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INHALT

Editorial

Das Tibethaus Deutschland in Frankfurt a. M.

BUDDHISMUS

Erinnerungen an meinen Stiefvater | Ein Interview mit S. E. Dagyab Rinpoche

Die Sache mit den Müttern | Sabine Leuschner

Kommt der Buddhismus tatsächlich im Westen an? | Versuch einer persönlichen Zusammenfassung von Beobachtungen, die nicht den Anspruch erheben, vollständig zu sein | Rob Jandaka

„Like a jet“ | Der Dalai Lama gibt eine Kalachakra-Einweihung in Washington | Annette Kirsch

Trunken vor Glückseligkeit, Klarheit und Nicht-Denken| Lieder des Shabkar Tsogdruk Rangdrol

BIOGRAPHIE

„Der weiße Fuß“ | Das Leben des Yogi Shabkar Tsogdruk Rangdrol

WISSENSCHAFT

Padmasambhava – ein Flüchtling? | Herbert Guenther

HEILKUNDE

Die Rolle tibetischer Astrologen beim Heilen | Ein Bericht über die astrologischen Methoden, Rituale und Volksheilmittel zum Wohle der Menschen und anderer Lebewesen | Tsering Dolma Drungtso

Ischiasbeschwerden | Behandlung mit Hilfe der traditionellen tibetischen Medizin | Christine Koch

KUNST + KULTUR

Was sind Symbole und wie wirken sie? | Dagyab Kyabgön Rinpoche

Wie entstand das Abbild des Buddha? | Elke Hessel

Ein Morgen | Liu Xiaobo

PERSÖNLICHKEIT + GESELLSCHAFT

Für eine Gesellschaft mit mehr Gelassenheit | Ein Interview mit Günter Hudasch, dem Vorsitzenden des MBSR-MBCT Verbandes | Christian Stocker

TIBET

Die Arbeit des Dagyab e.V. | Elke Hessel

Meine Reise nach Menya und Dagyab | Dezom Dagyab

Tibet – eine Reise im Spiegel | Elke Hessel

Bücher, Ausstellungen, Filme

Service & Kontakt

Programmübersicht 2. Halbjahr 2011

Kursleiter/innen

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EDITORIAL

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Liebe Leserinnen und Leser,

es ist mir eine große Freude, Ihnen die neue Ausgabe des Chökor Tibethaus Journals präsentieren zu können.

Den Auftakt zum Heft bildet wieder ein Interview mit Dagyab Rinpoche, der spannende Details aus dem Leben seines Stiefvaters erzählt und damit gleichzeitig viel über die tibetische Gesellschaft im Umbruch unter dem Einfluss der Chinesen in den 40er und 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. „Alle Wesen wie die eigene Mutter zu betrachten“ – das ist eines der Reizthemen westlicher Buddhisten, die oft allergisch auf diese Aufforderung reagieren. Sabine Leuschner hat seit den 80ern die westliche buddhistische Szene hautnah erlebt und beschreibt ihre eigenen Erfahrungen damit. Daran schließt sich thematisch passend ein Artikel an über die Frage, ob der Buddhismus denn nun im Westen angekommen sei, gefolgt von einem Bericht über die 31. Kalachakra-Initiation, die der Dalai Lama im Juli 2011 in Washington gab.

Die Biographie ist diesmal dem berühmten Yogi Shabkar gewidmet, der der Welt neben vielen anderen Texten wunderbar poetische, scharfsinnige und kritische Lieder hinterlassen hat.

„Padmasambhava – ein Flüchtling!? – Professor Herbert Günther hat eine brillante Analyse des Lebens, der Texte und der Weltanschauung des tantrischen Meisters verfasst, die ihn aus einem ganz anderen Blickwinkel beleuchtet.

In der Heilkunderubrik findet sich ein Artikel über die äußerst komplexe Welt der Astrologie, die die Tibeter vom Geburts- bis zum Todeshoroskop begleiten. Darauf folgt ein Praxisbericht über die komplexen Ursachen und über Heilmittel für den konkreten Ischiasschmerz.

Eine tiefgründige Erörterung Dagyab Rinpoches, der über viele Jahre an der Universität Bonn im Bereich Ikonographie geforscht hat, beschreibt die Funktion und Bedeutung von Symbolen im tibetischen Kontext.

Im Interview zur Methodik der MBSR plädiert Günter Hudasch für eine Gesellschaft mit mehr Gelassenheit.

Zwei Reiseberichte, die einen Einblick in im Westen wenig bekannte Lebenswelten der Tibeter geben, schließen den Rubrikenteil ab.

Informationen zu aktuellen Büchern, Ausstellungen, Filmen, der Service- und Programmteil beschließen wie immer das Journal.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß und die eine oder andere neue Erkenntnis beim Lesen!

Mit herzlichen Grüßen,
Ihre Elke Hessel

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Professor Hüther im Tibethaus © E. Hessel

Das Tibethaus Deutschland in Frankfurt a. M.

Seit Ende 2005 existiert das Tibethaus Deutschland in Frankfurt a. M. Seine Heiligkeit der XIV. Dalai Lama hat im selben Jahr bei seinem Besuch in Wiesbaden die Schirmherrschaft übernommen; diese großzügige Geste gewährt er nur in ganz seltenen Fällen. Zudem haben wir das Gütesiegel des Mutterhauses in Neu Delhi erhalten und dürfen die Bezeichnung „Tibethaus“ offiziell im Namen führen. Neben Frankfurt ist dies nur dem Tibethaus in New York gestattet.

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Stätte der Begegnung

Das Tibethaus Deutschland ist ein Kulturinstitut, das sich als Begegnungs- und Studienzentrum versteht, als eine Art „tibetisches Goethe-Institut“. Tibetinteressierte Frankfurter und darüber hinaus, Tibeter, Buddhisten genauso wie Nichtbuddhisten finden hier einen Ort, an dem sie die alte und moderne Kultur Tibets kennenlernen und in einen fruchtbaren, inspirierenden Austausch eintreten können.

Seminare, Workshops und Vorträge bieten den Teilnehmern ein fundiertes Angebot zur Entfaltung und Entwicklung. Besonderes Augenmerk ist dabei auf den Bezug zum täglichen Leben gerichtet. Das Tibethaus sieht seine Aufgabe darin, eine Brücke zwischen Tibet und dem Westen zu schlagen, aber auch zwischen dem Westen und Tibet, ohne zu verwässern, ohne zu polarisieren, ohne Exotik oder gar Esoterik.

S. E. Loden Sherab Dagyab Rinpoche, der spirituelle Leiter des Tibethauses, gehört der Gelugpa-Tradition an, die in Tibet Anfang des 15. Jahrhunderts gegründet wurde. Als Kyabgön, „Schutzherr“ von Dagyab war er, wie schon sein Vorgänger seit dem 17. Jahrhundert, das geistliche und weltliche Oberhaupt der Region Dagyab in Osttibet. Als „Hothogthu nomonhan“ gehörte Rinpoche zusätzlich zur kleinen Gruppe der ranghöchsten Tulkus. Er ist der einzige Hothogthu, der im Westen lebt. Rinpoche absolvierte an der Klosteruniversität Drepung das traditionelle Studium der buddhistischen Philosophie und hörte auch zahlreiche Unterweisungen aus der Kagyü- und der Sakya-Tradition. 1959 ging er zusammen mit S.H. dem Dalai Lama nach Indien. Er erwarb dort den Grad eines Geshe Lharampa und leitete u.a. das Tibet House in Delhi.

Nach Deutschland kam Rinpoche 1966 auf Einladung der Universität Bonn, wo er bis 2004 als Tibetologe (Schwerpunkt: Tibetische Kunst und Ikonographie) arbeitete. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Erst seit 1984 wurde er auch im Westen auf Bitten vieler Buddhisten als buddhistischer Lehrer tätig.

Sein besonderes Anliegen ist die Pflege und Weitergabe der buddhistisch-tantrischen Überlieferung. Unter den tibetischen Tulkus im Exil gilt er inzwischen als derjenige, der die meisten Übertragungslinien der Gelugpa-Tradition hält. Neben seiner Lehrtätigkeit engagiert Rinpoche sich auch für Hilfsprojekte in Tibet. 1993 wurde auf seine Initiative hin der Dagyab e.V. gegründet, welcher in dessen alten Heimat in Osttibet die medizinische Versorgung, Ausbildung und die Erhaltung der buddhistischen Kultur tatkräftig unterstützt.

Weitere Informationen finden sich auch auf der Homepage von Rinpoche:
www.dagyab-rinpoche.com

Die fünf Säulen des Tibethauses

Fünf Themenbereiche formen das Tibethaus: Buddhismus, Persönlichkeit und Gesellschaft, Kunst und Kultur, Heilkunde und Wissenschaft. Auch bieten wir seit einiger Zeit speziell Vorträge, Kurse und Gesprächskreise für Tibeter an, die nur auf Tibetisch gehalten werden.

Buddhismus

Der Bereich Buddhismus ist hervorgegangen aus dem über 20 Jahre unter der Leitung von Dagyab Rinpoche in Franken ansässig gewesenen buddhistischen Zentrum Chödzong e.V.

Obwohl Dagyab Rinpoche Wert auf eine möglichst kulturneutrale Darlegung der buddhistischen Lehre im Westen legt, ist sein Hauptanliegen doch die Erhaltung der authentischen tibetischen Tradition. Er strebt daher nicht nach großen Schülerzahlen, sondern nach Qualität im Verständnis der Lehre und in ihrer Umsetzung im Alltag oder bei der formalen Praxis. Oft erklärt er, dass man nicht Buddhist sein müsse, um von den buddhistischen Erklärungen und Methoden zu profitieren. Aber diejenigen, die sich für den Dharma entschieden haben, sollten ihn sich tiefer zu eigen machen und zu authentischen Erfahrungen gelangen.

Die Basis für die buddhistische Praxis ist dabei der Stufenweg (tibetisch: Lamrim), wie er seit dem 11. Jahrhundert überliefert worden ist. Dieses Meditationssystem dient dazu, den Schüler mit den grundlegenden buddhistischen Lehren vertraut zu machen und ihn allmählich zu einem Verständnis der Mahayana-Motivation zu führen, so dass er – wenn er will schließlich in das Vajrayana eintreten kann.

In den letzten Jahren haben sich in ganz Deutschland Stadtgruppen gebildet. Auch die tibetisch-buddhistische Gemeinschaft Chöling in Hannover arbeitet unter Rinpoches spiritueller Leitung.

Im Herbst 2009 begann im Tibethaus das dreijährige buddhistische Grundlagenstudium auf der Basis des Lamrim mit fast 100 Teilnehmern, das von Dr. Birgit Schweiberer und Tenzin Peljor geleitet wird. Hinzu kommt das ebenfalls sich über drei Jahre erstreckende anspruchsvolle Aufbaustudium mit 70 Teilnehmern. Regelmäßig sind auch andere tibetische Lehrer wie z.B. Lodrö Rinpoche aus der Schweiz, Ringo Tulku oder Dolpo Tulku bei uns zu Gast.

Eine Gruppe langjähriger Schülerinnen und Schüler hat Rinpoche zu Tutoren ernannt und mit der Vermittlung grundlegender Themen betraut.

Dieser Bereich wird von dem Mönch Jampa Tsöndrü (Andreas Ansmann) sowie zwei der Dharma-Tutoren, der Heilpraktikerin Simone Hensel und der Psychologin Corina Aguilar-Raab, gemeinsam geleitet.

Gesellschaft

Der tibetische Buddhismus ist reich an Methoden, die zu mehr Lebensfreude und Ausgeglichenheit führen. Dieser Ansatz ist für Buddhisten und Nichtbuddhisten gleichermaßen konzipiert.

Zum Tibethaus-Angebot gehören Vorträge, Seminare, Workshops und fortlaufende Kurse in folgenden Bereichen: Methoden der Stressbewältigung und Entspannung wie Yoga, MBSR und Meditation, Persönlichkeitsentwicklung und Coaching. Ein weiteres Angebot befasst sich mit dem Thema Sterbe- und Trauerbegleitung. Darüber hinaus finden Gesprächskreise und Vorträge von Fachleuten über Wirtschaftsethik statt.

Die systemische Trainerin und Coach Anna Matzenauer und der Kommunikationsdesigner und MBSR-Lehrer Christian Stocker leiten diesen Bereich gemeinsam.

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Besuch von Dagyab-Tibetern © P. Tsering

Tibetische Kunst und Kultur

Hier organisiert das Tibethaus regelmäßig Ausstellungen, teilweise in Zusammenarbeit mit Frankfurter und überregionalen Museen. Des Weiteren gibt es Begegnungsabende wie z.B. „Tibet trifft Indien“, die in Kooperation mit den jeweiligen Ländervereinen organisiert werden. Außerdem werden regelmäßig Künstler und Fachleute aus unterschiedlichen Gebieten für Vorträge und Workshops eingeladen oder Filmabende – insbesondere zu modernem tibetischen Film – organisiert.

Es werden auch diejenigen beraten, die Künstler und Referenten suchen, oder Reisen in den tibetischen Kulturraum planen. Dieser Bereich wird durch den tibetischen Künstler und Kalligraphen Puntsok Tsering Duechung geleitet.

Heilkunde

Die Traditionelle Tibetische Medizin (TTM) ist eine Naturheilkunde, die ihre Wurzeln in der vorbuddhistischen Kultur hat und sich im 7. Jahrhundert eigenständig entwickelte. TTM beschreibt physische und psychische Gesundheit als abhängig von einer fein ausgewogenen Balance.

Das Tibethaus arbeitet hier u.a. mit ATTM (der Akademie für Traditionelle Tibetische Medizin) zusammen, die unter der Leitung von Dr. Nida Chenagtsang steht. Hier ist der Mediziner Professor Dr. Klaus Jork Bereichsleiter mit Unterstützung der Heilpraktikerin Barbara Sittig.

Wissenschaft

Der Bereich Wissenschaft des Tibethauses fördert den Dialog zwischen Wissenschaftlern und Praktikern. Er befindet sich an der Schnittstelle zwischen Universitäten und Forschungsinstituten einerseits sowie an Buddhismus und Tibet Interessierten andererseits. In regelmäßigen Abständen werden wissenschaftliche Vorträge oder Themenabende zu tibetologischen, ethnologischen und religionswissenschaftlichen Themen angeboten. Dieser Bereich wird von Elke Hessel und dem Religionswissenschaftler Dr. Karsten Schmidt geleitet.

Die Kontaktadressen aller Bereichsleiter/innen finden sich im Serviceteil des Journals.

DER TIBETHAUS-BEIRAT

Folgende Persönlichkeiten, die mit Tibet und seiner Kultur sehr verbunden sind, unterstützen das Tibethaus mit ihrer Expertise:

Dr. Alex Berzin, Berlin

Prof. Dr. Karl-Heinz Brodbeck, Würzburg

Prof. Dr. Michael von Brück, München

Carsten Graaf, Meerbusch

Kelsang Gyaltsen, Gesandter S. H. des Dalai Lama, Genf

Prof. Dr. Manfred Hensel, Heidelberg

Prof. Dr. Adelheid Herrmann-Pfandt, Marburg

Ehrw. Doboom Rinpoche, New Delhi

Prof. Dr. Klaus Sagaster, Bonn

Prof. Dr. Peter Schwieger, Bonn

Dr. med. Tashe W. Thaktsang, Radolfzell

Prof. Dr. Robert Tenzin Thurman, New York

Dr. Tsetan Dolkar Khyunglho, Atlanta

Die Vision:
Ein grünes Tibethaus in Frankfurt

Wie wir schon in den letzten Ausgaben berichtet haben, möchten wir das Tibethaus in seiner jetzigen Form gerne weiterentwickeln, auch schon deshalb, weil wir aus allen Nähten platzen.

So haben wir eine ganz konkrete Vision und stehen dafür im Kontakt mit der Stadt Frankfurt und mit dem Land Hessen. Wir möchten eine regionale und überregionale Begegnungsstätte etablieren für Menschen, die Ruhe und Inspiration suchen. Dabei sollte sich der Komplex in einen öffentlichen und in einen privaten Bereich teilen.

Gerne möchten wir – so wie es jetzt in unserem Tibethaus schon haben – ein Café errichten, eine kleine angegliederte Galerie, mittelfristig auch eine Dauerausstellung mit den Tibetica, die uns in den letzten Jahren von Frankfurter Bürgern vermacht wurden. Aufgrund der großen Nachfrage soll unser Shop umfassender werden. Auch unsere schon jetzt umfangreiche Bibliothek mit deutschen, englischen und tibetischen Büchern wollen wir erweitern und interessierten Besuchern (Studenten, Tibetreisenden, allgemein Interessierten) zur Verfügung stellen. Als Vorbild hierzu dient uns die Latse Library in New York, mit der wir eine Kooperation anstreben.

Zudem planen wir einen großen Vortragsraum und einen kleineren Raum für MBSR, Entspannungskurse und Yoga.

Mittelfristig könnten wir uns vorstellen, ein Heim für alte Menschen – aktive und betreuungsbedürftige – einzurichten, vielleicht sogar einen ambulanten Hospizdienst. Das wäre eine konsequente Weiterentwicklung unserer seit mehreren Jahren existierenden Arbeitsgemeinschaft „Buddhistische Sterbebegleitung“, geleitet von Corina Aguilar-Raab, die auch ausgebildete Sterbebegleiterin ist.

S.H. der Dalai Lama hat übrigens zugesagt, dass er – wenn das „eigene“ Tibethaus in Frankfurt steht – uns besuchen wird, um es selbst einzuweihen.

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Lobsang Tsültrim und Trakor Lhamo (zweite Ehefrau) zu Besuch in der Schweiz, Privatbesitz

BUDDHISMUS

Erinnerungen an meinen Stiefvater

Ein Interview mit S. E. Dagyab Rinpoche

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links Dagyab Rinpoche rechts Sharkor Rinpoche

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Im Alter von sechs Jahren kam Rinpoche nach Dagyab. Vier Jahre lang hatten die Dagyab-pa um ihren Kyabgön gekämpft, nun sollte er bis zu seinem Eintritt ins Kloster Drepung (1953, im Alter von 13 Jahren) im „Roten Palast“ in der Hauptstadt Magön leben. Er erhielt eine strenge spirituelle Ausbildung, während sein Labrang – die Regierung von Dagyab – sich um die politischen Geschäfte kümmerte. Etwa 20 bis 30 Beamte und Bedienstete sorgten täglich für das Wohl des jungen Kyabgön. Besonders viel Kontakt zu ihm hatten – neben seinen beiden Lehrern – die persönlichen Assistenten, also der Speisemeister, der Kleidermeister und der Ritualmeister. Um den Speisemeister, Lobsang Tsültrim, soll es heute gehen. Er lebte später, in Lhasa, mit Rinpoches Mutter zusammen. Deshalb bezeichnet Rinpoche ihn als seinen Stiefvater. Rinpoche floh mit ihm gemeinsam nach Indien (siehe Chökor 49) und sorgte auch während seiner Zeit in Dharamsala für ihn.

Mein Stiefvater heißt Lobsang Tsültrim, und er war mein Speisemeister. Mit 17 Jahren war er Mitglied einer Tanzgruppe des Labrangs geworden. Ich weiß nicht, wie viele Tanzkinder – alles Jungen – es damals gab, es könnten über 20 gewesen sein. Sie mussten bei Feierlichkeiten Tänze aufführen. Diese speziellen Tänze gab es auch bei der tibetischen Regierung und vielleicht bei dem ein oder anderen großen Labrang, das ist möglich. Jedenfalls war er einer dieser Jungen, und irgendwie kam er zum VIII. Kyabgön und hat ihm persönlich assistiert. Ich weiß nicht mehr, wie viele Jahre er dem VIII. Kyabgön dienen konnte. Kurz und gut – warum ich das erzähle: Weil er seit seinem 17. Lebensjahr in die Aktivitäten des Dagyab-Labrang involviert war, kannte er den gesamten Apparat sehr, sehr gut. Daher konnte er mir auch später viel erzählen. Und er hat auch viele dieser Dinge aufs Papier gebracht.

Was zum Beispiel?

Wie ich als Inkarnation gesucht und gefunden wurde, mein Eintritt ins Kloster mit der Einladung des Dalai Lama zu Mönlam und den Opfergaben an die verschiedenen Klöster, welche Jenangs ich gegeben habe und so weiter. Er hat auch beschrieben, wie die Institutionen des Dagyab-Labrang funktionierten, welche steuerlichen Einkünfte es gab und welche Abgaben, wie viele Mitarbeiter es gab, welchen Rang sie hatten und welche Gehälter sie bekommen haben, und auch, wie meine Reise nach Zentraltibet vorbereitet wurde – all diese Dinge hat er aufgeschrieben. Er kannte sich sehr gut aus. Als ich nach Zentraltibet ging, war er der zweithöchste Beamte des Dagyab-Labrang. Irgendwann ist er meiner Mutter nähergekommen. Als wir in Lhasa ankamen, waren sie ein Paar. Sie haben in einer Wohnung zusammengewohnt. Und dann hat er bestimmte Amtsaufgaben von der chinesischen Regierung bekommen.

Weil er ein Beamter war?

Ja genau, weil er diese Stellung hatte. Die Chinesen haben genau geprüft, welcher Lama eine Beziehung zum Volk hat und über Angestellte und Ländereien verfügt. Diesen Lamas und ihren Bediensteten haben sie dann Titel und Gehälter gegeben. Deshalb hatte auch Lobsang Tsültrim diese Beziehung zu China. In Osttibet verliehen die Chinesen fast jedem Beamten eines großen Labrang einen Titel und zahlten ihm ein Gehalt. Aber in Lhasa war Lobsang Tsültrim der einzige Dagyab-Beamte, der dieses zweifelhafte Privileg genoss. Das sollte in Indien noch von Bedeutung werden. Er war nicht unbedingt chinafreundlich, kein Kollaborateur, so war’s überhaupt nicht. Aber er war auch keine besonders chinafeindliche Person. Wie dem auch sei: 1959 sind wir dann zusammen geflohen. Er ist nach Drepung gekommen – die ganze Situation war damals sehr brisant –, und dann sind wir über Südtibet nach Indien gekommen.

So, jetzt komme ich zu dem Punkt: In Kyilung [sKyid-lung, das ist einer der Orte im indischen Grenzgebiet, in denen der Dalai Lama unter der Obhut der indischen Regierung Station machte] war unser Zimmer direkt neben dem Raum, in dem die Mitglieder des Kashag [das tibetischen Kabinett] untergebracht waren. Alles, was drüben gesprochen wurde, kriegte ich mit. Sie haben über meinen Stiefvater gesprochen. Man hatte irgendwie die Information bekommen, mein Stiefvater sei ein chinesischer Spion. Und dann, naja, nachdem sie drüben im Kabinett diskutiert hatten, kam das höchste Kabinettsmitglied, er hieß Surkhang, zu mir und sagte: „Es gibt solche Gerüchte, und deshalb ist es nicht möglich, dass Dein Stiefvater Dich begleitet und mit dem Dalai Lama zusammen weiterreist.“

Da konnte ich natürlich nichts sagen ... ich habe nur gesagt: „Ich habe keineswegs Bedenken.“ Aber ich konnte natürlich auch keine Garantie geben, dass es nicht so ist. Immerhin ging es um das Leben des Dalai Lama. Deshalb mussten wir uns leider trennen. Ich habe mit ihm darüber gesprochen, und wir haben versucht, einen anderen Weg zu finden. Von da ab sind wir getrennter Wege gegangen, ich blieb in der Gruppe des Dalai Lama, und er ging nach Kalimpong und Darjeeling. Anschließend durfte er auch nicht nach Mussoorie kommen [wo Rinpoche etwa vier Monate lebte], und wir mussten weiter in zwei Haushalten leben. Und natürlich musste ich irgendwie versuchen, ihm Geld zu schicken, damit er leben konnte.

Letztendlich ist er bei Amdo Gyantso gelandet [ein Dagyab-pa, der in Darjeeling ein Restaurant hatte und bei dem Rinpoche später auch einige Wochen gewohnt hat]. Dort hat er monatelang gelebt. Irgendwann ist er dann nach Dharamsala gekommen, dann haben wir wieder zusammengelebt.

In Dharamsala waren Sie zusammen mit Sharkor Rinpoche, richtig?

Genau. Sharkor Rinpoche und ich, Nyenta [Rinpoches Koch] und dann mein Stiefvater. Und dann später kam sogar Sharkor Rinpoches Vater auch noch dazu. Wir alle waren zusammen. Aber für die beiden älteren Menschen war es irgendwie ein bisschen ... für uns war es auch ein bisschen zu viel. Es hat da verschiedene Probleme gegeben. Deshalb haben wir in „Lower Dharamsala“ einen kleinen Laden gekauft, „Lhasa Shop“ hieß er. Ich habe ihn jemandem abgekauft. Der Laden hat etwa 900 Rupies gekostet. So haben wir die beiden älteren Männer bald nach unten geschickt, um diesen Laden zum Laufen zu bringen. Sie haben seitdem unten gelebt, in Lower Dharamsala. Ab und zu gingen sie irgendwohin, um Waren zu kaufen. Wir verkauften so ganz übliche Sachen – es war ein kleiner Laden –, was man halt so täglich braucht: Batterien, Handtücher, Seife, Zahnbürsten, Zahnpasta, bisschen Stoff und so weiter, Socken oder was auch immer.

Konnten sie davon leben?

Nein. Nein. Sie haben viel Minus gemacht. Sehr viel Minus. Sharkor Rinpoche und ich mussten noch sehr viel zuzahlen. Denn die Miete kostete ja was. Die beiden haben oben gewohnt, und unten war der Shop, das war auch nicht besonders gut. Aber jedenfalls: Die beiden Männer haben sich beschäftigt. Das war wenigstens etwas, dass sie irgendwie einen Zeitvertreib hatten.

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Landschaft bei Dharamsala © E. Hessel

Der Vater von Sharkor Rinpoche und Ihr Speisemeister – wie alt waren sie damals ... so um die 60 Jahre?

Ja, so ungefähr. Ja, ja.

Ist Ihr Stiefvater dort alt geworden in dem Laden, hat er ihn bis zu seinem Tod gemacht?

Sharkor Rinpoches Vater hat sich mit einer Frau aus Dagyab angefreundet, und später haben sie zusammengelebt. Und mein Stiefvater hat ebenfalls eine andere Dagyab-Frau gefunden, dadurch sind es zwei Familien geworden. Da das Geschäft überhaupt nicht gut lief, mussten wir uns etwas einfallen lassen. Was sollten wir mit ihnen machen? Sharkor Rinpoches Vater war für damalige Verhältnisse relativ alt, vielleicht Ende 60 oder so. Und mein Stiefvater war nur ein bisschen jünger. Kurz und gut, es kam die Idee auf, dass sie mit dem Schweizer Roten Kreuz als tibetische Flüchtlinge in die Schweiz kommen könnten. Deshalb haben wir versucht, sie dort einzutragen. Die Vertreter der Schweizer kamen ab und zu nach Indien zu den tibetischen Camps und sammelten die passenden Leute ein. Mein Stiefvater ist extra zum Straßenbau gegangen, weil die nächste Gruppe dort gesammelt werden sollte. Ich weiß nicht, ob er vielleicht einen oder zwei Monate dort gelebt hat. Er hat dann falsche Angaben gemacht, d. h. er hat sich jünger gemacht, vielleicht 20 Jahre oder so, und zum Schluss wurde er aufgenommen. Er ist in die Schweiz gekommen und hat in der Schweiz mehrere Jahre in einer Fabrik gearbeitet. Zwar war er schon längst über 70, aber trotzdem musste er arbeiten, weil er sich so jung gemacht hatte (lacht). Deshalb gab es keine Rente für ihn. Später wurde er dann krank, ziemlich schwer krank. Dann ist er verstorben, in der Schweiz. Das war, glaube ich, in 80er Jahren.

Und wo war Ihre Mutter?

Meine Mutter war in Lhasa. Das ist ein Kapitel für sich: Nachdem mein Stiefvater [im März 1959] nach Drepung gekommen war hatten wir entschieden, dass wir von Drepung weggehen wollten. Das Datum war durch die Orakelpriester bzw. die Orakel schon festgelegt. Wir wollten diesen Termin in Anspruch nehmen und weggehen. Deshalb haben wir jemanden nach Lhasa geschickt zu Amala [tibetisch für: Mama] und ihr gesagt, dass sie kommen soll. Sie sagte aber: „Nein, ich kann nicht kommen.“ Denn das war direkt nach dem Mönlam-Fest. Während des Mönlam-Festes gab es sehr viele feierliche Zeremonien, und dabei brauchte man auch z. B. meine Sattelausrüstung, die bessere. Die musste wieder richtig an ihrem Platz verstaut und sorgfältig aufbewahrt werden. Meine Mutter wollte sich darum kümmern. Sie sagte, sie sei noch nicht fertig und würde deshalb ein paar Tage später nachkommen. Wir sind am 7. des 2. Monats von Lhasa weggegangen. Ab dem 9. gab es keine Möglichkeit mehr, den Fluss zu überqueren.

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Dagyab Rinpoche und Dezom Dagyab © Tamara von Rechenberg

Haben sich Ihre Mutter und Ihr Stiefvater später nochmal gesehen?

Ja. Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre konnte ich meine Mutter und meine Schwester zum Verwandtenbesuch nach Deutschland einladen. Sie sind dann bei uns geblieben. Dann konnten sie Lobsang Tsültrim mehrmals in der Schweiz besuchen. Als er im Krankenhaus war, hat meine Schwester sich sehr um ihn gekümmert.

Das Interview führte Annette Kirsch

 

DAGYAB RINPOCHES BIOGRAPHIE – DAS PROJEKT

Seit Anfang 2011 folgt Rinpoche unserer Bitte und erzählt uns seine Biographie, damit sie aufgeschrieben und in Buchform veröffentlicht werden kann. Dieses Interview ist – wie die vorangegangenen – ein Auszug aus diesen Gesprächen. Bewusst sind die Umgangssprache und der vorläufige Charakter beibehalten worden. Diese Interviews sind das Rohmaterial, aus dem die Texte für das Buch entstehen werden – und nicht identisch mit dem eigentlichen Buchmanuskript. Rinpoche selbst hat einmal verlauten lassen, dass sein Leben insofern interessant sei, weil es eigentlich aus drei Leben besteht: zunächst als Tulku im alten Tibet, dann als Flüchtling in Indien, schließlich als Familienvater und Universitätsangestellter in Deutschland. An seinem Leben lässt sich exemplarisch nachvollziehen, wie die Tibeter innerhalb weniger Generationen ihre traditionelle Gesellschaft verlassen und im 21. Jahrhundert angekommen sind.

Rinpoche nimmt unter seinen Mitmenschen einen ganz besonderen Platz ein: Die erstklassige Ausbildung und seine hohe Stellung innerhalb der tibetischen Gesellschaft ermöglichen ihm Einblicke, die den meisten anderen Tibetern verwehrt bleiben dürften. Gleichzeitig begegnet er westlichen Schülern auf Augenhöhe, reduziert die enorme Distanz, die er qua seiner Stellung zu allen Mitmenschen hat, auf beinahe Null und lässt uns alle in Gesprächen, Unterweisungen und der Zusammenarbeit im Tibethaus ganz unmittelbar an seinem Denken und Tun teilhaben. Das ist ein Geschenk, dessen Bedeutung man nicht überschätzen kann.

Annette Kirsch ist sowohl freiberuflich in der Verlagsbranche tätig als auch eine enge Schülerin von Dagyab Rinpoche und bestens qualifiziert, dieses Projekt umzusetzen. Seit einiger Zeit interviewt sie Rinpoche und überträgt seine mündlichen Worte in Schriftdeutsch.

Diese Arbeit, die kontinuierlich getan werden muss, geht allerdings weit über das von ihr bisher geleistete ehrenamtliche Engagement hinaus. So sind wir auf Spenden angewiesen, damit das Tibethaus Annette ein kleines Honorar zahlen kann.

Wir haben auch ein spezielles Spendenkonto dafür eingerichtet:
FRANKFURTER VOLKSBANK
BLZ 501 900 00
KONTO: 63 000 11533
Stichwort: Spende für Biographie S.E. Dagyab Rinpoche

Die Sache mit den Müttern

Sabine Leuschner

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Niederwerfungen vor dem Jokhang © P. Tsering

Wenn es in der buddhistischen Praxis der „Sieben Stufen“ nach Chandrakirti darum geht, Bodhicitta zu entwickeln, scheitert man oft gleich beim ersten Themenkomplex, nämlich an der Aufforderung, alle Lebewesen als die eigenen Mütter zu betrachten, sich an ihre Güte zu erinnern und den Wunsch zu verspüren, diese Güte zurückzugeben. Es heißt sogar, dass dies schwieriger sei, als Leerheit zu verwirklichen. Dem Thema „Leerheit“ nähern wir uns durch Analyse, Textstudium, Reinigungspraxis und Meditation. „Alle Wesen als meine Mütter zu erkennen“, dies hat sehr stark mit unserem jetzigen Leben, mit unseren Erfahrungen und Gefühlen zu tun.

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Alle Wesen? Mütter? Güte? Das sind gewaltige Stolpersteine.