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Michael Scott Rohan

Gralsdämmerung

Pfortenwelt 3

Roman

Aus dem Englischen
von Gerald Jung

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
»Cloud Castles« bei Victor Gollancz Ltd., London.

1. Auflage

E-Book-Ausgabe 2015

Copyright © der Originalausgabe 1993 by Michael Scott Rohan

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1996 by Goldmann Verlag
in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Published by Arrangement with Michael Scott Rohan

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur
Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Covergestaltung und Artwork: Isabelle Hirtz, Inkcraft

Redaktion: Gerd Rottenecker

HK · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-14954-3

www.blanvalet.de

Für Maggie Noach und Ellen Levine
Auf zehn gemeinsame Jahre!

Prolog
Die Spirale …

»Ich will dir mal was sagen, Steve«, raunte Jyp mir an jenem Abend zu, an dem die Wölfe unterwegs waren und er mich zu Le Stryge führte. »Die Welt ist wesentlich mehr, als den meisten Menschen jemals bewusst wird. Sie klammern sich an das, was sie kennen, das feste Zentrum, wo alles tödlich langweilig und vorhersehbar ist. Wo jede Stunde genau sechzig Minuten hat, von der Wiege bis zur Bahre – das ist der Kern. Hier draußen, auf der Spirale, hier draußen am Rand, ist das anders. Die Welt hier draußen gleitet ständig, Steve, und zwar durch Raum und Zeit. Hier gibt es mehr Gezeiten als nur Ebbe und Flut an ihren Gestaden. Vielleicht ist es so, dass jedem eines schönen Tages eine dieser Gezeiten vor die Füße rauscht – dann erschaut er diese unendlichen Weiten! Einige wenden sich ängstlich ab und stehlen sich vor der Wahrheit, die sie gesehen haben, davon. Andere hingegen wagen einen Schritt in die kühlen, weiten Fluten hinein – von Häfen wie diesem hier, an dem ein über tausendjähriges Kommen und Gehen einen Knoten in die Zeit geschlungen hat, gehen sie in alle Ecken der weiten Welt. Oh, mein Gott, wie weit! Was glaubst du wohl, Steve, wie viele Ecken die Welt hat? Unzählige. Und jede dieser Ecken ist ein bestimmter Ort. Orte, die einst waren, sein werden oder niemals existierten, außer in den Gedanken der Menschen, die sie entstehen ließen. Sie lauern wie Schatten hinter den wirklichen Orten deiner Realität. Schatten ihrer Vergangenheit, ihrer Legenden und ihrer Folklore, das, was sie gewesen sein mochten und vielleicht sein werden; mit jedem anderen Ort an vielen Stellen verbunden und verwoben. Du kannst dein Leben lang danach suchen und niemals einen dieser Orte aufspüren, doch wenn du es erst einmal gelernt hast, kannst du binnen eines Atemzugs von einem zum anderen überwechseln. Dort, westlich des Sonnenuntergangs, östlich des Mondaufgangs, dort liegen das Sargassomeer und Fiddler ‘s Green, dort befindet sich der Elefantenfriedhof, das Königreich El Dorado und das Reich von Prester John. Dort draußen findest du alles. Reichtum, Schönheit, Gefahren – was auch immer sich Menschen jemals ausgedacht haben oder an was sie sich erinnern. Und wahrscheinlich noch sehr viel mehr. Aber sind das die Schatten, Steve – oder ist deine Realität nur mehr ihr Schatten?«

Damals konnte ich ihm die Frage nicht beantworten. Ich kann es noch immer nicht.

Kapitel 1

Der Fahrer musste heftig bremsen. Der Wagen schleuderte leicht, und die Flasche verfehlte uns, flog beinahe träge vorüber und zersplitterte auf dem Pflaster in tausend Scherben. Keine Flammen, nur das zischende Aufschäumen schalen Biers. Damit war es uns weit besser ergangen als so manchen anderen an diesem Tag.

Lutz lehnte sich brüllend aus dem Fenster, doch die Polizisten in ihrer gepanzerten Schutzkleidung schwärmten bereits in Richtung des kleinen Häufchens von Aufrührern aus, das sich daraufhin rasch auflöste, wobei die Randalierer wie wilde Tiere heulten und mit allem um sich warfen, was sich als Wurfgeschoss verwenden ließ. Die Reste einer zerfetzten Fahne, deren Stange offensichtlich auch anderen Zwecken gedient hatte, wurden in die Luft gereckt. Teile des Spruchbandes waren noch zu lesen – irgendetwas RAUS! Wahrscheinlich Kapitalisten – oder Juden. Inzwischen machte man hierzulande schon wieder keine großen Unterschiede, und das in aller Öffentlichkeit. Diejenigen, die am Wagen vorbeikamen, traten gegen die Karosserie, hämmerten auf das Dach, schlugen und spuckten gegen die Scheiben. Ich sah dumpfe, grobschlächtige Gesichter, kurzgeschorene Schädel, starr glotzende Augen und von Hass verzerrte, in wortlosen Schreien weit aufgerissene Münder – viele von ihnen glichen sich so sehr, als hätten die Krämpfe in ihren Hirnen die gleiche Physiognomie erzeugt.

Lutz schnaubte verächtlich, sank in den Sitz zurück und fuhr sich mit beiden Händen durch das dichte weiße Haar. »Tut mir leid, Stephen«, murmelte er auf deutsch. »Diese Paviane! Die haben keinen Schimmer, wen sie eigentlich bewerfen!«

Als ob ihr Vorgehen andernfalls gerechtfertigt wäre. Diese Bemerkung verkniff ich mir jedoch. Baron Lutz von Amerningen war sich seiner Wichtigkeit ein wenig zu sicher, als dass er derlei Kritik zu schätzen gewusst hätte. Abgesehen davon hatte ihn die erfolgreiche Präsentation auf der Eröffnungsveranstaltung in ausgezeichnete Stimmung versetzt. Ebenso gut hätte ich einem Kind den Luftballon kaputt machen können. Ein Hotelportier öffnete den Verschlag der Limousine, und Lutz stieg nach mir aus. Er legte seinen schweren Arm um meine nachgebenden Schultern und hauchte mir sauren Dom-Perignon-Atem ins Gesicht; die Präsentation war sehr verschwenderisch ausgefallen. »Sind Sie sicher, dass Sie sich mir nicht gleich anschließen wollen? Wir könnten eine Runde Tennis spielen, in die Sauna gehen, ein paar Drinks …«

»Vielen Dank, Lutz, aber ich habe wirklich noch einiges zu erledigen.«

»Dann heute Abend? Sie wollen doch nicht nur herumsitzen und versauern, ein junger Mensch wie Sie? Gewiss, Sie sind jetzt angespannt, aber das ist nur die Aufregung. Sie müssen ein bisschen abschalten, mein Junge!«

Lutz sprach so gut englisch, dass er seinen Akzent ohne Weiteres hätte korrigieren können. Wahrscheinlich gefiel ihm jedoch gerade dieser Erich-von-Stroheim-Effekt.

»Sehen Sie mich an, ich bin ein paar Jährchen älter, aber noch immer genauso fit! Ich lasse mich nicht einfach gehen, ich gehe immer weiter! Feste feiern! Das hält jung! Also bis heute Abend bei mir – ich gebe eine meiner kleinen Affaires Er lachte trocken und überreichte mir einen steifen weißen Umschlag. »Sie haben meines Wissens noch keine miterlebt, oder? Es wird sehr lehrreich werden – verstehen Sie?«

»Lutz, das … das ist sehr freundlich von Ihnen«, sagte ich leicht verwirrt. Sicher wusste ich, dass die »kleinen Affaires« des vierzehnten Barons von Amerningen berühmt waren, Stoff für die Gazetten auf der ganzen Welt, obwohl natürlich keiner der Fotografen oder Paparazzi jemals einen Fuß über die Schwelle setzen durfte. Oder einfache Geschäftspartner. Nun ja, das hieß wohl, dass ich mich jetzt zu den Reichen und Auserwählten zählen durfte. »Ich habe noch jede Menge zu erledigen«, wiederholte ich, »ich fühle mich wie ausgelaugt.« Das zumindest stimmte, in gewisser Hinsicht. Doch ich wollte ihn auch nicht direkt vor den Kopf stoßen. »Vielleicht kann ich etwas später noch vorbeischauen, falls das …«

»Aber sicher, aber sicher doch!« Er wedelte leutselig mit seiner riesigen Flossenhand. »Sie kennen den Weg? Prima! Bleiben Sie nicht mit Ihrer Flasche allein auf dem Zimmer sitzen! Oder in anderer schlimmer Gesellschaft, hm? Na denn, ciao, Bambino

Ich erwiderte seinen winkenden Abschiedsgruß, und schon glitt seine langgestreckte Mercedes-Limousine fast lautlos auf die mit Unrat übersäte Straße zurück. Die Straße war jetzt leer und verlassen, doch in der Luft hielt sich noch ein Gestank, der teilweise von den umgeworfenen Mülltonnen herrührte, teilweise jedoch aus der Stadtmitte herüberwehte. Ein intensiver Rauchgeruch von den Bränden, das Pfeffergas, das sie hier jetzt anstelle von Tränengas und CS einsetzten, das Benzin der Molotow-Cocktails – ich konnte es auf meiner Zunge schmecken und hätte am liebsten ausgespuckt.

»Böse Sache, was?« Ein anderer Gast eilte zum Taxistand hinunter und stopfte ganze Stapel von Messeliteratur in seinen Diplomatenkoffer. »Die haben mein Taxi umgeworfen! Einfach auf den Kopf gestellt! Diese verdammten Faschistenschweine! Sind Sie auch zur Messe hier? He, Sie sind doch Stephen Fisher!« Er packte meine Hand und schüttelte sie mit leicht ehrfürchtiger Begeisterung. »Jerzy Markowski, Vizepräsident, Roscom-Warschau, Zulieferung von Elektronik, solche Sachen! He, da haben Sie uns ja eine schöne Show geliefert! Was für ein Schlag! Wissen Sie, was das hier für Unterlagen sind? Neue Geschäfte, die plötzlich kosteneffektiv geworden sind! Ich habe die Zahlen noch nicht gesehen, doch wir werden sicherlich jede Menge C-Tran-Kapazität kaufen!« Er verzog das Gesicht. »Und die Konkurrenz garantiert auch! Sie werden uns doch nicht vergessen?«

Ich staunte, dass er mich nach meinem recht kurzen Auftritt bei der Präsentation gleich wiedererkannt hatte, wo ich doch vor lauter Hologrammen und Tänzern und dem ganzen Klimbim fast nicht zu sehen gewesen war. Als ich ins Foyer kam, sah ich, weshalb. Der Zeitungsladen war mit meinem Gesicht förmlich gepflastert. Time und Newsweek hatte ich noch nicht geschafft, doch die Europäer hatten keine Zeit verloren. Ich blickte vom Titel des Spiegel (neben Lutz natürlich) und von Elsevier herab, die Zeichnung auf der Frontseite des Economist zeigte mich mit klug funkelnden Äuglein und einem Doktorhut vor einem Container, darunter prangte die Schlagzeile: Intelligente Verpackung? C-Tran – Strategische Güterbeförderung für ein neues Europa.

Ich nahm mir ein Exemplar vom Stapel herunter. Der Mann hinter der Theke grinste und sagte laut: »Glückwunsch, Herr Fisher!« Sämtliche Köpfe im Foyer flogen herum.

Das Hotel war wegen der Messe natürlich randvoll mit Geschäftsleuten, und plötzlich wollten sie mir alle die Hand schütteln, sogar einige Oberhäuptlinge der ganz großen, multinationalen Firmen. Ich flüchtete mich mit schmerzenden Fingern in den Fahrstuhl, wo mir noch alle möglichen Einladungen nachgerufen wurden, von Grenoble bis Groton, Connecticut. Ich war mir bei diesem Theater heute Morgen idiotisch vorgekommen, so als würde ich die große Berühmtheit spielen. Inzwischen dämmerte mir, dass ich genau das geworden war.

Momentan wollte ich jedoch nichts anderes als allein sein.

Wenn man es sich recht überlegte, war es ziemlich grotesk, dass ich jetzt die Garbo spielen musste. Jahrelang hatte ich gelernt, derlei Auftreten zu vermeiden, und zwar nicht auf der Couch eines Psychoanalytikers, sondern auf schaukelnden Decks und in dunklen Dschungeln, zwischen Wolkenarchipelen, die sich über unsere eigene Welt hinaus erstreckten wie endlose Schatten in der untergehenden Sonne. Auf so wunderlichen und tollkühnen Reisen, dass selbst die Erinnerungen daran sich rasch verflüchtigten, gänzlich zu verblassen drohten. Auf der Spirale hatte ich Gefahren und Aufgaben ins Auge geblickt, die mich gelehrt hatten, was Erfolg wirklich bedeutete – und ich war, endlich, gezwungen worden, mir selbst ins Gesicht zu sehen.

Als ich den Economist aufschlug, blieb mein Blick am letzten Absatz des Leitartikels hängen.

… die dramatischste Innovation im Bereich des Güterverkehrs seit der Einführung des Containers in den Sechzigerjahren. Es wird Stephen Fisher, sowohl als leitenden Direktor als auch als Gesellschafter, zum verdienten Multimillionär machen. Doch C-Tran scheint, wie sein rätselhafter Schöpfer, den Blick oft auf noch weitere Horizonte gerichtet zu haben. C-Tran macht die aufreibenden Komplikationen des internationalen Frachtverkehrs so irrelevant wie die Grenzen von gestern und wird zweifellos auch das noch im postkommunistischen Trauma befangene Osteuropa näher zusammenrücken lassen; ebenso einen Westen, der von Instabilität und erwachendem Extremismus geplagt wird. Insofern wird es seinen Platz nicht nur in den trockenen ökonomischen Verhandlungen von morgen finden, sondern auch …

Das leise Klingeln zeigte mir an, dass ich auf meinem Stockwerk angekommen war. Ich rollte die Zeitschrift rasch zusammen, damit mich niemand lesend damit erwischte, und räusperte mich. Mannomann – wie Jyp, ein alter Freund von mir, immer zu sagen pflegte – und das alles nur wegen einem bisschen Langeweile! Doch jetzt war es vorbei, fertig, erledigt. Ich rammte die Schlüsselkarte so fest in den dafür vorgesehenen Schlitz an meiner Tür, dass ich sie fast verbogen hätte.

Drinnen schleuderte ich die Zeitung zur Seite und warf einen Blick auf meinen kleinen Computer. Die Faxdatei erstickte in Nachrichten, ebenso der Anrufbeantworter – nichts als Glückwünsche. Ich drückte einige Tasten und leitete alles nach Hause, ins Büro weiter, wo sich mein Presseteam um die Beantwortung kümmern konnte. Gerade als ich den Kontakt unterbrechen wollte, blinkte plötzlich in der Mitte des Bildschirms ein Fenster auf, ein spezielles Format, das für dringende Systemwarnungen vorgesehen war. Ich schaute mir die rotglühenden Bildpunkte genauer an.

** DRINGEND ** TOTALER SYSTEMABSTURZ DROHT * SOFORT SCHNITTSTELLE L MIT SCHNITTSTELLE G VERBINDEN ** DRINGEND **

Schnittstelle was mit wem? So etwas hatte ich noch nie gesehen. Ich war mir ziemlich sicher, dass mein Apparat mit derartigen Ausgängen überhaupt nicht ausgerüstet war, geschweige denn mit der Möglichkeit, sie miteinander zu verbinden. Sollte das ein Witz sein? Ein Virus vielleicht? Ein unterschwelliger Anflug von Doppeldeutigkeit lag darin, ein double entendre. Wahrscheinlich war ich nur zufällig in eine überflüssige Anweisung in der Software des Herstellers gerutscht. Ich berührte das ok-Symbol. Der Rahmen verblasste, doch die Flüssigkristalle leuchteten noch einen Moment nach, wie erstickende Flammen. Ich klappte den Deckel zu und stellte mich kurz darauf unter die Dusche.

Eigentlich hätte ich die ganze Sache schnell vergessen müssen. Doch eine Stunde später, frisch geduscht, in bequemer Kleidung und mit einem ordentlichen Gin Tonic bewaffnet, dachte ich noch immer darüber nach – wenn auch nur, um mich von unangenehmeren Gedanken abzuhalten. Die Terrasse der Hotelbar war leer, was nicht weiter verwunderlich war. Die Direktion hatte mit Sträuchern, Marmor und gestreiften Markisen ihr Möglichstes getan, doch damit ließ sich der Parkplatz gegenüber nicht ganz verstecken, und die Reihe der halb vertrockneten Koniferen, die die Grenze zum nächsten Hotel markierte, bot einen nur unwesentlich angenehmeren Anblick als die mehrspurige Autobahn auf der anderen Seite. Immerhin war es ruhig und friedlich, und der Parkplatz ließ wenigstens ein Stück unverbauten Himmels frei. Nachdem ich tagelang im Ausstellungszentrum eingesperrt gewesen war, linderte dieser Ausblick meine Klaustrophobie auf wunderbare Weise. Ich bestellte einen weiteren Gin Tonic und ließ mich staunend im Sessel zurücksinken.

Über den gestutzten Bäumchen türmten sich die Wolken zu steil aufragenden Bergmassiven übereinander, das leuchtende Weiß von grauen Streifen durchzogen, von jeglicher menschlicher Dummheit unbefleckt. In der auffrischenden, doch noch immer lauen Luft des Frühherbstes zeichneten sie sich stark und beinahe massiv vor einem jener dunkleren Azurblaus ab, die das Auge unweigerlich in die Unendlichkeit ziehen. Man sieht oft Formen und Muster in den Wolken, doch diese hier standen klar und deutlich wie ein Gemälde vor mir. Auf jeder Seite zeichnete sich ein steiler, zerklüfteter Felsen ab; der rechte war etwas höher und wurde durch einen abgestuften Hang mit dem flacheren Gipfel verbunden, wie das Mittelstück bei einem abgeflachten V. Fast hätte man glauben können, auf eine breite Straße zu blicken, die sich zwischen hohen Felswänden zu einem Bergpass hinaufwand. Über ihr ragte, wie ein drohender Wächter, die Spitze eines weißen Turmes auf. Die untergehende Sonne tauchte Turm und Weg in leuchtendes Rosa. Was für ein dramatischer Hintergrund, geeignet für ein opulentes Theaterstück, einen Film oder eine Oper oder etwas dergleichen; und doch hatten ihn Natur und Zufall innerhalb weniger Minuten erschaffen, und in wenigen Minuten würde er auch wieder verschwunden sein.

Es erinnerte mich daran, dass ich zumindest ein paar Tage freinehmen könnte, um Bergsteigen zu gehen, obwohl ich nur mit viel Glück einen so ursprünglichen Ort finden würde. Ein paar Tage? Ich könnte den Rest meiner Tage mit Klettern verbringen. Ich hatte es schließlich geschafft!

Ich hatte unsere Gütertransportfirma so gut ausgebaut, dass ich beinahe automatisch, trotz meines relativ jungen Alters, vom stellvertretenden zum leitenden Direktor befördert worden war, als Barry vorzeitig in den Ruhestand ging. Inzwischen hatte mein Freund und Stellvertreter Dave die Dinge besser als ich je zuvor im Griff. Was blieb da für mich zu tun? Ich diente als Galionsfigur. Nicht dass mich Dave ausstechen wollte. Trotz seines üblichen respektlosen Geschwätzes beugte er sich bei allen Angelegenheiten, die mich persönlich interessierten, stets und auf eine manchmal fast beschämende Weise meinem Urteil. Doch überall, wo ich hinblickte, sah ich seine Hand fest am Ruder, unsere Unternehmen mit der freudigen Autokratie lenkend, die er von seinen westafrikanischen Vorfahren geerbt hatte – und das, obwohl er obendrein noch Familie hatte. Er war all das, was ich immer hatte sein wollen, und mehr. Meine Problemlösungen waren gut gewesen, seine waren besser, und ich verstand allmählich, warum Barry aufgehört hatte. Doch ich war gerade Anfang Vierzig, fit und stolz auf meine Arbeit – was sollte ich denn auch sonst lieben? All die Jahre hatte ich so meine Vorstellungen davon entwickelt, wie unser Unternehmen funktionieren sollte – meist verrückte Vorstellungen, doch ich hatte ein wenig damit herumgespielt, und …

Und plötzlich war C-Tran in siebzehn Ländern zur Realität geworden, zehn weitere sollten folgen, verbunden mit einem gigantischen Expansionsprogramm, das sich weit über Europa hinaus erstrecken und die ganze Welt umfassen sollte. Inzwischen hatte das Projekt meine Vision weit hinter sich gelassen und war damit jeglicher Kontrolle entglitten. Ich brauchte nur noch Interviews zu geben, den Vorsitz in einem merkwürdigen Konsortium zu führen – und die Knete mit beiden Händen einzustecken. Es war mein Erfolg, ein Riesending, und wieder war ich vom Steuermann zur Galionsfigur geworden. Doch all diese Millionen konnten mir nicht die Befriedigung geben, wie sie mir ein Beutel voller verbogener Guineen, Moidores, Reales und weicher spanischer Unzen verschafft hatte, der harterkämpfte Lohn meiner ersten Handelsreise auf jenen fremden weiteren Ozeanen, die zwischen den Welten der Spirale schäumten. Vor zwei Jahren, als mich das neue System mit wachsenden Problemen beinahe erdrückt hätte, war ich aus lauter Verzweiflung geflohen, hatte die Schwelle überschritten und neben alten Freunden einen Kapitän, eine Mannschaft und die entsprechende Ware gefunden, die von einem Hafen zum anderen geschafft werden musste. Kaum ein Jahr darauf wiederholte ich den »Ausflug«, diesmal als mein eigener Kapitän bei einem längeren Transport. Länger, gefährlicher und dieses Mal mit weniger Profit, doch es war immerhin ein Anfang.

Zweimal zuvor war ich schon in die Spirale getrieben worden, einmal durch Zufall und schiere Neugier, einmal aus Not. Jetzt wurde ich nicht mehr getrieben, sondern angezogen – und der Sog wollte mich auseinanderreißen. Wofür sollte ich hier noch leben, wie die Made im Kern-Speck, wenn dort draußen ein Universum unendlicher Möglichkeiten auf mich wartete? Vor seinen wilden, kräftigen Farben verblassten die Farben hier im Kern. Doch diese Welt hier kannte ich, ich hatte sie im Griff – so gut das ein Mensch eben kann, und weit besser als die meisten. Außerdem besaß die Spirale die Eigenart, sowohl die Stärken als auch die Schwächen jedes Menschen zu vergrößern. Es war besser, wenn ich meine Probleme hier löste, sonst könnten sie mich dort draußen verschlingen.

Wenigstens wusste ich um das Schlimmste: Ob hier oder dort, im Kern oder auf der Spirale – ich war allein. Die Dummheit, die Schuld, die kalte Leere meines vergangenen Lebens hatte ich abgestreift. Ich hatte beschlossen, wieder zu leben, wirkliche Freunde zu finden, Beziehungen einzugehen, sogar zu heiraten. Doch inzwischen war ich über Vierzig, und diejenigen, die behaupteten, ich sähe noch nicht so aus, logen. Außerdem war ich daran gewöhnt, für meine Arbeit zu leben, für sie zu essen und zu schlafen. Kein guter Anfang. Auch die Spirale selbst stand mir im Weg. Wem konnte ich dieses Doppelleben erklären? Welche der Frauen, die ich kannte, würde sich damit abfinden? Claire und Jacquie hatten es beide miterlebt, waren beide davor zurückgeschreckt – und auch vor mir. Mittlerweile hatten sie das alles zweifellos vergessen, so wie es allen erging. Draußen auf der Spirale gab es Frauen in Hülle und Fülle, doch längerfristige Beziehungen waren in diesem unsteten Gewoge aus Zeit und Raum, wo jeder längere Aufenthalt die Gefahr des Gedächtnisverlustes und des erneuten Gleitens in die dumpfe Sterblichkeit in sich barg, höchst selten.

Ärgerlich trank ich mein Glas aus; es schmeckte sehr bitter. Ich starrte in diese Wolken, auf diese große substanzlose Barriere, und ich spürte das plötzliche Verlangen, dorthin zu entfliehen. Ich wünschte, ich hätte einfach aufstehen und über diesen Pass dort oben laufen können, hinaus in das weite Blau dahinter, um mein rastloses Selbst in der Unendlichkeit zu verlieren.

Der Ober stellte mir ein weiteres Glas hin, obwohl ich mich nicht daran erinnern konnte, es bestellt zu haben. Doch ich rührte es nicht an. Als ich mich umdrehte, um die Getränkekarte der Bar zu studieren, sah ich etwas im Augenwinkel, einen weißen Tupfer, als hätten die Spitzen dieser struppigen Bäumchen einen Wolkenfetzen festgehalten. Doch als ich meine Augen darauf konzentrierte, verschwammen meine Gedanken. Es war ein Pferd, allem Anschein nach ein ziemlich großes Exemplar. Es stand einfach da, ein graues, nein, eigentlich war es ein weißes, beinahe blendend weißes Pferd, ohne Reiter, ohne Knecht, ganz allein. Es war gesattelt und aufgezäumt, doch nirgendwo angebunden; in aller Ruhe senkte es den Kopf und begann auf der trockenen Rasenfläche unter den Bäumen zu grasen.

Ich blickte mich noch einmal um. Niemand war zu sehen. Das Tier musste irgendwo ausgerissen sein – höchstwahrscheinlich von einer Präsentation auf der Handelsmesse. Gott sei Dank hatte sich unsere Agentur für eine bekannte Tanztruppe und einige wirklich eindrucksvolle audiovisuelle Tricks entschieden. In den letzten Wochen hatte ich andere Firmen erlebt, die alles Mögliche versucht hatten, von Stripperinnen bis zu Flusspferden. Wie auch immer, man sollte etwas unternehmen, bevor das arme Tier weiter auf die Autobahn lief oder einem der Drogenhändler im Parkhaus in die Arme lief. Außerdem mochte ich Pferde. Also nahm ich mir eine Handvoll Zuckerstückchen aus der Schale auf dem Tisch, schwang mich über das Geländer und ging betont langsam über den Asphalt auf das Tier zu.

Das wäre nicht nötig gewesen. Es sah mich an, schüttelte kurz die Mähne und schien dort auf mich zu warten. »Du bist ja ein großer Kerl, was?«, sagte ich ruhig, und je näher ich kam, desto größer wirkte es; nicht so bullig wie ein Shire oder Percheron, doch groß und kräftig, wie ein sehr langbeiniges Jagdpferd. Die Rasse konnte ich nicht näher bestimmen. Dieser langgezogene Kopf deutete nicht auf einen Araber oder Lipizzaner hin. Auch das Geschirr sah eigenartig aus, über und über verziert und sehr schwer, mit einem hohen Sattelknauf, doch nicht im Cowboy-Stil, eher orientalisch. Ich packte einige Zuckerstücke aus. Das Tier schnupperte daran und nahm sie dann mit einer vorsichtigen Bewegung der Lippen von meiner Handfläche. Dann ließ es mich seinen muskulösen Hals und die Schultern tätscheln. Es fühlte sich wohlgenährt und sehr gepflegt an. Plötzlich drehte es jedoch den Kopf und schnaubte, als wollte es sagen: Worauf wartest du noch?

Das hier war kein davongelaufenes Reklamepferd. Es strömte den Geruch der Spirale aus. Es roch nach Magie und Geheimnis. Ich wusste nur zu genau, dass in der Spirale schreckliche Gefahren lauern konnten, doch in diesem Moment war mir alles egal. Ich testete den Gurt. Er saß bombenfest. Ich packte den Knauf, stellte einen Fuß auf den Betonabsatz, schob den anderen in den Steigbügel und schwang mich in den Sattel. Mein Fuß glitt beinahe automatisch in den anderen Steigbügel; sie waren wie für mich eingestellt. In diesem Moment wieherte das große Pferd, drehte sich um und galoppierte auf die grüne Wand aus Bäumen zu.

Ich duckte mich, Zweige und Blätter rauschten an mir vorüber. Ich suchte nach den Zügeln und fand sie um den Sattelknauf geschlungen. Doch bevor ich etwas damit anfangen konnte, trabten wir schon durch die Bäume, und das weiche Klopfen des Rasens unter den Hufen veränderte sich. Allerdings erklang nicht das dumpfe Klappern des Asphalts, sondern das Trommeln von Erdboden und das Rasseln von Steinen, während das riesige Tier aus dem Trab in einen leichten Galopp verfiel. Ich blickte hinab und hätte beinahe den Halt verloren. Der Boden unter diesen leichtfüßigen Hufen war unsichtbar, verlor sich in dem fließenden grauen Nebel, der uns umgab, sodass wir kaum voranzukommen schienen und es eher aussah, als würden wir auf der Stelle treten und der Nebel an uns vorüberschweben, als würden ihn die Huftritte für einen Augenblick festtreten, bevor er sich kurz hinter uns wieder auflöste. Als ich mich jedoch in den Steigbügeln aufstellte und umsah, spürte ich etwas anderes: Der Untergrund stieg an, wir trabten bergauf, und das recht schnell. Plötzlich wurde es ringsum hell, die beißende Frische klarer Luft umgab uns. Verwirrt blinzelte ich zu den über uns aufragenden Schatten empor. Waren das noch immer Wolken? Ich musste den Blick abwenden und gleich darauf wieder hinuntersehen – und diesmal verlor ich wirklich den Halt in den Steigbügeln und klammerte mich panisch am Sattelknauf fest.

Der Untergrund war jetzt fest, ein rauer Pfad aus hellgrauem Gestein und staubiger Erde, mit weißen Quarzkieseln übersät, von denen es nicht allzu viele gab. Dicht neben den fliegenden Hufen ging es steil hinunter, und die aufgewirbelten Steinchen hüpften in diese Felsspalte hinein wie ins große Nichts, in Tiefen, von denen ich mir keinerlei Vorstellung machen konnte. Zarte Nebelfetzen umspielten den Klippenrand wie ein See aus Milch. Doch es war kein Nebel, denn er erstreckte sich von der Spalte bis zu dem unendlich weit entfernten Azurblau hinüber. Das waren Wolken, und wir befanden uns über ihnen, auf einem steilen Bergpfad. Der Abgrund starrte mich drohend an, und meine Hände wurden rutschig vor Schweiß, doch ich hielt mich am Sattel und an der Litanei des Bergsteigers fest: Höhe bedeutet nichts, man kann einen Sturz aus hundert Metern überleben, aber schon nach drei Metern tot sein. Nach Atem ringend, zwang ich mich aufrecht in den Sattel und den Blick nach schräg oben. Meine Pupillen fanden einen Fixpunkt, doch ich wusste bereits vorher, welcher Anblick mich erwartete: genau jene Landschaft, die gleichen Felswände, und dazwischen, kaum mehr als einige hundert Meter zum Scheitelpunkt des Passes ansteigend, die Straße, auf der zu reisen ich mir so sehnlich gewünscht hatte, die Straße, die ich jetzt hinaufritt. In eisigen Schauern durchfuhr mich die Aufregung, die vom beschleunigten Herzschlag der Furcht nur noch gesteigert wurde. Der Wind blies scharf und frisch, verjagte den faulen Odem der Großstadt aus meinen Lungen und erfüllte sie mit unendlichem Leben. Diese Luft war tausendmal erfrischender als der kälteste und stärkste Gin Tonic. Ich schüttelte die Angst vor dem Abgrund ab, grub die Füße wieder tief in die verzierten Metallbügel und drückte die Knie leicht in die warmen Flanken des Pferdes. Ich fand ihren Rhythmus und meinen Halt, ich genoss die Kraft des Tieres und machte sie zu meiner eigenen. Dann nahm ich die mit kleinen Silbernieten besetzten Zügel in die Hände und spürte die Reaktion des Pferdes sofort, als würde es meine Befehle doch noch akzeptieren. Das hatte ich mir doch gewünscht, oder? Komme, was da wolle auf dem Pass, ich wollte die andere Seite sehen!

Der Weg war uneben, doch das herrliche Tier kam nicht einmal aus dem Tritt; ein Stolpern schien völlig undenkbar. Seine sicheren Hufe schlugen Funken aus dem Quarz, das Geschirr sang und klingelte, die Mähne flog wie ein Banner im Wind. Vor unbändiger Freude fing ich laut zu lachen an. Als ich den letzten Hang vor der Passhöhe erreichte, krümmte sich der Weg nach innen, weg vom Abgrund. Ich grub meine Fersen in die Flanken meines Reittiers und ließ die Zügel leicht locker, woraufhin das Pferd schneller wurde. Ich hätte mir keine Sorgen zu machen brauchen: Es nahm diesen Hang wie die letzte Zielgerade. Wir flogen buchstäblich hinauf und über die Kuppe hinweg, hinaus auf den Pfad, der dahinter weiterführte. Doch genau an dieser Stelle hörte ich im Vorbeisausen das aufgeregte Klingeln einer einzelnen Glocke. Hier war er, der hohe, bleiche Turm, und alles andere auch, hoch auf den Klippen der anderen Felswand thronend. Das Klingeln kam von dort, und von irgendwo unter uns antwortete eine tiefere Glocke.

Was meine Aufmerksamkeit jedoch sofort in den Bann zog, war das, was dahinter lag. Die Bergflanke neigte sich wieder etwas sanfter, doch der Pfad folgte ihr nicht. Er verlief weiter auf dem Grat, entlang der Krümmung des Berghangs, stets über diesem schimmernden Wolkenmeer. Das Pferd folgte ihm so trittsicher wie zuvor, als eilte es einer dringenden Verabredung entgegen. Es reagierte auf jede meiner Berührungen, kam jedoch auch ohne sie zurecht. Ich saß inzwischen gut im Sattel, ließ den Blick über die Wolken schweifen und suchte nach einem Hinweis, wo der Ritt hinführte. Andere Formen durchbrachen die Wolkendecke, ragten wie zackige Drachenzähne daraus hervor. Wir befanden uns also inmitten einer Bergkette. Doch näher, sehr viel näher tauchte etwas anderes aus dem Dunst auf, eine dunkle Spitze, viel zu dünn und zart für einen Berggipfel – und zu regelmäßig. Als wir näher herankamen, spaltete sich das Bild; zwei Turmspitzen standen dicht beisammen, parallel, exakt gleich hoch – identisch. Obwohl die Sonne ihre Schatten deutlich auf die blendende Wolkendecke warf, sahen sie seltsam unwirklich aus.

Dann bewegte sich etwas am Rande meines Gesichtsfeldes – ein weiterer Schatten. Nur befand sich dieser hier unter den Wolken und schnellte parallel zum Pfad dahin wie ein Fisch im Wasser. Zum Glück hatte ich ihn gesehen, sonst wäre ich noch überraschter gewesen. Wie ein Wal stieg er mit alarmierender Geschwindigkeit ganz plötzlich auf. Es war ein lenkbares Luftschiff, aber keines von denen, die ich aus Filmen kannte, sondern viel schlanker und eleganter als etwa die Hindenburg oder ein anderer Zeppelin. Seine weiße Hülle verjüngte sich nach nur neun oder zehn gespannten Segmenten zu einer Schwanzflosse aus quadratischen Einheiten, wie ein riesiger Kastendrachen. Die Antriebseinheiten stießen kleine Rauchwölkchen aus. Trotzdem war es beeindruckend schnell, überholte uns mühelos, und die stromlinienförmigen Kabinen an seiner Unterseite sahen geräumig aus. Primitiv? Wahrscheinlich nicht. Ich sah darin eher eine alternative Technologie, ein hochentwickeltes Design, das nach einfachen Prinzipien funktionierte. Es handelte sich ganz gewiss um eine schöne Maschine, so durchdacht und funktional wie ein Wikingerschiff. Langsam kam es näher, bis ich das leise, keuchende Schnaufen entfernt wahrnehmen konnte – mit Sicherheit eine Art Dampfmaschine. Ich richtete mich in den Steigbügeln auf, um ihm zuzuwinken.

Etwas heulte an meinem Kopf vorbei. Das war kein Insekt, so viel war sicher. Ich duckte mich instinktiv. Der Hang über uns explodierte in einem Schauer aus Staub und Steinsplittern. Ich glotzte wie ein Idiot. Das Letzte, womit ich gerechnet hätte, war, dass man auf mich schießen würde. Ich versuchte ein zweites Mal zu winken, um zu zeigen, dass ich unbewaffnet war. Erneut ertönte ein Knattern, und auf dem Pfad vor mir wurde der Staub hämmernd und zischend in die Luft geschleudert. Ich legte mich über den Hals des Pferdes, stieß die Fersen in die Flanken des Tieres und sehnte mich plötzlich nach Sporen. Ich brauchte nicht viel zu tun. Der Trab verwandelte sich in einen Galopp, und wir flogen nur so dahin. Die nächste Explosion war mehrstimmig, und die Luft summte wie ein Bienenschwarm. Mehr als ein Schuss. Ich brauchte eine Weile, um mir dessen bewusst zu werden. Salvenfeuer – dafür brauchte man ausgebildete Leute. Da schossen Soldaten auf mich, ohne eine Frage, ohne Warnung oder dergleichen. Sie hatten nicht einmal gewartet, bis sie nahe heran waren, um mich mit Sicherheit zu treffen – als hätten sie vor etwas Angst. Vor einem Mann, der nichts größeres als eine Pistole dabeihaben konnte? Das ergab absolut keinen Sinn.

Sie steckten jedoch nicht auf. Ein haifischartiger Schatten glitt quer über den Pfad vor uns. Ich sah auf, versuchte Zeichen zu geben und blickte direkt in das stumpfe Glänzen der Gewehrläufe, die aus beiden Gondeln herausragten. Ich schrie etwas und duckte mich dann im Sattel zusammen. Die Läufe verschwanden in orangen Blitzen, Steine und Erdbrocken sprangen rund um uns auf – nein, hinter uns! Wir waren zu schnell. Dann stieß das Luftschiff beinahe gegen den Berghang, der Takt der Maschine steigerte sich plötzlich zu einem Brüllen, und ein Sprühregen nieselte herab. Sie ließen Ballast ab. Die Nase des Flugkörpers reckte sich nach oben und schwenkte energisch zur Seite. Die Motoren brüllten und wummerten. Ich stellte mir vor, wie die Männer in den Kabinen taumelten, zu Boden gingen und in einer Ecke zusammengeschoben wurden. Ich verzog das Gesicht rachsüchtig. Bis jetzt hatte ich noch keinen einzigen meiner Angreifer gesehen, doch ich verspürte einen Mordshass auf diese Bande. Das bleibt nicht aus, wenn man beschossen wird.

Das Luftschiff kam jetzt wieder in eine stabile Lage, holte zu einer weitläufigen Kurve aus, um mich dann von vorne erneut anzugreifen. Ich tätschelte den Hals des Pferdes und fühlte, wie eine kalte Wut in mir aufstieg. Geschwindigkeit allein würde uns nicht retten. Wir brauchten Deckung. Ich konnte mich an nichts dergleichen auf dem bisherigen Weg erinnern – und ich war mir auch nicht sicher, ob sich das große Tier von mir umdrehen ließ. Einfach am Zügel ziehen ging auch nicht, bei dieser Geschwindigkeit hätte uns das leicht in den Abgrund befördern können oder ein Hin und Her erzeugt, das uns zu einem leichten Ziel gemacht hätte. Da ragten dicht vor uns, vor der nächsten Wegbiegung, zwei große Steine senkrecht empor, wie zwei Restposten aus der Stonehenge-Fabrik. Das war unsere beste und einzige Chance. Ich ließ die Zügel schnalzen und zischte: »Los, mein Junge, renn um dein Leben!«

Was mein treuer Gefährte auch tat. Beinahe hätte ich die Zügel verloren, so musste ich mich am feuchten Hals festhalten. Ich hätte schwören können, dass er noch einen Moment vor mir reagiert hatte, als hätte auch er sofort verstanden, worum es ging. Vielleicht hatte er es ja wirklich. Wir erreichten die Biegung, die Hufe scharrten über den Staub, beinahe schon im Schatten der Steine – doch da verdunkelte die Silhouette des Luftschiffes den Himmel und stieß wie eine glitzernde Wolke auf uns herab. Es gab noch eine Chance …

Zwischen den Steinen trat eine Gestalt hervor, wie ein Mönch in Kutte und Kapuze gekleidet. Sie würdigte uns keines Blickes, sondern warf vielmehr die Hände in einer abrupten, herrischen Gebärde in die Luft, wie bei einem Schlag mit dem Handrücken. Das alles geschah eher geräuschlos, strahlte jedoch soviel Gewalt aus, dass der Hengst laut wieherte und sich aufbäumte und ich nur mit Mühe im Sattel blieb. Bei dem, was jetzt folgte, war das nicht weiter verwunderlich. Der Pfad zuckte zusammen, die Luft selbst krümmte sich und schimmerte wie ein verzerrtes Spiegelbild, und mitten durch diese Verzerrung erhoben sich Staub und Erde und lose Steinbrocken in einem langgezogenen Bogen, direkt auf das herankommende Luftschiff zu. Große Felsbrocken prallten von der Isolierung der Gondeln ab, prasselten auf die gespannte Außenhülle, knallten kreischend gegen die Luftschrauben. Das Gefährt zitterte und schlingerte unter der Wucht des Angriffs; die Gaszellen waren in Gefahr. Aus der Ferne hörte ich das Geräusch splitternden Glases. Wieder brüllten die Motoren auf, Ballast wurde abgelassen, und die Maschine schwenkte über den Rand des Pfades hinaus über den Abgrund. Ein einzelner Schuss, brillant gezielt oder nur glücklich verirrt, klatschte neben dem Kopf des Neuankömmlings auf einen Stein und hinterließ dort einen hellen Bleistreifen. Die Gestalt schien es nicht bemerkt zu haben, sondern blickte der seitwärts abschmierenden Maschine nach, deren Pilot mit ihr ebenso zu kämpfen hatte wie ich mit dem Pferd.

Es gelang mir, den Hengst zu beruhigen. Auch der Pilot schien Erfolg zu haben, denn ich sah, wie sich die große Maschine fing und wieder vorwärts in Bewegung setzte. Eigentlich erwartete ich einen weiteren Angriff, stattdessen sank sie jedoch rasch ab, bis sie von der Wolkendecke verschluckt wurde. Ich blieb noch einen Moment ruhig sitzen und spürte, wie sich der Brustkorb des Pferdes unter mächtigen, schauerartigen Atemstößen entspannte. Der Hals zitterte, und das Tier scheute ein wenig, als ich es tätschelte – kein Wunder, dass es noch immer nervös war. Ich blickte erwartungsvoll auf meinen Lebensretter hinab.

Er sah auf. Jetzt war es an mir, fröstelnd zu erschauern. Bevor ich den Namen herausbrachte, musste ich erst einmal schlucken.

»Stryge! Aber das … Le Stryge. Was zu …«

»Was ich hier mache?« Der harsche, nasale Akzent war noch der gleiche, das ewige zornige Raspeln hinter der Stimme unverändert. Doch das schiefe Grinsen strafte seinen Zorn Lügen. Ein dünnes, schräges Grinsen, sauer wie grüne Zitronen, doch immerhin ein Grinsen. »Ich rette deinen dreckigen Hals, mein Junge. Was bleibt mir in deiner Gesellschaft schon anderes übrig?«

Ich blinzelte. Etwas an ihm war anders. Da war noch der gleiche, beinahe Übelkeit erregende kalte, starre Blick. Das Gesicht hätte eine dieser klassischen Büsten sein können, ein Gelehrter, ein Philosoph, ein Priester oder Asket, in weißem Marmor idealisiert. Doch das Leben, das dahinter brannte, machte das alles zu einer tödlichen Waffe, einem stumpfen Instrument, kantig und steinhart; die blasse Haut war von tiefen Furchen durchzogen, die Nase sah aus wie eine dünne, aufblitzende Klinge, und der Mund war ein blutloser, lippenloser Spalt über dem arrogant vorspringenden Kinn. Wie würde man so eine Büste nennen – der Fanatiker, der Irre, der Psychopath? Daran hatte ich gedacht, als ich ihn zum ersten Mal sah. Jetzt fiel mir ein besserer Name ein.

Geisterbeschwörer.

Ein gefährlicher obendrein, geradezu mörderisch, wenn alles, was ich über ihn gehört hatte, der Wahrheit entsprach. Und doch hatte er sich auf verblüffende Weise verändert. Statt des zerschlissenen schwarzen Mantels mit dem Gürtel trug er jetzt diese dunkle Robe, allem Anschein nach aus Samt. Das zudem zerzauste und verfilzte weiße Haar wurde von einem eleganten Reif aus schwarzem Samt zurückgehalten – war es nicht auch gepudert? Das alte Ferkel sah aus wie ein Priester aus dem achtzehnten Jahrhundert – vielleicht wie einer der rassigeren französischen Abbés. Was hatte sich sonst noch verändert? Der Schmutz des Asketen schwärzte noch immer sein Gesicht und tauchte die ohnehin schon tiefen Falten in düstere Schatten. Der Puder an seiner hohen Stirn war klumpig und grau, und in den Augenwinkeln klebten kleine gelbe Tropfen; wieder nahm ich den strengen Geruch wahr, der den alten Strolch umgab. Das ging mir nicht allein so; auch das Pferd blähte entsetzt die Nüstern. Sogar die Samtrobe war hier und dort mit altem Unrat verklebt. Ein Leopard kann seine Flecken verstecken – indem er sich in einen schwarzen Panther verwandelt. Am besten höflich bleiben.

»Du siehst gut aus«, sagte ich, und er verbeugte sich kaum wahrnehmbar. »Ich vermute, all das«, dabei zeigte ich auf das Pferd, »verdanke ich dir?«

Wieder verbeugte er sich. Wollte er damit einen guten Eindruck machen? »Ich dachte, dass ich dir wenigstens ein passendes Transportmittel schicken müsste. Tatsache ist, mein Junge, dass gerade in dem Moment, als du meine Dienste brauchtest, auch ich das Bedürfnis nach den deinen verspürte.«

»Was? Ich meine, wie bitte? Was für …«

Schotter gurgelte in seiner Kehle, als er trocken auflachte: »Ah, keine Angst, mein Junge, ich würde dich nicht wegen jedem Dreck bemühen … der meine allumfassenden Belange angeht. Lass es uns so ausdrücken: Ich brauche momentan genau die Qualitäten, die mir schon lange abgehen. Ich bin jetzt ein alter Mann, werde schnell müde. Doch ich wollte nicht, dass deine schon seit so langer Zeit anstehende Verpflichtung für dich zur Belastung, zur ewigen Bedrohung wird. Besser noch, ich dachte daran …«

»Äh, entschuldige einen Moment. Meine … Verpflichtung

such dir einen anderen!«

Ich riss die Zügel herum, grub die Fersen in die Flanken. Mit lautem Wiehern sprang der ohnehin angespannte Schimmel los und drehte sich einmal auf den Hinterbeinen im Kreis. Die Hufe schlugen Funken aus dem Fels über dem Kopf des alten Mannes, und Stryge, der darunter gefangen war, taumelte und stürzte hinter den Monolithen. Wie gehofft, schnalzte ich mit den Zügeln, sobald sich das Tier etwas beruhigt hatte, doch es brauchte keine Anweisungen mehr. Mit einem wilden, gelösten Aufschrei stob es davon, den Pfad zurück, auf den Weg, den wir gekommen waren. Ich beugte mich wieder tief über den Hals, und bei dem Gedanken, was da jederzeit hinter uns hergeschickt werden konnte, kribbelte mir gehörig der Rücken. Ein Steinsturm, ein Kugelblitz oder Feuerball – oder irgendein schreckliches Schnarren, das mich wie einen Fisch am Haken wieder zurückholte. Wahrscheinlicher war etwas, das ich mir gar nicht vorstellen konnte. Davor hatte ich weit mehr Angst als vor Kugeln. Ich wollte mich irgendwo auf den Boden werfen und verkriechen, doch hier oben war das nicht gerade angeraten. Nein, es gab nur die Kraft und Wendigkeit dieser starken Flanken.

Endlich erreichten wir die Biegung, preschten herum, aus dem direkten Sichtfeld der Steine heraus. Jetzt waren wir wieder da, wo man uns beschossen hatte, doch das kam mir vergleichsweise sicher vor. Das Pferd erinnerte sich zweifellos daran. Es raste wie der Wind, dieses noble Tier, und der Staub wirbelte wie ein Schutzschild hinter uns auf. Ängstlich blickte ich mich nach dem Wolkendach um, doch dort rührte sich nichts. Da, vor uns, ragte der Scheitelpunkt des Passes auf. Hier mussten wir etwas langsamer werden, woraufhin ich einen langen Blick zurück riskierte. Weit hinten, erstaunlich weit, stand eine kleine, dunkle Gestalt mitten auf dem karstigen Weg, als würde sie uns beobachten. Aufsteigender Staub zog sich hinter ihr zu einem drachenhaften Strahlenkranz zusammen, doch Le Stryge bewegte sich nicht. Ein Schauer lief mir über den Rücken, und das Pferd wieherte, als wolle es mich in meinem Entschluss bestärken. Mit sicherem Tritt suchte es sich den Weg über den Grat und über den steinigen Hang dahinter, kam rutschend und schlitternd das steile Stück hinunter und schließlich auf dem breiteren Bergpfad an. Dort nahm es das ursprüngliche Tempo wieder auf. Ich blickte zurück, wollte wissen, ob ich die kleine Silhouette gegen den Himmel sehen würde, die vielleicht gerade eine Lawine auf uns herabwünschte, doch es rührte sich nichts.

Die Sonne ging jetzt unter, der Himmel verdunkelte sich. Die Bergkuppen waren in der zunehmend roten Beleuchtung nicht mehr ganz so deutlich skizziert, nur mehr unscharfe Schattengebilde, die sich hinter dem Gipfel ausbreiteten. Das Wolkenmeer darunter wurde grauer und verwaschener, schloss sich wie ein feuchtes Tuch um uns, als wir, mittlerweile wieder im Trab, hineinritten. Hier war die Sicht nun völlig eingeschränkt, kaum erkannte ich die Schattenwand vor uns. Doch bevor ich an den Zügeln reißen konnte, waren wir schon hindurch, und Zweige peitschten über meine Wangen. Schon nach wenigen Sekunden erklang unter den Hufen ein hartes, harsches Geräusch, und wir waren in völliger Dunkelheit gefangen. Die beißende Luft kratzte im Hals und brannte in den Augen. Beim Geräusch eines in der Nähe aufheulenden Sportwagens scheute das Pferd leicht, und auch mir erging es nicht anders. Durchgerüttelt glitt ich aus dem Sattel, auf den Asphalt, der ein wenig unter meinen Füßen zu schwanken schien. Ich musste mich kurz am Sattelknauf festhalten, wobei ich mit der anderen Hand in der Hosentasche nach den restlichen Zuckerstücken suchte.

»Ich wüsste gerne deinen Namen«, sagte ich zu dem Hengst. »Eigentlich müsste er … Bucephalos lauten, oder Aster, Grane …« Ich kümmerte mich, so gut es ging, um ihn, lockerte das Zaumzeug ein wenig und wünschte nur, ich hätte ihn ordentlich trockenreiben und versorgen können, so wie er das verdiente. Obwohl er sich das alles gefallen ließ, blickte er sich unruhig nach hinten, zu den Bäumen um, sodass ich den Eindruck hatte, er fühlte sich hier weder wohl noch sicher. Vielleicht rief ihn etwas. Ich gab ihm das letzte Stück Zucker und beobachtete, wie er die Nüstern blähte, sich umdrehte und unter die Zweige trottete. Auch ich drehte mich um und schritt über den verlassenen Parkplatz – zumindest hatte ich das vor. Ich war schon zu lange nicht mehr ausgeritten. Meine Beine und der Rücken waren ein einziger strahlender Schmerz, und ich betete inniglich, dass Terrasse und Bar noch so leer wie zuvor wären, damit mich niemand die Stufen hinauf und zu meinem Tisch humpeln sah. Dort ließ ich mich vorsichtig in den Stuhl sinken. Die Sonne hatte sich kaum am Himmel bewegt, und doch war der Unterschied enorm. Das Licht spielte inzwischen leicht ins Rötliche, die Wolken waren nur mehr Wolken, sonst nichts, so immens und substanzlos wie die Fantasievorstellungen der Menschen. Was gewesen war, blieb nur im Geist haften, in den Schmerzen, die ich mir zugezogen hatte, und in einer bohrenden Sorge. Es war geschehen – gegen den Schmerz ließ sich nicht argumentieren. Ich war über diesen Pfad geritten, so wie ich es mir gewünscht hatte, doch was hatte mich dort erwartet? Ein tiefer Wolkenkessel und ein noch tieferes Rätsel. Was noch? Gefahren, womöglich tödliche Gefahren. Wenn man bedenkt, dass ich mich vor einer oder zwei Stunden noch gelangweilt hatte – oder war es schon länger her?

Ganz unbewusst war meine Hand, dem Durstgefühl gehorchend, auf das unberührte Ginglas gesunken. Es war noch immer kalt. Ich hob es hoch – und hielt mitten in der Bewegung inne. Es war zweifellos das gleiche Glas, doch die Eiswürfel hatten noch nicht genug Zeit gehabt, in dieser drückenden Hitze zu schmelzen.