden, wie die Anfälle wieder auftreten. Oder: Wenn eine Grippe behandelt wurde, verschwinden die Grippesymptome, aber der Patient hat keinen Appetit und der Schlaf ist gestört. Oder: Bei einer Magen-Darm-Infektion bestehen die Bauchkrämpfe weiter, obgleich die Laborwerte wieder «normal» sind.

Heilung kann leicht mit Linderung oder Unterdrückung verwechselt werden. Linderung ist bei unheilbaren, komplizierten Zuständen nötig. Unterdrückung der Krankheit bedeutet, Benzin ins Feuer zu schütten. Zuerst ist der Patient froh, dass seine schmerzhaften Symptome verschwunden sind, doch nach einer Weile stellt er fest, dass in anderen, vorher gesunden Körperteilen eine ganze Reihe von Problemen beginnen. Zum Beispiel: Ein Patient wird wegen Stirnhöhlenentzündung behandelt. Die Nebenhöhlen sind danach frei, aber kurz darauf entwickelt er Ödeme in Beinen und Füssen. Oder: Ein Patient wird wegen Polyarthritis behandelt; die Schmerzen in den Gelenken lassen nach, aber nun entwickelt er Hypertonie. Oder: Eine Frau wird depressiv, nachdem ihre Tochter nach Amerika ausgewandert ist. Sie kann das Leben nicht mehr richtig geniessen. Die erste Störung ist eingetreten. Sie leidet und kaut auf ihrer Vergangenheit wie auf einem Kaugummi. Einige Monate später tastet sie einen Brustknoten. Die angsterregende Diagnose wird auf ihre Stirn geklebt: Krebs. Die Brust wird entfernt, Chemotherapie folgt. Die Patientin wird entlassen mit der naiven Überzeugung, geheilt zu sein. Ihre Gedanken sind aber immer noch bei ihrer Tochter, die Wurzel des Problems ist immer noch faul. Der Krebs war lediglich Ausdruck der erkrankten Wurzel. Man nimmt die gefleckte, geschrumpfte Frucht weg und erwartet, dass der Baum gesundet. Danach kriegt sie Eierstockzysten – kein Problem, wird entfernt – gefolgt von Asthma, Polyarthritis, und schliesslich nimmt die Lebenskraft mit einer massiven Blutung definitiv Abschied.

Hahnemann lehrt uns, dass die Ursache der Krankheit auf einer dynamischen Ebene in der Lebenskraft selbst liegt. Die Krankheit ist lediglich der Widerschein der ins Ungleichgewicht geratenen Lebenskraft. Ein homöopathisches Mittel, das nach dem Ähnlichkeitsprinzip verschrieben wurde, ist imstande, durch eine Stärkung der Lebenskraft wahre Heilung zu bewirken, dem Menschen zu einem gesundheitlich dauerhaften Gleichgewicht zu verhelfen und die Tendenz für die eine oder andere Krankheit zu tilgen.

Das Ähnlichkeitsgesetz

Dr. C. F. S. Hahnemann aus Meissen in Deutschland war der Begründer der Wissenschaft des homöopathischen Heilens. Er hatte die intuitive Gewissheit, dass bestimmte unverrückbare Heilprinzipien existieren. Die Natur stattete uns nicht nur mit verschiedenen heilbringenden Substanzen, mit Pflanzen, Kräutern, Metallen und Mineralien aus, sondern gab uns auch den Verstand und die Weisheit zu deren Gebrauch. Hahnemann entdeckte und postulierte das Gesetz der Homöopathie, welches er als unveränderbar feststehend, der menschlichen Launenhaftigkeit entzogen, bezeichnete: Similia similibus curentur.

Der Grundstein der Homöopathie ist das beim Chinarinden-Versuch von Hahnemann erkannte Naturgesetz: Similia similibus curentur, Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden. Dieses Gesetz war schon Hippokrates und Paracelsus bekannt. Hahnemann war jedoch der erste, der dieses Naturprinzip in einer Heilmethode weiterentwickelte.

Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden. Es bedeutet, dass ein Heilmittel, welches zur Behandlung einer bestimmten Symptomgruppe eingesetzt wird, die Fähigkeit besitzen muss, das gleiche Symptombild hervorzurufen, wenn es einem gesunden Menschen verabreicht wird. Mit anderen Worten: Ein Heilmittel kann nur dann Heilung bei einem kranken Menschen erwirken, wenn es in der Lage ist, bestimmte Veränderungen beim gesunden Individum hervorzurufen.

Aus diesem Grund werden die homöopathischen Mittel an gesunden Menschen geprüft. Tierversuche sind ungeeignet, da Tiere gewisse Empfindungen wie «Angstgefühl beginnt im Magen» oder «stechend-brennende Schmerzen» nicht ausdrücken können.

Wenn, beispielsweise, ein Patient an starken Abdominalkoliken leidet, welche beim sich Vorbeugen und durch Wärme gebessert werden, jedoch schlimmer werden beim sich Aufrichten, so sollte er eine Dosis des homöopathischen Arzneimittels Colocynthis erhalten. Denn dieses Mittel, an gesunden Menschen geprüft, produziert ein identisches Kolikbild.

Die Beseitigung einer Obstipation durch Abführmittel oder die Schmerzlinderung durch Schmerzmittel ist nicht Heilung! Es ist lediglich die kurzfristige Erleichterung von einem Leiden.

Behandlungen, die nicht auf den Gesetzen der Natur basieren oder die sich nach dem Gesetz des Gegensätzlichen richten, können niemals dauerhafte oder endgültige Heilung erzielen. Aus diesem Grund war Hahnemann nicht einverstanden, wenn ein einzelnes Symptom beseitigt wurde, er bestand auf der Beseitigung der «Gesamtheit der Symptome». Gesamtheit (Totalität) umfasst auch die Causa oder die «Auslösende Ursache». Wenn die Ursache nicht beseitigt werden kann, wird z.B. eine vorübergehend durch Abführmittel provozierte Diarrhoe die ursprünglich bestehende Obstipation nur verschlechtern.

Wenn ein Patient seine Beschwerden formuliert mit: «Herr Doktor, ich bin verstopft» und nicht sagt: «Meine Eingeweide sind verstopft» – was bedeutet das? Es bedeutet, die Ursache (Causa) liegt viel tiefer, möglicherweise im seelisch-geistigen Bereich, jedenfalls tiefer, als es den Möglichkeiten eines Abführmittels entspricht, welches schlimmstenfalls die Eingeweide zusätzlich verstimmt.

Palliative Behandlung ist wunderbare Augenwischerei, die zwar lokale Symptome bessert, die Lebenskraft jedoch stärker schwächt. Die einmalige Erleichterung eines Asthmaanfalles oder der eine Saison dauernde Erfolg durch Antiallergika bei Heufieber darf nicht mit Heilung verwechselt werden. Heilung kann nur durch dynamische Lebenskräfte oder Immunität des Patienten gefestigt werden und nicht durch äussere Einwirkung von Medikamenten wie Antiallergika, die unterdrücken und die Krankheit tiefer einprägen.

Beobachten Sie nach jeder palliativen Behandlung bei sich selbst, ob Sie z.B. anstelle Ihres jährlichen Heufiebers nun ein pfeifendes Geräusch in der Brust wahrnehmen. Möglicherweise sind Sie auch nur etwas nervöser oder schneller irritiert, nachdem Ihre Hautprobleme verschwanden, weil Sie sie lokal behandelten.

Die genannten Beispiele sind ernste Zeichen und bedeuten, dass die organische Krankheit in eine bedrohlichere Form gebracht wurde. Die äusseren Erscheinungen verschwanden, aber innerlich sind Sie kränker geworden.

Bei homöopathischer Behandlung passiert so etwas normalerweise nicht. Unterdrückung und Nebenwirkungen kann es nicht geben, wenn nach den von Hahnemann genau festgelegten Angaben richtig verschrieben wird.

Hahnemann war ein weiser Mensch und hatte grosse Achtung vor der Natur und ihren Heilgesetzen.

Er führte einige Beispiele aus dem täglichen Leben an, die sein Gesetz beweisen: Wenn wir unsere eiskalten Hände und Füsse mit warmem Wasser waschen, fühlen wir uns eine zeitlang wohl; bald danach jedoch werden sie umso kälter. Waschen wir sie aber mit kälterem Wasser, werden sie sehr rasch warm.

Wenn wir Geld verlieren, fühlen wir uns miserabel, und nichts wird uns trösten (das wäre Behandlung durch Gegensätzliches). Ein viel grösserer Verlust, z.B. der Tod eines lieben Menschen oder die Verwüstung unseres Hauses durch eine Feuersbrunst, würde uns den Verlust des Geldes sofort vergessen lassen.

Halten Sie Ausschau nach solchen Beispielen in Ihrem täglichen Leben, und Sie werden zunehmend überzeugt sein, dass nur die Natur durch ihre Gesetze heilt. Damit im Einklang steht das homöopathische Heilgesetz: «Similia similibus curentur».

Homöopathie, eine individuelle Medizin

Die Homöopathie betrachtet und behandelt jeden Patienten als ein Individuum. Es gibt keine therapeutischen «Kochrezepte», wie sie in anderen Medizinsystemen bekannt sind (dieses Medikament gegen Durchfall, dieses gegen Schmerzen, das gegen Schlaflosigkeit, dies gegen Erkältung usw.). Wenn jemand fragt: «Haben Sie für mich ein Mittel gegen Durchfall?», ist die korrekte Antwort des Homöopathen: «Nein, aber ich habe ein Mittel für Sie, und das Mittel wird Ihnen helfen, wieder gesund zu werden.» Der Kranke muss sein Befinden, seine Symptome beschreiben, es muss sich herauskristallisieren, wodurch «sein» Durchfall sich charakterisiert, was ihn von einem anderen Patienten mit Durchfall unterscheidet. Vielleicht hat er viel Durst und fühlt sich besser nach dem Stuhlen, ein anderer Patient hat hingegen keinen Durst und kollabiert nach dem Stuhlgang. Das sind Symptome, die nichts mit der Krankheitsdiagnose direkt zu tun haben, aber die den Patienten individualisieren. Für die Mittelverschreibung spielt die Diagnose – ob Amöben, Salmonellen oder Lamblien im Stuhl gefunden wurden – keine direkte Rolle.

Je seltsamer und komischer ein Symptom ist, desto wertvoller ist es für den Homöopathen. Das Symptom «trockener Mund, viel Durst» hat wenig Wert, verglichen mit «extrem trockenes Gefühl im Mund, kein Durst». «Asthma, besser beim Aufsitzen und durch frische Luft» ist ein banales Symptom, interessant wird es bei «Asthma, kann besser atmen, wenn er auf dem Bauch liegt». Die eigentümlichen, individuellen Symptome des Patienten müssen aufgenommen werden.

Die Individualität des Menschen ist das grundlegende Prinzip und Werk der Natur. Nicht nur die körperlichen Merkmale sind individuell verschieden, sondern auch die geistige Anlage und die Reaktionen jedes Menschen. Jeder von uns hat eigene Wünsche und Abneigungen. Im Alltag suchen wir alle nach individuellen Beziehungen und einem Platz zum Leben. Wir kleiden und ernähren uns, wie es uns gefällt. Auch wenn wir traurig oder glücklich sind, reagieren wir individuell. Dies ist ein grosses Werk von Mutter Natur. Wie unser Name dazu dient, uns zu identifizieren, so kennzeichnet uns auch unser Wesen und unser Verhalten. Wir alle finden unser Glück in verschiedenen Dingen und haben eigene Hobbys.

Arsenicum album

Die allgemeinen Krankheitssymptome haben für den Homöopathen bei der Individualisation keinen eigentlichen Wert. Es ist sehr wichtig, die besonderen Reaktionen des Patienten herauszufinden. Zu erkennen, was unterschiedlich und besonders ist beim Patienten A und B, obwohl beide an der gleichen Infektion leiden, z.B. einer Blaseninfektion mit E-Coli. Beide haben häufig Harndrang, brennende Schmerzen in der Blasengegend und leichtes Fieber. Das sind die üblichen Symptome von Cystitis, sie spielen für die Wahl eines homöopathischen Mittels eine untergeordnete Rolle. Was uns z.B. interessiert, ist, ob das Brennen vor, während oder nach dem Wasserlösen ist. Wie ist der Schmerz, stechend, pulsierend, krampfartig etc.? Was für einen Geruch hat der Urin, wie Pferdeurin, nach Ammoniak, Spargel etc.? Modalitäten sind bei jeder Krankheit sehr wichtig, vor allem in Akutfällen. Sie charakterisieren das Individuum in seinem Leiden.

Homöopathen müssen hart arbeiten, bevor sie in der Lage sind, ein Mittel auszuwählen. Auf diesem Weg gibt es keine Abkürzung oder Erleichterung. Es verlangt ein ständiges Studium der verschiedenen Menschentypen und ein intensives Studium der Materia Medica.