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Ulrike Schweikert

Das kastilische Erbe

Roman

1. Auflage
Copyright © 2012 by Blanvalet Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Karte: Jürgen Speh
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-08871-2

www.blanvalet.de

Für meine Freundinnen Margareta Blankenbach
und Jenny Djadavjee und für meinen geliebten
Mann Peter Speemann

Prolog: Die Gefangene

Es war dunkel. Isaura wusste das, dazu musste sie nicht die Augen öffnen. Auch wenn es draußen sicher längst Tag war, um sie herum herrschte tiefste Finsternis. Es war wie ein Albtraum, der ewig währte und der niemals enden würde. Sie hatte aufgehört, die Tage zu zählen, die Wochen, Monate, Jahre. Es war heiß hier drinnen, so stickig, dass jeder Atemzug schwerfiel, als habe sich die Luft in eine zähe, wabernde Masse verwandelt.

Isaura ließ die Lider geschlossen und lauschte. Draußen war es still. Der morgendliche Gesang von Vögeln erklang nur in ihrer Erinnerung. Und auch der Klang schwerer Stiefel, die draußen vor der Tür auf und ab schritten, war nur ein Nachhall in ihrem Geist. Keine Schritte, keine Stimmen. Nur die Stille, die sie zusammen mit der Finsternis umschloss.

Da rauschte kaum hörbar das Leinen, das auf der anderen Seite des Raumes zurückgeschlagen wurde. Das Bett knarzte, als sich der Körper darin aufrichtete. Es war Isaura, als könne sie sehen, wie die Frau sich erhob und in die Mitte des Zimmers trat. Jung und schön war sie in ihrer Erinnerung. Die Röcke des Gewands, seit Tagen nicht mehr abgelegt, raschelten. Nach einigen Schritten blieb sie stehen, den Blick auf den Teil der Schwärze gerichtet, in dem sich irgendwo die Tür verbergen musste.

»Kann ich etwas für Euch tun?«, hörte Isaura ihre eigene Stimme, die seltsam fremd klang. Rau, alt und verbraucht.

»Ich kann nichts hören«, flüsterte die andere. »Draußen ist niemand.«

Sie trat mit schwankendem Schritt näher heran, sodass der Geruch des schon viel zu lange nicht mehr gewaschenen Körpers Isaura umhüllte. Der edel bestickte Stoff des nun schweißdurchtränkten Gewands strich an ihrem Bett entlang. Dann spürte sie eine Hand auf der ihren.

»Öffne die Tür!«, hauchte die Stimme in der Schwärze, und die schmale Hand zitterte auf der ihren.

»Ihr wisst, dass ich das nicht tun sollte«, gab Isaura ebenso leise zurück, dennoch erhob sie sich und ging, ohne auch nur zu zögern oder irgendwo anzustoßen, quer durch den Raum zur Tür. Das Rascheln des edlen Gewands folgte ihr. Isaura umfasste die Klinke mit beiden Händen. Noch immer waren ihre Augen geschlossen. Ganz langsam drückte sie die Klinke herunter und sah in ihrem Geist, wie sich ganz von selbst der Schlüssel drehte, der von außen im Schloss steckte. Und mit einem leisen Seufzen gab die Tür nach.

Frische, kühle Luft umhüllte die beiden Frauen und strich liebkosend über ihre erhitzte Haut. Isaura konnte einen Laut der Erleichterung nicht unterdrücken. Sie trat zur Seite. Bodenlange Röcke streiften die ihren. Als der erste Lichtstrahl des Morgens die Gestalt erfasste, zerfloss das Bild der schönen jungen Frau mit ihrer reinen, weißen Haut, die die Finsternis gnädig in ihrer Erinnerung bewahrt hatte.

Das helle Licht war ohne Gnade. Es traf eine alte Frau. Ihre Haut war schlaff geworden, das Haar farblos. Ihr Körper, der früher als elfengleich besungen worden war, konnte nur noch mager genannt werden. Und auch ihr Gang hatte sich verändert. Vorbei waren die Zeiten, da sie sich elegant im Tanz hätte drehen können. Das zunehmend schmerzende Hüftleiden machte ihren Gang eckig und schwerfällig. Doch am schlimmsten traf Isaura ihr Blick. Nichts war von dem Strahlen geblieben, von dem Lebensmut und dem Liebreiz. Nichts von dem kecken Funkeln oder dem weichen Schimmer, der so viele verzaubert hatte.

Isaura sah eine gebrochene Frau den Gang entlanghumpeln, bis zur Balustrade, von der aus man die Weiten des Flusstales überblicken konnte. Das ungewohnt helle Licht ließ Isaura blinzeln. Mit etwas Abstand folgte sie der schwarz gekleideten Frau die Galerie entlang, bis sie stehen blieb, den Blick sehnsuchtsvoll auf das glitzernde Wasser gerichtet, und auf das saftig grüne Gras am Ufer. Die faltigen Hände umspannten das Geländer. Nur ihr Zittern verriet, was in Geist und Herz der stolz aufgerichteten Gestalt vor sich ging. Kein Laut der Klage kam über ihre Lippen, doch ihr allumfassender Schmerz umgab Isaura wie eine Wolke und trieb ihr Tränen in die Augen. Sie spürte, wie sich feuchte Bahnen über ihre Wangen zogen, über die kühl der Morgenwind strich.

Ein durchdringendes Klingeln ließ sie hochschrecken. Isaura riss die Augen auf. Was war das? Wo war sie? Die Frau, das alte, düstere Gemäuer und der Fluss waren verschwunden. Isaura blinzelte. Verstört blickte sie sich um und versuchte zu begreifen, was sie sah.

Sie saß in ihrem Bett. Das Licht des Morgens drang in warmen Farbtönen durch den zugezogenen Vorhang. Von draußen drang gedämpft der Straßenlärm einer erwachenden Stadt zu ihr herauf. Die Anzeige ihres Weckers zeigte 6:30. Verschwunden waren der düstere Palastbau und mit ihm die Frau, deren Schicksal ihr Herz schmerzen ließ. Isaura presste sich beide Handflächen gegen die Brust und lauschte dem schnellen, unruhigen Schlag ihres Herzens, der sich nur langsam beruhigen wollte. Dann glitt ihre Hand zu ihrer Wange, die nass von Tränen war.

Schon wieder dieser Traum. Schon wieder diese Frau, deren trauriges Los sie nachts wieder und wieder verfolgte. Isaura hatte aufgehört zu zählen, wie oft sie ihr schon erschienen war. Doch wer war diese Frau? Was war ihr widerfahren, und warum kehrte sie immer wieder zu ihr zurück? Isaura zog die Beine an und umschlang ihre Knie. Sie presste ihr Gesicht in die Bettdecke und wischte sich die Tränen aus den Augen.

Warum ging ihr diese Geschichte so nah? Und warum fühlte es sich stets so echt an, dass sie sich an jede Kleinigkeit erinnern konnte? Nicht nur an das, was sie um sich sehen konnte. Das Gefühl jedes Stoffes unter ihren Fingern, all diese fremden Geräusche und Gerüche. Alles war nah und lebendig und doch auch weit weg und verwirrend.

Noch einmal quäkte der Wecker, und Isaura brachte ihn mit einem Schlag zum Schweigen. Sie warf die Decke zur Seite und sprang aus dem Bett. Sie war daheim in ihrem Schlafzimmer in ihrer Wohnung in München. Dies war ihre Zeit und ihr Leben. Isaura schob den Traum energisch beiseite. Für so etwas hatte sie jetzt keine Zeit. Erst einmal einen Kaffee kochen und vielleicht eine Semmel von gestern aufwärmen. Oh ja, mit der frischen Erdbeermarmelade, die sie vergangenes Wochenende gekocht hatte. Und vorher eine heiße Dusche, um richtig wach zu werden, ehe sie sich später auf den Weg zur Redaktion machen würde.

Das war ihr Leben. Das war die Wirklichkeit.

Doch sosehr sie sich auch bemühte, der gebrochene Blick der Frau folgte ihr und ließ sich nicht vertreiben.

Kapitel 1

München, März 2012

»Isa, wo bleibst du? Ich muss los!«

Sie wankte in die Küche und rutschte auf den Barhocker vor der Theke, wo sie gewöhnlich das Frühstück einnahmen. Heute standen dort nur zwei große Tassen mit Milchkaffee und eine Schüssel Kekse. Sie griff mit zitternder Hand nach dem Henkel der Tasse, hielt aber mitten in der Bewegung inne und wandte den Blick ihrem Mann zu, dessen Augenbrauen ein Stück nach oben gewandert waren. Sie hörte seine Gedanken, ohne dass er die Worte aussprach, und sah sich mit seinem Blick, der langsam an ihr herabglitt: über das ungekämmte Haar, das ihr in alle Richtungen abstand, und das fleckige Gesicht hinab zu ihrem alten Morgenmantel, den sie sich rasch über den Schlafanzug gestreift hatte. Sie sah fürchterlich aus!

Isaura spürte, wie sich das Rot der Flecken in ihrem Gesicht intensivierte, als wäre sie ein Teenager, den man mit einem einzigen kritischen Blick aus dem Gleichgewicht bringen konnte.

»Was ist?«, fragte sie und wusste, dass ihre Stimme aggressiv klang. Das Knurren der Tigerin, die sich durch eine gehobene Braue provoziert fühlt.

»Du hast nicht gut geschlafen«, sagte Justus. Es war eine Feststellung, keine Frage. Es musste heute wirklich schlimm um sie stehen, wenn es sogar ihm auffiel, obwohl er in Eile war.

»Stimmt«, bestätigte Isaura. »Es war wieder dieser Traum.«

»Ein Albtraum?«, hakte Justus nach und griff nach seiner Kaffeetasse. Mit der anderen Hand angelte er sich zwei Kekse.

Isaura überlegte. »Nein, eigentlich ist es kein Albtraum.«

»Nein, überhaupt nicht«, gab Justus mit einem Mund voller Kekskrümel zurück. »Deshalb stöhnst und weinst du auch immer oder schreist und strampelst die Decke weg!«

Isaura schwieg und trank einen Schluck Kaffee.

»Oder hat sich das inzwischen etwa geändert?«, hakte Justus nach und nahm sich noch zwei Kekse.

Isaura hob die Schultern. »Ich weiß nicht. Aber zumindest störe ich dich nicht mehr damit.«

Justus wandte den Blick ab. »Ich brauche meinen Schlaf, sonst kann ich nicht arbeiten«, brummte er, und dieser missmutige Zug, der ihr jedes Mal das Herz schwer werden ließ, schlich sich wieder in seine Miene.

Isaura nickte nur stumm. Sie selbst hatte es vor einem Jahr vorgeschlagen, eines der beiden Arbeitszimmer in ein zweites Schlafzimmer für Justus umzuwandeln, damit sie ihn mit ihren Träumen nicht mehr weckte. Damit sie ihm mit dieser immer wiederkehrenden Geschichte nicht mehr auf die Nerven fiel!

Es war ihr, als schmecke der Kaffee ein wenig salzig, nach den heißen Tränen so vieler Nächte ohne Trost. Isaura schluckte. Justus war ein viel beschäftigter Mann mit einem verantwortungsvollen Job. Er brauchte seinen Schlaf. Und es war nichts Ungewöhnliches, dass Paare in einer langjährigen Beziehung sich für getrennte Schlafzimmer entschieden. Das war überhaupt kein Grund, beunruhigt zu sein.

Aber Isaura war beunruhigt. Nicht nur des Traums wegen. Da war noch etwas anderes, das sie nicht fassen konnte. Oder nicht fassen wollte? Was war es, das wie ein unsichtbares Gift aus jeder Ritze kroch und sie heimtückisch umwaberte? War es nur die Gewohnheit, die sich nach den Jahren zunehmend ausbreitete? Justus leerte seine Tasse und stellte sie an den Rand der Spüle.

»Wenn ich es nur greifen und verstehen könnte«, murmelte Isaura und wusste selbst nicht, ob sie damit die schleichende Veränderung ihrer Ehe meinte oder den bedrückenden Traum, der sie mit solch zäher Beharrlichkeit verfolgte. Sie sah ihrem Mann in die Augen und öffnete den Mund, blieb aber stumm, als sie seinen abwehrenden Ausdruck sah.

Justus hob die Hände und wich einen Schritt zurück. »Wir reden später, wenn ich zurück bin. Dann kannst du mir alles erzählen. Den ganzen Traum, wenn du dich noch an ihn erinnerst. Aber nicht jetzt. Ich bin spät dran.« Er machte zwei schnelle Schritte auf sie zu und hauchte ihr einen flüchtigen Kuss auf das ungekämmte Haar. »Wir sehen uns am Freitag«, rief er schon im Hinausgehen. »Mit dem Essen brauchst du nicht zu warten. Ich weiß nicht, wie spät es wird. Ich rufe dich von unterwegs an.«

Die Wohnungstür klappte. Mit einem Knall zerbarst Justus’ Kaffeetasse auf dem Fliesenboden. Isaura schloss gequält die Augen. Sie fühlte sich zu ausgelaugt, um aufzustehen und die Scherben aufzuheben. Sie konnte sich auch nicht dazu aufraffen, sich von ihrem Barhocker zu erheben, ins Bad zu gehen und sich ein wenig herzurichten. Sie trank nicht einmal ihre Tasse leer. Sie saß nur da, während die Zeit verfloss.

»Burn-out«, hatte ihre Freundin Aline gesagt und ihr zu einer Kur oder zumindest zu einem ausgiebigen Urlaub geraten.

»Am besten schnappst du dir Justus und machst mit ihm drei Wochen Urlaub auf einer winzigen Insel in den Tropen, wo man gar nichts anderes tun kann, als seine Ehe mit viel Sex wieder in Schwung zu bringen«, waren ihre Worte gewesen, begleitet von einem vielsagenden Augenrollen. Doch Isaura dachte weder an eine Kur noch an einen Urlaub. Sie sah wieder die fremde und inzwischen doch so vertraute Frau in ihrem strengen, düsteren Gewand vor sich stehen, der Blick von Schmerz verdunkelt. Nun brannte eine einzelne Kerze in dem sonst nur von Finsternis erfüllten Raum. Das Licht huschte flackernd über das bestickte Mieder und die steifen Röcke bis hinunter zu den Schuhspitzen, die unter dem Saum hervorlugten. Sie sah jedes Detail so deutlich, dass sie glaubte, mit den Fingerspitzen über die kunstvollen Stickereien streichen zu können.

Isaura sprang auf und lief ins Bad. Rasch duschte sie sich und zog sich an. Ihr langes, dunkelbraunes Haar band sie lediglich zu einem Zopf zusammen. Dann schnappte sie sich ihre Aktentasche und lief aus dem Haus. Wenn sie sich beeilte, dann war sie so früh in der Redaktion, dass sie noch vor der Morgenbesprechung ins Archiv gehen konnte, dem sich eine kleine Bibliothek anschloss. Sie hatte das Regal und die Buchrücken der Wälzer vor Augen, in denen sie als Erstes nachsehen wollte. Später würde sie an ihrem Schreibtisch noch ein wenig im Internet stöbern können. Vielleicht erfuhr sie dann wenigstens, aus welcher Zeit die Frau in ihrem Traum stammte. Oder gar, in welchem Land sie gelebt hatte.

Wenn sie denn gelebt hatte.

Isaura ließ sich in den Sitz ihres Wagens gleiten. Den Zündschlüssel schon in der Hand hielt sie inne. Sie horchte in sich hinein. Ja, sie war sich sicher. Diese Frau hatte gelebt und ein schweres Schicksal erduldet.

»Isaura? Bist du hier?«

Obwohl ein Teil ihres Geistes den Ruf durchaus vernommen und verstanden hatte, antwortete sie nicht. Sie saß an einem der schmalen Tische, die sich an der Fensterseite des Archivs an der Wand entlangreihten, und starrte auf die Seite eines aufgeschlagenen Buchs, die ein bestimmt schon mehrere Hundert Jahre altes Gemälde zeigte. Eine Frau starrte ihr aus dunklen Augen entgegen, und Isaura starrte zurück. Stumm und bewegungslos saß sie da und erwiderte den in Öl und Farbe gebannten Blick.

»Isaura?«, rief die Stimme noch einmal, dann tauchte Sven, einer der Praktikanten des Zeitungsverlags, zwischen zwei deckenhohen Regalen auf.

»Da bist du ja!«, rief er mit Empörung in der Stimme. »Warum antwortest du denn nicht? Ich suche dich überall.«

Langsam, wie unter Zwang, hob Isaura den Kopf und sah ihn an.

Sven war groß und dürr. Sein rotes Haar stand ihm meist nach allen Seiten vom Kopf ab, und seine weiße Haut war an jeder Stelle – soweit Isaura das beurteilen konnte – mit Sommersprossen übersät.

»Was ist? Was hast du da?«

Sven trat näher und betrachtete ebenfalls das Gemälde, das die ganze linke Seite einnahm. »Unbekannte Schöne«, las er den Titel darunter. »Spanien, erste Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts. Machst du jetzt was über Spanien?«

»Kann sein«, gab Isaura ausweichend zur Antwort und richtete ihren Blick wieder auf das Bildnis, das sie aus irgendeinem Grund magisch anzog. Es war nicht die Frau aus ihren Träumen, das war ihr sofort klar. Im Gegensatz zu dem Bildnis hatte diese viel feineres, dunkelblondes Haar, und ihre Augenfarbe war heller. Die Dame auf dem Bild hatte dunkles Haar, das wie Kastanien schimmerte, und braune Augen. Auch die Gesichtszüge unterschieden sich ganz eindeutig, und dennoch konnte Isaura sich nicht von dem Bildnis losreißen, das sie mit so viel Ernst und Traurigkeit direkt anzusehen schien. Lag es nur daran, dass das Gewand, das die Frau trug, dem in ihrem Traum ähnelte? Ja, das wäre möglich gewesen. Warum hatte sie den strengen geometrischen Stil der frühen spanischen Hofmode nicht gleich erkannt?

Sven drängte sich noch ein Stück näher und beugte sich ebenfalls über das Buch. »Sie sieht dir ähnlich«, sagte er und musterte mit gerunzelter Stirn erst das Bild und dann seine Kollegin.

Der Bann war gebrochen. Isaura lachte. »Ja, ich habe damals im – wann war das noch gleich? – in den ersten Jahren des sechzehnten Jahrhunderts dem Hofmaler Modell gesessen. Es kommt mir vor, als sei es gestern gewesen. Und ich sage dir, das Kleid war höllisch unbequem!«

Sven grinste breit. »Ja, so sieht es auch aus. Ein wenig unnatürlich, nicht wahr? Als wären die Proportionen irgendwie verschoben.« Er hob die feinen, rötlichen Brauen und legte den Kopf ein wenig schief. »Oder war nur der Maler nicht der Talentierteste?«

Isaura lächelte noch immer, schüttelte aber den Kopf. »Nein, das würde ich so nicht sagen. Es ist zwar nicht mein Spezialgebiet, doch ich meine mich zu erinnern, dass die spanische Mode eine recht steife und unbequeme Sache war, die auf die natürlichen Körperformen nicht allzu viel Rücksicht nahm. Selbst Männer mussten eine Art Korsett tragen.«

Sven klopfte sich auf seine schmächtige Brust. »Na, viel einzuschnüren gäbe es bei mir nicht.«

Isaura knuffte ihn in den Arm, als sie sah, wie sein Blick an ihr hinaufwanderte. »Untersteh dich, einen Kommentar abzugeben, was man bei mir einschnüren könnte oder nicht!«

Sven grinste breit. »Ich werde mich hüten. Und nun komm! Ich soll dich nämlich schnellstmöglich zur Redaktionssitzung schleppen. Alex ist schon ein wenig ungehalten, um es mal vorsichtig zu formulieren.«

Isaura sah auf ihre Uhr. »Oje, so lange wollte ich gar nicht hierbleiben. Ich fürchte, ›ungehalten‹ trifft die Sache nicht ganz.«

Sie sprang auf. Sven klappte das Buch zu und machte Anstalten, es zu der Lücke im Regal hinter ihnen zurückzubringen, doch Isaura riss es ihm aus der Hand und stopfte es in ihre Aktentasche.

»Man darf die Bücher hier nicht ausleihen«, protestierte Sven.

Isaura reckte sich ein wenig, um wenigstens annähernd so groß wie der junge Mann zu sein, und übte sich an einem überheblichen Blick. »Das weiß ich auch. Aber ich muss nachher noch etwas nachsehen, ehe ich es zurückbringe.«

Sven hob die Schultern und machte sich auf den Weg zur Tür. »Deine Sache«, murmelte er.

Schweigend gingen sie nebeneinanderher den Gang entlang. Sven hielt ihr die schwere Metalltür auf, die den Archivteil des Hauses von den Redaktionsbüros trennte.

»Woher kommt eigentlich dein Name?«, fragte er plötzlich. »Isaura. Habe ich vorher noch nie gehört.«

Isaura blieb stehen. »Ja, das ist ein ungewöhnlicher Name. Als Teenager habe ich dazu mal Bücher gewälzt und rausgefunden, dass er sich von ›Isaria‹ ableitet, dem lateinischen Namen eines Gebiets in Kleinasien. Ein alter, spanischer Vorname. Weiß der Himmel, wieso meine Großmutter ausgerechnet diesen Namen für mich ausgesucht hat – das behaupten jedenfalls meine Eltern. Leider ist mir zu spät eingefallen, sie danach zu fragen. Sie ist vor einer Weile gestorben.«

»Das tut mir leid«, meinte Sven ein wenig verlegen.

Sie zuckte nur mit den Schultern und öffnete die Tür zum Konferenzraum.

Isaura rutschte auf ihren Platz. Die Chefredakteurin unterbrach ihren Vortrag nicht, doch der Blick, den sie Isaura zuwarf, ließ ein anschließendes Donnerwetter erahnen. Die Uhr an der Wand zeigte ihr, dass sie eine halbe Stunde zu spät war. Wie hatte das nur passieren können? Sie war doch nur kurz in der Bibliothek gewesen, um einen Blick in die Bücher über historische Mode zu werfen. Und dann war sie auf dieses Bild gestoßen.

Sie konnte das Buch förmlich spüren, das in ihrer Tasche unter dem Tisch steckte. Es schien Wärme auszustrahlen und zu pulsieren, als sei es lebendig und könne seinen Herzschlag über das Leder der Tasche auf ihre Beine übertragen.

Nein, korrigierte sich Isaura in Gedanken. Nicht das Buch, das Bild! Die Frau auf dem Bild mit den rätselhaft traurigen Augen.

»Irgendwelche weiteren Themenvorschläge? Isaura?«

Sie blinzelte und konnte ihren Blick nur mit Mühe auf die Chefredakteurin fokussieren. Es fühlte sich an, als würde sie jemand unvermittelt aus einem Traum reißen. Dieses Ziehen tief in der Brust und die Schwere, die sie wie Gewichte am Grund des Traums zu halten versuchte. Ein schmerzhaftes Sich-Wehren.

»Isaura!«

»Ja?«

»Hast du überhaupt zugehört?«

Sie schwieg. Das war Antwort genug. Was sich nun in Alex’ Miene zusammenbraute, war mehr als nur eines ihrer gewöhnlichen Donnerwetter, die sie in regelmäßigen Abständen über ihre Redakteure entlud.

»Ich will dich nachher in meinem Büro sprechen«, sagte sie gepresst, und ihre zusammengekniffenen Augen verhießen nichts Gutes. Dennoch blieb ihre Stimme ruhig, als sie die Frage wiederholte.

»Ich möchte von jedem Themenvorschläge für unsere neue Reportagenreihe. Wir können auch größere Komplexe einplanen, die dann in mehreren aufeinanderfolgenden Heften verschiedene Aspekte eines Themas beleuchten.«

Isaura nickte, doch ihr Kopf schien ein einziges schwarzes Loch zu sein, das keinen vernünftigen Gedanken hergab. Abgesehen vielleicht von Grübeleien über geheimnisvolle Frauen aus vergangenen Jahrhunderten, die durch ihre Träume spukten. Aber das war wohl kein Thema für das neue Heft.

»Ich denke noch darüber nach«, murmelte Isaura und hoffte, der Blick würde endlich einen ihrer Kollegen ins Visier nehmen. Da meldete sich Sven zu Wort und erlöste Isaura von dem inquisitorischen Blick ihrer Chefin.

»Ja?«

»Wir könnten etwas Historisches machen«, stieß er hervor und sah Beifall heischend in die Runde, doch die meisten schüttelten nur ablehnend die Köpfe oder lächelten herablassend.

»Historisch«, grunzte Hans-Dieter, der älteste unter den Redakteuren, den Isaura am wenigsten mochte. »Was für ein mitreißender Vorschlag, und so detailliert durchdacht!«

Linda murmelte etwas von »verstaubt«. Dennoch hakte Alex nach, ohne dass man ihrer Stimme entnehmen konnte, was sie darüber dachte.

»Spanien«, stieß Sven ein wenig atemlos hervor. Vielleicht bereute er bereits, dass er alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Isauras Dankbarkeit konnte er sich jedenfalls für diese ritterliche Tat sicher sein. Sie beschloss, ihn in der Pause zu einem Kaffee einzuladen.

»Spanien?«, wiederholte Alex. »Und weiter? Welche Zeit?«

»Oh nein«, stöhnte Linda. »Franco, Faschismus, die ganze alte Leier.«

»Nein!«, wehrte Sven ab. Der Junge ließ sich nicht unterkriegen. »Weiter zurück. Fünfzehntes oder sechzehntes Jahrhundert.«

Isaura wusste, was ihn auf diesen Einfall gebracht hatte, der nichts anderes war als ein Versuch, sich anständig aus der Affäre zu ziehen. Sie sah in den fragenden Gesichtern der Kollegen, dass keiner eine rechte Vorstellung von dieser Zeit hatte, und selbst Alex schien sich nicht sicher, was sie von diesem Vorschlag erwarten konnte. Auch Isaura hatte nur eine vage Idee. Schlagwörter wie Reconquista, Inquisition, Judenvertreibung, Eroberung von Granada, Christoph Kolumbus und die Entdeckung Amerikas fielen ihr ein. Und das Bild einer unbekannten Frau in einem strengen, dunklen Kleid der frühen spanischen Hofmode.

Isaura betrat nach einem kurzen Klopfen das Büro der Chefredakteurin. Alex war nicht einmal zehn Jahre älter als sie, dennoch schaffte sie es zuweilen, dass sich Isaura in ihrer Gegenwart wie ein Kind fühlte, das von einem Erwachsenen gerügt wurde. Es kam ihr sogar der Verdacht, dass Alex diese strenge, schmale Brille nur besaß, um sie ein Stück die Nase herunterschieben und dann mit diesem eisigen Blick über den Rand schauen zu können, der selbst die Hartgesottenen unter ihnen verlegen stottern ließ, die einige Jahre mehr als die Chefin auf dem Buckel hatten.

»Schließ die Tür und setz dich!«

Isaura versuchte eine freundlich-unbeschwerte Miene zu wahren und zog sich einen Stuhl heran. Stumm wartete sie, bis Alex den Stapel Papiere beiseiteschob, nachdem sie ihn in unglaublichem Tempo durchgesehen hatte. Ja, sie war mit ihren vierzig Jahren schon die Richtige auf diesem Posten, den ihr nicht wenige neideten. Dann richtete sich der Blick auf Isaura, als wolle er bis in die letzten Tiefen ihrer düsteren Geheimnisse vordringen. Isaura widerstand dem Bedürfnis, unruhig auf dem Stuhl herumzurutschen. Stattdessen erwiderte sie den Blick. Endlich sprach Alex die Frage aus, die Isaura bereits in ihren Augen gelesen hatte.

»Was ist eigentlich mit dir los?«

»Ich war im Archiv, etwas nachschauen, und da habe ich die Zeit vergessen«, entschuldigte sich Isaura. »Es tut mir leid, dass ich zu spät gekommen bin. Es wird nicht wieder vorkommen.«

Alex wischte ihre Erklärung mit einer ungeduldigen Handbewegung beiseite. »Das meine ich nicht. Oder zumindest nicht nur das. Du vergisst Termine, hältst Zeiten nicht ein, bist abwesend und …«, sie hielt inne, und Isaura hatte die seltene Gelegenheit zu erleben, dass ihre Chefin um Worte rang, die doch sonst ihre Verbündeten und ihre schärfsten Waffen waren.

»Du gefällst mir nicht«, sagte sie schließlich. »Schau nur in den Spiegel, wie du aussiehst.«

»Danke für das aufmunternde Kompliment«, gab Isaura sarkastisch zurück.

Alex schüttelte unwirsch den Kopf. »Das ist kein Spaß. Du bist blass, hast Ringe unter den Augen und wirkst unkonzentriert, und das schon seit einer ganzen Weile. Ist etwas vorgefallen? Hast du Ärger mit deinem Mann? Oder etwas anderes, das dich quält? Du kannst doch mit mir reden!«

Isaura überlegte. Quälte sie etwas? Außer dass Justus sich gegen Kinder entschieden hatte, wogegen sie sich ein Kind in ihrem Leben durchaus vorstellen konnte? Zumindest meinte er, es sei jetzt nicht der rechte Zeitpunkt. Doch wann glaubte er, würde dieser kommen? Wenn er keinen Stress mehr haben würde? Wann könnte das sein? Mit sechzig, wenn er aus dem Job aussteigen wollte? Isaura war jetzt zweiunddreißig. Wie lange wollte oder konnte sie warten?

Aber nein, das war nicht das, was an ihr zehrte. Glaubte sie jedenfalls. Und Justus? Eheprobleme – abgesehen von ihrer voneinander abweichenden Meinung zum Thema Kinder? War da etwas? Sie sahen einander nicht mehr so häufig. Die gemeinsamen Unternehmungen schrumpften. Natürlich. Justus war geschäftlich viel unterwegs, und sie lebten seit mehr als zehn Jahren zusammen. War es da nicht natürlich, dass das Feuer nachließ und zu einer behaglichen Glut zusammenschrumpfte? Sie führten eine gute Ehe! Es gab nichts, das ihr Sorgen bereiten sollte.

Wirklich?

Ja!

Dann waren es nur diese Träume, die sie quälten? Die ihr so sehr zusetzten, dass ihre Arbeitsleistungen darunter zu leiden begonnen hatten?

Was für ein Blödsinn!

»Es ist nichts Ernstes«, wiegelte Isaura ab. »Ich habe nur die letzte Erkältung verschleppt und bin ein wenig urlaubsreif. Ja, ich sollte mit Justus wegfahren, nur wir beide, um mal wieder Zeit für uns und unsere Beziehung zu haben«, fügte sie eingedenk des Rats ihrer Freundin Aline hinzu.

Bei dem Wort Urlaub verzog Alex das Gesicht. So recht wollte sie nicht einsehen, wozu ein Mitarbeiter so viele Tage Urlaub im Jahr benötigte. Sie selbst verbrachte die meisten ihrer Urlaubstage in der Redaktion.

»Wann? Und an wie viele Tage denkst du?«, hakte die Chefredakteurin vorsichtig nach.

Isaura hob die Schultern. »Ich weiß noch nicht. Ich muss erst mit Justus darüber sprechen, wie lange er sich losreißen kann und wohin er fahren möchte.« Sie erhob sich, ehe Alex noch ein paar unangenehme Fragen einfielen.

»Ich sag dir dann Bescheid. Im Moment ist die Redaktion ja gut besetzt«, fügte sie hinzu, was Alex gezwungen war zu bestätigen.

»Und ich lass mir was für die Reportagen einfallen«, versprach Isaura. Sie deutete Alex’ Nicken als ihre gnädige Entlassung und schlüpfte aus dem Zimmer, ehe ihre Chefin es sich anders überlegte.

»Und? Wie war es?«, erkundigte sich Sven, als sie an ihren Schreibtisch zurückkehrte. »Den Kopf hat sie dir offensichtlich nicht abgerissen.«

Isaura ignorierte diese Bemerkung. So vertraut war sie mit dem Praktikanten nicht, dass sie seine Neugier befriedigen wollte. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und lud einen der Artikel, an denen sie arbeitete.

Sven seufzte. »In Ordnung. Ich hab’s verstanden. Das geht mich nichts an.«

Er stand auf und kam zu ihr herüber. Isaura unterdrückte den Impuls, ihn anzufauchen und an seinen Platz zurückzuschicken.

»Und, bist du schon mit deiner Spanienreportage weitergekommen?«

Sven stöhnte. »Erinnere mich nicht daran! Das war das Einzige, was mir spontan in den Sinn kam. Ich habe keine Ahnung, was ich jetzt daraus machen soll. Wenn mir kein guter Ansatz einfällt, dann rammt mich Alex ungespitzt in den Boden. Ich und ein geschichtliches Thema! Mann, was habe ich mir dabei nur gedacht!« Er hielt inne und sah Isaura eindringlich an.

»He, das wäre doch was für dich. Du müsstest dich da auskennen. Du hast doch schon solche Geschichten gemacht. Also, wenn du willst, dann überlasse ich dir die Idee.«

»Ganz selbstlos und großzügig!«

Sven grinste. »Aber klar doch. Weil du es bist.«

Und ehe sie noch ablehnen konnte, flüchtete er zurück an seinen Schreibtisch.

Isaura entschied sich noch für einen Abstecher in die Münchner Fußgängerzone, ehe sie sich auf den Nachhauseweg machte. Es war empfindlich kalt, und der Frühling ließ sich noch nicht so recht erahnen, daher beschleunigte sie ihren Schritt und steuerte direkt die riesige Buchhandlung an, an der sie so selten vorbeiging, ohne wenigstens einen kleinen Besuch zu wagen, und aus der sie genauso selten ohne mehrere Neuerwerbungen wieder herauskam. Zuerst bummelte sie ein wenig an den Tischen mit den gerade frisch erschienenen Romanen entlang, dann trieb es sie in die Ecke mit den Biografien. Sie dachte gar nicht so recht darüber nach, doch ihre Hand griff zielsicher nach einem Buch mit dem Titel »Isabella«. Sie drehte das Buch um.

»Eine außergewöhnliche Frau – eine große Königin«, stand in fetten Buchstaben auf der Rückseite über dem Text, der den Inhalt des Buchs kurz anriss.

Wieder Spanien, natürlich. Es hatte ihr die ganze Zeit im Kopf herumgespukt. Isabella die Katholische hatte von 1451 bis 1504 gelebt. Sie war Königin von Kastilien und León und mit Ferdinand, dem König von Aragón, verheiratet gewesen. Ja, richtig, unter ihrer Herrschaft war die Reconquista zu Ende geführt und Granada erobert worden. Während ihrer Herrschaft war Kolumbus nach Amerika gesegelt, und das Goldene Zeitalter Spaniens hatte begonnen.

Isaura nahm die Biografie und gleich noch ein zweites Buch über die katholischen Könige und ihre Zeit mit zur Kasse und bezahlte. Sie wollte schon gehen, als eine junge Verkäuferin sie ansprach.

»Interessiert Sie das Thema? Ich meine, möchten Sie noch mehr darüber wissen als die Dinge, die man in den üblichen Abhandlungen über die spanischen Könige und ihre Zeit findet? Sie sind doch Journalistin, nicht wahr?«

Isaura nickte.

»Wollen Sie über das Thema schreiben?« Die Frau sah sie eindringlich an.

Isaura antwortete ausweichend. »Ich habe mich noch nicht entschieden. Ich möchte erst einmal einen Überblick bekommen.«

Die junge Frau nickte. »Gut, aber wenn es Sie in seinen Bann gezogen hat, dann habe ich eine Empfehlung für Sie. Schauen Sie einmal im Antiquariat Collmann vorbei und fragen Sie nach dem Buch der ›Caminata de la edad‹.« Sie reichte ihr eine Karte mit einer Adresse irgendwo in Sendling.

Isaura bedankte sich und verabschiedete sich höflich, allerdings ohne die Absicht, dem Rat zu folgen. Die beiden Bücher in ihrer Tasche waren als Lektüre über das Thema sicher mehr als ausreichend, falls sie überhaupt etwas damit anfangen wollte.

Sie fuhr nach Hause, wärmte sich das Gratin vom Vortag auf, goss sich ein Glas Weißwein ein und zog sich damit auf das Sofa zurück. Im Fernsehen kam wieder einmal nichts, das sie interessiert hätte. Frustriert schaltete sie den Apparat wieder aus, nachdem sie zweimal durch alle Programme gezappt hatte. Sie ging in die Küche, ließ sich einen Milchkaffee aus der Maschine und kehrte mit der Büchertüte zum Sofa zurück. War es nicht ein wenig voreilig gewesen, gleich zwei Bücher über die sogenannten katholischen Könige zu kaufen? Allein der seltsame Titel stieß ihr sauer auf. Wollte sie sich damit befassen? Fast ein wenig unwillig schlug sie die Biografie »Isabella« auf und begann zu lesen.