Michael Sumper

ENERGIE

Roman

Das beste Wissen ist das, was du hast, wenn du es brauchst.

(altes arabisches Sprichwort)

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Speytal

Knapp 1 Jahr vorher

Elgin

Julia

Dr. Gray’s Hospital

Julias Recherche

Das Protokoll

Die Experten

Marokko im Jahre 2000

Energie

Marokko und Marrakech

Das Tagebuch

Ibrahim Dawud

Die Leiden des Dr. Ibrahim Dawud

Neue Erkenntnisse

Dawud und McBurn

McBurn und Julia

Agadir

Die Bruderschaft

Die fremden Mächte

Marakech

Im Museum von Agadir

Die Mächte

Tafraoute

Ramallah

Immer noch Tafraoute

Ramallah

Es löst sich alles auf

Prolog

Ich möchte mich vor allem bei meiner Maria bedanken, die tagelang still bei uns im Wohnmobil sitzen musste, während ich die Geschichte in den Laptop hämmerte. Wer sie kennt, weiß, wie schwer dies für sie war. Maria war auch meine Testleserin, die mich sogar tätlich angreifen wollte, wenn ich bei einer besonders spannenden Stelle den Text stoppte.

Diese Geschichte trug ich schon jahrelang in meinen Gedanken und meinem Herzen mit mir und ich bin jetzt glücklich, sie endlich von dort aufs Papier bekommen zu haben. Ich bin in meinen Gedanken nun etwas freier!

Weiteren Dank gebührt unseren Freundinnen Inge und Ingrid, die auch Testleserinnen der ersten Kapitel waren und mich angespornt haben, weiterzuschreiben. Dank auch an das gesamte Internet, ohne dessen Möglichkeiten so eine Recherche nicht möglich wäre.

Um nun auf den geheimen „Hauptdarsteller“ den Arganbaum zurückzukommen: Dieser Baum wächst seit 80 Millionen Jahren unverändert und ist ein echtes Relikt aus dem Tertiär. Dieser Endemit wird 200 bis 400 Jahre alt und hält auch Trockenzeiten sowie Temperaturen von über 50 Grad aus. Er wird auch Eisenholzbaum genannt, wie einige andere Bäume auch. Aus seinen Früchten und deren Kernen wird das Arganöl gewonnen. Wir waren selbst dabei, als eine kleine Berberin mit ihren Händen aus circa 4 Kilo gerösteten Kernen einen Liter Arganöl herausgepresst hat. Der Anteil von ungesättigten Fettsäuren beträgt etwa 80 %, der Anteil von Tocopherolen ist doppelt so hoch wie bei gutem Olivenöl. Arganöl aus gerösteten Samen ist leicht rötlich und hat einen walnussartigen Geschmack. Es gehört zu den wertvollsten Lebensmitteln auf der gesamten Welt und wird auch das Gold Marokkos genannt. Etwa zehn Bäume können einen Menschen ernähren. Soziologen haben errechnet, dass der Arganbaum den Berberstämmen im Südwesten Marokkos über 20 Millionen Arbeitstage pro Jahr sichert. Was etwa 100.000 Vollbeschäftigte für das sonst nicht sehr reiche Land bedeuten, ist klar. Für die Berber ist er der Baum des Lebens. Da wundert es nicht, dass die alten Berber behaupten, der Arganbaum wirke Wunder.

Und zum Schluss noch die Anmerkung, dass alle Personen und Handlungen meiner regen Fantasie entsprungen und frei erfunden worden sind.

Michael Sumper

In der Nähe von Punta Secca, der Heimat von Commissario Montalbano

Im Januar 2014

Speytal

„Mist“, der berüchtigte, sehr feine, alles durchdringende Nebel Schottlands zog unaufhaltsam über die nördlichen Ausläufer der Grampian Mountains und fiel in das Speytal ein, in dem einige der weltbekannten Whiskybrennereien liegen. Auch ein paar weniger berühmte Destillerien sind hier in der Speyside, meist kleinere Familienbetriebe. Der Herbst, der sich in dem Jahr recht früh bemerkbar machte, ließ die Blätter der Laubbäume langsam, aber dafür in einem besonders bunten Farbenspiel aufleuchten. Es war früher Morgen und in der Chapeltown of Glenlivet war noch alles ruhig, ruhig auch deshalb, weil selbst die Schule 1960 nach hundert Jahren wieder geschlossen wurde. Es ist eine raue Gegend, wo in vergangener Zeit verfolgte Katholiken und Whiskyschmuggler eine sichere Zuflucht fanden. Hier im Herzen von Braes of Glenlivet in Moray.

In der Whiskybrennerei Breadlochie dampften die alten Steinschindeln am Dach der Lagerhallen dem beginnenden Tag entgegen. Diese Brennerei wurde 1827 gegründet und hielt sich als kleine Destillerie schon seit Jahren recht gut. Kein Vogel, der sich in dieser Stille Gehör verschaffte, nicht einmal ein vereinzeltes Muhen der Hochlandrinder, die hier überall auf freien Flächen grasen, war zu vernehmen. In dieser Ruhe hörte man knarrend eine Tür, die sich langsam zu bewegen schien. Einer der Arbeiter, der alte Liam Guthrie, den alle nur McTrunk nannten, besonders gute Freunde fügten noch ein „Rainbow“ als speziellen Vornamen hinzu, schlurfte in seiner auffallend langsamen Gehweise zum großen Lagerschuppen. Seine weißen Haare, die nur noch auf einem schmalen Haarkranz um den Hinterkopf wuchsen, standen in allen Richtungen von ihm ab und zeugten deutlich davon, dass er noch keine Morgentoilette mit einer Kammbenützung hinter sich hatte. Seine 65 Jahre sah man ihm perfekt an, obwohl er sein Leben lang hauptsächlich nur auf das langsame Reifen des Whiskys gewartet hatte. Das sanfte Morgenlicht fing sich in seinem Haar und umgab ihn wie ein lustiger Heiligenschein.

Mehrere Hundert Fässer, alle gefüllt mit Whisky, lagerten hier. Der Inhalt wartete in aller Ruhe auf den Tag, an dem er nach einer vorherigen genauen Prüfung in Flaschen abgefüllt wurde. Der sogenannte Angels share oder Angels dram, der mystische, flüchtige Teil des Whiskys, lag wie eine unsichtbare, nicht erfassbare Wolke über den Bergen von Fässern. Die anderen Kollegen von Rainbow kommen erst später, viel später, er wohnte als einziger Angestellter in der alten Brennerei und das schon seit vielen Jahren. Zurzeit war nichts zu tun, die Zeit arbeitet für den ganzen Betrieb. McTrunk war ein Frühaufsteher, der nach seinem morgendlichen Harndrang einfach nicht mehr zurück in sein warmes Bett wollte und lieber allein seine Runden in der noch menschenleeren Destillerie drehte.

Bei Tag drängten sich Touristen durch die Hallen und klopften mit ihren Knöcheln an die leeren oder vollen Fässer, was ihn immer rasend machte. Wie soll auch ein guter Whisky, der viele lange Jahre rasten und ruhen soll, dieses tun, wenn dauernd an seiner imaginären Schlafzimmertüre geklopft wird. Er selbst war ein eingefleischter Antialkoholiker, der noch nie in seinem Leben einen Tropfen Alkohol getrunken hatte. Die Erfahrung, die er mit seinen beiden Eltern machte, reichte für ein ganzes langes alkoholfreies Leben. Sein Vater kam im Krieg mit Alkohol in Berührung und nie mehr davon los und seine Mutter, die eine Zeit lang die Schnapsvorräte vor ihrem Mann versteckte, begann letztendlich auch zu trinken, als sie ihr Unvermögen und auch die fehlenden Perspektiven erkannte. So wuchs er in einem ganz außergewöhnlichen, alkoholischen Umfeld auf. Die immer betrunkenen Eltern waren wahrscheinlich auch der Grund für seinen ganz ausgefallenen Spitznamen.

Er ging durch das große Lager mit seinem besonderen Mikroklima und schaute auf die Jahreszahlen, die auf die Fässer gestempelt worden waren, und plötzlich fiel ihm ein, dass er vor einiger Zeit ein paar Touristen gerade noch davon abhalten konnte, in den Lagerraum, der außerhalb des Gebäudes lag, hineinzugehen.

Diese Touristen, die alles angriffen, überall raufstiegen und immer die komischsten Fragen stellten, waren für ihn ein ganz großes rotes Tuch. An manchen Tagen hätte er sie alle am liebsten hinausgeschmissen, wenn er diesbezüglich nur etwas zu sagen gehabt hätte. Er strich langsam mit seiner runzeligen Hand über ein altes Fass, das ganz unten lag und mit einer Jahreszahl geschmückt war, die darauf hinwies, dass dieses Fass nun schon fast 40 Jahre hier ruhte. Voriges Jahr hatte man eines dieser alten Fässer geöffnet, für sehr gut befunden und beschlossen, sie noch etwas ruhen zu lassen. Nächstes Jahr wäre ein Firmenjubiläum und dies sei der richtige Anlass für eine ganz besondere Abfüllung. Im selben Raum ist auch eine besondere Nische für Besucher, die hier während einer Führung an den unterschiedlichsten Fässern mit verschiedenen Hölzern den Duft des Whiskys durch das kurzzeitig geöffnete Spundloch „genießen“ dürfen. Er verließ den speziellen „Ruheraum der Fässer“ und wendete sich diesem anderen Lagerraum zu, der etwas abseits hinter der Halle lag. Ein altes, mit richtigen Steinen gemauertes kleines Gebäude, das immer nur als Abstellkammer für diverse Gartengeräte diente. Das Haus hatte ein flaches Satteldach, das auch schon etwas Pflege benötigt hätte. Die Bäume ringsum verloren im Herbst ihr Laub und manches davon blieb am Dach liegen. Grüne Moosflechten zeugten von einem regen Leben am Dach, was auf Dauer sicher nicht von Vorteil sein konnte. Innen, in dem alten Steingebäude, war eigentlich nichts vorhanden, was die Arbeiter zum Betrieb der Brennerei wirklich dringend benötigt hätten. Es schaute so aus, als ob Millionen Spinnen hier ein lauschiges Plätzchen gefunden hätten, daher lebten sie schon seit vielen Generationen vollkommen ungestört. Es kam schon lange keiner der Angestellten mehr auf die Idee, hier etwas zu suchen. Es war nur vollgeräumt mit allen möglichen Sachen aus längst vergangenen Tagen. Nichts war dabei, was neugierige Touristen nur im Entferntesten interessieren könnte. Das Häuschen war auch nie abgesperrt gewesen, seit er sich erinnern konnte. Nun musste er blöderweise eine Möglichkeit finden, ein Schloss einzubauen. Er musterte die alte Türe, die eigentlich nur einen beweglichen Holzbalken als Schutz gegen ungewolltes Aufgehen hatte. Diesen hatten seine besonderen Freunde, die Tagesgäste, angehoben, um einen Blick in das verwunschene Innere zu werfen. Wahrscheinlich hatten sie vermutet, dass der Eigentümer hier seine ganz besonderen privaten Fässer lagerte, die er niemanden zeigen wollte. Er grinste verschmitzt, so viel Ahnung hatten diese Leute. Aber weil er nun schon einmal hier war, betrat er den einzigen Raum und wartete eine ganze Weile, bis sich seine alten Augen etwas an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Nichts als altes Gerümpel, dachte er sich, und beschloss auf der Stelle, zumindest einen Teil davon gleich zum Müll zu bringen. Jeden Tag eine große Tasche voll und in ein paar Tagen schaut es dann schon besser aus. Nur nicht zu viel – man hat ja Zeit. Kurz dachte er daran, diese Aufgabe einem der jüngeren Mitarbeiter zu übertragen, aber dann machte er sich selbst an die Arbeit, um die Hütte einmal grob zu reinigen. Ihm fielen einige Dinge auf, an die er sich noch aus seiner Jugend erinnerte. Eine zerlegte Karre, die einmal zum Transport der Fässer diente, stand ganz hinten an der Mauer. Einige Rechen und Sensen, die allerdings diese Namen nicht mehr verdienten, standen im rechten vorderen Eck und waren auch von undefinierbarem Gerümpel umgeben. Rechts, ganz hinten an der Mauer, war ein Haufen Decken und Tücher mannshoch gestapelt. Ein Paradies für die vielfüßigen Krabbeltiere. Er dachte sich: „Mit diesem Zeug fang ich heute an.“ Nachdem er die ersten Decken heruntergehoben hatte, suchte er eine größere Tasche, in die er das Zeug hineingeben könnte. Er konnte nichts entdecken, außer einer alten Karre mit einem völlig kaputten Rad. Eine Decke, am Boden ausgebreitet, eignete sich auch ganz gut als Transporthilfe, wenn man sie an allen vier Ecken hochzog und über den Rücken warf oder einfach hinter sich herschleppte. Weil er gerade dabei war, schnappte er sich den ganzen verbliebenen Stapel und wollte ihn zu Boden ziehen. Was war denn das? Unter dem Deckenstapel kam ein Fass zum Vorschein, das er mit Sicherheit noch nie auf dem Betriebsgelände gesehen hatte. Er war allerdings schon seit fast 50 Jahren hier! Es war in einen Teppich, dessen Muster er nicht kannte, eingewickelt. Der Teppich war mit ein paar rostigen Nägeln an dem Fass fixiert. Er entfernte den Teppich mit einem beherzten Ruck, wobei einige Reste noch an dem Holz und den Nägeln haften blieben. Darunter kam ein pechschwarzes Fass zum Vorschein. Er berührte das sehr dunkle Holz und klopfte, so wie die von ihm „geliebten“ Touristen, mit dem Knöchel vorsichtig gegen den seitlichen Deckel des Fasses. Dieses Fass war sicher nicht von der Speyside Cooperage in Craigellachie gemacht worden, die rund 100.000 Eichenfässer jährlich neu toastete und reparierte. Da kannte er sich aus. Das Fass war sicher nicht von dort, aber vermutlich voll. Nur mit was? Was war das für ein Holz? Hier wurde schon immer europäische Eiche verwendet, die vorher in Portugal oder Spanien als Sherry- oder Portweinfass begann und später als Whiskyfass verwendet wurde. Er wusste auch, dass bei Inselwhiskys wegen des rauchigen Geschmacks Bourbon-Fässer aus amerikanischer Eiche zum Einsatz kamen. Aber das hier war keines von beiden. Es war jedenfalls ein Quarter- oder auch Firkinfass mit ca. 80 Litern. Ein kleineres Fass also. Er musste sofort mit dem Besitzer sprechen, denn nur dieser durfte entscheiden, was mit dem unbekannten Fass zu geschehen hatte. Es hätte so ein schöner Tag werden können. Die unterdrückte Wut auf die neugierigen Besucher bekam so wieder neue, unerwartete Nahrung.

Der Eigentümer der Anlage, Mr. McDermitt, wohnte etwas außerhalb der Destillerie und kam an Tagen wie diesen meist erst um die Mittagszeit in seine Brennerei. So blieb McTrunk noch etwas Zeit und er versuchte, das unbekannte Fass zu reinigen. Ein aufgeklebter Zettel, der wie eine überdimensionale alte Briefmarke ausschaute, erregte seine ganze Aufmerksamkeit. Er fand jede Menge unbekannter arabischer Schriftzeichen, einige Stempel in dunkelblauer Farbe und eine seltsame Gravierung, aus der er nicht schlau wurde. Eine Jahreszahl war auch kaum zu entziffern, er las – 1944 – das Fass musste fast 70 Jahre alt sein. Wir schrieben das Jahr 2012. McTrunk bewegte das Fass vorsichtig und seine Erfahrung sagte ihm, dass es fast voll sein musste. Er spürte leichtes Gluckern, als ob oben ein kleiner mit Luft gefüllter Hohlraum wäre. Nicht viel, aber doch. Er versuchte es anzuheben, wobei er bemerkte, dass es doch ein etwas mehr als 80 Liter fassendes Fass sein dürfte. Es war viel schwerer als zuerst vermutet. Das Holz fühlte sich auch sehr, sehr seltsam an. Er war sicher, er hatte so etwas vorher noch nie gesehen. Das alte Fass hatte ziemlich massive und sehr breite Kufen, die typischen Eisenringe, auch etwas, was hier vollkommen unbekannt war. Der Spundstoppel war vollkommen eben mit der Fassdaube hineingeschlagen, was sicher einiger Anstrengung bedürfen würde, ihn wieder unbeschädigt herauszubekommen. Die Dauben selbst waren anscheinend grob mit einem Schneidewerkzeug behauen und mit Sicherheit waren sie nicht mit einer Maschine hergestellt. Er rollte das Fass direkt vor die Türe, damit etwas Licht auf das unbekannte schwarze Ding fiel, und wartete ungeduldig, bis endlich sein Chef kam.

Der Chef Mr. McDermitt, erschien heute um vieles früher als sonst. Er ist ein humorvoller Mensch, der seine Führungen immer höchstpersönlich im Kilt durchführt. Auch auf die Frage, was denn ein Schotte so unter seinem Kilt zu tragen pflege, hat er immer dieselbe Antwort parat: „Socks!“ Dies war eine besondere Antwort, mit der er immer viele Lacher auf seiner Seite hatte. Heute hat der Tag allerdings mit einer besonderen Überraschung für ihn begonnen. Sein Sohn Will hatte in der Nacht eine Verkehrskontrolle, die einen überraschend hohen Alkoholkonsum des Jungbrenners an den Tag brachte. Der provisorische Führerschein weg, viel Geld weg, Vertrauen weg, Auto weg. Die Tatsache, dass der Filius in Aberdeen studierte und fast täglich die doch recht lange Strecke fuhr, machte die Sache auch nicht wirklich einfacher. Der Spott und die Schmach waren ihm sicher. Um über die neuen Gegebenheiten in seiner Familie in aller Ruhe nachzudenken, war er, wesentlich früher als sonst, in der Brennerei aufgetaucht. Was er hier vorfand, war ein ziemlich verwirrter Vorarbeiter, der ihm von einem unbekannten Fass und von geheimnisvollen Zetteln und sonstigen Dingen erzählte. Wobei erzählen nicht der richtige Ausdruck war.

McTrunk hatte die leidige Angewohnheit, bei der leichtesten Aufregung zum ausgiebigen Stottern zu neigen. Dies war leider so schlimm, dass ihn in dieser Phase kaum jemand verstand. Seine Kollegen hatten sich früher öfter den Spaß erlaubt, ihn künstlich so aufzuregen, dass er vor Stottern kein Wort herausbrachte, und hatten dabei ihre Schadenfreude. Als McDermitt dies bemerkte, machte er McTrunk kurz entschlossen zum Vorarbeiter mit allen seinen Rechten und Pflichten. Ab dem Zeitpunkt konnte er sogar jemanden entlassen, was er jedoch noch nie getan hatte. Sie gingen gemeinsam zu der Hütte und der Vorarbeiter beruhigte sich auch schon langsam. McDermitt, ein großer, grauhaariger, echter Schotte, der von jedermann Alex gerufen wurde, hieß eigentlich richtig Alesdair, nach Alexander dem Großen. Bei seiner Körpergröße von 1,90 m hatte bis jetzt jeder dem Versuch widerstanden, scherzhaft auf Alexander den Großen anzuspielen. Beide standen vor dem Fass und überlegten, was nun vernünftigerweise zu tun sei. Am Fassdeckel entdeckte der Brennmeister noch etwas Eingeritztes. Eine kleine Inschrift, anscheinend lieblos und rasch hineingeschnitzt, die lautete:

a’deanahm X fosgail!

Das war altes Gälisch, was heutzutage kaum mehr gesprochen wurde. Es bedeutete so viel wie „machen, tun“, dann ein ganz großes „X“ wie das schottische Nationalsymbol, und „öffnen“. Das könnte alles Mögliche heißen, am ehesten und am wahrscheinlichsten aber „NICHT ÖFFNEN!“ Das konnte ja noch heiter werden. Im Gälischen gibt es die Wörter „nein“ oder „nicht“ eben nicht!

Etwas kleiner am Rand stand noch:

Tha mi cinnteach gum bi mi a’tilleadh do dh’Alba. – V. R.

Was wiederum bedeutete:

Ich bin sicher, dass ich nach Schottland zurückkehren werde. – V. R.

Der Brennmeister wusste Gälisch zu sprechen und so übersetzte er mit McTrunk gemeinsam etwas holprig den Spruch. Alles war auch nicht eindeutig zu lesen oder es war nur noch zu ahnen für jemanden, der diese Sprache kannte, was da stand. Sie konnten aber auch damit nichts anfangen.

Die Jahreszahl 1944 brachte sie weiter ins Grübeln. McDermitts Vater hatte die Brennerei 1950 aus einem Konkurs erworben und konnte leider nicht mehr befragt werden. Er war vor einigen Jahren unerwartet verstorben. Die vorherigen Besitzer waren Alex vollkommen unbekannt, es hatte sich auch nie jemand gemeldet, der eventuell nach den Vorbesitzern gefragt hätte. Er musste sich noch einmal über die Papiere des Verkaufs hermachen, um dieses Rätsel zu lösen. Was ihm überhaupt nicht gefiel, da er diesen höllischen Papierkram in der Tiefe seiner Seele hasste.

Und der Grund für die ganze Aufregung lag vor ihnen.

„Machen wir es auf“, sagte Alex und umkreiste das seltsame Fass langsam und sehr aufmerksam. McTrunk hatte schon ein korkenzieherartiges Gerät bereitgelegt und versuchte, den Spundstoppel zu öffnen. Das Holz dürfte jedoch eine andere Härte als die bekannten Eichenspunde haben. Keinen Millimeter ging der Schraubenzieher in das Holz. Trotz heftigen Draufschlagens hatte er keine Chance, auch nur ein wenig einzudringen. „Ich hole einen Akkuschrauber und mache ein Loch in den verflixten Spund“, meinte McTrunk und war auch schon unterwegs. Mit einem 10-mm-Bohrer und einer aufgeladenen Batterie an seiner Bohrmaschine machte er sich ans Werk. Ganz, ganz kleine schwarze Holzspäne und ein heißer Bohrer waren das ganze Ergebnis nach einigen Minuten. In der Zwischenzeit waren auch noch die anderen Angestellten aufgetaucht und feuerten ihren Vorarbeiter heftig an. Langsam fraß sich der Bohrer in das Holz und plötzlich schien er durch zu sein. McTrunk zog den Bohrer nun aus dem Spundstoppel und schnupperte am heißen Bohrkopf. Er meinte: „Riecht etwas nach Alkohol, aber irgendetwas ist komplett anders. Dies ist garantiert kein Whisky von uns! Dafür verwette ich sogar meine nüchterne Seele.“

Mit Stemmeisen und Hammer erweiterten sie nun das kleine Bohrloch und entfernten den Stoppel zur Gänze. Wie von Zauberhand tauchte ein Glas auf und sie versuchten gemeinsam, etwas von der Flüssigkeit in das Glas zu bekommen. Ein Heber, das ist eine lange Glasröhre mit einem ausgebuchteten Vorratsteil, war auch bald gefunden. Dieser wurde vorsichtig in das Fass eingeführt und danach mit dem Daumen verschlossen. Ein wenig Schnaps war in dem Behältnis und dieser wurde nun durch Öffnen mit dem Daumen oben durch seine untere Öffnung in das Glas gegeben. Ein paar gestandene Whiskybrenner würden ja doch in der Lage sein, das unbekannte Gesöff zu identifizieren. Das Glas war halb voll und das Gebräu hatte eine rotbraune Farbe mit unbekannten Schwebestoffen. Der erste Schnuppertest ergab ein allgemeines Naserümpfen. Der Jüngste von ihnen, der Lehrling im ersten Ausbildungsjahr wurde von allen Anwesenden als der ideale Vorkoster auserkoren. Er nahm das Glas vorsichtig in die Hand, betrachtete es skeptisch und bedachte seine lieben Kollegen mit einem vernichtenden Blick. Mit einem lauten „Slaìnt mhath“ was auf Gälisch gute Gesundheit bedeutet oder auch Prost, wagte er, einen kleinen Schluck zu nehmen, den er allerdings sofort wieder im hohen Bogen ausspuckte. Er rannte ein paar Schritte zur Seite und kotzte sich dort die Seele aus dem Leib. Die interessanten Geräusche, die er dabei produzierte, brachten alle zum Schmunzeln und verhinderten so weitere Kostproben. Was nun? Alex meinte: „Schüttet das Zeug aus, scheint alter Alkohol zu sein. Wer weiß, mit was der angesetzt wurde.“ Sie drehten das Fass und staunten erneut.

Irgendetwas verschloss von innen das nun geöffnete Spundloch. McTrunk fuhr mit seinem Finger in das Loch und zerrte etwas mit einiger Anstrengung heraus. Es schaute aus wie eine nasse, kleine, langhaarige Ratte. Er schnupperte daran und ließ es, unbemerkt von den anderen, sofort fallen. Seine Augen wurden immer größer, weil er diesmal mit Recht ziemlich aufgeregt war und nun gar nichts mehr sagen konnte. Es blubberte nur wenig Alkohol nach und das Fass verschloss sich wieder wie von selbst.

Sie rollten das Fass wieder auf, damit das Spundloch oben lag, und ein Arbeiter kam mit einem Eisenhaken. Es war eigentlich ein rostiger Draht, den er unten zu einem Haken gebogen hatte. Er stocherte damit von oben im Fass herum und meinte: „Da ist sicher etwas drinnen – weich, aber dann doch fest!“ Und als er den Haken herausziehen wollte, war ein kleiner Kleiderfetzen mit eindeutigem Karomuster am Spundloch zu sehen. McTrunk konnte immer noch nicht reden und deutete aufgeregt auf das „Etwas“, das vor ihm am Boden lag. Es schaute nach einem Stückchen ledriger Haut aus, die Haare daran waren jedoch für ihn eindeutig die Haare von einem Menschen! Anscheinend von einem schottischen, weil die Haare waren rot und sogar gekräuselt! So wie seine – als er noch sehr jung war!