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Achim Mehnert

TODESDROHUNG SCHWARZER RAUMER

 

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In dieser Reihe bisher erschienen:

 

5001  Christian Montillon Aufbruch

5002  Oliver Müller Sprung ins Ungewisse

5003  Vanessa Busse Dunkle Energie

5004  Vanessa Busse Angriff aus dem Nichts

5005  Oliver Müller Gefangene der Doppelsonne

5006  Achim Mehnert Das Vermächtnis der Moraner

5007  Rainer Schorm Jedermanns Feind

5008  H. W. Stein & Oliver Müller Die Sklavenwelt

5009  Achim Mehnert Todesdrohung Schwarzer Raumer

Achim Mehnert

 

 

Todesdrohung Schwarzer Raumer

 

 

RAUMSCHIFF PROMET

Band 9

 

 

 

 

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© 2016 by BLITZ-Verlag

Redaktion: Jörg Kaegelmann

Titelbild: Rudolf Sieber-Lonati und Manfred Schneider

Umschlaggestaltung: Mark Freier

Satz: Winfried Brand

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-95719-499-2

Thosro Ghinu hatte die Tumulte vorausgesehen. Als sie einsetzten, fielen sie heftiger aus als erwartet. Mehrere Ratsmitglieder riefen durcheinander. Statt einander zuzuhören, versuchten sie sich gegenseitig zu übertönen. Ihr Verhalten erschreckte Ghinu. Gegen eine gesunde Streitkultur war nichts einzuwenden, solange sie bestimmten Regeln folgte. Rücksichtnahme gehörte ebenso dazu wie ein gewisses Maß an Gelassenheit.

Der alte Forscher straffte seine Gestalt und baute sich vor den Versammelten auf. „Beruhigt euch, bitte!“

Die Ratsangehörigen überhörten seinen Appell. Allein diese Tatsache war besorgniserregend. Ghinu hatte immer als unumschränkter Beherrscher der Bunkeranlage im Paily-Massiv gegolten. Doch alles, was jahrzehntelang gewesen war, galt nicht mehr. Nicht seit den jüngsten Erkenntnissen. Sie besagten, dass den Moranern in Low noch etwa einhundert Tage blieben. Einhundert Tage bis zum Ausfall der Luftaufbereitungsanlage, einhundert Tage bis zu ihrer aller Tod. Eine Gnadenfrist für die Männer, Frauen und Kinder, mehr nicht. Die vermeintliche Sicherheit war jäh zerstört. Die Maschine ließ sich nicht reparieren. Ghinu hatte es befürchtet, auch wenn er gehofft hatte, die Tragödie möge sich niemals ereignen.

Nun war sie da, unabwendbar. Kein Wunder, dass sich die Delegierten gehen ließen. Sie alle sahen dem Tod ins Auge. Ghinu befürchtete eine neue Selbstmordwelle. Gerade in diesem Moment hätte der Rat Stärke und Geschlossenheit demonstrieren müssen, um den Moranern mit gutem Beispiel voranzugehen. Das Gegenteil war der Fall. Umso dringlicher war Ghinus Vorhaben. Er war nicht bereit, sich aufhalten zu lassen. Nur das Gewölbe des Wissens stand noch zwischen den Moranern und ihrem Ende. Es war ihm egal, wie gering die Aussicht auf Erfolg war. Er würde nicht untätig auf den Tod seines Volkes warten. Dabei machte es keinen Unterschied, ob sie qualvoll in Low erstickten oder draußen in der lebensfeindlichen Atmosphäre, die die schwarzen Raumer nach ihrem Überfall auf Moran hinterlassen hatten.

„Was versprichst du dir von einem solchen Flug?“, fragte Theen Noo. Der hagere Ratsangehörige war der Einzige, der sich nicht von dem allgemeinen Durcheinander beeindrucken ließ.

„Es muss mir gelingen, Kontakt zu Arn Borul herzustellen. Er ist unsere letzte Hoffnung.“

„Das hast du schon früher versucht“, warf jemand ein. „Dafür brauchtest du aber nicht zwangsläufig ins Gewölbe zu fliegen.“

Der Einwand war berechtigt. Das Gewölbe des Wissens hatte Ghinus Gehirnströme gespeichert und konnte mit ihm über große Entfernung hinweg in Verbindung treten. Auf diese Weise hatte es telepathische Übertragungen ermöglicht. So wie mit Arn, den sein Mentor kontaktiert hatte. Es hatte nur teilweise funktioniert, nun gar nicht mehr.

„Stimmt“, räumte der alte Moraner ein. „Aber es gibt ein Problem. Ich erreiche das Gewölbe nicht. Ich fürchte, dass es dort ebenfalls zu Ausfällen gekommen ist.“

„Dann kannst du auch vor Ort nichts ausrichten.“

„Ich kenne mich mit den Anlagen aus. Vielleicht gelingt es mir, den Schaden zu reparieren.“

„Mit einem solchen Alleingang setzt du dein Leben aufs Spiel“, meldete sich erneut Theen Noo zu Wort.

Die Warnung war nicht von der Hand zu weisen, doch Ghinu ignorierte sie. Was hatte er zu verlieren? Wenn er untätig blieb, starb er auf jeden Fall, und alle anderen mit ihm. Allerdings sah er ein, dass es verantwortungslos war, allein zu fliegen. Es behagte ihm nicht, doch er musste an sein Alter denken. Er konnte in eine Situation geraten, in der ein zweites Paar Hände nötig war. Oder gar die Kraft und Schnelligkeit der Jugend.

„Ich begleite Thosro.“

Die Blicke richteten sich auf Junici, von der das Angebot gekommen war. Sie schien Ghinus Gedanken erraten zu haben. Immerhin sorgten ihre Worte dafür, dass im Saal Ruhe eintrat. Die Ratsmitglieder rissen sich zusammen. Ihnen wurde offenbar bewusst, dass ihr Verhalten unangemessen war.

„Du gehörst nicht dem Rat an“, sagte jemand.

„Was ändert das?“, fragte Junici. „Vermutlich kann ich Thosro am besten unterstützen.“

Ein Raunen ging durch die Reihen der Delegierten.

Ghinu unterdrückte ein Lächeln. Junici hatte recht. Im Gewölbe des Wissens waren ihre Kenntnisse wertvoller als die Fähigkeiten von Politikern. Er griff ein, bevor sich neuerlicher Protest erhob. „Ich bin einverstanden. Ich kann Junicis Hilfe gut gebrauchen.“

„Trotzdem verlange ich, dass dich auch ein Ratsmitglied begleitet“, sagte Theen Noo und räusperte sich. „Verzeihung. Ich verlange nicht – ich bitte darum.“

Ghinu hatte nichts dagegen einzuwenden. „An wen hast du gedacht?“

„An mich.“

„Einverstanden.“ Ghinu blickte demonstrativ in die Runde. „Ich komme eurem Wunsch nach. Genügt das? Oder gibt es weitere Einwände?“

Schweigen. Ghinu hatte das Gefühl, dass die meisten Ratsangehörigen froh waren, dass sich mit Theen Noo ein anderer gefunden hatte, der sich freiwillig auf die vermutlich gefährliche Mission begab. Trotz des absehbaren Endes fürchteten sie den Tod. Das hatte einen Vorteil: Sie würden nicht auf die Idee kommen, vorzeitig Selbstmord zu begehen. Leider hegte Ghinu diese Zuversicht nicht für alle Moraner. Sobald sie keinen Ausweg mehr sahen, würden viele von ihnen Hand an sich legen. Es lag an ihm, das zu verhindern. Doch wie? Er war nur ein Mann, und es ging um das Überleben der letzten Moraner, um den Fortbestand ihres Volkes. Für einen Moment litt er unter der Last der Verantwortung. Wenn er versagte, war alles verloren, wofür er viele Jahre gekämpft hatte. Seine Gedanken eilten durch Raum und Zeit. Die Hoffnungen der Moraner ruhten auf ihm, die seinen hingegen ruhten auf Arn Borul, der eine neue Heimat für die Überlebenden gefunden hatte.

„Alles in Ordnung?“, vernahm er Junicis Stimme.

Ghinu richtete sich auf. „Ja, aber wir sollten keine Zeit verlieren.“ Grußlos drehte er sich um und verließ den Ratssaal. Junici und Theen Noo schlossen sich ihm an.

 

*

 

Es gab nur wenige Menschen, die Harry T. Orell direkt erreichten. Und die waren vom Chef der Corporation handverlesen. Alle anderen mussten den Umweg über sein Vorzimmer gehen. Von dort wurden ihre Anrufe zu dem grauhaarigen Firmenmagnat weitergeleitet. Kelly, die gute Seele, die schon seit Firmengründung für Orell arbeitete, sorgte gewissenhaft dafür, dass Nachrichten nur durchgestellt wurden, wenn ihr Chef dadurch nicht bei einer dringenden Tätigkeit gestört wurde. Das galt umso mehr für Anrufer, die auch Kelly unbekannt waren.

„Eine verschlüsselte Frequenz?“, hakte der Gründer der HTO-Corporation nach. „Wie sagten Sie, lautet der Name des Anrufers?“

„Kronjevc“, antwortete seine Sekretärin. „Er gehört der TST an.“

Orell konnte sich nicht erinnern, diese Bezeichnung schon einmal gehört zu haben. „Was soll das sein – TST?“

„Das habe ich ihn auch gefragt, Sir. Er gibt sich geheimnisvoll. Soll ich ihn abwimmeln oder mir seine Kennung geben lassen, damit Sie ihn zurückrufen können?“

Orell dachte kurz nach. Wenn sich der Unbekannte so zierte, würde er keine Kennung preisgeben. TST? Was mochte sich dahinter verbergen? Seine Neugier war geweckt. „Ich höre mir an, was er von mir will. Stellen Sie ihn durch, Kelly.“

„Wird gemacht.“ Die Verbindung wurde unterbrochen.

Kurz darauf erklang eine männliche Stimme. „Es ist gar nicht so einfach, bis zu Ihnen durchzudringen, Mister Orell. Sie haben Ihre Sekretärin gut im Griff.“

„Sie versucht, so gut es geht, mich abzuschirmen.“ Orell schmunzelte. Am Tonfall hatte er den Mann erkannt. „Aber das brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Richtig?“

„Ich habe nichts anderes erwartet.“

„Dann mal heraus mit der Sprache, Mister Kronjevc. Sie haben meine Aufmerksamkeit, aber ich kann Sie jederzeit aus der Leitung werfen. Sie gehören also der TST an. Das bedeutet?“

„Terra States!“ Die Antwort kam prompt. „Die Terra States sind eine überstaatliche Organisation.“

„Das ist die Weltregierung auch. Sie gehören also der Regierung an, wenn ich Sie richtig verstehe.“

„Ja und nein. Die Weltregierung hat ihren Aufgabenbereich, wir den unseren.“

„Wären Sie vielleicht so freundlich, etwas konkreter zu werden?“

„Sagen wir so: Die TST ist nicht für die Erde zuständig, sondern für künftige Belange zwischen den Sternen.“

„Wieso hat man dann noch nie von Ihrer Organisation gehört?“

„Weil es keinen Grund gibt, ihre Existenz an die große Glocke zu hängen“, antwortete Kronjevc süffisant.

Es fiel Orell nicht schwer, zwischen den Worten zu lesen. Bei der TST handelte es sich offenbar um eine Geheimorganisation, die sich um den durchschnittlichen Erdenbewohner ebenso wenig scherte wie um territorial begrenzte Regierungen. Man benötigte keine Einzelzustimmungen, man arbeitete auf einer höheren Ebene, auf der von Konzernen und Raumfahrtgesellschaften. Schnüffler eben. Orell rümpfte die Nase. Ihm war klar, dass die HTO, der größte Raumfahrtkonzern auf Terra, besonders im Fokus des Interesses stand.

„Was verschafft mir das Vergnügen unserer Unterhaltung?“ Orell spielte den Arglosen. Er wollte den Anrufer nicht düpieren. Ihm reichten die Nervensägen von der Space Police. Zwar konnten ihm Leute wie Inspector Poul Ederson oder dessen Assistent Sergeant Horwitz kaum etwas anhaben, aber es war nicht nötig, eine weitere potentielle Streitfront zu eröffnen.

„Ich denke, das wissen Sie“, sagte Kronjevc.

Der Bursche war weder so dumm wie Ederson, noch so nassforsch wie Horwitz. Orell beging nicht den Fehler, ihn zu unterschätzen. Er hatte nicht vor, mit offenen Karten zu spielen, doch es wäre töricht gewesen, Fakten zu leugnen, die bereits die Runde gemacht hatten. „Es geht um das neu entwickelte Transitionstriebwerk?“

„Diese Neuigkeit hat Kreise innerhalb der Regierungsbehörden gezogen.“

Mehr als das, dachte Orell. Sie ist wie eine Bombe eingeschlagen. Durch das in die Promet eingebaute Sprungtriebwerk und die von Arn Borul vorgenommene Optimierung verloren sämtliche Konkurrenzunternehmen den Anschluss an die technische Entwicklung. Die Neuerung der HTO hatte die Mitbewerber förmlich in die Steinzeit zurückversetzt.

„Ich möchte nicht lange um den heißen Brei herumreden“, sprach Kronjevc weiter. „Wie Sie sich denken können, weckt Ihre Entwicklung Begehrlichkeiten. Ich gehe nicht davon aus, dass Sie eine Monopolstellung anstreben. Der Verkauf von Lizenzen für Transitionstriebwerke wird Sie zu einem reichen Mann machen. Zu einem noch reicheren Mann, als sie es ohnehin sind. Oder beabsichtigen Sie, anderen die neue Technik vorzuenthalten?“

Nein, so dumm war der Konzernchef nicht. Innerhalb der Corporation war das Thema bereits erörtert worden. Orell hatte unter anderem mit seinem alten Freund Norman Gant darüber gesprochen. Zwar hatten weder die Weltregierung noch die Space Police eine Handhabe gegen eine mögliche Monopolstellung, doch Orell war sich der Gefahr bewusst, die damit einherging. Man konnte auf die Idee kommen, ihn zu enteignen, um die Sprungtechnik für das Allgemeinwohl zur Verfügung zu stellen. Dieses Risiko wollte er nicht eingehen. Außerdem lag ihm nichts daran, die Besiedelung neuer Welten zu verzögern. Allein war die HTO dazu ohnehin nicht imstande. Doch inzwischen spielte Orell mit dem Gedanken, nicht nur die begehrten Lizenzen für den neuen revolutionären Antrieb zu verkaufen, sondern komplette Planeten zu verpachten oder gar zu verkaufen. Der Aufbruch der Menschheit zu den Sternen hatte gerade erst begonnen. Die möglichen Gewinnmargen für ein auf diesem Sektor tätiges Unternehmen ließen sich kaum beziffern.

„Das habe ich nicht vor“, antwortete Orell. „Zwar leite ich eine Firma, die gewinnorientiert ist, und außerdem bin ich beileibe kein Samariter. Doch es ist genauso mein Wunsch wie der der Weltregierung, dass Menschen andere Welten besiedeln.“ Und offensichtlich auch der Wunsch der TST, schob der HTO-Chef gedanklich hinterher.

„Ich bin befugt, ein Angebot von Ihnen entgegenzunehmen.“

„Damit muss ich Sie leider vertrösten. Ich bin bereit, der Regierung und der TST ein Angebot zu unterbreiten, allerdings erst nach Absprache mit meinem Sohn Peet.“

„Ich habe nichts dagegen, dass Sie ihn in unser Gespräch mit einbeziehen.“

„Das ist momentan nicht möglich. Peet ist geschäftlich unterwegs.“

„Auf einer besonderen Mission?“

„Geschäftlich eben“, wiederholte Orell. Anscheinend hörte die TST ebenso das Gras wachsen wie die Beamten der Space Police. „Ich melde mich bei Ihnen.“

Sein Gegenüber räusperte sich. „Ich danke Ihnen, Mister Orell.“

Der HTO-Chef unterbrach die Verbindung. Dieser Kronjevc unterschied sich von Ederson und Horwitz. Dieser Mann unterdrückte seine Ungeduld, was ihm eine gewisse Souveränität verlieh. Außerdem zeigte er sich als höflicher Gesprächspartner und benahm sich nicht wie ein Elefant im Porzellanladen. Das machte ihn zu einem undurchschaubareren Gegenspieler, als es die Polizisten waren. Orell sah dem nächsten Kontakt mit mehr Neugier als Ablehnung entgegen. Doch zunächst warteten andere Aufgaben auf ihn. Über die Tischsprechanlage rief er seine Sekretärin. „Versuchen Sie, die Promet und die HTO-234 zu erreichen, Kelly. Beide Schiffe sollen zurück zur Erde kommen.“

„Wird erledigt, Sir.“

Orell griff nach einem Whiskyglas und füllte es daumenbreit mit der golden schimmernden Flüssigkeit. Er musste mit Peet über seine Pläne sprechen. Bevor er Regierung und TST ein Angebot unterbreitete, wollte er die Entwicklung auf Riddle abwarten. Er hoffte, dass die ausgesetzte Fauna dort gute Lebensbedingungen vorfand. Als nächsten Schritt konnte man den Planeten für menschliche Besiedelung freigeben.

 

*

 

„Seit unserem Aufbruch von Low habt ihr kein Wort von euch gegeben“, stellte Thosro Ghinu fest.

„Wundert dich das? Dieser Anblick ist …“ Theen Noo verstummte.

„Bedrückend.“ Junici brachte es auf den Punkt. Es war eine treffende Bezeichnung für das Bild, das sich den drei Moranern bot. Unter ihnen flog eine verwüstete Landschaft vorbei. Ein zur Wirklichkeit gewordener Albtraum, mit dem vor dem Angriff der schwarzen Raumer niemand gerechnet hatte.

Junici lenkte das Boot mit ruhiger Hand. Es war der einzige noch existierende Notgleiter. Das Fluggefährt hatte sich nie auf eine wichtigere Mission begeben als auf jene, die vor Ghinu und seinen Begleitern lag. Das verbrannte Land reichte bis zum Horizont. Das galt für die Ebenen genauso wie für die Gebirge. Nichts gedieh an der Oberfläche des einst blühenden Planeten. An manchen Stellen war der Boden glasiert, unter der unvorstellbaren Hitzeentwicklung der auftreffenden Strahlen geschmolzen und wieder erstarrt. Lebensfeindlich und steril. Es mochte tausend Jahre oder noch länger dauern, bis dort wieder etwas wuchs.

„Wieso?“, murmelte Junici gedankenverloren. „Wieso konnte diese Katastrophe geschehen, ohne dass wir sie kommen sahen? Ich habe oft darüber nachgedacht, ob der Überfall wirklich aus heiterem Himmel kam. Gab es keine Warnzeichen für unser Volk?“

„Wie hätten wir den Angriff der schwarzen Raumer voraussehen sollen?“, entgegnete der Ratsherr. Er hatte seine Sprache wiedergefunden. „Unser Volk war ahnungslos. Es gab nichts, was wir im Vorfeld hätten unternehmen können.“

In Ghinu kochten Emotionen hoch. „Du machst es dir zu einfach.“

„Wie meinst du das?“, fragte Junici.

„Ich habe den Rat wieder und wieder auf die drohende Gefahr aufmerksam gemacht. Man wollte mich nicht anhören. Manche spotteten gar über mich.“

„Weil deine Behauptungen jeder Grundlage entbehrten“, sagte Theen Noo leise. „Hat man dir das erzählt?“ Ghinu empfand Verbitterung. Mehr als drei Dekaden waren vergangen. Der heutige Rat hatte mit dem damaligen nichts mehr gemein, und manches war in Vergessenheit geraten. „Dann hat man dich angelogen. Es gab sehr wohl Hinweise, doch sie wurden ignoriert.“

„Was für Hinweise?“, wollte Junici wissen.

„Wir erhielten Informationen von fremden Völkern, die Moran besuchten. Sie berichteten von galaktischen Kriegen mit schwarzen, hantelförmigen Raumschiffen, die über bewohnten Welten auftauchten und gnadenlos zuschlugen. Wir waren gewarnt, doch unser damaliger Rat nahm die Hinweise nicht ernst.“

„Ist das wirklich wahr?“

„Ja.“

In den leicht schräg stehenden Augen der jungen Moranerin blitzte es auf. Sie lenkte das Boot an einer Bergflanke entlang, die sich grau nach Westen hin erhob. Nicht einmal das vom wolkenlosen Himmel fallende Sonnenlicht schien sie der Düsternis entreißen zu können.

Junici und Theen Noo verfielen abermals in Schweigen. Thosro ließ ihnen Zeit, das Gehörte zu verarbeiten. Junici folgte dem Gratverlauf bis zu einem Taleinschnitt. Wie eine Woge ergoss sich goldenes Licht in die Hochebene. Umso düsterer erhoben sich die bizarren Felsformationen am jenseitigen Talausgang. Sie schienen die Sonnenstrahlen zu schlucken. Ein trügerischer Eindruck. Dennoch zog Ghinu die Schultern zusammen. Es fröstelte ihn trotz der Wärme in der engen Kabine. Es war nur ein Vorgeschmack auf die Verhältnisse, welche die Moraner beim Verlassen von Low erwarteten. Von der tödlichen Atmosphäre ganz zu schweigen.

„Es ist nicht mehr weit.“ Ghinu dirigierte Junici am Rand einer Geröllhalde entlang. Die Berge wuchsen dort noch höher empor. Das Tal blieb hinter ihnen zurück, und die zerklüftete Region wurde zunehmend unübersichtlicher. „Wir müssen auf die andere Seite der Kuppe.“

Junici folgte den Anweisungen, dann riss sie Sekunden später entsetzt ihre Augen auf. Theen Noo stieß einen Schrei aus. Ghinu krächzte. Er brachte kaum einen Ton heraus.

Ein Schatten stand zwischen den Felsen, ein monströser Gigant, der auf die Moraner zu warten schien. Zwei gigantische Kugeln, verbunden durch ein zylindrisches Mittelteil, das von einem dichten, gitterartig angeordneten Röhrensystem umgeben war. Ein schwarzer Raumer! Schwarz und kalt. Schwarz wie die Nacht, kalt wie der Tod. An der Bugkugel des hantelförmigen Raumschiffs prangte ein riesiges Facettenauge. Bedrohlich glotzte es ihnen entgegen. Ghinu spürte eine eisige Hand nach seinem Herzen greifen. Das Facettenauge war die tödlichste Waffe der schwarzen Raumer. Es stand ihnen genau gegenüber.

Ausweichen! Nichts wie weg von hier!

Bevor er die Worte hervorbringen konnte, reagierte Junici bereits. Sie riss das Boot steil nach oben, was dem Ratsherrn einen weiteren Schrei des Entsetzens entlockte.

Kümmert euch nicht um den schwarzen Raumer.

„Was war das?“, entfuhr es der Pilotin.

„Das Gewölbe des Wissens.“ Ghinu wirkte erleichtert. Die Einrichtungen des Gewölbes waren beschädigt, doch im Augenblick höchster Gefahr gelang der Kontakt.

„Wir müssen weg von hier, zurück nach Low.“ Theen Noo war der Panik nahe. „Wieso sollen wir uns nicht um den schwarzen Raumer kümmern?“

Ghinu konnte die Frage nicht beantworten. „Ruhe!“, zischte er. Er dachte nicht daran, die Mission abzubrechen. Tat er es, war die letzte Hoffnung dahin. „Konzentriert euch.“

Wieder meldete sich das Gewölbe in ihren Köpfen. Landet auf dem mittleren Gipfel, genau in dem Feld zwischen den sieben Markierungen. Danach schaltet den Antrieb und alle Bordsysteme außer der Versorgungsanlage ab. Von dem schwarzen Raumer droht euch momentan keine Gefahr. Aber verlasst das Boot nicht. Es wäre euer Tod.

„Da hast du die Antwort auf deine Frage“, sagte Ghinu.

Der Ratsherr warf ihm einen ungläubigen Blick zu. Offenbar traute er der Gedankenstimme nicht. Doch Ghinu wusste es besser. Auf die Mitteilungen des Gewölbes war Verlass. Daran zweifelte er nicht, auch wenn er es noch nie betreten hatte. Kein noch lebender Moraner hatte das jemals getan. Nach der Katastrophe wurde es zu verbotenem Gebiet. Eine Tabuzone, um die sich Gerüchte rankten, gute wie schlechte. Ghinu war der einzige Moraner in Low, dessen Kenntnisse über Gerüchte hinausgingen. Er vertraute dem Gewölbe.

Junici ihrerseits vertraute Arns Mentor. Sie hatte den Schreck über den unheimlichen Feind überwunden. „Soll ich den Anweisungen Folge leisten?“

„Wortgenau, bitte.“