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Buch

Arkansas in den Fünfzigerjahren. Unweit der Kleinstadt Magnolia liegt die Farm der Familie Moses. Jeden ersten Sonntag im Juni findet das traditionelle Familientreffen statt, und Calla und John Moses freuen sich auf den Besuch ihrer Kinder – allen voran die erwachsene Tochter Willadee, die mit ihrem Mann Samuel, einem Methodistenpriester, und den drei Kindern anreist. Doch dann geschieht eine Tragödie: John nimmt sich das Leben. Und es folgt ein schicksalhafter Sommer, der das Leben aller verändert. Eine Zeit voller Trauer und Dunkelheit, aber auch voller Hoffnung, Herz – und vielleicht sogar Wunder …

Autorin

Jenny Wingfield ist eine erfolgreiche Drehbuchautorin. »Die Geschichte eines Sommers« ist ihr erster Roman. Sie lebt mit ihren Hunden, Katzen und Pferden in Texas.

Jenny Wingfield

Die Geschichte

eines Sommers

Roman

GOLDMANN_Seite_3.eps

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Oktober 2012

Copyright © der Originalausgabe 2011 by Jenny Wingfield

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagfoto: Alamy/John Crum

Redaktion: Susanne Bartel

LT · Herstellung: Str.

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-07668-9

www.goldmann-verlag.de

1

Columbia County, Arkansas – 1956

John Moses hätte sich keinen schlechteren Tag zum Sterben aussuchen können – und auch keine schlechtere Art zu sterben, selbst wenn er die sein Leben lang geplant hätte. Was durchaus möglich war. Er war nämlich stur wie ein Maulesel. An dem Wochenende sollte das Familienfest der Moses stattfinden, und alles war perfekt – oder zumindest absolut normal –, bis John auftauchte und die Normalität ruinierte.

Das Familienfest fand immer am ersten Sonntag im Juni statt. Das war schon immer so gewesen. Es war Tradition, und John Moses bestand auf Traditionen. Fast jedes Jahr bat ihn seine Tochter Willadee, die im Süden, in Louisiana, lebte, ob er den Termin nicht vielleicht auf den zweiten Sonntag im Juni oder auf den ersten im Juli verlegen könnte, doch darauf gab John unweigerlich die gleiche Antwort.

»Lieber würd’ ich in der Hölle schmoren.«

Willadee erinnerte ihren Vater dann daran, dass er nicht an die Hölle glaube, worauf John erwiderte, er würde nicht an Gott glauben, das mit der Hölle sei aber noch nicht endgültig geklärt. Und wenn es die Hölle denn gäbe, fügte er stets hinzu, dann wäre das Schlimmste an ihr, dass Willadees Ehemann Samuel Lake zusammen mit ihm dort landen würde, da er ein Prediger war, und Prediger – und Methodisten wie Samuel im Besonderen – wären ja bekanntlich die schlimmsten Gauner überhaupt.

Willadee widersprach ihrem Dad nie. Allerdings begann am ersten Sonntag im Juni auch immer die Jahresversammlung, auf der alle Methodistenpfarrer von Louisiana von ihren Bezirkssuperintendenten erfuhren, wie zufrieden oder unzufrieden ihre Gemeinden im vergangenen Jahr mit ihnen gewesen waren und ob sie in der jetzigen Gemeinde bleiben durften oder weiterziehen mussten.

Samuel musste normalerweise weiterziehen, denn er war jemand, der viele Leute verärgerte. Wohlgemerkt tat er das nicht mit Absicht. Er verhielt sich nur immer so, wie er es für richtig hielt. So fuhr er beispielsweise sonntagmorgens in die Pampa, lud sein schrottreifes Auto voll mit Armen – manchmal sogar mit zerlumpten und barfüßigen Armen – und fuhr sie in die Stadt zum Gottesdienst. Das alles wäre ja gar nicht mal so schlimm gewesen, hätte er zwei getrennte Gottesdienste abgehalten, einen für die Armen aus der Pampa und einen für die feinen, aufrechten Bürger, deren Kleidung und Schuhe vorzeigbar genug waren, damit sie in den Himmel kommen würden, ohne dass man ihnen irgendwelche Fragen stellen musste. Doch Samuel Lake war der lästigen Meinung, Gott würde alle Menschen gleich stark lieben. Wenn man außerdem bedenkt, dass er nach Auffassung einiger Leute mit übertriebener Inbrunst predigte, häufig sogar zur Betonung auf die Kanzel schlug und Dinge sagte wie: »Wenn ihr daran glaubt, sagt Amen«, obwohl er ganz genau wusste, dass Methodisten auf so etwas gern verzichteten, dann kann man nachvollziehen, was seine Gemeinden mit ihm mitmachen mussten.

John Moses kümmerten Samuels Verpflichtungen jedenfalls einen Dreck. Er würde keine Moses-Tradition über den Haufen werfen, nur weil Willadee so blöd gewesen war, einen Prediger zu heiraten.

Allerdings war Samuel gar kein Prediger gewesen, als Willadee ihn geheiratet hatte, sondern ein großer, strammer Bauernjunge, stark wie ein Ochse und gefährlich gut aussehend. Schwarze Haare und blaue Augen – eine Mischung aus Waliser und Ire, so in der Art. Mehrere junge Frauen im Columbia County hatten eine Woche lang krank im Bett gelegen, als Samuel die unscheinbare, stille Willadee Moses heiratete.

Samuel Lake war unglaublich, wunderbar und furchteinflößend zugleich, schrecklich jähzornig und atemberaubend zärtlich, und wenn er liebte, liebte er von ganzem Herzen. Er besaß eine klare Tenorstimme und konnte Gitarre, Geige und Mandoline spielen, ja beinah jedes Instrument, das man sich nur vorstellen kann. Früher hatten die Leute im ganzen County über Samuel und seine Musik geredet.

»Sam Lakes Stimme klingt so lieblich wie das Säuseln des Winds in den Pappeln.«

»Er kann die Saiten zum Reden bringen.«

»Bei ihm reden sie sogar in Zungen.«

Jedes Jahr am ersten Tag der Sommerferien packten Samuel und Willadee ihre Kinder ins Auto und fuhren in den Süden von Arkansas. Willadee war schon überall mit Sommersprossen übersät, wo die Sonne nur hinkam, doch immer kurbelte sie das Fenster hinunter und ließ ihren Arm hinaushängen, und so verlieh ihr Gott noch einige mehr davon. Ihr ungebändigtes, sandfarbenes Haar ließ sie im Wind fliegen, bis es schließlich vollkommen zerzaust war. Und irgendwann fing sie auch immer laut zu lachen an, weil sie ein solch intensives Gefühl von Freiheit verspürte, wenn sie nach Hause fuhr.

Willadee liebte dieses Ritual, diese Fahrt einmal im Jahr, bei der sie gemeinsam mit ihrer wunderbaren, gesunden Familie im Auto saß, alle ganz aufgeregt vor Erwartung. Sie nutzte die Gelegenheit, um darüber nachzudenken, wie es ihnen bisher ergangen war und was die Zukunft wohl bringen würde – und darüber, wie gut die Kinder in ihre Namen hineinwuchsen, die sie ihnen bei ihrer Geburt als eine Art Segenswunsch gegeben hatte. Ihren ersten Sohn hatte sie Noble genannt. Eine klare Bitte an das Universum, ihm Mut und Redlichkeit zu verleihen. Der jüngere Sohn hieß Bienville. Eine gute Stadt. Oder, wie Willadee es sah, ein friedvoller Ort, den sie ihm wünschte. Das Mädchen hatte sie Swan getauft, aber nicht wegen der Schönheit von Schwänen, sondern wegen deren Stärke. Und ein Mädchen, so hatte Willadee gedacht, brauchte reichlich Kraft, damit es sich nicht ständig auf andere stützen musste. Bisher schienen all ihre Segenswünsche in Erfüllung zu gehen. Noble war unglaublich aufrichtig, Bienville absolut liebenswürdig, und Swan war so energiegeladen, dass sie des Öfteren alle anderen erschöpfte.

Columbia County lag im Süden von Arkansas, wo es genauso aussah wie im Norden von Louisiana. Als Gott diesen Teil des Landes geschaffen hat, hat er ihn als ein großes Stück geschaffen, und es scheint, als hätte es ihm großen Spaß gemacht. Hier gab es sanfte Hügel, hohe Bäume, klare Bäche mit sandigem Grund, Wildblumen und blauen Himmel mit großen, bauschigen Wolken, die so tief hingen, dass man glauben konnte, sie berühren und sich ein Stück von ihnen abreißen zu können. Das war die positive Seite. Die Kehrseite waren Dornengestrüpp, Kletten und diverse andere Dinge, die niemand besonders zur Kenntnis nahm, weil die Vorteile die Nachteile bei Weitem überwogen.

Wegen der Jahresversammlung konnte Samuel nie zum Familienfest bleiben. Die Zeit reichte immer nur, um Willadee und die Kinder abzusetzen und ein bisschen mit Willadees Eltern zu reden. Oder zumindest mit ihrer Mutter Calla. John fing jedes Mal an zu würgen und verließ das Haus, sobald sein Schwiegersohn es betrat. Immerhin Calla hielt Samuel für den Größten. Schon etwa eine Stunde später küsste Samuel Willadee zum Abschied und tätschelte ihr den Hintern – vor Gott und aller Welt. Dann nahm er die Kinder in die Arme, ermahnte sie, brav zu sein und ihrer Mama zu gehorchen, und fuhr zurück nach Louisiana. Auch von John verabschiedete er sich stets, bevor er wieder aufbrach, doch der alte Mann antwortete ihm nie. Er konnte Samuel einfach nicht verzeihen, dass er mit Willadee so weit fortgezogen war, und er konnte Willadee nicht verzeihen, dass sie mitgegangen war. Ganz besonders, wo sie doch Calvin Furlough hätte heiraten können, der jetzt eine gut gehende Lackier- und Karosseriewerkstatt betrieb, nur ein Stück die Straße hinunter wohnte und die besten Waschbärhunde weit und breit besaß. Hätte Willadee sich dem Wunsch ihres Vaters gemäß in Calvin verliebt, so wäre alles anders geworden. Sie hätte in seiner Nähe wohnen können und wäre John im Alter ein Trost gewesen – und John wäre nicht mit einer Enkelin namens Schwanensee geschlagen gewesen: Swan Lake.

Die Familie Moses hatte sich über das gesamte Columbia County verteilt. Überall. John und Calla hatten sich leidenschaftlich geliebt und fünf Kinder zustande gebracht. Vier Söhne und eine Tochter. Bis auf Willadee und den jüngsten Sohn Walter, der mit zwanzig bei einem Unfall im Sägewerk ums Leben gekommen war, lebten alle noch immer in der Nähe von Magnolia, maximal vierzig Meilen von ihrem alten Elternhaus entfernt.

Das »alte Elternhaus« war einst eine ausgedehnte Farm von vierzig Hektar gewesen, die Milch, Eier, Fleisch, Gemüse, Obst, Nüsse und Honig abgeworfen hatte. Doch die Arbeit war recht mühsam gewesen, denn das Land gab freiwillig nicht viel her. Auf dem Farmgelände standen zahllose Nebengebäude, die John und seine Söhne im Laufe der Jahre errichtet hatten: Scheunen, Ställe, Räucherkammern und Plumpsklos, von denen die meisten sich nun, im Jahr 1956, erschöpft zur Seite neigten. Wenn man ein Gebäude nicht mehr benutzt, weiß es intuitiv, dass es ausgedient hat, und verhält sich auch so.

Das Haus der Moses war groß und zweistöckig. Es war solide gebaut, neigte sich aber mittlerweile auch ein wenig zur Seite, als ob nicht mehr genug Seelen darin wohnten, um es aufrecht zu halten. John und Calla hatten die Landwirtschaft vor einigen Jahren eingestellt. Calla hatte zwar noch immer einen Garten und ein paar Hühner, aber die Felder hatten sie verwildern lassen, die Veranda vor dem Haus hatten sie zugemauert und daraus schließlich einen Lebensmittelladen mit Tankstelle gemacht. Calla wollte, dass John ihr ein Schild dafür malte, konnte sich aber nicht entscheiden, ob »Moses’ Lebensmittel und Tankstelle« oder »Moses’ Benzin und Lebensmittel« draufstehen sollte. Und während sie mit sich um einen Entschluss rang, riss John der Geduldsfaden, sodass er einfach ein Schild über die Eingangstür nagelte. Darauf stand schlicht und einfach »Moses«.

Jeden Morgen stand Calla auf, ging in den Laden hinunter und kochte eine Kanne Kaffee. Die Farmer kamen auf dem Weg zur Viehversteigerung oder zum Futterholen vorbei, wärmten sich den Hintern am Holzofen und tranken eine Tasse.

Calla konnte gut mit Kunden umgehen. Sie war eine gemütliche mollige Frau mit tatkräftigen Händen, und die Leute hatten gern mit ihr zu tun. Im Grunde genommen hatte sie John gar nicht nötig, jedenfalls nicht im Laden. Häufig war er ihr sogar schlichtweg im Weg.

John seinerseits hatte ein Faible fürs Trinken. Dreißig Jahre lang hatte er jeden Morgen seinen Kaffee mit Whiskey angereichert, bevor er in den Kuhstall gegangen war. Das sollte ihn im Winter gegen die Kälte wappnen und im Sommer für den Tag stärken. Nun aber ging er nicht mehr im Morgengrauen melken, und trotzdem trank er immer noch Kaffee mit Whiskey. Dabei saß er in Callas Laden und plauderte mit den Stammkunden, und wenn diese sich auf den Weg zur Arbeit machten, war John meist schon ziemlich angeheitert. Calla war davon überhaupt nicht begeistert. Sie war daran gewöhnt, dass ihr Mann beschäftigt war, und irgendwann erklärte sie ihm, er brauche ein Hobby.

»Ich hab ein Hobby, Frau«, antwortete er ihr. Calla stand gerade vornübergebeugt und schürte das Feuer im Holzofen, sodass sie eine unwiderstehliche Versuchung darstellte. John taumelte von hinten auf sie zu und schlang seine Arme um ihre Taille. Calla war so überrascht, dass sie sich die Hand am Schürhaken verbrannte. Schnell schüttelte sie ihren Mann ab und saugte an ihrer Hand.

»Ich meine ein Hobby, bei dem du mir nicht im Weg bist«, blaffte sie ihn an.

»Aber ich bin dir doch früher auch nie im Weg gewesen.«

Er war gekränkt. Sie hatte ihn nicht kränken wollen, aber Wunden heilen ja wieder. Die meisten jedenfalls.

»Früher hatte ich nie Zeit. Da ist es mir nicht aufgefallen, ob du mir im Weg warst oder nicht. Gibt es denn gar nichts mehr, was du gern tust, außer dich mit mir im Bett herumzuwälzen?« Nicht dass Calla etwas dagegen gehabt hätte, sich mit ihrem Mann im Bett herumzuwälzen. Heutzutage machte es ihr vielleicht sogar mehr Spaß als je zuvor in den vielen Jahren, die sie nun schon zusammen waren. Trotzdem konnte man damit nicht den ganzen Tag verbringen, nur weil der Mann sich nicht anderweitig beschäftigen konnte. Schon gar nicht, wenn alle fünf Minuten Kunden hereinkamen.

John ging zur Theke, an der er seinen Kaffee getrunken hatte, schenkte sich noch eine Tasse ein und gab einen reichlichen Schuss Whiskey hinzu.

»Doch, das gibt es«, erklärte er trotzig. »Natürlich gibt’s noch etwas, das ich verdammt gern tue. Und genau dem werde ich mich jetzt widmen.«

Er wollte sich betrinken. Und nicht nur, bis er angeheitert, sondern bis er sturzbetrunken war. So betrunken, dass er nicht mehr fähig sein würde zu denken und vernünftig zu reden. Er griff sich seinen Kaffee, seine Flasche und noch zwei weitere, die er hinter der Theke versteckt hatte, sowie eine Packung Doughnuts und zwei Dosen Prince-Albert-Tabak, ging in die Scheune und blieb dort drei Tage. Nachdem John lange genug so richtig betrunken gewesen war und es sinnlos gewesen wäre, sich noch weiter zu betrinken, ging er ins Haus zurück, nahm ein heißes Bad und rasierte sich. An diesem Tag baute er eine Mauer um die Veranda hinter dem Haus und begann ein weiteres Schild zu malen.

»Was machst du da?«, fragte Calla mit in die Hüften gestützten Händen. Sie sah aus wie eine Frau, die auf eine Antwort besteht.

»Ich lege mir ein Hobby zu«, sagte John Moses. »Von jetzt an hast du dein Geschäft, und ich hab mein Geschäft, und keiner steckt beim anderen die Nase rein. Du machst morgens auf und schließt am Abend, und ich mache abends auf und schließe am Morgen. Dann brauchst du dich auch nicht mehr mit mir im Bett herumzuwälzen, weil wir nämlich nie mehr zur gleichen Zeit in ihm liegen werden.«

»Ich hab doch gar nicht gesagt, dass ich mich nicht mit dir herumwälzen will.«

»Den Teufel hast du«, sagte John.

Er nahm das Schild, auf dem die Farbe noch feucht war, kletterte die Trittleiter hinauf und nagelte es an die Wand über die Hintertür. Die Farbe war zwar leicht verschmiert, doch die Schrift war noch lesbar. »Never Closes«. Kein Ruhetag.

»Never Closes« schenkte an sieben Abenden die Woche Bier, Wein und Schnaps aus – und das die ganze Nacht. Da es im Columbia County verboten war, Alkohol zu verkaufen, verkaufte John ihn also auch nicht, sondern servierte seinen Freunden lediglich ein paar Drinks. Er betrachtete die Getränke eher als eine Art Geschenk an sie. Und bevor sie gingen, gaben die Freunde John dann ebenfalls eine Art Geschenk. Fünf Dollar oder zehn oder wie hoch auch immer das Geschenk laut seinem zerfledderten kleinen Notizbuch sein sollte.

Der Sheriff des Countys und mehrere Hilfssheriffs machten es sich zur Gewohnheit, am Ende ihrer Schicht vorbeizukommen, und ihnen verkaufte John tatsächlich nichts, sondern schenkte ihnen alles ein, was sie wollten. Ihre Drinks gingen aufs Haus. So viel kostenlosen Schnaps hatten die Burschen noch nie gesehen, und deshalb war es verständlich, dass sie viele andere Dinge auch nicht sahen. Unter gewissen Umständen übersahen sie häufig etwas, und diese Angelegenheit hier schien so, wie sie war, ganz in Ordnung zu sein.

Schon bald hatte John seine eigenen Stammkunden, die vorbeikamen, um Domino oder Pool zu spielen. Sie redeten über Religion und Politik, erzählten sich schmutzige Geschichten, spuckten Tabaksaft in die Kaffeedosen, die John aufgestellt hatte, und rauchten, bis die Luft so dick war, dass man sie in Scheiben hätte schneiden können.

Doch Johns Stolz auf sein neues Unternehmen hatte einen bitteren Beigeschmack. Er hätte die ganze Sache sofort aufgegeben, die Mauer eingerissen, sein Schild verbrannt und seine Stammkunden zum Teufel geschickt, hätte sich Calla bei ihm entschuldigt. Doch auch sie hatte ihren Stolz. Zwischen ihnen steckte ein Keil, und Calla sah nicht ein, dass sie ihn hineingetrieben hatte.

Irgendwann begann auch Calla damit, ihren Laden sieben Tage die Woche zu öffnen. Manchmal spazierten ihre letzten Kunden aus der vorderen Tür hinaus und gingen um das Haus herum zur Hintertür wieder rein, um das Geld zu vertrinken, das ihnen von ihrem Lebensmitteleinkauf im vorderen Hausbereich noch geblieben war. Manchmal war es aber auch umgekehrt. Dann torkelten Johns Gäste im Morgengrauen aus der Hintertür, stolperten auf dem ausgetretenen Pfad nach vorn, tranken Callas Kaffee, um nüchtern zu werden, und kauften von ihrem letzten Geld Lebensmittel für ihre Familie.

Zu jeder Tages- und Nachtzeit konnte man bei den Moses bekommen, was man brauchte, sofern man einfache Bedürfnisse hatte. Auch brauchte man nie zu gehen, bevor man sich nicht selbst für den Aufbruch entschied, denn weder Calla noch John brachte es übers Herz, jemanden fortzuschicken – auch wenn dieser Jemand kein Geld mehr hatte. Nate Ramsey war einmal fast eine ganze Woche bei ihnen geblieben, nachdem seine Frau Shirley zu Hause angefangen hatte, mit Gegenständen um sich zu werfen.

So ging es immer weiter bis zu dem Tag, an dem John Moses starb. Doch Moses’ »Never Closes« war zu etwas geworden, worauf sich die Leute verließen. Ein sicherer Ort in einer unsicheren Welt. Und die Leute wollten, dass das auch so blieb, denn wenn man einmal begann, an einer Sache etwas zu verändern, so veränderte sich nach und nach auch alles darum herum, bis man bald schon nicht mehr wusste, woran man war.

2

Und so passierte es.

Samuel brachte Willadee und die Kinder am Samstag vorbei, und Willadee half ihrer Mutter den restlichen Tag beim Kochen und Putzen. Da die Kinder eh keine Hilfe sein würden, wurden sie aus dem Haus verbannt und mussten zur Strafe Dinge tun wie auf dem Heuboden herumtollen, im Bach nach Flusskrebsen fischen und auf den gesamten vierzig Hektar Land Kriegsspione spielen.

Noble war zwölf und bestand praktisch nur aus Armen, Beinen und Sommersprossen. Er hatte die Augen von seinem Vater geerbt, allerdings fielen die kaum jemandem auf, da seine Brille so dick und schwer war, dass sie ihm ständig von der Nase zu rutschen drohte. Da er unbedingt cool sein wollte, hatte er sich einen wiegenden Gang zugelegt und sprach mit tiefer, bedrohlicher Stimme. Das Problem dabei war leider, dass er sich gerade im Stimmbruch befand und seine Stimme in eine hohe Lage wechselte, wenn er es am wenigsten erwartete. Sagte er beispielsweise gerade so etwas Finsteres wie: »Wenn du dich bewegst, reiß ich dir das Herz aus dem Leib«, so sprang seine Stimme ins Falsett, und die ganze Wirkung war dahin.

Swan war elf, ein kleines, kräftiges Mädchen mit grauen Augen, das als Junge durchgehen konnte, wenn sie die Sachen ihres jüngeren Bruders Bienville trug. Samuel hätte einen Anfall gekriegt, hätte er gewusst, dass Willadee das erlaubte. In der Bibel stand klar und deutlich, dass Frauen sich nicht wie Männer kleiden sollten, und Samuel Lake versuchte stets, die Bibel wortwörtlich zu befolgen. Willadee hingegen ließ die Kinder meist das tun, was sie wollten, wenn Samuel nicht dabei war, solange sie damit nicht gegen die Familiengrundsätze der Moses verstießen. Das bedeutete, wenn ihre Sprösslinge nicht logen, stahlen und keine Tiere oder kleineren Kinder quälten.

Die eine Woche im Sommer, in der sie Jungenklamotten tragen durfte und sich nicht so sittsam wie sonst verhalten musste, war für Swan die schönste Zeit des Jahres. Dann konnte sie unter Stacheldrahtzäunen hindurchkriechen und über Weiden rennen, ohne dass ihr der verflixte Rock im Weg war. Swan war klein. Sie war schnell. Und sie war genau das, was Noble unbedingt sein wollte: cool. Sie ließ sich nicht unterkriegen, wie sehr man es auch versuchte.

»Dieses Kind ist ein wahrer Teufel«, sagte Oma Calla manchmal zu Willadee, wenn sie glaubte, Swan würde nicht zuhören. Doch Swan hörte immer zu.

»Sie ist ganz die Tochter ihres Vaters«, pflegte Willadee dann zu antworten, gewöhnlich mit einem leisen Seufzen, was so viel bedeutete wie: Da ist halt nichts zu machen, Swan ist eben Swan. Doch im Grunde bewunderten Willadee und Calla Swan, obwohl sie das nie zugegeben hätten. Sie ließen es nur durch ein leichtes Hochziehen ihrer Augenbrauen und ein angedeutetes Lächeln erkennen, wann immer Swans Name fiel. Was häufig vorkam. Denn Swan geriet öfter in Schwierigkeiten als jedes andere Kind aus dem Stamme Moses.

Bienville war neun und vollkommen anders. Er war äußerst friedfertig, liebte Bücher und war vom Universum mit all seinen Erscheinungen immer wieder aufs Äußerste fasziniert. Bei Unternehmungen wie Überwachungen oder Attentaten konnte man allerdings nicht auf ihn zählen. Mitten im schönsten Spionagespiel – man hatte den Feind in die Enge getrieben und wollte gerade zum entscheidenden Schlag ausholen – konnte es passieren, dass Bienville plötzlich dastand und die Gesteinsformation auf dem Grund eines Baches betrachtete oder die Adern in einem Blatt von einem Sassafrasbaum studierte. Man konnte sich einfach nicht darauf verlassen, dass er seinen Teil zum Krieg beitrug.

Noble und Swan hatten immerhin inzwischen gelernt, wie sie mit Bienville umzugehen hatten. Da er sich anscheinend nie für eine Seite entscheiden konnte, machten sie ihn einfach zum Doppelagenten, was Bienville nicht störte, auch wenn er als Doppelagent in der Regel als Erster von ihnen getötet wurde.

An diesem Samstagnachmittag war Bienville gerade zum vierten Mal getötet worden, als alles begann. Er lag mausetot auf dem Rücken auf der Weide und starrte in den Himmel.

»Swan«, sagte er, »hast du dich jemals gefragt, weshalb man in der Nacht Sterne sehen kann, aber nicht am Tag? Die Sterne verdunsten doch nicht, wenn die Sonne aufgeht.«

»Du sollst tot sein«, erinnerte Swan ihn.

Sie hatte ihn soeben mit einer unsichtbaren Maschinenpistole erschossen und war nun dabei, mit einer unsichtbaren Schaufel einen unsichtbaren Graben auszuheben. Bienville wusste es noch nicht, doch er sollte in den Graben gerollt werden, egal ob tot oder nicht. Da Noble jedoch noch immer irgendwo im feindlichen Gebiet lauerte, musste Swan wachsam sein.

»Ich will aber nicht mehr tot sein«, sagte Bienville. Er richtete sich auf, doch Swan stieß ihn mit dem Fuß wieder zu Boden.

»Du bist eine Leiche. Du kannst nichts wollen, du kannst dich nicht aufrichten, und vor allem kannst du NICHT sprechen.«

Während sie redete, hatte sie vollkommen vergessen, wachsam zu sein. Das wurde ihr bewusst, als sie plötzlich Schritte hinter sich hörte. Sie wirbelte herum und schwang die unsichtbare Schaufel. Noble rannte, wild mit den Armen rudernd, direkt auf sie zu. Das Gelände, das er durchquerte, sollte eigentlich ein Minenfeld sein, aber Noble achtete nicht auf Minen. Swan stieß ein wütendes Gebrüll aus und knallte Noble ihre imaginäre Schaufel auf den Kopf. Der Schlag hätte ihn locker zur Strecke bringen müssen, doch er ging weder zu Boden, noch wälzte er sich im Todeskampf. Stattdessen packte er Swan, hielt ihr mit einer Hand den Mund zu und fauchte sie an, ruhig zu sein. Swan wehrte sich empört, konnte sich aber nicht befreien. Auch wenn Noble nicht wirklich cool war, war er zweifelsohne stark.

»Ich hab … dich gerade getötet … mit einer Schaufel!«, brüllte Swan, doch unter Nobles Hand drangen nur erstickte und verzerrte Laute hervor. Bei jedem zweiten bis dritten Wort versuchte Swan ihm in die Finger zu beißen. »Du hättest … auf keinen Fall … überleben können. Das war … ein tödlicher Schlag … und das weißt du!«

Bienville beobachtete das Geschehen wie ein weiser alter Mann und verstand immerhin so viel von Swans Worten, dass er ihr zustimmen musste.

»Natürlich war das ein tödlicher Schlag.«

Noble verdrehte die Augen und drückte seine Hand noch fester auf Swans Mund. Sie wehrte sich wie verrückt. Ein tiefes Knurren drang aus ihrer Kehle.

»PSCHT, hab ich gesagt!« Noble zerrte Swan auf ein Brombeergestrüpp zu, das zwischen der Weide und einem kleinen Waldstück verlief. Bienville rollte sich auf den Bauch und kroch über das Minenfeld hinter ihnen her. Als sie das Gestrüpp fast erreicht hatten, wurde Noble klar, dass er ein Problem hatte. Er musste Swan loslassen, doch das war wahrscheinlich so ähnlich, als würde man eine Wildkatze freilassen.

Ganz ruhig sagte er: »Swan, ich lass dich jetzt los.«

»ICHMCHDICHFTIG, DSCHWHUND!«, antwortete sie und biss ihm so fest in die Hand, dass er sie von ihrem Mund wegriss, um zu sehen, ob sie blutete. Der Bruchteil einer Sekunde war alles, was Swan brauchte. Sie rammte einen Ellbogen in Nobles Bauch, der sich daraufhin vor Schmerzen krümmte und keuchend nach Luft schnappte.

»Verdammt noch mal, Swan«, stöhnte er, aber sie stürzte sich schon auf ihn. Noble rollte sich zusammen und ließ die Attacke über sich ergehen. Er kannte ein paar Indianertricks, zum Beispiel, wie man sich in einen Baum verwandelt. Einen Baum konnte man den ganzen Tag lang schlagen und treten, ohne dass es ihm wehtat, weil er völlig starr war. Das hatte er von Bienville gelernt, der das entweder irgendwo gelesen oder selbst herausgefunden hatte, und solange die Tricks funktionierten, kümmerte es Noble nicht, ob Bienvilles Geschichten wahr waren oder nicht.

Swan hasste es, wenn Noble sich in einen Baum verwandelte. Das Kunststück gelang ihr einfach nie; sie würde niemals stillhalten und sich von jemandem verprügeln lassen. Außerdem machte es sie vollkommen fertig, gegen jemanden zu kämpfen, der sich nicht wehrte. Sie kam sich dann wie ein Verlierer vor, egal wie heftig sie zuschlug. Nichtsdestotrotz musste sie ihr Gesicht wahren, also versetzte sie Nobles hölzerner Schulter einen letzten Schlag und leckte dann ihre wunden Knöchel.

»Ich hab gewonnen«, verkündete sie.

»Na schön.« Noble entspannte seine Muskeln. »Du hast gewonnen. Und jetzt halt endlich den Mund, und komm mit.«

John Moses saß unter einem Baum, reinigte seine Schrotflinte und redete mit Gott.

»Und noch etwas«, sagte er gerade, »die Sache mit dem Roten Meer, das sich geteilt hat, damit die Leute trockenen Fußes hindurchziehen konnten, das glaub ich dir nicht.«

Für jemanden, der nicht an Gott glaubte, redete John sehr viel mit ihm. Ob Gott jemals zuhörte, das war jedoch fraglich. Während seiner Monologe war John nämlich meistens betrunken, und was er sagte, war nicht gerade schmeichelhaft. Schon seit Langem war er richtig wütend auf Gott. Die Wut hatte angefangen, als Walter in der Ferguson-Mühle in das Sägeblatt geraten war.

John zog gerade ein Stück Kordel vorn aus dem Lauf seiner Schrotflinte. Am Ende der Kordel hing ein öliger Baumwolllappen, der grauschwarz war, als er wieder hervorkam. Mit wütendem Blick schielte John in den Lauf.

»Du erwartest von uns, dass wir an die dämlichsten Sachen glauben«, sagte John. Er sprach in normaler Lautstärke, als säße Gott einen halben Meter von ihm entfernt.

»Zum Beispiel an diesen ganzen Kram, dass du die Liebe wärst«, fuhr er mit belegter Stimme fort. »Wenn du die Liebe wärst, dann hättest du doch nicht zugelassen, dass mein Walter aufgerissen wurde wie ein Schlachtschwein …«

Er begann den Kolben seiner Waffe mit einem anderen Lappen zu polieren, der in der Latztasche seines Overalls gesteckt hatte. Tränen traten ihm in die Augen und liefen ihm die wettergegerbten Wangen hinunter. Er machte sich nicht die Mühe, sie wegzuwischen.

»Wenn du die Liebe bist«, brüllte er, »dann kann an der Liebe nicht viel dran sein!«

Die Kinder hockten hinter dem dichten Brombeergestrüpp, ihrem Stacheldrahtwall, und starrten durch winzige Löcher zwischen den stacheligen Zweigen zum Feind hinüber. Sie hatten den alten Mann klar und deutlich im Blick, ohne dass er sie sehen konnte.

Swan hatte das Gefühl, dass sie eigentlich nicht hier sein sollten. Es war eine Sache, wenn sie und ihre Brüder sich gegenseitig bespitzelten, weil sie nur Dinge sagten, die sowieso für sie als Geschwister bestimmt waren. Doch das hier war Papa John. Sie hatten ihn noch nie weinen sehen oder es für möglich gehalten, dass er überhaupt weinen könnte. Waren sie zu Besuch, schlief er eh meist den ganzen Tag und hielt sich am Abend in seiner Bar auf. Sie sahen ihn höchstens, wenn er wortlos durch ein Zimmer ging oder abends am Tisch saß und in seinem Essen herumstocherte. Ihre Mutter sagte, er sei nicht immer so gewesen. Als sie noch ein Kind gewesen war, hätte er sogar recht gut ausgesehen, doch er hätte sich vom Leben unterkriegen lassen. Seinem heutigen Aussehen nach zu urteilen hatte sie mit Letzterem wohl recht.

Swan zupfte Noble am Ärmel, um ihm zu sagen, dass sie gehen wollte, aber er fuhr mit einem Finger über seinen Hals, um zu signalisieren, dass er ihr die Kehle aufschlitzen würde, gäbe sie auch nur einen Mucks von sich.

Genau in diesem Moment hörte Papa John auf mit Gott zu reden und begann zu singen.

»Coming home«, sang er mit zitternder Stimme. Er war vollkommen unmusikalisch. »Cominnng … hommmme …«

Swan warf Bienville einen Blick zu, der erschrocken zurückschaute. Das hier wurde von Minute zu Minute unerträglicher.

»Never more to roammmm …«, grölte Papa John jetzt, konnte sich an den übrigen Text aber nicht erinnern. Also summte er völlig falsch ein paar weitere Takte und wechselte dann zu einem Song von Hank Williams, an dessen Text er sich ebenfalls nicht erinnern konnte. »Hearrr that lonesommme whiii-pooorwillll … it sounds too blue to cryyyy. Dahh-dahh-dahhh … lost … the will to live …«

Zwischendurch kramte er eine Patrone aus seiner Tasche und lud seine Schrotflinte.

»I’m so lonesome, I could …«, an dieser Stelle brach seine Stimme. »I’m so lonesome, I could …«

Swan dachte, dass er sich wie eine Schallplatte mit Sprung anhörte.

»I could …«, sang er wieder, brachte aber das letzte Wort erneut nicht über die Lippen. Er schüttelte den Kopf und stieß einen langen verzweifelten Seufzer aus, dann steckte er sich den Lauf der Schrotflinte in den Mund.

Swan schrie, und Noble und Bienville sprangen wie aufgescheuchte Wachteln in die Luft.

Papa John war nicht einmal dazu gekommen, seinen Finger an den Abzug zu legen. Statt sich also vor den Augen seiner Enkelkinder das Hirn wegzupusten, nahm er ruckartig Haltung an und knallte dabei mit dem Hinterkopf gegen den Baum. Der Lauf der Schrotflinte rutschte aus seinem Mund und riss die obere Gaumenplatte mit. Das Gebiss flog durch die Luft, verschwand im Brombeergestrüpp und landete direkt vor den Füßen der drei Kinder, die zitterten wie Espenlaub. Papa John sprang genauso schockiert wie gedemütigt auf. Sein Mund, der ohne die obere Gebisshälfte eingefallen wirkte, klappte immer wieder auf und zu.

Die Geschwister starrten sehr lange auf den Boden. Als sie schließlich wieder aufblickten, ging Papa John bereits wieder durch den Wald zurück zum Haus. Durch die sich abwechselnden Sonnenstrahlen und schattigen Abschnitte wirkte er gesprenkelt und irgendwie getarnt, sodass er kaum von seiner Umgebung zu unterscheiden war. Und obwohl er immer irgendwie zu sehen war, verschmolz er doch so sehr mit den Bäumen und dem Gestrüpp, als wäre er ein Teil des Waldes und der Wald ein Teil von ihm.

Papa John erschien nicht zum Abendessen. Er verschwand einfach im »Never Closes« und öffnete die Bar. Calla, Willadee und die Kinder konnten den Lärm, den er machte, durch die Wand zwischen Küche und Kneipe hören. John hatte im letzten Jahr eine gebrauchte Musikbox gekauft, die von seinen Gästen gut angenommen wurde. Swan, Noble und Bienville warfen sich während des Essens immer wieder besorgte Blicke zu, bis Calla es schließlich nicht länger aushielt.

»Also gut«, sagte sie, »ich will jetzt sofort wissen, was hier los ist.«

Bienville schluckte heftig, Noble schob seine Brille die Nase hinauf, und Swan griff in ihre Jeanstasche und zog Papa Johns Gebiss hervor.

»Das hat Papa John heute Nachmittag verloren. Wir haben es gefunden.«

»Und deswegen seht ihr so aus, als hättet ihr ein schlechtes Gewissen?«, fragte Calla in scharfem Ton.

Swan wurde wütend. Erwachsene hatten so eine Art, jede einzelne Regung auf dem Gesicht eines Kindes sofort als schlechtes Gewissen zu interpretieren. »Wir haben kein schlechtes Gewissen«, sagte sie lauter als nötig. »Wir machen uns Sorgen. Papa John hätte sich heute Nachmittag fast umgebracht. Und wären wir nicht gewesen, hätte er es auch getan.«

Willadee sog lautstark den Atem ein, aber Calla schüttelte nur den Kopf.

»Das hätte er nicht getan. Das tut er nie«, sagte sie.

Willadee sah ihre Mutter vorwurfsvoll an.

Calla tat ein wenig Tomatenaufstrich auf ihr Brötchen. »Entschuldige, Willadee, aber darüber kann ich mich nicht mehr aufregen. Das habe ich schon viel zu oft miterlebt. Und ihr esst jetzt eure Okras, Kinder.«

Willadee schwieg, aber man konnte ihr ansehen, dass sie nachdachte. Nach dem Essen bot sie an, die Küche aufzuräumen, und bat ihre Mutter, die Teufelsbrut ins Bett zu bringen. »Ach ja«, sagte Großmutter Calla, »lass du mich nur die Drecksarbeit machen.« Beide Frauen lachten. Mit beleidigten Mienen ließen sich die Kinder die Treppe hinaufscheuchen. Sie hüteten sich davor herumzumeckern, doch sie hatten ihre eigenen Methoden, sich an Leuten zu rächen, die ihnen unrecht getan hatten. Wenn sie das nächste Mal Kriegsspione spielten, würden sie bestimmt ein paar weibliche Gefangene nehmen und auf die harte Tour Informationen aus ihnen herausquetschen.

Willadee spülte das gesamte Geschirr, stellte es zum Trocknen auf das Ablaufbrett und betrat dann durch die Hintertür »Never Closes«. Es war die einzige Bar, in der sie je gewesen war, und das auch nur, wenn sie geschlossen hatte. Zumindest ein Mal im Sommer bestand sie darauf, die Kneipe für ihren Vater zu putzen und zu lüften, und jedes Mal hatte sie sich gewundert, wie seine Gäste diesen durchdringenden Gestank nach kaltem Tabak nur aushielten, den man selbst mit intensivstem Schrubben nicht wegbekam. Überrascht stellte sie nun fest, dass es dort ganz anders roch, wenn der Laden voller Leute war. Der Qualm haute einen zwar immer noch um, allerdings war er nun frisch und mischte sich mit dem Geruch des Rasierwassers der Männer und dem schweren Parfüm der wenigen weiblichen Gäste. In einer Ecke tanzte ein einzelnes Paar. Die Frau zerzauste dem Mann die Haare, während er ihr mit den Händen über den Rücken strich. Karten und Domino wurden gespielt, und den Pooltisch konnte man vor lauter Hintern und Ellbogen gar nicht erkennen. So wie die Leute miteinander lachten und scherzten, mussten sie ihre Sorgen an der Tür abgegeben haben. John Moses stand hinter der Bar und öffnete gerade zwei Bierflaschen, die er einer blondierten Frau mittleren Alters reichte, die er dabei mit geschlossenen Lippen anlächelte, weil er sich wegen seines fehlenden Gebisses schämte. Er tat so, als würde er Willadee nicht bemerken, bis sie herüberkam und sich gegen die Bar lehnte.

Sie reichte ihm seine Zähne. Ganz diskret. John kniff die Augen zusammen, nahm dann das Gebiss, drehte sich kurz um und schob es in den Mund. Dann wandte er sich seiner Tochter zu.

»Was willst du hier?«

»Ich dachte, ich guck mal, was andere Leute so treiben«, sagte Willadee. »Wie geht’s dir, Daddy? Ich seh dich ja kaum noch, wenn ich hier bin.«

John Moses hustete missbilligend.

»Wenn du nicht so weit weg wohnen würdest, könntest du mich häufiger sehen.«

Willadee blickte ihren Vater so sanft wie nur möglich an und fragte: »Daddy, ist alles in Ordnung?«

»Was kümmert dich das?«

»Es tut es eben.«

»Quatsch!«

»Du willst nur, dass es dir schlecht geht. Na, komm schon. Setz doch mal ein Grinsen auf.«

Aber offenbar war ihm das Grinsen vergangen.

»Es ist nicht gut«, sagte sie, »sich im eigenen Elend zu suhlen.«

»Willadee«, brummte er, »du weißt gar nicht, was Elend ist.«

»Das weiß ich wohl, du alter Furz. Ich kenn dich doch.«

Das waren schon eher die Worte einer Moses als die einer Predigerfrau, und es stellte sich heraus, dass der alte John doch noch zu dem einen oder anderen Grinsen fähig war. Zum Beweis gab er ihr eine Kostprobe.

»Willst du ein Bier, Willadee?«, fragte er hoffnungsvoll.

»Du weiß doch, dass ich nicht trinke.«

»Ja, aber es würde mir einen teuflischen Spaß machen, wenn du mal etwas tust, was Sam Lake umhauen würde, wenn er’s wüsste.«

Willadee lachte und knuffte ihren Vater in die Rippen. »Also schön, gib mir ein Bier«, sagte sie. »Mich würd’s nämlich echt freuen, wenn du ein bisschen Spaß hättest.«

Erst nach zwei Uhr morgens verließ Willadee das »Never Closes« und schlich sich ins Haus zurück. Als ihre Mutter gerade von der Toilette kam, stießen die beiden Frauen im Flur aufeinander.

»Willadee, hast du etwa eine Bierfahne?«, fragte Calla.

»Ja, Ma’am, hab ich.«

»Auch das noch«, sagte Calla und ging die Treppe hinauf.

Als Willadee später in ihrem alten Zimmer im Bett lag, dachte sie noch einmal über alles nach. Wie das erste Bier nach faulen Tomaten geschmeckt hatte, das zweite jedoch angenehm erfrischend gewesen war – und dass der Lärm und das Gelächter in der Bar genauso berauschend auf sie gewirkt hatten wie der Alkohol. Sie und ihr Vater hatten die Gäste sich selbst bedienen lassen, sich zusammen an einen leeren Tisch gesetzt und über Gott und die Welt geredet, so wie früher, bevor Willadee geheiratet hatte. Damals war sie der Schatten des alten Mannes gewesen, heute war er selbst nur noch ein Schatten. Fast unsichtbar. Aber nicht heute Abend. Heute Abend hatte er gestrahlt.

Jetzt wollte er nicht mehr sterben. Auf jeden Fall sah er so aus, als würde er das nicht mehr wollen. Er hatte sich schon seit Langem nutzlos gefühlt, aber Willadee hatte ihm gezeigt, wie sehr er noch gebraucht wurde, indem sie all die Stunden bei ihm gesessen, mit ihm gescherzt und ihm verständnisvoll zugehört hatte, während er ihr sein Herz ausschüttete.

»Du bist immer mein Liebling gewesen«, hatte er ihr erklärt, kurz bevor sie das »Never Closes« verließ. »Die anderen hab ich auch lieb. Alle. Ich bin ja ihr Daddy, also liebe ich sie. Aber du, du und Walter …« Er schüttelte den Kopf. Vor Ergriffenheit versagte ihm die Stimme. An der Hintertür der Bar küsste er sie auf die Wange. John Moses, der seine geliebte Tochter zurück in das sichere Haus geleitete, das er als starker junger Mann erbaut hatte. John Moses, der fühlte, dass er noch zu etwas nutze war.

Willadee war kaputt, aber es war eine angenehme Art von kaputt. Sie fühlte sich, als würde sie schweben. Nichts hielt sie mehr an der Erde fest. Sie konnte einfach immer höher steigen und auf das Leben hinabblicken, während es an den Rändern unbestimmt wurde und verschwamm. Sie nahm sich vor, irgendwann wieder mal zwei Bier zu trinken. Irgendwann. Sie war schließlich eine der Moses-Familie.

Das Lieblingskind ihres Vaters.