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Chantelle Shaw

Ein Blick sagt mehr als 1000 Worte

IMPRESSUM

JULIA erscheint in der Harlequin Enterprises GmbH

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Telefon: 040/347-25852
Fax: 040/347-25991

© 2011 by Chantelle Shaw
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA
Band 2029 - 2012 by Harlequin Enterprises GmbH, Hamburg
Übersetzung: SAS

Fotos: Harlequin Books S.A.

Veröffentlicht im ePub Format im 07/2012 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

eBook-Produktion: , Pößneck

ISBN 978-3-86494-140-5

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Führung in Lesezirkeln nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY, STURM DER LIEBE

 

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1. KAPITEL

Erinnert sich eigentlich jede Frau an ihren ersten Liebhaber?

Diese Frage stellte Gina sich, als ihr Blick in dem vollen Raum auf den Mann fiel, nach dem sie einst völlig verrückt gewesen war.

Ja, das war definitiv Lanzo. Vor zehn Jahren hatten sie eine kurze Affäre miteinander gehabt, und noch immer galt er als einer der begehrtesten Junggesellen Europas. In den Medien waren ständig Berichte und Fotos von ihm zu finden. Gina konnte nicht anders, sie starrte ihn an, und genau wie damals, als sie achtzehn gewesen war, meldete sich ein Flattern in ihrem Magen.

Hatte er ihren Blick etwa gespürt? Sie hielt den Atem an, als er den Kopf drehte und ihre Blicke sich trafen. Dann wandte Gina sich hastig ab und schaute über die Menge der anderen Partygäste.

An diesem Wochenende war die Stille von Poole Harbour an der britischen Küste durch den Trubel der Offshore-Meisterschaft zerrissen worden. Den ganzen Tag über hatte das Rennen in der Bucht stattgefunden, doch jetzt am Abend schwiegen die PS-starken Motoren, und Dutzende von futuristisch anmutenden Powerbooten lagen im Hafen vor Anker.

Der Sport zog mit Sicherheit die Reichen und Schönen an, wie Gina zugeben musste, als sie sich in dem vollen Restaurant umsah. Allerdings würde sie nie nachvollziehen können, warum man bei Extremsportarten sein Leben riskierte und es als Spaß bezeichnete. Rennen interessierten sie nicht, und die Partyszene sagte ihr ebenso wenig zu. Sie war nur hier, weil Alex, ihr Freund aus Schultagen, sie eingeladen hatte. Erst seit Kurzem arbeitete er als Manager des exklusiven „Di Cosimo“, und für den ersten großen Event unter seiner Leitung hatte er sie um moralischen Beistand gebeten.

Jetzt allerdings war sie es, die Unterstützung nötig hätte. Ihre Beine wollten nachgeben und ihr schwindelte leicht, wofür wohl kaum das eine Glas Champagner, das sie getrunken hatte, verantwortlich zu machen war …

… sondern der Schock, Lanzo wiederzusehen. Sie hätte nicht gedacht, dass er sich noch immer für Powerboot-Rennen interessierte. Gut, das Restaurant gehörte ihm, aber es war nur eines in der überall auf der Welt vertretenen Di-Cosimo-Restaurantkette. Sie hatte einfach nicht damit gerechnet, dass er nach Poole kommen würde, sonst wäre sie sicherlich nicht hier. Und genauso wenig war sie auf ihre eigene Reaktion vorbereitet.

Mit seinem Aussehen hätte Lanzo di Cosimo gut für eines dieser Hochglanz-Männermagazine modeln können – groß, breite Schultern, gebräunte Haut, klassische Züge, rabenschwarzes Haar. Doch es war nicht allein sein gutes Aussehen, das Gina Probleme beim Atmen bescherte. Ihn umgab eine Aura von Sinnlichkeit, die wie ein Magnet nach Aufmerksamkeit verlangte. Die Frauen in seiner Umgebung machten keinen Hehl daraus, wie fasziniert sie von ihm waren.

Lanzo di Cosimo war ein milliardenschwerer Playboy mit zwei großen Leidenschaften – Extremsport und langbeinige Blondinen. Letztere hielten sich jedoch nicht lange in seinem Leben. Gina war immer ein Rätsel geblieben, was er damals in ihr, einer durchschnittlichen Brünetten, gesehen hatte. Mit achtzehn war sie zu überwältigt von seinem Interesse gewesen, um Fragen zu stellen. Erst später war ihr klar geworden, dass ihr geradezu peinlicher Eifer der Grund gewesen sein musste. Lanzo hatte nicht viel Überredungskunst aufwenden müssen, um sich für den Sommer, den er in Poole verbrachte, eine willige Bettgespielin zu suchen. Dass er ihr Herz gebrochen hatte … dafür konnte sie sich allein die Schuld zuschreiben.

Die Zeit und das Erwachsenwerden hatten die Wunden geheilt, sie war nicht mehr das naive junge Mädchen von vor zehn Jahren.

Mit dieser stillen Versicherung drehte sie sich um und stellte sich vor die hohe Glasfront, um den Ausblick auf den Hafen zu bewundern.

Lanzo wechselte seinen Standort, sodass er die Frau in dem blauen Kleid weiterhin im Blickfeld behalten konnte. Sie kam ihm bekannt vor, nur wusste er nicht, woher. Jetzt stand sie mit dem Rücken zu ihm, schimmerndes braunes Haar reichte ihr fast bis an die Hüften. Vielleicht fiel sie ihm auf, weil sie so anders war als die üblichen blonden Groupies, die immer bei diesen Partys auftauchten.

Eine dieser Blondinen stand an seiner Seite. Sie merkte, dass er abgelenkt war, und drängte sich näher an ihn. Definitiv zu jung, dachte er irritiert, als er ihr ins Gesicht sah. Und sicherlich hübscher ohne dieses übertriebene Make-up. Viel älter als achtzehn konnte sie nicht sein, aber die Einladung in ihrem Blick war unmissverständlich. Früher wäre er vielleicht versucht gewesen, doch er war nicht mehr der testosterongesteuerte Zwanzigjährige. Über die Jahre war sein Geschmack anspruchsvoller geworden, und Mädchen, die gerade die Highschool abgeschlossen hatten, interessierten ihn nicht.

„Gratulation zum Sieg“, hauchte die Blondine. „Powerboot-Rennen sind so aufregend. Welche Geschwindigkeit erreichen diese Boote eigentlich?“

Lanzo hielt seine Ungeduld im Zaum. „Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei über zweihundert km/h.“

„Wow!“ Sie lächelte begeistert. „Ich würde unheimlich gern einmal mit so einem Boot auf Spritztour gehen.“

Er krümmte sich innerlich. The Falcon war das Resultat ausgefeilter Schiffsbauingenieurskunst und Millionen wert. „Rennboote sind nicht wirklich für Spritztouren geeignet, bei ihrer Konzeption geht es um Schnelligkeit und nicht um Bequemlichkeit. Aber ich werde mit einem Bekannten reden, der eine Yacht hier liegen hat. Vielleicht nimmt er dich auf eine Fahrt an der Küste entlang mit.“

Behutsam schob er ihre Hand von seinem Arm und ließ sie stehen.

Gina betrachtete versunken den Sonnenuntergang, der die See um Brownsea Island und die Baumwipfel an Land mit Gold überzog. Es war gut, wieder zu Hause zu sein. Die letzten zehn Jahre hatte sie in London gelebt und gearbeitet und dabei vergessen, wie friedlich es hier auf der Insel war.

Wenn sie allerdings an die eigene Situation dachte, genauer, an ihr ultramodernes Apartment gleich hier am Kai, waren Ruhe und Frieden dahin. Sie hatte kürzlich ihren Job verloren und war nicht mehr in der Lage, die Hypothekenraten aufzubringen. Es erinnerte sie auf erschreckende Weise an die Zeit, als Simon damals arbeitslos geworden war und sie als einzige Verdienerin kaum die Raten für das Haus in London hatte bezahlen können.

Das Haus war verkauft worden, als sie Simon verlassen hatte, der Erlös reichte gerade, um die Hypothek abzubezahlen. Sie besaß keinerlei Ersparnisse, und nun sah es so aus, als bliebe ihr nichts anderes übrig, als ihre Wohnung zu verkaufen, bevor die Bank eine Zwangsversteigerung ansetzte.

Ihr Leben verlief ganz anders, als sie es sich ausgemalt hatte – erst ein paar Jahre Beruf, dann Heirat und zwei Kinder. Nun, die Karriere hatte sie gehabt, sie war auch verheiratet gewesen, aber sie hatte lernen müssen, dass Babys nicht einfach so kamen und eine Ehe nicht ewig hielt. Niemals hätte sie damit gerechnet, mit achtundzwanzig eine geschiedene Frau zu sein, arbeitslos und unfruchtbar. Ihr großer Lebensplan hatte sich als null und nichtig erwiesen. Sie war nach Poole zurückgekehrt, um die schlechten Erinnerungen hinter sich zu lassen und einen Neuanfang zu wagen, doch jetzt sah sie sich mit dem Problem konfrontiert, ihre Wohnung zu verlieren.

„Was meinst du, wie läuft’s?“

Erschreckt zuckte sie zusammen, als Alex’ Stimme gleich an ihrem Ohr sie aus ihren Gedanken riss.

„Eine tolle Party“, versicherte sie. Sie schob ihre Sorgen beiseite und lächelte den Freund an. „Sieh nicht so nervös drein. Du bist zu jung für graue Haare.“

Alex lachte trocken. „Davon habe ich schon mehrere bekommen, seit ich die Stelle als Manager angetreten habe. Lanzo di Cosimo erwartet den höchsten Standard für seine Restaurants. Es ist wichtig, dass ich ihn heute Abend beeindrucke.“

„Meiner Meinung nach hast du hier großartige Arbeit geleistet. Die Gäste denken das offensichtlich auch, sie alle amüsieren sich prächtig.“ Gina machte eine kleine Pause. „Mir war gar nicht klar, dass der Vorsitzende von Di Cosimo Holdings auch hier sein würde.“

„Oh, doch. Lanzo kommt zwei-, dreimal im Jahr nach Poole. Hättest du häufiger London den Rücken gekehrt und dich hier unten bei uns blicken lassen, wärst du ihm sicher über den Weg gelaufen. Zum Rennen ist er auf jeden Fall immer hier. Vor gut einem Jahr hat er übrigens eine Villa in Sandbanks gekauft.“ Alex grinste. „Kaum zu glauben, dass ein schmaler Streifen Sand in Dorset zu den exklusivsten Grundstücken der ganzen Welt gehört.“ Er versteifte sich plötzlich. „Wenn man vom Teufel spricht“, raunte er.

Gina sah über seine Schulter, und ihr Magen verkrampfte sich. Lanzo kam auf sie beide zu. Zwar sagte sie sich, dass sie erwachsen war und Lanzo längst hinter sich gelassen hatte, doch es half nicht. Ihr Herz pochte wild, genau wie damals, als sie einen Sommer lang als Aushilfskellnerin hier gearbeitet hatte.

Seine Augen wirkten geradezu hypnotisch. Bei seiner dunkel getönten Haut und dem schwarzen Haar hätte man braune Augen erwartet, stattdessen strahlten sie in einem irisierenden Grün unter dichten schwarzen Wimpern hervor. Mit fünfundzwanzig hatte Lanzo unglaublich gut ausgesehen, allerdings auch sehr jung. Die Zeit jedoch hatte das Unmögliche vollbracht und ihn noch attraktiver gemacht – das markante Gesicht und der volle sinnliche Mund machten ihn zu einem faszinierenden Mann.

Etwas in Gina rührte sich, etwas, das tiefer ging als sexuelle Anziehungskraft. Auch wenn sie zugeben musste, dass ihre körperliche Reaktion sie schockierte, als Lanzo unverhohlen einen Blick auf ihren Busen warf.

Vor langer Zeit hatte er sie in seinen Armen gehalten, und sie war damals fest davon überzeugt gewesen, dass er der einzige Mann für sie war. Seither war vieles geschehen. Sie hatte sich von einem trunksüchtigen Ehemann getrennt, war stark und unabhängig geworden, trotzdem wünschte sie sich für einen verrückten Moment, Lanzo würde sie an seine breite Brust ziehen und festhalten, damit sie sich sicher und geschätzt fühlen konnte.

Nur war sie von Lanzo ja nie geschätzt worden. Sie hatte davon geträumt, dass er sich in sie verlieben würde, so wie sie sich in ihn verliebt hatte, doch es war nichts als eine Illusion geblieben.

„Eine gelungene Party, Alex“, grüßte Lanzo seinen Manager, den Blick allerdings auf die Frau an Alex’ Seite geheftet. „Das Büfett ist exzellent, so wie man es in einem Di Cosimo erwartet.“

Alex entspannte sich sichtlich. „Danke.“ Dann wurde ihm bewusst, dass Lanzos Aufmerksamkeit nicht wirklich ihm gehörte. „Darf ich Ihnen eine Freundin von mir vorstellen – Ginevra Bailey.“

„Ginevra – ein italienischer Name.“ Lanzo fiel auf, dass ihre Finger leicht bebten, als sie seine Hand schüttelte. Ihre helle Haut bot einen starken Kontrast zu seiner dunklen, und jäh schoss das erotische Bild von milchweißen Schenkeln, verschlungen mit seinen, vor ihm auf.

Gina entzog ihm die Hand, als sie den Stromstoß in ihrem Arm fühlte, und schluckte unmerklich. „Meine Großmutter war Italienerin, ich wurde nach ihr benannt“, erwiderte sie kühl, dankbar dafür, dass sie in den Jahren, in denen sie für den Direktor einer großen Kaufhauskette arbeitete, gelernt hatte, ihre Gedanken hinter einer neutralen Miene zu verbergen.

Seine grünen Augen glitzerten auf. Mit leicht gerunzelter Stirn musterte er sie nachdenklich. Auch wenn ihr Puls raste … sie hatte nicht die Absicht, ihn daran zu erinnern, dass sie beide einmal ein Liebespaar gewesen waren, wenn auch nur für einen kurzen, unvergesslichen Sommer. Zehn Jahre waren eine lange Zeit, seither mussten zahllose Frauen das Bett mit ihm geteilt haben. Es war besser und wesentlich weniger peinlich, wenn er sie nicht erkannte. Es war ja nicht seine Schuld, dass sie ihn nie vergessen hatte, nachdem er am Ende jenes Sommers so lässig erklärt hatte, dass er wieder in seine Heimat zurückkehren würde, nach Italien.

Mit leicht zusammengekniffenen Augen studierte er Ginevra Bailey. Etwas an ihr rührte an seiner Erinnerung, nur konnte er den Finger nicht darauflegen. Und wenn er ihre perfekte kurvige Figur betrachtete, war er ziemlich sicher, dass, wären sie einander schon einmal begegnet, er sie nicht vergessen hätte.

Sie war eine diskrete Schönheit mit einem ovalen Gesicht, feinem Porzellanteint und Augen so blau wie das Meer. Wieder meldete sich sein Unterbewusstsein – ein Bild von Augen, dunkelblau wie der Ozean. Es war frustrierend, dass die Erinnerung sich nicht greifen lassen wollte. Aber vielleicht war es auch gar nichts. Schließlich hatte er in seinem Leben viele Frauen getroffen. Vielleicht erinnerte Ginevra Bailey ihn nur an eine seiner vielen vergangenen Gespielinnen.

Lanzo wurde jäh bewusst, dass er die schöne Brünette anstarrte. Jede Faser in ihm war angespannt. Er musste den Drang unterdrücken, seine Finger in ihr seidiges kastanienbraunes Haar zu schieben. Es war lange her, dass er von einer Sekunde auf die andere eine derartige Erregung verspürte hatte. Eigentlich eine erstaunliche Reaktion, zog es ihn doch normalerweise zu großen schlanken Blondinen. Die Frau dort vor ihm dagegen besaß üppige, allerdings auch höchst reizvolle Kurven, die nachhaltige Wirkung auf seine Libido ausübten. Er war sicher, dass er sie bei der ersten Gelegenheit mit in sein Bett nehmen würde.

„Ich hoffe, die Party gefällt Ihnen, Ginevra“, begann er das Gespräch. „Sind Sie ein Fan von Powerboot-Rennen?“

„Nein. Den Reiz gefährlicher Sportarten habe ich nie verstanden“, antwortete sie knapp.

In ihrem Bemühen, sich die Wirkung, die Lanzos Nähe auf sie ausübte, nicht anmerken zu lassen, musste sie wohl schnippischer geklungen haben als beabsichtigt, denn Alex schaltete sich hastig ein: „Der Tischschmuck heute Abend lag in Ginas Verantwortungsbereich. Ist die Dekoration nicht äußerst geschmackvoll?“

„In der Tat.“ Lanzo begutachtete das Gesteck aus roten und weißen Rosen, abgesetzt mit dunklem Efeu, auf dem nächstliegenden Tisch. „Sind Sie Floristin, Gina?“ Diese Abkürzung kam ihm so vertraut vor … Er runzelte die Stirn.

„Nein, es ist nur ein Hobby“, antwortete sie.

Simon hatte sie ermutigt, einen kostspieligen Kurs in Blumenbinden zu belegen, so wie sie auf sein Drängen hin auch einen noch kostspieligeren Kochkurs mitgemacht hatte. Damit sie die perfekte Gastgeberin für die Dinnerpartys mit seinen Geschäftspartnern sein konnte. Ihre Kochkünste nutzte sie heute nicht mehr, doch es hatte ihr Spaß gemacht, die Gestecke für die Party im Restaurant zu arrangieren.

„Das Blumengeschäft, das ich beauftragt hatte, konnte den Termin aufgrund eines Krankheitsfalles nicht halten“, führte Alex aus. „Glücklicherweise ist Gina eingesprungen.“ Er machte eine Pause, als ein Kellner vom anderen Ende des Raumes ihm ein Zeichen machte. „Würden Sie mich bitte entschuldigen? Es scheint, dass ich mich um etwas in der Küche kümmern muss.“

Gina sah Alex nach, wie er sich einen Weg durch die Gäste bahnte. Jetzt war sie allein mit Lanzo. Natürlich stimmt das nicht, wie sie sich gereizt in Gedanken ermahnte, das Restaurant ist schließlich voll. Dennoch schien es ihr, als befände sie sich mit Lanzo in einer Art Kokon, der den Partytrubel nur schwach zu ihnen durchdringen ließ.

Nun, vermutlich war ihre Reaktion auf ihn völlig normal. Allerdings ahnte sie, dass er für sie mehr war als nur ein Gesicht aus der Vergangenheit. Vor der Heirat mit Simon war sie mehrere Beziehungen eingegangen, doch kein anderer Mann, nicht einmal Simon, als ihre Ehe noch intakt gewesen war, hatte dieses ungezähmte Verlangen in ihr erweckt, über das sie selbst schockiert gewesen war.

Auch wenn die Affäre mit Lanzo nicht von Dauer gewesen war, so hatte ihr Selbstwertgefühl einen enormen Schub erhalten. Dass ein Mann wie er, ein reicher internationaler Jet-Setter, der jede Frau besitzen konnte, ausgerechnet sie begehrt hatte … Aus dem schüchternen Teenager war schlagartig eine selbstbewusste Frau geworden, die sich eine erfolgreiche Karriere aufgebaut und einen ebenso erfolgreichen Banker geheiratet hatte.

Hatte Lanzo ihr Selbstbewusstsein gefördert, so hatte Simon es wieder zerstört. Nach der katastrophalen Ehe vertraute sie ihrer Menschenkenntnis nicht mehr. Sie kam sich dumm vor, weil sie nicht erkannt hatte, wie Simon hinter seiner charmanten Fassade in Wirklichkeit war. Und jetzt, im Wirkungskreis von Lanzos überwältigender Männlichkeit, fühlte sie sich enorm verletzlich.

Ein Kellner trat zu ihnen, um die Gläser aufzufüllen. Obwohl Gina nie mehr als ein Glas trank, war sie so erleichtert über die Ablenkung, dass sie sich Champagner nachschenken ließ.

„So, Sie halten also nicht viel von Powerbooten?“, fragte Lanzo, nachdem der Kellner sich wieder entfernt hatte. „Gibt es denn eine Wassersportart, die Ihnen zusagt?“

„Als Kind habe ich hier in der Bucht Segeln gelernt. Das Segeln ist wesentlich entspannender, als mit einem Schnellboot über die Wellen zu jagen.“

„Und wesentlich weniger adrenalintreibend“, erwiderte er, wobei seine Augen amüsiert glitzerten.

Gina merkte, dass ihre Wangen zu brennen begannen. Sie hatte das schreckliche Gefühl, dass er genau wusste, wie hoch ihr Adrenalinspiegel im Moment stand.

„Sind Sie hier ansässig, Gina?“ Die Art, wie er ihren Namen aussprach, jagte ihr einen prickelnden Schauer über den Rücken.

„Ich wurde hier geboren. In der vierten Generation der Baileys in Poole, leider wahrscheinlich auch in der letzten. Ich habe keine Brüder, die den Familiennamen weitertragen könnten.“ Ihr war klar, dass sie geistloses Zeug plapperte, doch das war immer noch besser, als Schweigen entstehen zu lassen. Vielleicht würde er dann in der verlegenen Stille ihr lautes Herzklopfen hören. Sie holte tief Luft und berief sich auf ihr ausgeglichenes Wesen. „Bleiben Sie länger in Poole, Signor di Cosimo?“

„Lanzo“, berichtigte er sie. „Nein, leider ist es nur ein kurzer Aufenthalt, da ich geschäftliche Verpflichtungen habe. Doch ich hoffe darauf, bald wieder zurückzukehren. Vielleicht sogar früher, als ich vorgehabt hatte“, fügte er noch an.

Wie gebannt starrte Gina in sein Gesicht. Sie schienen allein zu sein in einem Raum voller Menschen, gefangen in einem Energiefeld, das sie beide festhielt.

Lanzo verfolgte mit, wie ihre Pupillen sich weiteten, bis ihre Augen wie dunkle Teiche bei Mitternacht schienen. Und er merkte, wie sein Körper sich anspannte und Hitze durch seine Adern schoss. Seit dem Moment, da er sich umgedreht und ihren Blick auf sich hatte liegen sehen, faszinierte sie ihn. Dabei passierte ihm so etwas jeden Tag, Frauen starrten ihn ständig an. Nur war der Drang, darauf zu reagieren, noch nie so stark gewesen.

Das Klirren von Glas holte Gina abrupt in die Wirklichkeit zurück. Einer der Kellner hatte ein Tablett fallen lassen. Entsetzt stellte Gina fest, wie nahe sie neben Lanzo stand, so nah, dass ihre Körper sich fast berührten. Hastig machte sie einen Schritt zurück und lief rot an, als sie das harte Glühen in seinen Augen sah. Wie lange hatte sie ihn angehimmelt als sei sie ein schwärmerischer Teenager? Sie hatte keine Ahnung, wie sie so nah aneinandergerückt waren, keine Erinnerung, dass sich einer von ihnen bewegt hätte.

Gina riss den Blick von Lanzo. Der Kellner saß in der Hocke und sammelte Glasscherben ein.

„Ich hole einen Besen“, murmelte Gina und eilte durch das Restaurant, dankbar dafür, Abstand zu Lanzo schaffen zu können.

Er sah ihr nach und spürte ein schmerzhaftes Ziehen in seinen Lenden, als sein Blick an den sich sanft wiegenden Hüften unter der blauen Seide haften blieb.

Oh Gina! Welche Verwandlungen die Zeit doch bewirken kann, dachte er, denn er hatte das Rätsel gelöst. Schlagartig war ihm eingefallen, weshalb sie ihm so bekannt vorkam. Allerdings besaß sie heute keine Ähnlichkeit mehr mit der schüchternen Kellnerin, die ihm damals in jenem Sommer mit ergebener Anhänglichkeit überallhin gefolgt war, so süß und versessen darauf, ihm zu gefallen.

Er hatte nicht gewusst, dass sie eigentlich Ginevra hieß. Der Name passte zu der eleganten Frau, zu der sie geworden war. Es war auch nicht verwunderlich, dass er sie nicht gleich erkannt hatte. Die gewandte Frau mit der perfekten Figur und dem schimmernden kastanienbraunen Haar hatte nichts mehr zu tun mit dem leicht rundlichen, ungelenken jungen Mädchen, das ihm mit nie vermuteter Leidenschaft vor so vielen Jahren den Sommer versüßt hatte.

Ob die erwachsene Gina wohl noch immer eine so großzügige und sinnliche Gespielin wäre wie jene, die ihm noch Monate nach seiner Rückkehr nach Italien im Kopf herumgespukt war?

Das Leben hatte ihn gelehrt, für die Gegenwart zu leben und die Vergangenheit ruhen zu lassen. Doch in diesem Falle war er gewillt, eine Ausnahme von der Regel zu machen. Das entschied er, als die Schwingtür zur Küche hinter ihr zufiel.

Hätte Gina das entschlossene Glitzern in seinen Augen sehen können, wäre sie mit Sicherheit besorgt gewesen.

2. KAPITEL

Noch immer war es nicht wirklich dunkel, obwohl es bereits elf Uhr abends war.

Gina trat aus dem Restaurant und schaute in den indigoblauen Himmel, an dem die ersten Sterne glänzten. Die Wasseroberfläche im Hafen funkelte still und ruhig wie ein Spiegel, und die laue Brise trug den salzigen Geruch des Meeres an Land.

Für einen Moment blieb sie stehen. Gina liebte diese warmen Juniabende, und die frische Luft tat gut nach der stickigen Atmosphäre in dem Restaurant. Dann drehte sie sich um und ging langsam den Kai entlang.

„Ich wusste gar nicht, dass du noch immer in Poole lebst.“

Eine große Gestalt trat aus dem Schatten. Ginas Herz pochte hart, als Lanzo an ihrer Seite in ihren Schritt mit einfiel. „Ich war mehrere Male hier, wundert mich, dass ich dich nie getroffen habe.“

Er hatte sie also erkannt! Das Glitzern in seinen Augen ließ ihren Puls schneller schlagen. Es war der lauernde Blick eines Panthers, der seiner Beute nachstellte. Sei nicht albern, er ist nur ein Mann, wies sie sich still zurecht. Doch die Brise wehte den würzigen Duft seines Aftershaves zu ihr und weckte ihre Sinne. Zerknirscht gestand sie sich ein, dass Lanzo niemals „nur“ irgendwas sein würde.

„Vielleicht hast du mich ja gesehen, aber dich nicht an mich erinnert“, meinte sie schnippisch. Es nagte an ihr, dass er sie im Restaurant nicht erkannt hatte.

„Oh, ich erinnere mich an dich, Gina“, sagte er leise. „Obwohl ich heute Abend nicht gleich darauf gekommen bin. Du hast dich sehr verändert. Vor allem deine Frisur ist anders als vor zehn Jahren.“

„Erinnere mich nicht daran“, stöhnte sie auf. Damals hatte sie sich eine Dauerwelle machen lassen, in der Überzeugung, sie würde dadurch älter und schicker wirken. Durch die Dauerwelle jedoch war ihr Haar zu einer unzähmbaren drahtigen Mähne geworden, und anstatt sexy und erfahren auszusehen, hatte sie eher an einen übergewichtigen Pudel erinnert, denn zu allem Unglück hatte sie auch noch einige Pfunde zu viel gehabt. „Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wieso ich dir überhaupt aufgefallen bin.“

Nein, sie war ihm nicht aufgefallen. Zuerst zumindest nicht. Lanzo war damals zur Restauranteröffnung gekommen, und Gina war schlicht eine der Angestellten gewesen, eine Aushilfskellnerin, die einsprang, wenn viel Betrieb war.