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Robert A. Heinlein

ROTER PLANET

ROMAN

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Titel der englischen Originalausgabe:
RED PLANET

1. Auflage
Veröffentlicht durch den
MANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYK
Frankfurt am Main 2016
www.mantikore-verlag.de

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe
MANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYK
Text © Robert A. Heinlein 1949

Deutschsprachige Übersetzung: Jan Enseling
Lektorat: Nora Marie Borrusch
Satz & Bildbearbeitung: Karl-Heinz Zapf
Cover- und Umschlaggestaltung: Slobodan Cedic und Matthias Lück

VP: 125-102-01-06-0616

ROTER PLANET

Robert A. Heinlein

Für TISH

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ÜBER DEN AUTOR

Robert Anson Heinlein wurde 1907 in Butler, Missouri, geboren. Er schloss die US-Marineakademie ab und wurde 1934 krankheitsbedingt in den Ruhestand versetzt. Er studierte Mathematik und Physik an der Graduiertenschule der Universität Kalifornien und war Besitzer einer Silbermine, bevor er 1939 mit dem Schreiben von Science-Fiction-Romanen begann. 1947 erschien sein erstes fiktionales Werk, Reiseziel: Mond. Zu seinen Romanen gehören Ein Doppelleben im Kosmos (1956), Starship Troopers (1959), Fremder in einer fremden Welt (1961) und Mondspuren (1966), allesamt Gewinner des Hugo Award. Heinlein war Gastkommentator der ersten Mondlandung durch Apollo 11. 1975 erhielt er den Grand Master Nebula Award für sein Lebenswerk. Heinlein starb 1988.

INHALTSVERZEICHNIS

I Willis

II Kolonie Süd, Mars

III Gekko

IV Lowell-Akademie

V Nichts bleibt ungehört

VI Flucht

VII Verfolgt

VIII Die andere Welt

IX Politik

X „Wir sind eingekesselt!“

XI Belagert

XII „Nicht schießen!“

XIII „Das ist ein Ultimatum.“

XIV Willis

KAPITEL EINS

Willis

Die dünne Luft war kühl, aber nicht wirklich kalt. In den südlichen Breitengraden hatte der Winter noch nicht Einzug gehalten und die Tagestemperaturen lagen in der Regel über dem Gefrierpunkt.

Das seltsame Wesen, das vor der Tür eines kuppelförmigen Gebäudes stand, war von annähernd menschlicher Erscheinung, aber kein menschliches Wesen hatte jemals solch einen Kopf besessen. Etwas wie ein Hahnenkamm ragte aus dem Schädel hervor, die Augenlinsen waren weit und starrten und die Vorderseite des Gesichts ragte hervor wie eine Schnauze. Die unirdische Erscheinung wurde noch durch ein Muster aus schwarzen und gelben Tigerstreifen verstärkt, die den gesamten Kopf bedeckten.

Das Wesen war mit einer pistolenartigen Feuerwaffe ausgestattet, die an seinem Gürtel befestigt war, und trug in der Armbeuge eine Kugel, größer als ein Basketball und kleiner als ein Medizinball. Es legte den Ball auf den linken Arm, öffnete die äußere Tür des Gebäudes und trat ein.

Drinnen gab es einen kleinen Vorraum und eine innere Tür. Sobald sich die Außentür geschlossen hatte, begann der Luftdruck, begleitet von einem leisen Seufzen, im Vorraum anzusteigen. Aus einem Lautsprecher über der Innentür dröhnte ein schwerer Bass: „Nun? Wer ist da? Sprechen Sie! Sprechen Sie!“

Der Besucher legte den Ball vorsichtig auf den Boden, packte dann sein hässliches Gesicht, hob es an und schob es über die Stirn. Darunter kam das Gesicht eines jungen Erdenmenschen zum Vorschein. „Ich bin’s, Jim Marlowe, Doc“, antwortete er.

„Na dann, komm rein. Komm rein! Steh da nicht rum und kau auf deinen Fingernägeln.“

„Ist gut.“ Als der der Luftdruck im Vorraum an den im Rest des Hauses angepasst war, öffnete sich die innere Tür automatisch. Jim sagte: „Komm mit, Willis“, und ging hinein.

Aus der Unterseite des Balls wuchsen drei Höcker, und er folgte dem Jungen mit einer Gangart, die Drehen, Gehen und Rollen miteinander verband. Genauer gesagt schlingerte er wie ein Fass, das über einen Anleger gehievt wird. Sie gingen einen Gang entlang und betraten einen großen Raum, der die halbe Bodenfläche des kreisrunden Hauses einnahm. Doktor MacRae blickte auf, stand jedoch nicht auf. „Wie geht’s, Jim? Leg ruhig ab. Kaffee steht auf dem Arbeitstisch. Hallo, Willis“, fügte er hinzu und widmete sich wieder seiner Arbeit. Er verband gerade die Hand eines Jungen, der ungefähr in Jims Alter war.

„Danke, Doc. Oh – hallo, Francis. Was machst du denn hier?“

„Hi, Jim. Ich habe einen Wassersucher getötet und mir den Daumen an einem seiner Stacheln verletzt.“

„Nicht bewegen!“, befahl der Arzt.

„Das Zeug brennt!“, protestierte Francis.

„Das soll es auch. Halt den Mund.“

„Wie in aller Welt hast du das gemacht?“, bohrte Jim nach. „Du solltest es doch besser wissen, als eins von diesen Dingern anzufassen. Ausbrennen und verbrennen, die Viecher.“ Er öffnete den Reißverschluss seiner Außenbekleidung, streifte sie sich von Armen und Beinen ab und hängte sie auf einen Ständer neben der Tür. An den Haken hingen Francis’ Anzug, auf dessen Kopfbedeckung in bunten Farben eine Art indianischer Kriegsbemalung prangte, sowie der Anzug des Doktors, dessen Maske schlicht gehalten war. Für einen Aufenthalt im Inneren des Mars war Jim nun stilsicher und passend gekleidet: splitternackt, abgesehen von einem roten Slip.

„Ich hab das Viech verbrannt“, erklärte Francis, „aber es hat sich bewegt, als ich es angefasst habe. Ich wollte an den Schwanz, um daraus eine Halskette zu machen.“

„Dann hast du es nicht richtig verbrannt. Wahrscheinlich war es noch voller Eier. Für wen machst du denn die Halskette?“

„Nicht deine Sache. Und ich habe den Eierbeutel verbrannt. Für wen hältst du mich? Für einen Touristen?“

„Manchmal frage ich mich das schon. Du weißt doch, dass die Dinger bis Sonnenuntergang nicht sterben.“

„Red keinen Unsinn, Jim“, riet ihm der Doktor. „Also, Frank, ich spritze dir jetzt ein Gegengift. Wird dir zwar nichts nutzen, aber deine Mutter wird sich freuen. Morgen ungefähr wird dein Daumen so dick angeschwollen sein wie ein vergifteter Welpe; komm dann zurück und ich steche rein.“

„Werde ich meinen Daumen verlieren?“, fragte der Junge. „Nö. Aber für ein paar Tage musst du dich mit der linken Hand kratzen. Also, Jim, was führt dich zu mir? Bauchschmerzen?“

„Nein, Doc. Es geht um Willis.“

„Willis, soso. Er sieht mir doch recht keck aus.“ Der Doktor starrte auf das Wesen herab. Willis saß zu seinen Füßen und war herübergekommen, um zuzusehen, wie Franks Daumen verbunden wurde. Dafür hatte er sich drei Augenstiele aus der Oberseite seiner kugelförmigen Masse wachsen lassen. Die Stiele standen wie Daumen in einem gleichschenkligen Dreieck ab und aus jedem wuchs je ein unheimlich menschliches Auge heraus. Der kleine Kerl drehte sich langsam auf seinen Höckern oder Scheinfüßchen herum, sodass jedes Auge die Gelegenheit bekam, den Doktor zu betrachten.

„Bring mir einen Becher Java, Jim“, befahl der Doktor, dann beugte er sich vor und bildete mit seinen Händen eine Kuhle. „Also, Willis – hopp!“ Willis machte einen kurzen Hüpfer und landete in den Händen des Doktors, wobei er alle Auswüchse einzog. Der Arzt setzte ihn auf den Untersuchungstisch, und sofort fuhr Willis Beine und Augen wieder aus. Sie starrten einander an.

Vor sich sah der Doktor einen Ball mit dichtem kurz geschorenem Fell wie geschorene Schafwolle und ohne besondere Eigenschaften, abgesehen von den Füßen und den Augenstielen. Die Marskreatur sah einen älteren männlichen Erdenmenschen, der beinahe völlig mit drahtigem weiß-grauem Haar bedeckt war. Auf dem Haupt war das Haar dünn, auf Kinn und Wangen dicht und auf Brust und Armen und Rücken und Beinen dicht bis spärlich. Der Mittelteil dieser fremdartigen, nicht-marsianischen Kreatur war von schneeweißen Shorts bedeckt. Willis machte der Anblick Spaß.

„Wie fühlst du dich, Willis?“, fragte der Doktor. „Gut? Schlecht?“

Genau zwischen den Stielen auf der Krone des Balls bildete sich ein Grübchen, das sich zu einer Öffnung weitete. „Willis gut!“, sagte er. Seine Stimme war der von Jim erstaunlich ähnlich.

„Gut, wie?“ Ohne sich umzudrehen, fügte der Doktor hinzu: „Jim! Wasch die Becher noch mal. Und diesmal desinfizierst du sie. Willst du, dass jeder hier Pips kriegt?“

„Alles klar, Doc“, bestätigte Jim und fügte an Francis gewandt hinzu: „Willst du auch Kaffee?“

„Sicher. Schwach, mit viel Muh drin.“

„Jetzt sei nicht zimperlich.“ Jim griff in die Laborspüle und fischte tatsächlich einen weiteren Becher heraus. Die Spüle war voll mit dreckigem Geschirr. Daneben simmerte ein großer Kolben mit Kaffee über einem Bunsenbrenner. Jim wusch die drei Becher sorgsam aus, ließ sie dann durch den Sterilisator laufen und füllte sie hinterher.

Doktor MacRae nahm einen Becher und sagte: „Jim, dieser Mitbürger hier sagt, dass es ihm gut geht. Wo liegt das Problem?“

„Ich weiß, dass er sagt, dass er in Ordnung ist, Doc, aber er ist es nicht. Können Sie ihn nicht untersuchen und es herausfinden?“

„Ihn untersuchen? Wie denn, Junge? Ich kann nicht einmal seine Temperatur messen, weil ich nicht weiß, wie hoch seine Temperatur sein soll. Ich habe genauso viel Ahnung von seiner Körperchemie wie eine Kuh vom Singen. Willst du, dass ich ihn aufschneide und nachsehe, was in ihm vorgeht?“

Sofort zog Willis alle Fortsätze ein und wurde so nichtssagend wie eine Billardkugel. „Jetzt haben Sie ihn erschreckt“, sagte Jim vorwurfsvoll.

„Tut mir leid.“ Der Doktor streckte die Hand aus und begann, den Fellball zu kraulen und zu kitzeln. „Guter Willis, braver Willis. Niemand wird Willis wehtun. Nun mach schon, Junge, komm wieder aus deinem Loch gekrochen.“

Willis öffnete den Schließmuskel über seiner Sprachmembran nur einen Spaltbreit. „Nicht Willis wehtun?“, fragte er ängstlich mit Jims Stimme.

„Nicht Willis wehtun. Versprochen.“

„Nicht Willis aufschneiden?“

„Nicht Willis aufschneiden. Kein Bisschen.“

Langsam schoben sich die Augen heraus. Irgendwie schaffte er es, einen Ausdruck wachsamer Vorsicht an den Tag zu legen, obwohl er nichts hatte, das einem Gesicht ähnelte. „Das ist besser“, sagte der Doktor. „Kommen wir zum Punkt, Jim. Warum, glaubst du, stimmt was mit dem Kerlchen nicht, wenn er und ich es nicht sehen können?“

„Na ja, Doc, es geht darum, wie er sich benimmt. Drinnen geht’s ihm gut, aber draußen … Früher ist er mir überallhin gefolgt, ist in der Landschaft herumgehüpft und hat überall seine Nase reingesteckt.“

„Er hat keine Nase“, kommentierte Francis.

„Du bist ein echter Streber. Wenn ich ihn aber jetzt mit nach draußen nehme, rollt er sich zu einem Ball zusammen und ich kriege nichts mehr aus ihm heraus. Wenn er nicht krank ist, warum benimmt er sich dann so?“

„So langsam dämmert’s mir“, antwortete Doktor MacRae. „Wie lange sind du und dieser Ballon schon ein Team?“

Jim dachte die vierundzwanzig Monate des Marsjahres zurück. „Ungefähr seit Ende Zeus, fast seit November.“

„Und heute haben wir den letzten März, beinahe Ceres, und der Sommer ist vorbei. Kannst du dir darunter irgendwas vorstellen?“

„Äh, nein.“

„Erwartest du etwa, dass er im Schnee herumspringt? Wir wandern aus, wenn es kalt wird; er lebt hier.“

Jim fiel die Kinnlade herunter. „Sie meinen, er versucht, Winterschlaf zu halten?“

„Was denn sonst? Willis’ Vorfahren hatten einige Millionen Jahre Zeit, sich an die hiesigen Jahreszeiten zu gewöhnen. Du kannst nicht von ihm verlangen, dass er das ignoriert.“

Jim sah besorgt aus. „Ich hatte vor, ihn nach Syrtis Minor mitzunehmen.“

„Syrtis Minor? Ach ja, du gehst ja dieses Jahr weg zur Schule, oder? Du doch auch, Frank.“

„Darauf können Sie wetten!“

„Ich kann mich nicht daran gewöhnen, wie schnell ihr Kinder groß werdet. Erst letzte Woche habe ich deinen Daumen angemalt, damit du nicht mehr daran lutschst.“

„Ich habe niemals am Daumen gelutscht!“, gab Francis zurück.

„Nicht? Dann war es ein anderes Kind. Schwamm drüber. Ich bin auf den Mars gekommen, weil die Jahre angeblich doppelt so lang sind, aber es scheint keinen Unterschied zu machen.“

„Sagen Sie, Doc, wie alt sind Sie?“, wollte Francis wissen.

„Kümmer dich um deine Angelegenheiten. Wer von euch studiert Medizin und kommt zurück, um mir in der Praxis zu helfen?“

Keiner von beiden antwortete. „Na, raus mit der Sprache!“, hakte der Doktor nach. „Was werdet ihr studieren?“

Jim sagte: „Nun ja, ich weiß nicht. Ich interessiere mich für Areografie1, aber ich mag auch Biologie. Vielleicht werde ich auch Planetenwissenschaftler wie mein alter Herr.“

„Das ist ein breites Fach. Damit solltest du eine Weile beschäftigt sein. Und du, Frank?“

Francis blickte ein wenig verlegen drein. „Nun, ähm – verflixt, ich glaube immer noch, dass ich Raketenpilot werden will.“

„Ich dachte, da wärst du rausgewachsen.“ Doktor MacRae sah beinahe geschockt aus.

„Warum nicht?“, antworte Francis beharrlich. „Ich könnte es packen.“

„Genau davor habe ich Angst. Schau mal, Frank, willst du wirklich ein Leben führen voller Regeln und Vorschriften und Disziplin?“

„Hm … Ich will Pilot werden. Ich weiß es.“

„Aber auf deine Verantwortung. Ich habe die Erde verlassen, um von dem ganzen Unsinn wegzukommen. Die Erde ist derart vollgestopft mit Gesetzen, dass ein Mann keine Luft zum Atmen hat. Bisher bietet der Mars noch ein gewisses Maß an Freiheit. Wenn sich das ändert …“

„Was, ‚wenn sich das ändert‘, Doc?“

„Na ja, dann suche ich mir natürlich einen anderen Planeten, der nicht verseucht ist. Wenn wir schon dabei sind: Ihr Jungspunde geht doch zur Schule, bevor die Kolonisten umsiedeln, oder?“ Da Erdenmenschen keinen Winterschlaf halten, war es notwendig, dass die Kolonie zweimal im Marsjahr umgesiedelt wurde. Den Südsommer verbrachte man bei Charax, kaum dreißig Grad vom Südpol entfernt; die Kolonie war bereits im Begriff, nach Kopaïs in Utopia umzuziehen, das fast genauso weit im Norden lag, wo sie ein halbes Marsjahr, also beinahe ein volles Erdenjahr bleiben würde.

In Äquatornähe gab es Anlagen, die das ganze Jahr über belegt waren – New Shanghai, Marsport, Syrtis Minor –, jedoch waren diese keine richtigen Kolonien, da sie hauptsächlich von Angestellten der Mars Company bewohnt wurden. Durch Vertrag und Satzung war die Company verpflichtet, fortgeschrittene Bildung nach Vorbild der Erde für Kolonisten auf dem Mars zu erteilen. Die Company ging dieser Verpflichtung nur in Syrtis Minor nach.

„Wir fliegen nächsten Mittwoch“, sagte Jim, „mit dem Postflitzer.“

„So bald?“

„Genau, und deshalb mache ich mir Sorgen um Willis. Was soll ich tun, Doc?“

Willis hörte seinen Namen und sah Jim neugierig an. Er wiederholte das Gesagte, wobei er Jim exakt imitierte: „Was soll ich tun, Doc?“

„Halt die Klappe, Willis …“

„Halt die Klappe, Willis“, äffte Willis den Doktor ebenso perfekt nach.

„Wahrscheinlich ist das Beste, was du für ihn tun kannst, ihn nach draußen zu bringen, ein Loch für ihn zu finden und ihn dort reinzustopfen. Du kannst eure Bekanntschaft erneuern, wenn er den Winterschlaf hinter sich hat.“

„Aber, Doc, das bedeutet, dass ich ihn verlieren werde! Er wird draußen sein, wenn ich von der Schule zurückkomme. Außerdem wird er wahrscheinlich wach sein, noch ehe die Kolonie zurückkehrt.“

„Wahrscheinlich.“ MacRae dachte darüber nach. „Es wird ihm nicht schaden, wenn er wieder auf sich allein gestellt ist. Es ist kein natürliches Leben, das er mit dir führt, Jim. Er ist ein Individuum, das weißt du. Kein Eigentum.“

„Natürlich nicht! Er ist mein Freund.“

„Ich verstehe nicht“, warf Francis ein, „warum Jim so ein Trara um ihn macht. Klar, er redet viel, aber das meiste äfft er einfach nur nach. Wenn ihr mich fragt, er ist ein Idiot.“

„Niemand hat dich gefragt. Willis mag mich, oder, Willis? Hier, komm zu Papa.“ Jim breitete die Arme aus. Die kleine Marskreatur sprang hinauf und machte es sich in seinem Schoß bequem – eine warme, pelzige Masse, die leicht pochte. Jim streichelte ihn.

„Warum fragst du nicht einen der Marsianer?“, schlug MacRae vor.

„Das habe ich versucht, aber ich konnte keinen finden, der in der Stimmung war, überhaupt zuzuhören.“

„Du meinst, du hattest einfach keine Lust, zu warten. Ein Marsianer nimmt dich zur Kenntnis, wenn du dich geduldest. Nun, wieso fragst du nicht ihn? Er kann für sich selbst sprechen.“

„Was soll ich denn sagen?“

„Ich versuch’s mal. Willis!“

Willis wandte zwei Augen dem Doktor zu. MacRae fuhr fort: „Willst du rausgehen und schlafen?“

„Willis nicht müde.“

„Wirst draußen müde. Schön und kalt; findest ein Loch im Boden. Rollst dich zusammen und machst ein hübsches, langes Schläfchen. Was meinst du?“

„Nein!“ Der Doktor musste genau hinsehen, um zu bemerken, dass nicht Jim geantwortet hatte – wenn Willis für sich selbst sprach, benutzte er immer Jims Stimme. Willis’ Lautmembran besaß an sich keine besonderen Eigenschaften, ähnlich wie die Membran eines Radiolautsprechers, sah man davon ab, dass sie Teil eines lebenden Tieres war.

„Die Antwort scheint mir endgültig, versuchen wir’s aber mit einem anderen Ansatz. Willis, möchtest du bei Jim bleiben?“

„Willis bei Jim bleiben.“ Nachdenklich fügte Willis hinzu: „Warm!“

„Da haben wir des Rätsels Lösung, Jim“, sagte der Doktor trocken. „Er mag deine Körpertemperatur. Aber ipse dixit – behalte ihn in deiner Nähe. Ich glaube nicht, dass es ihm schaden wird. Er wird wahrscheinlich fünfzig statt hundert Jahre leben, aber er wird doppelt so viel Spaß haben.“

„Leben die denn normalerweise bis zu hundert Jahre?“, fragte Jim.

„Wer weiß? Wir sind noch nicht lange genug auf dem Planeten, um davon eine Ahnung zu haben. Und jetzt raus mit euch. Ich hab noch zu arbeiten.“ Der Doktor betrachtete nachdenklich sein Bett. Es war seit einer Woche nicht gemacht worden. Er entschied, die Sache bis zum Waschtag aufzuschieben. „Was heißt ‚ipse dixit‘, Doc?“, fragte Francis.

„Es heißt: ‚Das kann man wohl sagen‘.“

„Doc“, schlug Jim vor, „warum kommen Sie heute nicht zum Abendessen zu uns? Ich rufe Mutter an. Und du auch, Frank.“

„Mh-mh“, lehnte Frank ab. „Lieber nicht. Meine Mutter sagt, ich esse viel zu oft bei euch.“

„Wenn meine Mutter hier wäre, würde sie zweifellos dasselbe sagen“, gab der Doktor zu. „Zum Glück stehe ich nicht mehr unter ihrem Pantoffel. Ruf deine Mutter an, Jim.“

Jim ging zum Telefon, schaltete zwei Kolonialhausfrauen ab, die über Babys tratschten, und erreichte schließlich sein Heim über eine alternative Frequenz. Als seine Mutter auf dem Bildschirm erschien, erklärte er ihr seinen Wunsch. „Ich würde mich freuen, den Doktor bei uns zu haben“, sagte sie. „Sag ihm, er soll sich auf den Weg machen, Jimmy.“

„Sofort, Mom!“ Jim schaltete das Gerät aus und griff nach seinem Außenanzug.

„Zieh ihn nicht an“, riet MacRae. „Es ist zu eisig draußen. Wir gehen durch die Tunnel.“

„Das ist doppelt so weit“, widersprach Jim.

„Das überlassen wir Willis. Willis, wofür bist du?“

„Warm“, sagte Willis selbstgefällig.

1 Areografie: ähnlich der „Geografie“ auf der Erde. Nach „Ares“, griechisch für Mars.

KAPITEL ZWEI

Kolonie Süd, Mars

Kolonie Süd war wie ein Rad angelegt. Das Verwaltungsgebäude bildete den Mittelpunkt; Tunnel verliefen in alle Richtungen, und darüber waren Gebäude errichtet worden. Inzwischen war ein Randtunnel begonnen worden, der sich an einige der Speichen des Rades anschloss; bisher war ein Bogen von fünfundvierzig Grad fertiggestellt worden.

Abgesehen von drei Mondhütten, die bei der Gründung der Kolonie errichtet wurden und seitdem leer standen, besaßen alle Gebäude die gleiche Form. Jedes war eine halbkugelförmige Blase aus Silikonplastik, das aus dem Boden des Mars verarbeitet und an Ort und Stelle aufgeblasen wurde. Tatsächlich bestanden alle aus einer Doppelblase: Zuerst wurde eine Blase aufgeblasen, mit einem Durchmesser von etwa neun bis zwölf Metern. Sobald diese ausgehärtet war, betrat man das neue Gebäude durch einen Tunnel und blies eine innere Blase auf, etwas kleiner als die erste. Die äußere Blase „polymerisierte“ – das heißt, durch die Sonneneinstrahlung trocknete sie und härtete aus, während durch eine Batterie aus Ultraviolett- und Wärmelampen die innere Blase gehärtet wurde. Die Wände wurden durch einen ungefähr dreißig Zentimeter breiten Totraum getrennt, wodurch eine Dämmung gegen die bitterkalten Marsnächte entstand, die unter dem Gefrierpunkt lagen.

Sobald ein neues Gebäude ausgehärtet war, schnitt man aus der Außenseite eine Tür heraus und installierte eine Luftschleuse; aus Bequemlichkeit behielten die Kolonisten im Inneren ungefähr zwei Drittel des Normaldrucks auf der Erde bei, und der Druck auf dem Mars ist niemals auch nur halb so groß. Ein Besucher von der Erde, der nicht an die Planetenbedingungen gewöhnt ist, stirbt ohne Atemgerät. Unter den Kolonisten wagen sich nur Tibetaner und bolivische Indios ohne Atemgeräte nach draußen, und sogar sie tragen dabei die bequemen, elastischen Marsanzüge, um Hautblutungen zu verhindern.

Die Gebäude besaßen nicht einmal Fenster, gleich einem modernen Gebäude in New York. Zwar ist die sie umgebende Wüste schön, aber monoton. Kolonie Süd lag in einem Gebiet, das den Menschen von den Marsianern überlassen wurde, nur wenig nördlich der uralten Stadt Charax – es lohnt nicht, den marsianischen Namen zu nennen, da Erdlinge ihn nicht aussprechen können – und zwischen den Armen des Doppelkanals Strymon. Erneut folgen wir den kolonialen Bräuchen und verwenden den Namen, den der unsterbliche Dr. Percival Lowell dem Kanal gegeben hat.

Francis begleitete Jim und Doktor MacRae bis zur Tunnelkreuzung unter dem Rathaus und ging dann seinen Tunnel hinunter. Ein paar Minuten später gelangten der Doktor und Jim – und Willis – hinauf ins Haus der Marlowes. Jims Mutter begrüßte sie. Doktor MacRae verneigte sich, eine Verbeugung, dessen Vornehmheit durch nackte Füße und ergrautes Brusthaar nicht gemindert wurde: „Madame, wieder nutze ich Ihre Gutmütigkeit aus.“

„Papperlapapp, Doktor. Sie sind uns immer bei Tisch willkommen.“

„Wenn ich doch nur die Chuzpe hätte, zu wünschen, Sie wären keine so herausragende Köchin, sodass Sie die eigentliche Wahrheit erfahren würden: Meine Liebe, Sie sind es, die mich hierher führt.“

Jims Mutter errötete. Sie trug ein Kostüm, das eine Dame auf der Erde vielleicht fürs Sonnenbaden oder für Gartenarbeit ausgesucht hätte, und sie bot einen sehr hübschen Anblick, obwohl Jim sich dessen bestimmt nicht bewusst war. Sie wechselte das Thema: „Jim, häng deine Pistole auf. Lass sie nicht auf dem Sofa liegen, wo Oliver rankommt.“

Als Jims kleiner Bruder seinen Namen hörte, stürzte er sich sofort auf die Pistole. Sowohl Jim als auch seine Schwester Phyllis sahen es und riefen beide: „Olli!“ – und wurden direkt von Willis imitiert, für den dieser schwierige Trick, beide Stimmen gleichzeitig nachzumachen, nur möglich war durch die atonale Membran.

Phyllis war näher dran; sie packte die Pistole und schlug dem Kind auf die Hand. Oliver fing an zu heulen, was durch Willis noch verstärkt wurde. „Kinder!“, sagte Mrs. Marlowe, als Mr. Marlowe in der Tür erschien.

„Was soll der Aufruhr?“, fragte er milde.

Doktor MacRae hob Oliver hoch, drehte ihn herum und setzte ihn auf seine Schultern. Oliver vergaß, dass er geheult hatte. Mrs. Marlowe fügte hinzu: „Nichts, Liebling. Ich bin froh, dass du zu Hause bist. Kinder, waschen fürs Abendessen, und zwar alle.“

Die zweite Generation marschierte geschlossen hinaus. Phyllis sagte: „Nimm die Ladungen aus deiner Pistole, Jimmy, und lass mich üben.“

„Du bist zu jung für eine Waffe.“

„Pah! Ich schieße auch nicht besser als du.“ Das war ziemlich nahe an der Wahrheit und nicht übertrieben: Phyllis war zwei Jahre jünger als Jim und dazu noch ein Mädchen.

„Mädchen schießen nur auf unbewegliche Ziele. Würdest du einen Wassersucher sehen, würdest zu schreien.“

„Ach ja? Wir gehen zusammen auf die Jagd, und ich wette mit dir um zwei Kredite, dass ich zuerst treffe.“

„Du hast keine zwei Kredite.“

„Habe ich wohl.“

„Wie kommt es dann, dass du mir gestern keinen halben Kredit leihen konntest?“

Phyllis wechselte das Thema. Jim hängte seine Waffe in den Schrank und schloss ihn ab. Kurz darauf waren sie wieder im Wohnzimmer und sahen, dass ihr Vater daheim und das Abendessen fertig war.

Phyllis wartete, bis die Erwachsenengespräche ein wenig abgeflaut waren, und fragte: „Daddy?“

„Ja, Schätzchen? Was ist?“

„Wird es nicht langsam Zeit, dass ich meine eigene Pistole kriege?“

„Hm? Dafür ist später immer noch genug Zeit. Bleib du bei deinen Zielübungen.“

„Aber hör doch mal, Daddy: Jim geht weg, und das bedeutet, dass Olli nicht rausgehen kann, wenn du oder Mutter keine Zeit hat, ihn mitzunehmen. Wenn ich eine Waffe hätte, könnte ich aushelfen.“

Mr. Marlowe runzelte die Stirn. „Da sagst du was. Du hast all deine Prüfungen bestanden, oder?“

„Das weißt du doch!“

„Was meinst du, meine Liebe? Sollen wir Phyllis mit ins Rathaus nehmen und sehen, ob man ihr eine Erlaubnis erteilt?“

Bevor Mrs. Marlowe antworten konnte, murmelte Doktor MacRae irgendetwas in seinen Teller hinein. Die Bemerkung war kraftvoll und vermutlich unhöflich.

„Wie? Was haben Sie gesagt, Doktor?“

„Ich sagte“, antwortete MacRae, „dass ich auf einen anderen Planeten umziehen werde. Zumindest habe ich es so gemeint.“

„Wieso? Was stimmt denn mit diesem nicht? In weiteren zwanzig Jahren werden wir ihn wieder hergestellt haben, so gut wie neu. Man wird ohne Maske draußen spazieren gehen können.“

„Sir, es sind nicht die natürlichen Einschränkungen dieser Kugel, die mich stören; es sind die memmenhaften Volltrottel, die sie regieren … Diese lächerlichen Vorschriften machen mich wütend. Dass ein freier Bürger mit dem Hut in der Hand vor ein Komitee treten und um Erlaubnis betteln muss, eine Waffe zu tragen – unvorstellbar! Bewaffnen Sie Ihre Tochter, Sir, und schenken Sie diesen kleingeistigen Bürokraten keine Beachtung.“

Jims Vater rührte in seinem Kaffee herum. „Daran hatte ich schon gedacht. Ich weiß wirklich nicht, warum die Company diese Regeln überhaupt erlassen hat.“

„Reines Nachäffen. In den wimmelnden Bienenstöcken auf der Erde gibt es ähnlich kindische Vorschriften. Die fetten Beamten, die so etwas entscheiden, können sich keine anderen Bedingungen vorstellen. Unsere Gemeinschaft liegt am Grenzland, da sollten wir von so etwas verschont bleiben.“

„Hm … Sie haben wahrscheinlich recht, Doktor. Ich kann nicht sagen, dass ich Ihnen widerspreche, aber ich bin derart damit beschäftigt, mit meiner eigenen Arbeit voranzukommen, dass ich keine Zeit habe, mir Gedanken über Politik zu machen. Es ist einfacher, einem Testfall zuzustimmen, als dagegen anzugehen.“ Jims Vater wandte sich an seine Frau. „Wenn es geht, meine Liebe, könntest du die Zeit finden, für Phyllis eine Erlaubnis einzuholen?“

„Ja, natürlich“, antwortete sie unsicher, „wenn du wirklich denkst, dass sie alt genug ist.“ Der Doktor murmelte etwas, das „Schutzgeld“ und „Boston Tea Party“ in einem Atemzug nannte.

„Natürlich bin ich alt genug, Mutter. Ich bin ein besserer Schütze als Jimmy.“

Jim sagte: „Du bist durchgeknallt!“

„Achte auf deine Manieren, Jim“, ermahnte ihn sein Vater. „So sprechen wir nicht mit einer Dame.“

„Hat sie wie eine Dame gesprochen? Das frag’ ich dich, Dad.“

„Du solltest annehmen, dass sie eine ist. Lassen wir das. Was haben Sie gesagt, Doktor?“

„Wie? Sicher nichts, was ich hätte sagen sollen. Sie haben vorher etwas von weiteren zwanzig Jahren gesagt und dass wir unsere Atemgeräte wegwerfen könnten. Sagen Sie: Gibt es Neuigkeiten über das Projekt?“

Die Kolonisten arbeiteten an Dutzenden von Projekten, die allesamt darauf abzielten, den Mars für menschliche Wesen bewohnbarer zu machen, aber mit dem Projekt war immer das Atmosphären- oder auch Sauerstoffprojekt gemeint. Die Pioniere der Harvard-Carnegie-Expedition hatten berichtet, der Mars sei geeignet für eine Kolonisierung, sah man einmal von der wichtigsten Tatsache ab, dass die Luft so dünn war, dass ein normaler Mensch ersticken würde. Allerdings berichteten die Expeditionsteilnehmer auch, dass Abermillionen Tonnen Sauerstoff im Wüstensand des Mars eingeschlossen wären – das rote Eisenoxid, das dem Mars seine rostrote Farbe verlieh. Das Projekt sah vor, den Sauerstoff freizusetzen, damit die Menschen ihn atmen konnten.

„Haben Sie diesen Nachmittag nicht die Nachrichten von Deimos gehört?“, gab Mr. Marlowe zurück.

„Ich höre mir keine Nachrichten an. Schont das Nervenkostüm.“

„Zweifellos. Aber diesmal waren es gute Nachrichten. Die Protoanlage in Libyen ist in Betrieb, und zwar erfolgreich. Schon nach dem ersten Betriebstag wurde eine Masse von vier Millionen Tonnen Sauerstoff in die Luft zurückgeführt – und das ohne Störungen.“

Mrs. Marlowe sah verwundert drein. „Vier Millionen Tonnen? Das klingt nach einer ziemlichen Menge.“

Ihr Mann grinste. „Hast du eine Ahnung, wie lange eine Anlage brauchen würde, um den Job zu erledigen? Also den Sauerstoffdruck um fünf Massenpfund pro Quadratzoll zu erhöhen?“

„Natürlich nicht. Aber vermutlich nicht zu lange.“

„Lass mich nachdenken …“ Er bewegte lautlos die Lippen. „Ähm, ungefähr zweihunderttausend Jahre – Marsjahre, natürlich.“

„James, jetzt nimmst du mich auf den Arm!“

„Nein, überhaupt nicht. Lass dich nicht von den großen Zahlen einschüchtern, Liebes; wir werden selbstverständlich nicht nur von einer Anlage abhängen – sie werden im Abstand von achtzig Kilometern in der Wüste verstreut liegen, jede mit über eintausend Megawatt Leistung. Zum Glück sind die Energiereserven praktisch unbegrenzt. Wenn wir den Job zu unseren Lebzeiten nicht fertigbekommen, so werden wenigstens unsere Kinder das Ergebnis sehen.“

Mrs. Marlowe machte ein verträumtes Gesicht. „Das wäre schön – draußen mit freiem Gesicht durch die Brise laufen. Ich erinnere mich, als ich ein kleines Mädchen war, hatten wir einen Obstgarten, durch den ein Bach lief …“ Sie hielt inne.

„Tut es dir leid, dass wir auf den Mars gezogen sind, Jane?“, fragte ihr Mann leise.

„Oh, nein. Das ist mein Zuhause.“

„Schön. Was machen Sie für ein finsteres Gesicht, Doktor?“

„Wie? Ach, nichts, nichts! Ich habe nur gerade über das Endresultat nachgedacht. Verstehen Sie mich nicht falsch, all das ist hervorragende Arbeit – harte Arbeit, gute Arbeit, in die man sich verbeißen kann. Aber wir erledigen sie und wofür? Damit weitere zwei Milliarden, drei Milliarden Schafe sich mit Unsinn beschäftigen können und ihre Zeit damit vergeuden, sich zu kratzen und zu blöken. Wir hätten den Mars den Marsianern lassen sollen. Sagen Sie mir, Sir, wissen Sie, wofür das Fernsehen benutzt wurde, als es zum ersten Mal auftauchte?“

„Nein. Wie denn auch?“

„Nun, ich habe es natürlich selbst nicht gesehen, aber mein Vater hat mir davon erzählt. Es scheint …“

„Ihr Vater? Wie alt war er? Wann wurde er geboren?“

„Dann eben mein Großvater. Hätte auch mein Urgroßvater sein können. Das ist nicht der Punkt. Sie haben die ersten Fernseher in Cocktailbars aufgestellt – in Amüsierbetrieben – und sich darüber Ringkämpfe angesehen.“

„Was ist ein ‚Ringkampf‘?“, wollte Phyllis wissen.

„Eine veraltete Form von Volkstanz“, erklärte ihr Vater. „Ist auch egal. Ich verstehe Ihr Argument, Doktor, aber ich sehe keinen Schaden in …“

„Was ist ein ‚Volkstanz‘?“, bohrte Phyllis weiter.

„Sag du’s ihr, Jane. Da bin ich überfragt.“

Jim machte ein selbstzufriedenes Gesicht. „Das ist, wenn ein Volk tanzt, Dummkopf.“

„Nah genug“, stimmte seine Mutter zu.

Doktor MacRae starrte sie an. „Diese Kinder verpassen etwas. Ich werde einen Squaredance-Club organisieren. Ich war mal ein ganz guter Caller, vor langer, langer Zeit.“

Phyllis wandte sich an ihren Bruder. „Jetzt willst du mir bestimmt erzählen, dass man beim Squaredance im Viereck tanzt.“

Mr. Marlowe hob die Augenbrauen. „Ich glaube, die Kinder haben aufgegessen, Liebling. Können wir sie nicht aufstehen lassen?“

„Ja, sicher. Ihr könnt aufstehen, meine Lieben. Sag ‚entschuldigt mich‘, Olli.“ Das Baby wiederholte es, und Willis echote im Chor.

Hastig wischte Jim sich den Mund ab, packte Willis und ging auf sein Zimmer. Er hätte dem Doktor gerne zugehört, musste aber zugeben, dass der alte Bursche den fantastischsten Unsinn redete, wenn andere Erwachsene in der Nähe waren. Die Diskussion über das Sauerstoffprojekt interessierte Jim genauso wenig; er fand nichts Merkwürdiges daran, eine Maske zu tragen. Er würde sich unbekleidet vorkommen, wenn er ohne sie hinausginge.

Nach Jims Meinung war der Mars in Ordnung, so wie er war – man musste ihn nicht so ähnlich machen wie die Erde. Die Erde war auch nicht gerade umwerfend gewesen. Seine eigenen Rückbesinnungen bezüglich der Erde waren auf frühen und vagen Kindheitserinnerungen über die Konditionierungsstationen für Emigranten auf den Hochebenen Boliviens beschränkt: Kälte, Kurzatmigkeit und große Müdigkeit.

Seine Schwester trippelte ihm nach. Er blieb mitten in der Tür zu seinem Zimmer stehen und fragte: „Was willst du, Winzling?“

„Äh, Jimmy … Tut mir leid, dass ich gesagt habe, ich könnte besser schießen als du. Eigentlich kann ich es nicht.“

„Hä? Worauf willst du hinaus?“

„Also … Schau mal, Jimmy, da ich auf Willis aufpassen muss, wenn du zur Schule gegangen bist, wäre es vielleicht eine gute Idee, wenn du es ihm irgendwie erklärst, damit er tut, was ich ihm sage.“

Jim starrte sie an. „Wie kommst du darauf, dass ich ihn hierlasse?“

Sie starrte zurück. „Aber das tust du! Das musst du. Du kannst ihn nicht mit in die Schule nehmen. Frag Mutter.“

„Mutter hat nichts damit zu tun. Ihr ist egal, was ich zur Schule mitnehme.“

„Frag sie einfach. In der Schule sind keine Haustiere erlaubt. Gerade gestern habe ich gehört, wie sie mit Frank Suttons Mutter darüber gesprochen hat.“

„Willis ist kein Haustier. Er ist ein … er ist ein …“

„Er ist was?“

„Er ist ein Freund, das ist er: ein Freund!“

„Nun, er ist auch mein Freund – oder, Willis? Wie auch immer, ich glaube, du bist gemein.“

„Du glaubst immer, dass ich gemein bin, wenn ich nicht jedem deiner Wünsche nachgebe!“

„Nicht meinen – denen von Willis. Willis ist hier zuhause; er hat sich hieran gewöhnt. Wenn er weg und in der Schule ist, wird er Heimweh bekommen.“

„Er wird mich haben!“

„Die meiste Zeit wohl nicht. Du wirst im Unterricht sitzen. Willis wird nichts anderes zu tun haben, als herumzusitzen und Trübsal zu blasen. Du solltest ihn bei mir lassen – bei uns –, wo er glücklich ist.“

Jim machte sich gerade. „Ich werde der Sache auf den Grund gehen, und zwar sofort.“ Er ging zurück in die Wohnabteilung und wartete hartnäckig darauf, dass man ihn bemerkte. Kurz darauf drehte sich sein Vater zu ihm um.

„Ja? Was ist, Jim? Was bedrückt dich?“

„Ähm, also … hör mal, Dad, gibt es irgendwelche Zweifel daran, dass Willis mich begleitet, wenn ich weg und zur Schule gehe?“

Sein Vater sah überrascht aus. „Es ist mir nie in den Sinn gekommen, dass du darüber nachdenken würdest, ihn mitzunehmen.“

„Hä? Wieso nicht?“

„Nun, die Schule ist kein geeigneter Ort für ihn.“

„Warum nicht?“

„Na ja, du hättest nicht genug Zeit, um dich ordentlich um ihn zu kümmern. Du wirst ganz schön beschäftigt sein.“

„Um Willis muss man sich nicht groß kümmern. Er macht kaum Mist. Man füttert ihn vielleicht einmal im Monat, gibt ihm ungefähr einmal die Woche was zu trinken, und mehr braucht er nicht. Warum kann ich ihn nicht mitnehmen, Dad?“

Mr. Marlowe sah verblüfft aus; er wandte sich an seine Frau. Sie schaltete sich ein: „Nun, Jimmy, mein Liebling, wir möchten nicht, dass du …“

Jim unterbrach sie. „Mutter, jedes Mal, wenn du mir etwas ausreden möchtest, fängst du an mit ‚Jimmy, mein Liebling‘!“

Ihre Mundwinkel zuckten, doch sie verkniff sich das Lächeln. „Entschuldige, Jim. Vielleicht tue ich das. Ich wollte eigentlich Folgendes sagen: Wir möchten, dass du in der Schule einen guten Start hinlegst. Ich glaube nicht, dass es irgendetwas nutzt, wenn du die Hände voll hast mit Willis. Tatsächlich hat mir Mrs. Sutton gerade letztens erzählt, dass Haustiere dort nicht erlaubt sind. Sie hat gesagt …“

„Was weiß sie überhaupt darüber?“

„Nun, sie hat mit der Frau des Lokalvertreters gesprochen.“

Jim war für den Augenblick baff. Die Frau des Lokalvertreters der Mars Company für Kolonie Süd verfügte zweifellos über bessere Informationsquellen als er. Aber so schnell wollte er nicht aufgeben. „Also, Mutter. Also, Dad. Ihr habt beide die Broschüre gesehen, in der stand, was ich tun soll und was ich mitbringen soll und wann ich ankommen soll und so weiter. Wenn einer von euch irgendwas, irgendwo in diesen Anweisungen findest, das besagt, dass ich Willis nicht mitnehmen kann, dann bin ich so still wie ein Marsianer. Ist das fair?“

Mrs. Marlowe sah ihren Mann fragend an. Dieser erwiderte den Blick mit dem gleichen Hilfe suchenden Ausdruck. Er war sich durchaus bewusst, dass Doktor MacRae sie beide beobachtete; zwar sagte er kein Wort, doch zeigte sich auf seinem Gesicht ein Ausdruck hämischer Freude.

Mr. Marlowe zuckte mit den Schultern. „Nimm Willis mit, Jim. Aber er ist deine Verantwortung.“

Auf Jims Gesicht machte sich ein Grinsen breit. „Danke, Dad!“ Rasch verließ er das Zimmer, damit seine Eltern keine Gelegenheit bekamen, ihre Meinung zu ändern.

Mr. Marlowe klopfte seine Pfeife an einem Aschenbecher aus und blickte Doktor MacRae finster an. „Und warum grinsen Sie so, Sie uralter Affe? Sie glauben, ich wäre zu nachsichtig, oder?“

„Oh, nein, überhaupt nicht! Ich glaube, Sie haben alles genau richtig gemacht.“

„Glauben Sie, Jims Haustier würde ihm in der Schule keine Schwierigkeiten machen?“

„Im Gegenteil. Ich habe schon Erfahrung mit Willis’ sonderbarem Sozialverhalten.“

„Warum haben Sie dann gesagt, ich hätte alles richtig gemacht?“

„Warum sollte der Junge keine Schwierigkeiten bekommen? Schwierigkeiten sind der Normalzustand für die Menschheit. Wir wurden mit ihnen aufgezogen. Wir gedeihen durch sie.“

„Manchmal denke ich, Doktor, Sie sind, wie Jim sagen würde, völlig durchgeknallt.“

„Kann sein. Aber da ich der einzige Arzt in der Umgebung bin, werde ich dafür vermutlich nicht eingeliefert. Mrs. Marlowe, könnten Sie einem alten Mann einen Gefallen tun und noch etwas von Ihrem köstlichen Kaffee nachschenken?“

„Natürlich, Doktor.“ Sie schenkte ihm nach und fuhr dann fort: „James, mir macht es nichts, dass du entschieden hast, Jim könnte Willis mitnehmen. Es wird eine Entlastung sein.“

„Wieso denn, Liebes? Jim hatte recht, als er sagte, der kleine Schnorrer würde keine Probleme machen.“

„Macht er ja auch nicht. Aber … ich wünschte, er wäre nicht so ehrlich.“

„Ach? Ich dachte, er wäre der perfekte Zeuge, wenn es darum ginge, die Streitereien der Kinder zu schlichten.“

„Oh, das schon. Er gibt alles, was er hört, so perfekt wieder wie ein Umschreiber. Darin liegt das Problem.“ Sie sah verstimmt aus, dann kicherte sie. „Du kennst doch Mrs. Pottle?“

„Natürlich.“

Der Doktor fügte hinzu: „Das ist unvermeidbar. Ich, der Unglückliche, muss für ihre ‚Nerven‘ sorgen.“

Mrs. Marlowe fragte: „Ist sie wirklich krank, Doktor?“

„Sie isst zu viel und arbeitet zu wenig. Weitere Auskünfte verbietet die Berufsethik.“

„Ich wusste nicht, dass Sie eine haben.“

„Junge Dame, zeigen Sie etwas Respekt vor meinen weißen Haaren. Was ist denn mit dem Pottle-Weibchen?“

„Nun, Luba Konski und ich haben letzte Wochen zusammen Mittag gegessen, und da kamen wir auf Mrs. Pottle zu sprechen. Ehrlich, Jim, ich habe nicht viel gesagt und wusste nicht, dass Willis unterm Tisch gelegen hat.“

„Hat er?“ Mr. Marlowe bedeckte seine Augen. „Erzähl weiter.“

„Na ja, ihr beide erinnert euch, dass die Konskis die Pottles bei sich in Kolonie Nord untergebracht hatten, bis ihr Haus fertiggestellt war. Sarah Pottle ist schon immer Lubas Liebling gewesen, und am Dienstag hat sie mir einige pikante Details darüber erzählt, wie sich Sarah zu Hause verhält. Zwei Tage später ist Sarah Pottle vorbeigekommen, um mir Tipps für die Kindererziehung zu geben. Etwas, das sie gesagt hat, hat Willis auf den Plan gerufen – ich wusste, dass er im Zimmer war, habe mich aber nicht groß darum gekümmert –, und Willis legte genau die falsche Platte auf, und ich konnte ihn nicht zum Schweigen bringen. Schließlich habe ich ihn aus dem Zimmer getragen. Mrs. Pottle ist gegangen, ohne sich zu verabschieden, und seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört.“

„Das ist kein Verlust“, kommentierte ihr Mann.

„Richtig, aber das war Luba auf Niederländisch. Es gibt keinen, der Lubas Akzent nicht mitbekommen hätte, und Willis spricht ihn besser als sie selbst. Ich glaube nicht, dass es Luba etwas ausmacht; und ihr hättet Willis’ Wiederholung davon hören sollen, wie Luba beschrieben hat, wie Sarah Pottle am Morgen aussieht – und was sie dagegen tut.“

„Sie sollten“, antwortete Doktor MacRae, „Mrs. Pottles Meinung über die Sache mit den Dienern hören.“

„Das habe ich. Sie glaubt, es sei ein Skandal, dass die Company für uns keine Diener einführt.“

Der Doktor nickte. „Mit vernieteten Halsbändern.“

„Diese Frau! Ich verstehe nicht, wie sie überhaupt eine Kolonistin geworden ist.“

„Wusstest du’s nicht?“, sagte ihr Mann. „Die Pottles sind hierhergekommen mit der Erwartung, schnell reich zu werden.“

„Pah!“