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Scott Gier

Gestrandet auf
Genellan


Die Genellan-Chroniken 1


Roman


Übersetzt von Marcel Bieger



Blanvalet

Inhaltsverzeichnis

Buch und Autor
Copyright
Teil Eins - Eine Neue Welt
1 Schlacht
2 Rettungsboot
3 Orbit
4 Rapport
5 Auf der Oberfläche
6 Klippenbewohner
7 Erste Landung
8 Zweite Landung
9 Entscheidungen
10 Dritte Landung
11 Letzte Landung
Teil Zwei - Gesellschaften
12 Kon – Zweiter Planet der Sonne
13 Der Test
14 Regierungsdienste
15 Gnade
16 Wiedervereint
17 Den Gefallen zurückerweisen
18 Gorruk
19 Erkundung
20 Der dritte Planet der Sonne – Genellan
21 Beweisstücke
22 Salzzug
23 Begegnungen
24 Aggression

1 Schlacht

Wir sind tot, sagte sich Buccari. Eine Schweißperle löste sich vom durchnässten Rand des Kopilotenhelms und rann in ihr Sichtfeld. Sie drehte den Kopf, um den quecksilbergleichen Tropfen daran zu hindern, auf ihre wimpernlosen Augen zu treffen. Die Feuchtigkeitskontrolle in ihrem Kampfanzug aktivierte sich, und Buccari schluckte, um sich auf den Druckwechsel einzustellen.

»Lade vordere Kinetik wieder auf«, meldete sie und unterbrach damit die bedrückende Stille. Dann sah sie sich um. Der Command Pilot der Harrier One starrte wie betäubt auf das holografische taktische Display.

»Haben Sie verstanden, Skipper?«, fragte Buccari, schaltete auf Flugdeck-Interkom um und schloss damit den Rest der Besatzung von der Kommunikation aus.

Der Pilot hob langsam den Kopf, und sein goldfarbenes Visier blitzte auf, als es die Strahlen von Rex-Kaliph, der Sonne dieses Systems, reflektierte.

»Ja, Lieutenant, ich habe verstanden«, murmelte er.

Buccaris Besorgnis wuchs weiter an. Sie drehte sich in ihren Beschleunigungsgurten, um einen Blick auf Hudson werfen zu können, der eingepfercht in seiner kleinen Station hockte.

»Nash, was besagt der Status der Flotte?«, wollte sie von ihm wissen.

»Nichts Neues, Sharl«, antwortete der Zweite Offizier nervös. »Aber die Energie des Hauptantriebs sackt ab, und der Maschinenraum meldet sich nicht.«

Buccari wandte sich mit ihrem Helmscan rasch an ihren eigenen Schirm, und dort erhielt sie die Bestätigung der schlechten Nachricht. »Scheiße«, murmelte sie und schaltete verzweifelt, um eine Überbrückung herzustellen.

Hudson schluckte vernehmlich. »Habe Notfall-Override schon versucht.«

»Commander, Hauptantriebe schalten sich aus!«, schrie sie. »Der Computer weigert sich, die Override-Befehle anzunehmen. Uns bleiben jetzt nur noch die Steuerraketen.«

Buccari stieß sich von den Instrumententafeln ab, und ihr Scan schaltete auf taktisches Display – der Leuchtpunkt stellte den verbliebenen Alien-Abfangjäger dar, ein kriegerisches Icon, das sich mit seinen Manövern in die optimale Position für den nächsten Angriff brachte. Buccari atmete aus und blickte hinüber zum Piloten der Korvette, der immer noch wie eingefroren dahockte.

»Commander Quinn!«, schrie sie wieder. Der Pilot ließ sich nur widerwillig aus seiner Erstarrung reißen und drehte sich zu ihr um. Buccari erkannte in seinem Visier ihr eigenes behelmtes Abbild, das sich, immer kleiner werdend, bis in die Unendlichkeit wiederholte.

»Mister Hudson«, begann der Pilot. »Uns bleiben zehn Minuten, bis der Jäger in Schussweite gekommen ist. Begeben Sie sich zum Maschinenraum, und versuchen Sie herauszubekommen, was dort eigentlich los ist.«

Der Angesprochene nickte, löste die Gurte und schob sich über das Flugdeck zu der Öffnung, durch die man in den Mittschiffs-Gang gelangte. Die Druck-Iris schloss sich hinter ihm.

Buccari blickte hinaus in die sternendurchblitzte Schwärze des Alls. Es war tatsächlich zu einem visuellen Kontakt gekommen. Grelle, speergleiche Silberstreifen. Aliens! Sie waren auf Außerirdische gestoßen. Nicht, dass sie sich etwas darauf einbilden konnten. Die Flotte war direkt in ein verfluchtes Nest dieser Wesen geraten! Ein ganzes verdammtes Sternensystem, in dem es von Fremdrassigen wimmelte, die der Legion kräftig in den Arsch getreten hatten.

Harrier One hatte zwei fremde Schiffe zerstört. Buccari selbst hatte durch die Digitaloptik der bordeigenen Laserkanone beobachtet, wie einer der Raumer explodiert war, kurz bevor ein Beinahevolltreffer das mächtige Energiefeuerungsgeschütz ausgeschaltet hatte.

Ein aufblitzendes, strahlendes Warnlicht an der Environmentkonsole über ihrem Kopf beanspruchte ihre Aufmerksamkeit.

»Strahlenschaden, Sharl?«, fragte Quinn.

»Hintergrundstrahlung«, antwortete sie. »Stammt nicht von einer Waffendetonation, dafür ist sie zu konstant. Möglicherweise Solarausbrüche auf Rex-Kaliph. Sonnenflecke oder so was. Scheint ein ziemlich heißer Stern zu sein.« Sternenlicht ergoss sich durch die Sichtschirme, erzeugte tiefe Schatten auf dem Flugdeck und überzog den Boden mit einem Muster aus verschiedenen Grautönen.

»Sieht schlecht für die Greenland aus«, meldete der Pilot düster. »Sie hat einen schlimmen Treffer abbekommen.«

»Ich würde mir mehr Sorgen um unser eigenes Schiff hier machen, Commander«, gab Buccari barsch zurück.

»Klar«, brummte Quinn. »Uns bleiben nicht mehr viele Optionen, eigentlich gar keine …«

Sie schloss die Augen, als der Pilot die Command-Leitung einschaltete.

»Achtung, das betrifft alle«, verkündete Quinn. »Wir haben das Ende der Fahnenstange erreicht. Das Schiff ist zu verlassen. Ich wiederhole: Schiff evakuieren. EPL und Rettungsboote bemannen. Antreten in zwei Minuten.«

Buccari keuchte, als hätte sie einen Schlag in den Magen erhalten. Das ergab doch keinen Sinn. Das EPL und die Rettungsboote besaßen keine Verteidigungsvorrichtungen – sie waren vollkommen hilflos.

»Kinetik zeigt vollständige Wiederaufladung an«, beharrte sie. »Armierung abgeschlossen.«

»Setzen Sie Ihren Arsch in Bewegung, Lieutenant«, knurrte der Commander. »Sie sind der EPL-Pilot. Ich bilde den Schluss.«

Buccari befreite sich aus den Gurten, aber ihr Versuch, das Deck zu verlassen, wurde von der massigen Körperfülle des Chefingenieurs zunichte gemacht. Deckoffizier Rhodes schob sich in den beengten Raum, quetschte sich auf den Platz des Zweiten Offiziers und schnallte sich an. Kurz darauf tauchte auch Hudson wieder auf. Er hatte Mühe, den Helm und die breiten Schultern durch die schmale Öffnung zu zwängen.

»Hab die Laserkanone an die Hauptenergie gehängt!«, rief Rhodes.

Quinn fuhr in seinen Gurten herum. »Was soll das heißen, die Kanone? Die Hauptenergie ist doch fort! Was habt ihr Burschen denn da getrieben? Warum ist denn keiner auf der Leitung?«

Der Warrant Officer hob die Hände. Die Funkanlage des Piloten überlagerte alle anderen Kommunikationsleitungen. Rhodes konnte erst antworten, als der Commander keine Fragen mehr herunterrasselte.

»Goldberg hat die Fusionsionisatoren klargemacht und aufgespult«, begann Rhodes.

»Aber was ist denn mit den Reaktortemperaturen?«, platzte Buccari über ihren Anzugfunk dazwischen.

»Die Hauptenergien sind heiß«, antwortete der Warrant Officer. »Ich habe die Energie über den Hilfsbus umgeleitet. Das hat unsere Kommunikationsleitungen lahmgelegt und den Energiemanager aussetzen lassen. Im Primärbus sieht es ganz schön übel aus, aber wir können in fünf Minuten mit den Synchronisatoren rechnen. Die Autokontrollen sind kaputt; und die Feuerkontrolle muss manuell vorgenommen werden.«

Quinn drehte sich wieder zu seiner Kommandokonsole um und rief über Interkom die Waffenkontrolle. »Gunner, sind Sie auf Leitung?«

Augenblicklich kam die Antwort aus der zwei Decks tiefer gelegenen Abteilung: »Ja, Skipper«, ertönte die tiefe Stimme von Chief Wilson. »Ich habe Schmidt und Tookmanian schon zu den Rettungsbooten geschickt. Was geht denn …«

»Bleiben Sie auf Empfang, Gunner. Wir haben noch einen Trumpf in die Hand bekommen, den wir ausspielen können. Sie erhalten gleich grünes Licht auf dem Geschützpaneel. Justieren Sie neu auf unseren Freund ein und bereiten Sie sich darauf vor, ihm den Arsch zu grillen. Noch Fragen?«

»Äh, nein, das geht Roger, Sir«, sagte Wilson. »Ist das auch kein Witz? Unser Freund flitzt hier von einer Ecke in die andere, aber ich habe ihn fest auf dem Schirm. Schätze, in sieben oder acht Minuten ist er wieder in Schussweite. Ich weiß nicht, was Virgil Ihnen erzählt hat, Skipper, aber nach meinen Werten sind wir zwei Wochen von einer heißen Kanone entfernt.«

Buccari sah den Warrant Officer an. Der Ingenieur hob den Daumen der einen Hand und machte mit der anderen das Okay-Zeichen.

»Haben Sie Gottvertrauen, Gunner«, meinte der Pilot. »Kontrollsequenz erfolgt manuell, und die Energie kommt über die Hilfsleistung. Halten Sie sich bereit.«

Buccari schwebte über ihrer Station und erhaschte einen Blick auf die taktische Anzeige. Der fremde Jäger hatte gerade den Scheitelpunkt seiner Wendekurve hinter sich gebracht. Die wild blinkenden Feindkontaktlämpchen brannten jetzt dauerhaft.

»Zurück auf Ihren Platz, Sharl«, befahl Quinn.

Sie gehorchte mit grimmiger Miene, schnallte sich an und rief den Waffenstatus ab.

»Hier spricht Maschinenraum«, meldete sich Rhodes über Interkom. »Goldberg hat den Kreislauf wiederhergestellt. Ich kehre zur Hauptkontrolle zurück.« Der Chief hangelte sich durch das Flugdeck und stieß dabei beide Piloten mehrfach mit verschiedenen Partien seines Körpers an.

»Mr. Hudson, Sie übernehmen EPL«, befahl Quinn unvermittelt. »Leiten Sie die Evakuierung ein. Die Marines und alle Crewmitglieder, die nicht dringend gebraucht werden, sollen die Korvette sofort verlassen.«

»Sir!«, widersprach der Mann. »Dafür bin ich nicht ausreichend qualifiziert. Ich kann …«

»Sie haben den Skipper doch gehört!«, platzte Buccari dazwischen: »Soeben sind Sie für diese Aufgabe qualifiziert worden.«

»Aber –«, protestierte Hudson.

»Jetzt, Ensign!«, ordnete der Pilot barsch an. »Setzen Sie sich endlich in Bewegung!«

Hudson stammelte eine Antwort, löste sich aus den Gurten und schwebte rasch aus dem Flugdeck. Buccari wandte ihre Aufmerksamkeit der Debatte in der Feuerleitstelle zu. Rhodes und Wilson diskutierten über die Vorbereitungen, die zur manuellen Steuerung der Energiewaffen einzuleiten waren.

»Okay, Gentlemen«, schaltete sie sich ein und überlagerte die Funksprüche der beiden. »Komplett manuell. Gehen Sie die Checkliste bei Presync durch.«

»Roger, Lieutenant«, sagte Wilson. »Bereit für Checks.«

»Energie ist zu niedrig für Kapazitätsausrichtung, Lieutenant«, meldete Rhodes. »Wir brauchen noch zwanzig Sekunden. Und aus diesem Chaos hier bekommen wir höchstens einen Schuss heraus. Nach dem Ausstoß braucht die Anlage mindestens eine halbe Stunde zur Regeneration. Wahrscheinlich sogar noch erheblich länger.«

»Bereithalten, Virgil. Leiten Sie Vorarmierung ein, Gunner«, befahl Buccari. Sie musste sich zusammenreißen, um ihre wachsende Nervosität niederzuzwingen. Haben wir noch genug Zeit?

Während Buccari sich die Checklisten durchgeben ließ, warf sie immer wieder kurze Blicke auf den Piloten; sie sorgte sich, dass er wieder in die Taubheit seines Selbstmitleids zurücksinken würde. Aber vielleicht war das nicht länger wichtig. Ihr angeschossenes Schiff trudelte hilflos durchs All. Sie hatten alle ihre Trümpfe ausgespielt. Während der Hektik des Gefechts hatte Quinn aus der abnehmenden Energie und der nachlassenden Waffenversorgung das Beste gemacht, was aus dieser Situation noch herauszuholen war. Der letzte Beschleunigungsstoß war ein Akt der Verzweiflung gewesen und hatte den Haupttriebwerken die letzten Reserven abverlangt. Doch der Schub hatte ausgereicht, die Korvette durch das Netzwerk von Explosionen und Energiestrahlen zu katapultieren und vom Feind zu lösen. Bis zu diesem Punkt hatte der Pilot sich tapfer geschlagen und sich so verhalten, wie man das von einem Schiffskapitän erwarten durfte. Doch dann waren die panikerfüllten Meldungen – die Hilferufe – der T. L. S. Greenland eingegangen, dem Mutterschiff der Korvette. Die furchtbare Gewissheit, dass die Greenland um Hilfe flehte, hatte das Mark in Quinns Rückgrat verflüssigt – seine Frau war der leitende Wissenschaffsoffizier an Bord des Mutterschiffes.

»Skipper«, rief Buccari streng, »fahren Sie auf neunzig für die Waffenfreigabe.«

Ohne darauf zu antworten, schaltete Quinn am Computer die Autostabilisierung aus, hieb auf den Manöver-Alarm und zündete die Steuerungsraketen an Backbord. Die mächtige Korvette drehte sich wie verrückt. Der Pilot stoppte das Rotationsgeschaukel mit einigen geschickten Gegenschüben an der Steuerbordseite.

»Nash! Evakuierungs-Status!«, brüllte Buccari in ihr Halsmikrophon.

Hudson meldete sich sofort: »Unser Äpfelchen braucht noch eine Minute. Erbitte von Ihnen, alle Manöver anzuhalten, bis ich die Decktore geöffnet habe. Lee und die Verwundeten befinden sich bereits im Rettungsboot Eins und sind zum Ausstoß bereit. Boot Zwei wird nicht gebraucht. Es gibt hier unten immer noch einige Verwirrung darüber, wer mitfliegt und wer bleibt, aber das soll uns nicht daran hindern, auf Ihr Signal hin sofort abzudüsen.«

Eine besorgte Stimme – die von Dawson, der Schiffskommunikationstechnikerin – platzte dazwischen. »Skipper! Wir kriegen eben einen Flash-Override herein.«

»Dawson, alle Mann in die Rettungsboote!«, schrie Buccari in ihr Mikrophon.

»Commander!«, beharrte die Technikerin für ihre Verhältnisse außergewöhnlich erregt. »Wir haben eine unverschlüsselte Dringlichkeitsmeldung von einer Alarmboje erhalten! Die Einsatzgruppe ist gesprungen, Sir. Mit anderen Worten, unsere Flotte ist nicht mehr da.«

Stille breitete sich im Schiff aus. Allen an Bord hatte es die Sprache verschlagen, den meisten sogar den Atem! Die Mutterschiffe hatten sich verzogen und waren in die unendliche Weite verschwunden, befanden sich irgendwo hinter den Hürden der Zeit. Eine Rettung für die Korvette lag nun Lichtjahre entfernt. Es würde Monate, wenn nicht Jahre dauern, ehe ein Bergungstrupp den Hyperlicht-Zyklus abgeschlossen hatte. Die Sekunden des Schweigens dehnten sich unerbittlich quälend langsam immer weiter aus.

Buccari schlug mit der Faust auf die Kommunikationstaste und rief über die Allgemeinleitung: »Dawson, schwingen Sie Ihren Hintern in das Boot. Rhodes, Sync-Countdown. Wir haben da eine Wanze auf unserem Kurs!«

Quinn regte sich wieder. Seine Hände bewegten sich automatisch wie die eines Roboters, der seiner Programmierung gehorcht. Das feindliche Schiff erhöhte seine Geschwindigkeit stetig und schnitt in den eisern eingehaltenen Vektorwinkel der Korvette.

»Hudson? Empfangen Sie mich?«, fragte der Pilot mit fester Stimme.

»Ja, Sir«, ertönte die körperlose Stimme. »EPL und Rettungsboot sind abflugbereit. Wie werden wir vorgehen, Sir?« Hudson hatte sich wirklich beeilt.

»Ich hatte gehofft, Sie hätten eine gute Idee«, entgegnete Quinn. »Für den Augenblick möchte ich, dass Sie starten. Legen Sie einen Vektor ein, der Sie möglichst weit von der Korvette fortbringt, und bleiben Sie drauf. Normale Transponder-Kodes. Halten Sie Kontakt mit dem Rettungsboot. Wenn Sie nach zwei Stunden nichts Neues mehr von mir gehört haben, versuchen Sie, sich allein zur Erde durchzuschlagen. Dauert höchstens drei- bis viertausend Jahre. Wenn die Aliens Sie vorher erwischen sollten, vergessen Sie Ihre guten Manieren nicht.«

Buccari setzte ein verzerrtes Grinsen auf und atmete langsam aus. Das Symbol für einen Planeten leuchtete nun schon seit einigen Stunden auf – R-K Drei, der dritte Planet der Sonne dieses Systems.

»R-K Drei erscheint jetzt in Sektor Zwei«, meldete sie. »Wir könnten ihn erreichen.«

Quinn nickte. »Hudson, stellen Sie eine Verbindung mit dem Computer her. Checken Sie Tactical. Sektor Zwei. Planet in Reichweite. Steuern Sie darauf zu. Viel Glück, Ensign. Start freigegeben.«

Buccari stellte die Komm-Verbindung zum Waffenkreislauf her und schaltete damit Hudsons Antwort aus. »Status-Bericht, Gunner«, verlangte sie.

»Hauptkontrolle zeigt Drei-Sigma an«, antwortete Wilson. »Die Lager drehen sich. Energie auf fünfundvierzig Prozent und steigend. In etwa vier Minuten sollten wir genug Saft zum Feuern haben, und die Optiksynchronisierung dürfte jeden Moment hergestellt sein. Rhodes dreht hier wegen der Kurzschlüsse noch durch.«

»Okay, Sharl«, erklärte der Pilot und legte alle auf den Hauptkommunikationskreis. »Dann wollen wir mal Nägel mit Köpfen machen. Wie viele Lockvögel haben wir noch?«

Buccari überprüfte die Waffenkonsole. »Drei.«

»Abwurf bei sechzehnhundert. Wie steht’s mit den Kinetiks?«

»Dreiundzwanzig schwere und ein paar hundert kleine«, antwortete sie. Buccari hob den Kopf und spähte in die schwarze Unendlichkeit, wo sie nichts ausmachte und wo es auch nichts zu sehen gab. Ihre Gedanken kehrten unweigerlich zu der Evakuierung zurück. Die Systempaneele zeigten an, dass der Druck aus den Startdecks gesogen wurde. Ein ferner, harter Schlag, dem ein Hochfrequenz-Rumpeln folgte, ließ die Metallhülle des Schiffes vibrieren. Die Statuslämpchen wechselten die Farbe – die Decktore waren wieder geschlossen. Ein Rettungsboot und der EPL – der Endoatmosphärische Planetenlander – waren gestartet. Der größte Teil der Korvettenbesatzung hatte das Schiff verlassen und war in die schwarze Leere hinausgespuckt worden.

Chief Wilson meldete sich: »Feuerkontrolle hat Aktiverfassung. Das Signal kommt nur undeutlich, und der Bursche gibt sein Bestes, um uns zu stören, doch sporadisch bekommen wir ihn ins Visier. Die Energie ist schwach, aber konstant. Meine Instrumente zeigen grün an. Beta Drei Punkt Zwei und fallend. Übergebe jetzt manuelle Kontrolle an Flugdeck.«

»Hier spricht Buccari«, schaltete sich der Lieutenant ein. »Habe Feuerkontrolle übernommen. Ladesequenz eingeleitet.«

Quinn legte einen roten Schalter um, der über seinem Kopf angebracht war. Buccari zeigte ihm zum Zeichen des Okay den erhobenen Daumen, und der Pilot begann, die Energiewaffe feuerbereit zu machen. Bernsteinfarbene Lichter leuchteten auf dem Waffenpaneel des Lieutenants auf, und hinter ihr ertönte das leise Geräusch einer Glocke. Sie verschob ein paar Hebel, und das bernsteinfarbene Licht wechselte zu Grün über. Der Glockenton wurde schriller. Quinn schaltete den Alarm aus, und der Lieutenant starrte auf die Anzeigen auf ihrer Geschützkonsole. Die Entfernungsfadenkreuze rückten unwiderruflich näher. Das Feindschiff befand sich nun unausweichlich in der Erfassung. Nur Sekunden noch, bis es in die Reichweite der Fernwaffen geriet. Im Grunde ein Kinderspiel, das Buccari zu viel Zeit ließ – zum Nachdenken über das, was jetzt zu tun war, und sich Sorgen zu machen.

»Feuerentfernung?«, fragte sie.

»Warten Sie noch bis vierhundert«, antwortete der Pilot. »Wir verputzen ihn zum Lunch.«

Der Lieutenant sah nach oben. Das fremde Schiff schien ihr sehr viel weiter entfernt zu sein.

Ein neuer Alarm ertönte und zeigte Feindnähe an. Die Waffenkreisläufe liefen heiß. Gunner Wilson sprudelte endlose Daten über Waffen-Status und Kontakt zum Alien herunter. Buccari warf kurze und knappe Vorbereitungsbefehle dazwischen, und Quinn manövrierte die Korvette, um den Feuerwinkel des Geschützes entsprechend zu optimieren. Der Kurs des Schiffes verlief nicht störungsfrei. Die Schubraketen hatten in der Schlacht einiges abbekommen und arbeiteten nicht synchron. Und die Energieschübe erfolgten asymmetrisch in dem verzweifelten Bemühen, die Korvette aus ihrer ballistischen Bahn und auf neuen Kurs zu zwingen.

Wilson: »Alien auf zehntausend heran, Sektor Sechs. Geschwindigkeit um Null Punkt Acht höher. Kontaktradius in Dreißig. Optical-Scan mit starken Schwankungen.«

Buccari: »Roger. Feuer bereit. Alle Anzeigen auf Grün.«

Wilson: »Alien auf Sechstausend, Sektor Sechs. Flugbahn verläuft hoch und nach steuerbord. Jetzt Sektor Fünf. Haben ihn auf dem Scan.«

Buccari: »Bereit machen für Abschuss der Lockvögel.«

Wilson: »Dreitausend, Sektor Fünf. Alien versucht Ausweichmanöver. Optikerfassung wechselnd.«

Buccari: »Roger. Lockvögel abfeuern.«

Der Pilot bediente die Manöverraketen und brachte das Schiff dazu, zu buckeln und seitlich auszubrechen. Trotz des Ruckens und Ausscherens behielt der Lieutenant die Feuervorbereitungen im Griff.

Wilson: »Schiff auf Sechzehnhundert, Sektor Fünf. Richtung konstant. Optik hat ihn fest erfasst. Er feuert auf unsere Lockvögel.«

Buccari: »Roger. Abschuss.«

Sie drückte auf einen Knopf auf ihrer Waffenkonsole. Eine Salve von kinetischen Energiegeschossen, die Geräusche wie herumfliegendes Popcorn erzeugten, zogen auf dem Sichtschirm des Flugdecks ihre unselige Bahn. Quinn drehte die Korvette um neunzig Grad nach backbord, startete eine neue Batterie Manövrierraketen und brachte so weitere Geschützluken in Feuerposition. Buccari jagte sofort eine neue Salve Energiegranaten hinaus.

Wilson: »Schiff auf Zwölfhundert. Er hat unsere Lockvögel fortgefegt und nimmt uns ins Visier.«

Kreischend heulten die Sirenen durch das Schiff, welche eine gegnerische Radarerfassung anzeigten. Der Feind machte sich bereit, die Korvette unter Beschuss zu nehmen. Das grässliche Warngeräusch kam den Männern und Frauen auf unangenehme Weise vertraut vor. Es gab keine Möglichkeit, den bevorstehenden Explosionen zu entkommen – es sei denn, sie hätten alle Energie von den Waffen abgezogen, um ein Ausweichmanöver zu fliegen; und damit wäre die Korvette wehrlos gewesen. Sie konnten nur auf Position bleiben und zurückfeuern. Das Lasergeschütz war ihr letztes As im Ärmel.

»Und hiermit verabschieden wir uns von einer weiteren Salve kleiner Geschosse und unserer letzten Dicken«, verkündete der Lieutenant, während ihre Finger über die Waffenkonsole flogen. Ferner Donner vibrierte durch das Schiff, und dann folgte ein Chor leiserer ploppender Geräusche. Der Pilot wendete die Korvette wieder, warf sie herum und gab so den Blick frei auf die Zerstörungsbahnen, die durch den interstellaren Raum rasten. Buccari überprüfte die taktische Anzeige. Das näherkommende Ziel verschmolz mit der Grundlinie. Der Entfernungs-Selektor aktivierte sich, veränderte automatisch den Maßstab und brachte so das feindliche Schiff wieder mitten auf das Display zurück.

Wilson: »Tausend Kilometer. Weicht unsere Geschossen aus. Fliegt keine großen Manöver, sondern versucht nur, ihnen zu entgehen. Alle seine Systeme stehen unter Hochdruck, während er sich seinen Weg hindurch sucht.«

Buccari checkte die Waffenausrichtung und die optische Anpassung, ehe sie sich wieder der taktischen Anzeige zuwandte. Die Erfassungsfadenkreuze waren genau auf das Ziel ausgerichtet. Die nächste Salve des Gegners würde dem Schiff den Rest geben. Sie umklammerte den Feuerhebel und schob die Sicherung zurück.

»Okay, Gunner«, erklärte sie und war von ihrer Ruhe überrascht, »programmieren Sie Aufladen. Geschütz feuerbereit halten. Energie-Status bestätigen.« Der Lieutenant drückte auf einen anderen Knopf, und Raketenschwärme warfen sich der näherrückenden Zerstörung entgegen.

Wilson meldete sich unverzüglich. »Energie hoch. Keine Störungen. Alle Systeme gecheckt. Bereit zu feuern.«

Buccari überprüfte noch einmal die Erfassung und starrte dann in die Schwärze des Alls hinaus. Die Geschosse der Korvette waren zu erkennen und schmerzten in den Augen: Stöße von blendend weißer Helligkeit steuerbords, die in regelmäßigen Intervallen ins Vakuum sausten, jede von ihnen ein Meteor, eine gleißende Scheibe aus Stahl und Uran.

Warum gibt der Bursche kein Feuer? fragte sie sich, und im nächsten Moment erfassten ihre Augen ein kaum wahrnehmbares fernes Glimmen. Der Lieutenant konzentrierte sich auf diesen Punkt in der Unendlichkeit und machte die untrüglichen Anzeichen einer kolossalen Explosion aus, die angesichts der riesigen Entfernung nur als nadelkopfgroßer Lichtpunkt wahrzunehmen war.

Wilson: »Sechshundert und … Sir! Der Bursche verblasst auf dem Schirm. Sein Radar und seine Zielsucher erfassen uns nicht mehr, und … Er ist fort. Komplett vom Schirm verschwunden! Irgendwas … Die Raketen müssen ihn vernichtet haben!«

Buccari wandte sich wieder der taktischen Anzeige zu. Ein paar Warnlichter blinkten noch auf, aber die Cursors hatten sich alle wieder zurückgezogen, und nirgendwo wurde eine aktuelle Bedrohung angezeigt. Noch während sie hinsah, setzte rings um sie herum der Alarm aus.

»Irgendetwas stimmt da nicht«, meldete sie und löste die starren Finger vom Waffenhebel. »Der Feind ist von unseren Geschützen erwischt worden. Ich habe hier aber keinerlei Anzeigen, die auf einen Treffer hinweisen.«

Buccari stellte die Laserscanner neu ein. Wieder nichts. Sie hob den Kopf und starrte auf die Sichtschirme. Dann drehte sie sich zu Quinn um, und ihre behandschuhte Hand schirmte immer noch das Helmvisier ab.

»Es ist fort … vollkommen vernichtet«, murmelte sie ungläubig.

Das nervenaufreibende Schrillen der Alarmsirene verstummte stotternd, und das einzige Geräusch, das sich jetzt noch vernehmen ließ, war das leise Rauschen des Sauerstoffs, der durch die Atmungssysteme ihrer Kampfanzüge strömte.

»Und jetzt zum Rettungsboot«, flüsterte der Pilot und hieb auf den Knopf für den Manöveralarm.

2 Rettungsboot

Das Rettungsboot pendelte und schwankte leicht, als die Steuerungsdüsen abgefeuert wurden, um es in eine stabile Lage zu bringen. Nachdem es von der vergleichsweise riesigen Masse der Korvette abgestoßen worden war, besaß das Gefährt keinen eigenen Antrieb und konnte wenig anderes tun, als auf dem Impulsvektor durchs All zu treiben, auf den der Abstoß es geschickt hatte.

Leslie Lee unterdrückte ihre augenblicklich aufkommende Panik und vermerkte die angestiegene Temperatur und den beschleunigten Pulsschlag des verwundeten Marines. Die anderen Insassen des Rettungsboots lagen angeschnallt auf den Bänken, die aus den Seiten des zylindrischen Schiffs ragten. Sechs der acht Plätze waren belegt. Lee befreite sich aus ihren Gurten und schwebte durch das beengte Innere der Röhre. Rennault hatte das Bewusstsein noch nicht wiedererlangt. Sein Arm war gebrochen, und Lee vermutete, dass er auch innere Verletzungen davongetragen hatte. Sie erhöhte die Sauerstoffzufuhr und gab eine Plasmalösung in die Versorgungsklappe seines Raumanzugs ein. Der zweite Verwundete – Fenstermacher, der Boatswains Mate – kam allmählich wieder zu sich. Er hatte nicht nur mehrere gebrochene Rippen, sondern sich überdies noch in seinen Raumanzug übergeben.

Die Marines waren von dem Angriff überrascht worden und hatten sich ihre Verletzungen schon in einem sehr frühen Stadium der Schlacht zugezogen. Rennault war es nicht gelungen, sich rechtzeitig anzuschnallen, und die ersten harten Schwenkmanöver der Korvette hatten ihn hilflos durch die Kabine krachen lassen. Vermutlich hätte er sich irgendwo den Hals gebrochen und womöglich wichtigen Geräten und seinen Kameraden schwere Schäden zugefügt, wenn der drahtige Fenstermacher nicht so mutig gewesen wäre und sich einem ähnlichen Schicksal ausgesetzt hätte, indem er sich teilweise aus seinen Gurten löste und den Marine mitten im Flug abfing. Es war ihm gelungen, seinen Kameraden fest- und am Boden zu halten. Damit hatte er sie beide davor bewahrt, noch einmal durch den kleinen Raum zu fliegen – aber gegen die heftigen Stöße der mächtigen G-Schübe hatte sie das nicht gefeit.

Fenstermacher versuchte mühsam, den Kopf zu heben. Seine Trägheitsspulen waren geschlossen. Lee öffnete sie, und der Verwundete drehte den Kopf, um sie anzusehen. Er spähte angestrengt durch den beschmierten Visor.

»Riecht richtig lecker da drin, was?«, scherzte sie, während sie mit einer Bleistiftlampe in seine Augen leuchtete, um festzustellen, wie stark sich seine Pupillen erweitert hatten. Sie schob seinen Kopf behutsam auf die Bank zurück. Seine Augen wirkten normal, aber das war durch den verschmutzten Sichtschirm nicht ganz eindeutig zu erkennen. Dann beugte Lee sich über seinen linken Arm, den er dank eines aufgepumpten Druckverbands nicht bewegen konnte. Am Rand ihres Bewusstseins nahm sie einen Druck auf ihrer Brust wahr, denn Fenstermacher stöhnte auf eine ganz eigentümliche Weise. Lee alarmierten diese Geräusche, und irrtümlich hielt sie sie für Schmerzenslaute. Sie fuhr von ihm zurück, als sie feststellte, dass die Rechte des Marines nicht ganz zufällig über ihren Busen wanderte. Die Machart des Raumanzugs bot zwar keine Möglichkeit, die topografischen Besonderheiten ihres Körpers zu ertasten, aber das hinderte Fenstermacher nicht daran, sie weiter zu begrabschen und dabei lüstern zu grunzen. Lee warf einen Blick auf seine Hand, schob sie müde fort und musste dann doch wehmütig darüber lächeln, welche Bedürfnisse einen gerade erst erwachten Schwerverletzten im Angesicht einer tödlichen Gefahr bewegten. Welche Anmaßungen doch den Lebenden zu eigen waren.

»Idiot«, murmelte sie mit belegter Stimme und war den Tränen nahe.

»Ach, machen Sie sich mal keine Gedanken, Les«, sagte Fenstermacher matt und brach damit die Rettungsbootvorschriften, die ihm das Sprechen untersagten. »Wir schaffen es schon. Irgendwer liest uns schon auf.«

»Aber klar doch, Leslie«, mischte sich eine andere Stimme ein, die von Dawson. Lee wandte den Kopf nach Bank drei, auf der die Kommunikationstechnikerin gerade den behelmten Kopf aus den Gurten hob. »Zum ersten Mal in seinem Leben hat Fensterschwanz recht.«

»Danke für die Unterstützung, Hässlichkeit«, entgegnete der Marine heiser. »Ich nehme zurück, was ich über dich gesagt habe, von wegen du seist hässlich und blöde. Jetzt bist du nur noch hässlich wie die Nacht.«

»Der Bursche ist es wirklich nicht wert, sich über ihn aufzuregen«, sagte die Technikerin. »Ich hoffe aber sehr, dass er schlimme Schmerzen hat. Leslie, schicken Sie ihn doch in die Bewusstlosigkeit zurück, oder besser noch, bringen Sie ihn zum Schreien.«

»Die Flotte ist weg«, brummte eine tiefe Stimme. Sie gehörte Tookmanian, einem der Waffentechniker. »Wir sind verloren. Nur der Herr kann uns noch retten.«

»Verschon uns damit, Tooks«, mahnte Schmidt, der andere Waffentechniker.

»Lobet den Herrn!«, ließ sich Gordon, der jüngste der Raummarines vernehmen.

»Vielen Dank für Ihre Ratschläge«, erklärte Dawson, »aber ich setze mein Vertrauen lieber in Commander Quinn und Lieutenant Buccari. Wenn uns jemand hier rausbringen kann, dann diese beiden.«

»Der Lieutenant hat dich vorhin ganz schön in deinen klapprigen Drachenschwanz getreten«, spottete Fenstermacher.

»Sie hat ihren Job getan und ich den meinen«, gab die Kommunikationstechnikerin zurück. »Buccari weiß, was sie tut. Und sie kann mich anschreien, wann immer sie das will.«

»Okay, liebe Leute«, schaltete Lee sich ein, »Sie kennen die Vorschriften. Jetzt ist Schluss mit dem Geplapper.« Die Unteroffizierin seufzte hilflos und sah sich in dem vollgepfropften Innern des spartanisch eingerichteten Zylinders um. Sie trieb zu ihrer Station und stellte dabei fest, dass die Solarzellenflügel ausgefahren worden waren. Das Rettungsboot befand sich in der Nähe eines Sterns. Die Versorgung mit elektrischer Energie sollte daher kein Problem darstellen. Selbst wenn sie alle längst erstickt waren, würden die Lichter immer noch brennen. Lee schluckte hart und versuchte, sich zu konzentrieren. Doch sofort überkam sie wieder Panik. Aliens! Die Flotte war verschwunden, und die Korvette befand sich in großen Schwierigkeiten. Kein Wunder, dass Leslie Angst hatte.

Ein Indikator blinkte auf, und sofort folgte ihm eine Alarmsirene. Lee schloss den Helmfunk wieder an und hörte gleich Ensign Hudson, der sie zu erreichen versuchte.

»Rettungsboot Eins alles klar«, meldete sie. Es gelang ihr nicht, ihre Stimme ruhig klingen zu lassen.

»Roger, Eins. Wir haben den Angreifer zerplatzen lassen«, teilte der Ensign ihr aufgeregt mit. »Damit haben wir es geschafft … für den Augenblick jedenfalls. Ich hole Sie jetzt gleich. Gibt es bei Ihnen irgendwelche Probleme?«

»Nein, Sir, alles unter Kontrolle. Ich habe gerade die Verwundeten untersucht.« Lee gurtete sich an, während sie Meldung machte. Sich beschäftigen zu können löste die Anspannung in ihr. Sie erkannte, dass sich alle Passagiere ruhig verhielten und normal atmeten. Erleichtert drückte sie mehrmals auf den Druckregulator und verminderte die Sauerstoffzufuhr. Alle Luft, die jetzt eingespart wurde, bedeutete unter Umständen, ein paar Minuten länger leben zu können.

»Wie geht es den Verletzten? Ich habe gehört, Fenstermacher habe sich wie ein richtiger Held benommen«, sagte Hudson.

»Ja, schon, aber auch wie ein reichlich dummer Held. Und er hat sich die Hosen vollgemacht. Schwimmt bis zum Hals in seinem Erbrochenen.« Die Unteroffizierin bemerkte, dass ihr Funkverkehr in alle Stationen des Rettungsbootes übertragen wurde. Sie drehte sich um und sah zu Fenstermacher. Er hatte den gesunden Arm in den Mittelgang gestreckt und den Daumen gereckt.

»Hören Sie endlich damit auf, sich zu bewegen!«, befahl sie streng. »Sie wissen genau, dass es nicht gestattet ist, sich zu bewegen. Fenstermacher! Den Arm zurück, sonst schlage ich Sie k. o.« Die Hand verschwand, und kurz bevor sie nicht mehr zu sehen war, wurde der Daumen eingezogen und der Mittelfinger ausgestreckt. Die Unteroffizierin schaltete die Verbindungen zur Kabine ab.

»In weniger als einer Minute hören Sie auf Ihrer Hülle einen Kontakt«, fuhr der Ensign fort. »Ich werde Sie mit dem Greifarm sichern.«

»Mr. Hudson, die Flotte ist gesprungen!«, rief Lee. »Was sollen wir denn jetzt tun?«

»Eins nach dem anderen, Leslie. Erst einmal sichere ich Ihr Rettungsboot und docke es an. Und dann sehen wir weiter. Wenn es Ihnen ein Trost ist, ich selbst habe auch eine Scheißangst. Und jetzt bleiben Sie bitte auf Empfang.«

»Jawohl, Sir«, bestätigte sie und tröstete sich mit dem Gedanken, dass man das Boot in Kürze ins Schlepptau nehmen würde. Dann war sie nicht mehr allein und die Last der Verantwortung für die hilflosen Passagiere von ihren Schultern genommen. Sie unterdrückte ihre Sorgen und konzentrierte sich auf die Checkliste der Dinge, die es nun zu erledigen galt.

 

»Befinden uns im Hyperlicht, Sir … Admiral, haben Sie mich empfangen? Ein stabiler Sprung«, meldete Captain Wells, der Flag Operations Offizier. »Sir, ist alles in Ordnung mit Ihnen?«

Fleet Admiral Runacres schwebte am Perimetergeländer auf der Brücke seines Flaggschiffs. Selbst in der Nullschwerkraft des Operationszentrums bemühte er sich, den Eindruck zu erwecken, mit festem Griff und breitbeinig an der Reling zu stehen. Die Last der Sorgen drückte sein behelmtes Haupt nach unten. Die Soldaten der Brückenwache der T. L. S. Eire in ihren Kampfanzügen bewegten sich unter ihm und gingen ihrem Dienst nach. Doch immer wieder sah einer von ihnen vorsichtig in seine Richtung. Runacres hob langsam den Kopf und studierte die Displays. Rote Notfallsignale blitzten auf den Anzeigenpaneelen auf und zeigten den Zustand an, in dem sich das glücklose Mutterschiff befand.

»Admiral«, sagte Wells, »wir sollten den Netzsektor der Greenland untersuchen. Wir haben das Schiff erfasst, aber es gibt keine Lebenszeichen von sich. Weder Signale noch Funkverkehr. Ein paar ihrer Rettungsboote sind geborgen worden.«

»Das sehe ich selbst, Franklin«, entgegnete Runacres und stieß sich in Richtung der taktischen Konsolen ab. Die Flag Duty Offiziere – ein taktischer Wachhabender und sein Assistent – hatten sich in der hufeisenförmigen Station am niedrigsten Punkt der Brücke angeschnallt. Der Admiral starrte auf die Paneele hinab, die konstant die Statusmeldungen ergänzten.

»Haben die Baffin oder die Novaya sich schon gemeldet?«, wollte Runacres wissen.

»Nein, Sir«, antwortete der taktische Offizier. Einige Schiffe hatten während des Gefechts die Funksperre gebrochen und hielten auch jetzt, in der Sicherheit des Hyperraums, keine Ruhe ein. Die Captains der Baffin und der Novaya, die die Nachhut bildeten und an den Kämpfen nicht teilgenommen hatten, waren klug genug, sich nicht an dem allgemeinen Tumult im Funkverkehr zu beteiligen. Die Greenland, die sich bei der Vorhut befunden hatte, war das einzige Mutterschiff, das schwere Treffer hatte einstecken müssen.

Aliens! Er war endlich einer fremden Rasse begegnet – aber um welchen Preis? Der Admiral straffte seinen Körper, nahm den Helm vom glattrasierten Haupt, rieb sich mit den behandschuhten Händen über die entzündeten wasserblauen Augen und schüttelte die Müdigkeit und Unsicherheit aus seinem geröteten Gesicht. Dann stieß er sich von der taktischen Station ab und trieb an den höher gelegenen Abteilungen vorüber, vorbei an den hochentwickelten Konsolen, die mit einem übermüdeten Flag Operations Offizier und dem Korvetten Group Leader bemannt waren, bis zu seiner eigenen Kommandostation.

»Verbindung zu den Quartieren beenden«, befahl Runacres, während er sich in seine Gurte einhakte.

»Aye, Aye, Admiral«, bestätigte Wells. Der stämmige Ops-Offizier befreite sich von seinem Helm und tippte auf einige Tasten an seiner Konsole. Er befestigte einen kleinen Kopfhörer an seinem schweißglänzenden, kahlrasierten Schädel und begann, über Funk Anweisungen durchzugeben.

Runacres gab dem taktischen Offizier ein Zeichen. »Den neuesten Schadensbericht.«

»Aye, Aye, Admiral«, sagte die Frau und hieb wild auf ihre Konsole ein.

Commander Ito schwebte zu Runacres herüber. Der Admiral hielt ihm die Hand hin, ohne ihn anzusehen, und der Adjutant reichte ihm eine Tube. Runacres drückte ihren kühlen, süßen Inhalt in seinen Mund und wartete darauf, dass der Energiestoß einsetzte. »Schadensbericht bereit, Admiral«, meldete die Offizierin.

»Schießen Sie los«, befahl Runacres.

»Die Greenland ist zerstört. Katastrophale Löcher in der Hülle, thermische Ausbrüche im Reaktorantrieb. Laut den vorliegenden Meldungen wurden zweiundzwanzig Überlebende aus Beibooten geborgen. Rettungsbemühungen sind noch im Gang.«

»Großer Gott!«, stöhnte der Admiral. Nur zweiundzwanzig Überlebende aus einer vierhundertköpfigen Mannschaft. Aber er hatte Aliens aufgespürt. Ob es sich dabei um eine weitere Rasse von Killern handelte?

»Vorläufigen Berichten zufolge hat die Tasmania Schäden durch einen Energiestrahl aus fast maximaler Reichweite erlitten – aus einem unserer Geschütze«, fuhr der taktische Offizier fort. »Das eigene Feuer hat Positions- und Kommunikationsgeräte zerstört, aber keine Strukturschäden angerichtet. Die Tierra del Fuego meldet leichte Schäden aufgrund der Beschleunigungsüberbelastung. Darüber hinaus war sie leichter Strahlung ausgesetzt.«

»Die Korvetten der Tasmania wurden vor dem Sprung geborgen«, fügte der Group Leader hinzu. »Die Peregrine Eins, Jack Carmichaels Schiff, hat drei Abfangjäger der Aliens abgeschossen. Eine TDF-Korvette, die Osprey Zwei, wird vermisst. Der Skipper der Osprey Eins meldete, dass die Zwei kurz vor dem Sprung durch Feindbeschuss vernichtet wurde. Osprey Eins und Zwei haben jeweils einen Abschuss verbuchen können.«

Runacres grunzte nur.

»Vier Korvetten der Greenland sind gerettet worden«, fuhr der Group Leader fort. »Harrier Eins, Jack Quinns Schiff, wurde zuletzt im Gefecht mit Feindschiffen gesehen. Das Schiff wird vermisst. Vermutlich ist es nicht mitgesprungen. Quinns Aufgabe bestand darin, den Rückzug ins Netz zu decken.« Nachdem er seinen Bericht abgeschlossen hatte, saß der Group Leader in nervös angespanntem Schweigen da. Runacres starrte auf eine Stelle, die weit entfernt war vom Rumpf seines Flaggschiffes.

»Alle anderen Schiffe operieren normal und melden keine Verluste«, bemerkte Wells, um das bedrückte Schweigen zu unterbrechen. »Das Hyperlicht-Netz ist stabil, nur der Sektor der Greenland wird von der Britannia und der Kyushu fernausgefüllt.«

Der Admiral nahm die Daten in sich auf, doch ein Schwindelgefühl bereitete ihm Mühe, sich darauf zu konzentrieren. Aliens! Zwei Korvetten und ein Mutterschiff – über vierhundert Raumfahrer, die Elite der Flotte – waren vernichtet oder zurückgelassen worden, gestrandet zwischen Raum und Zeit. Und er konnte nichts dagegen tun. Sein Kommando, die Hauptflotte der Tellurischen Legion, befand sich auf dem Rückzug und flog unweigerlich zurück ins Sol System. Der Rückruf bei einem Notfall erfolgte automatisch, die Sprungkoordinaten waren schon zu einem früheren Zeitpunkt eingegeben worden. Nun mussten sie das Netz lange genug aufrechterhalten, um den zwanzig Parsec weiten Hyperlicht-Flug zurücklegen zu können – eine Reise, die vier Standardmonate andauern würde.

Runacres’ Hauptsorge war der Netzsektor der Greenland. Wenn die einzelnen Verbindungen dramatisch nachließen, würde die Netzmatrix sich entladen und die Flotte Lichtjahre von Sol entfernt aus dem Hyperraum stoßen. Und in diesem Fall würden sie nicht nur viele Monate, sondern vermutlich Jahre zur Heimkehr benötigen.

»Franklin«, sagte der Admiral. »Die Eire begibt sich in Netzdienst.«

Wells wandte sich sofort an den Skipper des Flaggschiffes: »Captain Merriwether, Schiff so rasch wie möglich in Sektor Eins steuern. Wir nehmen den Platz der Greenland ein.«

Runacres betrachtete die zwei Decks unter ihm liegende und wie ein Amphitheater geformte Brücke der Eire. Er verfolgte, wie Merriwether ihrem Brücken-Team entsprechende Anweisungen erteilte, und erfreute sich an der Effizienz und dem Teamgeist, den ihre Offiziere an den Tag legten.

»Wir sind schon auf dem Weg, Frank«, meldete Merriwether mit ihrer tiefen, resonant schleppenden Stimme. »Ist wieder zugegangen wie bei Shaula, nicht wahr, Admiral?«

»Vielleicht, Sarah«, antwortete er leise und sah zu ihr hinab. »Möglicherweise aber auch nicht. Diesmal sind wir noch davongekommen. Im Shaula-System hat nicht ein Mann überlebt.«

»Vor fünfundzwanzig Jahren war die Flotte auch noch nicht bewaffnet, Admiral«, meinte der Captain. »Heute aber haben wir zurückschießen können, und das hat den Unterschied ausgemacht.«

»Was für ein Fortschritt«, murmelte Runacres.