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Mitch Feierstein

Die glitzerndsten Schneebälle unseres Finanzsystems

und was Sie tun müssen, damit Ihr Geld nicht wegschmilzt

Aus dem Englischen von Jochen Lehner

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Die englische Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel »Planet Ponzi« bei Bantam Press, einem Imprint von Transworld Publishers, London.

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe

© 2013 der deutschsprachigen Ausgabe

Riemann Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

© 2012 Mitch Feierstein

Umschlaggestaltung: www.buero-jorge-schmidt.de

Umschlagabbildungen: © Peter Frank/Corbis und © Ocean/Corbis

Lektorat: Ralf Lay, Mönchengladbach

Satz: Barbara Rabus

ISBN 978-3-641-08306-9

www.riemann-verlag.de

»Ich bin kein Verfechter aussichtsloser Fälle, ich kämpfe für noch nicht gewonnene.«

Norman Thomas, 1930

Ich wünschte, meine Mutter wäre noch am Leben, um diesem Buch Schützenhilfe zu leisten. Die glitzerndsten Schneebälle … sind für sie. Sie hätte ihre Freude daran gehabt.

»Ein Schneeballsystem (Ponzi-Spiel) ist eine Form des Anlagebetrugs, bei dem die den Anlegern zugesicherten Erträge ausschließlich aus den von neuen Investoren bereitgestellten Mitteln geschöpft werden. Die Organisatoren solcher Schneeballsysteme gewinnen neue Anleger häufig mit der Zusicherung, die Mittel besonders ertragreich und risikoarm, wenn nicht risikofrei anzulegen. Bei vielen Ponzi-Spielen haben es die Betrüger ausschließlich darauf abgesehen, frisches Geld anzuziehen, um die versprochenen Zahlungen an Bestandsinvestoren leisten und ihren eigenen Bedarf decken zu können. Legitime Anlagetätigkeit unterbleibt dagegen.«

US Securities and Exchange Commission (SEC)

»Wenn also die Wahrung der Kreditwürdigkeit des Staates tatsächlich von so hohem Stellenwert ist, stellt sich die nächste Frage, nämlich, wie sie zu erreichen ist, ganz von selbst. Und die naheliegende Antwort auf diese Frage lautet: durch Treu und Glauben, durch pünktliche Vertragserfüllung. Staaten wie auch Einzelne, die ihren Verpflichtungen nachkommen, genießen Achtung und Vertrauen, doch ganz anders ergeht es denen, die das gegenteilige Verhalten an den Tag legen.«

Alexander Hamilton, erster Finanzminister der Vereinigten Staaten, 1790

»Entweder stimmt das, was ich sage, haargenau, oder ich bin verrückt!«

Jefferson Smith (gespielt von James Stewart) in dem Film »Mr. Smith geht nach Washington«, 1939

Inhalt

1. Die Spielregel

Erster Teil Washington

2. Der Preis der Freiheit

3. Zukunftsgeld in Happyland

4. Ein Loch so groß wie die Welt

5. Wie man Freunde gewinnt und Menschen beeinflusst

6. Das 50-Milliarden-Dollar-Ei

7. Beachy Head und die Folgen

Zweiter Teil Wall Street

8. Eine statistische Anomalie

9. Ein Haus für Joe Schmoe

10. Wie man eine Neutronenbombe versteckt – zehn einfache Schritte

11. Vor der Dampfwalze Kleingeld aufklauben

12. I’m short your house

13. Lichte Momente

14. Der Schneeball rollt nach London

Dritter Teil Die Welt ringsum

15. Der unaufhaltsame Aufstieg der Ponzi-Welt

16. Einrad fahren auf schroffen Felsen

17. Der Aureus und der As

18. Die bessere Wahl

19. Ein Lieferwagen für Fukushima

20. Der Mann, der einen Supermarkt verspeiste

21. Ein Caporetto fabrizieren

22. Unterm Strich

Vierter Teil Lösungen

23. Aller Tage Abend

24. Was tun?

25. Gold, Weizen und (mancherorts) Schrotpatronen

26. Mr. Smith geht nach Ponzi-Land

Nachwort

Dank

Anmerkungen

Glossar

1. Die Spielregel

Nicht viele hinterlassen der Geschichte ihren Namen. Bill Gates’ berühmtestes Produkt trägt nicht seinen Namen. Google ist von einer mathematische Größe abgeleitet und nicht etwa der Name eines seiner Gründer. Die derzeit wertvollste IT-Firma der Welt ist nach einer Obstsorte benannt.

Anders als die hinter diesen Firmen stehenden Unternehmer verstand es der Italoamerikaner Charles Ponzi (1882–1949), der Geschichte sein Siegel aufzuprägen. Im November 1903 ging er »mit 2,50 Dollar in bar und 1 Million in Hoffnungen« in Boston an Land.1 Zunächst verdingte er sich als Aushilfe in verschiedenen Tätigkeiten. In einem Restaurant diente er sich vom Tellerwäscher zum Kellner hoch, wurde aber an die Luft gesetzt, als sich herausstellte, dass er den Gästen falsch herausgab. Er arbeitete bei einer Bank, die Bankrott machte. Er saß wegen Scheckbetrugs ein. Er war in eine Sache verwickelt, bei der es um das Einschmuggeln illegaler italienischer Einwanderer in die USA ging, und auch dafür wanderte er in den Bau. Er war ein Trickbetrüger und nicht einmal ein guter. Er heiratete. Er zog eine Reklamefirma auf. Die ging pleite.

Dann kam der Wink des Schicksals. Einmal bekam Ponzi einen Brief aus Spanien, in dem sich auch ein paar Internationale Antwortscheine (IAS) befanden. Der Sinn dieser Coupons besteht darin, jemandem in einem anderen Land das Porto für die Rückantwort auf solche Art zu erstatten. Wenn man sich also in Spanien aufhält, kann man in jeder Officina de Correos diese IAS kaufen und sie zum Beispiel in die USA schicken, wo derjenige, von dem man etwas bekommen möchte, sie für die Portokosten verwenden kann. Die meisten würden wohl sagen, das sei eine ganz nette Idee, aber wohl kaum von überragender Bedeutung.

Nicht so Charles Ponzi. Der Erste Weltkrieg war gerade zu Ende gegangen. Inflation, Schulden, Krieg und Grippe hatten das internationale Währungssystem in ihrem Würgegriff, und in der Folge kam es zu erheblichen Verschiebungen im Preisgefüge der Internationalen Antwortscheine. Wie Ponzi schnell herausfand, konnte man sie in seinem Heimatland Italien zu einem Preis erwerben, der nur ungefähr ein Viertel ihres Werts in den USA ausmachte. Wenn er also für 10 Dollar IAS in Italien einkaufte, würde er dafür in den USA Briefmarken im Wert von 40 Dollar bekommen. Ponzi dachte als Finanzmensch und witterte Profit.

Er gab seinen Job auf. Er borgte sich Geld. Das Geld kabelte er seinen Verwandten in Italien, verbunden mit dem Auftrag, ihm dafür internationale Antwortscheine zu schicken. Er bekam sie und machte sich auch gleich daran, sie zu versilbern.

Und hier erwartete ihn die Niederlage in Form von allzu hohen bürokratischen Hürden und endlosem Papierkrieg. Im Prinzip waren die Antwortscheine verkäuflich, doch in der Praxis klappte es nicht. Die meisten hätten wohl an dieser Stelle aufgegeben, aber Ponzi brachte das erst richtig in Fahrt.

Er ging Freunde in Boston um eine Geldspritze an und schilderte ihnen in glühenden Farben die atemberaubenden Gewinnaussichten seines IAS-Plans. Er versprach ihnen eine Verdopplung ihrer Einlagen innerhalb von neunzig Tagen (was einem jährlichen Zinsertrag von etwa 1500 Prozent entsprochen hätte). Manche der Angesprochenen fanden, das Ganze klinge zu schön, um wahr zu sein, und behielten ihr Geld lieber. Andere konnten der Verlockung nicht widerstehen und händigten Ponzi ihr Geld aus. Jetzt war er im Geschäft.

Mit all dem Geld, das jetzt hereinströmte, gründete er eine Firma mit dem klangvollen Namen »Securities Exchange Company«, also eigentlich eine Wertpapierbörse, obwohl es ja nur um den Handel mit Postwertzeichen ging. Er versprach fantastische Zinserträge. Er zahlte Schleppern, die ihm neue Geldgeber zuführten, stattliche Provisionen. Innerhalb von fünf Monaten, bis Mai 1920, nahm Ponzi über 400.000 Dollar ein – 20 Millionen nach heutigem Gegenwert. Wenn ein Investor sein Geld zurückhaben wollte, bekam er es, einschließlich der versprochenen Verzinsung. Aber er wurde nicht mit dem Geld ausbezahlt, das Ponzi mit seinem IAS-Handel erwirtschaftete – den betrieb er nämlich gar nicht mehr, er hatte seinen ursprünglichen Plan einfach fallengelassen. Vielmehr wurden aussteigende Investoren aus dem Topf des von neuen Investoren eingebrachten Kapitals bedient. Man muss kaum eigens betonen, dass Aussteiger, die Profit gemacht hatten, die perfekte Reklame für Ponzis Spiel waren. »Sieh dir diese Typen an«, so muss die Botschaft gelautet haben, »die haben ordentlich Geld gescheffelt – worauf wartest du noch?«

Und der Geldstrom riss nicht ab. Ponzi deponierte 3 Millionen Dollar bei einer Bostoner Bank und sicherte sich eine Mehrheitsbeteiligung. Er führte ein aufwendiges Leben. Er besaß einen herrschaftlichen Wohnsitz mit Klimaanlage und Swimmingpool. Als jemand einen Artikel veröffentlichte, in dem es hieß, Ponzi könne unmöglich auf legalem Wege Erträge in der angekündigten Höhe erwirtschaften, verklagte ihn Ponzi und gewann. Das brachte noch einmal 500.000 Dollar ein.

Alles sah so weit sehr gut aus. Ponzi war reich. Jeder, der seine Einlage zurückhaben wollte, bekam sie, und zwar einschließlich der versprochenen fantastischen Rendite. Aber so ist das bei solchen Spielen. Alles sieht ganz gut aus, eine Zeitlang läuft es wie geschmiert. Doch die Arithmetik, auf der es basiert, ist eine Katastrophe.

Worin bestanden Ponzis Vermögenswerte? Die Antwortscheine mit ihrer 400-prozentigen Gewinnaussicht, die ganze postalische Seite der Sache, spielte längst keine Rolle mehr. Für die Geburt seiner Idee waren sie wohl von Bedeutung gewesen, aber mit der tatsächlichen Funktionsweise des Systems hatten sie nichts mehr zu tun. Tatsächlich nahm Ponzi einfach das hereinströmende Geld an sich und vertraute es zum damaligen Zinssatz von 5 Prozent der örtlichen Bank als Einlage an. Bei seiner Verschwendungssucht freilich war das ein eher theoretischer Ertrag. Tatsächlich sorgte seine Lebensweise für den stetigen Abbau des Anlagevermögens.

Sehen wir uns also die andere Seite der Bilanz an, die Verbindlichkeiten. Als das System so richtig in Schwung gekommen war, offerierte Ponzi 50 Prozent Rendite alle 45 Tage. Die Soll-Seite der Bilanz expandierte also alle 45 Tage um 50 Prozent. Derweil schrumpfte aber die Haben-Seite stetig, weil sich Ponzi großzügig daraus bediente.

Das konnte natürlich nicht lange gutgehen. Das Kartenhaus stürzte in sich zusammen. Viele verloren ihre gesamten Ersparnisse. Viele weitere, die Hypotheken auf ihre Häuser aufgenommen hatten, um das Geld bei Ponzi zu investieren, verloren außer dem Geld auch noch ihre Häuser. Am 12. August 1920 stellte sich Ponzi den Behörden. Ihn erwartete das erstaunlich milde Urteil von fünf Jahren Gefängnis. Nach seiner Freilassung wurde er sofort erneut vom Staat Massachusetts angeklagt. Da er kein Geld für einen Anwalt hatte, verteidigte er sich selbst und hielt ein so glühendes und eloquentes Plädoyer, dass er um ein Haar freigesprochen worden wäre. Am Ende wurde er jedoch zu sieben bis neun weiteren Jahren verurteilt – die er allerdings erst nach weiteren Eskapaden absaß, darunter ein misslungener Fluchtversuch, neue Betrügereien in Florida und eine darauf folgende Gefängnisstrafe in dem Sonnenstaat. Er starb als Unbekannter in der Armenabteilung eines Spitals in Rio de Janeiro.

Es war ein sinnloses, vergeudetes und destruktives Leben, aber sein Name ging in die Geschichte ein. Ein Ponzi scheme oder Ponzi-Spiel ist ein Schneeballsystem, ein Finanzabenteuer, bei dem ein Anleger nur unter Rückgriff auf die frischen Einlagen neuer Investoren ausbezahlt werden kann. Solange das System noch expandiert, scheint alles wunderbar zu sein. Die Zahlen allerdings sind von Anfang an faul, und das wird immer schlimmer, aber wie es um ein Ponzi-Spiel wirklich bestellt ist, findet man nicht heraus, solange man noch mitfährt. Die Fahrt sagt wenig, ihr Ende alles.

Wenn Sie jetzt meinen, Ponzis Geldgeber müssen ganz schön dämlich gewesen sein, haben Sie natürlich recht. Und wenn Sie glauben, dass Sie schlauer wären, kann ich Sie beruhigen – Sie wären es ganz sicher. Aber nicht nur Investoren haben mit der Zeit dazugelernt, Schneeballsysteme sind ebenfalls ausgekochter geworden. Ein besonders hanebüchenes Beispiel aus jüngster Zeit ist das von Bernard Madoff betriebene Schneeballsystem, das er als Hedgefonds aufgezogen hatte. Als das Spiel 2008 aufflog, hatten sich Investorenverluste von 18 Milliarden Dollar angesammelt.2 Ponzi war nur für fünf Jahre ins Gefängnis gewandert, Madoff dagegen bekam 150 Jahre, mehr lassen die Gesetze der Vereinigten Staaten nicht zu. Sollte er wegen guter Führung vorzeitig entlassen werden, kann er sich auf den 14. November 2139 freuen. Allerdings ist er jetzt schon über siebzig.3

Madoff ist kein schäbiger, ungebildeter, illegaler Einwanderer. Er war so gut eingebunden, wie man es nur sein kann: Vorstandsvorsitzender der National Association of Securities Dealers, einer nicht der Regierung unterstellten Aufsichtsbehörde für alle am Wertpapiergeschäft Beteiligten, Vorstandsmitglied der Securities Industry Association, eines Zusammenschlusses von Wertpapierhandelsfirmen, und Vorsitzender der NASDAQ. Sein System kam sehr viel ansehnlicher daher als Ponzis, aber es steckte derselbe plumpe Trick dahinter. Er gab vor, grandiose Erträge zu erzielen, während er in Wahrheit nur die aussteigenden Investoren mit den Geldern auszahlte, die neue Anleger einbrachten. Er selbst soll sein System als »eine einzige große Lüge« bezeichnet haben. 2003 war bei ihm eine Prüfung vorgenommen worden, doch die Prüfer wickelten nicht einmal die einfachsten, grundlegenden Vorgänge ordentlich ab. Dazu wieder Madoff selbst: »Ich konnte nur staunen. Sie sahen sich nicht einmal meine Wertpapierprotokolle an. Mit einer simplen Anfrage bei der Depository Trust Company, einer zentralen Wertpapierhinterlegungsstelle, hätten sie leicht herausfinden können, was tatsächlich lief. Wenn es um ein Schneeballsystem gehen könnte, ist das der allererste Schritt.«4

Und da liegt in der Tat der Hund begraben, um den es in diesem Buch gehen wird: Schneeballsysteme vom Typ Ponzi sind leicht zu erkennen. Sie sind plump und augenscheinlich. Die Aktiva-Seite der Bilanz ist derart löchrig, die Passiva-Seite so offensichtlich ein Sumpf von niemals zu begleichenden Schulden, dass man schon völlig vernagelt sein muss, um das nicht auf einen Blick zu erkennen.

Nur dass es eben trotzdem nicht gesehen wird. Vielleicht liegt es daran, dass man sich nicht gern unbequemen Wahrheiten stellt. Vielleicht kann sich auch niemand wirklich vorstellen, dass jemand so korrupt, derart dummdreist sein kann. Oder vielleicht versuchen sich die Leute einzubilden, etwas so schlimm Aussehendes sei wahrscheinlich doch nicht ganz so fürchterlich, schließlich müssen »die da oben« das doch irgendwie im Blick haben, immerhin müssen die hohe Politik und die internationale Finanzwelt doch inzwischen ein bisschen was gelernt haben.

Ich bin kein Psychologe und möchte diesen Spekulationen deshalb nicht weiter nachgehen. Tatsächlich weiß ich einfach nicht, wie die Leute es schaffen, sich selbst so hinters Licht zu führen. Es ist eine Kunst, die ich nicht beherrsche.

Jedenfalls waren Charles Ponzi und sogar Bernard Madoff noch kleine Fische, ordinäre Gauner, die bekamen, was sie verdienten. Ihre Machenschaften gefährdeten das Finanzsystem nicht. Sie machten manche ihrer Investoren um einiges ärmer, aber die Welt stürzte deswegen nicht ein.

Für so etwas – für ein Schneeballsystem, das den Kapitalismus der gesamten westlichen Welt in den Bankrott treiben könnte – braucht man Leute von ganz anderem Kaliber als Ponzi und Madoff. Man braucht Zeit, man braucht Energie, man braucht Motivation, kurzum, man braucht die Wall Street. Aber die Wall Street allein gebietet nicht über die für eine komplette Verwüstung erforderlichen Kräfte. Wer es auf einen Scherbenhaufen von noch nie da gewesenem Ausmaß anlegt, braucht erstens eine Bilanz, die sich auf zig Billionen beläuft, zweitens Macht, drittens Prestige und viertens eine weit überdurchschnittliche Bereitschaft zu Lug und Trug. Mit einem Wort, er braucht Washington.

Dieses Buch erzählt im ersten Teil zunächst, wie die Politiker in Washington zusammen mit den Bankern der Wall Street das größte Schneeballsystem der Geschichte aufgezogen haben. Die Anfänge dieses Spiels liegen weit zurück, mindestens dreißig Jahre, wenn Sie nur die Wall Street in den Blick fassen, und wohl bis zu sechzig Jahre, wenn Sie an die Regierung der Vereinigten Staaten denken.

Mir ist natürlich klar, dass meine Behauptung unglaubwürdig wirkt, aber ich hoffe, sie klingt für Sie, meine Leser, nicht völlig unglaubwürdig. Immerhin wurde ja erst vor ein paar Jahren, nämlich 2008/09, ein Teil des Schneeballsystems aufgedeckt, als der Markt der sogenannten Subprime-, das heißt zweitklassigen oder minderwertigen Hypothekendarlehen (die trotz geringer Bonität massenhaft vergeben worden waren) einbrach und die Bankenkrise nach sich zog. Das allein war bereits das größte Ponzi-Spiel der Geschichte, es liegen also schon nachvollziehbare Erfahrungen vor. Was nun die aktuellen Vorgänge betrifft, wird dieses Buch das gesamte System sehr im Einzelnen und mitsamt seinen Schulden, seinen Verlusten und seinen Verschleierungsstrategien darzustellen versuchen. Insbesondere werden wir immer wieder auf die nachfolgend genannten Zutaten stoßen, die für jedes Ponzi-Spiel von tragender Bedeutung sind:

exponentiell anwachsende Verbindlichkeiten oder im Klartext: rasant zunehmende Schulden;

faule, nichtexistente oder unzureichende Aktiva;

betrügerische oder unterlassene Buchführung;

lasche, untätige oder zahnlose Aufsicht;

eine Zockermentalität vom Typ »Wie werde ich am schnellsten reich?«, am besten garniert mit einem ganzen Strauß völlig unangemessener Anreize;

dumme, ahnungslose und auch noch träge Anleger, je habgieriger, desto besser; und

ein sagenhaftes Maß an Selbsttäuschungsbereitschaft.

Das sind die Ziegel, mit denen Washington und Wall Street ihre Schuldenburg gebaut haben, und zwar vor aller Augen und im Kolossalstil.

Und hätte sich dieses Bauwerk nicht so verheerend ausgewirkt, man müsste glatt den Ehrgeiz und die Kreativität bewundern, die in seinen Bau eingingen – diese ganze wie aus den »Austin-Powers«-Filmen entnommene Dr.-Evil- und Todesstrahlen-Megalomanie. Oh, sicher, Wall Street und Washington waren nicht auf sich allein angewiesen. Die gemeine Bank von der Straße mischte mit. Die Privathaushalte taten das Ihrige und mehr als das. Das Gleiche ist auch über die Wähler und die Medienkonzerne zu sagen. Die City of London, also der Londoner Finanzdistrikt, erwies sich als der willigste Helfershelfer der Wall Street, ihr mieses »Mini-Me« sozusagen. Schlecht geführte Staaten Europas und des Fernen Ostens bekamen ihre Rollen zugewiesen. Kurzsichtige europäische Banken sprangen auf den Zug auf. Behäbige Versicherungsgesellschaften. Unvorstellbar unfähige Unternehmen mussten unbedingt mit der Wall Street pokern, hatten aber keine Ahnung, dass die Würfel gezinkt waren – oder wollten es nicht wissen.

Wir haben es bereits gesehen: Ein Schneeballsystem kann nicht ewig funktionieren. Man kann sich wohl, wenn man ein Charles Ponzi ist, für einige Monate gegen die Schwerkraft des Geldes stemmen, als ein Bernie Madoff vielleicht ein paar Jahre lang, aber am Ende holt ebendiese Schwerkraft doch jeden auf den Boden der Tatsachen zurück.

Die erste Phase des Zusammenbruchs unseres globalen Schneeballsystems setzte am 15. September 2008 ein, als Lehman Brothers gemäß Chapter 11 des Insolvenzrechts der Vereinigten Staaten den Insolvenzantrag stellte. (Schon vorher war Bear Sterns die Luft ausgegangen, doch das war nur die Ankündigung des Sturms und noch nicht die Katastrophe selbst.) Die Lehman-Bank gab in ihrem Antrag Vermögenswerte im Gesamtumfang von 639 Milliarden Dollar an. Schuldig war sie dagegen 768 Milliarden Dollar. Da klaffte also eine Lücke von ungefähr 130 Milliarden Dollar. In den anschließenden Wochen und Monaten hatte sich der entsetzte Zeitungsleser an immer größere Schocks und immer fantastischer klingende rote Zahlen zu gewöhnen. General Motors ging praktisch pleite. Goldman Sachs benötigte dringend Kapitalspritzen. Die Citigroup kam ins Schlingern. Bei Merrill Lynch wurde über Krisenfusion gesprochen. Der Finanzgigant AIG war so unvorstellbar überschuldet, dass er nur mit 183 Milliarden Dollar aus der Staatskasse am Leben erhalten werden konnte.

Die Geschichte setzte sich rings um den Globus fort. Die britische Regierung kaufte die meisten Aktien der Royal Bank of Scotland (RBS) und weitere Anteilspakete verschiedener anderer Einrichtungen auf und verschuldete sich dabei in einer Höhe, die ungefähr dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Vereinigten Königreichs entsprach. Die irische Regierung lud sich eine Garantie für ihre Bankschulden auf und zerschoss damit ihre eigene Kreditwürdigkeit. Und so weiter.

Das Privatsektor-Schneeballsystem vermochte sein eigenes Gewicht nicht mehr zu tragen. Überall auf der Welt standen Regierungen (eine wirklich anrührende Art, uns Steuerzahler anzusprechen) vor dem Zusammenbruch des Kapitalismus, eines Systems, das sich nicht länger selbst erhalten konnte.

Damit sind wir mehr oder weniger schon da, wo wir jetzt stehen. Wenn Sie den von Mainstream-Finanzkommentatoren verbreiteten Geschichten glauben, denken Sie wohl, der öffentliche Sektor wäre eingeschritten, um den Kollaps des globalen Finanzsystems zu verhindern. Und dass jetzt Sparmaßnahmen angesagt wären, um die staatliche Neuverschuldung zurückzufahren. Dass unser Wirtschaftswachstum wohl schwächeln und abflachen würde, wie das nach Finanzkrisen halt so sei. Dass die Aufsichtsbehörden nun endlich Systemveränderungen einzuleiten begännen, die die Wahrscheinlichkeit einer Wiederholung dieser dummen Angelegenheit entscheidend verringern würden. Dass die Immobilienpreise die Talsohle erreicht hätten. Dass der Finanzsektor wieder Gewinne mache. Dass die Geldpolitik beweglich bleiben müsse, um der Gefahr der Deflation zu begegnen. Dass zwar Risiken genug vorhanden seien, die Welt sich aber alles in allem auf dem richtigen Weg befände. Dass es eine wirklich scheußliche Krise gewesen sei, wir aber jetzt nach und nach den Weg aus dem Trümmerfeld fänden.

Alle diese Annahmen liegen in einem Spektrum, das von völlig falsch bis hoffnungslos irreführend reicht. Zu den detaillierten Argumenten kommen wir gleich, aber halten wir die Sache für den Moment noch so einfach wie möglich. Erinnern wir uns: Schneeballsysteme sind simpel. Ihre totale, verdrehte Nichtigkeit liegt wirklich auf der Hand, wenn man nur hinschaut. Es wird aber nicht hingeschaut, und da liegt der eigentliche Fehler.

Sollten Sie aber die Wahrheit hören wollen, hier ist sie. Wir stecken immer noch mitten in einem gigantischen Ponzi-Spiel. Die erste Phase ist vorbei, das stimmt. Die Regierungen haben den Banken aus der Patsche geholfen. Die Exzesse der Wall Street sind irgendwie aus dem großen Topf beglichen worden. Damit ist das Spiel aber nicht aus und erledigt. Es ist bisher nichts weiter passiert, als dass der öffentliche Sektor die Schulden des Privatsektors übernommen hat. Die Schulden sind noch da. Die faulen Vermögenswerte sind noch da. Die kaputten Anreize bestehen wie zuvor. Die Profitgier ist unverändert, die Risikoblindheit. Und es besteht ein nach wie vor erstaunliches Maß an Toleranz gegenüber stetig wachsenden Schuldenbergen.

Vielleicht glauben Sie jetzt, die Dinge seien einfach so schlimm, wie sie immer waren. Doch das stimmt ganz und gar nicht. Sie sind wesentlich schlimmer. Erinnern Sie sich bitte: Ein Schneeballsystem funktioniert nur aufgrund seiner Karussellstruktur. Neue Dummköpfe schießen das Geld nach, das man für die Auszahlung der früheren Dummköpfe braucht. Aber in jeder nächsten Runde braucht man mehr Dummköpfe als in der vorherigen, und früher oder später gehen einem die Idioten aus. Und wenn Sie den Punkt erreichen, ist der Schuldenberg schwindelerregend, das Aufräumen ein Albtraum.

Falls Sie denken, ich übertreibe, sollten wir uns vielleicht die erste der genannten Zutaten zu einem Ponzi-Spiel näher ansehen: exponentiell anwachsende Verbindlichkeiten. Wenn Ihnen irgendwo eine Zahlenreihe unterkommt, die auf exponentiell zunehmende Verbindlichkeiten hindeutet, sollten Sie sich gut überlegen, ob Sie da nicht gerade den Blick auf ein Schneeballsystem gerichtet haben. Ich meine eine Zahlenreihe der Art, wie sie in Abbildung 1.1 grafisch dargestellt ist.

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Abbildung 1.1: Staatsverschuldung der USA 1940 bis 2010

Quelle: Bureau of Economic Analysis, US Treasury

Die Grafik zeigt die Kreditaufnahme durch die Bundesregierung der Vereinigten Staaten. Die Inflation ist herausgerechnet, sodass Sie jetzt die bereinigte, also echte Zunahme der Gesamtverschuldung sehen und nicht einen künstlichen, durch den Preisanstieg bedingten Effekt. Aber noch einmal, lassen Sie dergleichen technische Einzelheiten für den Moment ruhig einmal außer Acht. Wenn Sie keinen wirtschaftswissenschaftlichen Titel haben, keine Sorge. Sie brauchen kein Finanzexperte zu sein. Fragen Sie sich einfach, was diese Grafik wohl eher bedeutet:

a) Die Regierung hat ihre Finanzen im Griff.

b) Es handelt sich um ein Ponzi-Spiel in der Endphase vor dem Zusammenbruch.

Wenn Sie sich zur Beantwortung dieser Frage noch ein bisschen mehr Information wünschen, sehen Sie sich die Abbildung 1.2 an, die das Staatsdefizit der Vereinigten Staaten in den Jahren von 1992 bis 2012 darstellt. In der Clinton-Ära der neunziger Jahre pendelte die Kurve um die Null-Achse. Manchmal musste die Regierung in geringerem Umfang Kredite aufnehmen, manchmal blieben Überschüsse, von denen die Schulden zum Teil beglichen wurden. Wir müssen das im Moment nicht allzu genau betrachten, denn jedenfalls, und darauf kommt es mir an, war der Haushalt einigermaßen ausgeglichen. An der Wall Street drehte zwar bereits das Schneeballsystem seine ersten Runden, aber in Washington gingen sie noch einigermaßen vernünftig mit dem Geld um (wenngleich es auch damals schon beängstigend anschwellende Verbindlichkeiten gab, auf die wir später näher eingehen werden).

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Abbildung 1.2: Staatsdefizit der USA 1990 bis 2012

Quelle: Congressional Budget Office (CBO)

In der Regierungszeit George W. Bushs verschlimmerte sich so manches. Die Bundesregierung gewöhnte sich die Aufnahme von Krediten regelrecht an, der Schuldenberg wuchs. Die Steuereinnahmen deckten die Ausgaben nicht, doch selbst 2004, im schlimmsten Jahr dieser Periode, überschritt die Kreditaufnahme nicht die Grenze von 500 Milliarden Dollar. Und 500 Milliarden Dollar sind ja auch schon eine Menge Geld.

Dann kam die Kreditklemme. Lehman, AIG, General Motors, die erste kunterbunte Phase der gegenwärtigen Kreditkrise. Noch 2008 lag das Defizit bei 500 Milliarden Dollar. Im nächsten Jahr näherte es sich der Marke von 1500 Milliarden Dollar, Sie können auch sagen: 1,5 Billionen Dollar.

Können Sie sich vorstellen, wie viel Geld das ist? Zahlen dieser Größenordnung sind nicht so leicht einzuordnen, einfach weil wir keine Vergleichsmaßstäbe haben. Sehen wir uns also ein paar richtig große Zahlen an. In der Tabelle 1.1 sehen Sie einige der von der Zeitschrift The Economist zusammengetragenen Werte. Betrachten wir also das US-Defizit nicht einfach als abstrakte Zahl, sondern sehen wir uns an, was man für 1,5 Billionen Dollar kaufen könnte. Sie könnten den gesamten globalen Vorrat an Währungsgold erwerben (also ohne das in Schmuck und Gebrauchsartikeln verarbeitete Gold). Es würde Ihnen nicht mehr viel fehlen, um das gesamte Farmland der USA zu erwerben. Und wenn Sie ein bisschen Risikostreuung betreiben möchten, schnappen Sie sich vielleicht einfach ganz Manhattan, ganz Washington, D.C., die gesamte militärische Hardware der USA und die fünfzig wertvollsten Sportmannschaften der Welt – dann reicht Ihr Geld immer noch für Mehrheitsbeteiligungen an Apple, Microsoft, IBM und Google.5 Das also ist der Gegenwert von 1,5 Billionen Dollar. Bedenken Sie auch, dass es sich dabei nicht einfach um die Staatsverschuldung handelt (die liegt weitaus höher); die Zahl zeigt vielmehr die Zunahme der Kreditaufnahme durch die Regierung innerhalb eines einzigen Jahres! Das war 2009. Im Jahr danach geschah wieder das Gleiche, um 100 Milliarden Dollar mehr oder weniger wollen wir uns hier nicht streiten. Und für 2011 und 2012 sehen die Zahlen noch wüster aus.

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Tabelle 1.1: Was können Sie sich für 1 Billion Dollar oder auch 3 kaufen?

Quelle: »Who wants to be triple trillionaire?«, in The Economist, 14. April 2011

Für die Jahre danach wurde ein Rückgang des Defizits prognostiziert. Ob das wirklich so sein wird, sehen wir uns in einem späteren Kapitel an, bedenken Sie aber, dass eine Reduzierung des Defizits nicht ausreicht. Solange sich nämlich die Regierung unterm Strich mehr borgt, als sie erwirtschaftet, wachsen die Schulden weiter. Wenn also wirklich etwas besser werden soll, muss das Defizit negativ, das heißt mehr als ganz abgebaut werden. Die Billionen Dollar, die die Regierung in den letzten Jahren an Krediten aufgenommen hat, müssen zurückgezahlt werden. Sollte das nicht geschehen, handelt es sich um ein Ponzi-Spiel – und die enden alle auf die gleiche Art.

Aber weiten wir unseren Blickwinkel noch ein wenig. Dieses Buch handelt nicht von den Staatsschulden oder auch nur der Regierung der Vereinigten Staaten. Es handelt von der Weltwirtschaft, und da ist die Erde der Schneeball, nicht bloß Washington. Es könnte ja sein, dass zwar in der Regierung einiges drunter und drüber geht, aber die für den Geldsektor Verantwortlichen alles fest im Griff haben. Oder vielleicht geht es nur in den Vereinigten Staaten drunter und drüber, während es anderswo besser aussieht. Und schließlich könnte es sein, dass es nur auf dem öffentlichen Sektor schlecht aussieht und der private sich ganz gut macht.

Sehen wir es uns doch einmal an. Wir richten unser Augenmerk auf die Geldpolitik. In Abbildung 1.3 sehen Sie, was sich an der Bilanz der US-Notenbank im Laufe der letzten Jahre geändert hat.6 Eine Zeit lang liefen die Dinge sehr stabil. Die gesamten Assets oder Aktiva der Notenbank schlängelten sich an der Linie von 800 Milliarden Dollar entlang. (Ihre Verbindlichkeiten sind natürlich ein bisschen theoretischer Natur, denn im Unterschied zu normalen Banken kann »die Fed« Geld drucken. Ihre größte »Verbindlichkeit« sind einfach die im Umlauf befindlichen Scheine und Münzen.) Mit Beginn der Krise nahm die Bilanz einen plötzlichen und rapiden Aufschwung von 800 Milliarden auf über 2800 Milliarden Dollar. Das ist eine Zunahme um 2000 Milliarden oder 2 Billionen Dollar in weniger als drei Jahren – mehr als genug, um sich alles Farmland der Vereinigten Staaten oder knapp fünfmal so viel militärische Hardware zu kaufen, wie das Land derzeit besitzt. Woher kam diese enorme Zunahme? Aus welchen Mitteln speiste sie sich? Nun, das Geld wurde herbeigezaubert, genauer gesagt: gedruckt. Die gewaltige Zunahme der Bilanzsumme kam also daher, dass die Verantwortungsträger – allesamt ernannt und nicht gewählt – es für gut befanden, einfach aus nichts Dollars zu machen. Und beachten Sie bitte auch dies: Zur größten, geradezu explosionsartigen Geldzunahme kam es in der Schockstarre nach der Lehman-Krise, und das blieb keine einmalige Angelegenheit. Die Bilanz der Fed hangelt sich seit der zweiten Jahreshälfte 2010 bis Mitte 2011 kontinuierlich weiter hinauf. Punkt eins auf unserer Liste von Ponzi-Zutaten waren exponentiell hochschnellende Schulden – und bitte sagen Sie mir, dass sich für Sie in diesen Kurven ein anderes Muster abzeichnet …

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Abbildung 1.3: Gesamtaktiva der US-Notenbank 2007 bis 2011

Quelle: Federal Reserve

Dann gibt es ja auch noch die übrige Welt, die Krise in Europa. Griechenland ist bankrott, Irland und Portugal liegen nicht weit zurück. Den Rentenmarkt plagen derzeit ernsthafte Zweifel an der Selbstfinanzierungskraft Italiens und Spaniens. Sogar Frankreich, dessen Markt lange Zeit als »stark« galt, wird zu den Wackelkandidaten gezählt und neu bewertet.

Nordamerikanische Leser fühlen sich vielleicht sicher vor solchen Ungewissheiten in Übersee, doch das ist falsch. Wenn eine der anfälligsten Volkswirtschaften – Japan, Italien oder Spanien – platzt, werden die Folgen überall auf der Welt zu spüren sein. Halten wir uns vor Augen, dass Lehman Brothers mit nur 0,77 Billionen Dollar Schulden sank und da noch über Aktiva im Gesamtwert von 0,6 Billionen Dollar verfügte. Das ist Kleingeld gegen die Beträge, um die es jetzt geht. Italien hat Schulden von umgerechnet 2 Billionen Dollar, Japan von um die 10 Billionen Dollar. Italien, Sie werden davon gehört haben, ist ein Land mit sehr bescheidenem Wirtschaftswachstum, das nicht besonders gut regiert wurde, unter Korruption leidet, mit organisierter Kriminalität zu kämpfen hat und jetzt von einer nicht gewählten und nicht erprobten Regierung geführt wird. Auch das werden Sie gehört haben, dass Japan ein erdbebengefährdetes Land mit einer Bevölkerung von immer höherem Durchschnittsalter und einer stagnierenden Wirtschaft ist, seit zwanzig Jahren gegen die Deflation ankämpft, über keine sichere Energieversorgung verfügt, kaum Rohstoffe, dafür aber einen riesigen und zunehmend selbstbewussten Nachbarn hat und seine politische Klasse offenbar bis heute außerstande ist, radikale Veränderungen durchzusetzen. Dann auch noch dieser nukleare Schlamassel, der längst noch nicht aufgeräumt ist und eher an die Möglichkeit einer tragischen Wiederholung denken lässt.

Und lassen Sie sich nicht einreden, der private Sektor sei gesund. Die Bank of America – nach Vermögenswerten die größte Bank Amerikas – besitzt einen Börsenwert von gerade einmal 25 Prozent ihres Buchwerts.7 Der Buchwert eines Unternehmens besteht in der Differenz zwischen dem rechnerischen Gesamtwert seiner Aktiva und dem rechnerischen Gesamtwert seiner Verbindlichkeiten. Der Gesamtwert der Verbindlichkeiten ist relativ unstrittig: Was man schuldet, das schuldet man eben. Beim Gesamtwert der Vermögenswerte sieht das schon anders aus. Eine Bank könnte beispielsweise angeben, ihr Hypothekenbestand sei 10 Milliarden Dollar wert, aber vielleicht sorgen säumige und zahlungsunfähige Schuldner dafür, dass der Bestand tatsächlich eher 9 oder sogar nur 8 Milliarden Dollar wert ist. Wenn das kühl berechnende Auge der Börse die Bank of America mit einem Viertel ihres angeblichen Geldwerts bewertet, spricht das Bände über das Vertrauen des Marktes in diese Firma. Und die Bank of America ist beileibe kein Einzelfall. Citigroup und JP Morgan Chase werden ebenfalls beträchtlich unter Buchwert gehandelt. Die Royal Bank of Scotland (RBS) wird mit weniger als einem Fünftel ihres Buchwerts veranschlagt, Deutsche Bank und BNP Paribas, eine der führenden Geschäftsbanken Frankreichs, mit gut der Hälfte. Es heißt, bei der RBS sei schon die nächste Geldspritze der Regierung fällig.8

In diesem kurzen Überblick haben wir ein paar Dinge festgestellt: Die Schulden der US-Regierung schießen exponentiell in die Höhe, die Finanzbehörden beten offenbar alle die gleichen Ponzi-Götter an, die Schuldenkrise Europas reicht tief und nimmt zu, und einige der angeblichen Säulen des globalen Finanzsystems sind nur einen Bruchteil dessen wert, was die Zahlen auf dem Papier besagen. Ich hoffe, diese Überlegungen machen Sie zumindest ein wenig nachdenklich. Mein zentraler Kritikpunkt umfasst sehr viel, aber ich kann ihn natürlich unterfüttern.

Keine Frage, dass wir uns all diese Fakten noch näher ansehen müssen. Wir werden uns die Liste der Zutaten zum Ponzi-Spiel vornehmen und sie Punkt für Punkt abarbeiten. Überbewertete Assets? Sehen wir nach. Betrügerische Buchführung? Aber ja. Lasche Aufsicht? Oh, und wie. Wir werden uns auch nicht auf die Vereinigten Staaten beschränken. Das amerikanische Ponzi-Spiel mag schon schlimm sein, aber anderswo geht es noch ganz anders zu. Wenn wir bei den größeren Staaten bleiben, würde ich sagen, dass Japan, Italien und Spanien noch weitaus weniger kreditwürdig sind und es in Frankreich und Großbritannien nicht viel besser aussieht. Sogar China, das keine bedeutende Staatsverschuldung aufweist, leidet an seinem undurchsichtigen Bankensystem, an fehlenden Anreizen, an boomenden Märkten für Wirtschaftsgüter und einem bedrohlich fehlerhaften Rechnungswesen. Wir werden uns das alles der Reihe nach ansehen.

Im weiteren Verlauf gliedert sich dieses Buch in vier Teile. Die ersten drei Teile zeichnen das düstere Bild des Schneeballs Erde im Einzelnen nach. Wir blicken zuerst nach Washington, dann zur Wall Street, dann auf das weitere Weltgeschehen. Wir werden uns nicht nur die wachsenden Schuldenberge ansehen, nicht nur die in der globalen Bilanz ausgewiesenen Verbindlichkeiten oder Passiva, sondern auch die andere Seite, die Aktiva oder Assets. Für Schneeballsysteme ist ein immer weiter wachsender Korb von hoffnungslos fehlbewerteten Assets typisch. Wenn wir uns die großen Märkte unserer Zeit ansehen, stoßen wir auf Fehlbewertungen oder Blasen von gigantischem Ausmaß. Fehlbewertungen auf dem privaten Immobilienmarkt. Fehlbewertungen auf dem Aktienmarkt. Fehlbewertungen von bedrohlichem Ausmaß an den Rentenmärkten. Das mag ziemlich trocken und technisch klingen, aber zum Glück können die Dinge nicht technischer werden als bei Bauwerken aus von Collateralized Debt Obligations (CDO) abgestützten Collateralized Debt Obligations. (Wir werden später sehen, um was es sich da handelt.) Diese scheinbar so abstrakten Dinge haben Ihre Wirtschaft ruiniert und Ihre Zukunft niedergemacht. Gar so abstrakt können sie also auch wieder nicht sein.

Im abschließenden vierten Teil sehen wir uns die »Lösungen« an. Das ist eine unpassende Bezeichnung, es gibt nämlich keine Lösungen im eigentlichen Sinne. Bei einem Ponzi-Spiel ist nichts zu lösen, man kann es nur beenden. Das ist dann mit massivem Deleveraging – Schuldenabbau durch Abstoßung von Vermögenswerten – und gigantischen Verlusten verbunden. Verwerfungen, die richtig wehtun, können da nicht ausbleiben. Niemand vermochte die von Charles Ponzi oder Bernard Madoff angerichteten Schäden wiedergutzumachen. Die Leute verloren Berge von Geld, und man kann nichts weiter tun, als die Bösewichter einzulochen und sich ans Aufräumen zu begeben.

Es gibt aber durchaus ein paar Maßnahmen, welche die politischen Entscheidungsträger jetzt ergreifen könnten, um das kommende Gemetzel abzumildern. Und es gibt ein paar Vorkehrungen, die Sie selbst treffen können, um sich und Ihre Familie zu schützen. Ich selbst unternehme auch dies und jenes. Dieses Buch verschweigt nichts. Seit zwei Jahrzehnten und länger haben wir es an Aufrichtigkeit fehlen lassen, und es gibt kein besseres Antiseptikum als die Wahrheit. Am Ende des Buchs werde ich einen persönlichen Aktionsplan unterbreiten, an dem Sie sich orientieren können.

Dieses Buch handelt auch von recht verwickelten Konstruktionen, aber ich werde mich unkompliziert ausdrücken. Anders als die Magier der »kreativen« Buchführung kann ich es mir erlauben, die Dinge beim Namen zu nennen. Wenn Sie mit den Schaubildern zurechtkommen, die wir bisher schon hatten, werden Sie auch alles Weitere verstehen können. (Na gut, um der Wahrheit die Ehre zu geben: Wenn es um Finanzderivate und die Berechnung von Altersruhegeldern geht, muss ich ein bisschen technisch werden, aber wirklich nicht allzu sehr. Wer mehr wissen möchte, kann sich an die in den Anmerkungen genannten Quellen halten, die mehr ins Einzelne gehen. Notwendig ist das aber nicht, es bleibt Ihnen überlassen.)

Ich werde Sie auch nicht mit dubiosen Zahlenangaben konfrontieren. Ich beziehe meine Daten aus einwandfreien offiziellen Quellen. In den meisten Fällen können Sie sich unmittelbar über das Internet davon überzeugen. Ich rate Ihnen sogar dringend dazu. Das Spiel ist in Gang gekommen, weil nicht genügend Menschen ihrem gesunden Menschenverstand gefolgt waren und es unterlassen hatten, die Behauptung der sogenannten Experten zu überprüfen. Wenn wir jetzt mit dem geringstmöglichen Schaden davonkommen wollen, müssen wir auf ein ganz anderes Denken umschalten. Wir müssen Skeptiker werden. Es gilt zu lernen, wie man der Obrigkeit auf den Zahn fühlt, wie man klare Antworten auf klare Fragen bekommt und nicht lockerlässt, bis die Auskünfte wirklich zufriedenstellend ausfallen.

Ganz am Beginn dieses Buchs haben Sie drei Zitate gelesen, eins davon aus dem Film »Mr. Smith geht nach Washington«, das ich hier noch einmal ein wenig erweitert wiedergeben möchte. Jefferson Smith spricht vor dem Senat und sagt:

»Es tut mir leid, Gentlemen. Ich weiß, dass ich es gegenüber diesem hohen Haus an Respekt mangeln lasse, ich bin mir dessen bewusst. Einen wie mich sollte man hier eigentlich gar nicht erst vorlassen, ich weiß. Es ist mir wirklich arg, hier zu stehen und Ihre Geduld derart auf die Probe zu stellen, aber entweder stimmt das, was ich sage, haargenau, oder ich bin verrückt!«

So sind Sie und so bin ich auch. Wir haben nie einer Regierung, der Führung einer großen Bank oder gar der Staatsbank angehört, wir haben nie 10 Billionen oder auch nur 1 Billion Dollar an Kredit aufgenommen. Aber indem ich dieses Buch schreibe und Sie sich mit seinen Argumenten auseinandersetzen, tun wir es Jefferson Smith nach: Wir tragen gesunden Menschenverstand auf ein Spielfeld, auf dem gesunder Menschenverstand nicht gern gesehen ist. Wir haben das Recht zu beharren, denn entweder liegen wir genau richtig, oder wir sind verrückt.

Vor diesem Hintergrund möchte ich Ihnen jetzt etwas über mich und meine Qualifikation erzählen. Ich bin ein Hedgefondsmanager und gerade dabei, einen neuen Fonds von 500 Millionen Dollar aufzustellen. Ich bin seit fast dreißig Jahren auf den Finanzmärkten der Welt tätig. Zweitklassige Hypotheken habe ich nie auch nur angerührt. Ich habe sie vom ersten Moment an für Schrott gehalten, und an der Meinung hat sich nichts geändert. Es ist sogar so, dass ich mich seit Langem für Umweltinvestitionen interessiere. Ich schaffe und vertreibe Wertpapierinstrumente, die es Regierungen und Unternehmen erleichtern, einen ethischen und umweltbewussten Standpunkt einzunehmen. Mein Interesse und finanzielles Engagement gilt darüber hinaus bewährten Technologien, die dazu beitragen können, dass der Westen nicht mehr gar so sehr am Tropf fossiler Energien hängen muss, die bekanntlich unsere Erde gefährden und zum Teil von nicht gerade wohlgesinnten und instabilen Ländern produziert werden. Meine Kollegen und ich haben Instrumente zur Eindämmung des Kohlendioxidausstoßes entwickelt, und einigen internationalen Konzernen ist damit – sowie mit eigenen Effizienz- und Reduktionsmaßnahmen – bereits die Umstellung auf CO2-Neutralität gelungen. Auf diese Arbeit bin ich stolz.

Aber meine Haltung in Umweltfragen braucht Sie nicht zu berühren. Sie müssen sie auch nicht teilen. Im Zusammenhang dieses Buchs müssen Sie nur wissen, dass ich Krisen kommen sehe, wenn sie kommen. Ja, ich habe bei der ersten Kreditkrise richtig reagiert und durch den Ankauf von Verkaufsoptionen auf dem globalen Aktienmarkt auch noch Geld verdient. (Das ist eine Art Wette auf einen bevorstehenden Einbruch der Aktienmärkte.) Ich habe Gold gekauft, als es 377 Dollar pro Feinunze kostete, inzwischen liegt der Preis bei 1800 Dollar. Ich halte mich keineswegs für besonders schlau, was diese Angelegenheiten angeht. Ich bin nur eben nicht dämlich, und das unterscheidet mich anscheinend von so furchtbar vielen anderen, die sich auf diesem Parkett tummeln. Als die ersten Wellen der Kreditkrise 2007 die Märkte umspülten, fing ich an, mir ganz systematisch zu überlegen, wo das Ganze angefangen hatte und wo es hinführen würde, musste. Jetzt sind wir gut fünf Jahre weiter, und dieses Buch ist dabei herausgekommen.

Und schließlich könnten Sie auf den Gedanken kommen, dass ich eine extreme Position einnehme. Auch wenn die Politik schief gewickelt war, liegt die Wahrheit nicht doch eher irgendwo in der Mitte? Aber die Ansichten, die ich in diesem Buch vortrage, sind ganz und gar nicht extrem. Ich würde sogar sagen, dass ich eine vorsichtige, maßvolle Meinung vertrete. Denken Sie beispielsweise an die Zahlen, die ich Ihnen zu einigen Großbanken bzw. zum Missverhältnis zwischen ihrem Börsenwert und ihrem Buchwert genannt habe. Diese Zahlen repräsentieren nicht meine Meinung, sondern die Meinung der Märkte zu diesen gigantischen Firmen. Und nicht allein den Märkten bereiten diese Tatsachen Kopfzerbrechen. Wie wir noch sehen werden, gibt es genügend nüchtern denkende Wirtschaftswissenschaftler, die meine Ansichten teilen. Sie sagen geradeheraus, die USA seien bankrott. Etwa Laurence Kotlikoff (zu dessen Schuldenberechnungen wir noch kommen werden):

»Uncle Sams Ponzi-Spiel wird enden. Nur leider zu spät und auf höchst unangenehme Art … Wir haben einen Kurs eingeschlagen, auf dem es rapide abwärtsgeht, und die Anleihenhändler werden das noch einmal kräftig beschleunigen, wenn sie aufwachen und merken, dass die USA finanztechnisch noch schlechter dastehen als Griechenland.«9

Der Moment des Aufwachsens und damit der Beschleunigung rückt näher. Doch bevor wir uns der Frage widmen, wie wir mit dem Augenblick umgehen, wenn er da ist, wenden wir den Blick zurück, um zu sehen, wie alles gekommen ist. Wie das Ponzi-Spiel angefangen hat. Was es in Gang hält. Wie das Ganze immer noch laufen und sich Runde um Runde drehen, ja sogar expandieren kann und sich auf ein letztes Kräftemessen zubewegt. Beginnen wir mit der Regierung der Vereinigten Staaten.

Erster Teil: Washington