cover

Buch

In einem düsteren Turm gefangen, wartet Rhiannon auf ihren Prozess, denn sie gilt als Mörderin und Verräterin. Und während sie – allein und hilflos – vom bösen Geist einer toten Königin aufgesucht wird, die um jeden Preis wieder ins Leben zurückkehren will, zieht am Himmel über der strahlenden Stadt ihr geflügeltes Pferd verloren seine Kreise. Währenddessen lenken die Geschehnisse am Hof Isabeau, die Schlüsselbewahrerin, so sehr ab, dass sie vergisst, sich eingehender mit Rhiannon und ihrer Geschichte zu beschäftigen – bis es zu spät ist und plötzlich dunkle Geister erscheinen, die eigentlich für immer gebannt schienen …

Autorin

Kate Forsyth wurde im australischen Sydney geboren, wo sie mit ihrem Ehemann, ihren drei Kindern und Tausenden von Büchern lebt. Sie ist als Journalistin für mehrere Magazine tätig. Ihr Fantasy-Reich Eileanan ist von der schottischen Heimat ihrer Vorfahren inspiriert.

Von Kate Forsyth bei Blanvalet lieferbar:

Der Hexenturm (16820), Die Hexen von Eileanan (16823), Der See der zwei Monde (16821), Aufstand der Hexen (16824), Der Palast der Drachen (16822), Die verwunschenen Türme (16825), Das verbotene Land (16826), Die Höhle der tausend Könige (16827), Die Ankunft des Kometen (16828), Der Turm der Raben (16829), Die strahlende Stadt (16830), Das Herz der Sterne (16831)

Kate Forsyth

Die strahlende Stadt

Roman

Übersetzt von Karin König

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Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
»Book Two of Rhiannon’s Ride. The Shining City«
bei Random House Australia, Melbourne.

1. Auflage

E-Book-Ausgabe bei Blanvalet, einem Unternehmen der
Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © der Originalausgabe 2006 by Kate Forsyth

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2009 by Blanvalet Verlag,
einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Covergestaltung und Artwork: Isabelle Hirtz, Inkcraft

Redaktion: Manuela Schomann

HK · Herstellung: sam

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-16830-8
V001

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www.blanvalet.de

Für meine drei wunderbaren Kinder

Benjamin, Timothy und Eleanor

NÄCHTLICHE VISIONEN

»Da ich Gesichte betrachtete in der Nacht,

wenn der Schlaf auf die Leute fällt,

da kam mich Furcht und Zittern an,

und alle meine Gebeine erschraken.«

Hiob,

Kapitel 4, Verse 13-14

DUNKLE SCHWINGEN

Olwynne setzte sich im Bett auf und unterdrückte einen Schrei. Ihr Albtraum schwebte noch einen Moment mit düsteren, erstickenden Schwingen um ihren Kopf. Dann schwand der Traum und hinterließ kaum mehr als einen Eindruck überwältigenden Kummers und Entsetzens.

Die Luft fühlte sich auf ihrer feuchten Haut kalt an, sie zog ihre Daunendecke um sich und spürte zögernd den zerstobenen Überresten des Albtraums nach. Ihre Tante Isabeau sagte, sie solle auf ihre Träume achten, weil sie häufig Botschaften seien, die warnen oder etwas erklären könnten. Olwynne konnte sich jedoch nur erinnern, dass ihr Vater vor ihr in eine tiefe Grube stürzte, seine schwarzen Schwingen über das Gesicht gelegt, und dass dann Hunderte von Raben, feindselige Raben, aus dem Himmel herabstießen, um ihr die Augen auszupicken.

Sie erschauderte und zog die Knie an die Brust. Der Wind heulte um ihre Fenster, ließ das alte Bleiglas in seinem Rahmen klappern und fuhr draußen seufzend durch die Bäume. Es klang wie das gespenstische Heulen einer Todesfee. Olwynne sagte sich, es sei nur der Wind, aber dennoch stellten sich alle Haare an ihrem Körper auf und zitterten, und ihr Pulsschlag beschleunigte sich. Ein solch intensives Gefühl morbider Vorahnung überkam sie, dass sie beinahe erneut aufschrie. Dann aber biss sie sich auf die Lippen und schlang die Arme um ihre Knie, während sie das Gesicht in ihr Kissen presste. Dennoch hielt das unheimliche, hohe Heulen an. Als es lauter wurde, erkannte Olwynne, dass es nicht der Wind war, der diesen gespenstisch wehklagenden Schrei hervorrief, sondern etwas anderes. Etwas Lebendes.

Olwynne kroch unkontrolliert zitternd aus dem Bett, trat an ihr Fenster und zog den Vorhang ein Stück zurück, sodass sie hinausspähen konnte. Es war eine klare, von Sternen beleuchtete Nacht, und beide Monde waren voll. Der Himmel war von Flugwesen übersät, von einem Wirbelsturm aus Wesen mit fledermausartigen Flügeln, die gegen die hellen Münzen gleichenden Monde zu prallen schienen wie Motten gegen das Glas einer Laterne. Sie waren so groß wie die größten Menschen, ihre Glieder wirkten wie Zweige, und ihr wogendes Haar wehte und wirbelte wie sichtbar gemachter Wind. Sie schrien und schluchzten, während sie durch den Nachthimmel schossen, rissen an ihren wilden Haarmähnen und schlugen sich auf Kopf und Brust.

Olwynne stand wie gebannt da. Sie hatte die Nyx schon früher fliegen sehen, in Nächten, wenn die Monde voll waren, aber sie hatte niemals zuvor so viele gesehen, und sie hatte sie nie singen hören. Ihr Klagegesang war so kummervoll, dass auch Olwynne Tränen in ihre Augen treten spürte und der Atem in ihrer Kehle stockte. Olwynne glitt langsam zu Boden und weinte mit den Nyx, obwohl sie nicht wusste, warum sie trauerten.

Als die Nacht schwand und die grauen Mauern und hoch aufragenden Bogenpfeiler des Turms der Zwei Monde aus der Dunkelheit aufstiegen, waren alle Nyx fort. Olwynne ließ die Vorhänge los und erhob sich steif. Ihr war sehr kalt. Sie zog ihr langes, schwarzes Hexenlehrlingsgewand an und spritzte sich energisch Wasser ins Gesicht. Dann flocht sie ihr vom Schlaf zerzaustes Haar zu dem üblichen langen, strengen Zopf und schlang ihr Plaid fest um ihren Körper. Sie fror noch immer und fühlte sich steif und müde, aber sie hatte gelernt, die Bedürfnisse ihres Körpers zu ignorieren. Olwynne öffnete die Tür ihres kleinen, zellenartigen Raumes und trat auf die Galerie hinaus, die das Gebäude entlang verlief. Alles war totenstill. Es war zu früh, als dass die Glocke schon erklungen wäre, welche die Studenten aufweckte. Nur gelegentliche Vogelrufe waren zu hören.

Olwynne lief rasch die Galerie entlang und durch einen Eingang in die Theurgia. Sie passierte zahlreiche Treppen und Gänge und kam schließlich zum nördlichsten Turm, dem Gebäude, das dem Kreis der Zauberer vorbehalten war. Eine prächtige, mit Flechtornamenten verzierte Wendeltreppe, in die zwei Mondsicheln und ein einzelner Stern eingemeißelt waren, wand sich in der Mitte des Turmes aufwärts. Olwynne stieg die Treppe bis zum obersten Stockwerk hinauf und setzte dabei ihre Füße in die in der Mitte jeder Stufe ausgetretenen Vertiefungen. Hier oben, weit vom Lärm und der Geschäftigkeit der Theurgia entfernt, befanden sich die Räume ihrer Tante Isabeau.

Olwynne blieb eine Weile vor der Tür ihrer Tante stehen und lauschte. Obwohl sie sich sicher war, dass Isabeau wach wäre, zögerte sie, sie zu stören. Es war noch sehr früh. Gerade als sie eine Hand hob, um anzuklopfen, öffnete sich die Tür, und Isabeau stand im Eingang und lächelte ihr zu.

»Guten Morgen, Olwynne«, sagte sie. »Komm herein. Das Wasser im Kessel kocht gerade. Möchtest du etwas Tee?«

Olwynne nickte und trat scheu ein. Sie sah sich freudig um, während Isabeau den dampfenden Kessel vom Feuer schwang. Sie liebte den Raum der Bewahrerin des Schlüssels. Er war wie eine Mondsichel geformt und nahm die Hälfte des obersten Stockwerks des Turmes ein. Kamine befanden sich an beiden Enden, um das Bett mit seiner weichen, weißen Decke und den Kissen zu wärmen, der andere für Isabeaus Schreibtisch und Stuhl, wo sie arbeitete. Bequeme Sessel mit tiefblauen Kissen waren vor beiden Kaminen aufgestellt. Neben einem Sessel stand ein Spinnrad, und ein kleiner Webrahmen war gegen die Wand gelehnt. Darauf war ein halbfertiger Wandteppich zu sehen. Olwynne konnte die spitzen Türme Rhyssmadills über einem stürmischen Meer erkennen und fragte sich, was Isabeau wohl gerade wob. Olwynne wusste, dass ihre Tante gerne die alten Erzählungen und Lieder spann und webte, aber bei all ihren anderen Pflichten als Bewahrerin des Schlüssels des Hexensabbats nur wenig Zeit dafür hatte.

Auf ihrem Schreibtisch am anderen Ende des Raumes, wo sich Isabeau mit dem Pfefferminztee zu schaffen machte, stapelten sich Papiere und Bücher. Ein alter Globus, vom Alter so fleckig geworden, dass die Länder darauf kaum noch zu erkennen waren, stand auf einem hölzernen Ständer in der Nähe. Daneben schimmerte sanft eine Kristallkugel, die auf Klauenfüßen ruhte. Weitere Bücher füllten die Regale, die sich die ganze Wölbung des Raumes entlang vom Boden bis zur Decke zogen. Hohe Fenster, die über die Gärten hinweg zu den im Morgennebel sanft leuchtenden, goldenen Kuppeln des Palastes blickten, waren in regelmäßigen Abständen zwischen den Bücherregalen eingelassen.

Die Bewahrerin des Schlüssels trug ihr langes, weißes, mit einer silberfarbenen Bordüre versehenes Gewand, und ihr Haar war ordentlich gekämmt und aus dem Gesicht zurückgebunden. Isabeaus Haar schimmerte einst im selben Feuerrot wie Olwynnes Haar, war aber inzwischen zu einem sanften Erdbeerblond verblasst, mit Grau an den Schläfen. Ihre Augen leuchteten jedoch noch immer in lebhaftem Blau, und ihre Gestalt war schlank und aufrecht.

Isabeau goss den Tee in zwei zarte Tassen aus feinem Porzellan und winkte Olwynne zum Feuer. Olwynne gehorchte bereitwillig, denn sie fror und zitterte noch immer. Sie hielt die Tasse zwischen beiden Händen, trank die heiße Flüssigkeit und spürte, wie ein Teil ihrer Anspannung wich.

»Du hast die Nyx fliegen hören?«, fragte Isabeau ruhig.

Olwynne nickte.

»Ja, es war unheimlich, nicht wahr? Ich habe noch nie solch ein Wehklagen gehört und habe am ganzen Körper eine Gänsehaut bekommen.«

»Ich auch«, sagte Olwynne eifrig. »Tantchen Beau … Was ist passiert? Warum haben sie so gesungen?«

»Ceit Anna ist tot«, antwortete Isabeau kurz darauf, während ihr Gesicht sich umwölkte.

Olwynne senkte ihre Tasse. Obwohl sie von der ältesten und mächtigsten der Nyx wusste, die in einer Höhle tief unter den Abwasserkanälen des Palastes lebte, hatte sie selbst das uralte Zauberwesen nie gesehen. Es wurden jedoch Geschichten über sie erzählt. Ceit Anna hatte den Umhang der Illusionen gewoben, der Olwynnes Vater, Lachlan den Geflügelten, so viele Jahre lang in der Gestalt eines Buckligen verborgen hatte. Sie hatte den Tarnumhang aus ihrem eigenen Haar gewoben, ebenso wie das Paar Handschuhe zum Verbergen der magischen Hände von Tòmas dem Heiler und das eng anliegende Halsband, das Maya die Verhexerin stumm und machtlos machte. Ceit Anna tauchte in vielen der Clangeschichten der MacCuinn auf, und Olwynne wusste, dass man sie sehr vermissen würde.

»Die Nyx leben sehr lange«, sagte Isabeau. »Ich hab den Todesflug gewiss noch nie gehört, und ich kenne auch niemand anderen, der ihn gehört hätte. Ich las gerade im Buch der Schatten darüber.« Sie deutete auf das alte und unheimlich dicke Buch, das geöffnet auf ihrem Schreibtisch lag. »Der letzte Todesflug wurde während der Zeit Feargus’ des Schrecklichen aufgezeichnet, als Aldus der Verträumte der Bewahrer des Schlüssels war. Wir wissen natürlich, dass viele Nyx während der Zeit der Verbrennung starben, aber wenn da der Todesflug ausgeführt wurde, war gewiss niemand in der Nähe, der ihn festgehalten hätte.«

Olwynne schwieg.

Isabeau sah sie intensiv an und beugte sich dann vor, um ihre rechte Hand auf Olwynnes Knie zu legen. Ihre verkrüppelte linke Hand ruhte auf ihrem Schoß. »Was beunruhigt dich so sehr, Liebes? Ist es nur der Begräbnisgesang der Nyx oder gibt es noch etwas anderes?«

Olwynne zuckte die Achseln und wandte den Blick verlegen ab, weil ihre Tante sie so gut durchschauen konnte.

»Hast du noch immer diese Albträume?«, fragte Isabeau.

Olwynne nickte und spielte mit ihrer Tasse. »Letzte Nacht wurde ich von einem Schwarm Raben angegriffen: Hunderte flatterten um meinen Kopf und wollten mir die Augen auspicken.«

»Raben«, wiederholte Isabeau mit zusammengezogenen Augenbrauen.

Olwynne nickte. »Ich dachte zuerst, als ich die Nyx letzte Nacht fliegen sah, es wären ihre Schwingen, von denen ich geträumt hätte, all jene schwarzen Schwingen vor dem Mond. Und es schien, als hätte ich das auch geträumt, aber … ich kann mich nur so schwer erinnern. Denn da sind noch andere Schwingen in meinen Träumen. Die Schwingen meines Vaters. Und auch Donncans, die so schwarz werden wie Dai-Deins. Ein dunkler Schatten, der auf ihn fällt, wie der Schatten von Schwingen … oder vielleicht ein schwarzer Umhang … oder ein Leichentuch. Manchmal werde ich von Federn erstickt. Oder vielleicht werde ich lebendig begraben, in einer Gruft. Oder es ist Donncan, ich kann es nicht immer sagen. Es ergibt keinen Sinn. Und ich wach mit diesem entsetzlichen Gefühl der Vorahnung auf, als ob bald etwas Schreckliches geschehen würde …« Ihre Stimme verklang.

»Kannst du dich an noch etwas erinnern?«

»An Dai-Dein, wie er in eine dunkle Grube stürzte … einfach hineinfiel … obwohl manchmal auch ich stürze … oder Bronwen. Ich träume auch von Bronwen.« Olwynne sprach nun schneller. »Ich hab geträumt, wie sie eine hohe Klippe hinabsprang und ebenfalls stürzte, Hunderte von Fuß tief. Und sie weinte, dessen bin ich mir sicher. Einen Wasserfall von Tränen. Und ich träumte, wie sie und Donncan in einem großen, tintenschwarzen Teich ertranken.«

Isabeaus Stirnrunzeln vertiefte sich. »Ich hab auch von Raben geträumt«, sagte sie schließlich. »Obwohl ich beunruhigende Nachrichten aus Ravenshaw erhalten habe, die meine Träume sehr wohl genährt haben könnten – was aber für dich nicht gilt. Ich denke, deine Träume könnten prophetisch sein, obwohl ich mich davor fürchte, was sie voraussagen.«

»Welche Nachrichten aus Ravenshaw?«, fragte Olwynne. Ihre Stimme wurde schriller. »Nachrichten von Lewen? Geht es allen gut?«

Isabeau glättete die schneeweißen Falten ihres Gewandes über den Knien. »Lewen geht es gut. Er ist auf dem Rückweg nach Lucescere. Ich erwarte ihn nun jeden Tag.«

»Aber er hat irgendwie mit deinen Träumen über Raben zu tun, oder?«, wollte Olwynne wissen. »Was ist es?«

Isabeau lächelte kläglich. »Du hast Recht. Lewen spielt bei diesen Geschehnissen in Ravenshaw eine wichtige Rolle, und ich hab deshalb viel an ihn denken müssen. Ich kann es dir ebenso gut erzählen, denn die Klatschmäuler werden die Neuigkeiten nur allzu bald erfahren.«

»Mir was erzählen?«

»Lewen sollte, wie du weißt, mit Nina und ihrem Wohnwagen nach Lucescere zurückreisen. Auf ihrer Reise deckten sie eine Verschwörung auf: Der Geist des toten Laird von Burg Fettercairn, was, wie du dich vielleicht erinnern wirst, die Burg ist, die den Weg zum Turm der Raben bewacht, sollte wiederauferweckt werden. Einige Totenbeschwörer benutzten das Sternenherz des Turms, um ein Tor zwischen dieser und der Welt der Geister zu öffnen, und anscheinend haben sie dabei unabsichtlich einen stärkeren Geist auferweckt. Nina hat mich vor ein paar Tagen durchs Kristallsehen kontaktiert, um mir ihre baldige Ankunft anzukündigen, aber obwohl sie mir den größten Teil der Geschichte bereits erzählen konnte, will ich natürlich unbedingt Lewen und dieses Mädchen befragen, das die Totenbeschwörer tatsächlich sah …«

»Mädchen?«

Isabeau sah Olwynne an. »Ja, irgendein Mädchen aus dem Gebrochenen Ring von Dubhslain. Ich glaub, sie heißt Rhiannon, und sie reitet ein schwarzes, geflügeltes Pferd.«

»Noch mehr schwarze Schwingen«, sagte Olwynne tonlos. »Ist es ihre Ankunft, die ich vorhersehe?« Sie presste die Handballen auf ihre Augen.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Isabeau und klang besorgt. »Olwynne, wie lange verfolgen dich diese Albträume schon?«

Sie zuckte gereizt die Achseln. »Ich weiß es nicht. Es fühlt sich so an, als hätte ich sie schon ewig.«

»Du hast am Abend der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche zum ersten Mal mit mir über einen dunklen Traum gesprochen. War das der erste Traum dieser Art?«

Olwynne bewegte sich ruckartig. »Ich erinnere mich nicht. Vielleicht.«

»Deine Fluraufsicht erzählt mir, du seist seitdem mehrmals schreiend aus dem Schlaf aufgewacht. Wie häufig kommen die Träume, Olwynne?«

»Jede Nacht«, antwortete Olwynne erschöpft. »Ich hab versucht, nicht zu schlafen, aber ich bin immer zu müde und schlafe dennoch ein. Ich hab es mit geriebener Baldrianwurzel und Kamillentee versucht, damit ich tiefer schlafe, aber es funktioniert nicht. Es verschlechtert die Dinge nur, denn ich kann mich nicht aufwecken, wenn der Traum zu schlimm wird, und wenn ich schließlich aufwache, fühl ich mich angeschlagen und elend.«

»Ich kann dein drittes Auge für dich schließen«, sagte Isabeau sanft. »Zumindest ein oder zwei Nächte lang, damit du zur Ruhe kommst. Du siehst erschöpft aus, Olwynne, und ich hab gehört, dass deine Arbeit in der Schule leidet.«

Olwynne sah ihre Tante in stummer Verwunderung an. Sie konnte nicht glauben, dass sie so viel über sie wusste, wo Isabeau doch so sehr mit der Arbeit des Hexensabbats beschäftigt war. Olwynnes eigene Mutter wusste nichts von den Albträumen. Sie dachte über das Angebot der Bewahrerin des Schlüssels nach und schüttelte kurz darauf widerstrebend den Kopf. »Du sagst, solche Träume würden als Warnung oder als Botschaft geschickt. Sollte ich dann nicht zuhören und sie zu verstehen versuchen?«

Isabeau nickte. »Ja, unter normalen Umständen schon. Aber du bist erst ein Hexenlehrling, Olwynne, und du hast diese Träume jetzt schon einen Monat lang. Ich mache mir Sorgen um deine Gesundheit und deine Ausbildung. Du bist so gut vorangekommen, dass ich nicht möchte, dass du zurückfällst.«

»Es geschieht bald«, sagte Olwynne. »Was auch immer es ist – es wird bald geschehen.«

Ein langes Schweigen entstand. Dann erhob sich Isabeau, während sie mit einer Hand den Schlüssel umfasste, der an einem Band um ihren Hals hing. »Dann sollten wir vielleicht mehr herauszufinden versuchen, solange wir es können«, sagte sie kraftvoll. »Wenn Ghislaine Traumwandlerin aus Aslinn zurückkehrt, werde ich sie bitten, mit dir den Traumpfad zu beschreiten. Es tut mir leid, ich hätte schon vor Wochen nach dir sehen sollen. Wir hatten nur so viel zu tun.«

Olwynne wusste, dass alle mit der bevorstehenden Hochzeit ihres älteren Bruders Donncan mit ihrer Cousine Bronwen, der Tochter Mayas der Verhexerin, beschäftigt waren. Sie hätte nicht gedacht, dass ihr diese Ablenkung etwas ausgemacht hätte, aber bei Isabeaus Worten spürte sie, wie sich die Anspannung hinter ihrem Brustbein löste. Sie murmelte Dankesworte und hoffte, dass Isabeaus Hexensinne erkannten, wie dankbar sie tatsächlich war.

»Und jetzt denke ich, dass du noch eine Weile zurück ins Bett gehen solltest. Ich werde dir für den Morgenunterricht eine Entschuldigung schreiben. Ein Spaziergang an der frischen Luft und ein richtiges Mittagessen werden dir am besten nützen. Komm, ich bringe dich in deinen Raum zurück.«

»Ach, das ist nicht nötig, es geht mir gut, wirklich«, nuschelte Olwynne, die sich schämte, dass sie die Gutmütigkeit ihrer Tante überstrapazierte.

»Es macht keine Umstände. Ich will ohnehin durch die Bibliothek gehen, da liegt es auf dem Weg. Ich bin froh über deine Begleitung.«

Olwynne lächelte scheu, erhob sich und stellte ihre Tasse auf dem kleinen Tisch ab. Isabeau trat zu ihrem Schreibtisch, schloss das Buch der Schatten ehrfurchtsvoll und rief dann ihre Vertraute, die Elfeneule Buba, die auf der Rückenlehne des Stuhles schlief, den Kopf unter ihre Flügel gesteckt. Kommst du-hu mit mir-hu?, fragte Isabeau in der Eulensprache. Buba öffnete schläfrig die Augen, sah Isabeau einen Moment an und flog dann auf ihre Schulter. Sie war winzig, nicht größer als ein Spatz, und so weiß wie Schnee.

Warum-hu runzelst du-hu die Stirn-hu?, fragte sie und drehte den Kopf, damit sie Olwynne enervierend anstarren konnte.

Ich fürchte-hu etwas, aber was-hu, weiß ich nicht-hu, antwortete Isabeau.

Sie wirkt besorgt, dachte Olwynne, während sie Isabeau aus dem Raum und die Treppe hinab folgte. Das Gesicht der Bewahrerin des Schlüssels war blass und angespannt, und die gerunzelte Stirn hatte sich nicht geglättet. Sie hielt die rechte Hand um den Talisman gewölbt, den sie um ihren Hals trug, fast als zöge sie Kraft daraus. Als sie sich der Bibliothek näherten, die das gesamte große Gebäude zwischen den nördlichen und den östlichen Türmen einnahm, beschleunigte sich ihr Schritt merklich.

Sie betraten gemeinsam den langen, dunklen Raum. Die Laternen erwachten augenblicklich zum Leben, und das in den beiden Kaminen bereitgelegte Anmachholz flammte zu flackernder Wärme auf. Olwynne betrachtete ihre Tante neidisch und wünschte, sie könnte so mühelos mit Flammen umgehen. Ihre Kräfte beschränkten sich auf die Elemente Wasser und Erde, und sie musste sich stark konzentrieren, um eine Kerze anzuzünden oder ein Hexenlicht heraufzubeschwören. Isabeau hatte nicht einmal mit einer Wimper gezuckt, ganz zu schweigen davon, dass sie einen Finger gerührt hätte. All ihre Aufmerksamkeit war auf die Glasschränke gerichtet, die entlang den Wänden in kleinen, von hoch aufragenden Bücherregalen umgebenen Nischen standen.

In diesen Schränken waren alte Relikte und Artefakte ausgestellt, welche die Studenten vielleicht interessieren oder ihnen bei ihrem Unterricht helfen könnten. Da waren uralte Schriftrollen, brüchig wie Leder, alte Landkarten anderer Länder und anderer Welten, Rüstungen, berühmte Waffen und Edelsteine, ein Clàrsach, der Seinneadair dem Sänger gehört haben sollte, und sogar die abgestreifte Haut einer Harlekin-Hydra, deren schuppige Spiralen im Licht glitzerten, ihre Hunderte von Köpfen an der Wand befestigt.

Isabeau schritt zu einem Glasschrank auf der entgegengesetzten Seite des Raumes und stand lange Zeit schweigend davor. Olwynne stellte sich neben sie. Soweit sie sehen konnte, enthielt der Schrank nur einen alten Stock. Der Schrank war lange Zeit nicht gesäubert worden, denn sein Boden war dick mit Staub bedeckt.

»Was ist los? Was stimmt nicht?«, fragte Olwynne schließlich, als sie bemerkte, wie angespannt der schlanke Körper ihrer Tante war.

»In diesem Schrank hing der Umhang der Illusionen deines Vaters«, sagte Isabeau knapp. »Und dies ist seine Krücke. Als ich ihm zum ersten Mal begegnete, besaß er nichts als diesen Tarnumhang und diesen alten Stock, um sich darauf zu stützen. Keinen Fetzen Kleidung, kein Messer oder eine Schale, nichts. Ich gab ihm meine Ersatzhose, die ihm viel zu eng war.«

Olwynne war verwirrt. »Aber wo ist der Umhang jetzt?«

»Fort«, sagte Isabeau. Sie führte ihre Hand am Schloss des Schrankes entlang, und ein blaues Flammensymbol glühte einen Moment auf. Olwynne erkannte eine Schutzvorrichtung. »Niemand hätte ihn stehlen können, denn es hat sich niemand an dem Schloss zu schaffen gemacht.«

»Wohin ist er dann verschwunden?« Olwynne konnte die Anspannung ihrer Tante einfach nicht verstehen. Sie wusste zwar, dass der Umhang von einigem historischem Interesse war, als ein Relikt aus der Zeit, als ihr Vater ein Rebell gewesen war, der darum gekämpft hatte, die Verhexerin zu stürzen. Doch es war schließlich nur ein haariger, alter Umhang, der wahrscheinlich entsetzlich roch. Ihr Vater hatte ihn jahrelang tagein, tagaus getragen, um seine Schwingen und Klauen zu verbergen, die ihm geblieben waren, nachdem er von einer Amsel wieder in einen Menschen zurückverwandelt worden war. Er hatte ihn erst ablegen können, als er schließlich den Thron von der Verhexerin zurückerlangt hatte, und danach, vermutete Olwynne, hatte er ihn wahrscheinlich niemals wiedersehen wollen.

Isabeau deutete auf den Haufen schwarzen Staubs auf dem Boden des Schrankes. »Ich denke, das dort sind die Überreste des Umhangs.«

»All dieser Staub? Warum, was ist damit geschehen?«

»Ceit Anna wob diesen Umhang für deinen Vater, Olwynne, aus ihrem eigenen Haar«, erklärte Isabeau ungeduldig. »Sie brauchte sieben Tage und sieben Nächte dazu, und er trug ihn sieben lange Jahre. Es war ein Gewebe großer Macht. Er hat die ganze Zeit dort gehangen, damit sich die Menschen der Zeit erinnern konnten, als sich ein Mitglied des Clans der MacCuinn unter einem Umhang der Illusionen verbergen musste, um nicht zur Strecke gebracht und getötet zu werden. All diese Jahre, und nun ist er Staub. Warum? Warum jetzt?«

Olwynne zuckte die Achseln. »Es war eine lange Zeit. Es muss vierundzwanzig Jahre oder länger her sein, denn Dai-Dein errang den Thron nicht lange, bevor Donncan geboren wurde.«

Isabeau wandte sich um und deutete auf ein kleines, rosafarbenes Kleid und eine Haube in einem anderen Schrank in der Nähe. »Dieses Kleid gehörte Meghan von den Tieren als Kind. Es ist weit über vierhundert Jahre alt. Warum hat es sich also nicht auch aufgelöst?«

Olwynnes Wangen brannten. »Ich weiß es nicht.«

»Olwynne, hast du es vergessen? Ceit Anna starb letzte Nacht. Der Umhang hing gestern noch dort, und doch ist er jetzt fort.«

»Wie schade«, sagte Olwynne. »Nun wirst du vermutlich etwas anderes für den Schrank finden müssen.«

Isabeau schnalzte verärgert mit der Zunge, und Buba drehte ihren Kopf, um Olwynne aus ihren runden, goldenen Augen anzustarren. »Du hast nicht nachgedacht, Mädchen. Überleg doch! Was hat Ceit Anna noch für uns gewoben, dessen Auflösung wir vielleicht bedauern würden?«

Olwynnes Augen weiteten sich entsetzt. »Das Band, das die Kehle der Verhexerin bindet!«

»Ja! Wenn Maya ihre Macht gerade jetzt, wo Bronwen und Donncan noch nicht verheiratet sind und es noch so viele Unstimmigkeiten über das Herrschaftsrecht gibt, zurückgegeben wird …«

Olwynne spürte kalte Angst in sich aufsteigen. Obwohl sie Maya die Verhexerin fast jeden Tag sah – eine dünne, durch Narben entstellte Frau mittleren Alters, die nur durch Zeichensprache und das Aufschreiben von Nachrichten auf eine kleine Schiefertafel kommunizieren konnte –, unterschätzte Olwynne die Macht der einstigen Herrscherin des Landes nicht. Sie hatte viele schreckliche Geschichten über die Zeit der Scheiterhaufen gehört, als der Hexensabbat gestürzt wurde, seine Türme zerstört und Hexen im ganzen Land gnadenlos zu Tode gehetzt wurden. Sie wusste, dass Mayas Kräfte so stark und so subtil waren, dass sie viele dazu verhext hatte, ihrem Befehl zu folgen, und dass sie Tausende von Menschen ihrem Willen unterwerfen konnte. Maya hatte nur durch das Binden ihrer Zunge kontrolliert werden können. Olwynne konnte sich nicht einmal annähernd vorstellen, was geschehen würde, wenn die Verhexerin ihre Sprache zurückerlangte.

Olwynnes Vater, Lachlan der Geflügelte, hatte den Thron nach dem Tod seines Bruders Jaspar von dessen Ehefrau Maya errungen. Das Land war vom Bürgerkrieg verheert, und alle waren erleichtert gewesen, nun einen starken Führer auf dem Thron zu wissen. Diejenigen, die argumentiert hatten, dass Jaspars kleine Tochter, Bronwen, dem Geburtsrecht nach die wahre Erbin des Thrones sei, waren wenige Jahre später durch ihre Verlobung mit ihrem Cousin Donncan, Olwynnes älterem Bruder, beschwichtigt worden. Wäre Bronwen ein sanftmütiges und fügsames Mädchen gewesen, hätte die Angelegenheit hiermit sehr wohl enden können.

Aber die Tochter der Verhexerin hatte den herrischen Willen und den geheimnisvollen Charme ihrer Mutter geerbt, wie auch ihre wilde, entrückte Schönheit. In den sechs Monaten seit ihrem vierundzwanzigsten Geburtstag, an dem sie den Thron rechtmäßig eingenommen hätte, hatte Bronwen den Hof mit ihren Eskapaden aufgemischt. Es wurde häufig spekuliert, dass die Verlobung zwischen den beiden rivalisierenden Erben des Thrones scheitern könnte. Olwynne wusste, dass ihre Eltern verärgert und besorgt waren und Donncan sich zornig und elend fühlte, aber es gab noch weitaus ernstere Auswirkungen als nur die Traurigkeit innerhalb der Familie. Es gab diejenigen, die den Clan der MacCuinn um seine Macht beneideten oder die Hexen hassten, sowie diejenigen, die leidenschaftlich glaubten, dass Bronwen die wahre Erbin sei. Wenn Cousin und Cousine nicht heirateten, bestand die Gefahr, dass die Unruhe unter den Bürgern das Land erneut in Schwierigkeiten bringen könnte. Olwynne erschauderte unwillkürlich bei dem Gedanken an den Aufruhr, den Maya, ungebunden und rachsüchtig, verursachen könnte.

»Wir sollten Maya am besten sofort aufsuchen«, sagte Isabeau. »Vielleicht schläft sie noch.«

Olwynne nickte. Sie eilte hinter Isabeau her, als die Bewahrerin des Schlüssels durch die Bibliothek und den Garten zum Dienstbotenflügel lief. Obwohl die anderen Flügel noch verdunkelt und ruhig waren, verhießen das Klappern von Töpfen und Pfannen, das Plätschern von Wasser und der Klang von Stimmen und Lachen nichts Gutes. Die Dienstboten der Hexen waren es gewohnt, früh aufzustehen, denn viele Riten fanden in der Dämmerung statt, und danach waren die Hexen stets auf ihr Frühstück erpicht.

Maya bewohnte einen düsteren, kleinen Raum im zweiten Stock, der hinter der Treppe verborgen war. Olwynne empfand kein Mitleid für sie. Ihr eigener Raum im Südflügel war nicht viel größer, und sie war die Tochter des Rìgh. Viele Türen den Gang entlang standen offen, während Dienstmädchen mit Krügen voll heißem Wasser geschäftig hinein und hinaus eilten oder im Gang standen und schwatzten, während sie ihr Haar zurückkämmten. Sie verfielen alle in Schweigen, als Isabeau vorüberging, machten einen Hofknicks und murmelten einen respektvollen Gruß. Isabeau nickte und lächelte ihnen zu, eilte aber weiter; Olwynne folgte ihr. Hinter ihnen erklang neugieriges Stimmengewirr.

Mayas Tür war geschlossen. Isabeau klopfte rasch an. Es herrschte kurzzeitig Stille, aber dann öffnete die frühere Banrìgh die Tür einen Spalt weit und spähte hervor.

Sie trug, wie üblich, ein einfaches, schwarzes Gewand, das Olwynnes Lehrlingskleid sehr ähnlich war, nur dass Mayas Gewand mit einer langen, weißen Schürze bedeckt war. Ihr ergrauendes Haar war unter einer einfachen, weißen Haube zurückgesteckt. Eine Seite ihres Gesichts war stark vernarbt, während die hervorstehenden Knöchel der mit Schwimmhäuten versehenen Hand, welche die Tür aufhielt, von harter Arbeit rot und geschwollen waren. Sie wirkte alt und müde und traurig.

»Maya, ich bin froh, dass Ihr wach seid«, sagte Isabeau. »Ich muss mit Euch sprechen. Darf ich hereinkommen?«

Maya zog eine Augenbraue hoch.

»Ich möchte Euer Nyxhaarband prüfen«, sagte Isabeau unverblümt.

Maya hob mit einer eloquenten Geste eine Hand zu dem schwarzen Band um ihre Kehle.

»Ich möchte es nicht zwischen Tür und Angel tun«, sagte Isabeau ungeduldig. »Warum wollt Ihr mich also nicht hereinlassen?«

Maya zuckte die Achseln, trat zurück und ließ Isabeau und Olwynne in den Raum treten.

»Vielleicht weil sie sich eine gewisse Illusion der Ungestörtheit bewahren will«, sagte eine singende, musikalische Stimme zuckersüß.

Bronwen saß auf dem Rand der Frisierkommode und wippte mit einem Fuß. Sie trug ein kurzärmeliges Leinengewand, das genau zu dem sanften Blau ihrer Augen passte. Auf den üblichen Spitzenkragen hatte sie verzichtet, und der Ausschnitt war eckig geschnitten, um ihren weißen Hals und ihre Brust zu betonen. Es war nicht nur ihre makellose Haut, die Bronwen offenbarte. Lange Flossen wölbten sich von den Ellenbogen zu den Handgelenken, und Kiemen flatterten sanft unter ihrem Kiefer, zu beiden Seiten ihres Halses. Ihre Haut schimmerte vor zarten, silbrigen Schuppen und wirkte so seidig wie eine Schlangenkehle. Die Nase war lang und stark gebogen und hatte bewegliche Nasenflügel, die fest verschlossen oder bei einem Wutausbruch stark geweitet werden konnten.

Ihr Haar war mit einem Kamm aus silbern gesäumten Muscheln aus der Stirn zurückgenommen und fiel ihr wie ein glänzender, schwarzer Vorhang bis zu den Knien. Eine auf schwarzem Grund überraschende weiße Haarlocke entsprang an ihrer Stirn und wand sich bis ganz hinab. Sie war wie eine Eissäule, so kühl und starr war ihre Schönheit, und so unerbittlich ihre Haltung.

»Bronwen!«, rief Isabeau aus. »Was tust du hier?«

»Meine Mutter besuchen. Ist das verboten?«

»Bei Anbruch der Dämmerung?«

»Meine Mutter arbeitet von Sonnenaufgang bis Mitternacht und darf selten Pause machen. Wann soll ich sie also sonst besuchen?«

»Oh, Bronwen, übertreib nicht! Sie ist keine Sklavin! Sie hat viel freie Zeit, wie jeder andere, der im Dienste des Hexensabbats steht.«

»Nur wenige Stunden pro Woche. Vielleicht möchte ich meine Mutter häufiger sehen, und vorzugsweise, wenn sie nicht von ihrer Arbeit erschöpft ist.«

»Bronwen, du weißt, dass du deine Mutter sehen kannst, wann immer du willst«, erwiderte Isabeau verärgert. »Meiner Meinung nach wäre mittags eine zivilisiertere Zeit für einen Besuch. Maya hat eine Mittagspause, genau wie jeder andere auch, und ihr hättet in die Gärten gehen und zusammen essen können.«

»Ach, ja, die Gärten zur Mittagszeit. Dort ist man sehr ungestört, wenn fünfhundert schreiende Bälger herumlaufen.«

»Bestimmt würdest gerade du wissen, wo man eine ruhige Ecke finden kann«, sagte Olwynne.

Isabeau sah sie leicht stirnrunzelnd an, und sie schwieg wieder. Bronwen warf Olwynne rasch einen scharfen Blick zu und lächelte dann, als habe sie beschlossen, die Bemerkung als Kompliment zu verstehen.

»Maya, ich muss mir Euer Band ansehen«, sagte Isabeau an Bronwens Mutter gewandt, die mit gefalteten Händen und ausdruckslosem Gesicht still an der Wand stand.

»Warum?«, rief Bronwen sofort. »Was hat meine arme Mutter getan, um diese … diese Einmischung zu verdienen?«

»Oh, Bronny, halt den Mund«, sagte Isabeau. »Ich muss mich nur versichern, dass alles in Ordnung ist. Es besteht kein Grund für diese Theatralik. Es dauert nur einen Moment.«

Maya neigte den Kopf und ließ die Hände neben ihren Körper sinken. Isabeau führte sie zu dem einzigen Sessel im Raum, während Flammen an den Dochten aller Kerzen aufflackerten. Aber selbst das Kerzenlicht konnte all die Schatten in dem düsteren, kleinen Raum nicht vertreiben. Isabeau berief mit einer ungeduldigen Geste eine Lichtkugel herauf, die dann über dem Kopf der stummen Frau schwebte und ein starkes, beständiges Licht auf sie warf. Maya hielt das Gesicht gesenkt, während Isabeau sorgfältig das schwarze, geflochtene Band um ihre Kehle abtastete. Isabeau runzelte die Stirn, und Olwynne verspürte jähe Anspannung. Sie schaute zu Bronwen, die ihr eine Grimasse schnitt und eine elegante Hand ausstreckte, um ihre Fingernägel zu betrachten.

Isabeau trat zurück. »Maya, ist letzte Nacht etwas Unerwartetes geschehen?«

Maya blickte zu ihr hoch und zuckte die Achseln. Dann hob sie die kleine Schiefertafel an, die an ihrem Gürtel hing und schrieb mit einem Stück Kreide, die sie in ihrer Schürzentasche trug, rasch: »Hörte Nyx über uns hinwegfliegen«.

»Das Geräusch hat Euch geweckt?«

Maya legte eine Hand hinter ihr Ohr, faltete dann beide Hände, legte den Kopf darauf und schloss die Augen.

»Aber dann seid Ihr wieder eingeschlafen?«

Maya nickte.

»Sonst nichts?«

Maya schüttelte den Kopf.

»Gut. Ich danke Euch. Es tut mir leid, dass ich in Eure Privatsphäre eingedrungen bin.« Isabeau lächelte Bronwen zu, die eine weitere ausdrucksvolle Grimasse schnitt und von der Frisierkommode sprang.

»Ich bringe Euch hinaus«, sagte sie zuckersüß.

»Ach, danke, aber ich denke, wir finden selbst hinaus«, erwiderte Isabeau. »Komm, Olwynne, du kommst zu spät zum Frühstück, wenn du dich nicht beeilst. Bis bald«, sagte sie an Maya und Bronwen gewandt, lächelte und ging aus dem engen, düsteren Raum hinaus voran, während das Hexenlicht hinter ihr erlosch.

Der Gang war jetzt leer, alle anderen Dienstboten waren an ihre Arbeit gegangen. So konnte Olwynne fragen: »Also ist das Band intakt?«

»Das Band ist sehr intakt, und ich verspürte das Kribbeln der Magie, wie es sein sollte«, antwortete Isabeau zögerlich.

»Also ist alles in Ordnung? Kein Grund zur Angst?«

»Ich bin mir nicht sicher«, sagte Isabeau. »Die Dinge fühlen sich nicht richtig an. Es war ein mächtiger Zauber, den Ceit Anna für uns gestaltet hat. Nyxmagie ist seltsam und unkenntlich, wie ich immer dachte. Und doch … Die Magie, die ich gespürt habe, schien nur allzu einfach – ein Binde- und Schweigezauber. Aber da war genug Magie, dass meine Fingerspitzen noch immer kribbeln, doch irgendwie …«

»Was?«

Die Bewahrerin des Schlüssels zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht. Es ist sehr lange her, seit ich das Band zuletzt berührte. Ich erinnere mich nicht, wie es sich anfühlen sollte.«

»Solange es noch immer intakt ist und die Magie hält«, sagte Olwynne.

»Ja«, stimmte Isabeau ihr zu, wobei sich ihr Stirnrunzeln vertiefte. »Solange die Magie hält.«

KUMMERTOR

»Was die Flucht betrifft, so kann kein Mensch darauf aus sein. Das Gefängnis ist groß und beherbergt viele Gefangene … einige an Pfosten gebunden, einige umherwandernd, einige im Verlies, einige in den oberen Zellen, einige, die sich im Gefängnis schattige Plätzchen und Paläste schaffen, einige weinend, einige lachend, einige arbeitend, einige spielend, einige singend, einige schimpfend, einige kämpfend. Fast kein Mensch erinnert sich, wie die Anklage gegen ihn lautet, bis sie alle plötzlich ohne großes Aufheben, Junge, Alte, Arme und Reiche, Fröhliche und Traurige, Prinz, Page, Papst und Priester … alle … in derselben Ecke desselben Gefängnisses auf verschiedene Weise zu Tode kommen, dort in ein Loch geworfen und entweder von Würmern von unten oder von Krähen von oben gefressen werden. Und nun tritt vor, du stolzer Gefangener, denn ich weiß … all dein Stolz rührt daher, dass du vergisst, dass dies (diese Welt) ein Gefängnis ist.«

THOMAS MORus,

Lordkanzler von England,

1535 auf Befehl Heinrichs VIII. hingerichtet