Impressum

Peter Löw

Der Schwarze Jäger aus Sachsen

ISBN 978-3-86394-302-8 (E-Book)

 

Die Druckausgabe erschien 1983 im Verlag Neues Leben Berlin in der Reihe "Spannend erzählt".

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta unter Verwendung des Gemäldes "Offizier der Gardejäger beim Angriff" von Jean Louis Théodore Géricault

 

© 2013 EDITION digital®
Pekrul & Sohn GbR
Alte Dorfstraße 2 b
19065 Godern
Tel.: 03860-505 788
E-Mail: verlag@edition-digital.com
Internet: http://www.edition-digital.com

1. Kapitel

Es hallte, als die Truppe in den verwaschenen Uniformen den Torweg des Rittergutes passierte. Aufseher flankierten den Zug von Gefangenen. An der Spitze marschierten Soldaten in preußischem Blau. Sie eskortierten einen Gefesselten.

„Geradeaus!", brüllte Pieske, der Oberaufseher, im Wirtschaftshof. Geradeaus, das bedeutete für die Gefangenen, am Brunnen, am ersehnten Wasser, vorbei und weiter zum Schlosshof. In den Schlosshof hinein und auf die Freitreppe mit den steinernen Jägern zu, die gleich Schildwachen auf den Balustraden standen.

Der Hauptmann kommandierte ein schneidiges „Halt!". Zwischen den Köpfen der Mitgefangenen hindurch sah Karl Schilling, wie Soldaten Hermann Schreiber, seinen Freund, mit Kolbenstößen hinüber zu der mächtigen Linde trieben, deren ausladendes Blätterdach den rückwärtigen Teil des Schlosshofes in Schatten tauchte. Aus den Stallungen, von der Wagenremise näherte sich Gutsgesinde dem Schauspiel.

Mit rohen Griffen lösten die Soldaten Hermann die Fesseln. Sie zerrten ihn an der Schulter herum, stießen ihn rücklings gegen den Baum. Aufseher rissen seine Arme nach hinten, schlossen sie in die im Stamm befestigten Eisen.

Die Linde hieß der Gerichtsbaum.

Karl stöhnte auf. Hatte nicht er den Kameraden ins Unglück gestürzt? Im Geiste sah er wieder Klaus, den Bruder, in einer Blutlache auf dem Pflaster liegen: Mit zur Seite gefallenem Kopf und starren Augen, verkrümmt angewinkelten Beinen und verdrehtem Arm. Männer und Frauen stießen Verwünschungen und Drohungen gegen die uniformierten Mörder aus.

Inmitten des Auflaufs stand bleich und bebend das Mädchen, das Klaus vor den betrunkenen Franzosen verteidigt hatte. Die Mutter schluchzte und war nur schwer von dem leblosen Körper zu lösen. Männer halfen Karl, den Leichnam ins Haus zu tragen, der Vater, der weinend hinterherlief, war dazu nicht in der Lage. - Nachher blickte einer finster auf Karls sächsische Uniform, fragte, ob er auch jetzt noch an der Seite der Franzosen kämpfen wolle. Das alles geschah während seines Heimaturlaubs nach der Bautzener Schlacht. Wenig später gab er die Antwort. Die Niederlage Napoleons in Russland lag ein Jahr zurück; dessen neu aus dem Boden gestampfte Armee und mit ihm verbündete Truppen waren im April zu einer ersten Kraftprobe auf vorstoßende russisch-deutsche Abteilungen in Norddeutschland getroffen.

Bei Lüneburg kehrte Karl den sächsischen und französischen Fahnen den Rücken. Zu den Lützowern wollte er, die es sich zum Ziel gesetzt hatten, den Volksaufstand zur Befreiung Deutschlands zu entfachen, und bei denen sein Onkel Max Schilling kämpfte. Zu den Lützowern, deren tollkühne und erfolgreiche Handstreichunternehmungen gegen die Franzosen in aller Munde waren. Hermann Schreiber war mit ihm gekommen.

Die Soldaten traten in die Kompanie zurück. Bedrückende Stille lag über dem Hof. Stille, die gleichsam unterstrichen wurde vom Stampfen eines Hufes im Pferdestall, von dem Gezänk der Spatzen, die sich im Abendlicht um ein Weizenkorn balgten, erregtem Raunen der Mägde und Knechte, die des Gerichts harrten.

Der an den Baum Geschlossene hob den Kopf, sah suchend zu den Gefangenen. Wirr hing ihm das schweißnasse Haar in die Stirn. Sein Gesichtsausdruck war bitter, als verwünschte er einmal mehr den Tag ihres Überlaufens.

Etwas begann Karl im Hals zu würgen. Wieder vernahm er in Gedanken die arrogante Stimme des Hauptmanns, der sie im preußischen Lager verhörte: Die Gewehre umdrehen, auf preußischer Seite gegen die Franzosen kämpfen? Ein spöttisches Lachen. Die Armee Preußens wäre keine von Vaterlandsverrätern und Marodeuren. Zu den Lützowern wollten sie? Ein Verwandter diente schon dort? Womit wollten sie es beweisen? Den Bruder hatten die Franzosen gemordet? Wer sollte das glauben? Genug rebellisches Gesindel trieb sich bei den Lützowern herum, ihrem Herrgott sollten sie danken, wenn er sie unter die Gefangenen steckte, sie nicht als Spione behandeln ließ.

Wochenlang hatten sie Sklavenarbeit auf Rittergutsfeldern geleistet, während auf den Schlachtfeldern Entscheidungen fielen. Im Mai war es Napoleon gelungen, die verbündeten Preußen und Russen bei Großgörschen und Lüneburg in die Knie zu zwingen, doch war auch sein Heer gerupft worden, sodass er jetzt im Juni in einen Waffenstillstand gewilligt hatte. Vergebens hatten daraufhin Karl und Hermann auf Entlassung gehofft, ebenso wie ihre Mitgefangenen. Nichts war für sie anders geworden, sie mussten schuften, die Aufseher prügelten. Heute hatte Hermann, der baumlange Schmiedegeselle, sich nicht länger beherrscht. Seine Faust war vorgezuckt, ins grobe Gesicht des Schinders hinein; mit Geschrei war der Preuße in den Rübenzeilen gelandet.

Über die Freitreppe schwang jetzt ein Türflügel auf. In straff sitzendem Leibrock trat Zeiske, der Gutsverwalter, heraus. Die Aufseher rissen die Hacken zusammen. Einer trat vor, erstattete Meldung. Breitbeinig stand Zeiske über der Treppe. Ohne Umschweife eröffnete er das Gericht, nannte Hermann einen Aufsässigen.

„Als solcher", rief er, „fällt er unter das Kriegsrecht, das für seinesgleichen die härteste Strafe bereithält. Sein Leben ist verwirkt. Im Namen unseres Königs und als Sachwalter unseres Herrn Grafen, der als Militär dem Feind gegenübersteht, verhänge ich hiermit das Urteil. Die Erschießung wird im Morgengrauen vollstreckt!"

Nachdem die Gefangenen auf dem Hof ihr Stück Brot und die irdene Schüssel mit Biersuppe erhalten hatten, wurden sie - wie allabendlich - in der Scheune eingeschlossen. Doch heute war es anders. Zwar aßen die Männer gierig vor Hunger, ohne aber danach erschöpft in Schlaf zu sinken wie sonst. Vom unruhigen Wälzen der Gefangenen raschelte es im Stroh, als wühlten sich von überall Ratten heran. Kein Schnarchlaut war zu hören, hier und dort wurde gewispert.

Auch Karl fand keinen Schlaf. Trotz der lauen Sommernacht fröstelte ihn. Mit den Gedanken war er bei Hermann, der draußen, an die Linde geschlossen, seiner letzten Stunde harrte.

In so manchem erinnerte ihn der Freund an Klaus. Wie der Bruder verachtete Hermann in seiner etwas rauen Art Lüge und Duckmäusertum. Einer wie der andere hatten sie die Fäuste gegen das Unrecht erhoben. Jetzt sollte er zum einen auch noch den anderen verlieren.

Wirre Gedanken suchten ihn heim. Einen Aufstand müssten sie machen, den Freund befreien! - Torheit. Die meisten der mitgefangenen Sachsen begegneten ihnen, den Überläufern, mit Misstrauen. Alle verabscheuten sie die Franzosen, doch hielten sie ihrem König die Treue, Friedrich August, der sein Land in Napoleons Rheinbund eingegliedert hatte. Es hieß, er kündige ihm die Gefolgschaft nur aus Furcht nicht auf, aus Furcht, Napoleon werde Sachsen, das er in der Gewalt hatte, verwüsten. Aus Furcht auch, dass Preußen nicht nur Napoleon davonjagen, sondern nachher Sachsen den Erobererstiefel aufsetzen wolle. Tapfer hatten die Sachsen bei Lüneburg gegen die verbündeten Preußen und Russen gefochten.

Karl war verzweifelt. Er dachte an seinen Onkel, den Lützower. Er war weit. Und hätte wohl auch kaum zu helfen vermocht. Vielleicht war er längst gefallen; wollte doch das Gutsgesinde wissen, dass das Freikorps von Napoleon mitten im Waffenstillstand bei Kitzen in eine Falle gelockt und fast gänzlich vernichtet worden sei.

Ihm wurde heiß. Er warf das Stroh von den Beinen. Er starrte gegen die Scheunenwand, hinter der er den Freund in Todesangst wusste. Zugleich entdeckte er an einem Schimmer letzter Dämmerung, der von außen einsickerte, dass zwischen zwei Brettern ein Spalt war. Karl kroch näher; vielleicht gelang es ihm, Hermann zu sehen. Er lehnte die Stirn gegen das Holz, um hinauszuspähen. Er fuhr zurück, als er spürte, wie es nachgab. Mit vorsichtiger Hand probierte er. Das Brett ließ sich von unten weg nach außen kippen. Er richtete den Blick ins Dunkel des Scheuneninneren. Wurde er beobachtet? Nichts deutete darauf hin. Wohl um Hermann näher zu sein, hatte er sich abseits der anderen zum Hof hin gelagert, es mochte sein, dass es ihn jetzt vor Blicken bewahrte.

Karl legte sich wieder, spürte die wachsende Erregung. Das Brett war breit genug; er könnte durch die Lücke nach draußen gelangen. Was aber nützte es, da der Hof zweifellos von einem Posten bewacht war.

Er wartete, bis im Wandspalt der letzte Lichtschimmer erstorben war. Hier und dort schnarchte es nun im Dunkeln. Er wandte sich wieder dem Brett zu. Er drückte dagegen, und es schwenkte herum. Mit angehaltenem Atem lauschte er. Weder in seinem Rücken noch draußen rührte sich etwas. Endlich wagte er, den Kopf hinauszustrecken.

Dünne Wolkenfetzen zogen über einen bestirnten Himmel. Die in einem Lufthauch säuselnde Linde ragte übers Schlossdach hinaus. Unten an der dicken schwarzen Masse des Stammes gewahrte er die Umrisse von Hermanns hünenhafter Gestalt. Sein Herz begann heftig zu schlagen. Er spähte im Hof umher. Von einem Posten war nichts zu sehen. Was tun? Hermann anrufen?

Er hörte ein leises Geräusch, das vom Baum her kam und sich wie schwaches Stöhnen anhörte. Er überlegte nicht länger, schob sich hinaus. Das Brett ließ er sorgsam wieder herab. Außer dem Gekrächze eines Käuzchens, das im Baumwipfel saß, war nichts zu hören. Stand der Posten auf der Lauer? Karl fasste sich ein Herz, huschte geduckt über den Hof, tauchte in den Baumschatten ein. Atemlos wartete er, sein Puls flog.

Nichts geschah. Seitlich vor sich sah er den am Stamm lehnenden Kopf, den wilden Lockenwuchs Hermanns. Heiser raunte er dessen Namen.

Hermanns Kopf fuhr herum. „Ich bin es, Karl!", gab er sich hastig zu erkennen. Hermann schien seiner Stimme nicht mächtig zu sein. „Du?", brachte er mühsam hervor. Karl schob sich näher. „Der Posten?", flüsterte er.

„Draußen!" Hermann wies mit einer Kopfbewegung auf die seitliche Hofausfahrt. „Mit einer der Mägde", raunte er erklärend.

Karl hatte hundert Dinge sagen wollen, jetzt fehlten ihm die Worte.

„Hör zu!", stieß Hermann hervor. „Hast du Mut? Riskierst du etwas für mich? - Wenn ja", fuhr er fort, bevor Karl antwortete, „wenn ja, geh zur Schmiede, hol eine Feile! Eine Feile, verstehst du!"

Karl war unfähig, etwas zu sagen. Seine Gedanken überschlugen sich. Konnte er tun, was Hermann verlangte? Schweiß brach ihm aus. Was, wenn der Posten zurückkam, ihn stellte! Dann war auch er verloren.

„Los, geh!", drängte Hermann. „Such auf der Werkbank am Fenster!" Er kannte sich aus, da er einmal dem Gutsschmied hatte helfen müssen.

Karl lief los. Es ging um den Freund. Hoffnung flackerte in ihm auf, überdeckte die Angst.

Er fand die Tür unverschlossen. Innen war es finster. Der durchs Fenster einfallende matte Schimmer kam gegen die dick im Raum nistende Schwärze nicht an. Mit dem Schienbein stieß er gegen ein sperriges Eisenteil. Er krümmte sich vor Schmerz. Weiter tastete er sich und stand endlich vor den Werkbänken. Mit beiden Händen suchte er in einem Wust von Werkzeugen und Eisenteilen. Bei jedem Klirren fuhr er zusammen. Endlich erfühlten seine Finger eine scharf gezahnte Metalloberfläche.

„Nun feil um mein und dein Leben!" Hermanns Stimme klang rau. Karl setzte die Feile an und brach sofort wieder ab. Das von ihm erzeugte, von der Stille schaurig verstärkte Geräusch entsetzte ihn.

„Zieh die Jacke aus!", riet Hermann erregt. „Feil unter der Jacke!"

Karl arbeitete, dass ihm der Schweiß von der Stirn perlte. Die über das Werkzeug geworfene Jacke machte es ihm nicht leichter. Trotz der Dämpfung kam es ihm immer noch laut vor wie Schlachtenlärm. Fast fand er es unglaublich, dass es bei den Gesindehäusern, in denen die Soldaten einquartiert waren, dennoch ruhig blieb, dass auch der Posten nicht alarmiert auf dem Platz erschien.

Die Zeit, die er feilte, kam ihm vor wie eine Ewigkeit. Endlich, als seine Arme schon schwer wie Blei waren, hatte er in einen der Handschellenbügel eine hinreichend tiefe Kerbe gefeilt. Als Glück erwies es sich, dass der Rost wohl seit Langem Vorarbeit geleistet hatte. Hermann selbst befreite seinen rechten Arm, indem er mit aller Kraft den letzten Steg im Eisen durchbrach. Er stöhnte zufrieden.

„Nun den andern!", verlangte er. Erschöpft, doch verbissen machte Karl weiter.

„Still!" Hermanns Rechte fiel ihm in den Arm. Karls Herz machte einen wilden Sprung. Von der Einfahrt her waren Schritte zu hören.

„Versteck dich!", zischte Hermann.

Hinter dem Stamm verborgen, sah Karl zwei Gestalten den Hof betreten. Die kleinere löste sich von der anderen und strebte schnell auf die Gesindehäuser zu. In der größeren erkannte Karl den Wachsoldaten. Der stand und blickte der Magd hinterher, bevor er sich in Bewegung setzte und gemächlich zur Hofmitte schlenderte. Deutlich zeichnete sich jetzt der zylinderförmige Tschako ab, der Gewehrlauf stach steil darüber hinaus. Der Soldat blieb stehen, den Blick auf die Linde gerichtet. Karl wagte nicht zu atmen.

„Die Feile!". hörte er Hermann zischen. Karl blieb wie gelähmt, als sich der Posten weiter näherte.

„Die Feile!"

Karl kam zu sich. Er begriff. Zitternd vor Erregung, schob er das Werkzeug am Stamm entlang, bis Schreibers Rechte es abnahm. Der Posten war schon nahe heran. „Beide gemeinsam!", flüsterte Hermann angestrengt. Der Preuße blieb wie unschlüssig vor Hermann stehen, so als ob er im nächsten Moment wieder kehrtmachen wollte. Karl zuckte zusammen, als Hermann plötzlich zu lachen begann. Ein nicht lautes, doch grimmiges, höhnisches Lachen; als unheimliches Echo warfen es die Wände der seitlichen Gebäude zurück.

Der Soldat fuhr zusammen, machte eine Handbewegung nach dem Gewehr. Unverwandt starrte er ins Dunkel. Endlich schien er sich zu entschließen. Die Hand am Säbelgriff, trat er näher, um dem Heiterkeitsausbruch auf den Grund zu gehen.

„Juckt dir noch immer das Fell, Sachse!", ließ er sich vernehmen; es klang, als ob er sich mit eigenen Worten Mut machen wollte.

Als er bis auf einen Schritt heran war, schlug Hermann mit dem freien Arm zu. Der Getroffene röchelte, taumelte zur Seite.

„Drauf!", stieß Hermann hervor.

Karl warf sich auf den Preußen, riss ihn zu Boden. Das Gewehr knallte auf den steinigen Boden. Karl lag auf dem Soldaten. Mit der Linken presste er ihm den Mund zu.

Seine Rechte suchte fieberhaft nach dem Säbel. Als er ihn in der Hand hatte, begriff er, dass der andere nicht bei Bewusstsein war. Er war mit dem Hinterkopf hart aufgeschlagen. Mit fliegenden Händen riss er sich den Rock vom Leib. Den Säbel zu Hilfe nehmend, riss er das Futter heraus. Er zerteilte es, stopfte dem Besinnungslosen einen großen Fetzen als Knebel in den Mund. Mit den Gurten des Säbelgehänges fesselte er ihm die Hände.

„Schnell, weiter jetzt!", zischte Hermann. „Schnell, bevor die Ablösung kommt!"

Die Morgendämmerung war nahe, als Hermann unter Aufbietung aller Gewalt auch die angefeilte zweite Handschelle zersprengte. Sooft Karl die Kräfte verließen, hatte Hermann selbst mit der freien Rechten mühsam weitergefeilt.

„Mann Gottes!" Triumphierend schüttelte er die Arme.

„Die Waffen!", keuchte er, als Karl sich zur Flucht wandte. Karl packte den Säbel, Hermann nahm das Gewehr, dann rannten sie los.

2. Kapitel

Sie flohen in nördliche Richtung. Man würde sie zuerst im Süden, nach der sächsischen Grenze zu, suchen. Sie entfernten sich weit von der Straße, liefen querfeldein. Sie rannten, bis sie keuchten, und gingen, bis sie wieder bei Atem waren, um wieder rennen zu können.

Im Morgengrauen sahen sie ein Dorf liegen und umgingen es in weitem Bogen. Das Krähen der Hähne verfolgte sie lange. Vom Ort ihrer Gefangenschaft, den Ziertürmchen des Rittergutes, war nichts mehr zu sehen. Am Saum einer Eichenwaldung stießen sie auf einen fast ausgetrockneten Wasserlauf. Sie warfen sich flach auf die Erde und tranken.

Inzwischen war es noch heller geworden, im Wäldchen lärmten Eichelhäher und Spechte.

„War das ein Versteck?" Erschöpft nickte Schreiber gegen das Gehölz. Sie hatten beschlossen, sich tagsüber verborgen zu halten, erst nachts die Flucht fortzusetzen.

Karl war skeptisch; der Eichenbestand wies keine Dichte auf.

„Untertauchen möchten wir aber allmählich", sagte Hermann. „Im Gut, fürchte ich, wird schon der Teufel los sein." Noch einmal rannten sie, bis ihnen die Lungen schmerzten und Hermann zurückfiel. Am Rand eines großen Weizenfeldes hielten sie an.

„Hier", schlug Karl vor und blickte in die sich grün auf dem Halm wiegende Ährenflut. Hermann stand da und rang nach Luft. Er blickte rundum über das Land, das sich bis zum Horizont fast flach ausbreitete. Unzufrieden wandte er sich wieder dem Weizenfeld zu.

„Dann bete, dass die Sonne es gut mit uns meint und sich in Wolken hüllt." Vorsichtig, um keine Spur zu hinterlassen, tat er den ersten Schritt ins Getreide.

„Du hast mich Gevatter Tod aus dem Rachen gerissen", sagte er, als sie irgendwo in der Mitte des Feldes auf dem harten Erdboden lagerten.

Karl wehrte ab. Er, Hermann, äußerte er überzeugt, hätte an seiner Stelle nicht anders gehandelt. Hermann schwieg.

„Ich danke dir", sagte er dann, auf eine Art, dass Karl sich der Angst schämte, die ihn vor der Befreiungstat hatte zaudern lassen.

Sie beratschlagten, was sie weiter anfangen, wo sie sich hinwenden sollten. Die Heimkehr nach Sachsen war ihnen verwehrt. Militärgericht und Todesstrafe drohten ihnen. Dasselbe erwartete sie in den Rheinbundstaaten im Westen und Südwesten Deutschlands, ebenso im Hamburgischen, das Napoleon gewaltsam von Deutschland abgetrennt und dem französischen Kaiserreich einverleibt hatte. Im günstigsten Falle mussten sie damit rechnen, als Dahergelaufene erneut zum Kriegsdienst für Napoleon gepresst zu werden.

Ihre Lage schien ausweglos, selbst wenn es ihnen gelang, den zweifellos schon ausgesandten preußischen Verfolgern zu entkommen.

Karl schlug vor, den Weg zu den Lützowern zu suchen, die jetzt irgendwo im Norden stehen sollten, zumindest der Rest der von dem Freikorps übrig geblieben war. Er klammerte sich an die Hoffnung, dass das Gerede der Gutsarbeiter stark übertrieben war. Wenn sein Onkel Max lebte, würde er ihnen Helfer und notfalls Fürsprecher sein. Das unter Führung des Majors von Lützow und patriotisch gesinnter Offiziere gebildete Freikorps nahm Freiwillige jeden Standes und aus allen deutschen Ländern auf - soviel wusste er. Warum sollten nicht auch sie mit den Lützowern bessere Erfahrungen machen als bisher mit den Preußen? Dass ein Steckbrief sie in solch unruhigen Zeiten bis ins Freikorps verfolgen würde, brauchten sie wohl kaum zu befürchten.

Hermann war wenig begeistert.

„Hab von den Preußen genug", erklärte er und blickte, die verschränkten Arme unter dem Kopf, in den Himmel, der allmählich aufzublauen begann.

„Keine Lust, ihnen den Weg nach Sachsen freizukämpfen." Karl verstand den anderen. Er war nicht weniger enttäuscht von den Preußen. Die Befreier Deutschlands hatte er sich anders vorgestellt. Dennoch erinnerte er daran, dass es zunächst gegen Napoleon gehen würde, mit dem sie beide etwas glattzumachen hatten. War doch Hermann nicht zuletzt seines Vaters wegen mit ihm zu den Preußen übergetreten. Der Fuhrmann war von französischen Gendarmen misshandelt worden, weil er sich geweigert hatte, auf seine alten Tage noch Militärvorspanndienste bis weit in die Fremde zu leisten.

Wenn sie beide es den Franzosen heimzahlen wollten, machte er Hermann klar, mussten sie zu den Lützowern. Später konnten sie weitersehen. Machte Preußen tatsächlich Front gegen Sachsen, würden sie nicht zögern, erneut die Gewehre umzudrehn.

„Vorerst bleibt uns außer dem Freikorps kaum eine Wahl." Hermann wusste nichts entgegenzusetzen.

Karl fragte sich, wie dem anderen zumute sein mochte. Er wusste, dass er mit dem Verlust Elisabeths, seiner Braut, noch immer nicht fertig wurde. Bei seinem letzten Urlaub hatte Hermann alles erfahren.

Vom Sohn des Gutspächters, bei dem er in Dienst gestanden hatte, war er um Elisabeths Treue gebracht worden. Von einem, der vom Militärdienst befreit geblieben war, weil sein Vater über genügend Taler verfügt hatte, um sie in die weiten Rocktaschen der Aushebungskommissionäre hineinwandern zu lassen. Karl entsann sich der Flüche, die Hermann für die Ungerechtigkeit gehabt hatte, mit der das Vaterland ihm, dem kleinen Mann, aufwartete. Karl glaubte, dass er sich nicht nur des Vaters wegen entschieden hatte, ihm auf die andere Frontseite zu folgen.

Sie stillten ihren Hunger halbwegs mit noch grünen Weizenkörnern, beschlossen dann, abwechselnd zu schlafen. Einer sollte jeweils die Umgebung im Auge behalten.

Gegen Mittag erwachte Karl durch ein Rütteln an der Schulter.

„Es wird brenzlig!", knurrte Hermann. Karl fuhr hoch. „Drüben!" Hermann wies in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

Vorsichtig hob Karl den Kopf über die Ähren. Wo die Landschaft in eine leichte Senke abfiel, erblickte er Reiter, die sich als dunkle Figürchen durch Felder bewegten, über denen die Luft im Sonnenglast vibrierte. Er zählte mehr als zehn. In auseinandergezogener Linie durchkämmten sie das Getreide.

„Das gilt uns!" Hermanns Stimme bebte. Fliehn! dachte Karl; doch er begriff, dass sie dann erst recht entdeckt werden würden.

„Nicht rühren!", stieß Hermann hervor. Er hielt das Gewehr in der Hand.

Sie verbrachten eine bange Zeitspanne, die ihnen zur Unendlichkeit wurde. Das Glück schien auch diesmal mit ihnen zu sein. Mit Abstand zogen die Dragoner vorbei. Bald schwankten nur noch ein paar Tschakos über dem Getreide, dann verschwanden auch sie.

„Sieg!" Hermann hieb Karl auf die Schulter, dass der in seiner Beobachterstellung auf den Knien ins Wanken geriet.

„Sieg!"

Auch an den nächsten Tagen verbargen sie sich in den Feldern. Nachts liefen sie, was ihre Kräfte hergaben. Sie ernährten sich von Körnern, rohen Kartoffeln und Rüben. Tagsüber machte ihnen die Hochsommersonne zu schaffen, vor der sie sich kaum zu schützen vermochten. Dennoch wagten sie nicht, sich im Wald zu verbergen, erst recht nicht in Scheunen.

Einmal hatten sie im Morgengrauen zu spät bemerkt, dass sie sich ihr Versteck in unmittelbarer Nähe mehrerer Dörfer gesucht hatten. Darauf mussten sie beobachten, wie berittene Gendarmen den etwas weiter gelegenen Wäldern zustrebten.

Hermann stöhnte und riss sich die als Schutz über den Kopf gezogene Uniformjacke vom schweißnassen Haar.

„Ich halt es so nicht mehr aus." Sie waren den vierten Tag unterwegs.

„Wir müssen raus hier, sonst exekutiert uns anstelle der Preußen die preußische Sonne. Ich jedenfalls riskier's. Heute noch."

Karl widersprach nicht. Auch er war des Versteckspielens müde. Durst plagte ihn. Trotz Hungers gelang es ihm nicht mehr, den gekauten Weizen hinunterzuwürgen. Sie mussten aus den Feldern heraus, auch um sich zu vergewissern, dass sie richtig liefen. Nach Norden mussten sie, immer gen Norden. Bisher hatten sie sich nur nach der Sonne orientiert.

Hermann schien Karls Gedanken erraten zu haben. „Ich will endlich wissen, wo auf Gottes Erdball wir sind, sonst kommen wir noch beim Kaiser von Frankreich, aber nicht bei den Lützowern heraus. Berlin kann nicht mehr weit sein, oder wir sind dran vorbeigerannt.*

Am Nachmittag brachen sie auf. Den Säbel und das Gewehr warfen sie ins Getreide. Auch ihre verräterischen Uniformröcke ließen sie zurück. Zum Glück war es heiß genug. Sie wollten versuchen, auf irgendeine Weise zu bürgerlicher Kleidung zu gelangen.

Sie waren noch nicht weit gekommen, als sie in Rufweite ein Bauernfuhrwerk erblickten, das einen Feldweg entlangholperte.

Sie liefen weiter. Es war das erste Mal, dass sie sich menschlichen Blicken aussetzten. Wenig später tauchte überraschend hinter einem Waldzipfel eine Windmühle auf. Etwas schief stand sie auf einem Hügel. Weiter entfernt zeigten sich die um den Kirchturm versammelten Dächer eines Dorfes.

Am Fuße des Hügels stand das Müllerhaus.

„Für uns vielleicht eben das rechte", sagte Schreiber. „Eine Mühle ist nicht belebt wie ein Dorfkrug."

Entschlossen hielten sie darauf zu. Karl war dafür, zu warten, bis die Müllersleute ihr Tagewerk beendet hatten.

„Solange das Mühlrad nicht stillsteht", gab er zu bedenken, „ist mit Mahlkunden und deren Neugier zu rechnen."

Hermann stimmte zu. Bis zum Abendläuten konnte es ohnehin nicht mehr lange dauern.

Unfern der Mühle entdeckten sie einen Teich. Das Wasser blitzte klar zwischen sandigen Ufern. Sie streiften Hemd und Hose ab, stürzten sich ins Wasser, dass es hoch aufspritzte. Nachher lagen sie am Waldrain, beobachteten das gemächlich im leichten Wind drehende Mühlrad.

Das Knarren des hölzernen Räderwerks erinnerte Karl an die Mühle zu Hause, in die der Vater immer mit seiner und des Bruders Hilfe die paar Sack Weizen zum Mahlen gebracht hatte, das wenige, was auf ihrem armseligen Stück Acker gewachsen war.

Einmal hatte es der Zufall gewollt, dass sie einem Mechanikus beim Auswechseln eines großen hölzernen Zahnrades zusehen konnten. In Karl erwachte damals der Wunsch, einmal dasselbe Handwerk zu verrichten.

Vielleicht, träumte er jetzt, würde es ihm nach dem Sieg über Napoleon möglich sein, bei einem Mechanikus in die Lehre zu gehn. Der Sieg musste kommen! Und wie, wenn sich danach die Preußen gegen Sachsen wenden, wenn der Kampf nicht aufhören würde?

Er verdrängte den beunruhigenden Gedanken. Das Rietschen der Schwalben am frühabendlichen Himmel, das Gegacker der Hühner, die am Müllerhaus beim Schein der matt gewordenen Sonne im Sand scharrten, wirkten einschläfernd.

„So ist der Frieden", sagte Hermann und blinzelte träge, „fehlt nur noch der beköstigte Bauch." Wie zur Bestätigung gab sein Magen ein langgezogenes Knurren von sich.

Auch Karl machte der Hunger zu schaffen. Wieder schweiften seine Gedanken ab ins sächsische Großenhain, zu dem schmalen Fachwerkhaus mit dem Nussbaum vorm Eingang. Er sah seine Mutter am Herd stehn und Speckwürfel braten, die es zum Hirsebrei geben sollte, während er und Klaus hinter ihrem Rücken lange Hälse machten und die Nasen weiteten, um ganz in den Genuss des Duftes zu kommen; seine Vorstellung war stark genug, ihm das Wasser im Munde zusammenzuziehn. Zugleich wusste er, dass es nie wieder so sein würde. Brennend spürte er den Schmerz.

Noch hörte er die Drohungen, die der Bruder gegen die Franzosen ausgestoßen hatte, als Karl zum Militärdienst befohlen worden war.

„Vielleicht ist der Tag nicht mehr fern, an dem sie teuer bezahlen!" Er hatte ihm erklärt, dass Karl einer der sechstausend sein würde, die jetzt als Ersatz für das mit der französischen Großen Armee in Russland untergegangene sächsische Hilfskorps Napoleons aufgestellt werden mussten; Klaus hatte es vom Bürgermeistersohn, seinem Schulkameraden, erfahren.

„Der französische Moloch ist unersättlich!" Er hatte Karl das Versprechen abgenommen, im Felde nichts zu riskieren.

„Am liebsten rückte ich für dich ein, ich misstrau deinem Leichtsinn." So hatte er trotz seines Gebrechens gesprochen. Trotz seines zu kurz geratenen rechten Beines, das ihn in ihrer Kindheit nicht gehindert hatte, ihm, dem Jüngeren, Beschützer in allen Gefahren zu sein, ihn winters aus dem Teich zu retten, auf dessen Eisdecke er eingebrochen war, und sich mit Größeren zu prügeln, die Karl an den Haaren gezogen hatten.

„Gib gut auf dich acht!" Niemand hatte geahnt, wie bald Klaus selbst ein Kriegsopfer sein würde. Verfluchte Franzosen! Unwillkürlich ballte Karl die Fäuste.

3. Kapitel

Bei der Mühle entstand plötzlich Bewegung. Zwei Frauen traten aus der Tür, stiegen die niedrige Holztreppe herab. Die eine war groß und kräftig, die andere kleiner und jugendlich schlank. Das Haar der Älteren war unter einem Kopftuch verborgen, der Jüngeren fielen Zöpfe bis über die Schultern. Beide trugen breite Schürzen über den Röcken.

Sie verschwanden im Anbau, der sich flach an die Mühle lehnte. Jede mit einem prall gefüllten Kornsack auf dem Rücken, kamen sie wieder heraus. Unter der Last gebeugt, schafften sie diese zur Mühle, warfen sie dort ab und kehrten zum Schuppen zurück.

„Der Müller scheint die Weiberarbeit zu mögen." Hermann sagte es, als die Kräftige wieder mit einem Sack ins Freie trat.

„Würd meinen, wir riskieren, uns behilflich zu machen. Ein Stein im Brett kann uns am wenigsten schaden." Entschlossen erhob er sich.

 

„Wie viel Sack, die wir Frauenschultern ersparen, wiegen ein Abendbrot auf?" Scheinbar unbekümmert näherte sich Hermann den Frauen.

Die Ältere, Arme in die Hüften gestemmt, blickte ihnen wachsam entgegen. Sie hatte ein breites, gebräuntes Gesicht. Karl wurde es trocken im Mund. Wie, wenn auch hier längst ihr Steckbrief kursierte! Mussten sie sich den Frauen nicht allein durch ihre abgerissenen, ehedem weißen Uniformhosen verraten?

Endlich begann die Ältere zu reden. „Bevor ihr nach Lohn fragt", sagte sie, „verdient euch erst das in unserm Teich genommene Bad." Es klang humorig. Die Junge, Braunäugige, lächelte.

Karl atmete auf. Waren sie doch schon weit genug gekommen, um aus der größten Gefahr heraus zu sein?

Er und Hermann schleppten Säcke zur Mühle, bis die Müllerin bestimmte, dass es genug sei. Aus einer Luke in Höhe des Mahlbodens warf sie ein Seil herab, an dem die Tochter den ersten Sack festmachte. Karl und Hermann stiegen ins Mahlgebäude, um die Säcke emporzuziehen.

Als die Arbeit getan war, dankte ihnen die Müllerin. Sie ließ wissen, dass es hier einen Müller nicht gab.

„Und eine Witwe", erklärte sie, „hat es nicht leicht. Und woher kommt ihr? Eurer Aussprache nach, von weit." Es hörte sich nicht unfreundlich an, doch kam es Karl vor, als ob sie ihnen auf den Zahn fühlen wollte. Die Tochter stand beobachtend daneben. In ihrem Ausdruck war etwas Gespanntes, das Karl nicht gefiel. Seine Unruhe regte sich. Rochen die beiden Lunte? Er und Hermann sahen sich an, bevor der redete.

„Sächsische Soldaten sind wir und seit Langem unterwegs. Hatten es satt, für die Feinde zu kämpfen. Zu Lützow wollen wir. - Wie gesagt, der Weg ist weit", fügte er hinzu, „für ein Stück Brot, einen Trunk wären wir dankbar."

Die Müllerin ließ sie nicht aus den Augen. Es war ein wacher, durchdringender Blick. In Karl sprang Angst auf.

Sie weiß es, sagte er sich. Er dachte ans Davonlaufen, da redete sie wieder. „Soso, zu den Lützowern. Da habt ihr's nicht sehr weit." In Karl schlug es ein wie ein Blitz.

„Wo sind sie?", stießen er und Hermann fast gleichzeitig hervor.

Sie zögerte.

„Erst gestern war unser Willem hier", sprach sie, „der Bruder von Ulrike." Die Tochter, die gemeint war, sah zu Boden. „In Wittenberge ist er", sagte die Müllerin. „Als Werber."

 

Nachher saßen sie im Müllerhaus vor Brot und Milch, Hirsebrei und gekochten Kartoffeln.

„Dann tut uns und Gottes Gaben die Ehre", sagte die Müllerin und erhob als Erste den Löffel. Karl und Hermann ließen sich nicht zweimal auffordern.

Karls Sorge war verflogen. War ihr Sohn selbst bei ihnen, konnte die Müllerin kaum gegen die Lützower sein. Sie flößte ihm Vertrauen ein. Auch im Benehmen der Tochter fand er nichts mehr, was sein Misstrauen hätte wachhalten können. Sie gefiel ihm jetzt; besonders ihre braunen Zöpfe hatten es ihm angetan.

Mit Wohlbehagen aß er vom Hirsebrei und von den Kartoffeln. Hermann ließ es sich nicht weniger schmecken.

Als die Schüsseln geleert waren, gab die Müllerin der Tochter ein Zeichen. Diese ging hinaus und kehrte nach einer Weile mit einem irdenen Krug zurück. Sie stellte den Gästen und ihrer Mutter zinnerne Becher hin und begann sie der Reihe nach mit Bier zu füllen. Als sie Karl eingoss, trafen sich beider Blicke. Es erregte ihn auf seltsame Weise.

„Zum Wohl!" Die Müllerin hob den Becher. „Auf die Lützower!

Karl und Hermann taten freudig Bescheid; das lange entbehrte Getränk war wie eine Labsal. Als er den Becher absetzte, bemerkte Karl, dass Ulrike ihn beobachtete. Schnell sah sie weg; dennoch war ihm nicht das seltsam Forschende entgangen. Seine Beunruhigung war wieder da, wurde zu Argwohn. Wie, wenn ihnen eine Falle gestellt werden sollte! Wie, wenn ihre Gastgeberinnen auf ein Kopfgeld aus waren! Wenn in dem Bier ein Schlaftrunk enthalten war! Warteten die Frauen nur darauf, die Häscher rufen zu können? Merkte Hermann nichts? Nein, der schien vergnügt und wandte sich soeben mit einem Scherz an die Tochter.

Die Müllerin selbst tat harmlos. Sie war wohl die bessere Komödiantin. Jetzt nahm sie das Wort.

„Ja, die Lützower." Sie lächelte. „Die tot geglaubten Lützower. Jetzt haben sie also doch wieder Zuzug." Es klang froh. „Zu früh hat er jubiliert, Napoleon, der Räuber. Geglaubt, er hätte sie vom Halse. Jetzt werden sie die im Hinterhalt Abgemeuchelten rächen."

Karl erschrak. Die Behauptung der Gutsleute vom Attentat auf das Freikorps schien zu stimmen. Also konnte es sein, dass Max, der Onkel, doch nicht mehr war. Hermann sah aus, als seien ihm dieselben Befürchtungen gekommen.

„Er hat viel zu bezahlen, der Franzosenkaiser", sagte die Müllerin. „All das Leid, das er gebracht hat." Auch ihr Mann, der Müller, erzählte sie, war Napoleon zum Opfer gefallen. Im Januar hatte tagelang ein Trupp junger Hamburger im Dorf gelegen, in die Große Armee Gezwungene, die den Russlandfeldzug überlebt hatten. Halb tot, hatten sie auf dem Nachhauseweg nicht weitergekonnt. Einer von ihnen war an einer mitgebrachten Seuche verstorben, die nachher auch unter den Einheimischen um sich griff. Der Müller war ihr erlegen.

„Ja, so war es." Die Müllerin schien den Tränen nahe zu sein. „Jetzt wissen die Deutschen endlich, was es gilt", fuhr sie fort; es hörte sich an, als ob sie sich daran aufrichten wollte. „Solche wie Lützow haben das Signal gegeben. - Kein Wunder, er und die Rittmeister sind Schillsche, das führt ihre Säbel."

„Was für Schillsche?", fragte Karl. Dunkel entsann er sich, den Namen einst, noch als Kind, aus einem Gespräch zwischen Max und seinem Vater aufgefangen zu haben.

„Wie, ihr kennt unsern Schill nicht, ihr zwei?" Die Müllerin wollte es nicht glauben. „Freilich", besann sie sich, „damals hingt ihr noch der Mutter am Rock. - Aber wissen müsst ihr's; werdet sonst keine Lützower. Schill war der Erste, der Napoleon gezeigt hat, dass Preußen noch Männer hat. Nach unserm Malheur bei Jena von anno sechs hatten sie es nicht mehr geglaubt. Auch weil unser gezauster und geängstigter Fritz, der König, vorzog, nach ihrer Pfeife zu tanzen wie ein brav gewordener Bär. Schill und seine Husaren waren von anderem Schrot. Auf eigene Faust sind sie anno neun losgeritten, die Gevattern Feinde zu bläuen. Ohne unsern Fritz um Erlaubnis zu bitten. Konnten nicht mehr mit ansehen, wie die Franzosen im Lande die Herren spielten und es plünderten. Trotzdem hat Fritz es ihnen bitter übel genommen. Sie in ihrem Aufstand sich selbst überlassen. Verräter waren sie für ihn und seine Berliner Hofschranzen. So hat er sie auch behandelt, als sie von der Übermacht der Franzosen abgewürgt waren. Weil ihm und seinen Bezopften noch die Blamage von Jena und Auerstedt in den Knochen stak. Die Angst, dass Napoleon sie noch einmal bläuen könne, falls sie Schill unterstützten. Dass es dann vollends um Fritzens Thron und ihre Herrlichkeit geschehen wäre; lieber haben die Herren den, der kühner war, geopfert. - Aber er hat's, unser Schill, auch nicht abgewartet, hat's übers Knie gebrochen. Geglaubt, dass das Volk schon damals die Waffen packen und ihm nur so zuströmen würde. Der deutsche Michel aber war noch gelähmt. Die Russen haben ihn ja erst aufgerüttelt, ihm vorgemacht, wie man Räuber und Mörder aus dem Hause jagt. Schill war zu schnell. - Aber vergessen war er in Preußen und anderswo nie. Das ist es ja, weshalb sich zu Jahresanfang, als es gegen Napoleon losging, so viele um seine alten Getreuen scharten. Um Lützow, um die, die bei ihm Kommando führen. Weil auch sie andre Kerle sind als unser Fritz. Dieser Hasenfuß, den ja erst sein Volk zwingen musste, unsre Soldaten endlich marschieren zu lassen, sich nicht mehr zum Lakaien des Feindes zu machen."

Karl war vom Gehörten beeindruckt. Hermann durfte es kaum anders ergehen. So also stand es zwischen Lützowern und preußischem König. Lützow und die Seinen waren die Tapfersten. Karl war froh, ihnen nahe zu sein.