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Das Buch

Juli hat echt einiges durchstehen müssen, um an den Mann ihrer Träume ranzukommen: Zwölf Monate lang hat sie siebzehn Kerle gedatet – und dann das Happy End.

Moment. Happy – ja. Aber End? Es geht doch gerade erst los?

Frei nach dem Motto »Irgendwas ist immer« durchleidet und -lebt sie die nächsten zwölf Monate – mit Konrad an ihrer Seite. Und erlebt den ganz normalen Wahnsinn einer frischen Beziehung: vom Weihnachtsgeschenkekrampf über die Exfreundin, Gewichtsschwankungen bis hin zum In-spe-Schwiegermutter-Test

Die Autorin

Juli Rautenberg, geboren 1983 in Mannheim, hat lauter nutzloses Zeug studiert und arbeitet inzwischen als freie Lektorin. Sie war jahrelang Single – und zwar nicht freiwillig. Ihre Suche nach dem Mann ihrer Träume hat sie zwölf Monate lang in einem Blog dokumentiert. Es folgten zwölf Monate an der Seite des Mannes ihrer Träume – der selbiges immer noch ist, aber irgendwann die Faxen dicke hatte und Juli darum bat, das Bloggen doch bitte sein zu lassen und mehr Zeit mit ihm und Beziehungsschnittlauch Eberhard zu verbringen.

Juli Rautenberg

Ich nehme alles zurück

und behaupte das Gegenteil

Blanvalet-Logo.eps

1. Auflage

Originalausgabe November 2012 bei Blanvalet Verlag, München,

einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH

© 2012 by Blanvalet Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

© des Gedichts in der Widmung

Frantz Wittkamp, Lüdinghausen

Wir bedanken uns für die Genehmigung zum Abdruck.

Umschlagfoto: © Getty Images/STOCK4B-RF

Umschlaggestaltung: © Johannes Wiebel | punchdesign

lf · Herstellung: sam

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-08418-9

www.blanvalet.de

Für D.

Glück ist eine große Last,

Sperrgut, sozusagen.

Wenn du nichts dagegen hast,

helfe ich dir tragen.

Frantz Wittkamp

November

Schmetterlinge im Bauch

Happy End

Samstag, 6. November, um 11:31 Uhr

»Liebling?«

Es ist Samstagmorgen. Und viel zu früh. Trübes Novemberlicht fällt durch den Vorhang. Draußen ist der Herbst angekommen, es ist windig, regnerisch und ekelerregend kalt. Hier drin, in unserer kleinen Höhle, ist es herzzerreißend gemütlich und warm.

Ich kuschele mich in die Bettdecke. Von der linken Matratzenhälfte geht noch Wärme aus. Konrad muss gerade erst vor ein paar Minuten aufgestanden sein. Konrad! Mein Herz vollführt in einer spontanen frühsportlichen Einlage einen Purzelbaum. Konrad! Ich probiere die Sätze noch einmal aus, die ich seit ein paar Wochen jeden Morgen vor dem Spiegel übe: Ich habe einen Freund. Ich habe wirklich einen Freund. Ich bin nicht mehr allein. Ich habe Konrad. Das klingt gut! Sogar noch besser als: Ich geh zum Sport. Vielleicht auch, weil die vierwöchige Probemitgliedschaft in einem Fitnessstudio mich weder zu einer potenziellen Iron-Man-Kandidatin noch erwähnenswert schlanker gemacht hat. Die Mitgliedschaft habe ich deswegen nach vier Wochen gekündigt. Also, die im Fitnessstudio. Diese hier nicht. Nicht die mit Konrad.

Es fällt mir schwer zu sagen, seit wann Konrad Teil meines Lebens ist. Irgendwie ist er das ja schon immer. Konrad und ich teilen uns die Erinnerung an neun schrecklich pubertierende Jahre auf dem Gymnasium, eine Fünf in Chemie, eine gemeinsame Abneigung gegen Frank Hochstetter, den damals coolsten Jungen der Stufe (mich hat er abserviert, als ich ihm auf Klassenfahrt in Rom meine Liebe gestand, und Konrad hat er verprügelt, als er einmal einen unflätigen Kommentar über Franks tiefergelegten BMW verlauten ließ), einige erfolglose Demonstrationen gegen die Abschaffung des Oberstufenkellers und drei gemeinsame Jahre Ethik-Unterricht, in denen ich Konrad weitestgehend aus- und er mich weitestgehend angelacht hat.

Konrad – das habe ich vor ein paar Tagen bei einem postkoitalen Gespräch unter der Bettdecke erfahren – war lange Zeit schlimm in mich verliebt. Genau genommen von Klassenstufe fünf bis dreizehn – mit einer kleinen Unterbrechung, als ich in der Zehnten mit Roland Fuchsinger »ging«. Da kühlte Konrads Leidenschaft für einige Wochen ab, erwachte aber wieder, als sein Deutsch-LK mit der Lektüre der Leiden des jungen Werther begann.

»Liebling?«

Als Konrad mir vor ein paar Tagen unter der Bettdecke seine pubertären Gefühle gestand, war mir das im ersten Moment wirklich peinlich. Nein, stimmt nicht. Im ersten Moment musste ich – vollkommen unangebracht – lachen. Das hat Konrad mir wiederum ein bisschen übel genommen. Ich riss mich also zusammen und erklärte japsend, keuchend und mir die Tränen aus den Augen reibend: »Das ist nur so unglaublich! Da fühlte ich mich meine ganze Jugend über hässlich, ungeliebt und scheiße, und jetzt sagst du mir knapp zehn Jahre später, dass du heimlich in mich verliebt warst!«

»Na ja«, wand Konrad ein. »Aus heutiger Sicht muss ich schon sagen: Ein bisschen komisch sahst du wirklich aus.«

Ich zog eine Augenbraue in die Höhe. »Wie bitte? Gerade noch wilde Sturm-und-Drang-Leidenschaft, und jetzt stürzt du deine Königin?«

»Entschuldigung«, unterbrach mich Konrad leicht entrüstet, »du hattest grüne Haare!«

»In der Siebten«, räumte ich ein. »Das war ein schlimmer Verstoß gegen die ästhetischen Menschenrechtskonventionen, das gebe ich gerne zu. Aber danach wurde es besser!«

»Danach hast du Plateauschuhe und eine Umhängetasche aus gelbem Synthetikfell getragen«, widersprach Konrad.

Ich hasse die Neunziger. Und ich hasse die Tatsache, dass ausgerechnet ich in diesem Jahrzehnt meine Ich-probier-mal-alle-Haarfarben-die-es-auf-dem-Markt-so-gibt-Phase hatte. Was würde ich heute dafür geben, auf Jugendfotos Schulterpolster und Haarspraymauer zu tragen oder Petticoats und Spitzbrust-BHs und nicht Glitzeroberteile und Plastiksonnenblumen im türkis-blond gestreiften Haar.

»Ist ja auch egal«, lenkte Konrad harmoniebedürftig ein. »Du hast mir damals gefallen, egal wie sehr du versucht hast, dich zu verunstalten.« Ich holte tief Luft, um Konrad ins Wort zu fallen. »Ich fand dich trotzdem toll«, fuhr er schnell fort und gab mir einen Kuss, bevor ich ihm erneut widersprechen konnte. »Und das finde ich heute auch. Mehr denn je.«

Hach! Konrad! Ich habe einen Freund. Diesen Satz kann man einfach nicht häufig genug sagen.

»Liiiiiiiebling!«

Er nennt mich Liebling. Wir haben neulich festgestellt, dass wir noch nicht lange genug zusammen sind, um uns ganz eigene und persönliche Kosenamen zu geben. Also solche Kosenamen, die aus der Geschichte entstanden sind, die man gemeinsam erlebt hat, aus Situationen, aus gemeinsamen Momenten. Die müssen zwar nicht unbedingt schöner sein als die gängigen Modelle, haben aber immerhin einen gewissen Erinnerungswert und sind deswegen meistens erlaubt. Wir haben uns auf ein basisdemokratisches »Liebling« geeinigt, bis uns geeignete, personifizierte Kosenamen vor die Flinte laufen.

Konrad. Mein Liebling. Mein Liebster von allen. Das war lange nicht klar. Also mir war lange nicht klar, dass ich Konrad am liebsten haben sollte. Nicht nur während der neun Jahre Gymnasium, sondern auch danach nicht. Gut, das fiel nicht besonders schwer, immerhin haben wir uns nach dem Abi in unsere jeweiligen Leben gestürzt und einander zielstrebig aus den Augen verloren. Ich ging studieren, Konrad zum Bund. Da fing er auch zwangsläufig mit Sport an, nahm fünfzehn Kilo ab und hörte auf, sich ausschließlich in Nullen und Einsen auszudrücken. Er legte seine Nerdigkeit ab und ein paar neue Angewohnheiten zu, fing mit dem Wirtschaftsinformatikstudium an, trat in die Hockeymannschaft der Uni ein, lernte coole Leute kennen und begann irgendwann, sich auch wie sie zu kleiden. Das bekam ihm allem Anschein nach recht gut, denn plötzlich standen die Pferdeschwanzmädchen bei ihm Schlange. Für eine ebensolche entschied er sich am Ende auch: Nadine.

Nadine sieht aus wie ein Supermodel und hat den Charakter einer Schmeißfliege, soweit ich das beurteilen kann, aber vielleicht bin ich auch nur voreingenommen.

Sie umwarb Konrad so konsequent, säuselnd und – das verriet er mir im Vertrauen – fast schon furchteinflößend ergebnisorientiert, dass Konrad am Ende all seine Bedenken über Bord warf und sich dem Weibe hingab. Das Ganze hielt dann ein paar Jahre, bis Nadine ihn wegen eines anderen verließ. Und nach ein paar Monaten zurück in die gemeinsame Wohnung gekrochen kam. Konrad hatte in der Zwischenzeit allerdings jemand anderen kennengelernt. Jemanden, der ihn nicht nur wegen seines phänomenalen Äußeren und seines dicken Bankkontos liebte. Jemanden, der ihn schon sehr lange kannte und in der Unterstufe immer seinen Turnbeutel versteckt hat.

Mich.

»Juli!«

Ich wälze mich auf die andere Seite. Es ist ein schönes Gefühl, Teil einer Beziehung zu sein. Kurt Tucholsky, von dem ich eigentlich sehr viel halte, schrieb einmal: Es wird nach einem Happy End im Film jewöhnlich abjeblendt. Kann ich gar nicht verstehen. Da fängt die wirklich aufregende Zeit doch überhaupt erst an! Dann wird’s romantisch, vertraut, intim und im besten Fall auch sexuell. Der erste Kuss (bei uns sehr romantisch: im Zoo vor dem Affengehege), der erste Sex (ein bisschen weniger romantisch: Währenddessen sprach meine Mutter fünfzehn Minuten lang auf den Anrufbeantworter), das erste gemeinsame Einschlafen miteinander (zugegeben, so gut wie gar nicht romantisch: Ich hatte eine Erkältung und habe schlimm geschnarcht).

Konrad und ich haben den Oktober weitestgehend im Bett verbracht. Das gehört sich auch so für ein frischgebackenes Paar. Im Bett harmonieren wir sehr gut miteinander, ganz gleich ob kopulierend, kuschelnd oder schlafend. Und sogar außerhalb des Bettes verstehen wir uns wirklich gut, auch wenn sich das bislang auf gemeinsames Einkaufen und die schnelle Nahrungszubereitung beschränkt. Weiter als bis zum REWE um die Ecke sind wir noch nicht gekommen. Wir waren ja ganz und gar damit beschäftigt, verliebt ineinander zu sein. Ich kann mich also nur wiederholen: Es hat wirklich überhaupt keinen Sinn, nach einem schönen und vielversprechenden Happy End abzublenden!

»Juuuli!«

Jetzt reicht’s mir aber gleich. Wieso schreit er denn so? Kann er nicht einfach herkommen?

Ich setze mich im Bett auf. »Was ist denn los?«

»Na endlich! Kannst du mal bitte kommen? Klopapier ist alle!«

Ach so. Deswegen wird in der Regel nach dem Happy End abgeblendet.

Der Richtige

Mittwoch, 10. November, um 19:03 Uhr

Konrad und ich verbringen wirklich sehr viel Zeit miteinander, vorrangig in der Horizontalen. Ich weiß nicht genau, wie unsere Körper das schaffen, ohne zusammenzubrechen: Wir nehmen nur einen Bruchteil der üblichen Nahrungsmengen zu uns und verbrennen mindestens doppelt so viele Kalorien wie normalerweise, weil wir wirklich sehr, sehr viel Sex haben. Wenn wir gerade mal keinen Sex haben, küssen wir uns stundenlang, was, das haben Recherchen im Internet ergeben, ebenfalls jede Menge Kalorien verbrennt. Und das Immunsystem stärkt! Immerhin wechseln bei einem intensiven Kuss bis zu vierzigtausend Bakterien ihren Besitzer. Was ein bisschen eklig ist, wenn man es so schwarz auf weiß liest.

Trotzdem kein Wunder, dass ich mich topfit, strahlend schön und so rank und schlank wie niemals zuvor fühle. Wenn ich gewusst hätte, wie leicht es ist, drei Kilo in vier Wochen zu verlieren, hätte ich mich schon viel früher verliebt.

Unsinn. So ein Quatsch! Ich wollte mich ja nicht in irgendwen verlieben, sondern in den Einen, den Richtigen!

Wobei … Nein, so ganz kann ich das wohl doch nicht stehen lassen. Ich würde ja zu gerne aus vollster Überzeugung und reinstem Herzen behaupten, dass ich auf jemanden wie Konrad nur gewartet hätte. Dass ich mir in meinen romantisierten Kleinmädchenträumen vorgestellt habe, dass ich ihm, dem ich in der Mittelstufe Furzkissen auf den Stuhl gelegt habe, auf einem grün bewachsenen Hügel im milden Junisonnenschein mit ausgestreckten Armen entgegenlaufe – in Zeitlupe UND mit Geigenmusik.

Dem ist aber nicht so. Konrad ist vielleicht nicht das komplette Gegenteil dessen, was ich mir immer gewünscht habe, aber auch nicht so, wie ich dachte, dass er sein sollte. Aber wie sollte er denn sein? Ich frage mich, was genau ich eigentlich wollte, als ich vor mehr als einem Jahr mit meinem kuriosen Experiment begann. Ich wollte jemanden. Und auch wenn das nach irgendjemandem klingt – nein, nein, so war das nicht. Nicht irgendwen, sondern: jemanden. Der zu mir passt. Der mich nicht verbiegt. Und der mein Leben noch schöner macht.

Noch schöner. Das impliziert, dass es schön war. War es aber nicht. Ich war ein mieser Single. Ein ganz mieser. Vielleicht sogar der mieseste Single überhaupt. Ich konnte dem Alleinesein wirklich gar nichts abgewinnen und malte mir in meinen Vorstellungen aus, wie schön und wie glücklich ich zu zweit wäre. Wenn ich ehrlich bin, war es am Anfang gar nicht so wichtig, wem ich mein Herz hinterherwarf. Ich war ja schon glücklich, wenn es überhaupt jemanden gab, an dessen Fersen ich mich heften konnte. Die meisten, die ich traf, waren dann leider auch ganz und gar nicht das, was ich mir so vorgestellt hatte.

Konrad, das gebe ich zu, gehörte auch nicht zur engeren Auswahl. Eine ganze Zeit lang nicht. Eigentlich sogar noch nie. Konrad war im hintersten Eckchen meiner Erinnerung abgespeichert, irgendwo zwischen meinem Englischlehrer, Herrn Eberle, der mit seiner feuchten Aussprache des »tieh äitsch« gerne die erste Reihe vollspeichelte, und meinem erniedrigenden Abgang beim Abiball, als ich erst in den Schirmständer im Foyer und dann einer fremden Frau auf die paillettenbesetzten Pumps kotzte. Der Abend endete früh für mich. Abitreffen habe ich seitdem gemieden.

Konrad stand also nun wirklich nicht ganz oben auf meiner Liste. Dafür trug er, zumindest in meiner Erinnerung, seinen Rucksack immer zu hoch im Nacken und verschanzte sich, und das bilde ich mir sicher nicht ein, gerne hinter seinen Informatikerheftchen. Die liest er heute noch. Darf er auch, immerhin kann er sie inzwischen von der Steuer absetzen.

Wieso bin ich heute trotzdem mit Konrad zusammen?

Nicht trotzdem, sondern gerade deswegen!

Konrad ist mir einerseits so vertraut, dass ich manchmal das Gefühl habe, wir sind nicht seit sechs Wochen, sondern seit sechs Jahren ein Paar. Und doch hat er so viele Seiten an sich, die ich nicht kannte, die mich überraschen, begeistern und sprachlos machen. Sein Talent auf dem Gebiet der Pfannkuchenherstellung ist beispielsweise überragend. Seine Fähigkeit, mich morgens aus dem Bett zu locken (wenn er nicht gerade auf dem Klo sitzt und nach Toilettenpapier brüllt, normalerweise macht er das geschickter), überwältigt mich genauso wie die Tatsache, dass sein Bauch und mein Rücken eine – ich schwöre! – anatomisch perfekt ausgezirkelte S-Kurve beschreiben und wie zwei menschliche Puzzlestücke optimal zueinanderpassen. Wirklich! Dieser Bauch hat auf meinen Rücken gewartet. Und umgekehrt.

Und ich auf Konrad. Mein Bild von diesem jemand, den ich gerne in mein Leben hineinlassen wollte, war unkonkret. Ich wusste, was ich nicht wollte. Damit kam ich aber nicht weit. Konrad hingegen schon, denn er füllte diese leere Fläche meiner Vorstellungen mit seiner ganzen Person einfach aus und gab mir wenig Zeit, über für, wider, aber und weil nachzudenken. Er war da. Einfach so. Und ist es immer noch. Und das ist auch gut so.

Trautes Heim

Sonntag, 14. November, um 13:11 Uhr

»Magst du noch ein Glas Orangensaft?«, fragt mich Konrad und schenkt mir sein schönstes verschlafenes Sonntagmorgenlächeln. Er gießt mir den Rest aus der Flasche ein, ich greife ein zweites Mal in den Brotkorb. Diese Croissants sind einfach der Wahnsinn! Glücklicherweise teilen Konrad und ich die gleiche Leidenschaft: Nutella MIT Butter. Also ziere ich mich nicht und schlage hemmungslos zu. Die Novembersonne scheint, Bill Withers singt uns ein bisschen was vor, Konrad wippt mit dem Fuß dazu und wirft mir verliebte Blicke zu. Ich werfe verliebt zurück.

Da zickt es von der anderen Seite des Tisches: »Ist ja nicht so, dass ich keinen Durst hätte, aber danke fürs Angebot!«

Konrad verdreht die Augen. »Dann nimm halt mein Glas«, stöhnt er entnervt und schiebt seiner Exfreundin, ohne sie dabei eines Blickes zu würdigen, seinen Orangensaft hin.

»Danke, Konni«, schleimbeutelt es aus ihrer Richtung zurück.

Konni. Nadine nennt Konrad, MEINEN Konrad, Konni. Aber es ist noch viel schlimmer. Nadine, Konrads raubkatzenartige Exfreundin, nimmt an unserem verliebten Romantikfrühstück teil! Vor ein paar Tagen habe ich Konrad vorsichtig gefragt, wann Nadine denn vorhabe, aus seiner Wohnung auszuziehen. Konrad zuckte nur mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Sie sagt, sie hat schon einen Makler beauftragt, aber es ist schwer, eine vernünftige Wohnung zu finden.«

Pah! Von wegen Makler. Die Alte hat keinen Finger gerührt. Und von wegen »vernünftige Wohnung«: Nadine meint mit vernünftig wohl Drei-Zimmer-Küche-Spa inkl. Dachterrasse und Hausangestellten für fünfhundert Öcken warm. Ohne Courtage, versteht sich.

Ich äußerte meinen Verdacht, aber Konrad widersprach: »Wohnungen sind teuer, vor allem wenn man alleine einziehen will und vor allem in der Lage.«

Ja. Die Lage kenne ich nur zu gut. Nadine und Konrad sind schon seit bald einem Jahr nicht mehr zusammen. Nadine hat sich – und das ist wichtig für die Beweislage – von Konrad getrennt und will ihn jetzt zurückhaben. Deswegen hat sie es mit der Wohnungssuche auch nicht gerade wahnsinnig eilig. Die Hexe! Und Konrad verhält sich so dermaßen treudoof, dass mir so langsam, aber sicher erste Zweifel kommen.

»Weißt du, es wirkt schon ein bisschen komisch, wenn ich das mal so sagen darf«, ging ich das heikle Thema vorsichtig an. »Wir können uns hier gar nicht richtig treffen, weil sie immer hier ist und die Luft verpestet.«

Konrad nickte. »Ja, ich weiß. Aber ich kann sie doch nicht einfach rausschmeißen.«

Wieso eigentlich nicht?, fragte ich mich und überlegte mir krampfhaft irgendwelche wirklich guten Argumente. Mir fielen aber keine ein. Außer eines: dass Nadine so angenehm wie Salpetersäure auf nüchternen Magen war.

Ich bohrte weiter. »Aber Konrad, ganz im Ernst, es ist kein besonders tolles Gefühl, dass du immer noch mit deiner Exfreundin zusammenwohnst. Woher weiß ich, dass sie sich nicht nachts in dein Zimmer schleicht und über dich hermacht?«

Konrad lachte. »Na ja, das sollte ich ja wohl noch mitbekommen, oder?« Und dann sah er mich ganz lieb an, und sein linkes Auge zuckte ein bisschen, und ich war besänftigt und voller Vertrauen, Liebe und Zuversicht.

»Juli«, katzbuckelt es da von den billigen Plätzen, »kannst du mir bitte mal das Wasser reichen?« Nadine lächelt mich zuckersüß zwischen den Zeilen an.

Nee. Denke ich. Kann ich nicht. Ich kann mit keinem 90-60-90-Model im Seidenpyjama mithalten. Ich trage Konrads Frotteebademantel, darunter eine karierte Flanellschlafanzughose und ein abgegrabbeltes T-Shirt von irgendeinem Junggesellenabschied. »Trauergemeinschaft Thorsten Kron«, steht hinten auf dem Rücken, und wenn das alles nicht so traurig wäre oder jemand anderem passierte, würde ich jetzt wahrscheinlich lachen.

»Konnilein«, süßholzraspelt Nadine weiter, »du solltest mehr auf deine Gesundheit achten. Nutella mit Butter hat mehr Kalorien, als du an einem Tag verbrennen kannst.« Sie lächelt ihn fies an. »Und wir beide wissen doch, dass du immer ein bisschen auf deine Figur aufpassen musst, nicht wahr?«

Konni knirscht mit den Zähnen, kann aber noch an sich halten. Nadine versteht das als stille Aufforderung, noch ein wenig weiterzusticheln. »Nicht dass ich dir oder deiner neuen Freundin zu nahe treten will …«

Keine Sorge, Nadine. Noch näher geht nicht, es sei denn, du möchtest im Spalt zwischen unseren Matratzen schlafen?

» aber es ist ja offensichtlich, dass IHR BEIDE ein bisschen auf eure Linie achten solltet.«

Mir bleibt spontan mein letzter Bissen im Hals stecken. Und auch Konnilein hat genug. Meiner Meinung nach immer noch viel zu freundlich, sagt er: »Mein Desinteresse an deiner Meinung ist geradezu unermesslich. Wenn du uns also bitte in Ruhe weiter frühstücken lassen würdest, wäre ich dir äußerst verbunden.«

Nadines Lächeln gefriert.

Bravo!, applaudiere ich innerlich. Ich fand Konrads Reaktion durchaus angemessen, wenn auch noch etwas blutleer. Das geht bestimmt mit noch mehr Nachdruck und muss auch, denn Nadine hat immer noch nicht genug.

»Konni, du weißt doch, deine Mutter und ich sind da ganz einer Meinung, wenn du nicht enden willst wie dein Vater …«

Weiter kommt sie nicht, weil Konnikonrad ihr über den Mund fährt: »Nadine«, sagt er mit einem deutlichen Beben in der Stimme. »Übertreib es nicht!«

Nadine blickt mit zusammengekniffenem Mund auf die Tischplatte. Jetzt sieht sie aus wie eine Dreijährige. Und tut mir fast schon ein bisschen leid.

»Gut«, faucht sie, und ihr Tonfall wird bedrohlicher, »dann wünsche ich dir weiterhin viel Vergnügen mit DEINER DICKEN NEUEN FREUNDIN!«, steht auf und verlässt mit wehenden Fahnen die Küche.

Jetzt tut sie mir schon gar nicht mehr leid. Blöde Kuh!

»Du bist nicht dick«, stellt Konrad postwendend fest und legt eine Hand auf meinen fülligen Oberschenkel. Unter dem Flanell bäumt sich die Orangenhaut unter seiner Berührung freudig auf. »Du bist genau richtig!« Er lächelt lieb.

Ich lächle tapfer zurück und schwöre mir, in Zukunft nur noch Orangensaft zum Frühstück zu ordern. Und Abführtropfen.

… Glück allein

Donnerstag, 18. November, um 09:23 Uhr

Wir sind wieder in meiner Wohnung. Gott sei Dank! Hier stört uns keine Topmodel-Anwärterin beim entspannten Frühstück, hier muss mir Konrad beim Sex nicht den Mund zuhalten, hier kann ich in Unterhose durch die Wohnung laufen und muss mich nur vor mir, Konrad und meinem Spiegelbild rechtfertigen. Nicht aber vor dem Hungerhaken in Size zero.

Konrad bleibt immer öfter über Nacht. Das freut mich einerseits außerordentlich, weil er nicht mehr in seiner eigenen Wohnung schlafen muss und nachts von Nadine überfallen werden kann. Es nervt mich andererseits außerordentlich, weil Nadine, seitdem Konrad noch öfter als vorher bei mir ist, sich wohl in Sachen Telefonterror weitergebildet hat. Sie ruft ihn wegen jedem Dreck an: um sich sein Auto zu leihen, um ihm zu sagen, dass Post da ist, um ihm zu sagen, dass keine Post da ist, weil der Wasserhahn tropft oder Sydney, Nadines und Konrads gemeinsame Katze, angeblich aus Sehnsucht nach dem Herrchen die Nahrungsaufnahme verweigert und sich in absehbarer Zeit vom Fenstersims stürzen wird. Und dabei landen Katzen doch angeblich immer auf den Pfoten.

Sydney. Was für ein blöder Name! Eigentlich hab ich ja nichts gegen Katzen, aber solche, die Städtenamen tragen, finde ich schon per se richtig blöd. Besonders dann, wenn sie Nadine gehören. Sydney ist eine Rassekatze, »Russisch Blau«. Das musste ich erst mal googeln. Das sind diese von Kopf bis Fuß ganz und gar mausgrauen Kurzhaarkatzen, die – so behauptet zumindest Nadine – nur selbst gekochtes Futter zu sich nehmen und sehr an ihren Besitzern hängen. Nadine hat es mit dem selbst gekochten Futter wohl übertrieben, jedenfalls ist das Vieh wirklich atemberaubend fett. Passt gar nicht so richtig zu Nadine, wenn ich es mir genau überlege – wobei, vielleicht kompensiert sie bei der Katze ja ihre eigene Essstörung (die sie haben MUSS, von alleine sieht niemand so aus). Insofern ist es vielleicht gar nicht so schlecht, wenn Sydney, wenn auch aus Trauer, ein Weilchen weniger frisst, diese fette Hummel.

Wie auch immer: Sydney. Die Beziehungskatze. Oder, in Nadines Fall, die Essenskompensationskatze. Oder die Kinderersatzkatze, denn dass Nadine auf natürlichem Wege einmal Nachwuchs bekommt, halte ich für vollkommen ausgeschlossen. So wie bei diesen Hollywoodschauspielerinnen, die sich für ein paar Rhabarberschleifchen eine Leihmutter besorgen und die ihre Kinder fremdaustragen lassen. Und dann liest man diese Berichte über Leute wie Sarah Jessica Parker oder Jodie Foster, die ihre Karrieren, ihre Familien und vor allem ihre Traumfiguren immerzu und vollkommen im Griff haben. Kunststück! Wenn ich jemand anderen in meinem Namen fett werden lasse, kann ich auch vier Wochen nach der Entbindung wieder bei Victoria’s Secret laufen. Gut, Heidi Klum widerlegt meine Argumentation, aber die ist ja ohnehin nicht ganz knusper. Wer will schon vier Wochen nach Niederkunft wieder eine Modenschau laufen? Hallo?

Nadine, die würde so was machen. Bei den Maßen

Aber Beziehungskatze – dass ich nicht lache! Konrad und ich haben noch nicht einmal eine Beziehungspflanze. Im Supermarkt um die Ecke habe ich neulich Schnittlauch im Angebot gesehen. Ich schreibe sofort auf den Einkaufszettel: Beziehungsschnittlauch kaufen. Dann brauchen wir nur noch einen hübschen Namen für unser Pflänzchen. Vielleicht Wanne-Eickel.

Erdbeerwoche

Dienstag, 23. November, um 18:05 Uhr

Wir haben ein Problem. Besser gesagt: Ich habe ein Problem. Nun ja, eigentlich ist es kein Problem, sondern ein – organisch betrachtet – sehr begrüßenswerter Umstand einer jungen, fortpflanzungsfähigen Frau. An sich ist es kein Weltuntergang, und grundsätzlich kann Konrad sich freuen, dass bei seiner Freundin die primärgeschlechtlichen Merkmale so hervorragend funktionieren. Für den Fall, dass wir irgendwann mal über Familienplanung nachdenken wollen sollten.

An Kinder müssen wir momentan allerdings noch nicht denken, ich habe nämlich etwas extraordinär Saublödes gemacht: Ich hab die Pille durchgenommen. Im ersten Monat fand ich das noch ziemlich klasse, weil ich meine Regel nicht bekam und Konrad und ich, wann immer uns danach war, weitere Vaginadialoge führen konnten. Doch jetzt rächt sich mein Körper an mir, ich habe außerplanmäßig und vollkommen unerwartet meine Tage bekommen – nein, das trifft es noch nicht einmal ansatzweise: Mein Unterleib revanchiert sich für den von mir zugeführten unregelmäßigen Zyklus mit einer Art Schlachtfest. Ich verliere so viel Blut, dass ich zwischenzeitlich ernsthaft darüber nachdenke, mir eine Transfusion verabreichen zu lassen, bevor ich anämisch werde.

Sex ist derzeit jedenfalls vollkommen unmöglich. Und ich übertreibe ausnahmsweise mal nicht.

Bleibt nur eine Frage: Wenn wir keinen Sex haben können, was machen wir stattdessen?

Gestern Abend, Tatort Badezimmer. Ich stehe am Waschbecken und putze mir die Zähne, und Konrad direkt hinter mir versucht, mir unters T-Shirt zu grabbeln.

»Hmmm«, schnurrt er selbstvergessen und knabbert an meinem Hals.

Ich putze stoisch weiter.

Konrad legt den zweiten Gang ein und lässt seine Hand über meinen Rücken wandern.

»Du bist so lecker«, seufzt er und dreht mich zu sich um. Ich kaue auf der Zahnbürste herum.

»Isch bin vo’allem scho unrein«, nuschele ich verlegen.

Konrad stutzt. »Unrein?!«

Ich nicke peinlich berührt. Nicht peinlich berührt, weil mir mein Umstand peinlich ist. Immerhin habe ich den zum gefühlten zweihunderteinundsiebzigsten Mal in meinem Leben. Sondern peinlich berührt, weil ich mich peinlich berührt fühle. Wie auch immer: saublöd.

»Ach so.« Konrad lächelt verständnisvoll. »Und da magst du jetzt lieber keinen Sex haben?«

Ich schüttle den Kopf. Die Zahnbürste schüttelt sich mit.

»Ist doch kein Problem. Wir müssen ja bei Gott«, Konrad lacht auf, »nicht jede Nacht durchmachen. Wir lassen uns einfach was anderes einfallen. Hm?«

Diese emanzipiert erzogenen Männer sind schon echt klasse. Sie sind empathisch und so verständnisvoll, als hätten sie selbst ihre Tage.

Konrad denkt laut nach. »Irgendwie auch mal ganz angenehm. So ohne Sex. Ich meine, versteh mich nicht falsch, aber irgendwie haben wir jetzt ja auch mehr … Möglichkeiten.«

Stimmt. In den letzten Wochen haben wir immer mal wieder Versuche gestartet, etwas zu unternehmen. Ins Kino wollten wir, sind aber nicht hingegangen, weil wir uns beim Anziehen unserer Jacken gegenseitig so scharfgemacht hatten, dass wir uns direkt wieder auszogen. Wir haben Mona versetzt, Konzertkarten verfallen lassen, Treffen mit Konrads Jungs abgesagt, weil im letzten Moment einer von uns beiden immer am anderen rumschraubte. Von unserer sehr mangelhaften Ernährung mal ganz zu schweigen. Es liegt also auf der Hand: Wir können dringend eine Sex-Auszeit vertragen.

»Gut«, beschließt Konrad. »Dann hol ich mal die Fernsehzeitung.«

Aha. Da sind sie also, die Möglichkeiten. Ich fühl mich schon gleich viel freier.

Liebe geht durch den Magen

Mittwoch, 24. November, um 21:22 Uhr

Die Sache mit dem Fernsehen haben wir relativ schnell wieder aufgegeben. Unglaublich, was an einem Dienstagabend so alles im Fernsehen läuft! Zum Glück zahle ich keine GEZ-Gebühren, sonst würde ich mich gleich noch mehr aufregen.

Ein bisschen ratlos sitzen wir am zweiten Abend unserer unfreiwilligen Askese auf dem Sofa.

Konrad gibt sein Bestes. »Wir müssen ja auch nicht fernsehen.«

»Nein«, antworte ich einsilbig.

»Wir könnten uns ja auch unterhalten.«

Das klingt nach einem guten Vorschlag. Das Problem ist nur: Wenn man sich unterhalten will, klappt das meistens viel weniger gut, als wenn man sich ganz einfach unterhält, ohne darüber nachzudenken. Dementsprechend mühselig wirkt unser Versuch.

»Wie war denn deine Woche so?«, startet Konrad enthusiastisch.

»Gut!«, erwidere ich frohen Mutes. »Und bei dir so?«

»Auch gut. Danke der Nachfrage.«

Wir schweigen. Also, seien wir ehrlich: Die nonverbale Kommunikation klappt bei uns dann doch erheblich besser.

»Äh«, sagt Konrad.

»Hm, hm«, antworte ich. Unser Schlagabtausch geht in die nächste Runde. »Hast du Lust zu scrabbeln?« Was Blöderes fällt mir aber auch nicht ein.

Konrad sieht mich zweifelnd an. »Nee. Nicht so. Aber weißt du was? Ich hab eine Idee!« Hoffentlich ist sie besser als meine. »Mein Vater sagt immer, Essen ist der Sex des Alters. Was hältst du davon, wenn wir einkaufen gehen und uns dann was richtig Feines kochen? So mit allem Pipapo? Drei Gänge?« Er sieht begeistert aus.

Ich kann der Nahrungsaufnahme im Allgemeinen und im Speziellen auch eine Menge abgewinnen, daher machen wir uns über meine Kochbücher her und haben bald schon ein vielversprechendes und ungemein aufwendiges Menü zusammengestellt. (Ich glaube, Konrad sucht sich absichtlich die komplizierten Gerichte aus, damit wir länger beschäftigt sind.)

Konrad flitzt zum Supermarkt. Ich entstaube schon einmal die Nudelmaschine. Konrad will nämlich Agnolotti mit Blattspinat-Ricotta-Füllung machen. Ich wusste bis gerade eben noch nicht einmal, was Agnolotti sind. Umso mehr freue ich mich auf die selbst gemachten Antipasti vorab sowie die anschließende Zabaglione, die Konrad selbstverständlich ebenfalls eigenhändig zubereiten wird. Die Waldbeeren, die er dazu kredenzen möchte, sammelt er vermutlich gerade im Stadtpark. Und wahrscheinlich wird er sogar die Eier selbst legen, die er für die Zabaglione braucht. Freak.

Ein Mops kam in die Küche

Freitag, 26. November, um 16:54 Uhr

Ich kann nicht mehr. Nicht mehr essen, meine ich. Ich hätte niemals gedacht, dass dieser Zustand bei mir möglich ist. Seitdem Konrad und ich keinen Sex mehr haben, also seit ziemlich genau fünf Tagen, habe ich drei Kilo zugenommen. Drei Kilo! Ich habe vier Wochen gebraucht, um zwei Komma acht Kilo abzunehmen, und da habe ich mich wirklich nur von Luft und Liebe ernährt, das muss man sich mal vorstellen!

Ich fühle mich so unglaublich fett und unattraktiv wie Sydney, Konrads und Nadines Beziehungskatze. Sofern der Klops so etwas wie ein ästhetisches Selbstwertgefühl hat.

Ich jedenfalls ertrage mich kaum noch selbst. Immer, wenn Konrad oder ich Lust auf den anderen bekommen – das wird aber immer weniger, jedenfalls bei mir, weil ich mittlerweile so behäbig und aufgebläht bin, dass ich selbst den Gedanken an Sex schon als körperliche Anstrengung empfinde –, essen wir. Beide. Also: gemeinsam. Das bedeutet, dass wir richtig viel essen.

Zugegeben, wir essen hervorragend. Konrad schleppt jeden Abend Nahrungsmittel in die Wohnung und zaubert die herrlichsten Gerichte. Wir hatten in der letzten Woche Kohlrouladen, Apfelstrudel mit Vanilleeis, Hähnchenbrustfilets mit Feigen-Chutney, Lachs-Carpaccio mit Sahne-Dill-Soße und Rosmarinkartoffeln, Kartoffelpuffer mit Apfelkompott, Schwarzwälderkirsch und Wiener Schnitzel, und immer, wirklich immer, hat Konrad alles selbst zubereitet, hat geschnippelt, gedünstet, gegrillt und gewickelt, blanchiert, sautiert, pochiert und noch einige andere französische Dinge getan, von denen ich vorher nie gehört und deren Sinn ich bis heute nicht verstanden habe.

Doch. Den Sinn schon: Es sollte lecker werden. Und das wurde es auch. Nur bin ich jetzt so satt, ich mag kein Blatt. Mäh, mäh, mäh.

Als ich meine stark vergrößerte Leibesfülle Konrad gegenüber anspreche, nimmt der mich nur in den Arm: »Ach, so ein Quatsch! Das kommt dir nur so vor, weil bald Weihnachten ist. Da fühlt man sich doch immer so. Aber das gehört doch dazu, oder?«

Auch das Zunehmen? Konrads hinkende Argumente können meiner Laune auch nicht auf die Sprünge helfen. Erst als er vorschlägt, den Schnittlauch, den er vom Einkauf mitgebracht hat, vor dem Verzehr zu verschonen und ihn, meinem Wunsch entsprechend, Eberhard zu nennen, sehe ich ein Licht am Ende des Tunnels.

Alles raus, was keine Miete zahlt

Samstag, 27. November, um 17:37 Uhr

Ich weiß jetzt, warum ich so dick bin. Nein, nicht generell, sondern momentan. Also akut. Es ist nämlich so: Wir essen ja gerade umständehalber sehr viel. »Wir essen« klingt eigentlich harmlos, ähnlich wie »wir atmen« oder »wir leben«. Im Gegensatz zum Atmen und Leben hat Essen aber einen entscheidenden Nachteil: Was reinkommt, muss auch wieder raus. Und das ist, insbesondere bei verliebten Frauen, ein Problem.

In der Anfangszeit gibt man ja gerne mal vor, etwas zu sein, das man nicht ist. Nein, es ist kein Problem, wenn du deine Socken in der ganzen Wohnung verteilst oder zu handlichen Klumpen in meinen Wäschesack wirfst, ich bin bei so was total locker. Eifersüchtig? Quatsch, ich doch nicht, zieh ruhig mit deinen Jungs um die Häuser. Ich bin doch kein Kleingeist. Das sind doch total überholte Rollenmodelle, dass Frauen keine Getränkekisten hochschleppen können, lass mal, das pack ich locker!

Allesamt recht niedliche Versuche von Frauen, sich emanzipierter, entspannter und großzügiger darzustellen, als sie eigentlich sind. Denn niemand, zumindest niemand des weiblichen Geschlechts, findet es wirklich gut, beim Wäscheaufhängen feuchte Sockenklumpen zu entwirren, seinen Freund sternhagelvoll auf der Reeperbahn zu wissen oder seine Koffer selbst in den dritten Stock zu wuchten.

Frauen verkünden, und das gerade am Anfang, gerne mal Wahrheiten, die sie selbst glauben wollen und die vor allem ihre Männer glauben sollen. Frauen wären gerne flexibel, tolerant und freiheitsliebend und jubeln in den ersten Wochen ihren neuen Errungenschaften gerne genau diese Eigenschaften unter. Um sich besser darzustellen, als sie sind. Um sich ausnahmslos von ihrer Schokoladenseite zu zeigen. Um sich absolut sicher zu sein, dass er nicht nach drei Wochen Fahnenflucht begeht, wenn sie die echten Macken rausholen. Um zu vermeiden, dass ihr Mann die Wahrheit herausfindet: dass nämlich die neue Freundin gar keine Heilige ist, keine spezialgelagerte Sondermischung zwischen bester Freundin, Hure und Fußballkumpel, sondern eben auch nur die Freundin liest und George Clooney anhimmelt und die Butter und die Marmelade im Kühlschrank nach europäischen Kühl- und Aufbewahrungsstandards genau zweieinhalb Zentimeter nebeneinanderplatziert. Und: dass sie eine Verdauung hat.

Frauen haben ja eigentlich keine Verdauung. Zumindest könnte man den Eindruck gewinnen, wenn man Frauen so zuhört. Männer gehen nicht nur ganz ungeniert aufs Klo, sie zelebrieren ihre Sitzungen geradezu, lesen Die Zeit und Comicheftchen, lösen Kreuzworträtsel, telefonieren, erledigen Post und Büroablage und widerlegen die Relativitätstheorie, und das alles während eines einzigen Toilettengangs. Und am Ende reden sie auch noch darüber. Über ihre Erlebnisse davor, währenddessen und danach, über die Beschaffenheit des Klopapiers, über beheizbare Klobrillen, links- oder rechtsdrehende Wasserabläufe und nicht zuletzt die Qualität und Quantität des eigenen hochwohlgeborenen und königlichen Stuhlgangs.

Frauen gehen nicht nur nicht aufs Klo, wenn ihre Männer anwesend sind. Frauen verdauen erst gar nicht, und noch viel weniger reden sie darüber. Vielleicht ist das der Grund, warum Frauen immer nur einen kleinen gemischten Salat essen und nicht das Doppel-Whopper-Bacon-Cheese-Menü mit XXL Pommes Schranke und zwei Softeis zum Mitnehmen. Wer viel isst, muss viel verdauen, und am Ende des Prozesses muss der Körper abgeben, was er nicht verwerten kann. Und genau da fängt das Problem der meisten Frauen an. Sie können einfach nicht, wenn ihre Männer anwesend sind. Nicht nur im selben Badezimmer, in derselben Wohnung, im selben Stadtteil. Am liebsten würden Frauen zum Kacken den Kontinent verlassen.

Ich auch. Ich sitze nach fünf Tagen Schlemmermarathon aufgebläht wie ein Heißluftballon auf dem Sofa. Konrad fläzt neben mir, sehr entspannt, sehr glücklich, mit leerem Enddarm. Und ich bin mir sicher: In wenigen Minuten werde ich explodieren.

Ich war seit drei Tagen nicht mehr auf dem Klo. Denn Konrad war das ganze Wochenende bei mir. Und deswegen wiege ich auch drei Kilo mehr als noch am Freitag. Vor einer Woche, als ich aufgrund exzessiven Sexkonsums feste Nahrung komplett verweigert habe, war es nicht schlimm, dass Konrad so lange in meiner Wohnung war. Nicht nur nicht schlimm, es war sogar schön.

Aber gerade jetzt wünsche ich mir, dass Konrad geht. Und bitte erst in drei Tagen wiederkommt. So lange werde ich nämlich vermutlich brauchen, um meinen Körper zu entgiften.

Ich tagträume von Abführtabletten und Glaubersalz. Ich wünsche mir ein schalldichtes Badezimmer und eine Wagenladung Raumspray. Ich habe schon mehrere Versuche gestartet, bin aufgebläht vom Sofa aufgestanden, habe Konrad ein »Ich bin mal kurz im Bad!« zugejapst, mich schwerfällig dorthin geschleppt, das Radio auf volle Lautstärke aufgedreht, das Fenster aufgerissen und in einem letzten Kraftakt den Türschlitz mit Handtüchern abgedichtet, nur um nach fünf Minuten erfolglos und den Tränen nahe zu kapitulieren. Ich KANN einfach nicht, wenn Konrad da ist. Selbst wenn es mein Ende bedeuten sollte.

Schattendasein

Sonntag, 28. November, um 14:19 Uhr

»Auf dem Klo hat man immer die besten Ideen«, sagt mein Vater immer. Mein Vater ist ein Mann und hat deswegen genetisch bedingt weder Schwierigkeiten, auf Toilette zu gehen, noch Hemmungen, anschließend darüber zu reden. Ich fange an zu grübeln. Wieso fällt es mir schwer, in Konrads Beisein einem so natürlichen Grundbedürfnis nachzugehen? Was denkt Konrad mittlerweile? Es muss ihm längst spanisch vorkommen, dass ich in den letzten Stunden das Essen vollends eingestellt habe, um weiteres Aufblähen und anschließendes Platzen zu vermeiden. Vielleicht denkt er, ich hab Bulimie und kotze alles aus, bevor ich es verdaue. (Kennt er vielleicht von Nadine?) Oder er vermutet einen künstlichen Darmausgang. Nein, den hätte er längst gesehen. Vielleicht denkt er aber auch überhaupt nichts, weil Konrad sich über die Verdauung seiner Freundin genauso wenig Gedanken macht wie über die Eilmeldung, dass in den frühen Morgenstunden einem New Yorker Straßenverkäufer in der 3rd Avenue der koffeinfreie Kaffee ausging.

Aber woher kommen meine Hemmungen? Ich bin doch sonst nicht so. Jedenfalls nicht so unglaublich … mädchenhaft! Ich kann Platzwunden sehen und tote Tiere am Straßenrand, ich halte meinen Freundinnen beim Kotzen die Haare aus dem Gesicht und bespreche die gynäkologischen Details meines Sexuallebens gerne in der Öffentlichkeit. Ich kann beim Dschungelcamp hinsehen, selbst wenn sie Känguruhoden und Madenschleim essen müssen, und kann die ersten Takte von »Am Brunnen vor dem Tore« rülpsen. Wieso bin ich also dermaßen spießig, verklemmt und ganz und gar verdruckst, wenn es um den Toilettengang geht?

Wahrscheinlich liegt des Pudels Kern in meinen vergangenen Beziehungen. Die sind ohnehin an einer ganzen Menge schuld, an meinem Retterkomplex, meinen Bindungsängsten, meinen zumindest ab und an vorgespielten Orgasmen (nicht bei Konrad! Ich schwöre!) und der Angewohnheit, alle vier Wochen das Eisfach abzutauen.

Meine bisherigen Beziehungen sind im Nachhinein betrachtet nur bedingt glücklich gewesen. Meistens nur genau in dem Moment, in dem sie endeten. Die Zeit davor war geprägt von Ablehnung, fliegenden Tellern, verheulten Nächten und kopfschüttelnden Freundinnen. Wie gesagt, ich hatte nicht immer das beste Händchen, was die Auswahl meiner Herzbuben anging. Besonders bei meiner Alphabeziehung, also der bislang längsten und wichtigsten, bei Michael, habe ich die Grenzen des guten Geschmacks und des gesunden Menschenverstands gleich mehrmals übertreten. Ich habe diesen fürchterlichen Mann so fürchterlich geliebt, dass mir jedes Mittel recht war, mich ihm anzubiedern. Ich habe seine Seitensprünge verziehen (die, die er mir gestand) und ignoriert (die, die er mir nicht gestand), ihn nachts volltrunken von der Partymeile gepflückt und heimtransportiert, ihm ein Katerfrühstück zubereitet und seine Wohnung auf Vordermann gehalten, seine Hemden gebügelt, seine Knöllchen bezahlt, und ich habe sogar ein Wochenende mit ihm und seiner Mutter im Sauerland verbracht, was wohl das größte Opfer meines bisherigen Lebens war. Vor einem Mann, den ich nur mit viel Schmerz, Leid und Kummer und unter größter Anstrengung halbwegs an mich binden konnte, dem verheimlichte ich selbstverständlich auch meine Verdauung. So.

Da haben wir es. Michael ist schuld. Und ich ein bisschen. Denn bei den Männern, die danach kamen, habe ich es nicht besser gemacht. Entweder hielt die ganze Chose nicht lang genug, dass ich währenddessen überhaupt aufs Klo musste, oder ich fühlte mich so unsicher, dass ich mich nicht überwinden konnte, es darauf ankommen zu lassen. Und so führen meine Verdauung und ich ein geheimes Leben im Untergrund. Bis heute.

Die Büchse der Pandora

Mittwoch, 1. Dezember, um 22:31 Uhr

Ich schäme mich! Ich schäme mich so sehr, dass ich nur unter Aufbringung meiner allerletzten Kräfte diese Zeilen hier verfassen kann. Mein Leben ist ein einziger Trümmerhaufen. Mein Ruf ist ruiniert. Ich habe mich nicht nur bis auf die Knochen, ich habe mich bis in die letzte Zelle meines bemitleidenswerten und verdauungsgestörten Daseins blamiert!

Konrad und ich sitzen auf dem Sofa. Wir sehen fern. Ich bin aufgebläht und kugelrund. So weit also alles beim Alten.

Und dann kommt er. Der Moment, der mein Leben aus den Fugen hebelt. Ich lehne mich nach vorne, greife nach meinem Glas auf dem Couchtisch. In diesem Moment machen sich eine siebentägige Fressorgie und eine nachhaltig beeinträchtigte, alldieweil stillgelegte Verdauung Luft. Ich pupse.

Das stimmt genau genommen nicht so ganz. Ich pupse nicht einfach einen süßen, niedlichen Kleinmädchenpups. Ich schmettere vielmehr eine Fanfare in die Welt hinaus.

Im ersten Moment bin ich so geschockt, dass ich nach vorne gebeugt und nach dem Glas greifend einfach so verharre. Ich bewege mich keinen Millimeter. Ich möchte, dass sich ein mobiles Erdloch auftut, genau HIER und vor meinen Füßen. Darin möchte ich versinken, und Konrad soll mich vergessen. Er hat ja Eberhard, den Schnittlauch. Mit ihm kann er alt und glücklich werden. Mich, die furzende Fettel mit Dauermenstruation, soll er bitte sofort vergessen.

Ich sitze da und bin fassungslos.

Konrad wohl auch, denn er sagt kein Wort.

Ich stöhne verzweifelt: »O! Mein! Gott!«

Ich komm einfach nicht klar. Ich habe gepupst. Vor meinem neuen Freund. Z-E-U-G-E-N-S-C-H-U-T-Z-P-R-O-G-R-A-M-M, blinkt es in lustigen bunten Buchstaben vor meinem inneren Auge. Das ist die Apokalypse. Langsam, ganz langsam, drehe ich mich zu Konrad um. Meine Gesichtszüge sind verzerrt, mein Atem geht flach, ich japse. Blamiere sich, wer kann!

Konrad sitzt da. Tiefenentspannt. Ohne eine Miene zu verziehen, sagt er: »Sieh an. Ein Trompetenkäfer.«

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen zu weinen, mich aus dem Land ausweisen zu lassen und mir eine neue Identität zuzulegen.

Stattdessen muss ich lachen. Vor lauter Überraschung, dass Konrad, mein Konrad, nicht nur sehr schlagfertig, sondern auch sehr lustig ist.

Das Lachen hat aber einen Nachteil. Es entspannt die Muskulatur. Weitere Furzsalven schießen aus meinem leidgeplagten Körper. Ich nehme mir ein Sofakissen und verberge darin mein Gesicht. Vielleicht sollte ich es mir lieber unter den Hintern klemmen.

»Das ist mir so peinlich!«, ächze ich und kann mich nicht entscheiden, ob ich lachen oder weinen soll. Ich wähle die goldene Mitte und mache ein paar seltsame Geräusche, die sich an der Klagemauer hören lassen könnten.

»Ich habe mich geirrt. Es war kein Trompetenkäfer«, meint Konrad mit knochentrockener Stimme, »es war eine Brüllfliege.« Und dann fängt er an zu lachen. Er lacht so laut, so ehrlich und so hemmungslos, dass er vom Sofa fällt. Er rollt sich auf dem Boden, schlägt mit der flachen Hand auf den Teppich, er wiehert lauthals, und weil ich die Situation so abgrundtief peinlich und Konrads Reaktion so unglaublich erleichternd finde, lache ich einfach mit.

Nach ein paar Minuten wischen wir uns die Tränen aus den Augen, Konrad lacht noch ein bisschen nach, und dann sagt er ganz lieb: »Ist doch nicht schlimm! Das passiert doch jedem mal …«, er gluckst, »gut, vielleicht nicht so …«, er lacht, »sondern irgendwie … diskreter.« Und er wiehert wieder.

Jetzt, denke ich, hab ich sowieso nichts mehr zu verlieren. Also lüfte ich (wenn man es genau nimmt, schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten) mein kleines Geheimnis um meine gestörte Verdauung. Ich beichte Konrad, dass ich nicht auf Toilette gehen kann, wenn er da ist, dass ich mich deswegen aufgebläht, fürchterlich und fett fühle und in allernächster Zukunft ganz sicher platzen werde, wenn nicht bald was passiert.

Konrad sieht mich ganz ernst an und legt eine Hand auf meinen Arm.

»Liebling, ich weiß, was wir machen. Ich gehe jetzt nach Hause und hole meine Kopfhörer. Die sind superschalldicht, da kommt kein Geräusch durch. Versprochen! Und immer wenn du in Zukunft aufs Klo musst, wirst du mir einfach nur sagen: Kopfhörer! Und dann hast du deine Ruhe. Okay?«

In meinem Magen blubbern vor Freude die Gase. Und wie das okay ist!

Dezember

Spürsinn