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Patricia Kay

Schenk mir nur noch eine Nacht!

IMPRESSUM

BIANCA erscheint in der Harlequin Enterprises GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Brieffach 8500, 20350 Hamburg
Telefon: 040/347-25852
Fax: 040/347-25991

© 2009 by Patricia A. Kay
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BIANCA
Band 1839 - 2012 by Harlequin Enterprises GmbH, Hamburg
Übersetzung: Marc Tannous

Fotos: Harlequin Books S.A.

Veröffentlicht im ePub Format im 07/2012 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

eBook-Produktion: , Pößneck

ISBN 978-3-86494-153-5

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Führung in Lesezirkeln nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY, STURM DER LIEBE

 

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1. KAPITEL

Stephen Wells zuckte zusammen, als er den unverwechselbaren Klingelton seines Handys vernahm.

Verdammt! Eigentlich hatte er das Mistding abschalten wollen, bevor er Jake Burrows Büro betrat. Schließlich wusste er, wie sehr der Alte Unterbrechungen hasste. Und ganz besonders hasste er Handys.

Jake sah ihn bereits finster an.

„Tut mir leid“, sagte Stephen und kramte das Telefon aus seiner Hosentasche. Er wollte es gerade ausschalten, als er die Nummer auf dem Display erkannte.

Caroline?

Er warf Jake einen entschuldigenden Blick zu und murmelte: „Einen Moment.“ Damit stand er auf und ging aus dem Büro.

„Hallo?“

„Stephen? Gott sei Dank erreiche ich dich.“

Obwohl sie ein Jahr älter war als er, war Caroline seine Nichte – die Tochter seines älteren Halbbruders Elliott.

Stephen erstarrte, als er die kaum unterdrückte Panik in ihrer Stimme bemerkte. Als Erstes kam ihm in den Sinn, dass Elliott etwas passiert sein könnte. „Was ist denn los?“

„Es ist wegen Daddy.“

Stephen stockte der Atem.

„Du wirst es nicht glauben, Stephen. Er heiratet!“ Mit jedem Wort wurde ihre Stimme etwas schriller.

Stephen stutzte. Heiraten? Elliott? Das war unmöglich.

„Wie kommst du denn darauf? Wen soll er denn bitte schön heiraten?“ Sie musste sich irren. Nach allem, was Stephen wusste, hatte Elliott seit dem Tod seiner Frau vor vierzehn Monaten keine einzige Verabredung mehr gehabt.

„Was denkst du denn, wie ich darauf komme? Durch ihn! Vor knapp fünf Minuten hat er angerufen und gesagt, dass er seine zukünftige Frau mit nach Hause bringt.“

„Ich …“

„Und das ist längst nicht alles. Sie ist jünger als ich!“ Und wieder überschlug sich ihre Stimme.

„Jünger als du?“ Caroline war vierunddreißig, Elliott siebenundfünfzig. „Woher weißt du das denn?“

„Weil Daddy es mir gesagt hat. Natürlich nicht von sich aus. Ich musste es ihm aus der Nase ziehen. Und glaub mir, wirklich begeistert war er nicht, als er das zugeben musste.“

Stephen wusste nicht, was er dazu sagen sollte.

„Ganz offensichtlich ist sie nur hinter seinem Geld her“, sagte Caroline angesäuert.

„Ach, komm, das sind doch reine Vermutungen.“ Stephens Gedanken rotierten jedoch. Wann konnte Elliott diese Frau kennengelernt haben? Und wo? Und warum hatte er sie Stephen gegenüber nie erwähnt? „Weißt du denn, wer sie ist?“

„Er hat sie auf einer seiner Geschäftsreisen nach Austin kennengelernt.“ Austin lag fünf Autostunden von ihrer Ranch im Südwesten von Texas entfernt. Elliott, der unzähligen Geschäften nachging, fuhr oft dorthin.

„Ich fasse es nicht“, sagte Stephen leise. Er wusste, dass sein Bruder sich nach Adeles Tod sehr einsam gefühlt hatte. Auch Stephen vermisste sie. Sie war ein wundervoller Mensch gewesen, deshalb konnte er sich gut in Elliotts Lage versetzen.

Aber … heiraten? Und das schon so bald? Eine so junge Frau?

Stephen wollte ja gern glauben, dass Elliott wusste, was er da tat. Dass diese Frau seinen Bruder verdient hatte und dass Elliotts beträchtliches Vermögen nicht der Beweggrund für ihre Bereitschaft war, die zweite Mrs Lawrence zu werden.

Stephen bekam ein schlechtes Gewissen, weil er derartige Spekulationen überhaupt anstellte. Elliott war ein gut aussehender, mitten im Leben stehender Mann in Topform. Und siebenundfünfzig war noch lange kein Alter.

„Du musst herkommen, Stephen. Morgen bringt er sie mit.“

„Bis morgen schaffe ich es nicht. Ich komme am Samstag.“

„Ich will aber, dass du bei ihrer Ankunft dabei bist. Schließlich brauche ich deine moralische Unterstützung.“

„Sieh mal, Caroline, eigentlich ist es doch egal, wann ich komme. Schließlich heiraten sie nicht schon morgen. Außerdem …“

„Außerdem was?“

Stephen wollte sagen, dass Elliott seine ganze Loyalität und sein ganzes Mitgefühl besaß. Wenn irgendjemand es verdient hatte, glücklich zu sein, dann er.

Doch Stephen wusste, dass das keinen Sinn hatte. Dazu klang Caroline viel zu aufgeregt. Es bestand kein Grund, alles noch schlimmer zu machen, deshalb wägte er seine Worte vorsichtig ab: „Ich finde nur, wir sollten keine voreiligen Schlüsse ziehen. Sei deinem Dad gegenüber ein bisschen nachsichtig.“

„Nachsichtig? Er hat ganz offensichtlich den Verstand verloren! Ich habe dir ja noch gar nicht alles erzählt. Sie hat einen Sohn! Einen Sohn! Und nach allem, was Dad erzählt hat, ist er jünger als Tyler.“ Tyler war Carolines Sohn. „Ich bitte dich: Du musst einfach kommen. Du bist der einzige Mensch, auf den Daddy hört.“ Bei den letzten Worten klang sie etwas verstimmt.

Stephen unterdrückte einen Seufzer. Er wusste, dass Caroline keine Ruhe geben würde, ehe er ihrem Wunsch entsprach.

Um ehrlich zu sein, war es vielleicht sogar ganz gut, bei Elliotts Ankunft mit dieser Frau und ihrem Sohn anwesend zu sein. Schon, um als Puffer zwischen Caroline und dem glücklichen Paar wirken zu können.

Vielleicht konnte er das Fohlen-Geschäft schneller über die Bühne bringen und morgen in aller Frühe losfahren.

„Okay“, sagte er resigniert. „Ich werde sehen, was ich kann.“

Es dauerte jedoch noch bis zum Nachmittag des darauffolgenden Tages, bis die Papiere für das Fohlen fertig und alle Vorkehrungen abgeschlossen waren, sodass das Pferd nächste Woche zur Ranch gebracht werden konnte.

Caroline war nicht gerade begeistert, als Stephen sie anrief, um ihr zu sagen, dass er es unmöglich früher als bis zum späten Nachmittag schaffen würde.

Ändern ließ es sich jedoch nicht. Das Fohlen war viel zu kostbar, als dass Stephen den Deal platzen lassen konnte. Sie hatten vor, das Tier später als Zuchtstute einzusetzen.

Wenigstens würde er es bis Anbruch der Dunkelheit schaffen. Obwohl er sich mit den Instrumenten bestens auskannte, flog er lieber bei Tag, wenn er noch etwas sehen konnte.

Beim Gedanken an die Cessna 152, die er im vergangenen Jahr gekauft hatte, musste er lächeln.

Stephen hatte sich im ersten Jahr seines Jurastudiums auf Harvard für die Fliegerei begeistert. Sein Zimmergenosse war damals ein Flug-Fanatiker aus Connecticut gewesen, und Stephen war diesem Sport ziemlich bald selbst verfallen.

Nachdem er die Flugzeuge jahrelang nur gemietet hatte, hatte er sich schließlich durchgerungen, sein eigenes zu kaufen.

Zunächst hatte er befürchtet, dass Elliott wenig begeistert reagieren und versuchen würde, es ihm auszureden. Doch sein Bruder ermutigte ihn sogar dazu. Und das, obwohl Elliott selbst unter Flugangst litt und es vorzog, zu laufen, auf seinen geliebten Pferden zu reiten oder mit einem seiner beiden Trucks zu fahren.

Stephen stutzte. Elliott bedeutete ihm mehr als irgendjemand sonst auf der Welt. Er hätte buchstäblich sein eigenes Leben für seinen Bruder geopfert. Deshalb konnte er nur hoffen, dass Caroline sich irrte und die Frau, die Elliott heiraten wollte, ihn auch wirklich liebte.

Trotzdem machte er sich Sorgen. Denn selbst wenn die Frau tatsächlich wundervoll sein sollte, würde Caroline ihr das Leben zur Hölle machen. Was wiederum auch Elliotts Leben zur Hölle machen würde.

Und meins auch

Dieses und viele andere Probleme wären gelöst, wenn sich Caroline endlich um eine eigene Wohnung bemühen würde, das war sogar Elliott bewusst. Aber wenn es um seine Tochter ging, war er einfach zu gutmütig und nachgiebig.

Immerhin war er es gewesen, der ihr nach ihrer Scheidung vor vier Jahren nahegelegt hatte, wieder auf die Ranch zu ziehen. Und jetzt, nach Adeles Tod, konnte nur noch ein Erdbeben sie von dort vertreiben.

Selbst wenn sie vorgehabt hätte, für sich und ihren Sohn eine Wohnung zu suchen, würde die aktuelle Entwicklung der Ereignisse nur dazu führen, dass sie noch mehr an der Ranch festhielt.

Wenn auf eines Verlass war, dann war es die Besessenheit, ständig die erste Geige im Leben ihres Vaters spielen zu müssen. Das war bereits in ihrer Kindheit zu spüren gewesen, als sie noch Daddys kleine Prinzessin gewesen war.

Das verwöhnte Einzelkind zweier Menschen, die sich mehr Kinder gewünscht hatten, sie aber nicht bekommen konnten und so all ihre Liebe und Aufmerksamkeit auf ihre einzige Tochter konzentrierten.

Hierin lag auch die Ursache der Spannungen zwischen Stephen und Caroline, die wahnsinnig eifersüchtig auf die gute Beziehung der beiden Brüder war.

Dass sie Stephen nun angerufen hatte, zeigte nur, wie sehr sie über Elliotts Verlobung entsetzt war. Unter normalen Umständen wäre Stephen der letzte Mensch gewesen, an den sie sich gewandt hätte.

Stephen stieß einen Seufzer aus.

Er sah bereits großen Ärger am Horizont heraufziehen.

„Keine Sorge, Darling. Du wirst sehen, das kriegt sich alles wieder ein.“

Jill Emerson lächelte ihren Verlobten an. Nie im Leben hatte sie geglaubt, dass sie jemals einen Mann wie ihn finden würde. Aufmerksam, rücksichtsvoll, freundlich, liebevoll, liebend …

Sie war eine glückliche Frau.

Doch trotz Elliotts Beteuerung war sie alles andere als sicher, dass sich alles „wieder einkriegen würde“. Schließlich hatte sie seinen Blick gesehen, als er mit seiner Tochter telefoniert und ihr von ihrer baldigen Hochzeit erzählt hatte.

Er hatte anschließend sogar zugegeben, dass Caroline ein „wenig aufgebracht“ sei, versicherte Jill jedoch, dass sie „schon darüber hinwegkommen“ würde.

„Für sie kommt das alles sehr unerwartet“, fügte er hinzu. „Ich hätte ihr schon vor einem Monat von dir erzählen sollen.“

Jill vermutete, dass Carolines Reaktion noch heftiger ausgefallen war, als er zugab. Elliott wollte nur nicht, dass Jill sich Sorgen machte.

Wenn Jill ehrlich war, konnte sie sich gut vorstellen, wie Elliotts Tochter zumute sein musste. Er hatte Jill erzählt, dass sie ein sehr enges Verhältnis zu ihrer Mutter gehabt hatte. Natürlich war sie entsetzt darüber, dass ihr Vater so bald wieder heiraten wollte.

Vom Altersunterschied ganz zu schweigen.

Elliott war siebenundfünfzig, Jill dreißig. Für viele Menschen hätte das ein unüberwindbares Hindernis dargestellt, doch Jill und Elliott störte es nicht im Geringsten.

Das konnte Caroline natürlich nicht wissen. Wahrscheinlich glaubte sie, Jill sei nur an Elliotts Geld interessiert. Wie sollte sie auch ahnen, dass Jill Elliott wirklich liebte und seinen Antrag auch angenommen hätte, wenn er nicht wohlhabend gewesen wäre? Schließlich hatte sie das bei ihrem ersten Kennenlernen noch gar nicht gewusst.

Ihr gefiel es sogar, dass Elliott etwas reifer war. Sie hielt ältere Männer für verantwortungsvoller und bindungswilliger. Außerdem waren sie selbstbewusster und hatten es nicht nötig, sich ständig aufzuplustern.

Nicht, dass Jill viel Erfahrung mit Männern egal welchen Alters gehabt hätte. In den letzten zehn Jahren war sie zu sehr damit beschäftigt gewesen, ihren College-Abschluss zu machen und sich um ihre todkranke Tante zu kümmern.

Gleichzeitig musste sie Jordan großziehen und nach dem Tod ihrer Tante den Lebensunterhalt für sich und ihren Sohn bestreiten. Für andere Dinge war da wenig Zeit geblieben.

Als würde er spüren, dass sie gerade an ihn dachte, nahm Jordan seine Kopfhörer ab und fragte: „Elliott, wann sind wir denn da?“

Jill und Elliott wechselten amüsierte Blicke. Elliott kannte Jordan zwar längst nicht so gut wie Jill, aber immerhin lange genug, um zu wissen, dass der Zehnjährige nicht nur neugierig, sondern auch sehr ungeduldig war.

„Noch etwa eine Stunde, Kleiner“, sagte Elliott.

Jordan ließ einen lauten Seufzer vernehmen. „Okay.“

„Wie wär’s, wenn wir irgendwo anhalten und uns ein Eis holen?“, schlug Elliott vor. „Etwas weiter vorne gibt’s einen Laden. Der hat das beste hausgemachte Eis, das du jemals probiert hast.“

„Vergeht die Zeit dadurch schneller?“, witzelte Jill.

„Wenn du mich fragst, löst ein gutes Eis sämtliche Probleme auf dieser Welt“, entgegnete Elliott und zwinkerte ihr zu.

Erstaunlicherweise ließ das Eis den Rest der Strecke tatsächlich schneller verstreichen. Nicht, dass Jill es besonders eilig hätte, ihr Ziel zu erreichen.

Sie spürte jedoch, dass Jordan allmählich genug von der Autofahrt hatte und Elliott nach Hause kommen wollte.

„Wir sind fast da“, sagte Elliott. „Wenn wir die Spitze dieses Hügels erreicht haben, kannst du die Ranch sehen.“

Jill lächelte, obwohl sie ein Nervenbündel war.

Ich habe die richtige Entscheidung getroffen, versicherte sie sich selbst zum wiederholten Mal. Ich liebe Elliott, und Jordan vergöttert ihn. Nur das allein zählt. Seine Familie hat jedes Recht, misstrauisch zu sein. Ich muss ihnen beweisen, dass ich keine Bedrohung darstelle. Und ich habe den ganzen Sommer Zeit, um sie auf meine Seite zu ziehen.

Sie hatte Elliott deutlich gemacht, dass sie ihn nicht vor kommendem September heiraten konnte. Wäre es nach ihm gegangen, hätte die Hochzeit sofort stattgefunden.

Jill wollte sich einfach versichern, dass sie und Jordan in seiner Familie willkommen waren. Elliott war zwar zunächst enttäuscht gewesen, doch irgendwann hatte er eingesehen, dass ihr Entschluss feststand, und sie nicht weiter bedrängt.

Auf eine Sache hatte er sie allerdings vorbereitet: dass es ungemütlich für sie werden würde, falls Caroline auch nach der Hochzeit noch auf der Ranch bleiben sollte.

„Wir üben sanften Druck auf sie aus, dass sie sich eine eigene Wohnung sucht“, hatte Elliott versprochen.

„Tu aber erst einmal nichts“, hatte Jill ihn gebeten. „Lass uns zunächst abwarten, wie sich die Dinge entwickeln.

Elliott unterbrach ihre Gedanken. „Da ist es.“

Der leise Stolz in Elliotts Stimme rührte Jill. Die Liebe zu seiner Heimat und zu seiner Familie war einer der Charaktereigenschaften, die sie schon beim ersten Kennenlernen am anziehendsten an ihm gefunden hatte.

Die Erinnerung an diesen Samstag im Januar ließ Jill ihre Bedenken vergessen und brachte sie wieder zum Lächeln.

Elliott hatte die Galerie besucht, in der Jills Gemälde verkauft wurden, und in der sie mehrere Stunden die Woche sowie an den meisten Wochenenden arbeitete.

Er war auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für seine Tochter gewesen.

Jill hatte ihn sofort gemocht: Seine liebevollen blauen Augen, sein warmherziges Lächeln, und wie aufmerksam er ihr zuhörte, als sie die Vorzüge der verschiedenen Stücke anpries, an denen er interessiert war.

Entschieden hatte er sich schließlich für eines ihrer liebsten Aquarelle. Es zeigte das alte Missionsgebäude nahe des Hauses ihrer Tante in San Marcos.

„Ich hoffe, Ihrer Tochter gefällt es“, sagte sie, während sie das Gemälde einpackte.

„Davon bin ich überzeugt“, entgegnete er. „Ihre Bilder sind allesamt wunderschön.“

In genau diesem Moment kam Jordan durch die Vordertür gestürmt.

Für die Tage, an denen Jill arbeitete, hatte sie ihm eine Mitfahrgelegenheit organisiert, die ihn von der Schule zur Galerie brachte. Nicht nur, weil ein Babysitter ihr Budget gesprengt hätte, sondern auch, weil sie seine Gesellschaft genoss.

Er saß dann immer im hinteren Büro, machte seine Hausaufgaben und aß dabei eine kleine Zwischenmalzeit. Jills Freundin und Chefin, Nora O’Malley, bewahrte immer Obst und Getränke im Kühlschrank für ihn auf.

Wenn er fertig war, erlaubte sie ihm, den kleinen Fernseher anzuschalten und seinen Lieblingssender Animal Planet zu sehen – jedoch nie länger als eine Stunde. Stattdessen ermutigte sie ihn, zu lesen.

Jill musste daran denken, wie schnell Elliott Interesse an Jordan gezeigt hatte – und Jordan an ihm.

Sie konnte sich glücklich schätzen. Es war wie ein Wunder, dass sie diesen Mann gefunden hatte, der nicht nur sie, sondern auch ihren Sohn liebte.

Dennoch hatte sie gezögert, seinen Antrag anzunehmen. Sie hatte entgegnet, dass sie sich geschmeichelt fühlte, jedoch noch etwas Bedenkzeit benötigte. „Es gibt dabei so viel abzuwägen“, hatte sie gesagt.

„Ich verstehe“, hatte er nur geantwortet. „Nimm dir alle Zeit, die du brauchst.“

Auch das gefiel ihr an ihm. Er konnte sich gut in andere Menschen einfühlen. Das war eine seltene Gabe, wie Jill wusste.

Trotzdem … wenn sie Elliott heiratete, brachte das enorme Veränderungen in ihr und Jordans Leben.

Ihre Tätigkeit als freie Kunstlehrerin an mehreren Schulen in Austin würde sie dann aufgeben müssen. Genau wie ihre Arbeit in der Galerie. Außerdem würde sie alles Vertraute zurücklassen: Ihre Freunde, ihre Kirche, ihre Karriere … für eine ungewisse Zukunft.

„Ich würde keine Sekunde zögern“, hatte Nora gesagt. „Er ist ein toller Mann, Jill. Wenn du ihn nicht willst, schnappe ich ihn mir.“

Sie hatte bei diesen Worten gelacht, doch Jill wusste, dass Nora das nur halb im Scherz gesagt hatte.

„Malen kannst du überall“, fügte Nora hinzu. „Ich werde deine Werke jedenfalls immer liebend gern an den Mann bringen, das weißt du.“

Den alles entscheidenden Grund dafür, dass sie Elliotts Antrag annahm, lieferte jedoch Jordan. Er war ganz aus dem Häuschen, als Jill ihm erzählte, dass sie mit dem Gedanken spielte, Elliott zu heiraten, und dass sie dann zu ihm auf die Ranch ziehen würden.

„Cool!“, rief er, und seine Augen leuchteten vor Begeisterung. „Vielleicht kauft mir Elliott ein Pferd!“

Als sie Elliott ihre Entscheidung mitteilte, antwortete er, dass sie ihn damit zum glücklichsten Menschen auf diesem Planeten machte und sie es niemals bereuen würde. Diese Worte hatten auch ihre letzten Zweifel zerstreut.

Ich habe sehr viel Glück, dachte sie jetzt. Deshalb werde ich auch alles tun, was in meiner Macht steht, um seine Tochter Caroline und seinen Bruder auf meine Seite zu ziehen. Ganz gleich, wie sehr ich mich dafür ins Zeug legen muss. Das ist das Mindeste, was Elliott und Jordan verdient haben.

Caroline Lawrence Conway ging im Wohnzimmer der Ranch ihres Vaters unruhig auf und ab. Ihre Absätze hämmerten dabei auf den Parkettboden.

Ihr Vater hätte das sehr missbilligt, aber zum Glück war er nicht hier. Er mochte es nicht, wenn sie mit hohen Absätzen über das wertvolle Parkett ging, und normalerweise tat Caroline nichts, was ihrem Vater missfiel.

In diesem Moment war ihr das jedoch egal.

Wie konnte er einfach anrufen, und wie aus heiterem Himmel verkünden, dass er heiraten würde? Eine Frau, die sie nicht kannte und die er ihr gegenüber nie erwähnt hatte? Eine Frau, die jünger war als Caroline selbst!

Das war entsetzlich. Abscheulich. Ekelhaft.

Dabei lag ihre Mutter gerade einmal vierzehn Monate unter der Erde!

Ihre Freunde würden empört sein. Sie würden denken, ihr sonst so vernünftiger Vater hätte den Verstand verloren.

Tränen der Wut stiegen in Carolines Augen. Sie konnte nicht fassen, dass so etwas passiert war. Zum wiederholten Male spielte sie die Unterredung mit ihrem Vater im Geiste durch.

„Hallo, Prinzessin“, hatte er gesagt. „Ich wollte dich nur wissen lassen, dass ich morgen Nachmittag zurückkomme.“

Caroline lächelte. Sie vermisste ihren Vater, wenn er nicht da war. „Was möchtest du denn zum Abendessen? Soll ich ein paar Steaks auftauen? Ich werde Marisol bitten, diese Kartoffel-Käse-Kasserolle zu machen, die du so gern magst.“

„Klingt lecker“, antwortete er. „Nimm aber ein oder zwei Steaks mehr aus der Truhe. Ich bringe jemanden mit.“

„Ach, ja?“ Noch immer schöpfte sie keinen Verdacht, sondern nahm an, dass er von einem Geschäftspartner sprach.

„Ich will, dass du es als Erste erfährst, Caroline. Ich … bin verlobt und werde bald heiraten.“

Caroline war so schockiert, dass sie kein Wort hervorbrachte. Hatte sie ihn vielleicht missverstanden? „W… was hast du gerade gesagt?“

Er lachte. „Ich sagte, ich bin verlobt. Sie heißt Jill. Und sie hat einen zehnjährigen Sohn namens Jordan. Die beiden kommen morgen mit mir zusammen nach Hause. Ich kann kaum erwarten, sie dir vorzustellen.“

Caroline wusste nicht mehr genau, was sie geantwortet hatte. Sie hatte vor Wut und Eifersucht gezittert und gar nicht erst versucht, das zu verbergen.

Und ihr Vater, normalerweise der aufmerksamste Mensch, hatte so getan, als würde er das gar nicht bemerken. „Ich bin mir sicher, dass du begeistert von ihr sein wirst, Caroline. Bestimmt werdet ihr die besten Freundinnen.“

Schließlich hatte sie sich so weit gefasst, dass sie Fragen stellen konnte, die er zögernd beantwortete. Dadurch hatte sie herausgefunden, wie jung seine neue Verlobte war.

Jetzt, wo Caroline darüber nachdachte, hatte er wohl gehofft, diese Information bis zu seiner Rückkehr verbergen zu können. Die Tatsache, dass er eine Frau heiraten wollte, die jünger als seine Tochter war!

Es bestand kein Zweifel daran, dass diese Jill nur hinter seinem Geld her war.

Ja, Caroline wusste, dass ihr Vater attraktiv war. Aber er war siebenundfünfzig, Herrgott noch mal! Siebenundfünfzigjährige Filmstars konnten dreißigjährige Frauen heiraten, doch in der Wirklichkeit passierte so etwas nicht. Es sei denn, der Mann war reich.

Und seit auf ihrem Land Öl entdeckt wurde, war Tyler Lawrence ausgesprochen wohlhabend.

Oh ja, diese Frau wollte Geld, daran bestand kein Zweifel. Sie hatte ihren Vater nur angesehen und gemerkt, dass sie für ihr Leben ausgesorgt hätte.

Männer sind wirklich Idioten, dachte Caroline verbittert.

Sie konnte sich gut vorstellen, wie diese Jill aussah. Wahrscheinlich war sie blond mit einer großen Oberweite – der Pamela-Anderson-Typ.

Freundinnen! Das konnte ihr Vater nicht ernst meinen! Um nichts in der Welt würde Caroline sich jemals mit einer solchen Schlampe anfreunden, die versuchte, sich den Platz im Herzen ihres Vaters zu erschleichen, der Carolines Mutter gehörte.

Und mir.

Tränen traten in Carolines Augen. Wie konnte er nur?

„Miss Caroline?“

Caroline wirbelte herum. Marisol, ihre langjährige Haushälterin, stand im Türbogen, der ins Foyer der weitläufigen Ranch führte, und wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab.

„Was gibt’s denn, Marisol?“

„Es ist wegen des Desserts, Miss Caroline. Ich dachte, ich mache vielleicht eine Obsttorte.“

„Mir doch egal. Das überlasse ich Ihnen.“

Nachdem die Haushälterin wieder in der Küche verschwunden war, ging Caroline zum Fenster. Wütend wischte sie sich die Tränen weg und starrte in den hellen Junitag hinaus.

Was würde passieren, wenn ihr Vater seine Heiratspläne in die Tat umsetzte? Sie hatte Angst, darüber nachzudenken.

Würde er verlangen, dass Caroline und Tyler auszogen?

Und wie sollte sie darauf reagieren?

Der bloße Gedanke, wieder auf sich allein gestellt zu sein, löste Übelkeit bei ihr aus.

Das kann ich nicht. Und das werde ich auch nicht tun.

Sie dachte noch immer über die möglichen Konsequenzen nach, als sie den dunkelroten Dodge Ram Truck erspähte. Er fuhr gerade in die Einfahrt, die zum Hauptgebäude führte.

Carolines Herzschlag beschleunigte sich. Sie war erleichtert, dass sie vor Tyler ankamen, der seinen Freund Evan besuchte.

Als sie daran dachte, was ihr Vater ihr gestern am Telefon zuletzt gesagt hatte, biss sie die Zähne zusammen.

Er glaubte allen Ernstes, dass Tyler und diese Frau sich ebenfalls anfreunden würden.

Ha! Nicht, solange Caroline noch ein Wörtchen mitzureden hatte!

Sie atmete tief durch und straffte sich. Dann ging sie ins Foyer und riss die Tür auf.

2. KAPITEL

Jill versuchte ihre Nervosität zu verbergen, während Elliott breit lächelnd auf die unterkühlt wirkende Blonde zuging, die in der geöffneten Tür stand.