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Gesamtherstellung:

NOREA Druck und Verlag Marija Miksche

9020 Klagenfurt • AUSTRIA

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Illustrationen: Ajda Erznoznik

Lektorat: Josef G. Pichler

Alle Rechte beim NOREA Verlag • Klagenfurt/AUSTRIA

© 2012 NOREA Verlag, Klagenfurt

ISBN 978-3-85312-046-0

eBook-Herstellung und Auslieferung:
HEROLD Auslieferung Service GmbH

Ulrike Motschiunig

Juvinia

Besuch aus dem All

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Inhaltsverzeichnis

Sternenträumeimage

»Jause her!«, rief Oskar und versperrte Miriam den Weg zu ihrem Platz.

Miriams Herz klopfte. »Autsch!« Jetzt hatte Oskar sie bei den Haaren gezogen und fischte die Jausenbox aus ihrer Schultasche!

»Schinkenbrot! Lecker!«

Vor ihren Augen verspeiste Oskar Miriams Schinkenbrot! Wie gerne hätte sie ihm die Meinung gesagt. Doch sie getraute sich nicht.

Oskar grinste und sagte mit vollem Mund: »Du bist auf Diät gesetzt, fette Gans!«

Tränen schossen Miriam in die Augen. Sie konnte nicht sagen, ob vor Wut oder Scham.

»Setzen, Kinder! Hört ihr nicht? Oskar, was ist schon wieder los?« Frau Sommer hatte den Raum betreten. Miriam ließ sich auf ihren Platz sinken. Sie konnte den Erklärungen der Lehrerin über das bevorstehende Projekt kaum folgen. Zu sehr brannte die Wut auf Oskar in ihrem Bauch.

»Nimm es nicht so schlimm!«, sagte Julia, als sie später gemeinsam auf den Bus warteten. »Du weißt ja, wie Oskar ist!«

Miriam blickte ihre Freundin an: »So kann es aber nicht weitergehen! Er tyrannisiert die ganze Klasse!«

Julia zuckte ratlos mit den Schultern.

»Vergiss, was passiert ist! Themenwechsel!«

Miriam nickte seufzend.

»Halten wir das Deutschreferat, von dem Frau Sommer gesprochen hat, gemeinsam? Wir könnten über Zierfische reden!«

»Zierfische?! Hat Frau Sommer nicht gesagt …« Miriam versuchte sich an ihre Worte zu erinnern. Sie hätte doch besser aufpassen sollen! »Hat sie nicht gesagt, wir könnten uns das Thema frei wählen?«

»Hat sie.«

»Dann sprechen wir über Mode, oder von mir aus über Raubtiere!«

»Zierfische sind ausgesprochen vielfältige Tiere, da kann man …«

»Ich werde aber nicht über Zierfische reden!«, rief Miriam.

»Ich aber schon!«, antwortete Julia patzig.

Der Bus war soeben gekommen und Miriam stieg ein. Sie achtete nicht darauf, ob Julia ihr folgte. Wie konnte ihre Freundin ein Referat über diese öden Blubbertiere halten wollen?

Zu Hause aß Miriam lustlos die Gemüsesuppe, die ihre Mutter vorbereitet hatte. Das viele Gemüse in der Suppe war daran nur zum Teil schuld. Sie probierte einen Schluck Kakao aus Davids Tasse, die noch vom Morgen auf dem Tisch stand. Er schmeckte auch nicht besser.

Die Eingangstür fiel ins Schloss, und zehn Sekunden später brüllte ihr David mitten ins Ohr: »Mirieeeeee träumt von ihrem Lie-ie-iebsten!«

»Verschwinde, David, bevor ich mich vergesse!«, knurrte Miriam.

Frau Kramer war soeben in die Küche gekommen und zog David, der seine Arme um Miriams Hals geschlungen hatte, weg. »Lass deine Schwester in Ruhe essen, David!«

Miriams Mutter strich mit der Hand über ihre Schulter. »Wie war’s in der Schule?«

»Geht so«, antwortete Miriam. David begann mit seinem »Laser-Racer-Auto« zu spielen. Seine Rennstrecke dafür war ausgerechnet unter dem Küchentisch.

»Ich muss noch einmal kurz in die Reinigung, ein paar von Papas Hosen holen. Du kannst doch inzwischen auf David aufpassen?«, sagte Frau Kramer, während sie im Stehen ein paar Löffel von der Suppe nahm.

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Miriam seufzte. Widerwillig beobachtete sie ihre Mutter, die hinaus in den Vorraum ging, einen Blick in den Spiegel warf und mit den Fingern über ihre kurzen, blonden Haare strich.

»Bin gleich wieder da!«, rief sie und verließ das Haus.

David trampelte inzwischen lautstark im Wohnzimmer herum. Miriam ging hinüber, um nachzusehen. Ihr Bruder versperrte ihr mit verschränkten Armen den Weg und sagte mit finsterer Miene: »Häuptling Tanzender Bär begrüßt seine Squaw!« David sprang johlend im Zimmer herum. »Du musst mitspielen, Miri!«

Mit langem Gesicht ließ sich Miriam mit Davids Springschnur an den Wohnzimmertisch binden, der im Spiel der Marterpfahl war.

»Hu hu hu hu hu!«, rief David und trommelte mit der Hand auf seinen Mund.

Plötzlich kam aus der Küche ein klirrendes Geräusch.

»Was war das, Miri?«, fragte David.

»Die Geister der verstorbenen Indianer!«, raunte Miriam finster und befreite sich von Davids Springschnurfesselung. David klammerte sich erschrocken an Miriam. »Ehrlich?«

»Blödsinn!«, antwortete Miriam und schob David weg, damit sie aufstehen und nachsehen konnte. Ein wenig fühlte sie sich mulmig, als sie in die Küche schlich.

»Schnorre! Du schlimmer, fresssüchtiger Kater!«

Schnorre stand auf dem Esstisch und leckte den Kakaosee leer, der sich vom Tisch bis hinunter auf den Fußboden ausbreitete. Miriam vertrieb den Kater, nahm die umgekippte Tasse vom Tisch und räumte sie in den Geschirrspüler. Dann begann sie den Tisch abzuwischen. »Das kommt davon, weil du deine Tasse nie wegräumst!«, rief Miriam zu David ins Wohnzimmer hinüber.

»Ich war ja noch gar nicht fertig!«, maulte David zurück.

Miriam seufzte. War heute ihr Pechtag?

Später, in ihrem Zimmer, fühlte sich Miriam besser. Sie hatte es sich an ihrem Lieblingsplatz unter dem Hochbett gemütlich gemacht. Dort hatte sie ein kleines Lager eingerichtet, mit Büchern, Schmusetieren und Krimskrams, der ihr wichtig war. Wie zum Beispiel die kleine Dose mit ihren Milchzähnen, die Autogrammkarte von David Guetta, oder die Muscheln, die sie im letzten Urlaub gesammelt hatte. Miriam öffnete ihren kleinen Handspiegel und betrachtete ihr Gesicht. Sie schob sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. Ihre rotbraunen Haare fand sie schön. Und außerdem sah sie mindestens aus wie dreizehn, obwohl sie erst zwölf war! Sie klappte den Spiegel zu und ließ ihren Blick über ihren Körper schweifen. Aber vielleicht hatte Oskar recht? War sie zu dick? Miriam nahm ein Kissen und kuschelte sich hinein. Sie streichelte Schnorre, der neben ihr lag und genüsslich zu schnurren begann. So ein Katzentier müsste man sein!

Die Tür ihres Zimmers ging auf und Herr Kramer guckte herein. Seine Haare standen wie immer sehr eigenwillig in alle Richtungen. Miriams Vater war ein Unikat. Zumindest kannte sie keinen anderen Erwachsenen, dessen Haare so aussahen, als wären sie in die Steckdose geraten.

»Hattest du einen schönen Tag?«

Miriam versuchte zu lächeln. Ihr Vater war nämlich detektivisch gut im Erforschen von Seelennöten.

»Möchtest du noch etwas zu Abend essen?«

Miriam schüttelte den Kopf.

»Dann geh bald schlafen, es ist schon spät!«

Später, in ihrem Bett, genoss Miriam wie jeden Abend den Blick aus ihrem Fenster, die Vorhänge weit zurück gezogen. Die Bäume der Allee in der Berbergasse wirkten wie gespenstische Schatten. Ab und zu hörte sie ein Auto die Straße entlangfahren. Es war Ende Mai, kurz vor den Pfingstferien. Ihr Blick schweifte zum dunklen Nachthimmel. Wenn sie sich konzentrierte, konnte sie die vielen glitzernden Sterne sehen. Unter den tausenden, schimmernden, kleinen Punkten, gab es einen, von dem sie das Gefühl hatte, dass er besonders schön funkelte. Wie es wohl dort oben aussah? Ob es Menschen auf ihrem Lieblingsstern gab? Oft träumte sie auch vom All. Und manchmal, wenn ihre Träume besonders intensiv waren, hörte sie das Lachen einer Mädchenstimme. Diese Momente waren es, die Miriam so sehr liebte, doch sie dauerten meist nur ein paar Sekunden. Miriam gähnte. »Ich will von den Sternen träumen«, murmelte sie und versuchte zu schlafen.

Irrte sie sich, oder schwebte da gerade etwas von ihrem Lieblingsstern herunter? Es kam näher und näher und sah aus wie eine glitzernde Kugel! Und jetzt schwebte diese silbern strahlende Kugel auch noch bei ihrem Fenster herein! Sie hörte das bekannte, fröhliche Lachen.

»Looos, steig auf!«, sagte die freundliche Stimme.

Miriam kletterte aufgeregt von ihrem Hochbett herunter. Wieder hörte sie das herzerwärmende Kichern. Miriam setzte sich auf die Kugel. Ihre Oberfläche fühlte sich warm und samtig an – so als ob sie auf etwas Lebendigem sitzen würde.

»Festhalten! Es geht looos!«

Miriam schwebte in die Nacht hinaus. Unter ihr waren die beleuchteten Häuser der Berbergasse, die zu kleinen Punkten wurden. Was für ein Lichtermeer!

»Gefällt es dir?«

Miriam horchte. Sprach die Kugel soeben mit ihr?

»Wer bist du?«

»Erkennst du mich nicht? Ich bin es, Juvinia! DU hast mich von Oktrivin heruntergeholt!«, sagte die Stimme und kicherte.

»WAS habe ich von WO geholt?«, fragte Miriam verblüfft.

»Sind alle Erdianer so begreifstützbar? Du hast doch Abend für Abend an mich gedacht!« Juvinia kicherte.

»Die Mädchenstimme! Das Kichern!«, flüsterte Miriam. Die Unterhaltung wurde ihr unheimlich.

»Als deine Gedanken gar nicht mehr aufhören wollten, bekam ich eeendlich die Erlaubnis zu dir zu fliegen. Schöne Grüße von meinen Eltern soll ich dir sagen!« Juvinia kicherte. »Festhalten!«

Miriam fühlte, wie die Kugel stärker zu vibrieren begann und plötzlich loszischte. Die Geschwindigkeit nahm ihr fast den Atem. Sie beugte ihren Oberkörper vor und hielt sich an der Kugel fest, die eine enge Kurve nach der anderen flog.

»Das ist das absolut Verrückteste, das mir je passiert ist!«, rief Miriam. »Ich fühle mich … schwerelos!«

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Die Kugel kicherte. »Schweeerelooos … ein schönes Wort!«

Vorsichtig richtete sich Miriam auf. Dann streckte sie ihre Arme weit von sich. »Jippieee! Ich mache eine Achterbahnfahrt in den Himmel!«

»Warum zuuuckst du so, da oben?«

Miriam lachte. »Ich friere, aber das ist nicht weiter schlimm!«

»Erdianer verklühen sich leicht, habe ich gehört. Ich fliege zurück.«

»Das Wort heißt ›verkühlen‹!«, sagte Miriam kichernd.

»Oh ja! Verküüühlen!«

Die Kugel landete sanft auf der Fensterbank. Miriam kletterte herunter und kuschelte sich bibbernd in ihr noch warmes Bett.

»Dieser Traum ist einfach toll!«, murmelte sie gähnend. Dabei versuchte sie sich auf das fröhliche Kichern zu konzentrieren, doch vor lauter Müdigkeit verlor Miriam seine Spur. Ihre Gedanken versanken im warmen Nichts, das sich in ihrem Körper ausbreitete. Der wundervolle Traum entwich.

In der Berbergasse zwitscherten die Vögel. Sonnenstrahlen erhellten das Zimmer. Miriam dachte im Halbschlaf über den verrückten Traum nach und lächelte bei dem Gedanken an die schwerelose Achterbahnfahrt.

»Guten Mooorgen!«

Miriam fuhr hoch. Sie war plötzlich hellwach. Wer hatte da geredet? Schützend hielt sie sich die Hand vor Augen, denn unter dem Fenster befand sich etwas unendlich Helles. Was ging hier vor? Vorsichtig blickte sie zwischen ihren Fingern hindurch und entdeckte ein Mädchen – sitzend – mit glitzernden langen Haaren. Es trug ein silberfarbenes Kleid, mit hellen Punkten, die leuchtenden Sternen glichen.

»W-w-wer bist du?«, stotterte Miriam.

»Wir haben uns doch gestern kennengelernt! Ich bin’s, Juvinia! Ihr Erdianer seid veeergesslich!«

»Das müssen Nachwirkungen von meinem Traum sein!«, murmelte Miriam. Schnell legte sie sich wieder hin und schloss die Augen, um den Tag noch einmal neu beginnen zu lassen.

»Schläfst du jetzt wieder ein?!«

Miriam riss die Augen auf und setzte sich wieder auf: »Du bist … echt!«

»Gaaanz echt!«, sagte Juvinia und kicherte.

Vorsichtig stand Miriam auf und näherte sich dem Mädchen. Sie streckte ihre Hand aus. »Darf ich dich anfassen?«

Juvinia nickte kichernd und hielt ihren Arm hoch.

Miriam strich über die Finger des Mädchens. Sie fühlten sich samtig an, so wie die Kugel in ihrem Traum. »Du bist wirklich da!«

Juvinia verschränkte ihre Arme und schaute Miriam keck an. »Wie lange brauchst du noooch?«

Miriams Herz begann zu klopfen. Das geliebte Lachen hatte endlich ein Gesicht! Wie hübsch Juvinia war! In ihre Haare waren unzählige kleine Perlen gewebt, und von ihrem Kleid ging ein Strahlen aus, wie Miriam es noch nie gesehen hatte!

In diesem Moment öffnete sich die Tür und David stand im Zimmer.

»Was bist denn du für ein Glitzerding? Ich mag auch so eine lebendige Leuchte in meinem Zimmer, Miri!«

»Raus hier!« Mit festem Griff schubste Miriam ihren Bruder aus dem Zimmer.

»Der kleine Erdianer ist luuustig!«, rief Juvinia.