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Scott Gier

Attacke aus dem
Nichts

 

Die Genellan-Chroniken 4

 

Roman

 

Übersetzt von Marcel Bieger

 

 

Blanvalet

Inhaltsverzeichnis

Buch und Autor
Copyright
Teil Eins - Machtspiele
1 Wieder im Sattel
2 Pilot und Mannschaft
3 Mobilmachung
4 Ouvertüren
5 Bedrängnis und Trübsal
6 Übungsflug
7 Tar Fell greift an
8 Flucht
9 Cassy und Nash
10 Reaktion
11 Evakuierung
12 Colonel Pak
13 Starks Regiment
14 Der Winter kommt
15 Rückkehr nach Sol
16 Statistische Beiträge
Teil Zwei - Zeit zu töten
17 Die dunkelste Stunde
18 Wieder unterwegs
19 Wieder Frühling
20 Genesung
21 Patt-Situation
22 Donnerwetter
23 Im Transit
24 Vorbereitung
25 Neuankömmlinge
26 Hornblower-System
27 Rettung
28 Rückruf
29 Schlacht um Hornblower
30 Der dritte Tag der Schlacht
31 Rückzug
32 Der Schatten des Mondes
33 Genellan
Epilog – Was die Zukunft bringt

Epilog – Was die Zukunft bringt

Schwere Wolken zogen über die Taiga und sorgten für eine vorzeitige Dämmerung. Der Nordwind blies, und ein Adler flog seine niedrige Bahn. Er ließ sich von einer Tundra-Böe höher tragen, und der Hunger zwang ihn, weiter auf die Jagd zu gehen.

Eine schmale Spur verlief über die weiße Schneedecke. Aus großer Höhe wirkte die Tundra flach, aber wer sich auf ihr befand, musste sich zwischen Senken und Hügeln zurechtfinden. Das traf vor allem für das Land an den Flussklippen zu, die sich bis zum Gebiet der Vulkane hinzogen.

Zu einer anderen Jahreszeit sollte man hier auf der Hut sein, hielten sich doch Drachen in den Senken auf, um die großen Herden auszuspähen. Doch die zogen mit den Büffeln weiter, wenn der Herbst kam.

Inmitten dieser unregelmäßigen Landschaft lag ein großer Felsen, und der war für die Klippenbewohner ein heiliger Ort. Alte Jäger kamen hierher, um ihre letzte Ruhe zu finden und ihre Gebeine zu den Tieren zu legen, die Beute der Drachen oder Albtraum-Wölfe geworden waren.

Craag hatte sich heute an diesen Ort zurückgezogen. Aber er wollte noch nicht sterben, sondern Ruhe zum Nachdenken finden. Der Fels war nämlich auch eine Stätte der Meditation, ein Platz, an dem man sein Herz sprechen hören konnte.

Craag sorgte sich um das Leben.

Grausame Wesen zogen zwischen den Sternen dahin. Die Bärenwesen hatten die Vorfahren Craags erschlagen, und so wunderte es ihn nicht, dass es Wesen gab, die ihrerseits die Bären erschlugen. So war es eben: Der größere Fisch frisst den kleineren.

Die Götter konnten manchmal grausam sein, aber sie waren niemals teuflisch. In der Natur hatte jeder Tod seinen Grund.

Aber wie lautete der Grund für diesen Krieg zwischen den Sternen? Warum sollten die Klippenbewohner ihre Waffen in einem Krieg erheben, der nicht von der Natur gewollt war?

Doch blieb ihnen eine andere Wahl?

Seine Welt hatte sich verändert, seit die Langbeine auf ihr erschienen waren und ihren Kampfgeist und ihre Technikmagie mitgebracht hatten.

Klippenbewohner waren zu ihnen ins Tal hinuntergezogen. Und jetzt wollten auch noch die Bärenwesen Verbündete der Klippenbewohner werden.

Die Welt stand auf dem Kopf.

Der Jägerführer öffnete seine lange Schnauze, um den Wind zu schmecken. Er empfing den Geruch des Adlers, und das brachte Klarheit in seinen Versand zurück.

Er legte einen Pfeil auf die Sehne. Natürlich trug auch er einen der Todesstöcke der Langbeine bei sich. Aber diesen Gegner wollte er nach Altvätersitte besiegen.

Craag stellte sich auf die höchste Stelle des Felsens, breitete die großen Flügel aus und schrie seinen Schlachtruf.

Der Adler wurde auf ihn aufmerksam und stieg höher, um sich auf die Beute zu stürzen.

Der Jäger betete zu seinen Vorfahren und um deren so viel einfachere Welt. Doch dann musste er erkennen, dass dieser Wunsch vergeblich war. Die Vergangenheit, sie war nicht mehr.

Der Adler kreischte und spreizte die Krallen. Craag sang ihm das Todeslied und zielte.

Die Götter sollten wenigstens heute wie in früheren Zeiten ihr Opfer bekommen.

Und Craag betete um die Zukunft.

1 Wieder im Sattel

Die Pfeife des Boatswain schrillte scharf durch die Bordkommunikation und hallte tief in Runacres’ Körper wider. Mit einer gewaltigen Willensanstrengung verbannte der Admiral alle Gedanken an die möglichen schrecklichen Folgen des Angriffs im Oldfather-System aus seinem Bewusstsein und konzentrierte sich darauf, seine Flotte zu befehligen. Im Kampfanzug schwebte er zu seiner Station auf der Brücke seines Flaggschiffes.

»Sprungstationen«, meldete sich der Boatswain monoton. Die tiefe Baßstimme gehörte einer Frau. »Achtung, Sprungstationen. Bereit halten für Hyperlicht-Transit.«

Commodore Wells und Gruppenführer Wooden, die beide in ihren Kampfanzügen etwas unförmig wirkten, hatten sich bereits in den Kommandostationen angegurtet und erteilten den ihnen unterstellten Offizieren die nötigen Anweisungen.

»Status«, knurrte Runacres, als er seine Station erreichte.

»Sprung-Countdown abgeschlossen, Sir«, meldete Wells. »Wir können sofort los.«

Der Admiral gurtete sich an und fühlte sich wie ein Dirigent, der tiefe Befriedigung über die Präzision seines Orchesters empfindet. Auf dem Master-Display formten die Strahlensymbole der auf Heimatkurs befindlichen Schiffe ein tadelloses Gitter.

»Der letzte Vogel ist an Bord«, meldete der Gruppenführer. »Alle Einheiten sind zurück. Flugops gesichert. Sprungstationen bereit.«

»Ausgezeichnet«, sagte Runacres und schloss seinen Helm.

»Buccari war auf der letzten Korvette«, teilte ihm Merriwether über Brückenfunk mit. Ihrer müden Stimme war die Anstrengung anzuhören, die sie hinter sich hatte. In den letzten Tagen hatte sie die Flotte sprungbereit gemacht.

Er grunzte geistesabwesend seine Bestätigung.

»Sie ist doch nur eine Pilotin«, brummte Wooden. »Wir brauchen aber hundert von ihrer Sorte.«

»Das ist etwas viel verlangt«, entgegnete Merriwether.

»Der Gruppenführer hat recht, Sarah«, murmelte der Admiral, während er auf den Schirmen die letzten Vorbereitungen verfolgte. »Shaula und Oldfather waren nicht mehr als Scharmützel. Buccari mag noch so ausgezeichnet sein, aber sie ist nur eine Pilotin. Wir stehen vor einem großen Krieg, und viele Raumfahrer werden ihr Leben verlieren.«

»Sprungsequenz eingeleitet«, meldete der leitende Operations-Offizier. »Gravitationsflux bei null Komma acht. Fällt weiter.«

Runacres sah sich auf der Station um. Unter ihm, auf der taktischen Brücke der Eire, nahmen Merriwethers Offiziere letzte Einstellungen vor. Aus dem Schiffsfunk brodelten die Checklist-Bestätigungen der einzelnen Stationen.

»Flotte springt«, befahl der Admiral und überprüfte den Sitz seiner Gurte.

»Aye, aye, Admiral«, bestätigte Wells.

 

»Sie springen!«, rief Wissenschaftler Mirrtis.

Dowornobb stampfte zu seiner Instrumentenkonsole und schob den Kollegen aus der Station. Er konfigurierte die Parameter neu und rief ein Gesamtdisplay auf den Schirm. Datenkolonnen rasten über den Bildschirm. Dowornobb rief aufs Geratewohl zehn verschiedene Sensorenwerte ab und danach zehn andere. Die übermittelten Daten trafen mit fantastischer Geschwindigkeit in der Station ein. Der Wissenschaftler fragte sich besorgt, wann der Sättigungspunkt der Sensoren erreicht sein würde.

»Telemetrie wird während der nächsten Stunden in abnehmender Rate weitergefahren«, ordnete er an. »Die Restspuren sind für uns ebenso wichtig wie die anfänglichen Schockwellen.«

»Wundervolle Daten!«, begeisterte sich Mirrtis.

»Wertlose Zahlen«, murmelte Dowornobb, »solange sie nicht geordnet sind und ein Bild ergeben. Es wird Mondzyklen dauern, das zu verarbeiten und zu simulieren, was wir hier gerade zu sehen bekommen.«

 

Buccari war zutiefst dankbar für die Gehirnverzerrungen, die sich stets bei einem Sprung einstellten. Ihre Katharsis war komplett. Sie rieb sich ein letztes Mal die Augen trocken. Von nun an gab es für sie keinen Weg mehr zurück. Sharl war wieder Offizierin in der Flotte der tellurianischen Legion. Alle anderen Sorgen und Träume – inklusive ihres Sohns – waren mit einem Mal Lichtjahre weit entfernt.

Die Flotte sprang aus dem normalen Universum und bewegte sich auf den gebogenen Feldlinien, die als universale Expansionsradialen bekannt waren. Eine solche Fortbewegung galt als die zeiteffektivste überhaupt. Die Flotte würde in etwas über drei Standardmonaten das Sol-System wiedersehen. Und bis dahin hatte Buccari alle Hand voll zu tun. Sie musste sich auf so vielen Feldern wieder eingewöhnen und auf den neuesten Stand bringen. Und das war gut so – es würde ihr helfen, von morgens bis abends beschäftigt zu sein.

Auf dem Quarterdeck wurde sie nicht mit Ehren empfangen. Sie kam sich wie ein Erdschwein, ein Dreckfresser, wie Zivilisten genannt wurden, vor, als sie vor dem Deckoffizier salutierte und ihm ihre Marschbefehle übergab. Niemand wartete hier auf sie. Man ließ sie stehen, aber sie bemerkte die vielen heimlichen Blicke und fuhr sich über die Stoppel auf ihrem kahl geschorenen Schädel.

Eins nach dem anderen. Sie schwebte zur Quarantäneschleuse und schob sich durch die zurückfahrenden Membranen. Von der Radiotoxikologie ging es weiter zur Enthaarungs-Station, wo sie ihre Hand auf die Identifikationsplatte legte. Eine Matrix von Lasern und anderen Analysatoren begann, sie abzutasten. Sharl legte den Helm, die Raumstiefel und den Druckanzug ab, schälte sich aus ihrem Unterzeug und legte alles in einen Würfelbehälter. Nur wenige Besatzungsmitglieder hatten sich vor der Enthaarungs-Station eingefunden – schließlich war gerade Mitte der Schicht. Buccari war dankbar dafür, war ihr nackter Körper doch von Haaren übersät.

Sie glitt durch eine Iris. Warme Lichtstrahlen badeten sie. Sonarschäler orientierten sich an ihrer Anatomie. Sharl spürte das Prickeln der Breitbandstrahlen, die abgestorbene Hautzellen entfernten und zerkleinerten. Eine grünliche Membran legte sich wie eine zweite Haut um sie, die Druckschleusen schlossen sich, und die Membran füllte sich mit einer streng riechenden und Blasen werfenden Gasflüssigkeit. Instinktiv, wenn auch unnötigerweise, hielt Sharl die Luft an.

Der Membrantank leerte sich so rasch, wie er sich aufgefüllt hatte. Ein Alarm ertönte, was sie nicht weiter überraschte. Nicht alle Haare hatten von der ersten Flüssigkeit entfernt werden können. Sie atmete tief ein, und wieder füllte sich ihr Kokon. Diesmal war die Flüssigkeit wärmer und dicker. Die zweite Prozedur ging genauso schnell vorüber wie die Erste. Ein Techniker, der nach dem Alarm herbeigeeilt war, überprüfte die Anzeigen. Verdammt, warum war sie auch so schrecklich behaart?

Keine weitere Sirene. Die zweite Haut entließ sie, und sie trat durch einen Hochdruckvorhang. Als Letztes stand ihr die medizinische Untersuchung bevor. Sie wurde abgescannt, und ein leichter Ölnebel legte sich auf ihre Haut. Dann hatte sie auch die letzte Filterschleuse hinter sich gebracht. Sie schwebte in eine Ankleidezelle, wo der Würfel mit ihren Sachen mittlerweile ebenfalls eingetroffen war. Ihre Kleider waren frisch gereinigt und stanken nach Antiseptika.

Als sie sich das Unterzeug anzog, betrachtete sie ihren Körper. Tiefe Sonnenbräune zeigte sich auf Armen und Beinen, aber alle Haare waren bis auf die letzte Wurzel verschwunden.

Das Unterzeug saß wunderbar auf ihrem frisch geölten Körper. Jetzt roch sie zumindest wieder wie ein Raumfahrer. Auch schien ihre Sicht ohne den störenden Einfluss von Wimpern und Brauen weiter und klarer geworden zu sein.

Ein in der Wand eingelassener Monitor erwachte mit einem dumpfen Läuten zum Leben.

»Aha, Buccari«, sagte eine Medizinerin, schaute aber gerade auf etwas, was sich außerhalb der Bildschirmerfassung befand. »Willkommen an Bord. Wir haben auf Sie gewartet.«

»Danke, Doktor, äh …«, entgegnete sie und schloss ihren Raumfahreranzug.

»Flottenarzt Tanaka«, stellte die Frau sich vor. »Ihr Scan hat eine Vielzahl von medizinischen Befunden angezeigt. Recht bemerkenswert, wenn ich mal so sagen darf. Viren- und Bakterieninfektionen, auffallendes Narbengewebe, Schäden im Schultergelenk, ein Knietrauma und diverse Knochenabsplitterungen. Ich habe schon ein entsprechendes Wiederaufbauprogramm zusammengestellt. In ein paar Wochen haben wir Sie vollständig wiederhergestellt. Na ja, bei den Narben dürfte es etwas länger brauchen.«

»Danke, Frau Doktor«, sagte Sharl, »aber mein Dienstplan –«

»Die Schulter und das Knie stehen obenan!«, unterbrach Tanaka sie hart. »Wenn Sie eine Korvette fliegen wollen, müssen Sie sich die Zeit zur Genesung schon nehmen.«

»Aye, aye«, entgegnete Buccari und lächelte in sich hinein. Willkommen daheim in der Flotte.

»Ach, da wäre noch etwas, Buccari«, sagte die Ärztin. »Im Lazarett liegen einige von Ihren, äh, Freunden. Wissen Sie über deren Anwesenheit an Bord Bescheid?«

»Wie bitte?« Welche Freunde? Das Bild auf dem Schirm wechselte, und statt Tanaka war jetzt die Krankenstation zu sehen. Im matten Licht und unter der panikerfüllten Bewachung des Schiffswaffenmeisters standen dort drei Klippenbewohner – Klippenbewohner? Und auch noch enthaarte! Die Videokamera fing einen Handwerker ein, der sich neugierig, aber auch ein wenig ängstlich alles ansah, und zwei Jäger, die ihn mit wild dreinblickenden Augen zu beschützen trachteten.

Sharl atmete vernehmlich aus, und ihr wurde schwindlig. Klippenbewohner, hier an Bord. Der eine war Echsenlippe – unverkennbar mit seinem Kommunikator und erst recht unverwechselbar mit seiner charakteristischen Schnauze –, Tonto mit seinen eingekerbten Membranen und … ja, Flaschennase. Die drei sahen aus wie gerupfte Bussarde. Wenn sie schon mit ihrem Fell hässlich erschienen waren, so wirkten sie vollkommen haarlos dreimal so entsetzlich. Unter der ungesund grauen Haut zeichneten sich deutlich die Muskeln rings um die. dünne Knochenstruktur ab.

»Was um alles in der Welt tun die drei da?«, schrie Buccari. »Wir sind doch gesprungen … können sie nicht mehr zurückbringen.«

»Das ist uns auch bekannt«, seufzte Tanaka. »Ich weiß nur, dass sie mit computerausgedruckten Marschbefehlen den letzten Schwertransporter bestiegen haben. Rückblickend muss man allerdings feststellen, dass die Unterschriften auf den Papieren recht dubios wirkten.«

»Marschbefehle?«, rief Buccari fassungslos.

»Offensichtlich waren sie gefälscht«, erklärte die Ärztin. »Die Papiere stammen nicht von der Wissenschaftsabteilung, aber der Lademeister hat sie trotzdem akzeptiert und die drei in einer größeren Probeneinheit an Bord gebracht. Kaum waren sie hier, sind sie gleich in den Maschinenraum entwischt. Erst vor einer Stunde haben wir sie aufspüren können. Eines muss man ihnen aber lassen: In Nullschwerkraft finden sie sich zurecht wie alte Raumhasen. Wie Sie sehen können, haben wir die drei enthaart. Vielleicht nicht unbedingt die beste Idee, aber Vorschriften sind nun einmal Vorschriften. Ich analysiere ihr Fell und habe Anweisung gegeben, dass sie es wieder nachwachsen lassen dürfen. Ihre Körpertemperatur beträgt –«

Die Klippenbewohner schienen Buccari gehört zu haben. Echsenlippe kreischte und schwebte gleich mit verblüffender Agilität zur Videostation; sein runzliger Unterleib verdunkelte die Übertragungseinheit. Buccari wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Der Handwerker bemerkte die Kamera, bückte sich und spähte mit einem schwarzen Auge in die Linse hinein. Das Gekreische der Klippenbewohner drang ohrenbetäubend aus den Lautsprechern. Echsenlippe hielt plötzlich den kleinen Bildschirm seines Kommunikators in die Kamera.

HILFE/ UNS BESCHÜTZEN HELFEN/ BRAUCHEN HILFE/ DICH GRÜSSEN/ HILFE stand dort in Wortsymbolen zu lesen.

Sharl musste über die absurden Zufälle des Lebens lachen und stellte dabei fest, wie froh sie war, einige von diesen Fledermauswesen wiederzusehen. Wenn schon nicht das eine, dann doch wenigstens das andere.

»Aber wie …«, begann sie und schüttelte den Kopf. Dann pfiff sie scharf, um die Aufmerksamkeit des Handwerkers zu erlangen, und gab ihm mit Handzeichen zu verstehen: »Ich komme.«

Echsenlippe legte den Kopf schief. Als er ihre Nachricht verstanden hatte, öffnete er den grässlichen Mund und zeigte seine gezackten Zähne – sein Ausdruck eines Lachens höchster Freude. Er zwitscherte den Jägern etwas zu, und die fingen gleich an zu kreischen und zu schreien, dass es die menschlichen Zuhörer in den Zähnen schmerzte.

»Sie finden die drei in Quarantäneeinheit Vier«, erklärte Tanaka.

»Bin schon unterwegs«, entgegnete sie und flog aus der Klinik. Ein neues Sorgenpaket lastete nun auf ihren Schultern, war aber auch durchaus dazu angetan, ihre alten Kümmernisse zu überlagern – zumindest für die nächste Zeit.

 

Toon seufzte zutiefst erleichtert. Die Kleine Führerin würde bald hier eintreffen, und dann wäre alles wieder normal – bis auf eine Ausnahme: Er hatte nicht damit gerechnet, bei diesem Abenteuer sein Fell zu verlieren. Also brauchten sie Kleidung, eine lästige Unannehmlichkeit. Aber wenigstens bekamen sie hier zu essen. Der Dampfarbeiter kehrte an die Konsole zurück und setzte seine Suche nach dem Zeichen fort, das ihm Zugang zu den Datenbänken verschaffen konnte.

Brappa und Sherrip zischten vor Furcht und Ärger, was ihn von seiner Arbeit ablenkte. Er hob den Kopf und entdeckte die beiden Jäger, die mit dem Schädel nach unten vor dem Eingang hingen.

»Besorgt Euch nicht, Krieger«, pfiff er frohgemut.

Brappa kreischte eine Antwort, die von schlechter Kinderstube kündete, und der Langbeinwächter zuckte nervös zusammen. Er floh in die am weitesten entfernte Ecke und legte die Hand an seine Waffe.

»Aha!«, tschirpte Toon. Der Computer präsentierte ihm endlich ein Menü. Doch der Handwerker verstand zu wenig von der Menschensprache, um eine intelligente Auswahl treffen zu können. So legte er den Kommunikator vor sich hin und suchte im Wörterbuch der Langbeine nach Begriffen, die den Icons auf dem Bildschirm zumindest ähnlich waren. Natürlich kam er so nur langsam voran, aber an Zeit mangelte es ihm ja eigentlich nicht.

»Wir sorgen uns nicht!«, kreischte Brappa jetzt, obwohl sein Tonfall das genaue Gegenteil vermuten ließ. »Wir sind hier, um die Kleine Führerin zu beschützen. Aber das geht nur, wenn sie auch hier bei uns ist. Außerdem haben sie uns unsere Waffen genommen. Wir hätten niemals zulassen dürfen, dass man uns aufspürt und gefangensetzt. Euer Rat war sehr schlecht!«

»Nein, er war richtig«, gab Toon barsch zurück. Er hing immer noch an dem Menü fest. »Wir bekommen zu essen, und man akzeptiert unsere Anwesenheit.«

»Das nennt Ihr Essen?«, beschwerte sich Brappa.

»Ihr habt ja doch Angst«, stichelte Toon.

Brappa und Sherrip überschütteten ihn mit einer ganzen Flut wilder Verwünschungen.

 

Buccari betrat die Quarantäne-Abteilung. Das Kreischen der Klippenbewohner, mal vernehmlich, mal ultrasonar, hallte in ihrem Schädel wider. Tonto stieß sich von seinem Platz über der Tür ab, breitete die Schwingen halb aus und trieb auf Sharl zu. Flaschennase folgte ihm sofort. Sie streckte die Hände aus, und diese wurden gleich von ihren warmen dünnen Fingern umschlossen. Echsenlippe zwitscherte ihr einen Gruß zu, drehte sich aber nicht zu ihr um.

»Ich kümmere mich um die drei«, teilte sie dem Waffenmeister mit.

»Mit dem größten Vergnügen, Sir«, entgegnete der Mann und schob sich an der Wand entlang in Richtung Luke. »Hässliche kleine Teufel, was?«

»Das kommt auf den Standpunkt an«, murmelte Sharl und schwebte hinter Echsenlippe. Der Handwerker hatte ein Datenmenü vor sich. Buccari tippte ihm die Eröffnungssequenz ein. Echsenlippe kreischte erfreut, als gleich das nächste Bild erschien. Dann schob er ihre Hände beiseite und fand erfolgreich die nächste Sequenz. Er hob die lange Schnauze mit den spitzen Zähnen und zeigte wieder sein Lachen.

»Wir gehen jetzt«, erklärte sie ihm in Zeichensprache. Nur widerwillig ließ der Handwerker sich von dem Computer fortziehen. Sie führte die Klippenbewohner aus der Quarantänestation, ignorierte die starrenden und glotzenden Blicke und trieb das Trio in einen Schacht, der nach unten führte.

Die Fledermauswesen hatten tatsächlich überhaupt keine Probleme mit der Schwerelosigkeit. Sie setzten, wann immer erforderlich, ihre Membranen ein und fanden sich überall hervorragend zurecht.

»Da ist Buccari!«, rief jemand, als sie in die Kleiderkammer gelangten. »Zusammen mit den Aliens!«

Ein kommandierender Offizier mit gewaltiger Brust tauchte sofort hinter ein paar Kisten auf und schickte seine Untergebenen mit einer Schimpfkanonade hierhin und dorthin.

»Willkommen an Bord«, wandte er sich dann an Buccari und betrachtete misstrauisch die Klippenbewohner. »Wir haben Sie schon erwartet, Sir. Sie kommen bestimmt wegen der Ausrüstung.«

»Ja, Chief, ich brauche einen kompletten Satz«, entgegnete sie und zählte ihre Liste auf.

»Wie Sie wünschen«, sagte der Zeugmeister, nahm ihre Aufstellung entgegen und gab sie in den Prozessor ein. »Zuerst Ihr Multiplex.« Er reichte ihr eine Hartschalenkiste, in der sich eine winzige Vorrichtung sowie eine Medieneinheit befanden, die man sich ums Handgelenk band.

»Mist«, murmelte Buccari. Sie hatte ganz vergessen, dass alle Einheitsführer einen Neural-Transceiver tragen mussten.

»Stecken Sie ihn sich einfach ins Ohr«, riet der Zeugmeister.

Sharl lachte, nahm das reiskorngroße und wie ein Käfer geformte Gerät zwischen zwei Finger und kam der Aufforderung nach.

»Ich habe es schon aktiviert«, sagte ihr Gegenüber. »Anfangs kitzelt es ein wenig.«

Das Gerät bewegte sich und kroch tiefer in ihr Mittelohr. Buccari spürte, wie seine Fibern nach Knochensubstanz suchten, um sich darin zu implantieren.

Aus einem Reflex heraus griff sie sich sofort ans Ohr, aber der Zeugmeister hielt ihre Hand fest.

»Sie können es jederzeit herausspülen«, erklärte der Mann. »Aber schalten Sie es erst aus und warten Sie zehn Sekunden, ehe Sie es herausnehmen. Wenn Sie daran herumfummeln, während es noch aktiviert ist, kann das Ding gleich auf den Müll. So, nun muss ich Ihnen etwas über die Medieneinheit erzählen. Sie senden automatisch auf der Empfangsfrequenz. Sie müssen die Einheit aber auf Ihre User-Frequenz programmieren. Das Gleiche gilt natürlich für Ihr Kodier-Format.«

Sharl schüttelte den Kopf, um das leichte Schwindelgefühl loszuwerden, und legte sich dann die Einheit ums Handgelenk.

»Die Nachrichtenabteilung wird Ihre Clearance-Sequenzen aufladen, und die medizinische Abteilung kümmert sich um Ihre Biotelemetrie. Tja, und wir kümmern uns jetzt um Ihre Klamotten.«

Buccari schwebte zwischen die Sensoren, die an ihr Maß nahmen, und ließ erst Kopf, dann Hüften und schließlich Hände und Füße abtasten. Laserstrahlen wanderten über ihren Körper, dann kamen Preßplatten, die sich ihren Körperpartien anpassten. Der Zeugmeister prüfte die Ausdrucke und stellte die üblichen Fragen: Sind Sie immer noch Linkshänderin? Optisches oder aurales Feedback als Helmsensoren-Sequenz? Blasenentsorgungssensoren nebst Austauschkapazität? Und noch vieles mehr. Der Zeugmeister gab alles sofort ein.

»Chief«, sagte Buccari dann, »ich brauche auch eine passende Ausstattung für … die drei da.« Sie zeigte auf die Klippenbewohner.

Der Mann atmete langsam aus. »Ich hatte schon befürchtet, dass Sie das sagen würden. Was genau –«

»Unterzeug. Druckanzüge. Helme –«

»Reichen nicht einfache Druckkapuzen?«, flehte der Zeugmeister.

»Nein, es müssen Helme sein«, beharrte Buccari. »Und zwar Klasse Eins.«

»Also Helme«, stöhnte der Offizier. »Die kleinen Teufel haben dreieckige Köpfe. Die Helmformungseinheiten sind nicht für solche Schädel konzipiert.«

»Ja, das weiß ich auch«, erwiderte Sharl barsch und atmete dann tief durch. »Tut mir leid, Chief. Dann fertigen Sie eben eine neue Formungseinheit an. Ich muss auf den Helmen bestehen. Die drei werden nämlich zu meiner Crew gehören, und deswegen benötigen sie eine komplette Flug- und Kampfausrüstung.«

Der Zeugmeister rieb sich das Gesicht und warf einen scheelen Blick auf die drei Fremdwesen. Echsenlippe inspizierte gerade ein Helmregal. Tonto schwebte mit dem Kopf nach unten, und Flaschennase hing wie eine Kreatur aus einem grässlichen Albtraum über Buccaris linker Schulter.

»Niemand soll mir nachsagen können, meine Kleiderkammer sei schuld daran, dass etwas nicht fertig geworden ist«, sagte er schließlich. »Nun gut, sosehr ich es auch hasse, darum zu bitten, aber Sie werden das Trio für etwa eine Stunde bei mir lassen müssen. Die Biester beißen doch nicht, oder?«

»Sie wären schon längst tot, wenn die Klippenbewohner Ihnen etwas hätten antun wollen«, antwortete Sharl. »Ach, und achten Sie bitte auf die Passgenauigkeit an ihren Flügelaufhängungen, und bedenken Sie bei der Anfertigung, dass ihre Knochen sehr zerbrechlich sind. Das gilt ganz besonders für die beiden kleineren Wesen.«

»Äh, ja, das war mir schon aufgefallen.«

»Die Ausstattung darf sie nicht in ihrer Bewegungsfreiheit hindern.«

»Ich könnte da einiges an dem Unterzeug und den Overalls ändern, aber für den Kampfanzug sehe ich schwarz. Das ist sehr viel verlangt.«

»Stimmt«, musste sie ihm beipflichten. Sie tippte auf Echsenlippes Kommunikator einige Instruktionen ein und hielt ihm dann das Display hin. Der Handwerker las die Anweisungen und tschirpte dann, um sein Einverständnis kundzutun.

»Ich bin in einer Stunde wieder da«, verabschiedete sich Buccari und machte sich auf den Weg zu ihrer nächsten Erledigung.

Diesmal wählte sie eine Leiter, um auf Deck Acht hinaufzugelangen, auf dem sich die Quartiermeisterei befand.

Dort fragte sie sich zu dem kommandierenden Offizier durch.

»Ich brauche zwei nebeneinanderliegende Kabinen«, erklärte Buccari ihm.

»Die Gerüchteküche schläft nicht, Sir«, entgegnete der Mann. »Wir haben schon vernommen, dass Sie ein paar Freunde mitgebracht haben. Um ganz ehrlich zu sein, Dr. Tanaka hat sich vorhin an uns gewandt.«

»Können Sie mir denn helfen?«, fragte Sharl.

»Ich zeige Ihnen, was ich mir habe einfallen lassen.« Der Offizier legte ihr den Kabinengrundriss des Habitations-Rings vor. »Ich habe ein paar Ensigns rausgeschmissen und sie zurück in ihre alte Besenkammer gesteckt. Das wird Sie in deren Augen nicht unbedingt beliebt machen, aber als Ensign erwartet einen ein schweres Los. Damit hätte ich diese beiden Räume hier frei.«

»Ich komme mit meinen Freunden später vorbei, damit Sie Ihre Unterlagen speichern und verwerten können.«

»Legen Sie die rechte Hand auf die Identifikationsplatte, und sprechen Sie Ihren Namen dreimal laut und deutlich«, forderte der Offizier sie auf und schob ihre Karte in einen Erfassungsschlitz. Sharl folgte dem Befehl, und er erklärte: »Kabinen D432 und D434, in Ring Sektor Zwei. Möchten Sie sich jetzt im Bereitschaftsraum melden?«