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SARAH SCHWARTZ

BLUTSEELEN: LAIRA

EROTISCHER VAMPIRROMAN

 

 

© 2012 Plaisir d’Amour Verlag, Lautertal

Plaisir d’Amour Verlag

Postfach 11 68

D-64684 Lautertal

www.plaisirdamourbooks.com

info@plaisirdamourbooks.com

© Coverfotos: iStock Photo (Juhy13), Shutterstock (Siloto, Arsen)

Covergestaltung: Andrea Gunschera

ISBN eBook: 978-3-86495-032-2

 

Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden.

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Den Adler seht! Sehnsüchtig starr
blickt er hinab in den Abgrund,
in seinen Abgrund, der sich dort
in immer tiefere Tiefen ringelt!
Plötzlich, geraden Flugs,
scharfen Zugs
stürzt er auf seine Beute.
Glaubt ihr wohl, daß es Hunger ist?
Eingeweiden-Armut? —
Und auch Liebe ist es nicht
— was ist ein Lamm einem Adler!
er haßt die Schafe
Also stürze ich mich
abwärts, sehnsüchtig,
auf diese Lämmer-Herden
zerreißend, blutträufend

(…)

Aus Friedrich Nietzsche „Schafe“

 

Kapitel 1

 

Memphis, der letzte Tag

 

Au’ree spürte trotz der Hitze ein eisiges Gefühl im Magen, während er darauf wartete, was seine Mutter ihm zu sagen hatte. Er betrachtete sie aus den Augenwinkeln. Schön und verdammt beherrschte sie mit ihrer unbeugsamen Ausstrahlung den Raum, gleich einer Königin der Dämonen. Ihre Seele war finsterer als der Schlamm des Nils. Genauso brachte auch sie Leben und Tod, wurde geliebt und gehasst, verehrt und verdammt. Lai’raa forderte Opfer – sie erhielt Nahrung, Güter, Menschenleben. Was würde sie von ihm verlangen?

Das durchsichtige Gewand Lai’raas umfloss ihren braun gebrannten Körper, gleich Stoff gewordenem Nebel. Ihre Brustspitzen stachen gegen das Linnen, an ihrem Unterleib zeichnete sich ihr Schamhügel ab. Hände und Arme bedeckte kostbarer Schmuck. Auf ihrer linken Schulter hockte – neben den Halsreifen aus Gold und Lapislazuli – ein weißer Falke. Seine rot umrandeten Augen blickten starr in den Prunkraum des ägyptischen Palastes. Ihn interessierten weder die teuer gewirkten Teppiche noch die Strategiespiele aus Jaspis und Karneol oder die kunstvoll gearbeiteten Löwenstatuen. Das Tier war ein Leibeigentum, genau wie Au’ree.

Lai’raa ließ sich auf eine Steinliege mit einem weißen Werwolffell darüber sinken. Au’ree spannte seine Finger an. Am liebsten hätte er sie angeherrscht, weil sie nicht redete und ihn am Haken zappeln ließ. Ihre Bewegungen waren reine Provokation. Sie nahm sich Zeit, sich bequem hinzulegen, obwohl ihre Haut keinen Schmerz empfand. Anmutig hielt sie den Kopf aufrecht, damit die kunstvolle Frisur ihren Halt wahrte und die in Gold gewirkten Bänder nicht verrutschten. Lai’raa machte sich nicht die Mühe, ihn anzusehen. Stattdessen fixierten ihre Kol umrandeten Augen die gegenüberliegende Wand, die aus einzelnen, bearbeiteten Quadern bestand und den Triumph ihres letzten Kriegszugs darstellte. Während andere Frauen des Palastes rotes Erdpulver auf den Lippen trugen, lag auf Lai’raas Lippen immer ein Rest Blut, den sie nicht fortleckte.

Das Blut glitzerte feucht, als sie den Mund öffnete. „Ich werde dich in dieser Nacht töten, Au’ree.“

Innerlich erstarrte Au’ree, sein Hals fühlte sich wie zugeschnürt an. Auf seiner Brust lag ein Druck, als würde man ihn lebendig für das Begräbnis bandagieren. Nie zuvor hatte jemand sein Leben ernsthaft bedroht. Lai’raa war die Einzige, die ihm gefährlich werden konnte. Wenn sie ankündigte, ihn zu vernichten, würde es geschehen.

Lai’raa griff nach einem mit Honig gesüßten Brot und zupfte das Gebäck mit spitzen Fingern auseinander. Noch immer sah sie ihn nicht an.

 Au’ree hob den Kopf, ohne sich seine Gefühle anmerken zu lassen. Seine Stimme klang gewohnt ruhig. „Was hat Euch derart verärgert, Göttliche?“

Lai’raas Antwort war ein Zischen. „Du lässt dich mit einer Priesterin Hathors ein, anstatt die Prinzessinnen zu besteigen, die ich dir in meinem Großmut geschenkt habe, damit du sie nimmst und mit Nachwuchs beglückst. Du scheinst sogar etwas wie Liebe für diese nichtswürdige Kreatur zu empfinden. Und das, obwohl du genau weißt, dass ich den Hathor-Kult abschaffen will. Nie denkst du an das Wohl Ägyptens! Immerzu bist du stur und unbrauchbar. Wenn du nur …“

„… ein Mädchen geworden wärst“, endete Au’ree den Satz. „Zu dumm, dass Ihr es bei aller Göttlichkeit nicht schafft, eine Nachfolgerin zu gebären.“

Lai’raas Augen verengten sich. Au’ree wusste, dass er zu weit gegangen war. Aber da sie ihn ohnehin töten wollte, spielte das keine Rolle mehr. Sein Stolz verbot es ihm, vor ihr zu kriechen. Der Charakter eines Mannes wurde bestimmt durch seine Familie, das wusste das Volk am Nil in seinen einfachsten Liedern zu singen. Wenn er in dieser Nacht sterben musste, würde er aufrecht sterben, ohne Betteln und Reue.

Lai’raa betrachtete seinen Körper wie ein Stück getrocknetes Fleisch auf einem Markt, das gerade im Wert stieg. „Du hast Mut. Wenigstens das.“

Au’ree hielt ihrem Blick stand. „Sagt mir, was mich erwartet.“

Ein diabolisches Lächeln erschien auf Lai’raas Gesicht. „Oh nein. Ich werde dich töten, doch ich verrate nicht, wie ich es tue. Freue dich, denn du kannst mir endlich einmal nützlich sein. Vielleicht sogar der ganzen diesseitigen Welt. Nun geh. Genieß deine letzten Stunden.“

 

 

Frankfurt, auf dem Weg zur Bestimmung

 

Mai starrte aus dem fahrenden Wagen hinaus in die Nacht. Regenschleier lagen über der Stadt und verdunkelten alle Lichter. Nervosität verkrampfte ihre Muskeln. Steif saß sie auf dem Beifahrersitz. Perry lenkte den Wagen mit verbissener Wachsamkeit. Das gefiel ihr nicht. Mai spürte den Vampir neben sich wie eine Quelle pulsierender schwarzer Energie, die jederzeit explodieren konnte. Sie musste ihn ablenken, damit seine Aufmerksamkeit nachließ. Davon hing alles ab.

„Ich bin dumm“, flüsterte sie, weil sie wusste, wie sehr ihm Selbstbeschuldigungen und Erniedrigungen seiner Untergebenen gefielen. Er liebte es, wenn andere ihm zu Füßen krochen und seine Sohlen leckten. Beschämung vortäuschend ließ sie ihre dunklen Haare wie einen Sichtschutz über ihr Gesicht fallen und eines ihrer Augen verdecken. Sie wusste, dass er ihre asiatische Herkunft besonders reizvoll fand, weil sie zerbrechlich aussah.

Sein Blick blieb weiter auf den Beton der A5 gerichtet, während er antwortete. „Ja, du bist dumm. Wie konntest du Sybell in die Hände spielen? Du hast mich entehrt und den Klan beschmutzt.“

Mai senkte den Kopf und ließ ihre Schultern sinken, als schmerzten sie seine Worte. Wenn es etwas gab, was sie gut konnte, dann war es, Theater zu spielen. Ihre Stimme wurde ein gepresster Hauch, zittrig und erwartungsvoll zugleich. „Du wirst mich bestrafen. Du wirst mich leiden lassen für meine Unfähigkeit.“

Perrys Kiefer bewegte sich leicht. In seine Augen trat ein gefährlicher Glanz. „Falls ich dich am Leben lasse“, setzte er hinzu. „Aber noch brauche ich dich.“ Er verstummte.

Mai dachte daran zurück, warum sie mitten in der Nacht mit einem Jaguar XJ in Richtung Flughafen rasten. Gracia, die oberste Vampirfürstin des Klans bei Frankfurt, hatte überraschend ein Seelenblut in ihre Gewalt gebracht. Das Seelenblut war die letzte Überlebende ihrer Art. Lange Zeit hatten die Vampire geglaubt, die Linie sei bereits ausgestorben. Das Seelenblut Amalia kannte das Versteck von Laira, der Ursprünglichen. Laira galt als mächtigste Vampirin aller Zeiten. In einigen Legenden hieß es, sie sei das Kind Aza’els, eines Dämons, doch Mai war skeptisch, was die alten Überlieferungen betraf.

Fest stand, dass Amalia sich dank besonderer Genetik an die Leben ihrer Vorfahrinnen bis hin ins alte Ägypten erinnern konnte und deshalb wusste, wo Lairas erstarrter, untoter Körper hingeschafft worden war. Da Lairas Blut größte Macht über Menschen und Vampire verlieh, wollte Gracia dieses Blut unbedingt haben. Doch Rene war ihr zuvorgekommen. Die Vampirfürstin aus Berlin hatte das Seelenblut in ihre Gewalt gebracht und der jungen Frau die Erinnerungen an Lairas Versteck mit Gewalt geraubt. Rene war daraufhin nach Ägypten gereist, zur Quelle der Macht. Gracia verfolgte sie mit ihrem Getreuen Darion, um ihr doch noch zuvorzukommen und das wertvolle Blut Lairas zu bergen.

„Wofür brauchst du mich?“ fragte sie mit demütig gesenktem Kopf. „Du könntest Gracia auch allein folgen, um ihr im Kampf gegen Rene beizustehen. Ich bin nicht würdig, an deiner Seite zu sein, denn ich habe dich enttäuscht.“

Ein sardonisches Lächeln spielte um seine Lippen. „Was macht das Schlüsselbein?“

Ihr Schlüsselbein war gebrochen, auch ihre Rippen schmerzten. Perry wusste das nur zu genau, denn er war dafür mitverantwortlich. In seiner Wut hatte er sie gegen eine Wand geworfen. Amalia war durch Mais Schuld in Renes Hände gelangt, da Mai einen Kontakt zwischen Rene und Amalia ermöglicht und damit die Entführung eingeleitet hatte. Doch warum Mai das getan hatte, ahnte keiner der Vampire aus Frankfurt. Diese dekadenten Volltrottel. „Es schmerzt.“

„Gut so.“ Sein zufriedener Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel daran, dass ihm ihr Leiden Freude bereitete. „Mach dich nützlich und lenk mich von meiner Wut ab, ja? Ich könnte Gracia den Kopf abschlagen dafür, dass sie nur mit Darion hinter Rene her ist. Was bildet sich diese Schlampe eigentlich ein, den Rest der Oberen zurückzulassen? Dieses Mal ist sie zu weit gegangen.“

„Vielleicht will sie Lairas Blut nur für sich und befürchtet, die anderen wollen auch ihren Teil abbekommen, wenn es ihr gelingt, Lairas Körper zu bergen?“, mutmaßte Mai.

„Du sollst nicht denken, sondern deiner Bestimmung folgen, Anwärterin.“

Mai frohlockte innerlich. Sie hatte Perry dort, wo sie ihn haben wollte. Die Schmerzen in ihrem Körper waren erträglich und würden bald verschwunden sein, aber das ahnte Perry nicht. Mit einem unterwürfigen Nicken beugte sie sich zur Seite, zu seiner Hose. Mit geschickten Fingern öffnete sie die Knöpfe und legte frei, was sich darunter verbarg. Noch lag sein Glied weich in ihrer Hand, was er willentlich steuern konnte. Er würde sie bestrafen, wenn es ihr nicht gelang, gegen seinen Willen anzukommen und seine Lust zu wecken. Schon oft hatten sie dieses Spiel gespielt. Meistens hatte sie verloren und sich seinen sadistischen Fantasien ausliefern müssen. Sie erinnerte sich gut an die letzte Session in seinem privaten Folterkeller, in dem sie ihr Werk an den Füßen aufgehängt zu beenden hatte. Er hatte sich viel Zeit gelassen und ihr Betteln und Flehen nicht erhört. Fast eine Stunde lang hatte er sich lecken lassen. Obwohl sie die Demütigung und die Muskelschmerzen noch frisch in Erinnerung hatte, spürte sie, wie feucht sie bei der Erinnerung wurde. Der Gedanke, ihm ganz ausgeliefert zu sein, erregte sie mehr als jeder Kuss. Sie liebte es, sich hinzugeben, dunkle Spiele zu spielen, bei denen sie ihre Triebe ausleben konnte. Er durfte das Monster sein, das sie quälte, sie blieb die Unschuldige und holte sich einen Teil der Lust doch durch das Einssein mit ihm. Oft stellte sie sich in Gedanken vor, wie sie Gleiches mit Gleichem vergalt. Manchmal lebte sie ihren Sadismus auch an anderen Anwärterinnen aus, die nicht das Glück hatten, einem der Obersten zu dienen.

Perrys Stimme klang kalt. „Im Moment ist der einzige Grund, warum du noch lebst, der, dass du unglaublich gut lecken und massieren kannst. Es dürfte mir schwerfallen, auf die Schnelle einen gleichwertigen Ersatz zu finden.“

„Danke, Herr.“ Mai packte fester zu. Ihr Mund schob sich über sein Glied und nahm es ganz auf. Sie dachte an den Keller, an ihre Lust und die vielen qualvoll schönen Stunden, die Perry ihr bereitet hatte. Als Herr über ihren Körper hatte er ihr einen Orgasmus oft Tage lang verwehrt, während er sich nahm, was er wollte und sie an die Grenzen ihrer Leidensfähigkeit brachte.

„Kein Grund, übermütig zu werden. Sobald wir ein Hotel in Ägypten gefunden haben, werde ich mit deiner Bestrafung beginnen. Du bist ein Ding, das mir von Nutzen zu sein hat, und obwohl du das weißt, hast du gegen die Gesetze des Klans verstoßen. Glaub mir, alles, was ich dir bisher angetan habe, war nur Spielerei.“

Mai schwieg und konzentrierte sich auf ihre Arbeit. Langsam bewegte sich ihr Kopf, während ihre Zunge ihn umspielte. Sie ging in ihrer Lust auf, stöhnte und dachte dabei an die vielfältigen Spielsachen in Perrys Apartment, die sie nie wiedersehen würde. Am meisten würde sie den Stuhl vermissen, auf dem er sie oft gefesselt hatte. Den Stuhl mit dem künstlichen Glied, das sich hart und herrlich in sie bohrte, während sie sich für Perry auf und ab bewegte. Sie wusste, dass ihre Lust sich auf Perry übertrug, wenn sie nur hartnäckig genug blieb.

Es dauerte eine Weile, bis Perry sich auf ihre Berührungen einließ. Sie registrierte gerade besorgt aus den Augenwinkeln, dass sie bald die Brücke erreichen würden, als er endlich steif wurde. Seine Aufmerksamkeit richtete sich auf Mais Lippen und Zunge. Sie konnte mit ihren Sinnen spüren, wie seine Wachsamkeit nachließ, obwohl sich an seiner Haltung nichts veränderte. Seine Hände lagen über ihrem Kopf auf dem Lenkrad, sein Blick richtete sich noch immer starr auf die regennasse Fahrbahn.

Mai verstärkte ihr Bemühen und leckte schneller. Sie bewegte den Kopf soweit sie es konnte. Ihr Atem ging stoßweise, das Herz in ihrer Brust schlug verräterisch laut. Am Rand ihres Bewusstseins fühlte sie, was sie vor Perry mental verborgen hielt. Die anderen näherten sich mit hoher Geschwindigkeit. Es musste jeden Augenblick so weit sein. In Gedanken begann sie, hinunterzuzählen.

Drei, zwei, eins …

Der Aufprall kam hart. Mais gespielt entsetzter Aufschrei klang perfekt. Sie riss ihren Kopf absichtlich gegen das Lenkrad, um Perry so gut sie konnte im Weg zu sein.

„Hey!“ Perry brüllte auf. Seine Muskeln spannten sich. Drei Vans nahmen sie in die Klemme. „Scheiße! Was bilden sich diese Bettvorleger ein?“ Offenbar nahm nun auch er mit seinen besonderen Sinnen wahr, was sie bereits wusste: Sie wurden von Werwölfen verfolgt. Er warf Mai auf den Beifahrersitz und riss mit unmenschlicher Geschwindigkeit das Lenkrad herum, ehe einer der Vans ihn erneut rammen konnte. Zwei der silbern blitzenden Wagen drängten ihn auf die Ausfahrt. Durch die getönten Scheiben sahen sie die Umrisse mehrerer Insassen. Sie spürten beide, dass die menschlichen Silhouetten täuschten. In allen drei Vans saßen Werwölfe, die zu Renes Klan in Berlin gehörten. Dienertiere.

„Was wollen die?“, keuchte Mai. Innerlich frohlockte sie. Adrenalin schoss durch ihren Körper. Der erste Schritt ihres Plans gelang.

„Sei still!“ Perry gab Gas, doch auch die Wagen ihrer Verfolger wurden von leistungsstarken Motoren angetrieben und fuhren dicht auf. Perry überholte mit halsbrecherischer Geschwindigkeit einen LKW, der hupend abbremste. Mai konnte das zornesrote Gesicht des Fahrers sehen und den erhobenen Mittelfinger.

Die Wölfe blieben an ihnen kleben. Der vorderste Van rammte sie erneut, der Jaguar wurde ein Stück nach vorn geschoben. Schlingernd fing Perry den ausbrechenden Wagen ab und jagte mit Höchstgeschwindigkeit in die Kurve. Ein Mensch hätte das Manöver nicht heil überstanden und wäre samt dem Wagen verunglückt, doch Perry war kein Mensch.

Mai bewunderte seine eiskalte Ruhe, mit der er auf der Überholspur in Richtung Innenstadt raste. Sie kamen an einem Wäldchen vorbei, als einer der Verfolger die Geschwindigkeit weiter anzog. Es gab ein hässliches Krachen. Dieses Mal war der Aufprall noch heftiger. Mai wurde im Wageninneren herumgeschleudert, sie schrie auf. Trotz des Schmerzmittels jagte ein sengender Stich durch ihr Schlüsselbein hin zu den Rippen.

Perry riss den Wagen in Richtung Mainufer. „Dafür werden sie bluten“, knurrte er. „Sie sind höchstens zu acht.“ An seinem Gesichtsausdruck sah sie, was er vorhatte. Er brachte den Wagen so abrupt zum Stehen, dass ihre Verfolger an ihnen vorbeiflogen. Schneller als ein Gedanke hatte er seine Waffe mit der Spezialmunition vom hinteren Sitz gerissen, die Tür geöffnet und sprang in die Nacht.

Mai nahm ihre Waffe aus dem Handschuhfach und folgte ihm in den strömenden Regen. Ihr Herzschlag raste. Sie blickte sich aufmerksam um. Schritt zwei begann. Obwohl wenig Verkehr herrschte, hatte vermutlich schon ein Autofahrer ein Telefonat mit der Polizei geführt. Das Zeitfenster war eng. Bald konnten sie uneingeladenen Besuch von den Beamten bekommen.

Perry schien ähnliche Gedanken zu haben, denn er überquerte einen Wildschutzzaun Richtung Mainufer. Vielleicht wollte er auch nur eine bessere Position finden, indem er sich im Wald verschanzte. Auf freier Wiese war er für die Wölfe trotz seiner Bewaffnung leichte Beute.

„Warte auf mich!“ Mit raschen Schritten setzte Mai ihm nach, wobei sie aufpassen musste, auf dem nassen Untergrund nicht zu stürzen und wertvolle Zeit zu verlieren. Hinter ihrem Rücken hörte sie die Motoren der zurückkehrenden Vans und das Quietschen von Reifen. Die Verfolger würden sie innerhalb von wenigen Sekunden einholen. Zwar hätte Perry fliehen können, aber sie kannte ihn zu gut. Acht Werwölfe waren für ihn kein Grund, die Flucht zu ergreifen. Sie unterdrückte ein gehässiges Lächeln. Arroganz und Hybris, das war die Achillesferse Perrys.

Durchnässt bis auf die Haut kam sie zu dem Metallzaun, den Perry für sie niederriss, und kletterte darüber. Sie war kaum in die Schatten unter den nachtdunklen Bäumen eingetaucht, als die Feinde den Zaun ebenfalls erreichten und sich darüberwarfen. Mai hörte ihr Knurren. Sie wusste, dass die Wölfe in die Umwandlung gingen. Ihre menschlichen Hüllen veränderten sich, damit sie es mit Perry aufnehmen konnten. Das laute Reißen zeigte an, dass ihre Kleider zu eng für die muskelbepackten Körper wurden. Bald schon kam der dritte Schritt. Mais Hände zitterten. Ein zweiter Adrenalin-Schub ließ ihr den Schweiß ausbrechen. Ihr Mund war wie ausgetrocknet, sie schluckte schwer.

Mit einem tiefen Atemzug zwang sie sich zur Ruhe. Gewandt zog sie sich an einem Baum nach oben und sah zu, wie die Schatten der Tiere an ihr vorbeihuschten. Ekel und Verachtung stiegen in ihr auf. Wölfe waren Handlanger. Sklaventiere. Sie vertrieb den Gedanken und wartete mit gezückter Waffe, was weiter geschah.

Sobald die Schatten vorübergehuscht waren, glitt sie vom Baum und nahm die Verfolgung auf. Sie war erst wenige Meter weit gekommen, als der erste Knall die Stille zerriss. Nicht weit von ihr fiel ein weiterer Schuss. Perry und die Wölfe waren aufeinandergetroffen.

Mai beschleunigte ihre Schritte, rannte über feuchtes Gras und Wurzeln an einem Gebüsch vorbei. Beim dritten Schuss erreichte sie eine kleine Lichtung. Im fahlen Mondlicht machte sie Perry aus. Er stand neben einem Wolf, der sich knurrend auf dem Boden wand. Die Spezialmunition musste ihm höllische Schmerzen bereiten.

Mündungsfeuer blitzte auf. Es folgte ein rascher Schusswechsel. Perry und die Wölfe bewegten sich in nächster Nähe. Mai hielt die Luft an. Sie sah einen zweiten Wolf fallen. Dann rasten die Schatten aufeinander zu. Mai stand in der Mitte ihres Weges.

Perry flog in ihre Richtung. Innerhalb eines Lidschlags kam er bei ihr an. Hart packte er sie am Arm und stieß sie von sich. „Versteck dich!“ Es war ein scharfer Befehl, der Mai unwillkürlich einen Schritt zurücktreten ließ, als wollte sie fliehen. Perry drehte sich fort, um dem Wolf zu begegnen, der auf ihn zuraste. Er machte sich zum Sprung bereit.

Mais Herz schlug so heftig, dass es in ihren Ohren schmerzte. Das war der Moment, auf den sie gewartet hatte. Perrys Konzentration richtete sich ganz auf die Angreifer, er ließ sie links liegen. Für ihn war sie in diesem Augenblick so unwichtig wie die Bäume des Waldes. Alle seine Sinne richteten sich ganz auf die Angreifer. Ehe er seinen tödlichen Fehler erkennen konnte, handelte sie.

Mai riss ihre Waffe hoch und schoss – ein Mal, zwei Mal, drei Mal – mitten in Perrys Rücken hinein.

Er keuchte, drehte sich zu ihr um. Die Spezialmunition ließ ihn deutlich langsamer werden. Perry reagierte wie ein Mensch. Seine Arme zuckten hilflos neben dem Körper. Blut trat auf seine Lippen. „Was …?“ Aus wütenden Augen sah er sie an. Das Reden fiel ihm zunehmend schwer. „… Mai?“

Mai leerte das Magazin. Jeder Schuss saß präzise in lebenswichtigen Organen. Erst dann kam sie auf ihn zu. Ihre Hand packte seinen Hals, und sie schenkte ihm ein letztes Lächeln. „Du sollst nicht denken, sondern deiner Bestimmung folgen, mein Herz. Tu einfach, was ich von dir erwarte und stirb.“

Sie legte den Kopf zurück, formte das Gebiss aus, das sie so lange hatte verbergen müssen, und schlug die Zähne in seinen Hals. In ihren Mund rann köstliches warmes Blut, das sie gierig trank. Es durchspülte die Kehle, floss die Speiseröhre hinab und ließ sie vor Lust erschauern. Kraft durchflutete sie. Mit jedem Schluck spürte sie Perrys Sein schwächer werden. Sie trank seine Existenz, jeden einzelnen Tropfen genießend. Der pulsierende Herzschlag in ihren Ohren dröhnte und übertönte das Keuchen, mit dem er sein Leben aushauchte.

Die Wölfe um sie her sahen schweigend zu. Vier von ihnen standen noch, zwei davon waren verletzt, aber was kümmerte es sie. Sie trank Perry leer, ehe sie den leblosen Körper zur Seite sinken ließ. Erst dann richtete sie sich an die Sklaventiere, ohne das schmackhafte Blut von ihren Lippen zu wischen. Sie wandte sich an Ramona, eine junge Silberwölfin, die das Rudel anführte, da Marut bereits in Ägypten war.

„Schafft Perrys Leichnam fort. Köpft ihn und versenkt ihn im Fluss. Beeilt euch. Wir müssen den Flughafen rechtzeitig erreichen.“ Sie alle wussten, dass Rene ungern wartete.

Die Sklaventiere senkten unterwürfig die Köpfe. Mai sah zu, wie Ramona Perrys Leichnam mit einem Schwert enthauptete, ehe sie ihn mit dem Rudel in Richtung Main schleppte. Sie ging zurück zu den Vans und fuhr mit dem vordersten los. Dabei warf sie einen letzten Blick auf den verbeulten Jaguar. Wehmut stieg in ihr auf. Es war beinahe schade, dass ihre Zeit mit Perry vorüber war. So unausstehlich Percival sein konnte, so geil hatte er sie immer wieder gemacht. Seine verdorbene Fantasie hatte keine Grenzen gekannt. Ein leises Seufzen kam aus ihrem Mund, als sie auf die Autobahn auffuhr. Die Zeit des Spielens war vorbei. Wenn es um Laira ging, hörte der Spaß nun einmal auf. Sie spürte die florale Tätowierung auf ihrem Unterleib wie ein brennendes Mal. In Ägypten würde sie auf der richtigen Seite stehen.

Kapitel 2

 

Nahe Kairo, in den Dünen der Wüste

 

Aurelius fühlte ein heftiges Pochen in seinem Kopf. Die Hitze setzte seinem Kreislauf zu, auch wenn sie ihm nicht ernsthaft schaden konnte. Er lag seit Stunden halb im Sand einer Düne vergraben, um sich zu verbergen und seinen Geruch abzuschwächen. Obwohl er sich bereits mit einer neutralisierenden Lotion eingerieben hatte, wollte er nichts riskieren. Werwölfe witterten sehr gut, jeder Leichtsinn konnte sein Ende bedeuten.

Konzentriert stellte er das Fernglas ein und sah auf die Männer mit den weißen Turbanen, die in der Gluthitze des Nachmittags Grabungen durchführten. Mit Schaufeln und primitivem Werkzeug ausgestattet, schufteten sie ohne Unterlass. Irgendwo weiter entfernt hämmerte der Lärm von Maschinen, die sich in Sand und Stein fraßen. Aurelius zweifelte nicht eine Sekunde daran, wer diese plötzlichen archäologischen Untersuchungen gut zwanzig Kilometer von Kairo entfernt angeordnet hatte: Rene, seine erbittertste Feindin.

Da der Lauf des lebensspendenden Nils sich in den Jahrtausenden verschoben hatte, grub sie an einem Ort, an dem sie weitgehend ungestört war, zwei Kilometer von der nächsten Ansiedlung entfernt. Selbst die ausgegrabenen Schätze und Tempelanlagen von Memphis befanden sich weiter südlich, da sie älter waren als die Stadt, in der Laira einst geherrscht hatte.

Rene ging schnell und konsequent vor. Sie beschäftigte fast hundert Menschen damit, den Zugang zu dem Labyrinth zu finden, das sie in Amalias Erinnerung gesehen hatte.

Wenn er daran dachte, wie skrupellos sie sich diese Informationen beschafft hatte, rieselte eisige Wut durch seine Adern. Amalia wäre fast gestorben durch den Biss Renes, der sie noch immer quälte. Das Gift der Vampirin war in Amalias Blut gelangt, doch zu einem Vampir konnte es sie nicht machen. Nur die wenigsten Menschen überlebten die Umwandlung, und das Blut seiner Geliebten war nicht kompatibel. Sie hatte entsetzlich gelitten und nur dank des Gegenmittels überlebt, das er ihr verabreicht hatte. Gern würde er sich auf der Stelle an Rene rächen, ihr Herz mit einer tödlichen Kugel durchschlagen, aber er wagte sich nicht näher an die Vampirfürstin heran. Sie war nicht allein und stand unter bester Bewachung. Sein feiner Geruchssinn konnte neben dem Sand und dem Schweiß der Menschen auch die Ausdünstungen von Wölfen wahrnehmen. Es waren mindestens sieben. Ein Kampf auf Gut Glück hatte keine Aussicht auf Erfolg. Er brauchte einen Plan, wie er die Wölfe ausschaltete oder umging, ehe er mit Rene abrechnete und ihr Vorhaben, Laira zu befreien, durchkreuzte.

Mit einem warmen Gefühl dachte er an Amalias besorgte Worte, bevor sie ihn für eine erste Observierung hatte ziehen lassen. Es durfte ihm nicht um Rache gehen. Die Bergung Lairas stellte eine Bedrohung dar, der er mit kühlem Kopf begegnen musste. Mit Lairas Auferstehung würde die Welt dunkler werden. Es würden Kriege beginnen, die ganze Völker vernichten konnten. Laira würde sich nicht damit zufriedengeben, im Verborgenen zu herrschen. Sie musste die Unterwerfung der Menschheit einleiten, um wieder – wie früher – die Herrscherin ihrer Zeit zu sein. Sobald sie die neuen Mittel des Informationszeitalters für sich nutzte, ginge die Welt der Menschen, so wie er sie kannte, verloren. Auch die Vampire durften nur einen Platz erwarten, an dem sie dann sein würden: unter Laira. Im Staub zu ihren Füßen.

Seine Gedanken spielten verschiedene Szenarien der Zukunft durch. Eines erwies sich als düsterer als das Nächste. Dabei beobachtete er die Ausgrabungen zwei weitere Stunden, bis er den Vorarbeiter der Männer eindeutig identifizierte. Von ihm erhoffte er sich Informationen über den Verlauf von Renes Suche. Nachdem er ihn ausgemacht hatte, verließ er sein Versteck und folgte ihm in einem günstigen Augenblick unauffällig. Aurelius musste nicht lange warten, bis der Mann sich zu einem Zelt im provisorisch errichteten Lager entfernte. Von Rene und ihren Wölfen war nichts zu sehen, und auch der Geruch seiner Feinde lag nur noch schwach in der Luft. Er vermutete, dass sie auf der anderen Seite des Ausgrabungsareals nach dem Zugang des mehrere Kilometer langen Labyrinths suchten. Vielleicht bereitete Rene auch eine Sprengung vor. Zuzutrauen war ihr alles, und die massiven Felsbrocken, unter denen das Labyrinth liegen musste, schienen selbst von ihren Wölfen nicht bewegt werden zu können. Zumindest sah es bislang nicht so aus, als habe sie irgendeinen Erfolg zu verbuchen.

Der Vorarbeiter im weißen Galabija verschwand im Zelt und griff nach einer Karaffe mit Wasser. Die weiten Ärmel des Gewandes schwangen sacht durch die Luft, als er das Gefäß wieder abstellen wollte. Aurelius schnellte auf ihn zu, packte ihn und verschloss ihm mit einer Hand den Mund. Der Behälter fiel zu Boden, das Wasser spritzte in alle Richtungen, während sich die Karaffe wie ein Kreisel drehte. Aurelius sah den Vorarbeiter drohend an und legte den Kopf leicht zur Seite, die Fangzähne entblößt. Der Ägypter blickte mit weit aufgerissenen Augen zurück. Aus seinem Mund kam kein Laut, als die Hand des Vampirs von seinen Lippen abließ und sich um seinen Nacken schloss.

Aurelius ließ den Wehrlosen das ganze Ausmaß seiner bestialischen Fremdartigkeit spüren, die Gier und die tierhafte Wut auf Rene. Seine Aura pulsierte in Schwarz, breitete sich aus und hüllte sein Opfer ein. Er fühlte die Angststarre, die über den Ägypter kam, und wusste sie zu nutzen. Seine Stimme zischte rau. „Salam aleikum, guter Mann. Wir müssen uns unterhalten.“

 

„Er ist es, nicht wahr?“ Renes Stimme schnitt durch die Stille des Zeltes wie ein Messer. „Aurelius ist das einzige Kind, das überlebte. Er ist Lairas Erbe.“

Amalia wand sich in ihren Fesseln. Ihre Hände waren über dem Kopf zusammengebunden und mit einem Strick an einem soliden Balken verknotet. Die ungewohnte Haltung ließ ihre Arme kribbeln. Schweißperlen rannen unter der Bluse und der Leinenhose über ihre Haut. Die langen Haare klebten am Nacken. Sie begegnete dem Blick der Vampirfürstin, obwohl sie es kaum ertrug, in dieses Gesicht zu sehen. So asketisch es wirkte, so wahnsinnig erschien es auch. Hellblaue Augen brannten wie ein Feuer aus Eis. Hinter diesen Flammen verbarg sich ein Abgrund, der ins Bodenlose führte. Je mehr sie sich auf Rene einließ, desto tiefer würde sie fallen. Sie wusste, sie durfte nicht antworten, aber sie hatte keine Wahl. Renes Geist zwang sie mit unerbittlicher Brutalität, sich ihr zu offenbaren. Wie schon einmal, als die Vampirfürstin sie gezwungen hatte, Lairas Standort preiszugeben. Unsichtbare Zangen zogen Amalias Wissen durch ihr Gehirn, hin zu ihrem Mund. Sie kämpfte verzweifelt, doch der Zug wurde mit jeder Sekunde stärker. Ihr Kopf schmerzte von einem Druck, der rasch anwuchs. Wenn sie nicht antwortete, würde ihr Schädel von innen her zerplatzen wie eine überreife Frucht.

„Ja“, presste sie hervor. „Er … ist es. Er ist der Sohn Lairas.“

Die Scham, die sie überflutete, ließ sich nicht ertragen. Sie hatte Aurelius verraten. Warum durfte sie nicht sterben? Sie zerrte an den Stricken. Ein Wimmern drang aus ihrem Mund.

„Ganz ruhig.“ Rene beugte sich vor. Der Schein einer Öllampe spiegelte sich auf ihrem rasierten Kopf. Ihre Stimme wurde leise, die Hand mit den spitzen Nägeln zuckte hoch, als wollte sie damit zustechen und Amalia hässliche Wunden bescheren. „Du hast brav geantwortet. Wie soll ich dich nur dafür belohnen?“ Eisblaue Augen blickten in Amalias Seele und ließen sich von keinem Hindernis aufhalten. Eine Weile verharrte der gekrümmte Finger mit der Spitze drohend vor Amalias Auge, dann senkte sich die Hand auf die Höhe ihrer Brust. Obwohl Rene sie nicht berührte, spürte Amalia die Kälte, die Renes Haut ausströmte und die durch den Stoff der Bluse drang. Angst würgte sie, gleichzeitig spürte sie aufkommende Lust, die Rene ihr aufzwang. Ihr Atem ging hektisch, als sich die Finger der Vampirfürstin wie die Beine einer Tarantel vom Ausschnitt her unter den Stoff schoben und sich um ihre Brust schlossen. Noch lagen sie locker, doch die Nägel drohten jederzeit in die weiche Haut zu stoßen, um sie aufzuschlitzen.

Rene beugte sich dicht an ihr Ohr. Amalia wandte den Kopf von ihrem verführerischen Atem ab. Die Vampirfürstin lachte leise. „Lass dich gehen. Genieß es.“ Das raue Flüstern klang eindringlich. Mit ihm verstärkte sich der Druck um ihre Brust. Sie fühlte, wie ihr Brustansatz zusammengepresst wurde, als läge darum ein Seil, das einem Lasso gleich zuzog. Lust stieg in ihr auf und verwirrte und beschämte sie gleichzeitig. Ihr Körper sehnte sich nach der Vampirfürstin. Zu ihrer Angst kam das Verlangen, alles zu tun, was Rene ihr befahl.

Rene strich über ihre harte Knospe. „Er braucht das Seelenstück. Du weißt das, Amalia. Ohne das Seelenstück, das du und deine Vorfahrinnen über die Jahrhunderte gerettet haben, ist er zu menschlich, um Laira zu besiegen. Nur als ursprünglicher Vampir kann er sie vernichten, denn nur so wird er stark genug sein. Du musst ihm zurückgeben, was ihn ausgemacht hat. Wenn die Wahnsinnige erweckt wird, braucht er seine Stärke. Nur ein Monster kann ein Monster besiegen.“

In Amalias Augen traten Tränen. Renes Worte trafen sie tief und sicher wie ein Pfeil, der ihre Brust durchschlug und im Herz stecken blieb. „Er wird mich nicht mehr lieben können. Wenn er erst hat, was ich für ihn verwahre, ist er unfähig zu fühlen.“

Der Gedanke, Aurelius’ Liebe zu verlieren, schmerzte, als würde ihr Leib in Säure liegen. Er war quälender als die Fesseln, die in ihre Haut schnitten, samt dem Gefühl, Rene ausgeliefert zu sein.

Rene griff nun auch an Amalias zweite Brust, zerriss den Stoff an den Knöpfen der Bluse und umklammerte sie unbarmherzig. Ihre Zunge fuhr über die Lippen, als wolle sie jeden Augenblick zubeißen. Dabei richtete sie sich ganz auf und sah auf Amalia herab. Eine ihrer Augenbrauen hob sich. „Und? Ist das nicht ein kleiner Preis für den Wahnsinn, dem du begegnen kannst? Für das Unheil, das allein du noch aufzuhalten vermagst? Du weißt, wie die Erste Fürstin der Vampire ist. Du weißt, was sie der Welt antun kann. Erinnere dich an Laira und beantworte die Frage ehrlich.“

Amalia schloss die Augen unter dem hypnotischen Befehl. Es gab Erinnerungen in ihr, die Laira betrafen. Sie kreisten um Kriege, Folterungen, Blutopfer und wahnsinnige Pläne. Das Opfer, das sie zu bringen hatte, schien dagegen gering. Aber das war es nicht. Wenn sie tat, was getan werden musste, würde sie Aurelius verlieren. Das durfte niemand von ihr verlangen, weder Mensch noch Vampir noch Gott.

„Nein“, keuchte sie. „Nein, das ist es nicht.“

Rene senkte den Kopf, leckte in einer harten Linie über Amalias Spitzen und murmelte: „Und wenn schon. Für dich spielt es keine Rolle mehr, deine Zeit ist vorüber. Unser kleines Gespräch beginnt mich zu langweilen. Ich werde dich töten, sobald ich genug von dir habe, und dafür sorgen, dass Aurelius erhält, was ihm bereits gehört. Denn das ist alles, was du noch zu tun hast: sterben.“ Sie legte den Kopf schief und zeigte ein frivoles Lächeln. „Irgendwelche letzten Worte, bevor du nur noch wimmern wirst?“

Amalia zitterte. Die Kälte von Renes Händen breitete sich in ihrem ganzen Brustkorb aus. „Tu es nicht.“

„Wie einfallslos. Tut mir leid, aber der Bitte kann ich nicht nachkommen. Der Hunger ist einfach zu groß, dein Blut pocht so süß.“ Die hellblauen Augen funkelten, als die Vampirfürstin vorschoss, bereit, Amalia die Kehle aus dem Hals zu reißen.

 

Amalia keuchte und riss die Augen auf. Ihr Blick erfasste die Decke des Hotels mit dem Spiegel, der ihren schmalen Körper unter einer dünnen Stoffbahn zeigte. Lange, rotbraune Haarsträhnen lagen wie Blutfäden darüber. Einen Moment sah sie sich selbst in die graublauen Augen. Sie fühlte ein sengendes Brennen an ihrem Hals und griff unwillkürlich zum Ort des Schmerzes.

Erleichtert stellte Amalia fest, dass sie sich nicht gefesselt in irgendeinem Zelt mitten in einer Steinwüste befand, sondern in einem weichen, viel zu warmen Kingsize-Bett. Ihre Schmerzen am Hals hatten sich in ihren Schlaf gedrängt. Dazu kam die Last des Wissens, die sie trug, seitdem Rene sie angegriffen und ihre Erinnerungen mit Gewalt befreit hatte. Die Melange aus Gefühlen führte zu einem Trugbild, das ihre schlimmsten Ängste miteinander verband.

„Ein Traum“, murmelte sie. „Nur ein Traum.“ Sie griff sich an die schmerzenden Brüste, die brannten, als habe Rene sie wirklich drangsaliert.

Renes Gesicht verblasste in ihrer Erinnerung. Trotzdem raste Amalias Herz. Nur langsam beruhigte sie sich und setzte sich auf. Mit einem der Hotelhandtücher wischte sie Schweiß von der Stirn und sah sehnsüchtig auf die goldene Obstschale. Wie gern hätte sie nach einer der süßen Feigen, den Melonenstücken oder Aprikosen gegriffen, doch eine Frau im Flieger hatte sie ausdrücklich davor gewarnt, Früchte aus dem Land zu essen. Der europäische Magen vertrug die Bakterien des Wassers nicht. Das Letzte, was sie brauchte, war eine sie schwächende Durchfallerkrankung.

Seufzend rieb sie sich den wunden Hals. Erst vor wenigen Tagen hatte Rene sie gebissen, um ihr die Information über Lairas Aufenthaltsort zu entreißen. Ohne das rettende Elixier von Aurelius hätte dieser Angriff sie getötet, und noch hatte sie sich nicht vollständig davon erholt. Immer wieder zuckten Blitze durch die blau verfärbte Haut, als hätte ein Insekt von der Größe eines Tennisballs sie gebissen.

Ihre Beine zitterten, sie hoffte, dass Aurelius bald zurückkam. Ihr Blick glitt zur Digitaluhr auf dem Nachttisch. Ihr Geliebter war vor fünf Stunden auf eine erste Erkundung zur Ausgrabungsstätte gegangen, kaum dass sie die achtzehn Kilometer von Kairo entfernte Stadt erreicht hatten. Am liebsten wäre sie mitgekommen, doch er konnte allein effektiver vorgehen. Da sie sich zudem noch angegriffen fühlte, hatten sie sich darauf geeinigt, dass sie sich vorerst ausruhte. Dabei war an Ruhe kaum zu denken, solange sie nicht wusste, wie es Aurelius ging. Sein Vorgehen brachte ihn in die Nähe von Rene und damit in tödliche Gefahr.

Mit einem flauen Gefühl im Magen trat sie hinaus auf den kleinen Balkon. Unter ihr lag ein fruchtbarer Garten mit Palmen. In einiger Entfernung schimmerte der Hotel-Pool, der sich wie mehrere klare Teiche mit verbindenden Kanälen über den gesamten Innenhof der Anlage zog. Obwohl es bereits dunkel wurde, nahm die Hitze nicht ab. Nur hin und wieder strich eine gnädige Brise zwischen der verspielten Architektur mit ihren zahlreichen weißen Bogen hindurch und streifte ihre Haut. Kaum hatte der Wind den Schweiß getrocknet, kam die nächste Hitzewelle und ließ das dünne Nachthemd erneut am Körper kleben.

Wo Aurelius nur so lange blieb? Ob Rene ihm etwas angetan hatte? Vielleicht hing er in diesem Moment gefangen in irgendeinem Zelt, so wie sie in ihrem Traum. Kopfschüttelnd vertrieb sie den Gedanken. Sie hatte Aurelius so gut es ging beschrieben, wo das unterirdische Labyrinth lag, in dem Lairas Körper ruhte. Er hatte ihr im Gegenzug versprochen, vorsichtig zu sein und die Lage zunächst nur auszuspionieren. Aber was war, wenn Rene Laira bereits barg oder geborgen hatte und er eingreifen musste, um Schlimmeres zu verhindern? Niemand wusste besser als Aurelius, wie gefährlich Laira werden konnte. Sie war seine Mutter und schon zu Lebzeiten wahnsinnig gewesen. Laira kannte keine Gnade, nur ihren Willen, der um jeden Preis durchgesetzt werden musste.

Amalia wusste das aus eigener Erfahrung. Als Seelenblut teilte sie die Erinnerungen ihrer Vorfahrinnen bis hin zum alten Ägypten. Die Informationen lagen genetisch gespeichert in ihrem Gehirn und konnten mit mentalen Techniken abgerufen werden. Einige Erinnerungen waren sogar so stark, dass sie von selbst an die Oberfläche drängten und in ihr Bewusstsein gelangten. Dazu gehörten Szenen von Laira aus der Vergangenheit, die sie aus der Sicht der Hathor-Priesterin Jara wahrnahm.

Mit geschlossenen Augen schickte Amalia ihren Geist auf die Reise in die Vergangenheit und sah Laira vor sich in einem Tempel mit Kuhbildnissen stehen. Sie forderte Sklaven, die von den Priestern und Priesterinnen herbeigeschafft werden mussten. Jara sah aus dem Hintergrund zu, wie man Laira die verängstigten jungen Menschen vorführte. Die, die der Gottherrscherin nicht gut genug waren, starben noch an Ort und Stelle.