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Buch

Sie hat keinen Namen, und niemand weiß, wer sie ist, doch ihre Liebhaber werden sie für immer begehren. Denn wie keine andere beherrscht sie die Liebeskunst, die Berührungen, die das Verlangen wecken, die Liebkosungen, die zur Ekstase führen. Im Schatten der Anonymität kennt ihre Fantasie keine Grenzen, und in namenlosen Hotelzimmern entfacht sie die Lust ihrer flüchtigen Bekanntschaften und erkundet mit ihnen unbekannte, verbotene Gefilde …

Autorin

Tran Arnault ist Spezialistin für erotische Literatur und hat eine berühmte Anthologie über Erotik im 20. Jahrhundert herausgegeben. Sie war ebenfalls die Leiterin der Kunstzeitschrift Cimaise.

Tran Arnault

Heiße Nächte

Erotischer Roman

Aus dem Französischen
von Charlotte Seydel

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Die französische Originalausgabe erschien 2010
unter dem Titel »Les chambres« bei Hors Collection,
un département de Place des Editeurs, Paris.

1. Auflage
Deutsche Erstveröffentlichung Oktober 2012 bei Blanvalet,
einem Unternehmen der Verlagsgruppe
Random House GmbH, München.
Copyright © der Originalausgabe 2010 by
Hors Collection, un département de Place des Editeurs
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012 by
Verlagsgruppe Random House GmbH
Umschlagmotiv: © Johannes Wiebel | punchdesign,
unter Verwendung eines Motivs von Susanne Guettler/Pitopia
Redaktion: Gerhard Seidl
Herstellung: sam
Satz: DTP Service Apel, Hannover
ISBN: 978-3-641-08416-5

www.blanvalet.de

»Ich bin nicht sicher, ob bei allen Malern,
die den abgeschlagenen Schädel
von Holofernes dargestellt haben,
der Kopf mit dem Säbel abgetrennt wurde.«

BALTHUS

Niemand, der mir zufällig begegnet, ahnt, wer ich in Wirklichkeit bin. Man beschreibt mich als distanziert, sogar etwas kühl. Die Männer trauen sich kaum an mich heran. Die Frauen nehmen sich vor mir in Acht. Ich suche nicht den Blick anderer Menschen. Ich beobachte, aber ich lasse mich nicht beobachten. Zumindest versuche ich das. Ich kleide mich unauffällig. Meine Haare kann ich offen tragen oder hochstecken und so mein Aussehen verändern. Ich gehe schnell, sehr schnell.

Wie ich heiße, spielt keine Rolle. Wenn es vorkommt, dass mich jemand ausfragt, improvisiere ich. Ich bin A. A wie Andréa, Armance, Astrid. Es ist sinnlos, nach mir zu rufen: Ich drehe mich nicht um. Ich erinnere mich nicht, wann mich das letzte Mal jemand mit meinem richtigen Vornamen angesprochen hat. Ich bin niemand.

Mein Körper sollte mich noch weitere zwanzig, dreißig, schlimmstenfalls vielleicht sogar vierzig Jahre ertragen. Ich halte mich gerade. Ich leide weder unter Übergewicht noch unter schlechten Zähnen, auch nicht unter Gedächtnisschwund – nur mein Namensgedächtnis lässt mich hin und wieder im Stich – oder unter starren, extremen Vorstellungen, die nur dazu dienen, andere zu erniedrigen.

D. hat mich nie gefragt, wie ich auf die Idee gekommen bin, meine Dienste anzubieten. Nein, ich habe keine Privatklubs besucht und auch nicht Meistern oder Meisterinnen meines Fachs assistiert. Ich habe mich weder zur Schau gestellt noch angeboten. Genauso wenig habe ich mich dem Willen eines Mannes gebeugt, der meine Situation ausgenutzt hätte. Ich wollte nur etwas entdecken. Kein »Zuhause« haben. Keinen Ort, der mich hemmt oder einsperrt. Und von den einzigen Freuden leben, die wir zu vergeben haben. Kurzum, ich wollte mich nicht an ein Heim und einen Beruf binden. Eine flüchtige gleichgeschlechtliche Begegnung, bei der nicht die Möglichkeit eines weiteren Treffens besteht, kommt mir gelegen. Wer mich empfängt, ist meist darauf aus, eine Erfahrung zu machen. Ich frage mich nicht, ob sie die Episode mit anderen Frauen fortsetzen. Ob sie ihre Partner danach mit anderen Augen betrachten. Oder ob sich ihre Erwartungen verändert haben.

Ich verabscheue die Männer nicht. Sie haben mir nichts getan, was eine solche Zurückweisung rechtfertigen würde. Sie haben mich auch nicht enttäuscht. Nicht mehr als andere. Ich habe keinen Vater, der als Erklärung für was auch immer herhalten würde. Keine tief vergrabenen schrecklichen Bilder, um mich von einer Hälfte der Menschheit zurückzuziehen. Ich kenne ihren Körper. Aus Neugierde, eher zu Forschungszwecken, habe ich ihn in meinen aufgenommen. Ich habe sein schweres Gewicht auf meinen Hüften gespürt, auf meinen Brüsten, den Atem an meinem Hals. Mit abgewandtem Gesicht habe ich gelauscht. So kann ich mich besser konzentrieren. Ich habe die Luft angehalten. Mir bloß nichts anmerken lassen. Habe ihnen nicht in die Augen gesehen, denn das ist der Beginn der Kapitulation oder einer stillschweigenden Übereinkunft. Habe so getan, als nehme meine eigene Schamlosigkeit mit der fortschreitenden Verflüssigung ihrer Organe zu. Sie hatten aufgehört zu sprechen, als wenn die Gefühlsgewalt des Bauchs jedes Wort ausgelöscht hätte. Ich habe erlebt, wie ein Körper in zwei Teile zerfällt. Meine Augen waren offen. Ich wollte alles wissen, über ihre Gesten, ihren Geruch, ihren Willen, und vor allem, wie lange sie es durchhielten, mich aus der Realität zu entführen. Ich erwartete ihren Schrei, den Augenblick, in dem die Stimme so fremd klingt, ohne jegliche Kontrolle ist. Eine alte, eine schrecklich archaische Stimme. Das hat mich jedes Mal überrascht. Ich habe darauf gelauert, dass ihre Muskeln erschlafften. Ihr Gewicht noch schwerer auf mir lastete. Auf den Höhepunkt, die Leere, und anschließend, wenn sie wieder zu sich kamen, die Loslösung unseres Fleisches. Das Herstellen der Distanz. Ich wollte mehr. Ich wollte den Geschmack kennenlernen. Ich bin nach unten gerutscht. Ich habe das schlaffe Geschlechtsteil abgeleckt, die lauwarme zähflüssige Substanz, die an ihm klebt. Sie erinnerte mich an die feine Haut, die sich beim Kochen von Reis bildet. Ich glaube, wenn sie erst getrocknet und gehärtet ist, bildet sich ein Kokon, den man ganz vorsichtig abstreifen und als Skulptur aus einer milchigen Körperflüssigkeit in einer Vitrine ausstellen könnte. Ihr faszinierenden Türmchen, lasst mich euch in einer Reihe nebeneinander stellen. Wie man es von Menschen hört, deren Berufung das Museum ist, würde ich aus purem Bewahrungsgeist darauf achten, dass ihr euch nicht auflöst. Ich will alles erforschen und alles bewahren.

Die Verwandlung findet nur ein einziges Mal in einem Hotelzimmer statt. Ich existiere nur durch das Spiel. Ein Spiel ohne Vorgaben – abgesehen von denen, die der Anstand gebietet. Sie machen den Anfang. Indem ich ihnen die erhoffte Zärtlichkeit gebe, kommt ein lockerer Vertrag zustande. Ich achte auf eine langsame Verführung. Ich lasse ihnen die Illusion eines unendlichen Vorspiels. Das ist nicht zwangsläufig der Auftrag: Es kommt vor, dass ich eine so heftig ins Gesicht schlage, dass sich ihr Blick verschleiert und die Haut reißt. Ich lese von ihrem Gesicht ab, ob sie möchte, dass ich noch einmal zuschlage. Dabei wird mein Arm von jener übermächtigen Kraft geführt, von der man sagt, dass sie nur aus unglaublicher Wut oder Verzweiflung erwachse. Ich empfinde weder Wut noch Verzweiflung. Es ist vielmehr das Bewusstsein, die Freude über eine Begegnung, die keine Vergangenheit und keine Zukunft kennt. Ich denke an die Bilder einer Enthauptung. Der Kopf vollkommen autonom, das Gesicht überrascht zu einer Grimasse verzerrt. Die Fassungslosigkeit vor der letzten Zuckung. Ich spreche hier nicht von meinem Verlangen, sondern von ihrem. Darin unterscheidet sich der Körper vom Geist, er trifft keine bewussten Entscheidungen. Er folgt dem Drang. Der Bruchteil einer Sekunde genügt, und das unfassbare Verlangen ist da.

I

Die Regel

Zimmer Nummer 7

Dienstag, 28. April, 1 Uhr 15

Die Geschichte beginnt in einem Hotel in Rom oder vielleicht in Prag und setzt sich in Recife fort, in Lissabon oder in Wien. Vielleicht liegt draußen Schnee, ein Fluss fließt träge dahin, nasse Bürgersteige werden von weißen Autoscheinwerfern angestrahlt.

In jedem Hotelzimmer der Welt fallen rote und blaue Lichtstrahlen auf das Bett. Man erinnert sich nur daran, nur an die bunten Lichter. Erinnert man sich an die Spiegel, das Telefon auf dem Nachttisch, die Aschenbecher, das Bild an der Wand?

An Ihrer Seite der Körper einer Unbekannten. Ein nackter Körper. Einer mehr. Dieser Körper ähnelt dem Ihren. Sie erahnen ihn im Dämmerlicht. Sie gefallen sich in Ihrer Reglosigkeit.

Wenn sie sich anschickt zu sprechen, legen Sie den Zeigefinger auf ihre Lippen und bringen sie zum Schweigen. Sie möchten ihre Stimme nicht kennenlernen.

Morgen begegnen Sie ihr im Flur. Sie warten gemeinsam auf den Fahrstuhl. Ganz sicher wird sie einen Begleiter an ihrer Seite haben. Ebenso wenig wie Sie wird sie den Kopf heben. Sie wissen nichts, erkennen nichts wieder, nur den Geruch ihrer Haut, der in der Luft hängt.

Ohne ihren Körper zu berühren, folgen Sie mit der flachen Hand ihren Kurven. Es ist, als würden Sie ihren Schatten streicheln. Den Schatten, die Haarspitzen, es ist nichts zu spüren. Das ist nicht richtig.

Sie ist nicht ungeduldig. Hat die Schweigeregel akzeptiert. Ist sogar gerade eingeschlafen. Sie hören es. Die Vorstellung, dass sie sich hat gehen lassen, gefällt Ihnen. Sie lauschen lange auf ihr regelmäßiges Atmen. Sie erforschen sie.

Nachts schreiben Sie. Auf dem Briefpapier des Hotels. Es ist eine detaillierte genaue Beschreibung. Fast ein Bericht. In gewisser Weise bringen Sie Ihren Auftrag zu Ende. Sie beschreiben die leichte Berührung der Brustwarzen. Das Streicheln der schweren Brüste, die so ganz anders sind als Ihre. Das vorsichtige Spreizen ihrer Beine, damit sie nicht aufwacht. Die Knie, die sich unbewusst weiter öffnen. Ihren Kopf zwischen ihren Knien. Die wiederholten leichten Berührungen genau dort. Die Erforschung des glatt rasierten Geschlechts, dessen Weichheit Sie überrascht. Ihre Lippen an ihren Schamlippen. Ihr Klagen, auf das Sie mit einem animalischen Knurren reagieren. Die Energie unter ihren Lenden. Die Ausdünstungen, die Sie sorgfältig bestimmen. Das stoßartige Atmen. Die Gefühle, die sich nicht mehr verheimlichen lassen.

Als sie zum Höhepunkt kommt, ihre leicht geöffneten Augen, mit denen sie nicht nach Ihnen sucht. Ihr Körper, der, erneut von Schlaf übermannt, zurücksackt.

Es wird Ihnen zur Gewohnheit, die Geschichten aufzuschreiben. Manchmal ist es auch vertraglich vorgesehen.

Die Geldscheine auf dem Frisiertisch lassen Sie rasch in Ihrer Handtasche verschwinden. Sie achten darauf, unauffällig die Tür zu schließen.