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Buch

Der Elfen-Mensch-Mischling Shae Ohmsford lebt zufrieden in dem kleinen Ort Schattental – bis der mysteriöse Zauberer Allanon auftaucht, und dem jungen Mann das Vermächtnis seiner Familie offenbart. Shae ist der letzte Nachfahre des Elfenhelden Shannara, und nur er kann dessen mystisches Schwert führen. Und damit ist Shae der einzige, der den mächtigen Hexenmeister Brona aufhalten kann. Denn dieser finstere Magier fürchtet nur eine Waffe: das Schwert von Shannara.

Autor

Im Jahr 1977 veränderte sich das Leben des Rechtsanwalts Terry Brooks, geboren 1944 in Illinois, USA, grundlegend: Gleich der erste Roman des begeisterten Tolkien-Fans eroberte die Bestsellerlisten und hielt sich dort monatelang. Doch Das Schwert der Elfen war nur der Beginn einer atemberaubenden Karriere.

Terry Brook bei Blanvalet:

1. Das Schwert der Elfen (1: 19099 + 2: 19100)

2. Elfensteine (1: 19101 + 2: 19102)

Weitere Titel in Vorbereitung

Terry Brooks

DIE SHANNARA-CHRONIKEN

Das Schwert der Elfen

Teil 1

Roman

Aus dem Englischen von Tony Westermayr

Vollständig durchgesehen und

überarbeitet von Andreas Helweg

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Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel

»The Sword of Shannara« bei Ballantine Books, New York

Der vorliegende Roman ist bereits in geteilter Form im Goldmann Verlag
und im Blanvalet Verlag erschienen unter den Titeln:
»Das Schwert von Shannara« und »Der Sohn von Shannara (Teil 1)«

1. Auflage

E-Book-Ausgabe Dezember 2015

Copyright © der Originalausgabe 1977 by Terry Brooks

This translation published by arrangement with Del Rey, an Imprint of

Random House, a Division of Random House, LLC.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1982 by

Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Umschlaggestaltung: Isabelle Hirtz, Inkcraft

Illustration: Max Meinzold, München

HK · Herstellung: sam

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-19099-6
V001

www.blanvalet.de

1

Die Sonne sank schon ins dunkle Grün der Hügel westlich des Tales. Rot und graurosa legten sich lange Schatten über das Land, als Flick Ohmsford mit dem Abstieg begann. Der Pfad zog sich den unebenen Nordhang hinab, wand sich zwischen den riesigen Felsblöcken hindurch, die in massiven Gruppen das zerklüftete Gelände beherrschten, verschwand in den dichten Wäldern des Tieflands und tauchte in kleinen Lichtungen und zwischen dünnerem Baumbestand vereinzelt wieder auf. Flick folgte dem vertrauten Weg mit dem Blick, während er müde dahinschritt, das leichte Bündel auf einer Schulter. Sein breites, wettergegerbtes Gesicht wirkte ruhig und ausgeglichen, nur die großen grauen Augen verrieten seine rastlose Energie. Mit seinem stämmigen Körperbau, den graubraunen Haaren und den buschigen Brauen sah er deutlich älter aus, als er tatsächlich war. Er trug die weite Arbeitskleidung, wie sie im Tal üblich war, und in seinem Bündel klirrten einige Werkzeuge.

Es war ein kühler Abend, und Flick zog den Kragen seines offenen Wollhemds zu. Sein Weg würde ihn durch Wälder und über sanft geschwungene Hügel führen. Von Letzteren sah er aber noch nichts, als er den ersten Wald erreichte. Die dunklen Wipfel der Eichen und düsteren Hickorybäume verschmolzen mit dem wolkenlosen Nachthimmel. Die Sonne war untergegangen, nun prangten Tausende vertrauter Sterne am tiefen Blau des Himmels. Der Baldachin über ihm verdeckte sogar diese, und Flick war allein in der stillen Dunkelheit, als er langsam auf dem ausgetretenen Pfad weiterschritt. Da er diesen Weg schon hundertmal zurückgelegt hatte, fiel dem jungen Mann sofort die ungewöhnliche Stille auf, die an diesem Abend das ganze Tal erfasst hatte. Das vertraute Summen und Zirpen der Insekten, sonst in der Stille der Nacht allgegenwärtig, die Rufe jener Vögel, die mit der untergehenden Sonne erwachten, um im Flug Nahrung zu suchen – all das fehlte. Flick lauschte angestrengt auf irgendeinen Laut, aber selbst mit seinen guten Ohren nahm er nichts wahr. Besorgt schüttelte er den Kopf. Die tiefe Stille beunruhigte ihn, vor allem in Verbindung mit Gerüchten von einem schrecklichen Wesen mit schwarzen Schwingen, das angeblich vor einigen Tagen nördlich des Tales am Nachthimmel gesichtet worden war.

Er zwang sich zu pfeifen und wandte seine Gedanken wieder seiner Arbeit zu. Nördlich vom Tal betrieben in abgelegenen Gegenden Siedler Viehzucht und Ackerbau, und diese versorgte er mit verschiedenen Dingen des täglichen Gebrauchs und auch mit Nachrichten aus dem Tal und aus fernen Städten des Südlands. Kaum jemand kannte die Gegend so gut wie er, und fast niemand wagte sich gern über die vergleichsweise sicheren Grenzen des heimatlichen Dorfes hinaus. In diesen Zeiten lebten die Menschen zurückgezogen in ihren Orten und überließen den Rest der Welt sich selbst. Flick jedoch war gerne außerhalb des Tales unterwegs, und die abgelegenen Siedlungen brauchten seine Waren und bezahlten gut dafür. Auch Flicks Vater ließ sich keine Gelegenheit entgehen, Geld zu verdienen, und so zahlte es sich für alle Beteiligten aus.

Ein tiefhängender Ast streifte seinen Kopf. Flick zuckte zusammen und sprang zur Seite. Ärgerlich richtete er sich auf und funkelte das belaubte Hindernis böse an, bevor er seinen Weg in etwas schnellerer Gangart fortsetzte. Er war jetzt mitten in den Tieflandwäldern, und nur vereinzelt drangen die Strahlen des Mondes durch das dichte Geäst und erhellten den gewundenen Pfad. Oft konnte Flick den Weg kaum ausmachen, so düster war es, und während er vorsichtig dahinschritt, fiel ihm wieder die lastende Stille auf. Ihm war, als wäre alles Leben plötzlich ausgelöscht, als wäre er allein übrig geblieben und schlüge sich durch die Gruft des Waldes. Wieder erinnerte er sich an die sonderbaren Gerüchte. Unwillkürlich wurde ihm ein wenig unheimlich zumute. Er schaute sich voller Sorgen um, aber auf dem Weg und in den Bäumen regte sich nichts, und er wurde beinahe verlegen, weil er sich so erleichtert fühlte.

Auf einer mondbeschienenen Lichtung blieb er kurz stehen und schaute zum Nachthimmel hinauf, bevor er langsam wieder in den Wald ging. Der gewundene Pfad wurde enger und schien sich in einer Wand aus Bäumen und Gebüsch zu verlieren. Das war nur eine Täuschung, trotzdem schaute sich Flick immer wieder unsicher um. Einige Augenblicke danach war er wieder auf einem breiteren Weg und konnte zwischen den Baumwipfeln hier und dort den Himmel erkennen. Dann hatte er fast schon die Talsohle erreicht und war von seinem Zuhause nur noch ungefähr zwei Meilen entfernt. Lächelnd eilte er weiter und pfiff ein altes Trinklied. Er war ganz mit dem Pfad und der offenen Landschaft jenseits des Waldes beschäftigt, deshalb bemerkte er den hünenhaften schwarzen Schemen nicht, der plötzlich emporwuchs, sich von einer großen Eiche zu seiner Linken löste und unvermittelt auf den Pfad trat, um ihm den Weg zu verstellen. Die schwarze Gestalt war schon zum Anfassen nahe, ehe Flick sie gewahrte, wie einen riesenhaften schwarzen Steinblock, der ihn zu zermalmen drohte. Mit einem Angstschrei sprang er zur Seite, ließ das Bündel fallen und riss mit der Linken den langen, schmalen Dolch, den er an seiner Hüfte trug, aus der Scheide. Während er in Abwehrstellung ging, hob die Gestalt vor ihm beruhigend einen Arm. Eine kraftvolle Stimme sagte: »Warte, mein Freund! Ich bin kein Feind und will dir nichts Böses. Ich brauche nur eine Auskunft und wäre dankbar, wenn du mir den richtigen Weg zeigen könntest.«

Flick atmete auf, starrte in die Nacht und versuchte, an der schwarzen Gestalt vor sich Ähnlichkeiten mit einem menschlichen Wesen auszumachen. Er konnte jedoch nichts erkennen und wich vorsichtig zurück.

»Sei versichert, ich führe nichts Böses im Schilde«, sagte der Fremde, als lese er die Gedanken des Talbewohners. »Ich wollte dich nicht erschrecken, habe dich aber nicht gesehen, bis du ganz nah herangekommen warst, und ich fürchtete, du könntest vorbeigehen, ohne mich zu bemerken.«

Die große schwarze Gestalt schwieg und blieb stehen, allerdings spürte Flick, wie ihr Blick ihn verfolgte, als er sich langsam mit dem Rücken zum Licht stellte. Nach und nach brachte das Mondlicht Zeichnung in die Züge des Fremden und stellte verschwommene Linien und blaue Schatten heraus. Lange Augenblicke standen die beiden einander schweigend gegenüber.

Dann aber griff die riesige Gestalt plötzlich mit erschreckender Behändigkeit zu, die kräftigen Hände packten die Handgelenke Flicks, und er wurde plötzlich vom Boden hoch in die Luft gehoben. Das Messer entglitt gefühllosen Fingern und die tiefe Stimme lachte ihn spöttisch an.

»So, so, mein junger Freund! Und was nun? Ich könnte dir das Herz herausschneiden und dich den Wölfen überlassen, wenn ich wollte, nicht wahr?«

Flick wollte sich befreien und wand sich verzweifelt. Er wusste nicht, was für ein Wesen ihn überwältigt hatte, aber es war auf alle Fälle viel stärker als ein gewöhnlicher Mensch und anscheinend entschlossen, Flick ohne große Umstände das Lebenslicht auszublasen. Dann hielt ihn sein Gegner plötzlich auf Armlänge von sich, und der Spott in der Stimme verwandelte sich in eisige Wut.

»Genug davon, Junge! Wir haben unser kleines Spiel gespielt, und du weißt noch immer nichts von mir. Ich bin müde und hungrig und möchte nicht am kalten Abend im Wald aufgehalten werden, während du darüber nachdenkst, ob ich Mensch oder Tier bin. Ich setze dich ab, und du zeigst mir den Weg. Aber ich warne dich – versuch nicht, mir wegzulaufen, sonst ergeht es dir schlecht.« Die kräftige Stimme wurde leiser, und der verärgerte Ton wurde, angekündigt von einem kurzen Lachen, wieder von Spott abgelöst. »Außerdem«, brummte die Gestalt und stellte Flick auf dem Boden ab, »bin ich vielleicht ein besserer Freund, als du ahnst.«

Sein Gegenüber trat einen Schritt zurück. Flick richtete sich auf und rieb sich die Handgelenke. Am liebsten wäre er davongelaufen, zweifelte aber nicht daran, dass der Fremde ihn dann wieder einfangen und töten würde. Er bückte sich vorsichtig, hob den Dolch auf und steckte ihn ein.

Flick konnte den anderen nun besser erkennen und hegte keinen Zweifel mehr, dass er eindeutig einen Menschen vor sich hatte, wenn auch einen viel größeren, als er je gesehen hatte. Der Hüne maß mindestens sieben Fuß, wirkte dabei aber außerordentlich dürr, obschon es in diesem Punkt keine Gewissheit gab, weil die hochgewachsene Gestalt in einen wehenden schwarzen Mantel mit einer eng anliegenden Kapuze gehüllt war. Das schmale Gesicht war von tiefen Falten durchzogen. Die Augen lagen tief in ihren Höhlen und waren fast völlig von buschigen Brauen verborgen, die sich über einer langen, flachen Nase wölbten. Ein kurzer schwarzer Bart umgab den breiten Mund, der im Gesicht nur einen Strich bildete – einen Strich, der sich nie zu bewegen schien. Die ganze Erscheinung flößte ihm Angst ein, schwarz und riesenhaft, wie sie vor Flick stand, und er musste den wachsenden Drang unterdrücken, zum Waldrand zu rennen. Er blickte dem Fremden offen, wenn auch nicht ohne Schwierigkeit, in die Augen und rang sich ein Lächeln ab.

»Ich habe Euch für einen Räuber gehalten«, murmelte er zögernd.

»Du hast dich geirrt«, lautete die ruhige Antwort. Dann wurde die Stimme noch milder: »Du musst lernen, Freund von Feind zu unterscheiden. Dein Leben kann einmal davon abhängen. Also, sag mir deinen Namen!«

»Flick Ohmsford.« Flick zögerte und fuhr dann etwas mutiger fort: »Mein Vater ist Curzad Ohmsford. Ein, zwei Meilen von hier in Schattental betreibt er einen Gasthof. Dort findet Ihr Essen und Unterkunft.«

»Ah, Schattental«, rief der Fremde plötzlich. »Ja, da will ich hin!« Er zögerte, als überdenke er seine Worte. Flick beobachtete ihn wachsam, wie er sich das Kinn mit gekrümmten Fingern rieb und auf die sanft geschwungenen Wiesen des Tales jenseits des Waldrands hinaussah, ehe er sagte: »Du … hast einen Bruder …«

Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Sie wurde so ruhig und gleichgültig getroffen, als interessiere sich der hünenhafte Fremde nicht im Mindesten für eine Antwort. Flick überhörte sie deshalb beinahe. Dann begriff er plötzlich die Bedeutung des Satzes, zuckte zusammen und starrte den anderen an.

»Woher …?«

»Ach, nun«, sagte der Mann, »hat nicht fast jeder junge Talbewohner wie du irgendwo einen Bruder?«

Flick nickte stumm und fragte sich nebenbei, wie viel der Unbekannte über Schattental wissen mochte. Der Fremde sah ihn fragend an; offenbar wartete er darauf, zu Essen und Unterkunft geführt zu werden, wie es versprochen war. Flick wandte sich hastig ab, suchte sein Bündel und warf es sich über die Schulter, bevor er sich wieder nach dem Hünen umsah.

»Wir müssen dort entlang.« Er zeigte mit dem Finger in Richtung Westen, und die beiden setzten sich in Bewegung.

Sie verließen den dichten Wald und erreichten die sanften Hügel, die sich bis zum Dorf Schattental am anderen Ende des Tales erstreckten. Als sie den Wald verlassen hatten, stand der Mond als volle weiße Scheibe am Himmel und beleuchtete die Landschaft und den Weg. Der Pfad selbst zog sich als undeutliche Linie über die Wiesenhöhen hin, erkennbar nur an gelegentlichen, vom Regen ausgewaschenen Wagenspuren und flachen, harten Stellen, wo das dichte Gras der kahlen Erde Platz machte. Es war kräftiger Wind aufgekommen, der den beiden Männern mit schnellen Stößen entgegenblies und an ihrer Kleidung zerrte, so dass sie, um die Gesichter zu schützen, die Köpfe senken mussten. Beide schwiegen und schritten dahin, beide achteten nur auf den Weg. Bis auf das Tosen des Windes herrschte Stille. Flick lauschte aufmerksam, und einmal glaubte er weit im Norden einen lauten Schrei zu hören, der aber im nächsten Augenblick wieder verhallt war. Den Fremden schien die Stille nicht zu beunruhigen. Seine Aufmerksamkeit galt offenbar nur einem ständig wandernden Punkt am Boden, etwa zwei Schritte vor ihnen. Er schien genau zu wissen, wohin der andere ging.

Nach einer Weile fiel es Flick schwer, mit dem Hünen Schritt zu halten. Manchmal musste er fast laufen, um nicht abgehängt zu werden. Ein- oder zweimal blickte der Fremde auf seinen kleineren Begleiter herunter, sah, dass dieser Schwierigkeiten hatte, ihm zu folgen, und wurde ein wenig langsamer. Als die Südhänge des Tales endlich näher rückten, ebneten sich die Hügel zu buschbewachsenen Wiesen, die einen weiteren Wald ankündigten. Der Weg führte nun sacht abwärts, und Flick erkannte mehrere vertraute Merkmale am Ortsrand von Schattental. Unwillkürlich verspürte er Erleichterung. Sein Dorf und sein gemütliches Heim lagen vor ihm.

Der Fremde sprach kein Wort, und auch Flick begann kein Gespräch. Stattdessen versuchte er, den Hünen heimlich mit knappen Seitenblicken zu betrachten. Sein Staunen war begreiflich. Das lange, kantige Gesicht, vom schwarzen Bart verdunkelt, erinnerte ihn an die schrecklichen Dämonen aus den Geschichten, die die Alten in seiner Kindheit vor den glühenden Scheiten des Kaminfeuers am späten Abend erzählt hatten. Die Augen des Fremden waren am fürchterlichsten – oder vielmehr die tiefen, dunklen Höhlen unter den zottigen Brauen, wo seine Augen sich befinden mussten. Flick vermochte die schweren Schatten, die diesen ganzen Gesichtsbereich des Fremden verdeckten, nicht zu durchdringen. Das zerfurchte Gesicht war wie aus Stein gemeißelt, starr und ein wenig zum Weg geneigt. Während Flick die undurchdringliche Miene betrachtete, fiel ihm plötzlich ein, dass der Fremde nicht einmal seinen Namen genannt hatte.

Hier am Außenrand des Tales wand sich der jetzt deutlich sichtbare Weg durch hohes, dichtes Gebüsch, das beinahe kein Vorankommen mehr erlauben wollte. Der hünenhafte Fremde blieb plötzlich wie angewurzelt stehen, senkte den Kopf und lauschte angestrengt. Flick hielt neben ihm an, wartete still und lauschte ebenfalls, konnte aber nichts hören. So verharrten sie reglos scheinbar endlose Minuten lang, dann fuhr der Hüne plötzlich zu ihm herum.

»Schnell! Versteck dich im Gebüsch! Los, lauf!« Er selbst rannte auch auf die hohen Büsche zu und schob Flick vor sich her. Flick hastete angstvoll zur Zuflucht des Buschwerks. Auf seinem Rücken klirrten die Metallgeräte in seinem Bündel. Der Fremde riss es ihm von der Schulter und schob es unter seinen langen Mantel.

»Leise!«, zischte er. »Lauf jetzt! Keinen Laut!«

Sie rannten eilig zu der dunklen grünen Wand, die etwa fünfzehn Schritt entfernt war. Der Hüne schob Flick zwischen die belaubten Zweige, die ihnen in die Gesichter peitschten, und weiter bis zur Mitte des großen Gebüschs. Hier blieben sie schnaufend stehen. Flick sah seinen Begleiter an, der sich keineswegs in der Landschaft umschaute, sondern dessen Blick nach oben ging, wo der Nachthimmel durch das Laub in kleinen Ausschnitten sichtbar war. Flick sah nur den klaren Nachthimmel, als er dem durchdringenden Blick des anderen folgte, und die ewigen Sterne funkelten. Minuten verstrichen. Einmal wollte Flick etwas sagen, doch der Fremde packte warnend seine Schultern. Flick blieb stehen, starrte in die Nacht und strengte auch die Ohren an, um die angebliche Gefahr aufzuspüren. Er hörte aber nur ihre schweren Atemzüge und den Wind, der in den schwankenden Zweigen rauschte.

Dann, gerade als Flick seine müden Glieder entspannen und sich setzen wollte, wurde der Himmel plötzlich von etwas Gigantischem, etwas Schwarzem verdunkelt. Es schwebte vorbei und verschwand wieder. Einen Augenblick später tauchte der Schatten erneut auf, kreiste langsam und hing drohend über den beiden versteckten Wanderern, als wolle es sich im nächsten Moment auf sie herabsenken. Flick durchfuhr eine entsetzliche Angst und hielt ihn in eisernem Netz gefangen, als er dem Wahnsinn zu entfliehen versuchte. Etwas schien seine Brust zu umschlingen und langsam die Luft aus seiner Lunge zu quetschen. Er rang nach Luft. Die scharf umrissene Vision einer schwarzen, rot durchschossenen Erscheinung mit Klauenhänden und Riesenschwingen zog an ihm vorbei. Dieses Wesen war so böse, dass sein bloßes Dasein Flicks zerbrechliches Leben zu bedrohen schien. Einen Augenblick lang glaubte der junge Mann, schreien zu müssen, womit er sich verraten hätte, aber die Hand des Fremden hielt seine Schulter fest gepackt und riss ihn vom Abgrund zurück. Der riesige Schatten verschwand so plötzlich, wie er aufgetaucht war, und zurück blieb nur der friedliche Himmel der Nacht.

Die Hand auf Flicks Schulter lockerte den Griff. Der Talbewohner sank schlaff zu Boden; kalter Schweiß bedeckte seine Haut. Der Hüne ließ sich lautlos neben seinem Begleiter nieder. Über sein Gesicht huschte ein schwaches Lächeln. Er legte eine Pranke auf die Hand von Flick und tätschelte sie wie die eines Kindes.

»Komm, komm, junger Freund«, flüsterte er, »du lebst und bist gesund, und das Tal liegt vor dir.«

Flick hatte vor Angst große Augen und blickte auf in das gelassene Gesicht des anderen.

»Dieses Wesen! Was war dieses furchtbare Wesen?«

»Nur ein Schatten«, erwiderte der Mann leichthin. »Aber jetzt ist weder die Zeit noch der Ort, sich mit solchen Dingen zu befassen. Wir sprechen später darüber. Zuerst möchte ich endlich etwas essen und an einem warmen Feuer sitzen, sonst verliere ich bald die Geduld.«

Er half Flick auf die Beine und gab ihm sein Bündel zurück. Dann zeigte er mit einer weiten Armbewegung auf den Weg. Sie verließen die Deckung des Strauchwerks, Flick nicht ohne Bedenken, mit häufigen Blicken zum Nachthimmel. Man hätte auch meinen können, dass alles nur seiner überhitzten Fantasie entsprungen sei. Flick entschied, dass er für einen Abend genug erlebt hatte: zuerst dieser namenlose Hüne, dann der furchterregende Schatten. Er schwor sich im Stillen, es sich zweimal zu überlegen, bevor er sich nachts wieder so weit hinauswagte.

Einige Minuten später öffneten sich Bäume und Dickicht. In der Dunkelheit flackerte gelbes Licht. Als sie näher kamen, nahmen die verschwommenen Umrisse von Gebäuden als quadratische und rechteckige Gebilde Gestalt an. Der Pfad verbreiterte sich zu einer ebeneren Landstraße, die in den Ort führte, und Flick lächelte die Lichter, die durch die Fenster der stillen Häuser freundlich grüßten, dankbar an. Niemand war auf der Straße unterwegs; ohne die Lichter hätte man sich fragen mögen, ob hier überhaupt jemand lebte. Flicks Gedanken waren aber von solchen Fragen weit entfernt. Er überlegte schon, wie viel er seinem Vater und Shea erzählen sollte, um sie nicht unnötig mit düsteren Schatten zu beunruhigen, die vielleicht nur Produkte seiner Fantasie und der düsteren Nacht gewesen waren. Der Fremde neben ihm mochte später einige Aufklärung geben können, aber bis jetzt hatte er sich nicht als sehr gesprächig erwiesen. Flick betrachtete unwillkürlich erneut den Hünen neben sich. Wieder überlief es ihn kalt. Die Schwärze des Mannes schien von seinem Mantel und der Kapuze über den gesenkten Kopf und die schmalen Hände zu fließen und alles in Düsternis zu tauchen. Wer immer er sein mochte, Flick war überzeugt davon, dass er ein gefährlicher Feind wäre.

Sie gingen langsam zwischen den Gebäuden des Dorfes dahin, und Flick sah durch die Holzrahmen der breiten Fenster Fackeln brennen. Die Häuser selbst waren lange, niedrige Bauten mit nur einem Geschoss unter einem flach geneigten Dach, das meist an einer Seite eine kleine Veranda überspannte. Sie bestanden aus Holz, einige verfügten über Steinfundamente und Steinfassaden. Flick blickte durch die verhangenen Fenster und erhaschte hier und dort einen Blick auf die Bewohner. Der Anblick vertrauter Gesichter tröstete ihn in der Dunkelheit. Es war eine furchterregende Nacht, und er war erleichtert, wieder zu Hause unter Leuten zu sein, die er kannte.

Der Fremde blieb für all dies unempfänglich. Er begnügte sich mit einem beiläufigen Blick auf den Ort und hatte, seitdem sie ihn erreicht hatten, noch kein einziges Wort gesprochen. Flick wunderte sich immer noch darüber, wie der andere ihm folgte. Er ging Flick gar nicht hinterher, sondern schien genau zu wissen, wohin der junge Mann sich wenden wollte. Wenn die Straße sich gabelte, fiel es dem Schwarzen nicht schwer, den richtigen Weg selbst zu finden, obwohl er Flick kein einziges Mal ansah und auch nie den Kopf hob, um sich zu orientieren.

Bald erreichten sie den Gasthof. Es war ein großes Gebäude, ein Haupthaus mit Veranda und zwei langen Flügeln, die seitlich sowohl nach vorn als auch nach hinten angebaut waren. Die mächtigen Stämme der Wände ruhten auf einem hohen Steinfundament. Das Dach war mit Holzschindeln gedeckt und deutlich höher als bei den anderen Häusern des Ortes. Das Haupthaus war hell erleuchtet, und von innen hörte man gedämpfte Stimmen, die sich mit Lachen und Rufen mischten. Die Anbauten des Gasthofs lagen im Dunkeln; dort befanden sich die Schlafräume der Gäste. Es roch nach Gebratenem, und Flick eilte über die Holzstufen der langen Veranda zu der breiten Doppeltür in der Mitte des Hauses voraus. Der Fremde folgte wortlos.

Flick schob den schweren Schnappriegel zurück und zog den rechten Türflügel auf. Sie betraten einen großen Schankraum mit Bänken, hochlehnigen Stühlen und mehreren langen, schweren Holztischen an der Seiten- und Rückwand. Hier brannten zahlreiche Kerzen auf den Tischen und in den Wandhaltern und auch ein Feuer im großen offenen Kamin in der Mitte der linken Wand; Flick war kurz geblendet, seine Augen mussten sich erst an die Lichtfülle gewöhnen. Er kniff sie zusammen und blickte an Kamin und Möbeln vorbei zur geschlossenen Doppeltür an der Rückwand und hinüber zur langen Theke, die entlang der rechten Wand verlief. Die dort versammelten Männer hoben die Köpfe, als die beiden hereinkamen, und starrten den Fremden mit unverhohlenem Staunen an. Flicks schweigender Begleiter beachtete die Männer nicht, und diese wandten sich deshalb rasch wieder ihren Gesprächen und Getränken zu. Die beiden Neuankömmlinge blieben einen Augenblick lang an der Tür stehen, während Flick seinen Vater suchte. Der Fremde wies auf die Stühle an der linken Seite und sagte:

»Ich setze mich dort. Hol deinen Vater. Vielleicht können wir gemeinsam essen, wenn du zurückkommst.« Er ging zu einem kleinen Tisch an der Rückseite des Raumes und setzte sich mit dem Rücken zu den Männern an der Theke. Flick sah ihm kurz nach, dann ging er schnell zur Flügeltür an der hinteren Wand und trat in den Korridor. Sein Vater war vermutlich in der Küche und aß mit Shea zu Abend. Flick eilte durch den Flur an mehreren geschlossenen Türen vorbei zur Küche. Als er eintrat, begrüßten die beiden Köche im hinteren Teil des Raumes den jungen Mann fröhlich. Sein Vater saß an einem langen Tresen an der linken Seite. Wie Flick vermutet hatte, aß er, hatte die Mahlzeit jedoch fast beendet. Zur Begrüßung hob er eine seiner kräftigen Hände.

»Du kommst später als sonst, Sohn«, meinte er freundlich. »Komm und iss, solange noch etwas da ist.«

Flick ging müde auf ihn zu, ließ das Bündel klirrend fallen und setzte sich auf einen der großen Hocker. Sein Vater, ein stämmiger, großer Kerl, richtete sich auf, schob den leeren Teller von sich und sah Flick prüfend an.

»Auf dem Weg ins Tal bin ich einem Wanderer begegnet«, erklärte Flick zögernd. »Er sucht ein Zimmer und möchte essen. Wir sollen uns zu ihm setzen.«

»Nun, wenn er ein Zimmer will, ist er am richtigen Ort«, sagte der ältere Ohmsford. »Wüsste nicht, warum wir uns nicht auf einen Bissen zu ihm setzen sollten – ich kann noch gut etwas vertragen.« Er erhob sich schwerfällig und bestellte bei den Köchen drei Portionen. Flick sah sich nach Shea um, konnte ihn aber nirgends entdecken. Sein Vater stapfte zu den Köchen und gab ihnen Anweisungen für das Essen. Flick trat an das Becken neben der Spüle und wusch sich Schmutz und Staub vom langen Marsch ab. Als sein Vater herüberkam, fragte Flick ihn, wo sein Bruder sei.

»Shea erledigt etwas für mich und müsste bald zurück sein«, erwiderte sein Vater. »Wie heißt übrigens der Mann, den du mitgebracht hast?«

»Das weiß ich nicht. Er hat mir seinen Namen nicht gesagt.« Flick zuckte die Achseln.

Sein Vater runzelte die Stirn und murmelte etwas über schweigsame Fremde, fügte aber halblaut hinzu, dass er in seinem Gasthof keine geheimnisvollen Gestalten mehr dulden wolle. Er winkte seinem Sohn, ging voraus und streifte mit den breiten Schultern die Wand, als er zur Gaststube abbog. Flick folgte ihm hastig. Seine Miene drückte Zweifel aus.

Der Fremde saß in aller Seelenruhe mit dem Rücken zu den Männern an der Theke da. Als er die hintere Tür aufgehen hörte, drehte er sich so weit, bis er die zwei Eintretenden sah. Ihm fiel sofort die Ähnlichkeit zwischen Vater und Sohn auf. Beide waren mittelgroß und stämmig gebaut, hatten die gleichen breiten, ruhigen Gesichter und graubraunes Haar. Sie blieben vor der Tür stehen. Flick zeigte auf die schwarze Gestalt und sah die Überraschung in seines Vaters Gesicht. Dieser starrte den Fremden eine Weile an, bevor er auf ihn zuging. Der Schwarze stand höflich auf und überragte beide Ohmsfords.

»Willkommen in meinem Gasthof, Fremder«, begrüßte ihn der alte Ohmsford und bemühte sich vergeblich, unter die Kapuze zu blicken, die das dunkle Gesicht des Gastes verbarg. »Mein Name ist Curzad Ohmsford, wie mein Junge Euch wahrscheinlich schon verraten hat.«

Der Fremde drückte die angebotene Hand mit einer Kraft, dass der bullige Wirt eine Grimasse schnitt, und nickte dann Flick zu.

»Euer Sohn war so freundlich, mich zu diesem behaglichen Gasthof zu führen.« Er lächelte spöttisch, wie es Flick schien. »Ich hoffe, Ihr leistet mir beim Essen und einem Glas Bier Gesellschaft.«

»Gewiss«, antwortete der Wirt und ließ sich schwerfällig auf einem freien Stuhl nieder. Flick zog sich ebenfalls einen Stuhl heran und setzte sich, den Blick unablässig auf den Fremden gerichtet, der gerade seinen Vater zu seinem schönen Gasthaus beglückwünschte. Der ältere Ohmsford strahlte vor Freude und nickte Flick befriedigt zu, während er einem der Bediensteten an der Bar winkte, drei Gläser zu bringen. Der Hüne schlug die Kapuze immer noch nicht zurück. Flick hätte zu gerne in die Schatten geblickt, fürchtete aber, der Fremde könnte es bemerken. Ein solcher Versuch hatte ihm bereits einmal schmerzende Handgelenke eingebracht und bei ihm einen gesunden Respekt vor der Kraft und dem Jähzorn des großen Mannes hervorgerufen. Es war sicherer, sich nicht zu weit vorzuwagen.

So saß er stumm dabei, als das Gespräch zwischen seinem Vater und dem Fremden sich von höflichen Bemerkungen über das milde Wetter zu einer eingehenderen Unterhaltung über die Bewohner des Ortes und jüngste Ereignisse wandelte. Flick fiel auf, dass sein Vater, sowieso ein redseliger Mensch, das Gespräch fast ganz allein bestritt und nur von beiläufigen Fragen des anderen unterbrochen wurde. Die Ohmsfords wussten nichts über den Fremden. Er hatte ihnen immer noch nicht seinen Namen genannt. Im Gegenteil, er lockte aus dem Gastwirt unauffällig eine Sache nach der anderen über das Tal heraus. Das störte Flick, aber er wusste nicht recht, was er dagegen tun sollte. Er wünschte sich, Shea möge endlich kommen und sehen, was sich hier abspielte, aber sein Bruder ließ auf sich warten. Das Essen wurde aufgetragen, und erst nachdem dieses verzehrt war, ging eine der breiten Türen auf, und Shea trat aus der Dunkelheit ein.

Zum ersten Mal sah Flick, wie der Fremde für eine andere Person mehr als beiläufiges Interesse zeigte. Mit kraftvollem Griff umklammerte die schwarze Gestalt den Tisch und erhob sich stumm. Der Mann schien die Ohmsfords vergessen zu haben; seine Stimme furchte sich tiefer und verriet eine starke Konzentration. Einen schrecklichen Augenblick lang glaubte Flick, der Fremde wollte Shea angreifen, aber dann wurde die Befürchtung von einer anderen Erkenntnis verdrängt. Der Mann erforschte die Gedanken seines Bruders.

Er musterte Shea scharf. Der Blick aus seinen tiefliegenden, verschatteten Augen glitt über die schlanke, schmale Gestalt des jungen Mannes. Er registrierte die Elfenanzeichen sofort – leicht spitze Ohren unter dem wirren blonden Haar, die bleistiftstrichdünnen Brauen, die im steilen Winkel von der Nasenwurzel schräg hinaufliefen, statt quer über die Augen zu verlaufen, dazu die schmale Nase und der schmale Kiefer. Er sah in dem Gesicht Klugheit und Offenheit, und während er Shea gegenüberstand, bemerkte er auch Entschlossenheit in den durchdringenden blauen Augen – Entschlossenheit, die sich als Gesichtsröte über die jugendlichen Züge breitete, als sich die Blicke der beiden Männer ineinanderbohrten. Shea zögerte einen Augenblick, auf die riesige schwarze Erscheinung zuzugehen. Er kam sich auf unerklärliche Weise vor wie jemand, der in eine Falle getappt ist, fasste sich aber rasch und setzte sich in Bewegung.

Flick und sein Vater sahen Shea herankommen, dessen Blick auf den Fremden gerichtet war, dann standen die beiden auf, als hätten sie urplötzlich begriffen, wer der Mann sei. Es folgte ein Augenblick verlegenen Schweigens, als sie einander gegenüberstanden, ehe sich die Ohmsfords wortreich begrüßten. Die Anspannung löste sich. Shea lächelte Flick an, konnte den Blick jedoch nicht von der eindrucksvollen Gestalt vor ihm wenden. Shea war ein wenig kleiner als sein Bruder und wurde daher noch mehr von dem Fremden überragt als Flick, wirkte aber weniger nervös als dieser. Curzad Ohmsford sprach mit ihm über seine Besorgung, und Shea wurde vorübergehend vom Fremden abgelenkt, als er auf die drängenden Fragen seines Vaters antwortete; aber dann wandte er sich wieder dem Hünen zu.

»Ich glaube, wir sind uns noch nicht begegnet, trotzdem scheint Ihr mich von irgendwoher zu kennen, und ich habe das merkwürdige Gefühl, dass ich Euch ebenfalls kennen sollte.«

Der Fremde nickte, das spöttische Lächeln huschte wieder über sein Gesicht.

»Du solltest mich kennen, auch wenn es nicht verwunderlich ist, dass du dich nicht erinnerst. Aber ich weiß, wer du bist. Ich kenne dich sogar gut.«

Shea war verblüfft von dieser Antwort, wusste nichts darauf zu erwidern und starrte den Fremden an. Dieser hob die schlanke Hand ans Kinn und strich sich den schwarzen Bart. Er ließ den Blick über die drei Männer vor sich wandern. Flick öffnete den Mund, um die Frage auszusprechen, die alle drei Ohmsfords beschäftigte, als der Fremde hinaufgriff und die Kapuze zurückstreifte. Endlich wurde das dunkle Gesicht erkennbar. Es war umrahmt von langen schwarzen Haaren, die bis zu den Schultern reichten und die tiefliegenden Augen verdeckten, welche in den Schatten unter den dichten Brauen nur als schwarze Schlitze zu sehen waren.

»Ich bin Allanon«, sagte er leise.

Einen Augenblick herrschte völlige Stille, als die drei Ohmsfords ihn sprachlos und verwundert anstarrten. Allanon – der geheimnisvolle Wanderer durch die vier Länder, Geschichtsschreiber der Rassen, Philosoph und Lehrer und, wie manche behaupteten, Adept der mystischen Künste. Allanon – der Mann, der jeden Ort aufgesucht hatte, angefangen von den dunkelsten Häfen des Anar bis zu den verbotenen Höhen des Charnalgebirges. Sein Name war den Bewohnern selbst der abgelegensten Gemeinden im Südland vertraut. Nun stand er unerwartet vor den Ohmsfords, die in ihrem Leben allenfalls ein paarmal aus ihrem Tal hinausgekommen waren.

Zum ersten Mal lächelte Allanon freundlich, aber innerlich empfand er Mitleid für sie. Mit dem ruhigen Leben, das sie so viele Jahre geführt hatten, war es vorüber, und in gewisser Hinsicht trug er dafür die Verantwortung.

»Was führt Euch hierher?«, fragte Shea endlich.

Der hochgewachsene Mann sah ihn scharf an und ließ ein tiefes, leises Lachen hören, das sie alle überraschte.

»Du, Shea«, murmelte er. »Ich habe dich gesucht.«

2

Am nächsten Morgen erwachte Shea früh und verließ die Wärme seines Bettes, um sich in der feuchten Kälte der Morgenluft hastig anzuziehen. Er war so früh aufgestanden, dass, wie er entdeckte, im ganzen Haus noch niemand wach war, weder ein Gast noch jemand von der Familie. Er ging von seinem kleinen Zimmer an der Rückseite des Hauptgebäudes zum großen Schankraum, wo er mit vor Kälte klammen Fingern im Kamin Feuer machte. In den frühen Morgenstunden, bevor die Sonne über die Hügel heraufkam, war es im Tal kühl, selbst in der warmen Jahreszeit. Gewiss hatte Schattental eine geschützte Lage, nicht nur vor den Augen der Menschen, sondern auch vor der Unbill schlechten Wetters, das vom Nordland herunterzog. Während aber die schweren Stürme des Winters und Frühlings das Tal verschonten, breitete sich das ganze Jahr über frühmorgens bittere Kälte von den hohen Hügeln aus und hielt sich unten bis weit in den Tag hinein. Meist konnte erst die Mittagssonne den kalten Hauch vertreiben.

Das Feuer knackte und prasselte, als Shea in einem der hohen Sessel die Beine ausstreckte und über die Ereignisse des vergangenen Abends nachdachte. Wie hatte Allanon ihn erkannt? Shea hatte das Tal selten verlassen und hätte sich an den anderen gewiss erinnert, wäre er ihm bei einer seiner vereinzelten Wanderungen begegnet. Allanon hatte sich geweigert, seine Geheimnisse zu lüften. Er hatte stumm weitergegessen, das Gespräch bis zum nächsten Morgen vertagt und war wieder zu der bedrohlichen Gestalt geworden, als die ihn Shea beim Eintreten empfunden hatte. Nach der Mahlzeit hatte er gebeten, zu seinem Zimmer gebracht zu werden, weil er schlafen wollte. Weder Shea noch Flick hatten ein weiteres Wort über seine Reise nach Schattental und über sein Interesse an Shea herauslocken können. Die beiden Brüder hatten sich danach noch allein unterhalten, und Flick hatte die Geschichte seiner Begegnung mit Allanon und den Vorfall mit dem angsterregenden Schatten erzählt.

Shea fragte sich erneut, woher Allanon ihn kennen konnte. Er durchforstete sein Leben. Von den frühen Jahren hatte er nur verschwommene Erinnerungen. Er wusste nicht, wo er geboren worden war, wenngleich er einige Zeit, nachdem die Ohmsfords ihn adoptiert hatten, gehört hatte, sein Geburtsort sei eine kleine Gemeinde im Westland gewesen. Sein Vater war gestorben, bevor er, Shea, alt genug gewesen war, einen bleibenden Eindruck von ihm zu gewinnen. Seine Mutter hatte ihn einige Zeit aufgezogen, und er konnte sich an einzelne Bruchstücke seines Lebens mit ihr erinnern, an das Spiel mit Elfenkindern inmitten riesiger Bäume und tiefgrüner Einsamkeit. Er war fünf Jahre alt gewesen, als sie plötzlich krank geworden war und beschlossen hatte, in ihr eigenes Dorf nach Schattental zurückzukehren. Sie musste damals schon gewusst haben, dass sie sterben würde, aber ihre erste Sorge galt dem Sohn. Die Reise nach Süden gab ihr den Rest, und sie starb, kurze Zeit nachdem sie im Tal angekommen waren.

Die Verwandten seiner Mutter waren alle tot, bis auf die Ohmsfords, entfernte Onkel und Vettern. Curzad Ohmsford hatte kaum ein Jahr zuvor seine Frau verloren. Er nahm Shea bei sich auf, und die beiden Jungen wuchsen wie Brüder heran, beide mit dem Namen Ohmsford. Shea hatte seinen wahren Namen nie erfahren und fragte auch nicht danach. Die Ohmsfords waren die einzige Familie, die ihm etwas bedeutete. Manchmal ärgerte es ihn, dass er ein Halbblut war, aber Flick hatte ihm eingeredet, es sei von Vorteil, weil ihm das die Instinkte und den Charakter von zwei Rassen verleihe.

Doch an eine Begegnung mit Allanon konnte sich Shea nicht erinnern. Es war, als habe nie eine solche stattgefunden. Vielleicht war das tatsächlich so. Er drehte sich auf dem Stuhl herum und starrte zerstreut ins Feuer. Der düstere Wanderer hatte etwas an sich, das ihn beunruhigte. Vielleicht war es Einbildung, aber Shea wurde das Gefühl nicht los, dass der Mann seine Gedanken lesen und ihn gänzlich durchschauen konnte, wie es ihm beliebte. Es war lächerlich, aber dieses Gefühl wollte sich nicht unterdrücken lassen, seitdem er dem Mann begegnet war. Auch Flick hatte so etwas gesagt und war sogar noch weiter gegangen: In der Dunkelheit ihres Zimmers hatte er seinem Bruder zugeflüstert, er halte Allanon für gefährlich.

Shea reckte sich und seufzte tief. Draußen wurde es hell. Er stand auf, legte Holz nach und hörte die Stimme seines Vaters im Flur, der sich laut knurrend über die Zustände im Allgemeinen beklagte. Shea seufzte resigniert, schob seine Gedanken beiseite und hastete in die Küche, um bei den morgendlichen Vorbereitungen zu helfen.

Es war fast Mittag, bis Shea wieder etwas von Allanon zu sehen bekam, der offenbar den ganzen Vormittag in seinem Zimmer verbracht hatte. Er tauchte ganz plötzlich hinter dem Haus auf, als Shea sich unter seinem großen Schattenbaum ausruhte und einen Imbiss zu sich nahm. Sein Vater war im Haus beschäftigt, Flick irgendwo unterwegs. Der dunkle Fremde vom vergangenen Abend wirkte in der Mittagssonne nicht weniger unheimlich; er war noch immer eine schattenhafte Gestalt von unglaublicher Größe, auch wenn er nun statt des schwarzen einen grauen Mantel zu tragen schien. Er ging auf Shea zu, setzte sich ins Gras und blickte geistesabwesend auf die Berge im Osten, die über den Bäumen aufragten. Die beiden Männer schwiegen lange, bis Shea es schließlich nicht mehr aushielt und sagte:

»Weshalb seid Ihr ins Tal gekommen, Allanon? Weshalb habt Ihr mich gesucht?«

Das düstere Gesicht wandte sich ihm zu, und ein schwaches Lächeln kräuselte die Lippen.

»Eine Frage, junger Freund, die nicht so leicht zu beantworten ist, wie du das möchtest. Am besten stelle ich dir zunächst eine Gegenfrage. Kennst du die Geschichte des Nordlandes?« Er zögerte. »Und die des Schädelreichs?«

Shea erstarrte bei dem Namen, der für Schrecken stand, für wirklichen und eingebildeten, ein Name, mit dem man kleine Kinder bange machte, wenn sie ungezogen waren, der selbst erwachsenen Männern Schauer über den Rücken jagte, wenn am Abend beim Feuer die Geschichten umgingen. Es war ein Name, der Geister und Kobolde heraufbeschwor, die verschlagenen Waldgnomen des Ostens und die großen Bergtrolle des fernen Nordens. Shea blickte in das düstere Gesicht vor sich und nickte langsam.

»Ich bin Historiker, Shea, unter anderem – vielleicht der am weitesten gereiste lebende Historiker, da außer mir seit über fünfhundert Jahren nur wenige das Nordland betreten haben. Ich weiß vieles über die Menschen, das heute niemand mehr ahnt. Die Vergangenheit ist eine verschwommene Erinnerung geworden, und das ist vielleicht ganz gut, denn in den letzten zweitausend Jahren war die Geschichte des Menschen nicht gerade ruhmreich. Die Menschen haben die Vergangenheit vergessen; sie wissen wenig von der Gegenwart und nichts von der Zukunft. Sie leben fast ausschließlich innerhalb der Grenzen des Südlandes, wissen nichts vom Nordland und seinen Völkern und wenig vom Ostland und Westland. Bedauerlich, dass die Menschen ein so unwissendes Volk geworden sind, denn einstmals waren sie von allen Rassen jene mit der größten Vision. Aber jetzt begnügen sie sich damit, abgesondert von den anderen Rassen zu leben, fernab der Probleme im Rest der Welt. Sie begnügen sich damit, weil diese Probleme sie noch nicht berührt haben, wohlgemerkt, und weil die Angst vor der Vergangenheit sie dazu bewogen hat, die Zukunft nicht zu genau zu betrachten.«

Shea ärgerte sich ein wenig über diese Vorwürfe und erwiderte scharf: »Wenn man Euch hört, ist es tadelnswert, in Ruhe gelassen werden zu wollen. Ich weiß genug über Geschichte – nein, über das Leben –, um zu begreifen, dass die einzige Hoffnung der Menschen darin besteht, sich von den anderen Rassen fernzuhalten, um alles wieder aufzubauen, was sie in den vergangenen zweitausend Jahren verloren haben. Dann sind sie vielleicht klug genug, es nicht ein zweites Mal zu verlieren. Denn gerade, weil sie sich unablässig in die Angelegenheiten anderer eingemischt und jede Absonderung abgelehnt haben, wurden sie in den Großen Kriegen beinahe völlig vernichtet.«

Allanons Miene wurde hart.

»Die katastrophalen Folgen dieser Kriege sind mir bewusst – die Ergebnisse von Macht und Habgier, die der Mensch durch Sorglosigkeit und bemerkenswerte Kurzsichtigkeit selbst mit verursacht hat. Das ist lange her – und was hat sich geändert? Glaubst du, der Mensch könne neu anfangen, Shea? Nun, es dürfte dich nicht wenig überraschen zu erfahren, dass manche Dinge sich niemals ändern und die Gefahren der Macht stets gegenwärtig sind, auch noch für eine Rasse, die sich selbst schon fast völlig ausgelöscht hat. Die Großen Kriege der Vergangenheit mögen vorbei sein – die Kriege der Rassen, sowohl die der politischen Anschauungen und des Nationalismus als auch die endgültigen der reinen Energie, der äußersten Macht. Aber heute stehen wir vor neuen Gefahren, und sie bedrohen die Existenz der Rassen mehr als irgendwelche alten. Wenn du glaubst, der Mensch sei frei, sich ein neues Leben aufzubauen, während der Rest der Welt außen vor bleibt, hast du nichts von der Geschichte begriffen!« Er verstummte zornig. Shea starrte ihn aber trotzig an, obwohl er sich klein und ängstlich fühlte.

»Genug davon!«, fuhr Allanon fort und legte Shea freundlich den Arm um die Schulter. »Die Vergangenheit liegt hinter uns, und es ist die Zukunft, mit der wir uns befassen müssen. Lass mich kurz dein Gedächtnis auffrischen, was die Geschichte des Nordlandes und die Legende des Schädelreichs angeht. Wie du sicher weißt, haben die Großen Kriege dem Zeitalter ein Ende gemacht, in dem der Mensch die beherrschende Rasse darstellte. Der Mensch wurde fast völlig ausgerottet, und selbst die geografischen Gegebenheiten, die er kannte, wurden völlig umgeformt. Länder, Nationen und Regierungen verschwanden, als die letzten Angehörigen der Menschheit nach Süden flohen. Es dauerte fast tausend Jahre, bis sich der Mensch wieder über das Niveau der Tiere, die er zu seiner Ernährung jagte, erhoben hatte und eine fortschrittliche Zivilisation erschuf. Diese war primitiv, gewiss, aber es gab Ordnung und so etwas wie eine Regierung. Dann begann der Mensch zu entdecken, dass es außer ihm auch noch andere Rassen gab, die die Welt bewohnten – Wesen, die die Großen Kriege überlebt und ihre eigenen Rassen entwickelt hatten. In den Gebirgen die riesigen Trolle, von ungeheurer Kraft und Wildheit, aber ganz zufrieden mit dem, was sie hatten. In den Wäldern und auf den Hügeln gab es die kleinen, verschlagenen Kreaturen, die wir jetzt Gnome nennen. Um die Rechte auf das Land wurde in den Jahren nach den Großen Kriegen manche Schlacht ausgetragen, die beiden Rassen schadete. Aber man kämpfte ums Überleben, und im Denken eines Wesens, das um sein Leben kämpft, hat die Vernunft keinen Platz.

Der Mensch entdeckte auch, dass es noch eine Rasse gab – eine Rasse von Menschen, die unter die Erde geflüchtet war, um die Auswirkungen der Großen Kriege zu überleben. Jahrelanges Leben in den riesigen Höhlen unter der Erdkruste, ohne Sonnenlicht, veränderte ihr Aussehen. Sie wurden klein und breit, bekamen mächtige Arme und Brustkörbe, starke, dicke Beine und waren zum Klettern und Laufen unter der Erde wie geschaffen. Im Dunkeln können sie besser sehen als jeder andere, aber im Sonnenlicht sind sie halb blind. Sie lebten viele Hundert Jahre unter der Erde, bis sie endlich wieder heraufkamen, um auf der Oberfläche zu wohnen. Zunächst sahen sie sehr schlecht und hausten deshalb in den dunkelsten Wäldern des Ostlandes. Sie entwickelten eine eigene Sprache, kehrten später aber wieder zur Menschensprache zurück. Als der Mensch Überreste dieser verlorenen Rasse erstmals entdeckte, nannte er sie Zwerge, nach einer Rasse aus den Märchen der alten Zeit.« Allanons Stimme verklang, und er schwieg einige Minuten, während er auf die in der Sonne grellgrün schimmernden Hügel blickte. Shea überdachte die Sätze des Historikers. Einen Troll hatte er nie gesehen; Gnome und Zwerge auch nur einen oder zwei, an die er sich kaum erinnerte.

»Und die Elfen?«, fragte er schließlich.

Allanon sah ihn nachdenklich an und senkte den Kopf.