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Buch

Einst war Amberle Elessedil eine Erwählte des Elcrys, des heilige Baums der Elfen. Doch sie verließ seinen Dienst und wollte nie zurückkehren. Abe der Elcrys stirbt, und mit ihm vergeht auch der Bann, der die Dämonen aus der Welt der Sterblichen fernhält. Amberle ist einzige, die einen neuen Elcrys pflanzen kann, denn sie ist die letzte der Erwählten. Widerwillig setzt sie alles daran, das letzte Samenkorn des Elcrys mit Hilfe des Blutfeuers zum Leben zu erwecken. Doch die Dämonen wissen von ihrer Aufgabe und sie werden alles tun, um sie aufzuhalten. Zum Glück hat ihr Allanon, der weiseste der Druiden, ihr der junge Heiler Wil zur Seite – und mit ihm die Elfensteine von Shannara!

Autor

Im Jahr 1977 veränderte sich das Leben des Rechtsanwalts Terry Brooks, geboren 1944 in Illinois, USA, grundlegend: Gleich der erste Roman des begeisterten Tolkien-Fans eroberte die Bestsellerlisten und hielt sich dort monatelang. Doch Das Schwert der Elfen war nur der Beginn einer atemberaubenden Karriere.

Terry Brook bei Blanvalet:

1. Das Schwert der Elfen (1: 19099 + 2: 19100)

2.Elfensteine (1: 19101 + 2: 19102)

Weitere Titel in Vorbereitung

Terry Brooks

DIE SHANNARA-CHRONIKEN

Elfensteine

Teil 1

Roman

Aus dem Englischen
von Mechthild Sandberg-Ciletti

Vollständig durchgesehen und überarbeitet
von Andreas Helweg

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Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Elfstones of Shannara, Part 1« bei Ballantine Books, New York

Der vorliegende Roman ist bereits in geteilter Form im Goldmann Verlag und im Blanvalet Verlag erschienen unter den Titeln: »Die Elfensteine von Shannara«, »Der Druide von Shannara (Teil 1)«

1. Auflage

E-Book-Ausgabe Dezember 2015

Copyright © der Originalausgabe 1982 by Terry Brooks

This translation published by arrangement with Ballantine Books,

A Division of Random House, Inc.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1982/1983 by

Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Umschlaggestaltung: Isabelle Hirtz, Inkcraft

Illustration: Max Meinzold, München

HK · Herstellung: sam

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-19101-6
V002

www.blanvalet.de

1

Die nahe Morgendämmerung erhellte schwach den nächtlichen Himmel, als die Erwählten den Garten des Lebens betraten. Draußen lag in tiefem Schlaf die Elfenstadt Arborlon, deren Bewohner noch die Wärme und Geborgenheit ihrer Betten genossen. Für die Erwählten hatte der Tag jedoch bereits begonnen. Ihre wallenden weißen Gewänder bauschten sich leicht in der sommerlichen Brise, als sie zwischen den Posten der Schwarzen Wache hindurchschritten, die – wie über Jahrhunderte hinweg eine endlose Zahl ihrer Vorgänger – starr und unbewegt vor dem gewölbten schmiedeeisernen Tor mit den kunstvollen Einlegearbeiten in Silber und Elfenbein standen. Die Erwählten eilten zwischen ihnen hindurch, und nur ihre leisen Stimmen und das Knirschen unter ihren mit Sandalen bekleideten Füßen störten die Stille des neuen Tages, als sie in die tiefen Schatten des Föhrenhains traten.

Die Erwählten waren die Hüter des Ellcrys, dieses seltsamen und wunderbaren Baumes, des alles überragenden Mittelpunkts des Gartens. Dieser Baum, so berichtete die Legende, schützte seit grauer Vorzeit das Elfenreich vor bösen Mächten, die schon vor Jahrhunderten das Volk der Elfen beinahe vernichtet hätten und die noch in einer Epoche, die weit vor dem Erwachen der Menschheit lag, von der Erde verbannt worden waren. In den folgenden Jahrhunderten hatten sich stets Erwählte gefunden, die den Ellcrys hegten und pflegten. Sie folgten einer Tradition, die von Elfengeneration zu Elfengeneration weitergereicht worden war, und die Elfen betrachteten die Aufgabe, die den Erwählten auferlegt war, als hohe Ehre und feierliche Pflicht.

Von Feierlichkeit jedoch war bei der Prozession, die an diesem Morgen durch den Garten zog, kaum etwas zu spüren. Zweihundertdreißig Tage ihres Dienstjahres lagen hinter ihnen, und das jugendliche Feuer in ihren Adern ließ sich nicht länger unterdrücken. Das anfängliche Gefühl tiefer Ehrfurcht vor der hohen Verantwortung, die man ihnen übertragen hatte, war längst verflogen, und die Erwählten, sechs junge Männer, würden nur eine Aufgabe erledigen, die ihnen seit ihrer Erwählung zur vertrauten Gewohnheit geworden war: die Begrüßung des Baums bei den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne. Nur Lauren, der jüngste Erwählte dieses Jahres, war still und in sich gekehrt. Er blieb ein paar Schritte hinter den anderen zurück und beteiligte sich nicht an ihrem übermütigen Geplauder. In Gedanken versunken hielt er den Rotschopf gesenkt, und auf seiner Stirn stand eine tiefe Falte der Nachdenklichkeit. Er war so sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, dass es ihm sogar entging, als das Geplapper vor ihm verstummte und sich einer der anderen umwandte und zu ihm gesellte. Erst als eine Hand seinen Arm berührte, hob er überrascht den Blick und bemerkte, dass Jase ihn forschend betrachtete.

»Was ist mit dir, Lauren? Fühlst du dich nicht wohl?«, fragte Jase. Er war einige Monate älter als die anderen Erwählten, die ihn deshalb als Führer akzeptierten.

Lauren schüttelte den Kopf, doch die Besorgnis wich nicht ganz aus seinem Gesicht.

»Nein, nein, es geht mir gut.«

»Aber du wirkst bedrückt. Den ganzen Morgen grübelst du schon. Ja, und gestern Abend warst du auch so still und schweigsam.« Jase legte dem jungen Mann die Hand auf die Schulter und drehte ihn herum, so dass Lauren ihm ins Gesicht sehen musste. »Komm schon, heraus mit der Sprache. Niemand erwartet von dir, dass du am Morgendienst teilnimmst, wenn du dich nicht wohl fühlst.«

Lauren zögerte, dann seufzte er und nickte.

»Also gut, es geht um den Ellcrys. Gestern Abend bei Sonnenuntergang hatte ich den Eindruck, dass Flecken auf seinen Blättern sind. Es sah aus wie Welke.«

»Welke? Im Ernst? Solche Krankheiten befallen den Ellcrys nicht – zumindest hat man uns das erzählt«, erwiderte Jase skeptisch.

»Ich kann mich ja getäuscht haben«, räumte Lauren ein. »Es dämmerte schon. Wahrscheinlich waren es nur Schatten auf den Blättern. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich, dass es sich wirklich um Welke handelt.«

Von den anderen drang verstörtes Gemurmel herüber, und einer von ihnen machte seiner Sorge Luft.

»Das ist Amberles Schuld. Ich habe von Anfang an gesagt, dass es Unheil bringt, wenn man ein Mädchen erwählt.«

»Es gab auch früher schon erwählte Mädchen, und deswegen ist nie etwas Schlimmes geschehen«, protestierte Lauren. Er hatte Amberle gemocht. Man konnte gut mit ihr reden, obwohl sie die Enkelin von König Eventine Elessedil war.

»Seit fünfhundert Jahren nicht mehr, Lauren«, entgegnete der andere.

»Hört mal, das reicht«, mischte sich Jase ein. »Wir haben vereinbart, kein Wort über Amberle zu verlieren. Das wisst ihr alle.«

Einen Moment lang schwieg er und dachte darüber nach, was Lauren gesagt hatte. Dann zuckte er die Schultern. »Es wäre schlimm, wenn dem Baum etwas passieren würde, schon gar, solange er unserer Pflege anvertraut ist. Aber es ist nun einmal so, nichts auf dieser Welt hält ewig.«

Lauren war entsetzt. »Aber, Jase, wenn die Lebenskraft des Baumes nachlässt, ist der Bann gebrochen, und die Dämonen, die jetzt in ihm gefangen sind, sind frei!«

»Glaubst du denn wirklich diese alten Märchen, Lauren?«, fragte Jase lachend.

Lauren starrte den Älteren ungläubig an.

»Wie kannst du ein Erwählter sein und sie nicht glauben?«

»Ich kann mich nicht entsinnen, dass mich jemand danach gefragt hat, was ich glaube, als ich erwählt wurde. Dich vielleicht, Lauren?«

Lauren schüttelte den Kopf. Denen, die sich um die Ehre bewarben, in den Kreis der Erwählten aufgenommen zu werden, wurden niemals Fragen gestellt. Die jungen Elfen, die im vergangenen Jahr das Erwachsenenalter erreicht hatten, wurden dem Baum ganz einfach vorgestellt. Zu Beginn des neuen Jahres versammelten sie sich im Garten des Lebens, um dann unter seinen ausladenden Ästen durchzuschreiten und von ihm angenommen zu werden. Jene, die der Baum an den Schultern streifte, wurden die neuen Erwählten, die ihm bis zum Ende des Jahres zu dienen hatten.

Lauren konnte sich noch an die glühende Freude und den Stolz erinnern, die er verspürt hatte, als sich ein schlanker Zweig zu ihm hinuntergeneigt und ihn berührt hatte. Im gleichen Moment hatte er seinen Namen vernommen.

Und er dachte auch an die Verwunderung aller Anwesenden, als Amberle gerufen worden war …

»Das ist doch nur ein Ammenmärchen«, sagte Jase. »Eigentlich soll der Ellcrys den Elfen nur eine Mahnung sein, dass sie genau wie er alle Veränderungen überstehen, die in der Geschichte der Vier Länder stattgefunden haben. Der Baum ist ein Symbol für die Kraft unseres Volkes, Lauren – nichts weiter.«

Er bedeutete ihnen, den Weg durch den Garten fortzusetzen, und wandte sich ab. Lauren verfiel wieder in tiefes Nachdenken. Es machte ihn betroffen, wie beiläufig der ältere Freund die Legende vom Baum abgetan hatte. Allerdings stammte Jase ja auch aus der Stadt, und Lauren hatte beobachtet, dass die Bewohner von Arborlon alten Überlieferungen und Traditionen nicht solche Bedeutung beimaßen wie die Bewohner des kleinen Dorfes im Norden, wo er geboren war. Doch alles, was über den Ellcrys und den Bann der Verfemung berichtet wurde, war nicht einfach eine Legende – es war das Fundament des wahrhaft Elfischen, das bedeutendste Ereignis in der Geschichte seines Volkes.

Vor langer, langer Zeit, noch vor der Geburt der neuen Welt, hatte ein gewaltiger Kampf zwischen den Mächten des Guten und des Bösen getobt, und die Elfen hatten schließlich gesiegt, indem sie den Ellcrys schufen und einen Bann der Verfemung verhängten, der die Dämonen des Bösen in zeitlose Finsternis verbannte. Und solange der Ellcrys seine Kraft bewahrt, solange würde das Böse nicht über das Land herfallen können.

Solange der Ellcrys bei Kräften blieb …

Voller Zweifel schüttelte er den Kopf. Vielleicht hatte ihm nur seine Fantasie etwas vorgegaukelt, als er gemeint hatte, Flecken auf den Blättern des Baumes zu sehen. Vielleicht hatte ihn das Dämmerlicht genarrt. Und wenn nicht, dann mussten sie eben ein Heilmittel finden. Und es gab immer ein Heilmittel.

Wenige Augenblicke später hatte er zusammen mit den anderen den Baum erreicht. Zögernd blickte er auf, dann stieß er einen Seufzer der Erleichterung aus. Der Ellcrys schien unverändert. In vollendeter Gestalt reckte sich der silberweiße Stamm himmelwärts, und über ihm spannte sich sanft gewölbt ein Netz sich verjüngender Äste und Zweige, deren breite, fünfzackige Blätter blutrot leuchteten. Am Fuß des Baumes wucherte grünes Moos in Rissen und Spalten der glatten Borke und zog sich durch das Silberweiß wie smaragdgrüne Bäche, die einen Berghang hinunterschießen. Keine Wunden entstellten die schönen Linien des Stammes, kein Ast war geknickt oder gebrochen. So vollendet schön, dachte er. Und wieder begutachtete er aufmerksam den Baum, fand jedoch kein Anzeichen der Krankheit, die er befürchtet hatte.

Die anderen gingen und holten die Geräte, die sie zur Pflege des Baumes und des Gartens brauchten. Als sich auch Lauren aufmachen wollte, hielt Jase ihn zurück.

»Möchtest du heute den Morgengruß sprechen, Lauren?«, fragte er.

Lauren dankte ihm stammelnd vor Überraschung. Eigentlich wäre Jase an der Reihe gewesen; doch er schien die Hoffnung zu hegen, er könne Lauren damit aufmuntern, wenn er ihm diese besondere Aufgabe übertrug.

Lauren trat unter das ausladende Dach der Zweige und legte seine Hände auf den glatten Stamm, während die anderen sich etwas abseits versammelten, um den Morgengruß zu sprechen. Erwartungsvoll blickte er gen Himmel und hielt Ausschau nach dem ersten Sonnenstrahl, der den Baum erleuchten würde.

Doch beinahe in demselben Moment wich er erschrocken zurück. Die Blätter unmittelbar über ihm waren mit dunklen Flecken übersät. Beklommen entdeckte er nun auch an anderen Stellen Flecken, überall im Laub des Baumes. Das war keine Täuschung des trügerischen Spiels von Licht und Schatten. Das war Wirklichkeit.

Hektisch winkte er Jase herbei und zeigte ihm die fleckigen Blätter, während die anderen dazukamen. Sie schwiegen, wie es das Ritual zu dieser morgendlichen Stunde gebot, doch Jase entfuhr ein nur mühsam unterdrückter Aufschrei des Schreckens, als er sah, wie groß der Schaden schon war. Langsam schritten die beiden jungen Männer um den Baum. Überall entdeckten sie jetzt Flecken, manche noch kaum sichtbar, während andere sich bereits so weit ausgedehnt hatten, dass kaum noch etwas vom ehemals leuchtenden Blutrot zu sehen war.

Ganz gleich, wie er zu der Legende stand, die sich um den Baum rankte, Jase war zutiefst erschrocken, und sein Gesicht spiegelte seine Bestürzung wider, als er zurücktrat, um sich flüsternd mit den anderen zu beraten. Lauren wollte sich ebenfalls zu ihnen gesellen, doch Jase schüttelte heftig den Kopf und deutete zum Wipfel des Baumes hinauf. Die ersten Strahlen der Morgendämmerung hatten die obersten Zweige beinahe erreicht.

Lauren kannte seine Pflicht. Ganz gleich, was geschah, die Erwählten mussten dem Ellcrys den Morgengruß entbieten, so, wie das seit der Gründung ihres Ordens Tag um Tag erfolgt war.

Behutsam legte er seine Hände auf die silberne Borke, und die Worte des Morgengrußes formten sich auf seinen Lippen, als ein schlanker Ast des uralten Baumes sich leicht abwärts neigte und seine Schulter berührte.

»Lauren!«

Der junge Elf fuhr beim Klang seines Namens heftig zusammen. Doch niemand hatte gesprochen. Der Laut war durch seinen Geist gedrungen, die Stimme kaum mehr gewesen als ein schemenhaftes Bild seines eigenen Gesichts.

Es war der Ellcrys!

Lauren hielt den Atem an, drehte den Kopf und warf einen flüchtigen Blick auf den Zweig, der auf seiner Schulter ruhte. Dann wandte er sich hastig wieder ab. Er war überwältigt. Nur einmal bisher hatte der Baum zu ihm gesprochen – am Tag seiner Erwählung. Auch damals hatte er seinen Namen gesagt; er hatte ihrer aller Namen genannt. Es war das erste und letzte Mal gewesen. Seitdem hatte er nie wieder mit einem von ihnen gesprochen. Außer mit Amberle, doch Amberle gehörte nicht mehr zu ihnen.

Er warf einen Blick auf die anderen. Sie starrten ihn an, neugierig, weil er so plötzlich innegehalten hatte. Der Zweig, der auf seiner Schulter ruhte, glitt abwärts und umschlang ihn locker. Lauren zuckte bei seiner Berührung unwillkürlich zusammen.

»Lauren! Ruf die Erwählten zu mir!«

Die Bilder flackerten auf und verschwanden wieder. Zögernd winkte Lauren die anderen zu sich. Sie traten näher und schauten zu den silberglänzenden Blättern empor. Fragen lagen ihnen auf der Zunge. Zweige senkten sich hernieder, umschlangen jeden einzelnen. Der Ellcrys flüsterte leise.

»Hört mich. Merkt euch, was ich euch sage. Lasst mich nicht im Stich!«

Ein kalter Schauder befiel sie. Über dem Garten des Lebens lag tiefe, dumpfe Stille, so als wären die Erwählten die einzigen Lebewesen auf der ganzen Welt. In schneller Folge jagten Bilder durch ihre Köpfe, Bilder, die Grauen und Entsetzen übermittelten. Wären die Erwählten dazu in der Lage gewesen, hätten sie sich abgewendet und sich versteckt, bis der Albtraum, der von ihnen Besitz ergriffen hatte, vergangen war. Doch der Baum hielt sie in seinem Bann, und die Bilder ergossen sich über sie, und das Grauen wuchs, bis sie meinten, es nicht länger ertragen zu können.

Dann endlich war es vorüber. Der Ellcrys schwieg, seine Zweige lösten sich von ihren Schultern und spannten sich weit auf, um die Wärme der Morgensonne aufzufangen.

Lauren stand da wie erstarrt, Tränen auf den Wangen. Fassungslos blickten die sechs Erwählten einander an, während die geflüsterte Wahrheit lautlos in ihren Köpfen widerhallte.

Die Legende war keine Legende. Die Legende war Wirklichkeit. Jenseits eines Bannes der Verfemung, den der Ellcrys aufrechterhalten hatte, lauerte in der Tat die Macht des Bösen. Nur der Ellcrys hatte das Elfenvolk vor Unheil und Gefahr bewahrt.

Und jetzt starb er.

2

Weit im Westen von Arborlon, jenseits des Grimmzackengebirges, regte sich etwas, das schwärzer war als die Dunkelheit des frühen Tages. Es war plötzlich da und zuckte und zitterte wie unter der Wucht von Schlägen, die es zu treffen schienen. Einen Augenblick hielt der schwarze Schleier noch, dann riss er auf, zerfetzt von der Gewalt, die er eingeschlossen hatte. Triumphierendes Kreischen und Heulen gellte aus der undurchdringlichen Schwärze, während Dutzende von klauenbewehrten Gliedmaßen zum Licht drängten und den Riss zu vergrößern suchten. Plötzlich barst die Schwärze in einer gewaltigen Fontäne roten Feuers, und die klauenbewehrten Hände zuckten verbrannt und rußgeschwärzt zurück.

Wutschnaubend kam der Dagda Mor aus der Finsternis. Sein Stab der Macht spie heiße Flammen, als er die Ungeduldigen zur Seite stieß und kühn durch die Öffnung trat. Einen Moment später folgten ihm die dunklen Gestalten des Raffers und des Wandlers. Andere Leiber drängten verzweifelt vorwärts, doch die Ränder des Risses schlossen sich schnell und sperrten die Finsternis und die Wesen, die in ihr lebten, aus. Nur Augenblicke dauerte es, dann war die Öffnung völlig verschwunden, und die drei ungewöhnlichen Gestalten standen allein.

Argwöhnisch blickte der Dagda Mor um sich. Sie standen im Schatten des Grimmzackengebirges. Das Morgenlicht, das schon den Frieden der Erwählten erschüttert hatte, war kaum mehr als ein schwacher Schimmer am östlichen Himmel jenseits der mächtigen Bergkette. Wie gewaltige spitze Zähne bohrten sich die grimmigen Gipfel in den Himmel und warfen bedrohliche Schatten auf die Trostlosigkeit der Rauen Platte, die sich vom Fuß der Berge nach Westen ins Leere erstreckte – eine nackte, unfruchtbare Wüstenei, in der Lebensspannen in Minuten und Stunden gemessen wurden. Nichts regte sich dort. Kein Laut durchbrach die Stille des frühen Morgens.

Der Dagda Mor lächelte, und seine krummen Zähne blitzten. Niemand hatte seine Ankunft bemerkt. Nach all den Jahren war er endlich frei, wieder frei unter denen, die ihn einst eingekerkert hatten.

Aus der Ferne hätte man ihn vielleicht für einen von denen halten können. Er hatte durchaus Ähnlichkeit mit einem Menschen, denn er ging aufrecht auf zwei Beinen und seine Arme waren nur um ein Geringes länger als die eines Menschen. Er hielt sich nicht gerade, sondern ging vornübergebeugt und gekrümmt, doch die dunklen Gewänder, die ihn einhüllten, ließen nur schwer erkennen, was die Ursache war. Erst wenn man ihm ganz nahe war, konnte man den großen Buckel sehen, der sich über seinen Schultern wölbte. Oder die dichten Büschel grünlichen Haares, die wie Riedgras aus allen Teilen seines Körpers sprossen. Oder die Schuppen, die seine Unterarme und Beine bedeckten; die Krallen an Händen und Füßen; die Ähnlichkeit seines Gesichts mit der Fratze einer Katze; die glimmenden schwarzen Augen, die so täuschend ruhig wirkten wie zwei Brunnen, in deren Tiefe jedoch das Böse und die Zerstörung lauerten.

Hatte man all diese Merkmale einmal gesehen, so konnte man keinen Zweifel mehr am Wesen des Dagda Mor hegen. Dann war offenbar, dass er kein Mensch war, sondern ein Dämon.

Und der Dämon wurde getrieben von Hass. Er hasste mit einer Inbrunst, die an Wahnsinn grenzte. In den Hunderten Jahren seiner Gefangenschaft in dem schwarzen Kerker hinter der Mauer des Banns der Verfemung hatte dieser Hass ungehindert wuchern und wachsen können. Und jetzt verzehrte ihn dieser Hass. Er war alles, was ihm geblieben war. Er verlieh ihm seine Macht, und diese Macht würde der Dagda Mor einsetzen, um die Geschöpfe zu vernichten, die ihn in dieses Elend gestürzt hatten. Die Elfen! Alle Elfen! Und selbst das reichte jetzt nicht mehr, seinen Hass zu stillen; nein, das war nicht genug nach den Jahrhunderten der Verbannung aus dieser Welt, die einst ihm gehört hatte, nach den Jahrhunderten im stumpfen, leblosen Nichts nie endender Finsternis und erbärmlichen Stillstands. Nein, die Vernichtung der Elfen würde nicht ausreichen, die Schmach wiedergutzumachen, die ihm angetan worden war. Auch die anderen mussten vernichtet werden. Menschen, Zwerge, Trolle, Gnomen – alle Rassen der verabscheuenswürdigen Menschheit, die auf dieser Welt lebten und sie als ihr Eigentum beanspruchten.

Seine Rache, dachte er, würde kommen. Genauso wie seine Freiheit gekommen war. Er spürte es. Jahrhundertelang hatte er abgewartet, beständig an der Mauer des Banns gelauert, um ihre Stärke zu prüfen, nach schwachen Stellen zu suchen, weil er die ganze Zeit über gewusst hatte, dass sie eines Tages würde nachgeben müssen. Und nun war dieser Tag gekommen. Der Ellcrys war dem Tode nahe. Ach, süße Worte! Am liebsten hätte er sie laut hinausgeschrien! Er war dem Tode nahe und konnte den Bann der Verfemung nicht länger aufrechterhalten.

Der Stab der Macht glühte rot in seinen Händen, als der Hass ihn durchströmte. Die Erde unter der Spitze des Stabes verbrannte zu schwarzer Asche. Mit einer ungeheuren Willensanstrengung beruhigte sich der Dagda Mor, und der Stab kühlte wieder ab.

Eine Zeit lang würde der Bann der Verfemung noch weiterwirken. Der vollständige Verfall würde nicht über Nacht eintreten, sondern sich vielmehr über mehrere Wochen hinziehen. Allein der kleine Riss hatte eine ungeheure Anstrengung verlangt. Doch der Dagda Mor verfügte über unermessliche Kräfte, über weit größere Kräfte als jene, die noch hinter der Mauer des Banns gefangen saßen. Er war ihr Führer; er herrschte über sie. Einige hatten es gewagt, in den langen Jahren der Verfemung dieser Herrschaft zu trotzen – nur einige wenige. Er hatte sie unterworfen, ein abschreckendes Exempel an ihnen statuiert. Jetzt gehorchten ihm alle bedingungslos. Sie fürchteten ihn. Und sie teilten seinen Hass auf jene, die ihnen diese Erniedrigung angetan hatten. Auch sie verzehrten sich vor Hass. Er hatte in ihnen ein rasendes Verlangen nach Rache entfacht, und wenn sie endlich wieder frei waren, würde es lange, lange Zeit dauern, dieses Verlangen zu befriedigen.

Vorläufig aber mussten sie noch warten. Vorläufig mussten sie Geduld üben. Doch es würde nicht mehr lange dauern. Mit jedem Tag würde die Kraft des Bannspruchs nachlassen, so wie die Lebenskraft des Ellcrys täglich mehr schwinden würde. Es gab nur ein Mittel, dies zu verhindern – eine Wiedergeburt.

Der Dagda Mor sann vor sich hin. Die Geschichte des Ellcrys kannte er gut. War er nicht dabei gewesen, als der Baum zum Leben erwacht war, als er ihn – den Dagda Mor – und seine Brüder aus ihrer Welt des Lichts in das Verlies der Finsternis verbannt hatte? Hatte er nicht das Wesen der Zauberkunst gesehen, die sie besiegt hatte – eine Zauberkunst von solcher Macht, dass sie selbst über den Tod hinaus wirksam blieb? Und er wusste auch, dass seine Freiheit ihm auch jetzt noch wieder geraubt werden konnte. Wenn es einem der Erwählten gelang, ein Samenkorn des Ellcrys zum Kraftquell des Baumes zu bringen, dann konnte der Zauberbaum wiedergeboren und der Bann der Verfemung erneuert werden. Dies wusste er, und dieses Wissen war der Grund dafür, dass er den Ausbruchsversuch gewagt hatte. Er war keinesfalls sicher gewesen, dass es ihm gelingen würde, die Mauer des Bannspruchs zu durchbrechen. Es war ein gefährliches Wagnis gewesen, so viel Kraft einzusetzen; im Falle eines Scheiterns wäre es für diejenigen hinter der Mauer, die über beinahe ebenso große Kräfte verfügten wie er, ein Leichtes gewesen, ihn in diesem Zustand der Schwäche zu vernichten. Dennoch hatte er das Risiko eingehen müssen. Die Elfen waren sich der Gefahr, die ihnen drohte, nicht bewusst. Noch wiegten sie sich in Sicherheit. Sie hielten es nicht für möglich, dass einer im finsteren Verlies des Bannes der Verfemung über so gewaltige Kräfte verfügte, um die Mauer zu sprengen. Zu spät würden sie erkennen, dass sie einem Irrtum erlegen waren. Wenn es so weit war, würde er, der Dagda Mor, schon dafür Sorge getragen haben, dass der Ellcrys nicht wiedergeboren und der Bannspruch nicht erneuert werden konnte.

Aus diesem Grund auch hatte er die beiden anderen mitgenommen.

Er blickte sich nach ihnen um. Den Wandler entdeckte er sofort, denn er war in einer ständigen Verwandlung von Farbe und Gestalt begriffen und übte sich darin, die Lebensformen nachzuahmen, die er hier vorfand – am Himmel einen nach Beute spähenden Falken, dann einen Raben; auf dem Boden zunächst ein Murmeltier, dann eine Schlange, ein vielbeiniges Insekt mit einer Schwanzzange, dann wieder etwas anderes. Die Verwandlungen erfolgten in so rascher Folge, dass das Auge sie kaum wahrnehmen konnte. Denn der Wandler vermochte alles und jedes zu sein. In der Finsternis, wo er nur seine Brüder zum Vorbild hatte, war ihm die Entfaltung seiner besonderen Kräfte versagt gewesen. Ja, sie waren praktisch nutzlos gewesen. Hier jedoch, in dieser Welt, waren die Möglichkeiten schier unendlich. Alles konnte er sein, Mensch oder Tier, Fisch oder Vogel, ganz gleich welche Größe, welche Gestalt, welche Farbe, welche Fähigkeiten, er konnte ihre Eigenschaften vollendet nachahmen. Selbst dem Dagda Mor war die wahre Gestalt des Wandlers fremd; dieses Wesen wurde von einem so ausgeprägten Hang getrieben, die Gestalt anderer Lebensformen anzunehmen, dass es nie das Wesen darstellte, das es in Wirklichkeit war.

Es war eine ungewöhnliche Gabe, und die böse Energie des Wandlers war beinahe so groß wie die des Dagda Mor. Auch in seinen Adern floss Dämonenblut. Er war zutiefst von Selbstsucht und Hass beherrscht, er war falsch und hinterhältig und genoss es, anderen zu schaden. Nie hatte er den Elfen und ihren Verbündeten etwas anderes entgegengebracht als Feindseligkeit, und er verachtete ihre liebevolle Sorge um das Wohl der niedrigeren Lebewesen, die ihre Welt bevölkerten. Dem Wandler bedeuteten niedrigere Lebewesen nichts. Sie waren schwach und leicht verletzbar; sie waren dazu bestimmt, von höheren Wesen – so wie er selbst eines war – für ihre Zwecke benutzt zu werden. Die Elfen waren nicht besser als die Geschöpfe, die sie zu schützen suchten. Sie konnten oder wollten nichts vortäuschen, wie er es ständig tat. Sie waren alle in dem Wesen gefangen, das sie verkörperten; sie konnten nichts anderes sein. Er jedoch konnte jede Gestalt annehmen, welche immer er wollte. Er verachtete sie alle. Der Wandler hatte keine Freunde. Und er wollte keine. Außer einem, dem Dagda Mor, denn der Dagda Mor besaß etwas, was selbst ihm Achtung abverlangte – eine Macht, die größer war als seine eigene. Einzig aus diesem Grund hatte sich der Wandler bereitgefunden, sich ihm zu unterwerfen.

Den Raffer zu finden brauchte der Dagda Mor etwas länger. Er entdeckte ihn schließlich kaum fünf Schritte entfernt. Völlig reglos stand er da, wenig mehr als ein Schatten im blassen Licht des frühen Morgens, ein Stück schwindender Nacht vor dem Grau des öden Flachlands. Von Kopf bis Fuß in eine Robe von der Farbe feuchter Asche gehüllt, war der Raffer beinahe unsichtbar, zumal sein Gesicht im Dunkel seiner weiten Kapuze verborgen war. Keinem lebenden Wesen war es gestattet, diese Züge öfter als einmal zu sehen. Der Raffer zeigte sie nur seinen Opfern, und seine Opfer ereilte der Tod.

Um vieles gefährlicher noch als der Wandler war der Raffer, denn sein einziger Lebenszweck bestand im Töten. Er war ein wuchtiges Geschöpf, muskulös, kräftig und groß wie ein Bär, wenn er sich zu seiner vollen Höhe aufrichtete. Doch diese Massigkeit täuschte, denn er war keineswegs schwerfällig. Er bewegte sich mit der Geschmeidigkeit und Anmut des geschicktesten Elfenjägers – behände, gewandt, schnell und lautlos. Und wenn er einmal die Jagd aufgenommen hatte, gab er nicht eher auf, als bis er sein Opfer erlegt hatte. Etwas, was der Raffer einmal als Beute anvisiert hatte, entkam ihm nie.

Selbst der Dagda Mor begegnete dem Raffer mit Vorsicht, obwohl dieser seine Kräfte nicht mit den seinen messen konnte. Er war auf der Hut, weil der Raffer ihm aus einer Laune heraus diente, nicht aus Furcht oder Respekt wie die anderen. Der Raffer fürchtete nichts. Er war ein Ungeheuer, dem das Leben nichts galt, nicht einmal sein eigenes. Und er tötete nicht, weil er Freude daran hatte, wenngleich er in Wahrheit selbstverständlich auch Freude am Töten fand. Er tötete, weil sein Instinkt es ihm befahl, weil er es notwendig fand zu töten. In der Finsternis der Verfemung, abgesondert von allen Lebewesen außer von seinen eigenen Brüdern, war er manchmal kaum zu bändigen gewesen. Der Dagda Mor hatte ihm weniger bedeutende Dämonen zum Töten opfern müssen und hatte ihn nur mit einem Versprechen zähmen können. Wenn sie erst einmal aus dem Bann der Verfemung befreit waren – und der Tag der Freiheit würde kommen –, dann würde sich dem Raffer eine ganze Welt voller Lebewesen auftun, an der er sich laben konnte. Dann konnte er jagen, solange es ihm beliebte. Am Ende würde er sie vielleicht alle töten.

Der Wandler und der Raffer. Der Dagda Mor hatte eine gute Wahl getroffen. Der eine sollte ihm Auge sein, der andere Hand, und dieses Auge und diese Hand würden in das Herz des Elfenvolkes eindringen und jede Möglichkeit einer Wiedergeburt des Ellcrys für immer zunichtemachen.

Mit scharfem Blick spähte er nach Osten, wo hinter den Gipfeln des Grimmzackengebirges jetzt die Morgensonne unaufhaltsam hochkam. Es war Zeit zum Aufbruch. Noch heute Abend mussten sie in Arborlon sein. Auch dies hatte er mit Sorgfalt geplant. Die Zeit war kostbar; keine Minute durfte er vergeuden, wenn er die Elfen überraschen wollte. Sie durften erst dann von seiner Rückkehr in die Welt erfahren, wenn es schon zu spät war, irgendetwas dagegen zu unternehmen.

Der Dagda Mor winkte seine Gefährten mit sich, dann drehte er sich um und schlurfte schweren Schrittes in den Schatten der zerklüfteten Berge. Er schloss die schwarzen Augen voller Genugtuung, als er im Geist schon den Erfolg auskostete, den ihm die kommende Nacht bringen würde. Wenn die heutige Nacht vorüber war, gab es für die Elfen keine Rettung mehr.

Nach dieser Nacht würden sie nur noch tatenlos zusehen können, wie ihr geliebter Ellcrys dahinsiechte, ohne dass auch nur Hoffnung auf eine Wiedergeburt bestand.

Ja, so war es. Nach dieser Nacht würden alle Erwählten tot sein.

Tief im Schatten der felsigen Gipfel verharrte der Dagda Mor. Mit beiden Händen umschloss er den Stab der Macht, stellte ihn aufrecht, die Spitze fest in die trockene, rissige Erde gerammt. Leicht senkte er den Kopf, und seine Hände umspannten den Stab fester. Lange stand er so, regungslos. Seine beiden Gefährten kauerten hinter ihm und beobachteten ihn neugierig aus gelb funkelnden Augen.

Plötzlich begann der Stab der Macht schwach in einem bleichen roten Schein zu glühen, der die massige Gestalt des Dämons aus der Dunkelheit heraushob. Gleich darauf erglühte der Stab in einem Licht von tieferem Rot, das zu pulsieren begann. Es strömte von dem Stab in die Arme des Dagda Mor und färbte seine grünliche Haut blutrot. Der Dämon hob den Kopf, und Feuer züngelte aus dem Stab himmelwärts, schoss in einem feinen, leuchtenden Flammenstreif in den Morgen hinein wie ein erschrecktes lebendes Wesen. In Sekundenschnelle war es verschwunden. Das Glühen, das den Stab der Macht erleuchtete, flammte noch einmal auf und erstarb.

Der Dagda Mor trat einen Schritt zurück und senkte den Stab. Die Erde rund um ihn war schwarz und verkohlt, und die feuchte Luft roch nach verglimmender Asche. Auf dem weiten Ödland herrschte Totenstille. Der Dämon ließ sich nieder, und seine schwarzen, unergründlichen Augen schlossen sich befriedigt. Danach rührte er sich nicht mehr. Und seine beiden Gefährten blieben so reglos wie er. Gemeinsam warteten sie – eine halbe Stunde, eine Stunde, zwei Stunden. Und noch immer warteten sie.

Bis schließlich aus den endlosen leeren Weiten des Nordlands auf gewaltigen Schwingen der geflügelte Albtraum herabschwebte, den der Dämon herbeigerufen hatte, um ihn und seine Gefährten nach Arborlon zu tragen.

»Jetzt werden wir sehen«, flüsterte der Dagda Mor.