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Buch

Die Armee der Rebellen gegen die tyrannische Banrìgh wächst. Doch Meghan, die weise Hexe, ist mit Iseult und dem geflügelten Jungen Bacaiche in einen Hinterhalt der grausamen Herrscherin geraten. Und bevor die entscheidende Schlacht beginnen kann, muss erst noch eine alte Prophezeiung erfüllt werden: Das Land Eileanan kann erst frei sein, wenn zusammengefügt ist, was zerbrochen war – die Zwillinge, die sich nie gesehen haben, die drei Teile des magischen Schlüssels und der geflügelte Mann mit den Kräften des verlorenen Leitsterns …

Autorin

Kate Forsyth wurde im australischen Sydney geboren, wo sie mit ihrem Ehemann, ihren drei Kindern und Tausenden von Büchern lebt. Sie ist als Journalistin für mehrere Magazine tätig. Ihr Fantasy-Reich Eileanan ist von der schottischen Heimat ihrer Vorfahren inspiriert.

Von Kate Forsyth bei Blanvalet lieferbar:

Der Hexenturm (16820), Die Hexen von Eileanan (16823), Der See der zwei Monde (16821), Aufstand der Hexen (16824), Der Palast der Drachen (16822), Die verwunschenen Türme (16825), Das verbotene Land (16826), Die Höhle der tausend Könige (16827), Die Ankunft des Kometen (16828), Der Turm der Raben (16829), Die strahlende Stadt (16830), Das Herz der Sterne (16831)

Kate Forsyth

Der Aufstand der Hexen

Der magische Schlüssel 4

Übersetzt von Karin König

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Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Pool oft he Two Moons. Book Two of The Witches of Eileanan« (Parts 4–6) bei Arrow/Random House Australia, Sydney.

1. Auflage

E-Book-Ausgabe bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © der Originalausgabe 1998 by Kate Forsyth

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2002 by Wilhelm Goldmann, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Covergestaltung und Artwork: Isabelle Hirtz, Inkcraft

Redaktion: Manuela Schomann

HK · Herstellung: sam

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-16824-7
V001

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Für meine liebe Mutter,

Gillian Mackenzie Evans

Zur Karte Eileanan:

1

Turm des Sturms

2

Turm der Meersinger

3

Turm der Krieger

4

Turm der Rosen & Dornen

5

Turm der Träumer

6

Turm der Sucher

7

Turm der Pferde-Lairds

8

Turm der Raben

9

Turm der Gesegneten Felder

10

Turm der Nebel

11

Cuìnns Turm

12

Turm der Zwei Monde

Das
Weberschiffchen
fliegt dahin

Herbst

Der Geflügelte Prionnsa

Der Rabe flog auf den Zweig einer Kiefer hinab und neigte den glänzenden Kopf. Er krächzte rau, und Iseult sah Lachlan mit erhobener Augenbraue an. »Er sagt, es sei nicht mehr allzu weit«, erwiderte Lachlan, während er sich gegen den Regen stemmte.

Aus den Bergen vor ihnen ragte die große Masse des Hauers hervor, dessen Gipfel in dunkle Sturmwolken gehüllt war. Sie hatten mehrere Wochen gebraucht, um das Land vom Verschleierten Wald aus zu durchqueren, denn sie hatten sich an verborgene Pfade gehalten, da sie es nicht gewagt hatten, eines der Bergdörfer zu betreten. Sie kamen zu einem Bach, der einen steilen Hang hinabfloss, und folgten seinem Verlauf durch dichtes Dornengestrüpp. Die bereits verdorrenden Früchte des Goldschlehdorns hingen zu beiden Seiten, während darüber ein roter Felsen aufragte, an dessen Hang große Steinblöcke verstreut lagen. Jesyah flog auf einen dieser Blöcke herab, krächzte belustigt und verschwand dann außer Sicht.

Iseult und Lachlan folgten ihm vorsichtig und fanden einen schmalen gewundenen Durchgang durch den Felsen. Der Donbeag, der auf Iseults Schulter kauerte, keckerte neugierig. Zwischen den Felsen verborgene Wächter riefen sie an, aber da ihnen Lachlan bekannt war, durfte die Gruppe weitergehen.

Bald konnten sie Hämmern und Rufen und das Klirren von Schwertern hören. Ein Pferd wieherte, was in dem schmalen Durchgang eigenartig klang. Lachlan drängte voran und ging in einen großen Talkessel voraus, der auf allen Seiten von hohen, mit Höhlen durchsetzten Felswänden umgeben war. Zelte bedeckten die Wiese, und überall arbeiteten bewaffnete Männer oder übten mit ihren Waffen. An einem Ende befand sich ein See, der von schmalen Wasserfällen gespeist wurde, die wiederum vom weit darüber liegenden Rand des Gletschers herabflossen. Iseult hob den Blick zum symmetrischen Gipfel des Hauers, der durch einen Riss in den Sturmwolken kurz sichtbar wurde.

»Der Schädel der Welt«, flüsterte sie.

Sie hatte keine Zeit, dem Berg, der den Menschen vom Rückgrat der Welt heilig war, mehr als einen langen Blick zu gönnen. Sobald sie aus dem Schutz des Durchgangs traten, wurden sie erneut von Wachen angerufen. Lachlan, dessen goldtopasfarbene Augen vor Aufregung strahlten, rief ihnen zu. Dann hallten Begrüßungsrufe rund um den Talkessel wider, und ein großer Mann in blauem Wams und einem verblichenen Kilt trat aus der Menge hervor und ergriff Lachlans Hand.

»Duncan!«, rief Lachlan. »Es tut wahrhaft gut, dich zu sehen!«

Duncans Gesicht war kantig, tief gebräunt und durch eine knotige Narbe verunstaltet, die von einem Ohr bis in seinen buschigen schwarzen Bart verlief. Seine Nase musste so häufig gebrochen gewesen sein, dass nur schwer zu erkennen war, wie sie ursprünglich ausgesehen hatte. Er war stämmig wie eine alte Eiche, und seine Armmuskeln traten hervor. Iseult dachte, dass sie nicht gerne in einen Zweikampf mit ihm verwickelt werden würde.

Er zog Lachlan in eine ungestüme Umarmung, aus der dieser zerzaust und atemlos wieder hervorkam. »Eisenfaust, wann wirst du aufhören zu versuchen, mir die Rippen zu brechen?«, keuchte er und hielt sich die Seite. Duncan grinste breit, sodass dunkle Lücken sichtbar wurden, wo ihm Zähne fehlten, während Lachlan von allen Seiten freudig begrüßt wurde. »Sieh nur, dort ist Jorge!«, rief Lachlan. »Gehen wir zu ihm und reden mit ihm.«

Er deutete auf einen alten Mann, der am anderen Ende des Sees stand. Sein schneeweißer Bart ergoss sich bis zur Taille über seine Brust. Er trug ein hellblaues Gewand, und ein Rabe kauerte auf seiner Schulter.

Während sie den See umrundeten, hob Jorge seinen zottigen Kopf, und Iseult erkannte voller Mitleid jäh, dass er blind war. Genau in diesem Moment verblüffte er sie, indem er willkommen heißend lächelte und rief: »Bacaiche! Mein lieber Junge! Ich bin so froh, dich zu sehen!«

»Ihr könnt mich jetzt Lachlan nennen«, erwiderte der Prionnsa majestätisch.

»Du hast dich offenbart?«

»In der Tat.«

»Ach, ich bin so froh. Es wurde auch Zeit. Tatsächlich denk ich, du hättest es schon früher tun sollen, aber Meghan hatte zu viel Angst vor den möglichen Konsequenzen.« Dann fragte er mit einem Lächeln in der Stimme: »Und wer ist das Mädchen?«

»Meine Frau«, erwiderte Lachlan stolz. »Iseult NicFaghan, ich möchte, dass du Jorge den Seher kennen lernst, der mir sehr geholfen hat, als ich mich schließlich wieder im Körper eines Menschen befand.«

»Oh, oh! Deine Frau! Und schwanger, wie ich sehe. Ich gratuliere euch beiden, obwohl ich wirklich überrascht bin, das zu hören. NicFaghan? Das ist kein mir bekannter Name, und ich kenne alle Clans, sogar die niederen. Obwohl er klingt, wisst ihr …«

»Iseult stammt von Faodhagan dem Roten ab«, erwiderte Lachlan.

»Von Faodhagan! Aber dieser Clan ist doch vor bestimmt schon tausend Jahren ausgestorben?« Jorge hielt inne und rief dann aus: »Natürlich, du erinnerst mich an Isabeau! Seid ihr Zwillinge? Faodhagan war ein Zwilling, daran erinnere ich mich.«

»Sie sehen vollkommen gleich aus«, sagte Lachlan. »Ich hatte vergessen, dass Ihr Iseults Schwester bereits begegnet seid.«

»Das ist wahr. Ich war einer der Zauberer bei ihrer Prüfung. Darf ich dich berühren, Iseult? Sonst kann ich mir kein klares Bild von dir machen.«

Iseult ließ widerwillig zu, dass der alte Mann mit seinen verkrümmten Fingern ihren Kopf ergriff. Khan’cohbans ließen sich nicht gerne von Fremden berühren. Seine trüben weißen Augen stießen sie ab, aber sie unterdrückte ihre Abneigung und stand still, bis er sie schließlich wieder losließ. Das Schwindelgefühl, das seine Berührung mit sich brachte, verging, und sie sah, dass er lächelte.

»Meghan muss sich gefreut haben, als sie erfuhr, dass es zwei Isabeaus gibt«, sagte er.

»Ich bin Iseult und allen Erzählungen zufolge ganz anders als meine Schwester.«

»Oh, oh, ich wollt dich nicht kränken, Kind. Ich meinte bloß, dass man nur selten zwei Hexen mit solcher Macht und solchen Anlagen findet. Ich sehe selbst, dass du ganz anders bist als Isabeau.«

»Aber Ihr seid blind – was glaubt Ihr da sehen zu können?«

Lachlan protestierte gedämpft, aber Jorge sagte: »Ich sehe nicht mit den physischen Augen, meine Liebe.«

Er führte sie zu einem umgestürzten Baumstamm und fragte: »Aber wie kann das sein, dass ein neuer Clan entdeckt wurde? Ich hatte geglaubt, den Roten Zauberern sei eine schreckliche Tragödie widerfahren. Isabeau hat ihn sowie all jene getötet, die sie zurückzuhalten versuchten, nicht wahr?«

Iseult ließ sich im Schneidersitz auf dem Boden nieder, die Handflächen im Schoß nach oben gewandt. Lachlan verdrehte die Augen. Sie ignorierte ihn und erzählte Jorge die Geschichte von Sorcha der Mörderin und wie die Blutlinie der Feuermacherinnen entstanden war. Er hörte sehr interessiert zu, nickte mit seinem zottigen weißen Kopf und sagte anschließend: »NicFaghan. Ja, das passt. Tochter Faodhagans.«

Lachen erklang rund um die Lichtung, während Kinder zwischen den Bäumen umherliefen. Iseult legte eine Hand auf ihren Bauch, der den Stoff ihres Hemdes allmählich zu dehnen begann. Der Seher lächelte und sagte: »Du trägst Zwillinge, wusstest du das?«

Iseults verträumtes Lächeln wurde zu einem entsetzten Starren. »Zwillinge! Ich hatte gehofft …«

»Ja, Zwillinge, den Blutlinien der MacCuinns und der NicFaghans geboren. Das sind wirklich freudige Nachrichten! Aber warum bist du so betrübt, mein Kind? Zwillinge sind verboten? Von wem? Ach, ich verstehe. Gräm dich nicht, meine Liebe. In Eileanan sind Zwillinge nicht verboten, besonders nicht die Zwillinge einer Zauberin!« Dann seufzte er und fügte hinzu: »Tatsächlich sind sie es im Moment doch, aber bald, meine Liebe, bald! Der Hexensabbat wird wieder auferstehen, und deine Zwillingshexen werden wirklich willkommen sein!«

»Aber ich bin den Göttern des Weiß gegenüber noch immer in Geas«, murmelte Iseult, die Arme fest über dem Schoß verschränkt. Weder Jorge noch Lachlan verstanden es.

An diesem Abend fand ein Willkommensfest für den Krüppel statt, mit Musik und Gesang und vielen Geschichten von den Eskapaden der Rebellen. Duncan führte mit wirbelndem Kilt einen erstaunlich gekonnten Gigue über gekreuzten Langschwertern auf. Einer der Bettlerjungen spielte die Fiedel, bis Zehen wippten und Finger schnippten und stämmige Soldaten Arm in Arm um das Freudenfeuer tanzten. Lachlan sang mitreißende Kriegsgesänge für sie, bis die Soldaten in Hochrufe ausbrachen und Langschwerter gegen Schilde schlugen. Anschließend sang Lachlan leise Liebeslieder, bis kein Auge mehr in der Menge trocken war. Sogar Iseults Augen wurden feucht, und ihr Herz schwoll vor Liebe zu ihrem Ehemann an. Mit seinem Gesang berührte Lachlan sie am stärksten; seine Amselstimme war so herzerweichend lieblich und geschmeidig, dass sie all das auszudrücken schien, was er ihr nicht sagen konnte.

Nachdem Lachlans Gesang verklungen war, schritt Duncan Eisenfaust in die Mitte der Menge und hob seine große Hand. »Männer, heute ist wirklich ein besonderer Abend, weil unser alter Freund Bacaiche der Krüppel wieder unter uns ist. Viele von euch hier haben während der vergangenen acht Jahre an seiner Seite gekämpft und wissen, wie tapfer und wagemutig er ist.«

Hochrufe erklangen von den Rebellen, und Lachlan lächelte und neigte den Kopf, wobei der Umhang aus Nyxhaar bis zum Hals fest geschlossen war. Duncan lächelte ihnen zu und stemmte seine riesigen Hände in die Hüften. Er wartete, bis der Tumult erstarb, und fuhr dann fort: »Nun weiß ich, dass ihr Männer dem Hexensabbat treu ergeben seid, und hoffe, dass die guten alten Zeiten zurückkehren. Seit der MacCuinn die böse Unbekannte geheiratet hat, haben sich die Dinge in Eileanan zunehmend verschlechtert. Die Roten Garden stolzieren im Land umher, nehmen sich von den Feldern und aus Häusern, was sie wollen, schänden unsere Frauen, töten unsere Männer und verbrennen jedermann, der sich ihnen widersetzt. Die Menschen im Land verhungern, die Flüsse füllen sich erneut mit den üblen Fairgean, und die schreckliche Banrìgh regiert den Hof und das Heer.«

Zischen und Rufe erklangen aus der Menge. Duncan machte erneut eine wirkungsvolle Pause und nahm einen Schluck aus der Whiskyflasche in seiner Hand. »Gerüchte im Land berichten von einer Prophezeiung, die besagt, dass ein geflügelter Mann mit dem verlorenen Leitstern in Händen kommen wird, um das Land zu retten. Er wird im Schulterschluss mit Drachen kommen und alle Mächte der Zauberei befehligen können. Er wird Rìgh sein und uns vor Tod und Unheil erretten!«

Lachlan trat vor und löste die Spange seines magischen Umhangs. »Ich präsentiere euch Lachlan Owein MacCuinn, vierter Sohn Partetas des Tapferen!«, rief Duncan und kniete dann nieder, sein großes Langschwert wie ein Kreuz vor sich haltend.

Der Umhang aus Nyxhaar glitt in der verwunderten Stille zu Boden, und Lachlan breitete seine großartigen, nachtschwarzen Schwingen aus. Er trug den Kilt und das Plaid der MacCuinns, die Rothirschspange an der Brust, den Sgian Dubh in den Lederstiefeln. Er wirkte jeder Zoll wie ein Prionnsa.

Sogar Iseult, welche die Verwandlung vom Krüppel zum geflügelten Prionnsa nun schon viele Male gesehen hatte, konnte einen bewundernden Laut nicht unterdrücken. Erstauntes Seufzen erklang aus der Menge, und dann wurde die Nacht von aufgeregten und anerkennenden Rufen zerrissen. »Er ist geflügelt!«

»Die Prophezeiung ist wahr!«

»Ein MacCuinn – einer der Vermissten Prionnsachan!«

»Wir sind gerettet!«

»Nun können wir nicht mehr verlieren!«

»Es lebe Lachlan der Geflügelte!«

Hochrufe erklangen immer wieder, und eintausend Mann knieten vor ihm nieder, die Schwerter ergeben emporgereckt. Lachlan neigte feierlich den Kopf. Dann erzählte er die Geschichte seiner Verwünschung, von der Zeit, in der er im Körper einer Amsel gefangen war, und von seiner Rückverwandlung in den Körper eines Menschen mit Schwingen und Klauen. Er erzählte, wie er Rache an der Banrìgh für ihre üblen Hexereien geschworen, sich den Rebellen angeschlossen und in jedem Land Eileanans mit ihnen gekämpft hatte. Er berichtete ihnen, wie er von den Garden der Banrìgh gefangen genommen wurde und entkommen war, nackt wie ein neugeborenes Baby, nur mit einem Umhang aus Illusionen als Schutz. Er erzählte ihnen, dass seine Großtante Meghan von den Tieren noch lebe, sich aber in die Hände der Anti-Hexenliga begeben habe, um seine Freiheit zu sichern. Diese Nachricht wurde mit entsetztem Stöhnen aufgenommen.

Dann streckte Lachlan die Hand nach Iseult aus und berichtete den Soldaten, dass sie der Blutlinie Faodhagans des Roten entstamme, eine Hexe und selbst Kriegerin sei und Zwillinge trüge, Erben des Throns. Iseult trat in den Lichtkreis, und die aufständischen Soldaten jubelten, bis sich Iseults Wangen vor Verlegenheit röteten.

»Es ist an der Zeit, dass wir das Herz der Macht Mayas der Unbekannten angreifen!«, rief Lachlan. »Wir werden nach Lucescere reiten, um die Stadt zu erobern und den Leitstern wiederzuerlangen! Wenn ich das Erbe des Aedan wieder in Händen habe, sind wir nicht mehr aufzuhalten! Die Rebellion geht weiter!«

Das Klirren von Langschwertern auf Schilden und das Stampfen von Füßen sowie Klatschen und Jubeln erklang rund um den Talkessel, bis sich Iseult die Ohren zuhalten musste. »Lang lebe Lachlan MacCuinn! Lang lebe der geflügelte Prionnsa!«, riefen die Rebellen. »Eà segne Lachlan MacCuinn!«

Finn erwachte früh und sprang aus ihrem Bett aus Farn, sodass die schlafende Elfenkatze auf den Höhlenboden fiel. »Wach auf, Jo!«, rief Finn, aber das andere Mädchen reagierte nur mit einem Murmeln. Finn lief in den neuen Morgen hinaus, und ihre bloßen Zehen rollten sich protestierend ein, als sie auf das taufeuchte Gras trat. Die Sonne vergoldete die Blätter der Bäume, der See schimmerte blau, und darüber glitzerten die Berggipfel vor Schnee. Die breite Fläche des Gletschers blendete in der Sonne so stark, dass Finn die Augen mit der Hand bedecken musste, um zum Hauer hinaufzublicken, dessen steile Hänge symmetrisch wie ein Kegel waren. Der Hauer war meist wolkenverhangen, und aus einem unbestimmten Grund schien es ihr vertraut, wenn sie seinen spitzen Gipfel und die weiße Schneekappe so klar sehen konnte wie jetzt.

Das Rebellenlager regte sich bereits. Dünne Rauchfäden stiegen von den Frühstücksfeuern auf, und Soldaten fütterten ihre an der Felsklippe angepflockten Pferde. Finn tanzte über die Wiese auf das Lager zu und hoffte, im hellen Tageslicht mehr von den Neuankömmlingen zu sehen.

Finn hatten die wundersamen und phantastischen Ereignisse des Abends zutiefst berührt. Sie und die übrige Liga hatten auf vorderen Plätzen gesessen, was hauptsächlich Jays Können mit der Fiedel zu verdanken gewesen war. Lachlan MacCuinns magischer Umhang war zu ihren Füßen gesunken, und der Schatten seiner Schwingen war über ihre Gesichter gefallen. Nun waren sie alle mit Leib und Seele Lachlan MacCuinns Sache verschworen.

Finn konnte dem Hilfskoch, der ihre verfilzten, kastanienbraunen Locken zauste und sie »einen kleinen Frechdachs« nannte, leicht Frühstück für sich selbst und für die kleine Katze abschmeicheln. Mit Goblin auf ihrer Schulter schlenderte sie durch die Zeltreihen und zusammengerollten Bettzeuge, bis sie in die Nähe der Stelle kam, wo Lachlan und seine Gruppe die Nacht verbracht hatten. Sie umging mühelos die zum Schutz seines Lagerfeuers aufgestellten Wachen und kauerte sich auf einen Fleck, von dem aus sie den Eingang seines Zeltes sehen konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Als sie ihr Brot und den Schinken aufgegessen hatte, kam die Banprionnsa hervor und streckte sich im Sonnenschein. Sie war wie ein Junge mit einer Hose und einem losen Hemd bekleidet und hatte die roten Locken im Nacken zusammengebunden. Während Finn bewundernd hinsah, blickten die blauen Augen in die Schatten, wo sich das kleine Mädchen verbarg. Als Iseult die Größe und Gestalt des verborgenen Beobachters erkannte, glättete sich ihre Stirn.

»Komm raus, Kind, ich werde dir nichts tun«, sagte sie. »Wie heißt du?«

Finn hüpfte freudig in den Sonnenschein, nannte Iseult ihren Namen und erzählte ihr alles über die Liga der Heilenden Hand sowie über Tòmas, ihr Maskottchen, der durch Auflegen der Hände heilen konnte. Sie erzählte ihr von den vergangenen vier Monaten in dem Talkessel und wie sie trotz des Hohns und Gelächters der Soldaten ihr eigenes Bataillon gebildet hatten.

Die Liga der Heilenden Hand hatte sich mehr als verdreifacht, seit die Soldaten gekommen waren, denn unter den Gefolgsleuten des Lagers befanden sich auch viele Kinder. Dillon hatte Johanna befohlen, ihnen ein Banner zu nähen, welches Connor an einen Stock gebunden trug. Es zeigte eine merkwürdig geformte gelbe Hand auf blauem Untergrund, und die Kinder waren sehr stolz darauf.

Jeden Tag übte die Liga unter den aufmerksamen Augen ihres Anführers Dillons des Kühnen Manöver. Sie hatten zu Anfang nur wenige Waffen gehabt, hatten aber im ganzen Lager gebettelt, geborgt und gestohlen, bis alle zweiunddreißig Mitglieder der Liga scharfe Dolche besaßen, die in ihren Gürteln steckten. Die älteren Jungen hatten die Soldaten überredet, sie im Gebrauch von Kurzschwertern und Armbrüsten auszubilden, und Finn war sehr verärgert darüber, dass die Soldaten sie nicht daran teilhaben lassen wollten.

»Sie behaupten, ein Mädchen könnte nicht schießen lernen!«, sagte Finn betrübt.

»Ach, sie sind Narren!«, rief Iseult. »Ich werd dich ausbilden, und wir werden den Soldaten zeigen, wie gut ein Mädchen schießen kann!«

Das freute Finn wirklich sehr, und sie bat auf der Stelle um eine Unterrichtsstunde. Iseult schüttelte den Kopf und sagte, sie müsse zunächst an einer Kriegsversammlung teilnehmen.

»Sie lassen Euch zur Kriegsversammlung gehen?«, fragte Finn mit geweiteten Augen, da sie am eigenen Leib hatte erfahren müssen, wie wenig die Soldaten von Frauen im Krieg hielten.

»Natürlich! Ich würd gerne sehen, wie sie mich davon abhalten wollen.«

Finn stieß ein seliges Seufzen aus und fragte, ob sie auch mitkommen könne. Iseult schüttelte erneut den Kopf. »Nein, Finn, ich fürchte, das könnte die Nachsicht der Heerführer zu sehr strapazieren. Aber du könntest etwas für mich tun.« Sie durchwühlte eine kleine Tasche an ihrer Taille und nahm einen zerbrochenen Pfeil hervor, der vom Alter dunkel und brüchig war. »Jorge hat uns erzählt, du hättest ein Talent, Dinge zu finden.«

Finn zuckte die Achseln. »Die Leute bitten mich immer, etwas für sie zu suchen.«

»Das klingt, als wünschtest du, sie würden es nicht tun.«

Finn errötete und schaute zu Boden, während sie den Saum ihres zerlumpten Kleides verdrehte. »Sie wollen immer, dass ich schlechte Dinge finde«, murrte sie.

»Nun, ich möchte, dass du etwas für Lachlan findest, etwas sehr Wichtiges, das uns vielleicht zum Sieg verhilft«, sagte Iseult ernst.

Finn schaute auf, wobei ihre braungrünen Augen glänzten. »Für Euch und den Geflügelten würd ich gerne etwas finden!«, rief sie. »Was denn?«

Iseult erklärte ihr, was es mit Oweins Bogen auf sich hatte und wie er in den Hexentürmen von Lucescere verborgen worden war. Finns Miene verfinsterte sich. »Ich würd eher geröstete Kröten essen, als nach Lucescere zurückgehen. Ich war Lehrling einer Hexenschnüfflerin – die Großsucherin Glynelda persönlich hat mich versklavt. Ich lief davon und werde schwer bestraft, wenn sie mich erwischen.«

»Glynelda ist tot«, beruhigte Iseult sie. »Es gibt einen neuen Großsucher, aus Siantan – und er weilt in Dunceleste, nicht in Lucescere. Du wärst sicher.«

Finn schüttelte den Kopf. »Alle Sucher in Lucescere kennen mich. Sie wissen, dass ich Jorge und Tòmas bei der Flucht geholfen habe …«

Iseults blaue Augen wirkten nachdenklich. »Hm, das könnte ein Problem sein«, antwortete sie. »Obwohl wir nicht vorhaben, selbst in die Stadt zu gehen, da wir es nicht riskieren können, Lachlan der Liga gegen Hexen in die Hände zu spielen. Wir wollen die Wallanlage von den Bergen aus überwinden.«

»Wie?«

Iseult lächelte kläglich. »Das ist eines unserer Probleme. Ich wollte versuchen hinüberzuspringen …«

»Aber sie ist zweihundert Fuß hoch!«

»Ja, ich weiß, und ich glaub nicht, dass ich das jetzt schaffe, da mich die Babys belasten und ich krank war … Hoffentlich fällt uns in der Kriegsversammlung eine Lösung ein.«

»Goblin und ich könnten sie für Euch erklettern«, bot Finn an.

Iseult sah sie überrascht an. »Sie soll nicht zu erklettern sein«, wandte sie ein. »Sie ist glatt wie Eis und wölbt sich auswärts. Niemand hat sie je erstiegen.«

»Goblin ist eine Elfenkatze«, sagte Finn. »Sie erklettert auch diese Felsklippen, und die Wallanlage kann nicht höher oder glatter sein als sie.«

Iseult betrachtete die Felsklippe, die den Talkessel wie eine erstarrte Woge umschloss. Sie war an manchen Stellen annähernd dreihundert Fuß hoch. »Die erklettert deine Katze?«

»Ja, so leicht, als würd sie auf einem Weg laufen. Ihr solltet sie sehen! Ihre Krallen sind sehr scharf.«

»Aber du hast keine Krallen …«

»Nein, aber wisst Ihr, der Hexenschnüffler, bei dem ich ausgebildet wurde, war in Wahrheit ein Dieb, und zwar einer der besten. Er konnte dem Rìgh einen Edelstein direkt aus der Krone stehlen, wenn er wollte. Ich bin für ihn in so manches Haus und so manche Burg geklettert und hab dabei festgestellt, dass die meisten Mauern Risse oder Efeu oder etwas anderes aufweisen, woran man sich festhalten kann.«

»Es heißt, diese Wallanlage habe nichts davon. Nicht einmal einen Riss.«

»Alle Mauern haben Risse. Aber wenn Ihr wollt, könnt ich an Goblin einen Faden und an dem Faden ein Seil befestigen …«

»Ja, aber deine Katze kann das Seil doch gewiss nicht sicher anbinden?«

»Nein, aber sie könnt um einen Vorsprung herumlaufen und dann wieder herunterklettern, sodass das Seil hinaufgezogen werden kann.«

»Das müsstest du jedoch zuerst mit ihr üben, und dafür haben wir keine Zeit …«

»Ach, ich werd ihr einfach sagen, was sie tun soll. Das ist kein Problem!«

»Du kannst mit der Katze sprechen?«

Finn nickte. Iseult sah sie interessiert an. Dieses kleine Mädchen besaß anscheinend wirklich große Macht, wenn sie schon in so jungen Jahren eine Vertraute gefunden hatte.

»Wie kannst du wissen, dass der Vorsprung sicher ist? Wir wollen doch nicht, dass sich das Seil löst, wenn du hinaufkletterst.«

»Ach, Goblin wird auch nicht wollen, dass ich falle. Sie wird sich vergewissern, dass das Seil fest ist.«

Iseult sah das kleine Mädchen bewundernd an. »Das ist wirklich eine großartige Idee. Vielleicht sollte ich dich doch mit zur Kriegsversammlung nehmen!«

Finn richtete sich stolz auf. »Wirklich?«

Iseult lächelte flüchtig. »Nein, tut mir Leid, Finn, Kriegsversammlungen sind wirklich nicht der richtige Ort für Kinder, gleichgültig wie schlau sie sind. Ich würd jedoch gerne sehen, wie du die Felsklippe erkletterst, und überlegen, ob es nicht eine Möglichkeit gibt sicherzustellen, dass du die Wallanlage bewältigen kannst. Es ist jedoch immer gefährlich. Rotgardisten patrouillieren am alten Turm, und du hast gehört, wie Lachlan erzählte, dass er dort gefangen genommen wurde.«

»Ich könnte mich tarnen!«, rief Finn aufgeregt. »Ich bin nur ein Kind. Die Soldaten werden nicht erkennen, dass ich eine Rebellin bin, wenn ich mich tarne.«

Iseult sagte: »Vielleicht. Wir werden sehen.« Sie streckte sich und fügte dann hinzu: »Ich muss meine Schlafmütze von Ehemann wecken, wenn wir unsere Pläne jemals vollenden wollen. Nun lauf, Finn, und wir werden später wieder reden.«

Mit der kleinen, schwarzen Katze als lautlosem Schatten auf den Fersen, lief Finn durch das Lager und jauchzte vor Begeisterung. Sie hatte die Banprionnsa getroffen und sollte bei der Einnahme Lucesceres helfen! Wenn sie das erst Scruffy erzählte!

Die Kriegsversammlung dauerte viele Stunden, obwohl Lachlan und Iseult den Plan hundertmal mit Meghan durchgesprochen, ihn verbessert und auf Fehler überprüft hatten. Die Verzögerungen waren teilweise auch durch Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Divisionen des Rebellenheeres bedingt, aber größtenteils entstanden sie durch die Weigerung des Anführers, auch nur einem von Iseults Worten zuzuhören. In Eileanan wurden Frauen niemals im Kampf ausgebildet, und Frauen, die tatsächlich kämpfen konnten, wurden als ebenso unnatürlich angesehen wie ein Lamm mit zwei Köpfen. Tìrsoilleir war das einzige Land, in dem Kriegerinnen üblich waren, und die Berhtilden wurden aufgrund ihrer Neigung zu Selbstaufopferung und -verstümmelung allgemein mit Entsetzen betrachtet.

Die Tatsache, dass Iseult noch immer beide Brüste besaß, beruhigte sie ein wenig, aber sie musste mehrere der Rebellenführer im Kampf besiegen, bevor sie ihr glauben wollten, dass sie wirklich kämpfen konnte. Cathmor der Gewandte war der wendigste von allen, als es zum Zweikampf kam, und doch entwaffnete Iseult ihn mit wenigen raschen, heftigen Bewegungen. Dann trat Duncan Eisenfaust höhnisch und mit einem Scherz auf den Lippen vor, aber sie vollführte einen Salto direkt über seinen Kopf hinweg, sodass er herumfuhr, das Gleichgewicht verlor und mit einem mächtigen Tritt von ihr zu Boden geschickt wurde. Sie landete in solch rascher Abfolge drei weitere Tritte, dass die Soldaten sie ehrfurchtsvoll ansahen und sich dann aufstellten, um sich gegen sie zu erproben.

Sie hatte sich so sehr bemüht, sich zu beweisen, dass es bereits Nachmittag war, bevor sie eher erschöpft den Angriffsplan darlegen konnte. Nachdem sie Meghans Karte von Rionnagan an die Zeltwand geheftet hatte, erklärte Iseult mit dem Dolch ihre Strategie und begegnete allen Einwänden der Anführer mit einer für sie höchst ungewöhnlichen Geduld.

Nach Sonnenuntergang brachten die Köche Eintopf und Brot herein. Während Iseult aß, bemerkte sie mit Vergnügen die Begeisterung in den Stimmen der Soldaten, die ihren Plan diskutierten. Um Mitternacht erklärten sich alle einverstanden, und nur noch die unwichtigeren Einzelheiten mussten erörtert werden. Um zwei Uhr morgens wusste jeder Anführer genau, was er und seine Männer zu tun hatten, und Iseult und Lachlan wurden mit Krügen voll Ale gefeiert.

Wie bei allen erfolgreichen militärischen Feldzügen war es ein einfacher Plan. Lachlan, Iseult und Duncan würden mit einer ausgesuchten Gruppe Soldaten durch die Weißlockenberge zu dem Wald hinter Lucescere ziehen. Von dort aus würden sie in die Stadt eindringen, darauf vertrauend, dass die Bettlerkinder die Gilde der Diebe zum Aufstand überreden und Kontakt mit den Rebellenführern aufnehmen konnten, die sich bereits draußen in den Armenvierteln verbargen. Die Soldaten sollten, nach der Leibwache von Lachlans Vater, die Blauen Garden genannt werden.

Jorge würde durch das Kristallsehen einen der Zauberer im Rebellenlager in den Weißlockenbergen kontaktieren. Fast fünfhundert Rebellen waren im ganzen Süden verstreut, die auf der anderen Seite des Ban-Bharrach heimlich versammelt würden. Die im Talkessel verbliebenen Soldaten würden durch Rionnagan marschieren, um, angeführt von Cathmor dem Gewandten, von Norden nach Lucescere einzudringen. Auf diese Weise würde der Angriff aus drei Richtungen gleichzeitig erfolgen, während die Tore von ihren Verbündeten in der Stadt geöffnet würden.

»Was ist mit dem Leitstern?«, riefen die Soldaten. »Wenn Ihr den Leitstern erst in Händen habt, wird uns nichts mehr standhalten können!«

Lachlan hatte gewusst, dass diese Frage kommen würde, hatte aber nicht die Absicht, den Soldaten zu erklären, dass er und Iseult zunächst die beiden anderen Teile des Schlüssels erringen und sie vereinen mussten, bevor sie auch nur darauf hoffen konnten, die verlorene Kugel zurückzuerlangen. Er sagte lediglich, der Leitstern sei in Lucescere verborgen und könnte nur unter großen Schwierigkeiten zurückerlangt werden. Außerdem erzählte er ihnen, dass der Gesang des Leitsterns bereits erstürbe und dass seine rechtzeitige Rettung, je näher der Winter käme, um so unwahrscheinlicher würde. »Meghan von den Tieren sagt, er wird sterben, wenn er nicht gefunden und berührt wird«, erklärte er düster, »sodass wir uns nicht auf die Kräfte des Leitsterns verlassen können.«

Als er und Iseult schließlich erschöpft zu ihrem Zelt stapften, beschäftigte dieses letzte Problem ihre Gedanken. »Meghan sagte, sie würde Isabeau kontaktieren und sicherstellen, dass sie den anderen Teil des Schlüssels nach Lucescere bringt«, sagte Iseult leise, während sie sich auszog. »Aber wie können wir sicher sein, dass Meghan ihr die Nachricht zukommen lassen konnte?«

»Das können wir nicht«, erwiderte Lachlan düster. »Wir können uns bei nichts sicher sein.«

Isabeau lag im gelben Gras und kaute auf einem Strohhalm, während Lasair hinter ihr zufrieden graste. Die Sonne fühlte sich auf ihren Armen warm an, aber der Wind vom Meer war schneidend. Sie rollte sich herum, schaute in den dunstigen Himmel hinauf und seufzte. Wären nicht ihre Ritte durch den Wald gewesen, wäre ihr das Leben im Palast während dieses letzten Monats sehr schwer gefallen. Sani schien sie stets zu beobachten, und Latifa war reizbar und besorgt.

Sowohl Latifa als auch Isabeau hatte die Nachricht von Meghans Gefangennahme sehr verstört. Der Gedanke, dass ihre geliebte Hüterin in den Händen der schrecklichen Liga gegen Hexen war, betrübte Isabeau zutiefst. Wenn der Großinquisitor sie selbst schon so grausam gefoltert hatte, was würden sie dann erst der Oberzauberin Meghan NicCuinn antun?

Meghans wahre Identität war ebenso ein Grund für Isabeaus Erschütterung wie die Nachricht über ihre Gefangennahme. Sie hatte ihre Hüterin nie als eine andere als Meghan von den Tieren gekannt. Das Wissen, dass Meghan eine Banprionnsa war, ein Abkömmling von Cuinn Löwenherz persönlich, berührte sie eher seltsam. Innerlich verfluchte sie die Zauberin für ihre Geheimhaltung und ihr mangelndes Vertrauen. Hätte Isabeau nicht anders gehandelt, wenn sie es gewusst hätte?

Die alte Köchin hatte nicht nur um Meghans Sicherheit gefürchtet, sondern auch um ihre eigene. Sie war seit sechzehn Jahren eng mit der Rebellion verbunden und einer von Meghans nützlichsten Spionen. Wenn Meghan unter Folter die Namen der Hexen und Rebellen preisgäbe, die sie kannte, würde Latifa gewiss angezeigt.

Eine Woche später war jedoch die Nachricht von der Flucht der Oberzauberin gekommen. Gerüchte über üble Zauberei und seltsame Bestien machten heimlich die Runde, aber sicher wusste man nur, dass sich der Großsucher Humbert aufgrund dieser Nachricht in seinem noblen Quartier erhängt hatte. Sein Nachfolger, der Großsucher Renshaw, ließ seine Männer die Wälder und Hügel rund um Lucescere durchforsten, aber sie konnten kein Zeichen von Meghan entdecken.

Isabeau musste ihre Aufregung verbergen und vorgeben, ebenso verängstigt zu sein wie die übrigen Dienstboten des Palastes. Sie hielt den Kopf gesenkt, arbeitete fleißig und wartete darauf, dass Meghan Kontakt zu ihr aufnehmen würde. Einsamkeit durchdrang sie, trotz der Menschenmengen, die sie jeden Tag umgaben. Sie wünschte, sie hätte im Palast eine Freundin finden können. Sie hatte ihr ganzes Leben lang von einer Kameradin geträumt, die ebenso empfand wie sie, eine Freundin und Vertraute, der sie ihre geheimsten Gedanken anvertrauen könnte.

Isabeau erhob sich und wanderte den Seedeich entlang, während sie auf das gekräuselte Wasser hinausblickte, das unter ihr auf den Sand spülte. Einige Hundert Meter weiter war der Deich unterbrochen, sodass man zu den darunter liegenden Sanddünen hinabsteigen konnte. Obwohl nur zwei Eisenpfosten durchgerostet waren, genügte dies Isabeau, ihren schlanken Körper hindurchzuzwängen.

Sie kletterte leichtfüßig die Leiter hinab, obwohl diese so lang war, dass ihre Arme schmerzten, als sie schließlich den Strand unter ihren Füßen spürte. Sie setzte sich hin, zog die Stiefel aus und grub die Zehen in den Sand. Muscheln und getrockneter Tang schmückten die Dünen, und sie sammelte einige, während sie den langen Weg zum Wasser hinabging. Ein Riff verlief ins Meer hinaus und bildete eine kleine Lagune mit kristallklarem Wasser, in der sich Untiefen mit fluoreszierend schimmernden Fischen gesammelt hatten. Innerhalb von Sekunden plätscherte Isabeau in der Gischt. Sie zog den Saum ihrer Röcke durch den Gürtel, sodass ihre Beine bis zu den Knien bloß waren. Niemand sonst würde der Meeresküste so nahe kommen, sodass mich niemand sehen wird, dachte sie trotzig.

Isabeau war so weit von der Küste entfernt aufgewachsen, dass ihr viele der Geschichten, die sie über die Gefahren des Meeres gehört hatte, märchenhaft und nicht recht glaubhaft erschienen waren. Sie hatte keine Angst vorm Wasser, da sie schon als ganz kleines Kind von den Ottern schwimmen gelernt hatte. Viele ihrer Altersgenossen im Palast hatten zu große Angst davor, auch nur den Kopf unter die Pumpe zu halten, falls sich die schwimmhäutige Hand einer Fairge ausstrecken und sie erwürgen sollte. Isabeau betrachtete solche Ängste eher verächtlich, wenn auch nicht so sehr, dass sie sich weiter als nur bis zu den Knien hineinwagen würde.

Dieser einsame Küstenstreifen war einer der wenigen Plätze Eileanans, an denen das Wasser ruhig war und ein natürlicher Hafen bestand. Jenseits der Mündung des Flusses befanden sich mehrere massive Tore, gefolgt von einer Reihe von Kanälen, in deren Schutz die Kriegs- und Handelsschiffe, vor Sturm und Invasion sicher, im Berhtfane lagen.

Die Schleusen waren zu Aedan Weißlockes Zeit nach den zweiten Fairgeankriegen von den Hexen errichtet worden. Meghan sagte, sie seien ein Triumph des Maschinenbaus, da sie es ermöglichten, Schiffe beliebig zu heben oder zu senken, ohne gleichzeitig die Fairgean hereinzulassen. Die MacBranns dieser Zeit hatten sie entworfen und ihren Bau überwacht, und die Schleusen hatten seit über vierhundert Jahren nicht versagt.

Auf der anderen Seite des Meeresarms begann das Gestade, eine weite Sandfläche, die im Bogen zu den Salzwiesen Arrans führte. Das Gestade erstreckte sich über die ganze Länge Clachans, mit wogenden Dünen, in denen Sandlöwen jagten und Seekühe brüllten und jedes Frühjahr kämpften.

Bevor die Menschen kamen, waren die Fairgean mit den Frühjahrstiden herangekommen, um auf den weichen Dünen des Gestades ihren Nachwuchs zu gebären, während die männlichen Fairgean Seekühe gejagt hatten, wegen ihres vielen Fleisches und der dicken Felle. Die weiblichen Fairgean hatten ihren Babys im ruhigen Wasser das Schwimmen beigebracht und Seetrauben als Wintervorrat gesammelt.

Am Gestade hatten auch die meisten Schlachten gegen die Fairgean stattgefunden. Hier war Parteta der Tapfere gestorben, drei Jahre bevor Isabeau geboren wurde. Hier hatte der junge Jaspar den Leitstern gegen die Fairgean erhoben und sie wieder ins Meer getrieben. Und sie wurden niemals wieder gesehen, hatte die Geschichte stets geendet.

Der Gedanke an die Fairgean verursachte Isabeau Übelkeit, denn die im Meer lebenden Zauberwesen waren in den nördlichen Gewässern erneut gesehen worden. Eine Wolke schob sich vor die Sonne und verwandelte die Farbe des Wassers in Stahlgrau. Isabeau wandte sich um und eilte den Weg zurück, den sie gekommen war. Ihre Fußabdrücke wurden bereits von der ansteigenden Flut ausgelöscht, und ihre nassen Beine froren.

Es dauerte lange, die rostige Leiter wieder hinaufzusteigen. Isabeau schaute auf, erkannte, wie viel weiter sie noch klettern musste, und erstarrte. Jemand beobachtete sie. Die Person beugte sich über den Deich, die Sonne im Rücken, sodass Isabeau nur den dunklen Umriss eines Kopfes und Schultern sehen konnte. Das Blut dröhnte in ihren Ohren. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Der Gezeitenwechsel würde es vielleicht erschweren, rechtzeitig eine andere Unterbrechung im Seedeich zu finden, der speziell dafür gemacht war, Menschen fernzuhalten. Tatsächlich hatte sie keine Wahl. Ihre Beine schwer wie Blei, begann sie erneut zu klettern.

Der Beobachter sagte mit tiefer weiblicher Stimme: »Du bist mutig, dass du am Strand entlangwanderst. Hast du keine Angst vor den Fairgean?«

Isabeau erwiderte vorsichtig: »Um die Wahrheit zu sagen, bin ich ein wenig enttäuscht.«

»So? Warum? Hast du keine Fairgean gesehen? Aber du wolltest es?«

»Ich hatte noch niemals zuvor das Meer gesehen. Es ist so ruhig. Ich hatte stets gehört, es sei gefährlich und voller fremdartiger, wundersamer Tiere. Ich muss zugeben, dass ich wenigstens etwas zu sehen hoffte – vielleicht eine Meerschlange oder einen fliegenden Fisch. Aber ich sah nur Vögel.«

»Es war heute ungewöhnlich ruhig. Es ist solch ein stiller, warmer Tag. Es ist noch immer Sommer, sodass die Gezeiten niedrig sind.«

Die Frau hatte eines der unwiderstehlichsten Gesichter, die Isabeau je gesehen hatte. Es war kantig, mit starker Kinnlinie, die Haut reines Oliv. Ihr seidiges Haar war direkt über der Stirn und dann wieder nahe den Ohren geschnitten und verlief im Bogen zu zwei schwarzen, glänzenden Schwingen auf ihren breiten Wangenknochen. Jedes Mal, wenn sie den Kopf bewegte, schimmerten blaue Lichter über die tiefschwarze Oberfläche. Ihre Augen glänzten zwischen dichten, dunklen Wimpern silbrig blau, und sie trug ein locker um sich geschlungenes, dunkles Plaid.

»Lass dich nicht vom Meer täuschen«, sagte die Frau. »Es ist selbst im Sommer gefährlich. Das ist die Zeit, wenn es von Meerottern wimmelt und die jungen Seekuhbullen ihre Kräfte zu messen beginnen. Außerdem sind das Meer und der Sand stets trügerisch. Es gibt giftige Fische, die wie Felsen aussehen, und Dumaale und Sandskorpione – ihr Gift tötet dich in Sekunden, sodass du stets aufpassen musst.«

»Ich werd nicht wieder dort hinuntergehen!« Isabeau schlängelte sich durch das Gitter.

Die Fremde fuhr spöttisch fort: »Dabei hab ich noch gar nicht die Riffe und Strudel und Schwertfische und Meerschlangen erwähnt …«

»Genug, genug!« Isabeau strich sich den Sand von den Füßen und zog ihre Stiefel wieder an. »Was bin ich doch für eine Närrin! Nach allen Vorträgen, die ich gehört habe, geh ich doch bei der ersten Gelegenheit plantschen!«

Die Fremde kicherte mit tiefer Stimme. »Du kannst jederzeit plantschen gehen, solange du weißt, was du tust.«

»Was ich nicht weiß! Ihr aber anscheinend schon. Wurdet Ihr hier in der Nähe geboren, dass Ihr so viel über Dumaale und Sandskorpione wisst?«

»Nein. Ich würde dem Meer fernbleiben, wenn ich du wäre«, sagte sie mit plötzlich veränderter Stimme. Sie war kühler, reservierter geworden, als hätte sie sich wie Isabeau daran erinnert, dass sie vorsichtiger sein sollte. »Es kann gefährlich sein, und außerdem mögen die Menschen es nicht. Du bist vermutlich fremd hier, aber du solltest wissen, dass die Bewohner Clachans in Bezug auf das Meer wirklich abergläubisch sind. Du solltest nicht mit Sand am Rock durch Dùn Gorm wandern.« Sie hielt inne und streckte eine Hand aus. »Ich muss gehen. Denk daran, was ich gesagt habe – halte dich vom Meer fern. Auf Wiedersehen.«

Isabeau ergriff ihre Hand und dankte ihr. In den Schatten unter den Bäumen konnte sie ihr Gesicht kaum erkennen. Sie sah Zähne aufblitzen, als die Frau lächelte, und dann war sie fort. Erst da rief Isabeau Lasair.

Obwohl sie den ganzen Weg zum Waldrand zurückgaloppierten, kam Isabeau dennoch zu spät. Sie eilte um die Ställe herum, wohl wissend, dass sie sich erst säubern müsste, bevor sie sich in der Küche blicken ließe. Wenn die Dienstboten ihr vom Wasser durchnässtes Gewand sähen, würden sie wirklich misstrauisch werden.

Riordan Säbelbein rauchte beim Reinigen eines Pferdegeschirrs eine lange Tonpfeife. Er warf ihr nur einen Blick zu und wurde sehr betrübt. »Du warst am Meer«, beschuldigte er sie. »Sieh dich nur an! Rote, du kannst nicht im Meer herumplantschen und spielen. Siehst du das nicht ein? Sieh dir dein Gewand an!«

Sie versuchte, es herunterzuspielen, aber er umfasste ihr Kinn, sodass sie ihm in die Augen sehen musste. »Rote, niemand außer Hexen und Zauberwesen wagt es, das Meer zu betrachten. Du willst doch nicht, dass die Liga gegen Hexen auf dich aufmerksam wird! Bleib dem Meer fern!«

Sie nickte und sagte: »Ich verstehe.« Riordans Aufregung war berechtigt, wie sie wusste. Sie wollte die Aufmerksamkeit der Liga gegen Hexen gewiss nicht wieder auf sich ziehen. Dennoch war sie sich einer tiefen Enttäuschung bewusst. Ihr Spaziergang an der Meeresküste entlang hatte sie fasziniert, denn es war etwas an einer solch gewaltigen Menge Wasser, das sich regte und murmelte, was das Auge und den Geist verzauberte. Und sie hatte sich stark von der dunkelhaarigen Frau angezogen gefühlt. Sie hatte sich den ganzen Heimweg über gefragt, ob sie sie jemals wiedersehen würde. Es schien unwahrscheinlich, und Isabeau bedauerte das.

Spät an diesem Abend fegte Isabeau den Milchraum aus und versuchte, ein Gähnen zu unterdrücken, das ihre Kiefer knacken ließ, als sie ein drängendes Quieken hörte. Sie schaute auf und sah eine große schwarze Ratte auf dem Butterfass kauern. Sie lief hin und her, wobei der lange Schwanz unruhig zuckte. Du musst mitkommen, sagte sie mit ihrer in den höchsten Tönen quiekenden Stimme. Die große Mutterratte will es.

Langsam, Kleine, sagte Isabeau und gähnte hinter vorgehaltener Hand. Es gibt hier eine Katze, die dich mit einem Haps verschlingen könnte!

Das Nagetier quiekte entsetzt und lief um den Rand des großen Fasses herum. Du musst mitkommen, sagte es erneut und richtete sich auf die Hinterbeine auf, wobei die perlartigen Augen vor Angst glänzten.

Nicht jetzt, erwiderte Isabeau ebenfalls quiekend, weil sie dachte, die Ratte wolle ihr wohl ihr Nest mit Jungen zeigen. Ich muss schlafen. Und sie stellte den Besen fort und schleppte sich mühsam die vielen Stufen zu ihrem Raum hinauf, wobei sie sich heftig die Augen rieb und wünschte, sie wäre an diesem Tag nicht so weit gewandert. Die Ratte folgte ihr einen Teil des Weges, schoss aber beim Anblick der Küchenkatze davon, die auf einem Treppenabsatz saß und mit einer Pfote ihren gestreiften, goldfarbenen Kopf putzte. Die Flucht führte die Ratte in die Kornkammer, wo ein nachlässiges Dienstmädchen den Deckel eines der Kornbehälter offen gelassen hatte. Alle Gedanken an die Nachricht schwanden mit der Freude an einem Fest mit ungeschältem Weizen.