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Buch

Im Exil erfährt die in Ungnade gefallene Isabeau von einer Seherin, dass sie gestaltwandeln kann. Sie erhält den Namen Khan’tinka, die Vielgestaltige. Als sie nach Lucescere zurückkehrt, sind Iseult und Lachlan damit beschäftigt, eine Invasion zurückzuschlagen. Diese Situation nutzt Margrit die Distel aus, um den Thronerben Donncan zu entführen. Isabeau sieht ihre Bewährungsprobe gekommen: Sie versucht auf eigene Faust, die Kinder zu retten und das Land vor einer Katastrophe zu bewahren …

Autorin

Kate Forsyth wurde im australischen Sydney geboren, wo sie mit ihrem Ehemann, ihren drei Kindern und Tausenden von Büchern lebt. Sie ist als Journalistin für mehrere Magazine tätig. Ihr Fantasy-Reich Eileanan ist von der schottischen Heimat ihrer Vorfahren inspiriert.

Von Kate Forsyth bei Blanvalet lieferbar:

Der Hexenturm (16820), Die Hexen von Eileanan (16823), Der See der zwei Monde (16821), Aufstand der Hexen (16824), Der Palast der Drachen (16822), Die verwunschenen Türme (16825), Das verbotene Land (16826), Die Höhle der tausend Könige (16827), Die Ankunft des Kometen (16828), Der Turm der Raben (16829), Die strahlende Stadt (16830), Das Herz der Sterne (16831)

Kate Forsyth

Die Höhle der tausend Könige

Der magische Schlüssel 8

Übersetzt von Karin König

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Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Skull of the World. Book Five of The Witches of Eileanan« bei Arrow/Random House Australia, Sydney.

1. Auflage

E-Book-Ausgabe Februar 2016 bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © der Originalausgabe 2001 by Kate Forsyth

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2004 by Wilhelm Goldmann, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Covergestaltung und Artwork: Isabelle Hirtz, Inkcraft

Redaktion: Manuela Schomann

ue · Herstellung: sam

eBook-Erstellung: Buch-Werkstatt, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-16827-8
V001

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Für Dani, Michelle und Sarah,

Seelenschwestern und verwandte Geister,

in Erinnerung an die vielen wunderbaren Abenteuer,

die wir miteinander erlebt haben,

während wir zusammen aufwuchsen

Natürliche Magie

ist nicht mehr als das tiefste Wissen

über die Geheimnisse der Natur.

Del Rio, Disquisitiones Magicae, 1606

Die Natur gestaltet Dinge auf natürliche Art,

die der Magier durch seine Kunst erreicht.

Pico della Mirandola, Conclusiones philosophicae,
cabbalisticae et theologicae,1486

Zur Karte Eileanan:

1

Turm des Sturms

2

Turm der Meersinger

3

Turm der Krieger

4

Türme der Rosen & Dornen

5

Turm der Träumer

6

Turm der Sucher

7

Turm der Pferde-Lairds

8

Turm der Raben

9

Turm der Gesegneten Felder

10

Turm der Nebel

11

Cuìnns Turm

12

Turm der Zwei Monde

Ein
neuer Faden wird
gespannt

Die schwarze Perle

Nila tauchte tief in den Ozean, die Augen weit geöffnet, die Arme in Schwimmhaltung. Das aquamarinblaue Wasser ging in violette Schatten über, und der junge Fairge-Prinz tauchte in die dunklen Tiefen, während sich sein mächtiger Schwanz hinter ihm wand. Er hatte die Nasenlöcher fest geschlossen, und seine Kiemen zu beiden Seiten des Halses öffneten und schlossen sich beim Atmen. Kleine, phosphoreszierende Fische schossen überall um ihn herum, und er sah den gezackten Schatten eines riesigen Schwertträgers unter sich vorüberziehen. Er schaute zur Wasseroberfläche hinauf, die mehr als hundert Fuß über ihm schimmerte und wogte. Die dunklen Umrisse von Fischen trieben wie Vögel im Wind dahin, und rundum blühten die Blumen des Meeres in zarten rötlichen, zimtfarbenen und blauen Schattierungen.

Nila stand im Wasser und bewegte die Hände geschickt zwischen den vielen hässlichen, grauen Muscheln, die unter den Felssimsen hafteten. Er nahm das scharfkantige Korallenmesser, das er zwischen den Zähnen gehalten hatte, öffnete damit die Muscheln und verschlang das lebende Gewebe darin mit einem Zug. Hin und wieder lächelte er, wenn er eine kleine, glänzende Kugel in einen aus Seegras gewebten Beutel stecken konnte, der um seine nackte Taille hing.

Etwas veranlasste ihn, sich umzuwenden. Ein Tigerhai schwamm auf ihn zu, die gezackte Zahnreihe hatte er entblößt. Die kleinen Augen waren in unguter Absicht auf den Fairge gerichtet.

Nila wandte sich um und tauchte ab, wobei er anmutig den Schwanz schlug, während er durch einen Vorhang aus Algen und Seeanemonen in eine tiefe Grotte eintauchte. Der Tigerhai musste jäh wenden und hätte sich am Riff beinahe den Kopf gerammt. Nila beobachtete, wie sein Schatten immer wieder vor- und zurückschwebte, bis er sich schließlich davonstahl und nur noch blau schimmerndes Wasser zu sehen war.

Der Fairge-Prinz wartete mit unbehaglich hämmerndem Herzen. Er war schon zu lange unter Wasser, wagte aber nicht, zum Atmen an die Oberfläche zu schwimmen, bis er sicher war, dass der Hai fort war. Er sah sich in der Höhle um, suchte nach einem anderen Ausgang und entdeckte eine große, geriffelte Muschel, die von Algen und Entenmuscheln überkrustet war. Er hebelte sie mit seinem Korallenmesser auf und fand eine große, trübe Perle darin. Er ergriff sie und schwamm mit einem Schlag seines silbrigen Schwanzes zur Wasseroberfläche.

Licht sickerte rund um ihn herum. Er betrachtete die Perle in seiner Hand und hielt jäh inne, obwohl seine Lungen nach Luft gierten. Anders als die Perlen, die er bisher gefunden hatte, war diese von dunkler, rauchgrauer Farbe, ungewöhnlich groß und perfekt gestaltet. Er rollte sie stirnrunzelnd zwischen den Fingern und steckte sie dann sorgfältig in den Beutel.

Durch das lichtgesprenkelte Wasser sah er das wogende Gesicht eines Mädchens, deren braunes Haar herabhing und das besorgt ins Meer blickte. Er bewegte seinen Schwanz nun kräftiger, sprang aus dem Wasser, nahm sie in die Arme und zog sie mit sich. Ihre Sorge löste sich in erleichtertem Lachen, und er küsste ihren lächelnden Mund, ließ die Hände ihre braune, nackte Haut entlanggleiten und nahm seine Landgestalt wieder an, damit er seine Beine mit ihren verschränken konnte.

Sie klammerte sich an ihn und sagte recht ängstlich: »Du warst so lange fort, Nila. Was hast du gemacht? Ich war in Sorge …«

Er verspottete sie sanft. »In Sorge, dass ich ertrunken wäre? Fand! Du weißt, dass ich der beste Tiefseetaucher in meiner Familie bin. Als hätte ich in diesen flachen Gewässern ertrinken können!«

»Selbst die Mitglieder der königlichen Fairgean-Familie können ertrinken«, erwiderte sie. »Du hättest dir den Kopf stoßen oder von einer Riesenkrake gepackt werden können. Ich wünschte, du würdest nirgendwohin schwimmen, wohin ich dir nicht folgen kann.«

Fand war ein schlankes Mädchen mit vollen Lippen und den hellen Augen eines Menschen, obwohl ihre Finger und Zehen ebensolche Schwimmhäute aufwiesen wie bei jeder anderen jungen Fairge. Ihr nasses, zerzaustes Haar reichte ihr bis zu den Knien, und sie trug nur einen Gürtel aus Seetang und Muscheln, an dem ein kleiner, gebogener Dolch hing. Als Tochter eines Fairge-Kriegers und einer menschlichen Konkubine war sie eine Sklavin der königlichen Familie. Sie hatte die Königinnen der Fairgean in südliche Gewässer begleitet, um ihnen beim Gebären zu helfen. Nila und weitere junge Krieger sollten die Frauen und neugeborenen Babys beschützen, bis sie kräftig genug waren, die lange Reise zurück in die eisigen Meere des Nordens zu bewältigen.

Nila küsste Fands Ängste fort und drehte sich um, sodass sie gemeinsam zum Ufer treiben konnten, wo die sanften Wellen an ihre Körper schwappten und sich der Sand unter ihnen warm anfühlte. Die kleine Bucht war durch hohe Felsklippen vor neugierigen Augen geschützt, weshalb sie sich dieses eine Mal frei fühlten, flüsterten und lächelten, sich neckten und scherzend ihre Körper erkundeten. Normalerweise konnten sie sich zwischen den scharfen Felsen der Küste oder in der kalten, von Geistern heimgesuchten Ruine des Hexenturms, wo niemand sonst hinzugehen wagte, nur hastig vereinigen.

Diese vergangenen Monate waren für sie beide die Glückseligkeit gewesen.

Dieses eine Mal von der müßigen Grausamkeit seiner vielen Brüder befreit, hatte Nila die Jagd in den milden Gewässern, das Tauchen nach Muscheln und die ungestörte Liebe mit Fand im weichen Sand genossen. Nicht dass sein Vater und seine Brüder Vorbehalte gegen diese Beziehung zu der jungen, halb menschlichen Sklavin gehabt hätten. Dafür waren Frauen immerhin da. Es war nur keinem seiner Brüder jemals in den Sinn gekommen, einen zweiten Blick auf Fand zu verschwenden, die als eher nutzlos angesehen wurde, weil sie nicht die Fähigkeit besaß, die Meergestalt der Fairgean anzunehmen. Ihre zarten Züge und meergrünen Augen waren zu menschlich, um schön zu sein, und es gab viele vollblütige Fairge-Frauen, die seine Brüder beschäftigt hielten.

Hätte jedoch nur einer seiner Brüder vermutet, dass sich Nila gefühlsmäßig zu dem Mischling hingezogen fühlte, hätten sie ihr Vergnügen daraus gezogen, sie ihm wegzunehmen. Sie hätten sie für ihre sadistischen Spiele benutzt und sie getötet, wenn sie ihrer Belustigung über Nilas Schmerz müde geworden wären. Die Fairge-Prinzen waren dazu erzogen worden, grausam und ehrgeizig zu sein, und es gab viel Hass und Rivalität zwischen ihnen. Es war unwichtig, dass Nila der jüngste von siebzehn Söhnen und weit davon entfernt war, die schwarze Perlenkrone erben zu können. Das Leben der Fairgean war hart. Kraft und Rücksichtslosigkeit wurden bewundert und Mitleid als Schwäche verspottet.

Nilas Mutter war jedoch eine sanfte Frau gewesen, die versucht hatte, ihren Sohn vor den boshaften Wettkämpfen seiner älteren Brüder zu beschützen. Da sie die geringste aller Königinnen war und der König noch so viele andere Söhne hatte, die seine Aufmerksamkeit beanspruchten, hatte sie in gewissem Umfang Erfolg damit gehabt. Nila war mit Liebe und Zärtlichkeit aufgewachsen, und als sein Vater, der König, seine Mutter mit einem Wurf eines Seekuhknöchels verspielt hatte, war Nila von sprachlosem Zorn und Qual erfüllt gewesen. Aus dem Schutz der Höhle des Fairge-Königs verbannt und durch die Brutalität ihres neuen Ehemannes zermürbt, war seine zarte Mutter bald gestorben und hatte Nila mit einem tiefen Hass auf seinen Vater und seinesgleichen zurückgelassen.

Er kannte Fand schon sein ganzes Leben lang, da sie bereits am Königshof diente, seit sie ein Kind war. Wahrscheinlich hatte sie nur deshalb ohne die Fähigkeit zum Gestaltwandeln überleben können, weil der König und sein gewaltiges Gefolge innerhalb des Schutzes der Höhlen lebten, wo zischend heißes Wasser heraufbrodelte, selbst wenn draußen im Meer Eisberge trieben. Obwohl Fand sich noch immer selbst um ihre Nahrung bemühen musste, gab es jedoch einen Felssims, auf den sie sich legen konnte, sodass sie nicht im rauen, eisigen Wasser bestehen oder um einen Platz auf den Flößen ringen musste. Nilas Mutter war freundlich zu ihr gewesen und hatte ihr gelegentlich Fischreste zu essen gegeben und Fellstücke, um sich darin einzuhüllen, und so war Fand nicht, wie so viele andere ihrer Art, verhungert oder erfroren.

Der Königssohn und die Sklavin waren zusammen aufgewachsen, und das gleichgültige Verspielen der sanften Frau, die sie beide liebten, hatte sie einander noch näher gebracht. Nila teilte die Verachtung seiner Brüder für Mischlinge nicht. Er erinnerte sich sehr gut an seine Halbschwester Maya, die freundlich zu ihm gewesen war, bevor sie von den Priesterinnen von Jor fortgebracht wurde. Er liebte Fand mehr als alles andere in seinem kalten, öden Leben. Sie erwiderte seine Leidenschaft mit der gleichen Inbrunst, und so hielten sie ihre Liebe mit besessener Sorgfalt geheim.

Nila reckte und streckte sich voller Zufriedenheit. Er rollte sich herum, sodass er zu Fand hinabschauen konnte, deren Augen geschlossen waren und um deren volle Lippen ein leichtes Lächeln lag. »Ich habe etwas für dich«, flüsterte er. Als er die schwarze Perle aus dem Seegrasbeutel zog, öffnete sie die Augen, und ihr Lächeln vertiefte sich. Es verging jedoch rasch, als sie sah, was er in der Hand hielt. Sie wusste ebenso gut wie Nila, dass schwarze Perlen nur von Mitgliedern des Königshauses getragen wurden.

»Wir können uns irgendwo an der Küste verstecken, bis der Schwarm in den Norden zurückkehrt. Sie werden annehmen, wir seien ertrunken …«

Sie rollte sich herum und barg das Gesicht in den Armen. »In diesen sanften Gewässern? Du sagtest selbst, dass man hier nur schwer ertrinken könnte.«

»Es gibt immer Gefahren, wie du selbst bemerkt hast. Wir könnten sie glauben machen, wir wären von einer Fleisch fressenden Koralle verschlungen worden …«

»Du weißt, dass sich dein Vater niemals mit einer solchen Erklärung zufrieden geben würde, bis er deinen Leichnam selbst gesehen hätte«, erwiderte Fand matt. »Und du weißt, dass er für den Angriff auf die schwanzlosen Menschen so viele vollständig ausgebildete Krieger wie möglich braucht. Außerdem bist du noch immer sein Sohn. Er würde den Priesterinnen befehlen, uns zu suchen. Sie würden durch ihre Weitblick-Spiegel schauen, und dann wäre wirklich alles verloren. Du würdest nur geschlagen und gedemütigt. Mich würden sie töten.«

Nilas Hand sank besiegt herab. »Ich wünschte …«, begann er, aber Fand setzte sich auf und strich ihr langes Haar zurück. »Es hat keinen Sinn, Nila«, sagte sie tonlos. »Du bist ein königlicher Prinz, und ich bin nichts. Bald wird sich der König meiner Existenz erinnern und erwägen, mich einem seiner alten Freunde zu überlassen, den es nicht kümmert, dass ich ein Mischling bin. Er könnte mich sogar für sich selbst beanspruchen. Er hatte schon immer Appetit auf menschliches Fleisch, das weißt du – je jünger, desto besser. Und wenn das geschieht, werde ich nicht mehr darum kämpfen, über Wasser zu bleiben, sondern mich einfach in Jors kalte Umarmung treiben lassen. Und du wirst an der Seite deines Vaters kämpfen und als Belohnung andere Frauen bekommen und deine alte Spielgefährtin und Geliebte beizeiten vergessen. Glaubst du, ich wüsste nicht, dass es so kommen muss?«

Nila protestierte, ergriff ihre Hände und wollte sie küssen, aber Fand wehrte ihn ab; die Augen schimmerten vor Trotz tränennass. »Bitte tu nicht so, als könnten wir jemals für immer zusammen glücklich sein«, sagte sie. »Ich möchte, dass das, was zwischen uns besteht, stets ehrlich und wahr ist. Keine Verstellung. Keine Lügen. Haben wir uns das nicht zu Anfang gegenseitig versprochen?«

»Aber ich will mit dir für immer glücklich sein«, sagte Nila. »Ich bin nur der siebzehnte Sohn. Meinen Vater kümmert es nicht …«

»Sei nicht so naiv«, unterbrach sie ihn kalt, erhob sich und strich sich den Sand von den Armen. »Du kümmerst ihn vielleicht nicht, aber er ist stolz auf seine Zeugungskraft und auf die Kraft und das Können seiner Söhne. Und erinnere dich an das, was mit deinem Großvater geschehen ist. Dein Vater war der dreizehnte Sohn und hat doch geerbt, nachdem alle deine Onkel beim letzten verheerenden Angriff auf die sich an ihr Land klammernden Menschen getötet wurden. Ganze Familien wurden damals ausgelöscht, und die Fairgean haben jahrzehntelang ums reine Überleben gekämpft. Seine Erinnerungen daran sind noch so frisch, als hätte die Schlacht erst gestern stattgefunden.«

Nila schwieg. Er wusste, dass Fand Recht hatte. Seine Finger schlossen sich um die schwarze Perle, und er sagte hitzig: »Ich wünschte, sie würden alle sterben! Dann wäre ich König und könnte dich zu meiner Königin machen, und wir könnten für immer glücklich zusammenleben. Ich hasse meinen Vater!«

»Sei vorsichtig mit deinen Worten«, sagte Fand ruhig. »Du weißt, dass die Priesterinnen uns beobachten. Ich spüre ihre Blicke häufig auf mir ruhen. Komm, wir waren schon zu lange hier. Ich muss zum Schwarm zurück.«

Er kniete sich neben sie, ergriff ihre Hand und legte die schwarze Perle nachdrücklich in ihre Handfläche. »Kannst du sie nicht in dem Wissen heimlich tragen, dass ich wünschte, die Dinge könnten anders sein?«

Fand lächelte wehmütig zu ihm hinab und strich mit der freien Hand über ihren nackten Körper. »Wie könnte ich sie verbergen? Was sollte ich sagen, wenn sie sie fänden? Es würde meinen Tod bedeuten, die schwarze Perle zu tragen, das weißt du.« Sie hob sie an, um sie genauer betrachten zu können, eine perfekte, rauchgrau schimmernde Perle von der Größe des Eis eines Sturmvogels. Sie war ebenso groß wie die schwarze Perle an der Krone des Königs.

»Sie ist wunderschön. Ich wünschte, ich könnte sie voller Stolz tragen und der Welt so zeigen, dass ich deine Frau bin. Aber ich kann es nicht.« Sie drückte sie ihm wieder in die Hand, während sie ihm das seidige, schwarze Haar zurückstrich, das ihm bis auf die Schultern reichte.

»Dann werde ich sie tragen!«, sagte Nila. »Damit du weißt, dass ich es ehrlich meine.«

»Sie werden sie dir abzunehmen versuchen«, sagte Fand erschreckt. »Es wirkt provozierend, eine schwarze Perle einfach so zu tragen! Sie werden glauben, du hättest Absichten auf den Thron. Erinnere dich daran, wie dein Bruder Haji ermordet wurde. Wenn sie dich nicht vor Gericht bringen, geben sie dir verdorbenen Fisch zu essen, und du wirst ebenso qualvoll sterben wie er. Oder du findest Seeigel in deinem Bett, wie es bei dem ältesten Bruder deines Vaters gewesen sein soll, oder einen Sandskorpion. Es wäre weitaus besser, wenn du deinem Vater die Perle als Geschenk anbieten würdest, obwohl das wiederum als gunstheischend angesehen würde. Du solltest die Perle wieder ins Meer werfen, sie Jor darbieten, damit wir bei der Rückkehr ins Wintermeer gutes Wetter haben.« Sie erschauderte leicht, und Nila wusste, dass sie das lange, erschöpfende Schwimmen fürchtete, während alle anderen so kraftvoll wie Seekühe durch die Wogen schnitten und tauchten.

Der Prinz schaute auf die schwarze Perle hinab und wog sie in der Hand. Er war einen Moment versucht, ihrem Rat zu folgen und sie ins träge, blaue Meer zurückzuwerfen, aber dann schüttelte er den Kopf. »Nein«, sagte er entschlossen. »Jor selbst hat mich zu dieser Perle geführt. Ich hätte sie niemals gefunden, wenn mich nicht ein Tigerhai zum Abendessen hätte verspeisen wollen. Ich wurde in diese Grotte geführt. Ich sollte die schwarze Perle finden. Wenn du sie nicht als Symbol unserer Liebe tragen willst, werde ich es tun – und du sollst wissen, dass du die Königin meines Herzens bist.«

Sie ignorierte seine stürmische Erklärung, klammerte sich an seinen Arm und bat ihn, kein Narr zu sein. Aber alle ihre Argumente stärkten seine Entschlossenheit nur noch. »Ich werde vorsichtig sein, Fand, das schwöre ich dir. Und kannst du nicht in ihre Herzen sehen? Du wirst mich warnen, wenn sie Böses im Sinn haben.«

Fand sah sich rasch um und stieß einen beschwichtigenden Laut aus. »Willst du, dass die Priesterinnen von Jor von meiner Fähigkeit erfahren?«, zischte sie. »Nila, das Sommermeer ist dir zu Kopf gestiegen wie Meerzwiebelwein! Ich bin lieber eine Sklavin als ein Akoluth der Priesterinnen. Du musst vorsichtiger sein!«

Nilas Miene wurde ernst, und er zog sie an sich. »Es tut mir Leid«, flüsterte er in ihr üppiges, braunes Haar. »Du hast Recht. Ich sollte vorsichtiger sein. Komm, kehren wir zum Schwarm zurück, bevor sie uns suchen und merken, dass wir zusammen fortgegangen sind.«

Fand richtete ihren Gürtel aus Tang und Muscheln und kämmte sich mit den Fingern das Haar zurück. »Ich werde zurücklaufen, und du kannst aus der anderen Richtung heranschwimmen«, sagte sie. »Nila, bitte, willst du dem Meer die Perle nicht zurückgeben? Wir werden sonst nur Schwierigkeiten bekommen.«

Den lippenlosen Mund zu einer geraden, harten Linie zusammengepresst, schüttelte er entschlossen den Kopf. »Nein, Jor selbst hat mich zu der Perle geführt. Ich werde sein Geschenk nicht verschmähen.«

»Nila, du weißt, dass mich manchmal der Fluch trifft, in die Zukunft sehen zu können. Ich sage dir noch einmal, dass ich nur Stürme und Flutwellen vor uns sehe.«

Er lachte und umfasste mit einer Bewegung seiner mit Schwimmhäuten versehenen Hand das Meer, das blau und ruhig unter einem wolkenlosen Himmel lag. »Nun, ich sehe nur ruhiges Wasser, mein Liebling. Du weißt, dass ich mit der Glückshaube geboren wurde und das angeblich bedeuten soll, dass ich niemals ertrinken könnte. Ich sage, lass die Stürme kommen!«

Das Spinnrad
dreht sich