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HAYMON taschenbuch 46

© 2010
HAYMON verlag
Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7464-3

Buchgestaltung: Kurt Höretzeder, Büro für Grafische Gestaltung,
Scheffau/Tirol
Umschlaggestaltung: Kurt Höretzeder, Büro für Grafische Gestaltung,
Scheffau/Tirol, nach einem Entwurf von Bastian Zach
Mitarbeit: Ines Graus
Coverabbildung: www.istockphoto.com

Diesen Roman erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

Bastian Zach
Matthias Bauer

Morbus Dei:
Die Ankunft

Roman

Bastian Zach/Matthias Bauer

Morbus Dei: Die Ankunft

Bastian Zach – Für meinen Vater
Matthias Bauer – Für meine zwei: Moni und Hannah

Prolog

In occulto vivunt.

Das Pergament saugte die schwarze Tinte auf, sodass der Punkt am Ende des Satzes zu verlaufen begann. Eilig drückte der Schreiber ein Löschblatt auf den Überschuss, dann lehnte er sich zurück und schloss die Augen.

Sie leben im Verborgenen.

Der karge Raum, in dem der Schreiber saß, wurde von den wenigen Kerzen nur unzureichend erhellt. Alles strahlte eine tiefe Ruhe aus, allein die flackernden Schatten auf den roh gekalkten Steinmauern schienen einen unablässigen Tanz zu vollführen.

„Gratia. Du kannst nun gehen.“ Die kauernde Gestalt vor dem Schreiber richtete sich auf, zog sich eilig die grobfasrige Kutte über und hastete aus dem Raum. Hinter ihr fiel die schwere Holztür ins Schloss.

Nachdenklich trank der Schreiber einen Schluck Rotwein und starrte in die Dunkelheit. Wie lange würde er noch die Möglichkeit haben, das Unausgesprochene zu dokumentieren? Wie lange würden sie noch geduldet werden? Er legte die Feder neben das Tintenfass und musterte die letzten Seiten seiner Eintragungen. Der lateinische Text wurde immer wieder von Illustrationen unterbrochen, die Gesichter, Hände und Zähne dokumentierten, allesamt schrecklich entstellt, verschiedene Stationen einer Krankheit …

Je weiter der Schreiber zurückblätterte, desto unauffälliger wurden die Merkmale der Krankheit. Er schüttelte nachdenklich den Kopf, dann griff er wieder zum Federkiel.

Gerade als er die Feder in das Tintenfass tauchte, war hinter der wuchtigen Holztür ein lauter Knall zu hören.

Der Schreiber erstarrte.

Gesprächsfetzen drangen in den Raum, er hörte weinende Frauen und Kinder, dann tiefe, brüllende Stimmen, die immer lauter wurden.

Es war also so weit.

Der Schreiber schloss die Augen und atmete müde aus. Es hatte alles nichts genutzt – das Schlimmste war eingetroffen. Er blätterte zu seinem letzten Eintrag und datierte ihn: November 1647 AD. Dann legte er die Feder neben den Berg aus zerflossenem Kerzenwachs und klappte das kunstvoll in Leder gebundene Buch zu. Der alte Mann wusste, dass von nun an nichts mehr so sein würde, wie es einmal gewesen war.

Dröhnende Schritte näherten sich, die Tür wurde aufgerissen.

Ein kalter Windstoß ließ alle Kerzen im Raum erlöschen.

Adventus

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Tyrol,
Anno Domini 1703

I

Johann List schlug mit dem Gesicht hart auf und blieb regungslos im Schlamm liegen. Blut tropfte von der Platzwunde über seinem Auge, vermischte sich mit dem schmutzigen Wasser unter ihm. Johanns Kopf schmerzte, er nahm alles wie durch einen Nebel wahr – das Heulen des Unwetters, Regentropfen, die auf ihn herabprasselten, Schritte, die sich ihm näherten. Dann begann alles zu verschwimmen, Johann schloss die Augen …

Lass dich nicht in die Enge treiben.

Johann gehorchte der Stimme in seinem Inneren, wie schon so oft in seinem Leben. Er rollte sich mühsam auf den Rücken.

Über ihm, kaum auszumachen gegen den strömenden Regen und die gleißenden Blitze, stand bedrohlich eine Gestalt. Sie beugte sich zu ihm hinab. Johann erkannte das wieselgleiche Gesicht des Bauern, bei dem er einige Nächte lang Quartier bezogen hatte – und der ihn vorhin so hinterhältig überrascht hatte. Bei dem Gedanken daran wurde Johann wütend, seine Hände krampften sich in den Schlamm, er stemmte sich mühsam empor. Der Bauer grinste, dann prasselte ein Hagel von Schlägen auf Johann ein.

Dunkelheit senkte sich auf ihn herab.

Der Bauer kniete sich über den Bewusstlosen und filzte ihn mit geübten Fingern. Immer wieder streiften die Augen des Bauern das Gesicht seines Opfers, suchten nach einer Bewegung in dessen leblosem Gesicht. Plötzlich hielt er inne, zog dann langsam einen Gegenstand aus Johanns Hosentasche. Es war ein Messer, aber nicht irgendeines: Die feinen Silberziselierungen und die makellose Schneide verrieten dem Bauern, dass es für seinen Besitzer mehr war als nur ein Gebrauchsgegenstand.

„Dich werde ich ab jetzt behalten …“, flüsterte er andächtig.

„Wirst du nicht.“

Als der Bauer die Stimme hörte, war es schon zu spät. Er wurde blitzschnell am Handgelenk gepackt, und ehe er es sich versah, sprang Johann auf und verdrehte ihm den Arm. Der Bauer schrie vor Schmerzen auf und ließ das Messer in den Schlamm fallen. Johann trat ihm gezielt in den Magen, der Bauer fiel auf den Rücken und blieb ächzend liegen.

Johann nutzte den Moment und suchte hastig das Messer, seine Finger durchwühlten den schlammigen Boden. Als ein Blitz einschlug und es für einen Augenblick taghell wurde, sah Johann das Messer in einer Pfütze liegen. Erleichtert griff er hin und hob es auf, als plötzlich ein schneidender Schmerz seine Seite durchfuhr.

Der Bauer hatte ihm den Spieß einer Heugabel in die Seite gerammt.

Johanns Füße gaben nach, er fiel zu Boden. Als der Bauer die Heugabel drehte und dann langsam herauszog, schien Johanns ganzer Körper nur noch aus glühendem Schmerz zu bestehen. Er konzentrierte sich mit aller Kraft, nicht das Bewusstsein zu verlieren, denn das hätte sein Ende bedeutet – noch einmal würde sich der Bauer nicht überraschen lassen.

Johann presste sich die linke Hand auf die stark blutende Wunde und drehte sich auf den Rücken. Der Bauer tauchte über ihm auf, immer noch die Heugabel in der Hand. „Ich bin schon mit ganz anderen fertig geworden, Bursche!“, keifte er Johann mit schriller Stimme an, dann hob er die Gabel und setzte grinsend zum entscheidenden Stoß an.

Diese Bewegung verschaffte Johann die Zeit, die er brauchte – er wirbelte herum, das Messer in der Hand, und durchtrennte seinem Gegner gezielt die Sehnen des linken Knies.

Der Bauer erstarrte, einen fast komischen Ausdruck der Überraschung auf seinem Gesicht. Nichts, aber auch gar nichts war so gelaufen, wie er es geplant hatte. Er sah an sich hinab, sah entsetzt, wie sich der Stoff seines linken Hosenbeins dunkel verfärbte. Er begann zu schwanken, aber bevor ihm der Fuß wegknicken konnte, war Johann aufgesprungen und hatte ihn an der Gurgel gepackt. Dem Bauern blieb sein Schmerzensschrei im Hals stecken, dann trieb Johann ihn erbarmungslos zurück, quer über den ganzen Hof, bis der Bauer mit dem Rücken an die Wand seines Hauses knallte.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte er Johann an. Dieser hob das Messer, offenbar bereit, ihm den letzten Stoß zu versetzen.

„Sei barmherzig!“, schluchzte der Bauer.

Johann stieß zu.

Der Bauer schloss reflexartig die Augen.

Dann öffnete er sie wieder. Das Messer steckte nur um Haaresbreite neben seinem Kopf. Unsicher blickte er Johann an.

„Was weißt du schon von Barmherzigkeit?“ Verächtlich zog Johann die Klinge mit einem heftigen Ruck aus dem geschwärzten Holz. Er ließ den Bauer los, der zusammensackte und wimmernd am Boden liegen blieb.

Johann steckte sein Messer ein und griff das Bündel mit seinen Habseligkeiten, das neben dem Hauseingang im Schlamm lag. Er presste mit der Hand die Wunde an seiner Seite zu und machte sich auf in Richtung Wald, ohne den Bauern noch eines Blickes zu würdigen.

Der Sturm wiegte die Baumwipfel bedrohlich hin und her. Der Wald bot nur wenig Schutz vor dem herunterprasselnden Regen und dem heulenden Wind.

Johann stakste mühsam bergauf durch das morsche Unterholz. Er war völlig durchnässt und durchgefroren, sein Hemd und die Lederhose klebten ihm auf der Haut. Zudem begann die Wunde an seiner Seite wieder stark zu bluten. Als Johann das bemerkte, kniete er sich schutzsuchend unter eine knorrige Föhre, zog das Hemd auf der Seite hoch und versuchte trotz der Dunkelheit die Schwere der Verletzung zu erkennen.

Der Einstich war tief, schien aber nur ins Fleisch gegangen zu sein und keine Organe verletzt zu haben. Johann atmete auf, er wusste, dass er vor einem Wundbrand sicher war, solange er die Blutung stoppen konnte und die Wunde halbwegs sauber hielt. Er hatte Männer mit schlimmeren Verletzungen überleben sehen.

Johann öffnete das Bündel und nahm sein anderes Hemd heraus. Mit einem festen Ruck riss er die Ärmel ab, knotete sie zusammen und band sie sich um die Hüfte. Der Schmerz war grauenhaft, aber Johann biss die Zähne zusammen und zog den Knoten, so eng er konnte.

Als er sein Bündel danach wieder zuschnürte, überkam ihn plötzlich ein schrecklicher Verdacht. Hastig durchsuchte er seine wenigen Habseligkeiten, aber sie war verschwunden.

Der Bauer hatte ihm seine Geldkatze geraubt.

Der gesamte Sold der letzten Zeit, alles, was er sich vom Munde abgespart hatte, war fort. Wut stieg in Johann hoch, er umfasste unwillkürlich sein Messer.

Zeig Barmherzigkeit, auch denen, die ihrer nicht würdig sind.

Diese verlogenen Gebote, wenn er jetzt nur –

Ein heftiger Schmerz in der Seite brachte ihn wieder zur Besinnung. In seiner jetzigen Verfassung war er kein Gegner für den Bauer. Aber er würde zurückkommen, und dann Gnade ihm Gott …

Johann atmete tief durch. Es fröstelte ihn, und er spürte erst jetzt, wie müde er war. Er blickte sich um, suchte nach einem Unterschlupf, wo er die Nacht verbringen konnte. Für einen Augenblick riss ein Blitz die Umrisse eines entwurzelten Baumes aus der Finsternis. Johann breitete so viel Reisig, wie er tragen konnte, aus und kauerte sich unter die riesigen Wurzeln.

Augenblicke später war er eingeschlafen.

II

Johann erwachte zitternd. Es war eisig kalt, sein Atem schien in der Luft zu gefrieren. Die Reisigzweige hatten dem ersten Nachtfrost in diesem Jahr nichts entgegensetzen können, die Kälte war Johann tief ins Gebein gekrochen, seine Kleidung war feucht und klebte auf der Haut.

Noch leicht benommen versuchte Johann sich zu orientieren, blickte um sich, konnte aber nichts erkennen. Erst als er sich den Schlaf endgültig aus den Augen gerieben hatte, sah er warum: Dichter Nebel war aufgekommen und ließ ihn nur wenige Meter weit blicken.

Der Winter stand vor der Tür.

Das hieß, Johann durfte keine Zeit verlieren. Er streckte sich vorsichtig, dann begutachtete er seine Wunde: Der notdürftige Verband hatte sich mit Blut vollgesogen und klebte an der verkrusteten Wundöffnung. Vorsichtig tippte Johann auf die Stelle. Ein leichter, aber ziehender Schmerz strahlte von der Wunde aus und verkündete eine beginnende Entzündung.

Wundbrand.

Wahrscheinlich war ein Splitter stecken geblieben. Johann wusste, was das für ihn bedeutete: Er musste den Eiterherd so schnell wie möglich entfernen, sonst würde eine Blutvergiftung sein Schicksal besiegeln. Das alte Lied: Es starben mehr Soldaten im Nachhinein an den Verletzungen der Schlacht als auf dem Schlachtfeld selbst.

Johann raffte sich auf, ging ein paar Schritte – und schwankte. Sein ganzer Körper, sogar sein Gesicht fühlte sich geschwollen an, die Muskeln schmerzten. Vorsichtig bückte er sich, griff sein Bündel und versuchte sich dann aufs Neue zu orientieren.

Die Sonne wurde vollständig vom diffusen Nebel absorbiert. Johann versuchte die moosbewachsene Nordseite der Bäume zu erkennen, allerdings waren die Bäume hier allesamt von Moos vollständig ummantelt, als hätten sie sich ein weiches Kleid für den Winter umgelegt.

Johann schloss die Augen und versuchte nachzudenken. Der gestrige Weg blitzte auf, der Pfad, auf dem er zur Gaststätte des Bauern gekommen war, Erinnerungen, die ihn weiter weg trugen, seinem Ausgangpunkt entgegen, an dem das begann, was –

Johann riss die Augen wieder auf. Er musste weiter. Sein Instinkt würde ihm den Weg weisen, er hatte Johann noch nie im Stich gelassen.

Nie? Bist du dir sicher?

Entschlossen ging Johann los, auf der Suche nach einer Unterkunft, in der er sich ausrasten und seine Wunde heilen lassen könne.

Wenn man allein unterwegs war, verging die Zeit scheinbar langsamer, das wusste Johann nur zu gut. Vielleicht deshalb, weil man sich in den eigenen Gedanken verlieren konnte – oft mehr, als für einen gut war. Doch jetzt, mit seiner Verwundung, schien sich die Zeit für Johann endlos zu dehnen, jeder Schritt wurde zur Stunde, jede Meile zur Ewigkeit.

Vielleicht war es ein Fehler gewesen, das zu verlassen, was er –

Ein Knacksen riss Johann aus seinen Gedanken. Er erstarrte, blickte dann langsam zurück.

Nichts.

Es war höchst unwahrscheinlich, dass ihn der Bauer verfolgte, aber vielleicht ein Tier? Ein Wolf? Johann ging vorsichtig weiter, immer wieder zurückblickend, und – machte einen Schritt ins Leere. Unfähig, sich festzuhalten, stürzte er einen laubbedeckten Abhang hinunter, bis er hart am Boden aufschlug.

Johann blieb still liegen. Sein Herz raste, sein Atem ging unregelmäßig, er zitterte am ganzen Körper.

Dann holte er tief Luft, zwang sich gewaltsam zur Ruhe.

Atme. Konzentrier dich nur aufs Atmen.

Nach kurzer Zeit hatte Johann sich wieder unter Kontrolle. Er blickte sich um: Er lag in einer riesigen Grube, die gut drei Klafter im Durchmesser hatte. Der Boden war mit Laub bedeckt, über der Grube bildeten wabernde Nebelschwaden eine weiche Decke. Johann sah, dass der Aufstieg zwar mühsam, aber zu bewältigen sein würde, und –

Dann roch er ihn.

Den süßlichen Gestank, den er nur zu gut kannte. Wem er einmal in die Nase gestiegen war, der vergaß ihn niemals – den Geruch nach Verwesung …

„Offensivparfum“ hatten ihn seine Kameraden zynisch genannt.

Johann holte tief Luft, dann strich er das Laub beiseite. Nach wenigen Augenblicken hielt er inne.

Augen starrten ihn aus verrottenden Blättern an, gebrochen und starr.

Johann entfernte weiteres Laub, dann lagen sie vor ihm – Leichen, manche bereits völlig verwest. Er fragte sich, was hier vorgefallen war und woher die Toten kamen, denn es gab weit und breit kein Dorf.

Johann bemerkte, dass bei manchen der Leichen Schuhe und Kleidung fehlten. Er hatte in seinem Leben viel gesehen, aber dieser Anblick schnitt ihm ins Herz: der einsame Wald, die Totengrube, die nackten Körper – es wirkte, als hätte jemand die Leichname achtlos weggeworfen und wie Unrat entsorgt.

Eine Leiche lag auf dem Bauch vor ihm, die Joppe in Fetzen, auf dem Rücken waren drei tiefe Einstiche zu erkennen. Nicht so breit wie von einem Messer, eher von einer Lanze.

Oder von einer Heugabel.

Die Erkenntnis traf ihn wie ein Steinschlag. Er war an seinem Bestimmungsort angelangt – zumindest, wenn es nach dem Bauern von gestern Nacht ging. Johann war offensichtlich nicht sein erstes Opfer gewesen, nicht der Einzige, den er bestehlen und dann beseitigen wollte. Die armen Teufel hier in der Grube würden das bezeugen. Johann ärgerte sich jetzt, dass er mit diesem Schwein nicht sofort kurzen Prozess gemacht hatte.

Er stand auf und konnte mindestens sieben – nein, neun – Tote ausmachen: Weiter hinten ragten noch der Kopf einer Frau und die Hand eines Kindes aus dem Laub.

Dieser Hundesohn!

Johann bekreuzigte sich und wollte eben nach oben klettern, als ihm ein großes Stück Leder auffiel, das den Leichnam neben ihm bedeckte. Er zog daran, ein hervorragend gearbeiteter, wenn auch schon ein wenig abgegriffener Ledermantel kam zum Vorschein. Es war ein weit besserer Schutz gegen die Kälte als seine eigene Bekleidung, und der Tote würde es ihm wohl nicht neiden. Ohne zu zögern zog sich Johann den schweren Mantel über und schnürte ihn zu. Dann kletterte er mühsam den steilen Abhang nach oben, jede Wurzel als Halt nutzend.

Außer Atem erreichte er den Rand der Grube und zog sich heraus. Er stand auf, blickte noch einmal in das feuchte Grab zurück und bekreuzigte sich erneut.

Dann setzte er seinen Weg fort.

III

Wie lange war er schon in diesem gottverfluchten Wald unterwegs? Es gab keinen Weg, das Unterholz war verspießt und gefährlich und ließ ihn nur sehr langsam vorwärts kommen, außerdem schien das Tal immer enger zu werden.

Aber es gab kein Zurück. Das würde er nicht mehr schaffen, nicht mit seiner Verwundung. Seine einzige Chance war, aus dem Wald heraus in ein anderes Tal zu kommen und ein Dorf oder wenigstens einen Bauernhof zu finden.

Einmal büßt du, List. Der Tag wird kommen.

Eine andere Stimme – eine, die er eigentlich nie mehr hatte hören wollen. Dass sie sich gerade jetzt meldete, schien ihm ein böses Omen. Vielleicht ist die Zeit da, sagte er sich, vielleicht sollte er sich einfach hinsetzen und abwarten.

Gerade als seine Gedanken am düstersten waren, begann sich der Wald vor Johann zu lichten, eine Gebirgskette lugte zwischen den Stämmen hindurch. Johann stieß innerlich einen Freudenschrei aus, zwängte sich hastig zwischen den letzten Bäumen hindurch und schob einen verdorrten Haselnussbusch auf die Seite.

Die imposanten Berge Tyrols entfalteten sich vor ihm, sie reichten, so weit das Auge sehen konnte. Die verschneiten Gipfel waren von schweren Wolken verhangen, aus den Wäldern, die bis fast an die Schneegrenze heranreichten, dampfte der Nebel, als würden sie atmen.

Eine raue, urwüchsige, aber traumhaft schöne Landschaft.

Deine Heimat.

In der Ferne konnte Johann vereinzelt Falken ausmachen, die lange Kreise zogen und auf Beute spähten. Weit und breit waren weder ein Dorf noch ein Gehöft zu sehen, dennoch erfüllte Johann ein erhebendes Gefühl: Für einen Augenblick war ihm, als wäre er Herr über das ganze Land vor ihm.

Was natürlich nicht stimmte – niemand konnte dieses Land beherrschen. Nicht der Kaiser, nicht bayerische Invasoren, ja, nicht einmal die Tyroler selbst hatten der gewaltigen Natur etwas entgegenzusetzen.

Johann zog sich den Kragen seines Mantels hoch und stieg talwärts.

Die Wiesen waren vom Dauerregen rutschig geworden und verhinderten so einen zügigen Abstieg. Immer wieder sah Johann sich um und hielt Ausschau nach einer Unterkunft, doch es schien, als wäre das gesamte Gebiet entvölkert, nicht einmal Hochalmen waren zu finden.

An der schmalen Talsohle angelangt, setzte Johann sich auf einen großen, vermoosten Stein, über den eine verwachsene Kiefer wachte. Er versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Von dem fast euphorischen Gefühl, das er vorhin noch verspürt hatte, war nichts mehr übrig. Es hatte wieder stärker zu regnen begonnen, das Wasser hatte bereits seinen Weg durch die Nähte des Mantels gefunden und begann, sich seine Bahnen entlang seines Rückens zu suchen.

Johann versuchte sich erneut zu orientieren. Wenn er sich südöstlich hielt, müsste er über kurz oder lang nach Schwaz kommen, so seine Vermutung. Und dann weiter, über die alten Straßen Richtung Westen, weg vom Krieg und den verwüsteten Dörfern, die der Bayrische Rummel in Tyrol hinterlassen hatte.

Ein ziehender Schmerz meldete sich wieder von der Seite. Johann zog den Verband ein wenig auf und untersuchte seine Wunde. Der entzündete Wundherd war größer geworden. Johann wusste, was er früher oder später tun musste, ihn schauderte bei der Vorstellung. Er zog den Verband wieder fest, dann ließ er seinen Blick finster über die verlassene Landschaft schweifen.

Plötzlich machte sein Herz einen Sprung: Links von ihm, kaum wahrnehmbar, schlängelte sich ein überwachsener Pfad der Talsohle entlang Richtung Osten.

Ein Pfad, der vielleicht zu einem Dorf führte. Zu Menschen, die ihn aufnehmen würden.

Mit neuem Mut schulterte Johann sein Bündel und folgte dem Pfad.

Als die Dämmerung hereinbrach und die Landschaft in fahles Zwielicht tauchte, war es für Johann Gewissheit geworden: Er war auf einen toten Weg geraten. Der Pfad war in den letzten Stunden immer schmäler geworden, die Berge rings um Johann schienen mit jedem Schritt näher zu kommen – ein Gefühl, das er früher als Geborgenheit empfunden hatte. Nun empfand Johann das Gebirge als kalt und bedrohlich. Die Wunde an seiner Seite schmerzte zudem von Schritt zu Schritt mehr, und da der Regen kein Ende nahm, würde noch eine Nacht unter freiem Himmel für ihn vermutlich den Tod bedeuten.

Johann hatte die Hoffnung auf eine feste Unterkunft schon fast aufgegeben, als er plötzlich stutzte. In gut zwei Meilen Entfernung schälte sich etwas aus der Landschaft: ein Holzgebäude, eine sichere Zuflucht für die Nacht! Johann biss die Zähne zusammen und kämpfte sich weiter, er musste diese letzte Strecke unbedingt vor Anbruch der Dunkelheit zurückgelegt haben …

Die morschen Bretter und das löchrige Dach bezeugten, dass der Heustadl schon seit Jahrzehnten nicht mehr genutzt worden war. Durch den Bretterboden hatten sich Pflanzen einen Weg gesucht, aber wenigstens musste Johann nicht auf der bloßen Erde schlafen.

Er schob einige Holzlatten vor den Eingang, raffte das letzte Häufchen Stroh zusammen und setzte sich darauf. Sobald er saß, spürte er die Erschöpfung, er schloss die Augen und gestattete sich einen kurzen Moment der Ruhe.

In der letzten halben Stunde hatte der Regen endlich aufgehört und der Wind hatte den Himmel beinahe wolkenfrei gefegt. Kaltes Mondlicht drang durch die löchrigen Wände des Heustadls und warf ein streifenartiges Muster über seinen einsamen Bewohner.

Johann öffnete sein Bündel und nahm das letzte Stück Brot heraus, das einem Schwamm aus grünlichem Schimmel glich. Er betrachtete den übel riechenden Klumpen: Mit richtigem Essen hatte das nichts zu tun. Erinnerungen an sämige Suppen, gehaltvolle Eintöpfe und knusprig gebratenes Fleisch breiteten sich in seinem Kopf aus, Johann konnte sie beinahe riechen. Aber von Erinnerungen wurde er nicht satt, also gab er sich einen Ruck, biss von dem Brot ab und zwang sich, die breiige Masse zu schlucken. Nach wenigen Bissen war das Brot hinuntergewürgt und damit seine letzte Ration aufgebraucht.

Was nun? Wie sollte er die nächsten Tage überleben? Für die Jagd war er zu schwach, Beeren und Wurzeln gab es kaum, und –

Ein ziehender Schmerz riss Johann jäh aus seinen trüben Gedanken. Seine Wunde hatte in den letzten Stunden immer stärker geschmerzt, er hatte wohl keine andere Wahl mehr, als sie zu behandeln.

Johann zog sein Hemd aus und versuchte zunächst vorsichtig, den verkrusteten Verband zu lösen. Immer wieder hielt er inne, da ihm jeder Punkt, jede Linie, die er den Verband von der Wunde löste, stechende Schmerzen bereitete.

Und er hatte noch keinen Handbreit geschafft.

Das musste er anders lösen. Johann biss die Zähne zusammen, dann riss er sich mit einem schnellen Ruck den Stoff von der Wunde.

Ein kurzer Schrei hallte durch die Nacht, dann war es wieder still.

Zitternd sah sich Johann die Wunde an. Die Ränder waren stark entzündet, die Haut wirkte blass und die Adern schimmerten bläulich hindurch. Dicker Eiter quoll heraus.

Der Wundbrand hatte eingesetzt.

Johann griff zitternd nach seinem Messer und redete sich ein, dass es nicht mehr schlimmer werden könne.

Lügner.

Sorgfältig wischte er die Klinge an seiner Hose ab, dann schnitt er die Verkrustung auf. Der Schmerz trieb ihm sofort wieder den Schweiß auf die Stirn und Tränen in die Augen, er atmete schwer, verharrte. Dann nahm er einen Holzspan und schob ihn in den Mund, seine Zähne bohrten sich in das morsche Faserwerk.

Er spreizte mit seiner linken Hand die Wunde, seine Finger bohrten sich suchend in vereitertes Fleisch, tiefer und tiefer …

Lichtblitze begannen vor seinen Augen zu tanzen, Johann wusste, dass er dies nicht mehr lange durchstehen konnte. Schließlich, nach einer schieren Unendlichkeit und dem Kollaps nahe, zog er heraus, wonach er gesucht hatte: den abgebrochenen Span der Heugabel.

Angewidert warf Johann den blutigen Splitter weg, dann spuckte er das jetzt nutzlose Holzstück aus – er hatte es in seinem Schmerz glatt durchgebissen. Die Wunde begann wieder heftig zu bluten, aber das war gut, so würde sie wenigstens leidlich gereinigt werden. Die Stelle lag ungünstig, er konnte sie nicht einmal anpinkeln, um sie zu desinfizieren, eine Praktik, von der ihm ein Bergmann aus Schwaz berichtet und die ihm schon oft geholfen hatte. Aber dafür war es wahrscheinlich ohnehin schon zu spät.

Johann suchte den saubersten Flecken auf seinem notdürftigen Verband und presste ihn auf die Wunde. Nachdem er sich mit letzter Kraft wieder angezogen hatte, deckte er sich mit seinem Mantel zu und kauerte sich in eine Ecke.

Er spürte die Kälte, die durch den Bretterboden aufstieg und war sich sicher, dass er kein Auge zumachen würde.

Wenig später schlief er tief und fest.

IV

Er stand vor einer Wand aus weißem Pulverdampf, eine Kakophonie aus Geschrei, Explosionen und Trommelwirbel umgab ihn, wurde immer lauter und verstummte in einem gleißenden Blitz.

So erdrückend und unerträglich Johann den Lärm empfunden hatte, so grausam schien ihm nun diese absolute Stille.

Gestalten zeichneten sich im Nebel ab, die dann genauso schnell verschwanden, wie sie aufgetaucht waren. Johann fühlte sich alleine, aber nicht fremd. All das hatte etwas Vertrautes, etwas, das zu benennen ihm jetzt die Worte fehlten. Er hielt den Atem an, etwas schien auf ihn zuzukommen, es sah aus wie

Johann erwachte schweißgebadet, er zitterte am ganzen Leib. Sein Atem ging stoßweise, bildete weiße Wolken, die wie Rauchzeichen in der eisigen Luft aufstiegen und sich gleich wieder verflüchtigten. Johanns Blick fiel auf das Regenwasser, das gestern Nacht eine Pfütze vor ihm auf dem Bretterboden gebildet hatte – es war gefroren. Dann sah er in der gegenüberliegenden Ecke einen großen Haufen Schnee.

Der Winter war angebrochen.

Johann stand hastig auf, schwankte aber und musste sich an dem Holzträger über ihm festhalten. Die linke Seite seines Körpers glühte, er hörte das Blut in seinem Kopf rauschen, spürte, wie Arme und Beine schwächer wurden, ihm den Dienst zu versagen drohten.

So kann es nicht enden, so darf es nicht enden – reiß dich zusammen! Fass dir ein Ziel!

Das tat Johann. Er konzentrierte sich auf sein heutiges Ziel – eine feste Unterkunft, wo er gesund werden konnte. Obwohl Tyrol dünn besiedelt war, gab es in diesen Tälern doch hin und wieder eine kleine Siedlung, ein Bergdorf oder zumindest eine Ansammlung von Weilern oder Hochalmen.

Dann los!

Johann drückte sich mit einem Ruck vom Träger weg, öffnete den Verschlag und blickte hinaus. Es hatte gut eineinhalb Ellen hoch geschneit, und der graue Wolkenhimmel schüttete die Schneeflocken noch immer aus, als hätte Gott alle Schleusen geöffnet. Dick tanzten die Flocken durch die Luft und hüllten alles in ein gleißend helles Kleid.

Johanns Mut sank, als er die frische Schneedecke sah. Jetzt würde jeder Schritt noch mühsamer werden. Aber es half nichts, er musste weiter.

Johann packte sein Bündel und trat aus dem Heustadl hinaus. Nach wenigen Schritten schon sank er tief in den Schnee. Kälte drang durch seine zerschlissenen Stiefel, seine Zehen wurden taub.

Das würde ein schlimmer Tag werden.

Johann drehte sich um, blickte ein letztes Mal auf den Stadl, der ihm zumindest für eine Nacht Unterkunft gegeben hatte. Gerade als er sich auf den Weg machen wollte, fiel ihm eine Schnitzerei im Pfosten oberhalb der Tür auf. Hier hatte jemand sorgfältig mit einem Stechbeitel einen Kreis geschlagen, doch anstatt ihn nur mit einem fünfzackigen Drudenfuß zu füllen, der in den ländlichen Gegenden vor nächtlichen Kobolden schützen sollte, enthielt dieser noch mehr Symbole: ein Kreuz, das den Kreis der Höhe nach durchtrennte, überlagert von zwei nach außen gekrümmten Linien, die ihren Ursprung am Fuße des Kreuzes hatten und deren Enden in die Punkte des Querbalkens ragten, wo sich die Nägel der Hände befinden sollten. Links und rechts des Kreises waren die griechischen Buchstaben X und P eingeritzt, die für Christus, den Erlöser standen.

Johann war diese Symbolik völlig unbekannt, es musste sich wohl um einen lokalen Ritus handeln.

Nachdenklich starrte er das Symbol an. Es übte eine eigenartige Anziehung auf ihn aus, wirkte unheilverkündend, schicksalhaft …

Ein dumpfes Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. Eine Ladung Schnee war vom eingestürzten Dach des Heustadls gerutscht. Johann nahm das als Mahnung, nicht zu viel Zeit zu verlieren, und machte sich auf den Weg.

Das Schneetreiben wurde von Minute zu Minute dichter. Es erschwerte die Sicht, und bald schien Johann von einer weißen Wand eingehüllt. Der Wind peitschte eine weiße, eiskalte Gischt über die Schneedecke, und es gelang ihm mühelos, jede sich bietende Öffnung in Johanns Gewand zu entdecken. Kälte breitete sich über Johanns ganzen Körper aus, aber nicht unangenehm – sie schien seine glühende Seite zu kühlen.

Gegen Mittag – war es Mittag? Er konnte es nicht sagen – ließ der Sturm ein wenig nach, was Johann als gutes Zeichen deutete. Weniger gut war, dass er nicht mehr sagen konnte, wie weit er sich von seiner Nachtstätte entfernt hatte oder wo er überhaupt war. Es würde ihn nicht wundern, wenn er gleich wieder auf den Heustadl stoßen würde, weil er im Kreis gelaufen war.

Aber spielte das noch eine Rolle?

Johann setzte sich auf einen Stein, der durch die Schneedecke ragte, atmete tief ein und aus. Die Anstrengung und das Fieber hatten ihn völlig ausgetrocknet, und obwohl er immer wieder Halt gemacht und eine Hand voll Schnee im Mund hatte zergehen lassen, plagte ihn der Durst.

Johann schätzte die Lage realistisch ein – er würde hier in dieser weißen Hölle sterben.

Seltsamerweise schien ihm die Vorstellung jetzt, als er darüber nachdachte, nicht mehr so schlimm wie noch vor ein paar Stunden. Er hörte den Wind heulen, spürte den Schnee in seinem Gesicht – irgendwie schien alles zu verschwimmen, alles war gedämpft, die Bäume um ihn herum, die Lichtung vor ihm, der Schatten auf der Lichtung …

Ein Schatten?

Johann sprang auf. In einiger Entfernung sah er, schemenhaft verschwommen, eine Gestalt. Er öffnete den Mund, brachte aber nur ein Krächzen heraus. Mit letzter Kraft ging er der Gestalt entgegen.

Und musste erkennen, dass er einer grausamen Täuschung erlegen war.

Es war kein Mensch, der da vor ihm stand – es war ein hölzernes Kruzifix, fast völlig zugeschneit. Johann war zunächst tief enttäuscht, dann begannen seine Gedanken zu rasen. Führten nicht Wege zu einem Kruzifix? Er ließ sich zu Boden fallen und begann, den Schnee mit beiden Händen wegzuschaufeln. Er arbeitete verbissen, dann hatte er den Platz um das Kruzifix vom Schnee befreit.

Natürlich war da kein Weg.

Johann stieß ein hysterisches Lachen hervor, das nichts gegen Wind und Schnee ausrichten konnte, ein Mitleid erregender Laut, der sofort wieder im Sturm verklang.

Er sah sich um, dann blickte er das Kruzifix an. Mit langsamen Bewegungen befreite er den Heiland vom Schnee. Er erkannte, dass das Kreuz von einem Weidengeflecht umgeben war, das dem Symbol im Heustadl glich. Es strahlte etwas Fremdartiges, Ungeheuerliches aus. Trotzdem kniete sich Johann vor dem Kruzifix nieder – und dann betete er, mit voller Innbrunst, wie er seit Jahren nicht mehr gebetet hatte.

Johann war zwar christlich erzogen worden, aber die Erfahrungen der letzten Jahre hatten ihn immer mehr daran zweifeln lassen, ob alles Unrecht in Seinem Willen geschehe. Für ihn bedeutete die Religion entweder Zufluchtstätte der Verzweifelten oder Machtausübung für den korrupten Klerus. Nur in äußerster Not besann Johann sich auf seinen Glauben und rechnete sich somit zur ersten Gruppe, zu den Verzweifelten.

Das Kruzifix blickte stumm auf Johann herab. Er betete weiter um den richtigen Weg.

Dann hob er den Kopf und bekreuzigte sich langsam.

Hilf mir, Gott!

Eine kaum merkliche Bewegung im Unterholz zu seiner Rechten.

Johann wirbelte blitzschnell herum und suchte den Waldrand mit seinen Blicken ab.

Nichts.

Vielleicht war es ein Rotwild gewesen? Das bedeutete Nahrung – oder ein Mensch, das bedeutete Rettung.

„Ist da wer?“, rief Johann, aber er bekam keine Antwort außer dem Brausen des Windes. „Ich brauche Hilfe!“, versuchte er es erneut, als ihn ein heftiger Hustenanfall schüttelte.

Nachdem der Husten abgeklungen war, fiel Johann etwas auf. Auf der rechten Talseite war eine Spalte erkennbar, vielleicht ein kleines Seitental, das einen Ausgang aus dieser verlassenen Gegend bildete.

Warum sah er das erst jetzt?

Johann blickte schnell auf das Kruzifix, dann wieder auf die Spalte. Hoffnung keimte in ihm auf, vielleicht war noch nicht alles verloren. Die Spalte war nicht weit entfernt, in wenigen Stunden könnte er sie erreicht haben. Obwohl ihm das Vorhaben lächerlich erschien – er schätzte, dass er nicht einmal mehr eine volle Stunde schaffen würde –, fixierte er die Geländemarke und ging los …

Nach einer Stunde schleppte er sich nur mehr auf allen Vieren, aber er war immerhin noch in Bewegung. Johanns Verwundung sandte in regelmäßigen Abständen Signale aus, die sich wie eine angezündete Lunte durch seinen Oberkörper brannten.

Aber Johann beachtete den Schmerz nicht mehr.

Manchmal schien ihm, als wär er nicht mehr allein – der Wind heulte von den vergletscherten Einöden der Gebirgskette herab, sprach zu ihm, und immer wieder konnte er lachende Gesichter und höhnische Fratzen im aufkommenden Schneegestöber erkennen.

Schwindelgefühl überkam ihn. Johann blieb stehen, atmete tief durch.

Der Schwindel wurde stärker, Johann sackte vornüber in den Schnee. Er wollte sich aufrichten, schaffte es aber nicht mehr. Es war vorbei – und mit einem Male überkam ihn tiefe Ruhe, eine Geborgenheit, die er schon lange nicht mehr gefühlt hatte.

Hier war es gerade recht zu verweilen.

V

Ein gellender Schrei ließ Johann wieder zu Bewusstsein kommen.

Starre, schwarze Augen über ihm, dann wieder der Schrei.

Ein großer Kolkrabe hockte auf Johann und bekundete seinen Anspruch auf das Aas.

Noch nicht, Totenvogel, noch nicht.

Mit einer schnellen Handbewegung scheuchte er den Raben fort, der protestierend davonflog. Mehr als die Handbewegung brachte Johann nicht zuwege, Aufstehen war ihm unmöglich.

Er neigte den Kopf erst auf die eine, dann auf die andere Seite.

Die Dunkelheit hatte alles verschlungen, nur der Schnee bildete einen scharfen Kontrast zu dem unergründlichen Schwarz, das sich vor ihm aufbaute: Ein dichter Wald schien in einiger Entfernung vor ihm zu liegen.

Hinter dem Wald musste das Tal liegen. Es war nicht mehr weit.

Mit letzter Kraft zog er sich am Stamm einer Tanne hoch und torkelte in den Wald, kämpfte sich durch Unterholz und über umgestürzte Bäume. Bald schien es ihm, als wäre er aus seinem geschundenen Körper geschlüpft und sähe sich selbst dabei, wie er sich durch den Wald kämpfte.

Einen Wald, dessen Bäume Gesichter hatte, wie Johann auf einmal voll Unbehagen bemerkte.

Sie waren freundlich, dann zunehmend dreist und hinterhältig, freuten sich über Johanns Schwäche. Ihr Gelächter dröhnte in seinen Ohren, bis er es nicht mehr aushielt, die Fäuste gegen den Himmel reckte und einen Schrei der Verzweiflung ausstieß.

Johann spürte die Anstrengung sofort, spürte das Blut in seinen Schläfen pochen, dann wurde alles still.

Er schlug auf dem Boden auf.

Sein dritter Sturz, seit er das Kruzifix auf der Lichtung entdeckt hatte. Auch der Erlöser war dreimal gestürzt, bevor er gestorben war. Seltsam, dass ihm das jetzt einfiel.

Eine Batterie von Lichtblitzen feuerte vor seinen Augen, als er sie langsam schloss …

Lichtblitze?

Er öffnete die Augen wieder.

Sah kleine Lichter, zwei, vielleicht drei Meilen entfernt.

Johann rieb sich die Augen, aber dies war keine Einbildung, kein Fiebertraum! Dort waren Häuser. Bewohnte Häuser! Der Gedanke gab ihm Kraft. Er stemmte sich ein wenig aus dem Schnee und kroch auf allen Vieren den Lichtern entgegen.

Das erste Bauernhaus der Siedlung war grob gezimmert und entsprach der Bauweise in diesem Teil der Alpen: ein steinernes Fundament, dicke Holzbohlen, ein wuchtiger Dachstuhl. Warmes Licht fiel aus einem Seitenfenster und schnitt ein Viereck in den Schnee, aus dem Schornstein quoll Rauch.

Es war ein Anblick, der Sicherheit versprach und Johann wie der Himmel auf Erden schien.

Er erklomm die zwei Stufen zur Eingangstüre und setzte zum Klopfen an. In dem Moment sah er etwas am Dachfirst und blickte genauer hin. Dort oben war eine geschnitzte Heiligenfigur angebracht, die ihm eine Hand entgegenstreckte. Aber es war keine gütige Geste: Die starren Augen und der weit aufgerissene Mund des Heiligen Leonhard schienen Johann eher eine Warnung zu sein – die er ignorierte. Mit letzter Kraft klopfte er gegen die Tür.

Zunächst war nichts zu hören, dann drangen Stimmen nach außen, polternde Schritte kamen näher. Mit einem heftigen Ruck wurde die Türe aufgerissen, ein grobschlächtiger Mann stand Johann gegenüber.

„Was ist?“, bellte er ungehalten.

Johanns Kräfte verließen ihn endgültig, er kippte rückwärts die Holzstufen hinunter und blieb im Schnee liegen.

Der Mann musterte den reglosen Körper, dann murmelte er abschätzig: „Von mir aus.“ Er schloss die Tür wieder.

Johann konnte sich nicht mehr rühren. Eine dünne Schneeschicht deckte ihn langsam zu.

Und doch – die Wortfetzen, die aus dem Haus drangen, nahm er noch wahr. Es schien ein Streit entbrannt zu sein. Eine Frauenstimme wollte wissen, wer da draußen sei und was er wollte, Gebote wie „christliche Nächstenliebe“ und „tue keinem anderen“ wischte der Mann, der Johann geöffnet hatte, vom Tisch.

„Was, wenn er einer von ihnen ist? So einer kommt mir nicht unter mein Dach.“

Der Streit verstummte, jemand polterte eine Treppe hinauf, dann war nichts mehr zu hören.

Johanns Körper wurde eins mit dem weichen Flockenbett, in dem er lag. Von den Fingerspitzen kroch die Kälte in den Körper, aber Johann hatte ihr nichts mehr entgegenzusetzen, jede Kraft war aufgebraucht.

Dann wurde aus dem Schmerz Wärme, beruhigend und endgültig.

So sei es. Johann schloss die Augen.

Das Ächzen einer sich öffnenden Türe.

Hastige Schritte.

Eine junge Frau und ein Greis beugten sich über Johann, die Frau wischte den Schnee von seinem Gesicht und musterte ihn durchdringend.

Johann fiel endgültig in Ohnmacht.

„Er sieht nicht aus wie einer von denen“, sagte die junge Frau leise zu dem alten Mann.

„Hat er irgendwelche Anzeichen?“, fragte dieser skeptisch.

Die Frau sah sich Johanns Hals genauer an, dann öffnete sie seinen Mantel. Das Blut hatte sich mittlerweile auch durch sein Hemd gesogen und nahezu die gesamte linke Seite tiefrot, fast schwarz gefärbt.

„Er ist verletzt, Großvater.“

Der Greis sah sich Johann nun ebenfalls genauer an, dann nickte er entschlossen. „Wir bringen ihn besser zu mir, dort stirbt er wenigstens im Warmen.“ Er packte Johann am Kragen seines Ledermantels.

Die junge Frau zögerte plötzlich. „Was, wenn er ein Protestant ist?“ Sie hatte den Satz kaum hörbar geflüstert.

„Unsinn“, entgegnete ihr Großvater „und wenn, dann muss das keiner wissen. Komm jetzt, Elisabeth.“

Gemeinsam schafften sie den Bewusstlosen auf die andere Seite des Dorfes, durch das sich ein breiter Weg zog. Nur in wenigen Häusern brannte noch Licht, Bewohner waren keine zu sehen. Kein Wunder bei dem Sturm, dachte Elisabeth.

Der alte Mann öffnete die Tür eines kleinen Hauses. Ein Bellen war zu hören, dann tauchte ein Schäferhund auf, der fast ebenso viele Lenze auf dem Buckel zu haben schien wie der Greis selbst. Als der Hund erkannte, wen er vor sich hatte, begann er mit dem Schwanz zu wedeln, dann schnüffelte er neugierig an Johann. „Ruhig, Vitus, ruhig!“, beruhigte der alte Mann seinen Hund. „Legen wir ihn rauf in die Kammer“, sagte er dann zu Elisabeth.

Elisabeth blickte auf die steile Treppe, die in den Söller führte, und nickte zögernd. Mit aller Kraft schleiften die beiden Johann durch das enge Stiegenhaus hinauf, darauf bedacht, dass sein Kopf nicht auf den abgetretenen Stufenkanten aufschlug.

Schließlich hatten sie es geschafft, der alte Mann stieß die Tür zu einer Kammer auf. Der kleine Raum war karg eingerichtet, strömte aber eine behagliche Atmosphäre aus. Sie wuchteten Johann auf das Bett und zogen ihm Mantel, Stiefel und die nasse Kleidung aus.

„Bring mir die Lavoir mit Wasser und sauberen Stoff.“

Elisabeth eilte hinaus, der Greis zog einen Feitel aus der Lederscheide an seinem Gürtel und schnitt den verkrusteten Verband von Johanns Wunde. Die Entzündung war sehr stark, einige von der Wunde wegführende Adern hatten sich schwarz gefärbt. Der alte Mann betrachtete die Verwundung mit Sorge.

Elisabeth kam mit den georderten Gegenständen und stellte sie neben das Bett. Als sie die dunklen Adern sah, stieß sie einen kurzen, spitzen Schrei aus. „Er ist doch einer von ihnen“, stammelte sie entsetzt, „wir müssen –“

„Unsinn, Kinderl, das schaut nach einer Blutvergiftung aus. Bring mir noch die Kräuter von unten.“

Elisabeth verließ den Raum, der Greis säuberte die Wunde, indem er sie mit wassergetränkten Fetzen sorgfältig auswischte. Johann stöhnte auf, doch seine Augen blieben geschlossen.

Elisabeth kam eilig wieder in die Kammer und reichte ihrem Großvater eine blecherne Schüssel mit verschiedenen Heilkräutern, darunter Kamille und Arnika. Der alte Mann kaute die Kräuter zu einer breiigen Masse und bedeckte damit den Eiterherd. Abschließend legte er noch einen sauberen Flecken Stoff darauf, der sich sofort mit Blut vollsaugte und haften blieb. Elisabeth deckte Johann mit einer dicken Tuchent zu.

„Mehr können wir heut nicht für ihn tun“, sagte der alte Mann. „Schau lieber, dass du heimkommst, bevor dein Herr Vater wieder ungehalten wird.“

„Du meinst, mehr als sonst?“, entgegnete Elisabeth. „Danke, Großvater.“ Sie bekreuzigte sich und gab ihm einen Kuss auf die Wange, dann eilte sie davon.

Der Greis holte einen Krug Wasser und stellte ihn auf den Bretterboden neben den Nachttopf. Er setzte sich neben das Bett auf einen Stuhl und beobachtete den Verletzten. Vitus trottete herein und legte sich mit einem tiefen Grunzen zu Füßen seines Herrn nieder.

Der alte Mann zündete sich eine Pfeife an und schmauchte sie nachdenklich.

Schon lange hatte niemand mehr von außerhalb den Weg in das Dorf gefunden, und das war auch gut so. Neue Menschen bedeuteten immer Veränderungen, zum Guten oder zum Schlechten. Dieses Dorf brauchte nichts Neues mehr, es hatte endlich in einen geordneten Alltag gefunden. So dachten jedenfalls die meisten, sein Sohn eingeschlossen.

Andererseits – wenn man so alt war wie er, dann konnte man sich noch gut – zu gut – daran erinnern, wie sehr dieses Dorf früher einmal von Leben erfüllt gewesen war.

Bevor sie gekommen waren und sich ein Schatten über alles gelegt hatte.

So gesehen konnte es eigentlich nur besser werden. Der alte Mann nahm einen tiefen Zug aus seiner Pfeife und blickte wieder zu Johann.

„Mal schaun, was du bringst, Bursche.“

VI