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Titel

BODO KIRCHHOFF

LEGENDEN
UM DEN EIGENEN
KÖRPER

Inhalt

INHALT

Vorwort zur erweiterten Neuauflage

VORWORT ZUR ERWEITERTEN NEUAUFLAGE

Im Wintersemester 1994/95 – eigentlich nur vor achtzehn Jahren und doch weiter zurückliegend, in einer Zeit ohne Mobilfunk und Casting-Shows, ohne Vernetzung mit der Welt und dafür dem konkreten Anderen als Spiegel – hatte ich an der Johann Wolfgang Goethe-Universität die traditionsreiche Frankfurter Poetikdozentur. Der Titel meiner Vorlesungen, Legenden um den eigenen Körper, war zugleich Quintessenz einer Poetologie: dass nämlich in jedem Schreiben, meinem ganz sicher, ein Bemühen steckt, sich einen zweiten, besseren Körper zu erschaffen und damit auch das Bild vom eigenen Körper zu korrigieren, soweit man es mit sich vereinbaren kann.

Das Oberflächliche erschien mir immer schon aussagekräftiger als alles Dahinterliegende, das einem als Ergebnis von Spekulationen entgegentritt. Es kommt nur darauf an, das Oberflächliche genau zu lesen und genau davon zu erzählen, dann entsteht, paradoxerweise, ein Sprachkörper mit eigenem Volumen und eigener Tiefe: etwas, das den Autor übertrifft. Getrieben von dem Verlangen, sich selbst zu verbessern, ist man als Schreibender eher ein Schöpfer aus dem Leeren als aus dem Vollen; ich möchte etwas, das ich noch gar nicht kann, aber gerade darum möchte ich es – der Mangel ist der Ansporn. In meinem Schreiben, ja vielleicht der Literatur überhaupt, fällt das, wozu man unfähig ist, ebenso sehr ins Gewicht wie das, wozu man fähig ist. Oder mit einem Vergleich aus der Körperwelt gesagt: Der Antrieb zu einem literarischen Werk, bis das letzte Wort geschrieben ist, ähnelt in seinem Fleiß, seiner Geduld und dem Stück Wahnsinn darin dem Antrieb eines Behindertensportlers, der erst durch das, woran es ihm aufgrund der Behinderung mangelt, zur Form seines Lebens aufläuft.

Die damaligen Vorlesungen (erschienen in der edition suhrkamp, NF 944, und aufgrund meines Wechsels zur Frankfurter Verlagsanstalt längst vergriffen, selbst im Internet und antiquarisch) haben diesem Synergieeffekt von Mangel und Fähigkeit nachgespürt, sowohl am Leben und Schreiben anderer Autoren (wie Kafka, Duras oder Hervé Guibert) als auch an meiner Biographie, wie es der Tradition der Frankfurter Poetikdozentur entspricht. Und in dem Zusammenhang habe ich erstmals über Erfahrungen mit etwas, das heute landläufig Missbrauch genannt wird, berichtet, auch deshalb, weil meine Erfahrungen in den seinerzeit entstehenden Roman Parlando einflossen; als dieser dann 2001 erschien, wurde das jedoch, als ein wichtiger Aspekt des Romans, in keiner einzigen Kritik aufgegriffen, es fehlte die Debatte dazu. Insofern ist Legenden um den eigenen Körper aktueller als damals, zumal in diesem Jahr, 2012, wieder ein umfangreicher Roman von mir erschienen ist, Die Liebe in groben Zügen, bei dem frühe sexuelle Gewalt als ein Aspekt zum Verständnis des Ganzen gesehen werden kann.

Es gibt also mehrere Gründe für eine Neuauflage – mit dem unveränderten Wortlaut der vier gehaltenen Vorlesungen, aber in neuer Rechtschreibung; die fünfte war eine Performance meines Monologs »Der Ansager einer Stripteasenummer gibt nicht auf«, sie wurde hier nicht übernommen, weil das Performative im Zentrum stand. Und nicht übernommen wurden auch die privaten Fotos in dem ursprünglichen Buch, beides zugunsten eines ergänzenden Kapitels (auf Vorschlag und Wunsch meines Verlegers J. U.), das den intimsten Abschnitt der Vorlesungen vertieft, man könnte auch sagen: das die fünfte Vorlesung, die seinerzeit entfiel oder in anderer, theatralischer Form stattfand, als Essay nachliefert.

Im März 2010 erschien im Spiegel (Heft 11) ein sehr persönlicher Beitrag von mir zum Thema Missbrauch unter dem Titel »Sprachloses Kind«, eine Kurzfassung vom Drama der sexuellen Details und ihrer Auswirkungen, die ich in diesem Essay erweitert habe, nicht zuletzt, weil das Echo auf den Artikel immens war, aber auch weil es in den letzten Jahren immer wieder zu Anfragen kam, die sich auf jenen eher kurzen Abschnitt in den Vorlesungen bezogen. Meine unversöhnliche Sicht auf das Internat, in das ich mit elf Jahren kam und das ich im Alter von zwanzig verließ, auf seinen damaligen, sich nicht den Außenstehenden, sondern nur den Ausgelieferten, Wehrlosen offen zeigenden Ungeist in Form versteckter und nackter Gewalt, hat etliche nicht Betroffene, ob ehemalige Lehrer, Erzieher oder Schüler, verstört, ja erbost: als hätte ich mir etwas zusammengereimt oder sei womöglich, typisch Schriftsteller, überempfindlich. Und die Neuauflage der Frankfurter Vorlesungen gibt mir Gelegenheit, in dem Epilog auch darauf einzugehen, wie ein bestimmtes sexuelles Schicksal einmündet in eine bestimmte Schreibgeschichte, die schließlich, und darin liegt das Hoffnungsvolle des Schreibens oder Erstaunliche der Literatur, ihre eigene Richtung einschlägt, sich also emanzipiert von einem Mangel und den Autor gleichsam mitzieht, ihn auf sein Schicksal zurückblicken lässt. Oder weniger gemütlich ausgedrückt: Wenn einen das eigene Schreiben am Ende nicht übertrifft, mehr Qualitäten aufweist als man selbst im Umgang mit dem Sein des Anderen, ist es auch als Legende um den eigenen Körper untauglich. (B. K., Torri del Benaco, Mai 2012)