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EIN PAAR WORTE VORAB

Ich denke, jeder Hundebesitzer wünscht sich einen Hund, der ihm absolut vertraut und dem er absolut vertrauen kann. Mit diesem Buch möchte ich Ihnen zeigen, wie Sie dieses Ziel gemeinsam erreichen.

Wenn ich ehrlich bin, hatte ich nie vor, ein Buch über Hundeerziehung zu schreiben. Ich bin nämlich der Meinung, dass sich von ganz allein eine glückliche Beziehung einstellt, wenn man Hunde als das akzeptiert, was sie sind: Hunde. Wenn man ihre Natur respektiert und sich selbst so verhält, wie sie es von »ihrem« Menschen erwarten, werden sie automatisch zu den ausgeglichenen, sicheren und ruhigen Tieren, die wir uns wünschen. Und nur dann wird man mit seinem Vierbeiner zu dem eingeschworenen Team, von dem die meisten Hundehalter träumen, wenn sie sich das Leben mit Hund vorstellen.

Damit diese Idee Wirklichkeit wird, muss man jedoch erst einmal wissen, wie Hunde ticken. Denn auch wenn die Vierbeiner uns in vielen Dingen sehr ähnlich sind, dürfen wir nicht einfach unsere eigenen Wünsche auf sie projezieren und erwarten, dass sie reagieren wie ein Mensch es tun würde. Im Gegenteil. Wenn wir sie nicht als Hunde erkennen, kann das der Harmonie ziemlich zusetzen. Denn anders als unter unseresgleichen üblich werden Differenzen zwischen Mensch und Hund nicht mit Worten ausgefochten – zumindest nicht von beiden Seiten. Stattdessen treten immer mehr Probleme im Zusammenleben auf: Wenn Frauchen oder Herrchen so handeln, dass ihr Hund sie nicht versteht, benimmt der sich immer öfter so, wie es seinen Besitzern gar nicht gefällt. Nicht selten schaukeln beide sich gegenseitig immer mehr auf – bis am Ende gar nichts mehr funktioniert und bei mir das Telefon klingelt...

Die Natur des Hundes

Man kann heute mit Sicherheit sagen, dass der Hund vom Wolf abstammt. Und so sehr der Mensch bei der Züchtung immer neuer Rassen ihn über die Jahrtausende auch »geformt« hat, ist es ihm doch nicht gelungen, seine Wurzeln vollständig zu kappen. In jedem seiner »Schöpfungen« schlummert noch immer ein kleiner Wolf. Das bedeutet nicht nur, dass Hunde nach wie vor Fleischfresser sind oder sich gern in der freien Natur aufhalten. Sie haben auch Sinne, die weit jenseits unserer Vorstellungskraft liegen: Sie können mit ihren über 2 000 Millionen Geruchsrezeptoren die Botenstoffe, die unser Körper Sekunde um Sekunde ausschüttet, wie ein biochemisches Informationsnetz dechiffrieren und sogar Krebszellen erschnüffeln. Sie registrieren noch die kleinste unserer Bewegungen, weil ihr Auge pro Sekunde 80 Einzelbilder schießt. Und sie hören Töne, die so hoch sind, dass unsere Ohren sie nicht einmal andeutungsweise wahrnehmen. Vor allem aber verfügt jeder Hund bis heute über ein wölfisches Instinktverhalten – angeborene, ziel- und zweckgerichtete Verhaltensweisen, die sich diese Tiere wie jede andere Spezies auch im Laufe der Evolution angeeignet haben. Um unter allen Umständen ihr Überleben zu sichern.

Die meisten dieser Wolf-Instinkte sind dazu da, das Überleben in der freien Wildbahn zu sichern. Sie werden nicht bewusst gesteuert, sondern durch bestimmte Situationen und Reize ausgelöst und aktivieren ihrerseits eine Kette ganz spezifischer Reaktionen. Der Jagdinstinkt zum Beispiel sichert die Nahrung, der Territorialinstinkt das Jagdrevier und den Lebensraum des gesamten Rudels. Der Sexualinstinkt wiederum hält den Rudelbestand aufrecht.

Ein Instinkt gilt dabei quasi als »Basisinstinkt«, weil er im Prinzip die Voraussetzung fürs Überleben schafft: der soziale Rudelinstinkt. Ohne ihn können Wolfswelpen nicht sicher aufwachsen und lernen, die Nahrungssuche wäre um vieles schwieriger und das Territorium nicht sicher vor Eindringlingen. Wölfe sind eben Rudeltiere. Ein einsamer Wolf, so heroisch dieser Begriff auch klingen mag, ist ein ausgestoßenes, ganz und gar unglückliches Tier.

»Die wölfischen Instinkte sind im Zuge der Domestizierung nicht abhandengekommen und stecken selbst im kleinsten Hund.«

DIE GRUPPE BEDEUTET SICHERHEIT

Auch Hunde sind keine Einzelgänger. Wenn sie wie Wild- oder Straßenhunde nicht bei Menschen leben, bilden sie mehr oder weniger große Rudel. Und in diesen gibt es – was ein Rudel vom lockeren Verband einer Herde unterscheidet – hierarchische Strukturen: Wie bei ihren Ahnen, den Wölfen, gibt es einen Anführer, der die Verantwortung für den Rest der Truppe übernimmt. Dieses Leittier sorgt dafür, dass Regeln und Grenzen innerhalb der Gruppe eingehalten werden. Denn nur dann kann sich jedes einzelne Rudelmitglied sicher fühlen und seine ihm zugedachte Aufgabe erfüllen, zum Beispiel den Nachwuchs aufziehen, Essen aufspüren oder das Revier bewachen. Und das wiederum ist wichtig, um das Überleben des gesamten Rudels zu sichern.

Es wäre allerdings falsch zu denken, der Rudelführer würde für Ruhe und Ordnung sorgen, indem er Angst und Schrecken verbreitet – eine Theorie, die bis weit ins letzte Jahrhundert übrigens auch unter manchen Hundehaltern verbreitet war. Das Gegenteil ist der Fall. Anführer sind gerade jene Tiere, die besonders ruhig, sicher und besonnen handeln. Und die in der Lage sind, diese innere Ruhe und Sicherheit auch an ihr »Team« zu vermitteln und auf jedes einzelne Rudelmitglied zu übertragen.

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Hunde wollen mit uns leben und suchen von sich aus unsere Nähe. Das macht es eigentlich ganz einfach.

Die Verantwortung liegt bei uns

Unsere Hunde müssen sich heute nicht mehr darum kümmern, Nahrung zu finden. Sie müssen ihr Territorium nicht vor Eindringlingen schützen, die ihnen ihren Schlafplatz oder ihr Jagdgebiet streitig machen wollen. Sie müssen sich nicht vermehren, um den Bestand zu sichern. Sie müssen all das nicht tun, weil wir für sie sorgen. Dennoch verfügt selbst der kleinste Chihuahua noch heute über die natürlichen Instinkte, die seiner Art über Jahrtausende den Erhalt sicherten. Und diese Instinkte können an die Oberfläche kommen, wenn wir Menschen die natürlichen Bedürfnisse unserer Hunde vergessen – allen voran ihren tiefen Wunsch nach Sicherheit.

Was das bedeutet, erlebe ich tagtäglich bei meiner Arbeit: Die Tiere hören nicht, gehen schlecht an der Leine, kläffen ununterbrochen, bleiben nicht allein oder haben zum Beispiel ständig Ärger mit anderen Hunden und Menschen. Kurzum: Sie haben Stress und sind nicht ausgeglichen, verhalten sich genau so, wie wir es nicht möchten und sorgen damit für Unzufriedenheit auf beiden Seiten.

Um zu verhindern, dass es so weit kommt, müssen wir für ein Umfeld sorgen, in dem sich ein Hund wohlfühlt. Und damit meine ich nicht ein bequemes Körbchen, irgendein besonders teures Futter oder ein Haus mit Garten. Erst recht nicht ein schickes Halsband und die passende Leine. Sicher, all das stört den Vierbeiner vermutlich nicht, unter Umständen genießt er es sogar (okay, die Farbe von Halsband und Leine ist ihm wirklich egal). Aber was er wirklich braucht, ist, dass wir ihn als echtes Familienmitglied bei uns aufnehmen, damit er in einer Gruppe leben kann, wie er es von Geburt an gewohnt ist – und wie es seiner Natur entspricht. Der soziale Rudelinstinkt sorgt schließlich nicht nur dafür, dass Welpen in den ersten Lebenswochen sicher und wohlbehütet heranwachsen und von ihrer Mutter oder den Geschwistern, später auch von den Menschen um sie herum, lernen können. Er ist ganz maßgeblich auch dafür verantwortlich, dass das Mensch-Hund-Team funktioniert und der gemeinsame Alltag ohne Komplikationen verläuft. Nur in der Gruppe können Jungtiere sicher aufwachsen und von den Älteren lernen, was sie zum (Über-)Leben brauchen. Und zu diesen »Älteren« zähle ich auch uns Menschen. Er braucht uns, damit es ihm gut geht. Wir sind seine Familie.

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Von Anfang an lernen Hunde durch andere: erst von der Mutter und Geschwistern, später auch von uns.

»Nur wenn sich die einzelnen Rudelmitglieder sicher fühlen, fühlen sie sich unbeschwert, angstfrei und entspannt.«

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Wenn ein Hund spürt, dass wir uns für ihn verantwortlich fühlen und ihm Sicherheit geben, geht es ihm gut.

BINDUNG IST DIE BASIS FÜR ALLES

Natürlich müssen wir die ein oder anderen Regeln aufstellen, damit ein Hund sich bei uns sicher fühlt. Das Wichtigste aber ist, dass wir uns bewusst werden, dass wir die Verantwortung für ihn haben. Damit beschränken wir ihn nicht in seiner Freiheit und Individualität, sondern respektieren seine Natur. Sehr viele Menschen tun sich trotzdem schwer damit zu akzeptieren, dass sich ein Hund wohlfühlt, wenn er nicht »selbstständig« handeln darf und wir für ihn die Verantwortung tragen. So wie Eltern die Verantwortung für ihre Kinder tragen. Wir helfen unseren Hunden, wenn wir das Ruder in die Hand nehmen und sagen, wo es langgeht. Weil sie sich dann sicher und geborgen fühlen. Weil sie dann wissen, wohin sie gehören. Weil sie sich ohne uns nicht in unserer Menschenwelt zurechtfinden würden. Weil es ihnen nur so wirklich gut geht. Und das bedeutet, dass sie automatisch das machen, was ihre Menschen von einem »guten« Hund erwarten. So können beide das Zusammenleben in vollen Zügen genießen.

Worauf ich hinauswill: Wenn wir uns so verhalten, wie es ein Hund braucht, wenn wir selbst immer ruhig und sicher sind, so wie es ein guter Anführer im wild lebenden Hunderudel ist, gibt es auch in der Mensch-Hund-Beziehung keine Probleme. Wenn die Basis stimmt, stellt sich alles andere quasi von allein ein. Wobei wir wieder beim Thema wären: Ein Buch zur Hundeerziehung hielt ich lange Zeit schlicht und einfach für überflüssig.

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Wenn Hunde unter sich sind, sind die »Fronten« schnell geklärt. Dann ist Zeit für wichtigere Dinge wie Toben.

Das Ziel: ein perfektes Team

Nachdem ich mein erstes Buch geschrieben hatte, in dem ich meine fünf Geheimnisse für eine glückliche Mensch-Hund-Beziehung verrate, haben mich jedoch viele Leute gefragt, ob ich ihnen nicht noch mehr praktische Tipps geben könnte, wie sich der Alltag mit dem Hund besser gestalten ließe. Die einen wollten sich gern einen Hund anschaffen und wissen, was es zu beachten gilt, um von Anfang an alles richtig zu machen. Die anderen waren unzufrieden, weil sich bei ihrem Hund mit der Zeit die ein oder andere Unart eingeschlichen hatte, die das Zusammenleben und den gemeinsamen Alltag deutlich erschwerte. Und nicht zuletzt gab es diejenigen, die einfach noch ein bisschen mehr für ihr sechsbeiniges Team tun wollten und sich eine noch intensivere Beziehung zu ihrem Vierbeiner wünschten. Die Wünsche waren so unterschiedlich wie die Menschen und ihre Hunde selbst.

Weil ich Hunde liebe und mir wünsche, dass es möglichst vielen von ihnen gut geht (dasselbe gilt natürlich auch für ihre Besitzer), begann ich daher doch zu überlegen, wie ich nicht nur meine Philosophie weitertragen könnte, sondern auch all die alltäglichen, aber eben doch »lebenswichtigen« Dinge, die ich meinen Kunden bei meinen Besuchen erkläre und zeige.

Denn natürlich muss ein Hund in unserer Menschenwelt gewisse Dinge einfach beherrschen, wenn es nicht zu Problemen in der Familie oder mit anderen Zwei- oder Vierbeinern kommen soll. Unsere moderne Umwelt hat schließlich nur noch wenig zu tun mit dem Umfeld, in dem sich der Hund viele Jahrtausende bewegte. Deshalb müssen wir ihm zeigen, wie unser Leben heute funktioniert.

Es braucht einen Grundstock an Regeln, wenn zwei oder mehr Lebewesen gut miteinander auskommen wollen – das gilt für Menschen genauso wie für Hunde. Und wenn man mehr als nur friedlich nebeneinanderher leben will, wenn man eine gute Beziehung haben, ein eingeschworenes Team werden will, braucht es sogar noch ein bisschen mehr als nur ein paar Regeln. Wir müssen uns dazu nur immer wieder daran erinnern, was ein Hund ist. Was er braucht. Und was wir ihm geben müssen.

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Die wichtigste Voraussetzung für einen gut »erzogenen« Hund ist eine gute Mensch-Hund-Beziehung.

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ARTGERECHTE HUNDEERZIEHUNG

Es liegt in der Natur des Hundes, dass er uns Menschen gern folgt. Wir brauchen daher im Grunde nur dafür zu sorgen, dass er diesen Instinkt nicht »verlernt«. Dann läuft die Erziehung im Alltag ganz nebenbei mit.

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VON NATUR AUS EIN TEAM

Hunde waren die ersten Tiere, die unsere Ahnen domestizierten, sie leben seit Jahrtausenden mit uns zusammen. Müssten wir uns da nicht blind verstehen? Woran liegt es nur, dass es immer wieder Probleme gibt?

Menschen und Hunde verbindet sehr viel: Beide sind Jäger und Raubtiere, leben in Familien und kümmern sich gemeinsam um die Aufzucht der Nachkommen. Sie pflegen lebenslange Beziehungen und sind wahre Talente, wenn es ums Kommunizieren und Kooperieren geht. Und Wissenschaftler haben festgestellt, dass unsere Vierbeiner sogar von den gleichen Krankheiten geplagt werden wie wir selbst.

Hunde begleiten uns länger als jede andere Art. Bevor unsere Ahnen Ziegen, Schafe oder Rinder hielten, lebten sie bereits mit Hunden zusammen. Die Analyse einer Wolfsrippe von der nordrussischen Halbinsel Taimyr lässt vermuten, dass die Domestizierung des Wolfes sogar noch deutlich früher begann als bisher angenommen: Die genetischen Wege von Wolf und Hund trennten sich demnach nicht erst vor etwa 10 000 bis 15 000, sondern bereits vor 27 000 bis 40 000 Jahren. Und Forscher haben herausgefunden, dass Hunde (und ihre Vorfahren) sogar Gene besitzen, durch das ein Enzym gebildet wird, mit dessen Hilfe sie stärkereiche Kost verdauen können – ein entscheidender Vorteil, als der Mensch sesshaft wurde und sich vom Jäger zum Ackerbauern wandelte. Schließlich hatte damit nicht nur sein Speiseplan einen deutlich höheren Stärkeanteil als zuvor, sondern auch der seines vierbeinigen Gefährten.

Keiner kann heute mit Gewissheit sagen, ob sich der Wolf dem Menschen in einer losen Zweckgemeinschaft anschloss, in der Hoffnung, dass in seiner Nähe Nahrungsreste als Beute für ihn abfallen würden. Oder ob die Menschen irgendwann Wolfswelpen aufzogen, emotionale Bindung zu den Tieren aufbauten und in ihnen bald verlässliche (Jagd-)Gefährten sahen. Vielleicht kam auch beides zusammen?

Tatsache ist: In vielen tausend Jahren haben wir aus einem wilden Tier ein Tier gemacht, das uns aus freien Stücken gehorcht und folgt. Ein Tier, das gelernt hat, unsere Menschensprache zu verstehen. Und das sich in dieser Kunst mit den Jahrtausenden zu einem wahren Meister entwickelt hat. Ich habe kürzlich in einer Studie gelesen, dass Hundewelpen, wenn sie sich entscheiden müssen, ob sie lieber Kontakt zu einem fremden Menschen oder einem fremden Hund aufnehmen wollen, sich anders als Wolfsjunge immer für den Zweibeiner entscheiden. Das zeigt deutlich, wie sehr Hunde uns als Sozialpartner ansehen. Wir sind ihre »Familie«.

Wo immer man sich auf der Welt umschaut, egal auf welchem Kontinent wir leben: Wo Menschen sind, sind auch Hunde. Das zeigt, dass die Bindung des Hundes zum Menschen grundsätzlich vorhanden ist. Sie muss nicht mühsam aufgebaut werden. Sie ist da.

Der Hund hat sich uns sogar so gut angepasst, dass er uns »lesen« kann wie kein anderes Tier. Er muss nicht erst lernen, unsere kommunikativen Gesten zu deuten. Er versteht uns intuitiv. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass schon sechs Wochen alte Welpen ein unter einem umgedrehten Becher verstecktes Leckerli finden, nur weil sie mit dem Finger auf diesen zeigen. Zu dieser großartigen Leistung sind nicht einmal Menschenaffen fähig, immerhin unsere nächsten Verwandten im Tierreich.

Interessanterweise reagieren Wolfswelpen nicht auf Fingerzeichen, selbst wenn sie vom Menschen aufgezogen wurden und an ihn gewohnt sind. Was wieder zeigt, dass Hund nicht einfach »gezähmte« Wölfe sind.

Die Bereitschaft, mit uns zu kommunizieren, scheint dem Hund in einem gewissen Maß angeboren. Vermutlich war es im Lauf der Domestizierung für ihn von Vorteil, sich gut mit dem Menschen zu verstehen. Das macht die Beziehung zueinander an sich einfach.

Und es gibt ja auch Hundebesitzer, die keinerlei Probleme mit ihren Vierbeinern haben. Warum? Diese Menschen setzen unbewusst ihre natürlichen Instinkte ein. Und verhalten sich so, wie es ihr Hund braucht.

Bei vielen jedoch ist die natürliche Verbindung zwischen Mensch und Hund verloren gegangen. Statt ihnen auf einer Augenhöhe zu begegnen, sind Hunde in unserer modernen Gesellschaft zur Projektionsfläche zahlreicher menschlicher Sehnsüchte geworden – gerade weil sie uns in vielen Dingen so ähnlich sind und flexibel auf uns reagieren. Es ist kein Wunder, dass es immer wieder zu Problemen kommt. Das Gute daran ist, dass die Menschen diese Fehler aus Liebe machen. Daher sind sie bereit, sich zum Wohle ihrer Tiere zu verändern. Ich helfe Ihnen dabei, ihre unterdrückten Instinkte wieder zu wecken. Und genau das möchte ich auch mit diesem Buch erreichen.

»Vermenschlichung beginnt, wenn wir die Bedürfnisse unserer Hunde als menschliche Bedürfnisse interpretieren.«

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Neugierig oder aufmerksam? Wer seinen Hund beobachtet, lernt bald, seine Signale besser zu deuten.

Unbewusste Vermenschlichung

Keine Frage: Die Leute, die mich Tag für Tag um Hilfe bitten, weil mit ihrem Hund irgendetwas nicht so klappt, wie sie es sich vorstellen, geben oft alles für ihr Tier – und erkennen dabei doch nicht, was es wirklich braucht. Tierliebe ist leider viel zu selten echte Liebe zum Tier. Viel öfter vermenschlichen Menschen ihre Hunde, ohne zu wissen, wie sehr sie ihnen damit schaden, wenn sie ihre Signale als menschliche Signale und Bedürfnisse deuten. Wenn ein Hund zum Beispiel ängstlich auf fremde Objekte oder Menschen reagiert, denken viele, dass er als Welpe misshandelt wurde. Sehr viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass er in seiner Sozialisierungsphase einfach nicht viel Kontakt zu Menschen hatte und überhaupt eher wenig erlebt hat. Genauso könnte er auch von Natur aus einfach eher empfindlich und unsicher sein. Nicht jeder Hund ist so mutig und neugierig wie die Helden auf vier Pfoten, die man aus der Werbung und dem Fernseher kennt. Es nützt ihm also gar nichts, wenn sein Mensch beschwichtigend auf ihn einredet, ihn streichelt oder sogar versucht, »Gefahrensituationen« tunlichst zu vermeiden. Während der Mensch nämlich meint, den Hund zu beschützen, verunsichert er ihn in Wirklichkeit noch mehr, anstatt ihn zu stärken. Dazu müsste er ihm die Sicherheit vermitteln, die er braucht, um die ihn verunsichernde Situation zu bewältigen. Durch seine eigene Ruhe und innere Kraft. Und dadurch, dass er ihn immer wieder gezielt, aber ohne Druck mit ähnlichen Aufgaben konfrontiert. So verhilft man Hunden zu mehr Selbstbewusstsein (auch ab >).

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Von meinem Galgo Troy erwarte ich genauso wie von meinen anderen Hunden, dass er sich an die Regeln hält.

JEDER HUND IST ANDERS

Wer seinen Hund wirklich liebt, respektiert seine Natur und nimmt ihn so, wie er ist. Das bedeutet nicht, dass der Hund machen und tun darf, was er will (genau das ist es ja, was so viele Hundebesitzer an ihrem Vierbeiner stört). Ich meine damit, dass man die Voraussetzung schaffen muss, damit er sich wohlfühlt.

Das Wichtigste dafür ist, dass er Teil unserer Familie sein darf. Er braucht uns, um mit uns zu leben. Und er braucht uns als zuverlässige Menschen oder Verantwortliche, die ihm zeigen, wie das Leben in unserer Menschenwelt funktioniert. Egal, wie alt Ihr Vierbeiner ist, ob er ein Winzling ist oder ein Koloss, ein Mischling oder ein Rassehund: Er sehnt sich nach innerer Stabilität, nach Sicherheit und Ruhe. Die Sie ihm geben sollen. Damit er sich an Sie binden kann.

Ohne diese Bindung kann keine Beziehung entstehen. Erst an zweiter Stelle kommen rassespezifische Bedürfnisse, die es zu stillen gilt. Huskys haben andere Bedürfnisse als Terrier. Meine Doggen zum Beispiel können auch mal vier oder fünf Stunden einfach nur daliegen – und das tun sie oft und gern. Sie wurden ja auch in erster Linie dazu gezüchtet, imposant auszusehen und aufzupassen. Ganz anders mein jüngster Hund Troy, ein Galgo. Diese Rasse stammt von alten asiatischen Windhunden ab und ist deutlich ursprünglicher als andere. Ich sage gern, sie wurde vom Menschen weniger »poliert«.

Ich binde Troy wie alle meine Hunde in mein tägliches Programm ein, etwa beim Spaziergang, beim Joggen oder beim Reiten. Zusätzlich gehe ich aber auch auf seine spezifischen Bedürfnisse ein, indem ich zum Beispiel mit ihm auf eine große Wiese gehe und ihm dadurch die Möglichkeit gebe, das zu tun, wofür er gedacht ist: das Sprinten.

Weil Galgos einen besonders starken Jagdtrieb haben, habe ich ihm aber auch von Anfang an besonders deutlich gemacht, dass er bei mir bleiben muss, wenn ich es sage. Nicht einmal ein Jagdhund folgt einfach seinen tierischen Instinkten. Dann würde er nämlich davonlaufen und wildern. Stattdessen aber erledigt er eine Aufgabe, die »sein« Jäger ihm zuweist. Er benutzt seine Fähigkeiten also nur, weil dieser es ihm erlaubt.

Genauso wie Galgos gerne rennen, macht es einem Retriever Spaß, zu schwimmen und Dinge aus dem Wasser zu apportieren oder einem Border Collie Agility zu treiben. Jeder Hund tut in der Regel bis heute gerne das, zu dem er einst gezüchtet wurde.

Zu guter Letzt sollte dann auch noch das individuelle Naturell des Hundes berücksichtigt werden. Der eine ist zurückhaltender und will daher keine aufregenden Dinge machen. Der andere spielt nicht so gerne mit Artgenossen, der dritte mag vielleicht gerade diese beiden Dinge besonders gern. Auch unter uns Menschen gibt es geselligere Typen und »Einzelgänger«. Eher schüchterne Zeitgenossen und solche, die offen auf jeden zugehen. Leute, die lieber ins Kino gehen und andere, die das Theater bevorzugen. Respektieren Sie bei gemeinsamen Unternehmungen immer den persönlichen Charakter Ihres Vierbeiners. So wie Sie es auch mit Ihren zweibeinigen Freunden tun.

»Die Lösung aller Probleme liegt in uns selbst. Und sie beginnt damit, dass wir die Voraussetzung für Bindung schaffen.«

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Aber ich gebe ihm auch den Raum, das zu tun, was seiner Natur entspricht: rennen.

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Manche Hunde werden von Wasser magisch angezogen, andere mögen es nicht so. Auch das ist Typsache.

Der Hund als »Chef«

Respekt vor der Natur des Hundes ist auch bei seiner »Erziehung« das Allerwichtigste. »Das kann er nicht, das ist zu schwer für ihn. Er muss vorangehen, weil er nun mal so neugierig ist.« Wie oft habe ich diesen Satz (oder einen ähnlichen) schon gehört, wenn ich Kunden gefragt habe, ob ihr Hund beim Gassigehen eigentlich entspannt neben ihnen herläuft. Andere lächeln nachsichtig und erklären: »Er ist halt doch ein Jagdhund«, wenn ihr Vierbeiner sich im Park mal wieder selbstständig gemacht hat und dem nächstbesten Eichhörnchen hinterhergerannt ist. Und wenn er am Tisch bettelt, verteidigen sie ihn: »Er ist eben immer hungrig.«

Auch das ist wieder ein sehr menschlicher Blick. Der Hund ist nicht neugierig, wenn er an der Leine zieht. Er ist kein Jagdhund, wenn er abhaut und er ist nicht hungrig, wenn er bettelt. Er hat nur nicht verstanden, dass sein Mensch die Verantwortung hat, dass er sagt, wo es langgeht und wann es etwas zu fressen gibt. Er versteht es nicht, weil der Mensch sich nicht entsprechend verhalten hat. Die Folge davon ist: Der Hund übernimmt die Entscheidung. Er tut das keineswegs bewusst, sondern folgt einer natürlichen Intuition, seinen wölfischen Instinkten. Ein Hund fühlt sich nur sicher, wenn es Regeln und Grenzen gibt. Und wenn wir das nicht als unsere Aufgabe sehen und nicht in die Hand nehmen (vielleicht weil wir es schlicht und ergreifend nicht wissen), dann setzt er selbst diese Regeln und Grenzen eben für den Menschen. Um die Balance im Team wiederherzustellen – zumindest aus seiner Sicht.

WAS HUNDE BRAUCHEN

Damit unsere Vierbeiner sich wohl fühlen, brauchen sie...

  • eine Gruppe, zu der sie gehören. Ein einsamer Hund ist ein verlorener Hund.

  • sichere Menschen, denen sie bedingungslos folgen können, weil sie wissen, dass sie die Verantwortung für sie tragen und immer in ihrem Sinn handeln.

  • Aufgaben, die sie nicht nur körperlich auspowern, sondern vor allem ihren Kopf fordern.

  • genug Zeit zum Ausruhen.

  • Menschen, die sie respektieren und so mit ihnen kommunizieren, dass sie sie auch verstehen.

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Im Hunderudel hat jeder seinen Platz. Diese Sicherheit wünscht sich der Vierbeiner auch beim Menschen.

DIE BALANCE WIEDERHERSTELLEN

Zum Glück muss man nicht bei jedem Problem gleich die gesamte Konstellation in der Mensch-Hund-Beziehung infrage stellen. Manchmal hat ein Hund einfach auch mit der Zeit gelernt, dass er in einer bestimmten Situation nur lang genug »Gas geben« muss, bis Herrchen oder Frauchen weich werden und nachgeben. Das ist dann Konditionierung.

Der Vierbeiner beobachtet den Zweibeiner sehr genau, um zu deuten, was der von ihm will und flexibel auf ihn reagieren zu können. Und genau diese Fähigkeit ist es, die Sie nutzen sollten. Schließlich reagieren Hunde nicht nur auf unsere Schwächen, sondern auch auf unsere Stärke. Wenn wir sie auf die richtige Art anleiten, anregen und mit ihnen interagieren, können sie zeigen, was wirklich in ihnen steckt und zu dem werden, was wir uns wünschen: treue Gefährten und echte Freunde.

Wir müssen, damit sie uns verstehen, weder verbal noch physisch grob werden. Wir müssen nur zurückgehen in die natürlichen Instinkte und das Wesen des Hundes erkennen. Dann ist es gar nicht so schwer, mit ihm zu kommunizieren.

Menschen und Hunde sind im Laufe der Evolution ein eingespieltes Team geworden. Unsere Vorfahren haben in den vergangenen Jahrtausenden schon so viel in die Beziehung gesteckt. Den größten Teil des Weges sind sie schon für uns gegangen. Wir müssen im Prinzip nur noch den letzten Schritt machen.

»Du musst deinen Hund erkennen, respektieren und lieben. Nur dann kann eine echte Bindung entstehen.«

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Wenn man einem Hund gibt, was er braucht, lernt er ganz beiläufig, was man von ihm will.