Table of Contents

Impressum

Widmung

Teil I

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Teil II

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Epilog

Danksagung

Meine Playlist

 

 

 

Astrid Behrendt

Rheinstraße 60

51371 Leverkusen

http://www.drachenmond.de

E-Mail: info@drachenmond.de

 

Satz, Layout:

Astrid Behrendt

Korrektorat:

Lillith Korn, Jessica Strang

Umschlaggestaltung:

Asuka Lionera

 

Umschlag Bilder:

Wolf: www.ehdwalls.de

Foto: Holly Broomhall

Model: Rachel Hope Crofts

 

Artworks:

“Lauschangriff” von Maximillian Maier

“Vorahnung” von Anastasia Judt

“Im Eiskristall” von Michelle Lohrmann

“Im Banne Fyes” von Orlando Selvaggio

“Machtspiele” von Carmen Schmidt

“Giselles zweites Gesicht” von Michelle Lohrmann

 

 

Ebook-Erstellung:

Asuka Lionera

 

ISBN:

978-3-95991-122-1

 

Zweite, überarbeitete Auflage - Juni 2016

 

Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

 

 

 

 

 

Für meine Mama,

die ein noch größerer Bücherfresser ist als ich

(sofern das überhaupt möglich ist)

 

&

 

für meine Großeltern,

die mir als Kind pausenlos Märchen

und Geschichten vorlesen mussten,

bis ich jedes einzelne Wort mitsprechen konnte.

 

TEIL I - DIE HALBELFE

 

 

 

 

 

 

Kapitel 1

Ich bin erledigt.

Vor meinen Füßen liegt die kümmerliche Ernte diesen Jahres: Kartoffeln, die nicht einmal halb so groß sind wie meine Faust, und verschrumpelte Rüben, die mich nicht einmal für eine Woche satt machen werden.

Der verregnete Frühling, der darauffolgende ungewöhnlich heiße Sommer und die daraus resultierende Hitze haben ihren Tribut gefordert.

Deprimiert lasse ich meinen Blick über das Feld vor mir gleiten und wische mir den Schweiß von der Stirn. Die Luft ist so drückend, dass mir selbst das Atmen schwerfällt.

Alles war umsonst. Die ganzen Tage, die ich in der prallen Sonne damit zugebracht habe, die harte, rissige Erde umzugraben. Das letzte Wasser, das ich mir vom Munde abgespart habe, um die zarten Pflänzchen zu gießen, die es doch schafften, sich einen Weg an die Oberfläche zu bahnen, nur um kurz darauf zu verbrennen.

Nervös beiße ich mir auf die Unterlippe, während ich zurück zu meiner Hütte laufe. Selbst der kleine Bach, der sonst so munter neben meinem Zuhause entlangplätscherte, ist zu einem traurigen Rinnsal verkommen. Zu wenig Wasser, um meine beiden Felder zu bestellen, die mich eigentlich über den Winter hätten bringen sollen.

Aber ich darf jetzt nicht aufgeben. Noch gibt es eine Möglichkeit, mich für die kommenden Monate satt zu machen. Es ist Zeit, meine zweite Nahrungsquelle zu überprüfen.

Nachdem ich meine langen braunen Haare zu einem Zopf geflochten habe, laufe ich im angrenzenden Wald die aufgestellten Fallen ab. Selbst hier scheint die Luft zu stehen, und die kahlen Bäume spenden kaum Schatten.

Es dauert nicht lange, bis ich die erste Schlinge erreicht habe.

Nichts. Wie schon die ganze letzte Woche.

Das trockene Laub unter meinen Füßen raschelt laut, während ich von einer Schlinge zur nächsten laufe, nur, um wieder enttäuscht zu werden.

Es ist zwar noch recht früh am Morgen, aber ich habe keine Hoffnung mehr, heute noch einen Hasen oder zumindest ein Eichhörnchen zu fangen. Schließlich hatte ich schon die ganze letzte Zeit kein Glück. Es scheint, als hätten sich auch die Tiere vor dieser unnatürlichen Hitze zurückgezogen. Wenn ich so darüber nachdenke, habe ich auch schon lange kein Reh mehr in den Dämmerstunden auf meiner Lichtung gesehen … Wie gerne würde ich es ihnen gleichtun, wenn es mir nur möglich wäre.

Beharrlich schiebe ich den Gedanken an die Konsequenzen beiseite, doch immer wieder schleichen sie sich zurück in meinen Kopf, setzen sich dort fest wie ein Geschwür. Da ich dieses Jahr keine Ernte haben werde und auch keinen Erfolg bei der Jagd, bleibt mir nur noch ein Ausweg. Langsam dämmert es mir, dass ich keine Wahl habe, und sofort bildet sich ein eiskalter Klumpen in meinem Bauch, der sich durch meine Eingeweide frisst.

Trotz der schwülen Hitze fröstelt es mich und ich reibe mir die Arme, um die Gänsehaut zu vertreiben, während ich zurück zu meiner Hütte laufe und dabei vollkommen in Gedanken versunken bin.

Ich will es nicht tun. Ich will nicht ins Dorf.

Aber ich weiß, dass ich es muss.

Nicht, weil ich den langen Marsch von etwa einem halben Tag scheue. Auch nicht, weil mir bei den dort verlangten Preisen die Galle hochkommt. All das könnte ich ertragen.

Aber es gibt eine Sache, die ich nicht ertragen kann: die Menschen. Sie sind es, die mir einen eiskalten Schauer nach dem anderen über den Rücken jagen, ohne dass ich etwas dagegen tun kann.

Warum kann es nicht so einfach wie vor ein paar Monaten sein? Früher ist alle paar Wochen ein fahrender Händler in den Wald gekommen. Etwa drei Stunden von meiner Hütte entfernt haben wir uns getroffen und ich habe ihm feines Wildfleisch, das ich erbeutet habe, oder Schmuck verkauft. Besonders die Armreife, die ich aus Rehgehörn oder Wildschweinhauern herstelle, waren bei den Frauen sehr beliebt und erzielten einen guten Preis.

Seit etwa einem halben Jahr ist er jedoch nicht mehr aufgetaucht, und obwohl er ein Mensch ist, mache ich mir Sorgen um den alten Händler. Er war in Ordnung und stellte keine Fragen. Er nahm, was ich ihm brachte, und entlohnte mich ordentlich dafür.

Außerdem hat er mir in der Vergangenheit oft die Bestellungen aus dem Dorf geliefert, die ich bei ihm aufgeben konnte und die ich dann in einer nahegelegenen Höhle verstaut und einzeln zu meiner Hütte geschleppt habe. Ein Vorgehen, das auch schon meine Ziehmutter so praktiziert hat.

Sehr mühselig, aber ich habe keine andere Wahl, um unerkannt zu bleiben. Und ich kam so jedes Mal um einen Besuch im Dorf herum.

Die Menschen dürfen nicht wissen, was ich bin. Sie dürfen nicht einmal ahnen, was so nah an ihrem Dorf lebt.

Ich bin mir sicher, dass die Ernte im Dorf Thiras nicht so katastrophal ausgefallen ist wie bei mir, schließlich liegt das Dorf direkt an einem vom Fluss gespeisten See. Aber hier, mitten im Wald, habe ich nichts außer dem kleinen Bach, der nahezu versiegt ist. Ich werde also im Dorf zumindest die Chance haben, alles Notwendige zu bekommen, um den Winter überleben zu können.

Trotzdem ertappe ich mich dabei, wie ich sinnlose Tätigkeiten verrichte oder den Staubkörnern dabei zuschaue, wie sie im Sonnenlicht tanzen. Alles, um den Aufbruch hinauszuzögern.

Genervt fahre ich mir mit der Hand durchs Gesicht und ärgere mich über mich selbst. Das ist sonst nicht meine Art …

Du kannst das, Fye. Du warst schon so oft im Dorf und niemals ist etwas passiert. Auch diesmal wird alles gut gehen, ganz bestimmt.

Tatsächlich war ich seit dem Tod meiner Ziehmutter Bryande nur ein einziges Mal im Dorf. Seitdem lebe ich von meinen Feldern und dem, was der Wald mir gibt. Hin und wieder habe ich auch etwas bei dem fahrenden Händler gekauft oder getauscht. Es waren gute Jahre mit noch besseren Ernten und ich habe keinen Gedanken daran verschwendet, dass es einmal anders sein könnte, was sich nun natürlich rächt.

Menschenmassen jagen mir schon bei der bloßen Vorstellung eine unwahrscheinliche Angst ein, doch es hat keinen Sinn. Ich kann es sicherlich noch ein paar Tage hinauszögern, aber früher oder später werde ich mich auf den Weg ins Dorf machen müssen. Lieber bringe ich es heute hinter mich, als dass ich mich noch weitere Tage ängstige.

Auch wird es dann noch einige Tage dauern, bis die Ware geliefert wird, denn alles werde ich nicht auf einmal mitnehmen können, und wieder einige Tage länger, bis ich alles von der Höhle zu meiner Hütte geschafft habe. Außerdem muss ich erst mal einen Lieferanten finden, der bereit ist, meine gekauften Waren mit seinem Karren mitten in den Wald zu fahren und dort abzuladen-und dabei keinerlei Fragen zu stellen. Das wird mich einiges kosten …

Puh … Also, auf geht´s! Nachdem ich ein paar Mal tief ein und ausgeatmet habe, streife ich die von der Feldarbeit schmutzige Kleidung ab, schlüpfe in eine enge Hose und ziehe ein braunes Wams über, das mir bis zu den Knien reicht und das ich mit einem Gürtel in der Taille umschließe.

Anschließend kratze ich alle meine Ersparnisse zusammen, um den Händler und den Lieferanten im Dorf bezahlen zu können. Wohlweislich nehme ich mehr Münzen mit: Einerseits, weil nach dem unnatürlich heißen Sommer die Preise gestiegen sein werden und andererseits, um mir Verschwiegenheit zu erkaufen.

Ich verstaue die Münzen in einem Lederbeutel, den ich an den Gürtel binde, und greife nach meinem grünen Umhang, den ich vorne mit einer silbernen Schließe zusammenhalte. Bevor ich meine Hütte verlasse, schlage ich die Kapuze über den Kopf, um meine Ohren zu verdecken, sodass niemand auf den ersten Blick sehen kann, dass ich nicht menschlich bin.

Meine Ohren. Mein Makel. Das Zeichen meiner Herkunft.

Beim Hinausgehen greife ich nach meinem Stab und ziehe die Kapuze trotz der Hitze tief ins Gesicht, während ich krampfhaft versuche, die Panik niederzukämpfen, die Besitz von mir ergreift.

Unter keinen Umständen dürfen die Menschen sehen, was ich bin. Es wäre mein sicherer Tod.

Gerne würde ich auf den dicken Umhang und die Kapuze verzichten, aber sie sind unumgänglich, wenn ich die Sicherheit meiner Lichtung verlasse. Denn egal, wie ich meine Haare frisiere - ob ich sie offen lasse, flechte oder hochstecke -, immer spitzen meine Ohren hindurch. Jeder würde sofort sehen, was ich bin.

Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich mit meiner Ziehmutter das Dorf besucht habe. Es ist bisher immer gut gegangen und wird auch heute gutgehen. In einigen Stunden werde ich schon wieder in meiner Hütte sein und über meine Angst lachen.

Ich lege die Hand um meine silberne Schließe, atme tief durch und schlage einen schnellen Schritt Richtung Dorf ein.

 

-:¦:- -:¦:–:¦:- -:¦:- -:¦:- -:¦:- -:¦:-

 

Da die Bäume über mir bereits nahezu alle Blätter verloren haben, scheint die heiße Mittagssonne ungehindert auf mich hinab. Schweiß rinnt mir mittlerweile in Strömen den Rücken herunter, doch ich versuche ihn zu ignorieren. Ich habe es eilig und um nichts in der Welt würde ich außerhalb meiner Hütte die Kapuze ablegen.

Kann man eigentlich erschwitzen?

Das trockene Laub raschelt unter meinen Füßen, während ich flink zwischen den Bäumen abseits der Wege entlangrenne.

Auf meine Schritte achte ich jedoch kaum, denn meine Gedanken schweifen ständig ab. Der Knoten in meinem Bauch hat sich mittlerweile zu einem stattlichen Klumpen entwickelt und mit jedem Schritt, den ich näher an das Dorf komme, scheint er sich zu vergrößern. Egal, wie oft ich mir einzureden versuche, dass nichts passieren wird, steigt meine Unruhe immer weiter.

Sollten die Menschen entdecken, was ich bin, wäre ein Leben in einem dunklen, feuchten Kerker noch die beste Aussicht, mit der ich rechnen kann. Es würde jedoch eher auf den Strang oder das Schwert hinauslaufen - und das auch nur, wenn ich Glück habe. Es fällt mir nicht schwer, mir Schlimmeres als das vorzustellen, immerhin kenne ich die Geschichten und weiß, was mit meinesgleichen passiert, wenn man uns zu fassen bekommt. Nicht, dass das oft vorkommt. Soviel ich weiß, gibt es nur noch sehr wenige Mischlinge wie mich. Wenn, dann leben sie im Verborgenen und scheuen jeden Kontakt mit der Außenwelt. Geschieht es dann doch einmal, dass ein Mischling gefangen wird, bauschen die Menschen eine Ergreifung gern zu einem Spektakel auf, das sich für Monate in ihren kranken Köpfen festbrennt.

Ich blende meine Umgebung nahezu komplett aus und hänge düsteren Gedanken nach. Was, wenn es diesmal doch nicht gut geht? Wenn ich geschnappt werde? Aber wenn ich dieses Risiko nicht eingehe, ende ich als abgemagertes Skelett im Wald. Ich habe also die Wahl zwischen einem schmerzlichen und einem qualvoll langsamen Tod. Großartig.

Abrupt bleibe ich stehen und drehe mich nach allen Seiten um. War da nicht eben ein Geräusch im Unterholz hinter mir? Noch bin ich nicht weit entfernt von meiner Hütte. Sollte sie von einem Wegelagerer entdeckt werden, wäre ich in Gefahr. Verdammt! Ich beiße die Zähne zusammen. Ich habe mich von meiner Panik und meinen Angstträumen ablenken lassen. Sicherlich wäre mir sonst schon vorher aufgefallen, dass dort etwas ist.

Ich halte den Stab nun mit beiden Händen umklammert und beobachte aufmerksam meine Umgebung, während ich auf ein erneutes Geräusch warte. Ich spüre deutlich, dass ich nicht allein bin und dieses Wissen stellt die kleinen Härchen in meinem Nacken auf. Da, wieder ein Ast, der unter einem großen Gewicht geräuschvoll knackt. Schwerfällige Schritte nähern sich mir und mir ist klar: So plump bewegt sich kein Geschöpf des Waldes. Kein Jäger würde sich so laut an seine Beute heranschleichen, und kein Beutetier würde so einen Krach veranstalten, damit jeder Jäger auf es aufmerksam werden würde. Nein, da kommt etwas anderes auf mich zu.

Blitzschnell wirble ich herum und warte kampfbereit. Ich gebe mir Mühe, nach außen hin ruhig zu wirken, aber in Wahrheit zittere ich vor Angst, obwohl es dazu keinen Grund gibt. Ich bin eine gute Kämpferin und habe mich viele Winter erfolgreich gegen Bären und andere Raubtiere behauptet, die sich an meinen Vorräten vergreifen wollten. Ich werde mit allem fertig, also werde ich nicht grundlos in Panik verfallen.

Trotzdem erschrecke ich, als er aus dem Unterholz tritt, und weiche einen Schritt zurück. Vor mir steht ein Hüne von einem Menschenmann. Seine Arme sind so dick wie Keulen und mit dichtem Haarwuchs übersät, sodass sie fast schwarz wirken, und quer durch sein hässliches Gesicht verläuft eine große, wulstige Narbe. Mit seinen Schweinsaugen blickt er in meine Richtung und fängt sofort dümmlich an zu grinsen. Angewidert weiche ich einen weiteren Schritt zurück, lasse ihn jedoch nicht aus den Augen, und verfolge jede seiner Bewegungen ganz genau, um sofort reagieren zu können.

»Na, sieh mal einer an. Was haben wir denn hier?« Er wischt sich mit dem Handrücken über den Mund. »So ganz alleine unterwegs im dunklen, finsteren Wald?«

Ich verzichte, ihn darauf hinzuweisen, dass es weder dunkel noch finster ist, sondern mitten am Tag, sondern schaue stumm zu, wie er zwei Schritte auf mich zu macht und so den Abstand, den ich geschaffen habe, überbrückt. Ich sehe, dass er in seiner linken Hand eine große Axt hält, die er lässig schultert. Ein Holzfäller? Kurz hält er inne und taxiert mich von oben bis unten und von dort wieder zurück nach oben. Eiskalt läuft es mir den Rücken hinunter, als sein Blick auf meinem Gesicht hängenbleibt. Ich weiß genau, was er sieht: ein hilfloses Mädchen, ganz allein mitten im Wald. Leichte Beute für jemanden wie ihn.

Doch der Schein trügt, denn ich bin alles andere als hilflos, und das wird er bald zu spüren bekommen, wenn er sich nicht gleich umdreht und das Weite sucht.

»Komm nur her, meine Schöne. Brauchst doch keine Angst zu haben.« Er hält mir eine seiner Pranken hin, als würde er tatsächlich denken, dass ich danach greife. Ja, sicher. Schützend halte ich den Stab vor meinen Körper, bereit, ihn jederzeit zu benutzen.

Anscheinend fasst er das als Einladung auf, noch zudringlicher zu werden, denn wieder macht er einen Schritt auf mich zu und streckt seine schwielige Hand nach mir aus. Das wird mir nun definitiv zu nah, also ziele ich kurz und schlage kräftig mit meinem Stab gegen seinen Handrücken. Der Hüne jault auf und sein Gesicht verzieht sich zu einer Fratze.

»Kleines Biest!«, schreit er mich an und lässt seine Axt fallen. Grober Fehler, Freundchen! Er versucht nun, mit beiden Händen nach mir zu greifen. Ich weiche ihm in letzter Sekunde aus und schlage erneut mit dem Stab zu, als ich in sicherer Entfernung bin. Dieses Mal treffe ich seinen Rücken, was ihn taumeln lässt und ihm einen weiteren Schmerzensschrei entlockt. Es dauert einen Moment, bis er sein Gleichgewicht wiederfindet, aber dann setzt er den Angriff weiter fort.

Er weiß einfach nicht, wann er verloren hat.

Langsam werde ich der ganzen Sache überdrüssig. Anscheinend reicht meine physische Kraft nicht aus, den Hünen zu Fall zu bringen oder ihm wenigstens soweit den Spaß zu verderben, dass er von mir ablässt. Also muss ich wohl zu drastischeren Mitteln greifen. Es ist mir zwar zuwider und birgt Gefahren, aber ich habe keine Lust, dass mir dieser Riese zu nah kommt oder meine Hütte findet.

Den Stab nun in nur einer Hand, bilde ich mit der rechten eine Faust, schließe die Augen, und murmele die uralten Worte, die sich für taub gewordene Menschenohren anhören wie ein melodischer Singsang. Kurz hält der Hüne inne und glotzt auf meine Faust, von der nun ein Schimmern ausgeht. Ich spüre, wie die Macht und die Hitze in meiner Hand immer weiter anwachsen, doch noch ist sie nicht bereit, um entfesselt zu werden. Ein Luftzug umgibt mich, wirbelt meinen Rock und meinen Umhang umher, während ich weiter den Spruch aufsage. Als ich die Hitze in meiner Faust beinahe nicht mehr aushalten kann, öffne ich sie, und über der Handfläche tanzt nun ein Feuer. Jetzt schlage ich die Augen auf, fixiere den Mann, und als ich die letzten Worte spreche, wächst die Flamme, schlägt empor und entwickelt sich zu einem Feuerball, der zuckend über meiner Hand schwebt.

Wimmernd vor Panik sinkt der Mann auf die Knie und legt einen Arm vor sein Gesicht, um seine Augen vor dem strahlenden Licht des Feuerballs zu schützen. Der Gedanke, dass ich für ihn aussehen muss wie eine Rachegöttin, blitzt in meinem Kopf auf. Nein, so will ich nicht gesehen werden! Ich tue das hier, um mich zu verteidigen und nicht, um Unheil zu stiften und Verderben zu bringen. Ich bin nicht wie die Mischlinge in den Erzählungen. Um den Gedanken zu vertreiben, schüttele ich mich kurz, wodurch die Kapuze herunter rutscht.

Der Kerl starrt mich an, als wäre ich ein Geist, und seine kleinen Augen fallen beinahe aus den Höhlen. Jetzt, da er merkt, was genau er vor sich hat, beginnt sein massiger Körper vor Angst zu beben, während er unzusammenhängend um Gnade bettelt. Der Anblick weckt Mitleid und Ekel gleichzeitig in mir.

Ich lasse den Feuerball schmetternd nur wenige Zentimeter neben ihm zu Boden gehen. Dem Mann entfährt ein Schrei, als das Feuer das Gras neben ihm versengt und er die Hitze an seinem Körper spürt, wobei sicherlich auch ein großer Teil seiner üppigen Körperbehaarung in Mitleidenschaft gezogen wird. Nun ja, das ist kein großer Verlust.

Langsam schreite ich auf ihn zu und bleibe über dem wimmernden Bündel stehen, das zu meinen Füßen liegt. Er schafft es nicht, auch nur ein klares Wort zu sagen, und wagt nicht, den Kopf zu heben. Bei diesem Anblick bin ich froh, keiner von ihnen zu sein, auch wenn dieser Kerl wahrlich kein leuchtendes Beispiel für seine Rasse ist. Ich nehme meinen Stab nun wieder in die rechte Hand und lasse ihn auf seinen Kopf niederfahren. Augenblicklich sackt er bewusstlos zusammen.

Die Absicht, ihn zu töten, habe ich nicht, denn dann wäre ich nicht anders als die Mischlinge in den Schauergeschichten der Menschen, und das will ich auf keinem Fall. Hinzu kommt, dass ich mit meinen minderen Magiefähigkeiten nicht mehr anrichten kann, als ihm ein paar Verbrennungen zuzufügen. Ich kann nur hoffen, dass er mit einem gehörigen Brummschädel aufwachen und sich nur undeutlich an das eben Geschehene erinnern wird. Und dass er dann eine andere Richtung einschlagen wird als zu meiner Hütte.

Einmal mehr bereue ich, dass ich nur die Grundzauber beherrsche. Sonst setze ich meine Künste meist nur für alltägliche Arbeiten wie Feuermachen ein. Mächtige Angriffszauber sind nur den magiebegabten Hochelfenzauberern vorbehalten, die sich dem Studium dieser jahrtausendealten Kunst widmen. Niederen Elfen oder gar Halblingen wie mir bleibt nur die Küchenmagie, wie unsere kleinen Tricks abschätzig genannt werden. Reine Elfen ziehen die magische Kraft aus ihrem Medium - Waldelfen aus Bäumen oder Waldtieren, Dunkelelfen zaubern am besten in der Dunkelheit, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Einzig die Hochelfen, die älteste und reinste Elfenrasse, brauchen kein spezielles Medium, um ihre Magie zu wirken, denn sie können Energie aus nahezu jedem Gegenstand, jeder Tageszeit und jedem Lebewesen beziehen. Ich jedoch habe nichts- kein Medium, keine Rasse, keine Zugehörigkeit-und muss mich auf meinen Stab und den Nahkampf verlassen. Zum Glück bin ich in beiden Gebieten ganz passabel, dank der jahrelangen Ausbildung durch meine Ziehmutter.

Ich wende mich von dem Schauplatz des Geschehens ab, wo der Hüne noch immer bewusstlos liegt, ziehe mir die Kapuze wieder ins Gesicht und setze meinen Weg eilig fort. Dieser Zwischenfall hat mich schon zu viel Zeit gekostet.

Bäume und Sträucher fliegen förmlich an mir vorbei, während ich immer weiterrenne, doch der Weg scheint nicht enden zu wollen. Wenigstens ermüde ich nicht so schnell oder brauche Pausen - ein kleiner Vorteil meines Halblingdaseins.

Erst, als es der Sonne nach bereits später Nachmittag sein muss, sehe ich über den Baumwipfeln die Rauchfahnen des Dorfes. Ich beschleunige meinen Schritt etwas und gehe in Gedanken nochmals die Liste der Dinge durch, die ich unbedingt benötige. Sobald ich im Dorf bin, will ich schnell handeln und alles griffbereit haben. Jede Minute, die ich weniger brauche, ist eine gewonnene Minute.

Kurz bevor ich den Schutz des Waldes verlasse, klopfe ich mir den Staub von Kleidung und Stiefeln. Gewissenhaft überprüfe ich den Sitz des Umhangs und der Kapuze, die ich mir tief ins Gesicht ziehe, und schultere meinen Stab.

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 2

Mit langsamen, menschengerechten Schritten, trete ich zwischen den Bäumen hervor und folge der schmalen Straße ins Dorf Thiras. Kleine Hütten säumen den Weg, eine schäbiger und heruntergekommener als die andere, und die Wege, die zwischen ihnen verlaufen, sind nicht gepflastert, sondern bestehen nur aus festgetretener Erde.

Ich ziehe den Kopf zwischen die Schultern und spähe nur verstohlen nach rechts und links, um so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen. Nur mit Mühe kann ich mich davon abhalten, in meinen gewohnt schnelleren Schritt zu verfallen - das hätte mich sofort verraten. Unter keinen Umständen darf ich irgendwie auffallen.

Ich komme an vielen Feldern vorbei, auf denen gerade eine Handvoll älterer Menschen Arbeiten verrichtet. Die meisten Einwohner des Dorfes scheinen einfache Bauersleute zu sein, die sich ihren Lebensunterhalt mit dem Bestellen von Äckern verdienen. Sie sind so sehr damit beschäftigt, die trockene Erde umzugraben, dass sie sich nicht für das vermummte Wesen interessieren, das zielstrebig an ihren Feldern vorbeiläuft. Ihre Gleichgültigkeit lässt mich aufatmen und der eisige Knoten in meinem Bauch lockert sich etwas.

Doch so ganz will mich die Erkenntnis, dass sie mich keines zweiten Blickes würdigen, nicht beruhigen, schließlich sind es gerade die Bauern und einfachen Menschen, die am stärksten an die alten Prophezeiungen und Legenden glauben, während dies bei den meisten Gelehrten und Adligen bereits als abergläubischer Unfug abgetan wird.

Wenn die Leute hier wüssten, was gerade so nah an ihren Feldern vorbeiläuft, hätten sie ihren Sündenbock für die letzten Missernten gefunden.

Um diesen beunruhigenden Gedanken zu vertreiben, bleibe ich kurz stehen, nachdem ich die Felder hinter mir gelassen habe, atme ein paar Mal tief durch und schaue mir meine Umgebung genauer an. Ich stehe nun im Dorf. Die Hütten sind zu steinernen und hölzernen Häusern geworden, die nicht ganz so windschief sind wie die Bauernkaten. In der Mitte des Dorfes plätschert ein kleiner See, doch niemand ist dort und erfreut sich daran. Ich hätte darauf gewettet, bei dieser Hitze einige Einwohner zu sehen, die sich im Wasser abkühlen, aber keine Menschenseele ist zu sehen.

Von der Herberge dringt ein lautes Stimmengewirr zu mir herüber und ich drehe neugierig den Kopf in diese Richtung. Die hohen und zwitschernden Stimmen von jungen Frauen übertönen sich gegenseitig und schmerzen in meinen Ohren. Kichernd und gackernd drängen sie sich um die Fenster im Erdgeschoss und versuchen, einen Blick nach drinnen zu erhaschen, schubsen sich gegenseitig aus dem Weg, um den besten Platz zu ergattern. Irgendwas hat dort ihre ganze Aufmerksamkeit und ich spüre den Drang herauszufinden, was das ist. Bei den Göttern, meine Neugierde wird mich noch eines Tages ins Grab bringen!

Mit hochgezogenen Augenbrauen schaue ich diesem Treiben einen Moment zu und beglückwünsche mich selbst, dass ich diese Phase in meinem Leben augenscheinlich übersprungen habe. Wie kann man vor einem Fenster stehen und aus vollem Halse so kreischen? Was ist denn nur da drinnen los, dass diese Frauen sämtliche Hemmungen verlieren?

Einerlei, ich habe Wichtigeres zu erledigen, als diesem sinnlosen Treiben weiter zuzusehen. Der Laden, mit dem kleinen Marktplatz vor dem Eingang, das Ziel meiner Reise, befindet sich am anderen Ende des Dorfes. Mit gesenktem Kopf, immer auf meine Füße schauend und darauf bedacht, nicht aufzufallen, laufe ich weiter. Immer wieder muss ich mich ermahnen, nicht in meinen gewohnt schnellen Schritt zu verfallen, obwohl ich es am liebsten so schnell wie möglich hinter mich bringen möchte. Auf gar keinen Fall will ich, dass mich die Menschen wahrnehmen oder sich fragen, wer ich denn sei.

Da das Dorf Thiras die größte Menschensiedlung in der Nähe ist, sind Fremde oder Reisende kein seltenes Bild für die Bewohner. Dennoch ist die Angst, dass man mir zu viel Aufmerksamkeit schenkt, mein ständiger Begleiter bei jedem einzelnen Schritt.

Als ich über die kleine Brücke gehe, die über den Fluss führt, der den See speist, kommen mir drei lachende junge Mädchen mit wehenden Haaren und Röcken entgegen. Sie kichern und schnattern, als sie sich auf der engen Brücke an mir vorbeidrängen. Ich weiche ihnen aus, so gut ich kann, presse mich an das Brückengeländer und starre auf das Wasser unter mir. Bloß nicht auffallen! Mein Herz klopft mir bis zum Hals, als die drei ganz eng an mir vorbeilaufen. Beinahe streifen sie mich und mein Herz setzt vor Angst einen Moment aus. Doch sie gehen weiter, ohne mich auch nur anzusehen, und ich kann wieder normal atmen. Sie reden wild durcheinander und ich greife nur Fetzen ihrer Unterhaltung auf, die für mich aber keinen Sinn ergeben. Ihrer Kleidung nach müssen auch sie einfache Bauern sein, jedoch haben sie ihre Haare kunstvoll aufgedreht und sich mit Glasschmuck behangen.

Ich sehe zu, wie sie sich zu dem Menschenpulk vor dem Gasthaus gesellen, richte meinen Blick wieder zu Boden und setze meinen Weg zum Marktladen fort. Mein Herzschlag ist noch immer etwas aus dem Takt.

Ich hasse es, wenn mir jemand so nahekommt. Vor allem, wenn es sich bei diesem Jemand um einen Menschen handelt.

Stumm bete ich darum, dass nicht auch mein Ladenhändler Teil dieser lärmenden Menge vor dem Gasthaus geworden ist. Nichts wäre schlimmer für mich, als ihn dort zwischen all den Menschen suchen zu müssen. Uuh, ich muss nur daran denken und sofort läuft es mir eiskalt den Rücken hinunter. Bitte, bitte, mach deine Arbeit ordentlich und sei in deinem Laden!

Ich treffe nur auf ein paar andere Reisende auf meinem Weg durch das Dorf und atme erleichtert auf, als ich endlich vor dem gemauerten Haus stehe, auf dessen Hof Kisten und Stiegen mit verschiedenen Waren stehen. In einer Kiste entdecke ich einige verschrumpelte Äpfel, in einer anderen lagern Kartoffeln, die genauso kümmerlich sind wie die auf meinem Feld. Unzählige Fliegen umschwirren das Obst, das bereits stechend süßlich riecht.

Mein Mut sinkt. Was, wenn auch der Händler nicht das hat, was ich dringend für den Winter benötige? Das war bisher nie der Fall, deshalb ist mir diese Vorstellung noch gar nicht in den Sinn gekommen. Doch während ich auf das spärliche Angebot vor mir blicke, greift die kalte Hand der Angst wieder nach mir. Die Ernte hier sieht nicht besser aus als die von mir … War mein Weg hierher völlig umsonst? Was mache ich dann?

Durchatmen, Fye! Beruhige dich. Noch weißt du doch gar nicht, ob das wirklich alles ist, was es hier im Laden gibt.

Nachdem ich tief Luft geholt habe, überprüfe ich den Sitz meiner Kapuze. Ich muss mich an meinen Plan halten, denn ich habe keine Wahl.

Direkt neben dem Laden finde ich einen Mann, der vor einem großen Ochsengespann steht. Mit gesenktem Kopf trete ich zu ihm.

»Was kosten Eure Dienste?«, frage ich ihn leise.

Er dreht den Kopf zu mir und mustert mich von oben bis unten, ehe er eine dunkle Flüssigkeit auf den Boden spuckt. »Ein Karren - drei Goldstücke.«

Das ist Wucher!, will ich am liebsten schreien, doch ich beiße mir schnell auf die Zunge. Ich darf nicht wählerisch sein, schließlich ist er der einzige Kutschfahrer weit und breit. Wer weiß, ob ich hier noch einen finde, wenn ich seine Dienste jetzt ausschlage. »Ich gebe Euch vier Goldstücke, wenn Ihr meine Waren schnellstmöglich zur Weggabelung nach Eisenfels bringt und keine Fragen stellt. Ich erwarte Euch bei Tagesanbruch in zwei Tagen.« Um meinen Worten Nachdruck zu verleihen, öffne ich meinen Beutel und ziehe vier glänzende Münzen heraus, die ich in meiner Hand klimpern lasse.

Natürlich weiß er genauso gut wie ich, dass sein Preis von drei Goldstücken überzogen ist, und er hätte nicht damit gerechnet, dass ich ihn bezahlen würde, das sehe ich deutlich. Die blanke Gier lodert in seinen Augen und ich muss beinahe grinsen. Geld regiert die Welt, das wird sich nie ändern, egal, was geschieht.

»Ein Goldstück jetzt, die restlichen drei gebe ich Euch, wenn ihr pünktlich zur abgemachten Zeit liefert.« Meine Stimme vibriert in ihrem melodischen Klang und ich stecke so viel Überzeugungskraft wie möglich hinein. Ich lasse eine Münze in seine ausgestreckte Hand fallen und der Mann nickt ergeben und verspricht, alles zu meiner Zufriedenheit zu erledigen.

Das war einfach. Punkt eins auf meiner Liste kann ich somit abhaken. Dank meines Geldes und der Kraft meiner Stimme. »Bezirzen« wird es gemeinhin genannt, eine Fähigkeit der Elfen, meine Kraft ist jedoch nur minimal. Ich kann nur leichtgläubige Wesen dazu bringen, sich schneller zu entscheiden oder sie von meiner Idee zu überzeugen. Der Mann wollte sowieso mein Geld, zögerte aber noch wegen des weiten Weges und meiner Forderungen. Ihn weiter herunterhandeln oder gar umsonst arbeiten zu lassen, läge weit außerhalb meiner Fähigkeiten, denn das würde gegen seinen eigenen Willen verstoßen.

Immerhin habe ich einen wichtigen Punkt bereits erledigt und muss mir um die Lieferung keine weiteren Gedanken mehr machen. Entschlossen betrete ich das Haus und hoffe, im Inneren eine bessere Auswahl als hier draußen zu finden.

 

-:¦:- -:¦:–:¦:- -:¦:- -:¦:- -:¦:- -:¦:-

 

Nur zwei kleine Fenster lassen etwas Tageslicht in den Verkaufsraum dringen. Ansonsten brennen in den Nischen und Regalen kleine Kerzen, um den Kunden halbwegs Sicht auf die Ware zu verschaffen. Die Luft steht in diesem kleinen Raum, und zusammen mit dem Qualm der Kerzen und dem süßlichen Geruch von altem Obst verschlägt es mir im ersten Moment den Atem. Am liebsten würde ich mich umdrehen und schleunigst wieder im Wald verschwinden, aber nein, ich zwinge mich, den Raum zu betreten und flach zu atmen.

Weil ich weiß, dass ich es muss.

Misstrauisch beäugt mich der Ladenbesitzer, ein gedrungener Mann mittleren Alters mit rötlichen Haaren und vielen Sommersprossen um die Nase, als ich sein Geschäft betrete und direkt auf den Tresen zugehe, ohne seine Auslagen eines weiteren Blickes zu würdigen.

»Was darf´s denn sein, junge Frau?«, fragt er mich. Er hat einen näselnden Akzent und schlechte Zähne, sodass ich in sicherem Abstand stehen bleibe. Wortlos reiche ich ihm meine Liste, woraufhin er eine Brille unter dem Tresen hervorfischt und den Zettel durchgeht. »So, so«, murmelt er.

Nervös blicke ich mich um und versuche, das Zittern zu unterdrücken. Mit jeder Minute steigt die Gefahr, entdeckt zu werden. Ich will nichts anderes als schnellstmöglich wieder hier weg und die Muskeln in meinen Beinen vibrieren vor Verlangen, diesem Wunsch Folge zu leisten.

»Bist wohl nicht von hier, was?« Er hat den Zettel sinken lassen und starrt mich unverblümt an.

Ich hebe das Kinn, sodass er geradeso meine Augen unter der Kapuze aufblitzen sehen kann, und starre zurück. »Nein«, antworte ich kurz und leise und senke den Kopf wieder.

Ich spüre dennoch, wie er mich weiterhin mustert, und es ist mir unangenehm. Ich mag es nicht, wenn man mich anschaut, mir Beachtung schenkt - das ist zu gefährlich für mich. Anscheinend kommen doch nicht so oft Fremde hierher, wie ich gedacht habe, was mich allerdings bei der Auswahl an Waren auch nicht wundert. Instinktiv klammere ich mich an die silberne Schließe, die meinen Umhang am Hals zusammenhält, mein altes Ritual, um mir selbst Mut zu machen. Ich muss hier dringend raus. Mit jeder verstrichenen Sekunde zieht sich mein Hals weiter zu und mir fällt das Atmen schwerer. Es liegt nicht nur an dem beißenden Qualm oder dem Geruch von überlagerten Waren, sondern an der nackten Angst, die in mir hochkriecht.

»Hmm«, macht er dann wieder und ich tippe ungeduldig mit dem Fuß auf, während ich die verstichenen Sekunden zähle. »Das meiste habe ich da. Das Saatgut und die Kartoffeln kommen allerdings erst morgen mit der Lieferung aus der Stadt.« Er wendet sich ab und kramt in seinen Regalen nach den Dingen, die auf dem Zettel stehen.

»M-Morgen?«, quietsche ich. »Aber … warum denn erst morgen?«

Er zuckt desinteressiert mit den Schultern. »Die Lieferung verspätet sich. Hatten wohl unterwegs einen Achsenbruch oder was weiß ich, jedenfalls sind sie erst morgen da.«

»Kann der Mann mit dem Karren, der draußen vor dem Laden steht, die Sachen einfach mitbringen und ich zahle sie jetzt schon?«, frage ich hoffnungsvoll. Auch wenn ich weiß, dass der Karrenfahrer mich übers Ohr hauen und einige der Waren für sich abzweigen wird, ist mir das allemal lieber, als einen ganzen Tag auf meine Ware zu warten.

Doch der Ladenbesitzer schüttelt den Kopf. »Nee, Mädel, das geht so nicht. Ich weiß selbst nicht, was und wie viel die mir morgen liefern. Die Ernte soll ja so schlecht gewesen sein. Wir bauen hier keine Kartoffeln an, deshalb weiß ich´s nicht. Guck´ da lieber selbst mal drauf. Ich hab´ auch schon viele Vorbestellungen hier, die noch vor dir dran sind. Du weißt ja, wer zuerst kommt, mahlt zuerst.«

Das hat mir gerade noch gefehlt! Das Wichtigste auf meiner Liste, das, was ich unbedingt brauche, um zu überleben, ist nicht da. Schnell gehe ich die Möglichkeiten durch, die ich noch habe. Der Weg zurück zu meiner Lichtung dauert Stunden. Und morgen früh erneut aufbrechen? Nein, da würde ich eher in Dorfnähe unter einem Baum übernachten, schließlich sind die Nächte mild und ich habe kein Problem damit, unter freiem Himmel zu schlafen. Aber das würde bedeuten, dass ich mich noch länger in Menschennähe aufhalten müsste …

Und ohne das Saatgut zurückzugehen, kommt überhaupt nicht infrage. Ich muss noch in dieser Jahreszeit die neue Saat ausbringen, um nächstes Jahr pünktlich mit der eigenen Ernte beginnen zu können.

»Wann kommt die Lieferung morgen?«, frage ich, ohne auf meine Lautstärke zu achten. Ich weiß um die Reaktion, die meine Stimme bei Menschen auslöst. Rotschopf lässt seine Brille sinken und starrt wieder zu mir. Ich versuche, ihn so grimmig wie möglich unter meinem Umhang anzufunkeln, um sämtliche weitere Fragen nach meiner Herkunft im Keim zu ersticken, und anscheinend zeigt es Wirkung.

»Nun, ähm, die sind mit ihrem Karren immer so gegen Mittag da. Vielleicht etwas später diesmal.«

Ich sehe kurz zur Seite. Wenn ich mittags meine Ware bekomme, habe ich anschließend noch genügend Zeit für den Weg nach Hause. Bei Nacht bepackt mit Waren - denn einige Dinge für die nächsten Tage werde ich gleich mitnehmen müssen - durch einen unsicheren Wald zu laufen, ist keine angenehme Vorstellung. »Einverstanden. Ich komme morgen Mittag wieder.«

Ich habe mich gerade zum Gehen abgewandt, als er sich hinter mir räuspert. »Willst du das Dorf verlassen?«

Ich bleibe stehen, drehe mich jedoch nur halb um, und nicke kurz.

»Daraus wird wohl nichts. Wir bekommen heute blaublütigen Besuch. Das gesamte Dorf wird abgeriegelt. Dürfte schon so weit sein. Heute kannst du nicht mehr raus hier.«

Nun bin ich es, die glotzt und zu ihm herumfährt. »Was?«, keuche ich. Zu mehr bin ich gerade nicht fähig, denn nackte Angst lähmt alles in mir, selbst meine Fähigkeit zu denken. Kurz darauf überschlagen sich jedoch die Gedanken in meinem Kopf. Wo sollte ich die Nacht verbringen? Noch dazu so, dass mich niemand sieht? Eingesperrt mit Dorfbewohnern - oder noch schlimmer: Wachen! - und das auf engstem Raum… Das kann doch gar nicht gut gehen. Ich muss aus diesem Dorf raus, solange es noch möglich ist!

»Ich glaub, in der Herberge is´ bestimmt noch ein Zimmer frei. Frag doch am besten mal nach.«

Ich bebe vor Wut und Angst. Was soll ich jetzt tun? Ich nicke kurz in Rotschopfs Richtung als Zeichen, dass ich ihn verstanden habe, und laufe aus dem Laden, bevor ich etwas Unüberlegtes tue und mich dadurch verrate. Er kann schließlich nichts dafür, dass die Ware nicht da ist, die ich so dringend benötige.

Draußen angekommen, atme ich mehrmals durch. Ich stehe kurz davor, vollkommen die Nerven zu verlieren. Gedanken, Ängste und pure Panik wirbeln wild in meinem Kopf durcheinander und lassen eine schmerzhafte Todesangst nach der anderen vor meinen Augen aufsteigen. Beinahe meine ich, bereits die Flammen zu spüren, die an meiner Haut lecken, oder den Strick, der sich zu fest um meinen Hals zusammenzieht.

Beruhige dich, Fye, sage ich zu mir selbst. Immer mit der Ruhe. Du weißt doch gar nicht, ob der Kerl da drin recht hat. Vielleicht kannst du noch immer aus dem Dorf heraus, ehe der Besuch eintrifft und es abgesperrt wird.

Ich atme noch einmal tief ein und umfasse die silberne Schließe an meinem Umhang. Danach sehe ich mich um. Das Dorf befindet sich in einem Tal, umringt von hohen Klippen. Wenn die Eingänge tatsächlich bewacht werden, habe ich keine Chance, ungesehen zu entkommen. Meine Bergsteigekünste halten sich in Grenzen. Eher würde ich mir den Hals brechen, als unverletzt diese Klippen erklimmen zu können.

Ich gehe schleunigst den Weg zurück, den ich gekommen bin, um mich mit eigenen Augen zu überzeugen, dass der Ausgang aus dem Dorf wirklich versperrt ist. Die Sonne sinkt unaufhaltsam und die Hütten werfen bereits lange Schatten, durch die ich husche. Auf halber Strecke bleibe ich erneut stehen und sehe mich um.

Irgendwas stimmt nicht.

Zuerst fällt mir die Stille auf. Wo vorhin noch Mädchen durcheinander kicherten und kleine Kinder sich um den Dorfbrunnen jagten, herrscht nun Schweigen. Nur der Wind, der an den Ästen der Bäume zerrt, trägt einige Wortfetzen zu mir. Verwirrt blicke ich zur Herberge. Die Menschentraube, die sich noch vor Kurzem davor drängte, ist verschwunden. Gedämpfter Lärm dringt nun vom Inneren der Herberge nach draußen. Anscheinend ist der hohe Besuch, von dem Rotschopf gesprochen hatte, bereits eingetroffen.

Ich bin so was von erledigt.

»Hab`s dir ja gesagt.«

Erschrocken wirbele ich herum. Neben mir steht der Ladenbesitzer. Ich war so in Gedanken versunken, dass ich ihn nicht habe kommen hören. Beinahe berührt sein Arm den meinen und ich mache einen Schritt zur Seite. Diese Nähe macht mich nervös und ich schreite schnell weiter Richtung Ausgang, ohne ihn weiter zu beachten.

»Da wirst du auch kein Glück haben. Ich wart` in der Herberge auf dich«, ruft er mir nach. Ich erschaudere, beschleunige meinen Schritt und muss mich bremsen, um nicht zu rennen.

Tatsächlich hat er auch diesmal recht. Am Pfad, der aus dem Tal nach draußen Richtung Wald führt, stehen drei Ritter in voller Rüstung. Zwei tragen lange Schwerter an der Seite, der andere stützt sich auf eine Lanze. Misstrauisch sehen sie in meine Richtung, als ich mich ihnen nähere. Mein Herz klopft so laut, dass sie es garantiert hören müssen.

»Heute geht hier keiner mehr raus oder rein!«, ruft mir der mit der Lanze zu, noch bevor ich den Mund aufmachen kann. »Sicherheitsvorkehrungen!« Er wedelt mit der Hand, die in einem schweren Eisenhandschuh steckt, und erstickt damit sämtlichen Protest im Keim.

Vor Verzweiflung knirsche ich mit den Zähnen und drehe mich um. Nervös beginne ich nun auch noch am Daumennagel zu nagen, eine Unsitte, die ich nur zeige, wenn meine Nerven blank liegen. Fieberhaft gehe ich meine Möglichkeiten durch.

Wenn wirklich hoher Besuch im Gasthaus ist, hat er sicherlich auch eine große Schar Gefolge bei sich. Die Chance auf ein Einzelzimmer, in dem ich wenigstens halbwegs beruhigt schlafen könnte, ist also verschwindend gering. Allerdings ist die Aufmerksamkeit der Menschen hier nur dem Ankömmling gewidmet, sodass es nicht schwer sein wird, sich in eine dunkle Ecke zu setzen und mit den Schatten zu verschmelzen.

Ich schaue mich nochmals kurz um. Die wenigen Bäume, die im Dorf stehen, sind alle nicht hoch oder dicht genug, um dort ungesehen zu schlafen, und durch die anhaltende Hitze haben sie schon nahezu alle Blätter abgeworfen. Sollte mich jemand sehen, wäre mir sehr viel Aufmerksamkeit gewiss. Niemand schläft in Bäumen, wenn nur wenige Meter weiter ein Gasthaus steht.

Hinter mir nehme ich wahr, wie zwei weitere Soldaten durch das Dorf laufen, hinter Hütten und in Nischen spähen. Also ist es auch keine Option, einfach in einer leer stehenden Scheune die Nacht zu überdauern.

Seufzend setze ich meinen Weg zur Herberge fort. Meter für Meter wächst mein Unbehagen und alles in mir schreit danach, dass ich mich umdrehen und weglaufen soll. Ich verschränke die Arme unter dem Umhang, um das Zittern meiner Hände zu unterdrücken.

Du kannst das, Fye. Immer einen Schritt vor den anderen.

Als ich vor der Herberge stehe, höre ich deutlich den Lärm von drinnen. Die Sonne ist schon fast untergegangen, weshalb der Wirt gerade die Lampen entzündet. Zaghaft öffne ich die massive Holztür, die mit einem Quietschen aufschwingt.

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 3

Die Menschentraube, die einige Zeit zuvor noch den kleinen Garten vor der Herberge niedergetrampelt hat, hat sich nun ins Innere verlegt. Mindestens zwanzig Menschen - fast alle von ihnen sind junge Frauen - stehen dicht an dicht gedrängt vor der Tür zu einem der hinteren Zimmer. Sie schnattern aufgeregt über die Köpfe der anderen hinweg, stellen sich auf ihre Zehenspitzen und versuchen, einen Blick durch die geöffnete Tür zu erhaschen.

Sofort fühle ich mich unwohl inmitten all dieser Menschen und der Aufregung, die in der Luft hängt, aber ich bin froh, dass sie sich mit etwas anderem beschäftigen und nicht auf mich achten, wie ich mit gesenktem Kopf und gehetztem Blick in den Gastraum husche.

Nur drei Männer sitzen an einem Tisch in der Nähe und halten sich eisern an ihren Bierkrügen fest. Einer davon ist der rothaarige Gemischtwarenhändler, der mir nun nickend zuprostet und einen kräftigen Schluck trinkt.

Er scheint den fragenden Blick, den ich der Menge zuwerfe, zu bemerken und winkt mich zu seinem Tisch. Zögernd mache ich ein paar Schritte auf ihn zu, bleibe aber in einem sicheren Abstand stehen und lasse den Kopf gesenkt, sodass mein Gesicht hinter der Kapuze verborgen bleibt.

»Warum bist du denn nicht auch so aufgeregt wie der Rest der Mädchen?«, fragt der ältere der beiden anderen Männer am Tisch. Er hat bereits graues Haar und einen dichten Bart. Anstatt zu antworten, lege ich den Kopf leicht schräg.

»Bist wohl nicht von hier, was? Dann weißt du sicher auch nicht, dass der Prinz mit seinem Gefolge hier Rast macht. Das bringt unsere ganzen Mädels um den Verstand! Wie Hühner gackern sie herum.« Brummend wendet er sich wieder seinem Bierkrug zu. »Und viel mehr Verstand haben sie auch nicht.«

Unwillkürlich verziehen sich meine Lippen zu einem kleinen Lächeln, denn genau das habe ich über diesen lärmenden Frauenhaufen ebenfalls gedacht. Aber ich kann es ihnen auch nicht verdenken. In einem anderen Leben wäre ich vielleicht auch eine von ihnen und würde mit Ellenbogen und Fingernägeln um einen Platz in der ersten Reihe kämpfen.

Nun richtet der zweite Mann das Wort an mich. Er ist bedeutend jünger, hat wuschelige Haare, die er mit einem roten Stirnband aus dem Gesicht hält. »Einige behaupten, dass der Prinz auf Brautschau ist. Deshalb sind unsere Frauen so aus dem Häuschen. Sogar die verheirateten.«

So, wie er die Frauen mustert, ist sicherlich auch seine Angetraute mittendrin und buhlt um die Aufmerksamkeit des Prinzen. Oder zumindest um die eines seiner Gefolgsmänner. Als arme Bäuerin ist man nicht wählerisch, wenn man die Chance hat, der anstrengenden Arbeit auf den Feldern zu entkommen.

Ich entscheide mich, nun doch zu antworten, spreche aber leise, fast flüsternd, sodass der melodische Klang meiner Stimme nicht so zum Tragen kommt und mich verrät. »Aber ist es nicht sehr unwahrscheinlich, dass sich ein Prinz eine bürgerliche Frau nimmt?«

Der Bärtige gibt einen glucksenden Laut von sich und nickt, schaut jedoch weiterhin in seinen Krug. »Natürlich ist es das! Trotzdem träumen diese dummen Gänse davon, in einem Schloss oder zumindest einem feinen Haus zu wohnen, fernab der harten Arbeit in der prallen Sonne und dem Hunger, der sie jede Nacht am Einschlafen hindert.«

Ich nicke. Ja, das klingt ganz nach dem kurzsichtigen Denken von jungen Menschen. Der Prinz würde sich eine oder mehrere Mädchen herauspicken, um heute Nacht sein Bett zu wärmen; mit auf sein Schloss nehmen und heiraten würde er jedoch keine von ihnen. Warum sollte er auch?

Ich schaue wieder zur Menge, durch die sich gerade der Wirt, ein dicker, untersetzter Mann mit Halbglatze und einer schmierigen Schürze, die anscheinend einmal weiß gewesen war, einen Weg bahnt. Er schubst und drängt sich durch die Frauen und streift hier und da wie zufällig über die Brüste oder die drallen Hinterteile der Mädchen, was seine Schweinsaugen zum Leuchten bringt, doch die Mädchen sind viel zu aufgeregt, um darüber entrüstet zu sein. Vielleicht merken sie es gar nicht.

Angeekelt erschaudere ich, denn das erinnert mich an die Begegnung, die ich heute Mittag im Wald hatte. Wäre ich ebenfalls ein solch einfaches Mädchen gewesen, was hätte dieser Hüne dann alles mit mir anstellen können? Wenn ich mich nicht hätte wehren können? Ich verbiete mir, weiter darüber nachzudenken.

Die Menge verstummt abrupt, als der Wirt, der endlich den Weg hindurchgefunden hat, das Wort an seinen hohen Gast richtet. Sehen kann ich nicht, was in dem Zimmer vorgeht, doch ich vermute, dass der Prinz nicht allein ist.

Ich nicke den drei Männern am Tisch zu und suche mir einen stillen Platz in einer Ecke. Ich setze mich in den Schatten, ziehe meine Kapuze etwas tiefer ins Gesicht und lausche dem Gespräch.

»Was für eine unsagbare Ehre, Prinz Vaan, dass Ihr in meiner bescheidenen Herberge verweilt.« Ich kann förmlich vor mir sehen, wie der dicke Wirt vor dem Prinzen katzbuckelt und sich die schwieligen Pranken reibt. Angewidert verziehe ich das Gesicht, spitze aber weiter die Ohren. Durch einen so hohen Besuch mit Gefolge wird er für den Rest des Jahres ausgesorgt haben.

Ein freundliches Lachen dringt aus dem Raum und lässt mich aufhorchen. Der Prinz? »Das freut mich, guter Mann. Doch nun wünschen meine Begleiter und ich etwas Ruhe.« Ich liege also richtig mit meiner Vermutung, dass es sich um ein größeres Gefolge handelt, auch wenn ich nur einen sprechen höre. »Wir haben eine lange und beschwerliche Reise hinter uns.«

»Natürlich, selbstverständlich. Ich werde alles veranlassen, damit Ihr einen angenehmen Aufenthalt habt. Ich werde augenblicklich dafür sorgen, dass die übrigen Gäste woanders untergebracht werden.«

Unzufriedenes Murren dringt vom Tisch des Bärtigen zu mir. Anscheinend besetzt der Prinz mit seinem Gefolge das Zimmer, für das er bereits bezahlt hatte.

Die schweren Schritte des Wirts hallen über den Holzboden, als er das Zimmer verlässt und die Tür hinter sich zuzieht. Ein erneutes Murren ertönt, diesmal von der Mädchenmenge, denn der Blick auf den oder die Junggesellen ist nun versperrt.

»Und ihr macht, dass ihr nach Hause kommt!« Mit einer energischen Handbewegung scheucht er die Mädchen nach draußen. Nur ein paar bleiben zurück. Wahrscheinlich haben auch sie hier ein Zimmer gemietet. Missmutig drehen sich die Hinausgeworfenen nochmals um, ehe sie durch die Tür nach draußen treten. Wie ein Fels steht der Wirt mit verschränkten Armen vor der Tür zu seinen hohen Gästen. Hin und wieder höre ich von drinnen das helle Lachen des Prinzen.

Ich sehe meine Chance und erhebe mich leise. Niemand beachtet mich, als ich durch die nun leere Gaststube gehe. Neben dem Wirt bleibe ich stehen und frage ihn flüsternd nach einem Zimmer. Den Kopf halte ich gesenkt und schaue ihn nicht an. Er nickt nur kurz, ohne mich groß anzusehen, zeigt mit dem Daumen nach oben und öffnet dann die Hand. Ich fische eine Münze aus meinem Geldbeutel und lasse sie hineinfallen. Ohne in seine Hand zu blicken, schließt der Wirt selbige wieder und verschränkt die Arme. Er erweckt den Eindruck einer Statue, die man an verschiedenen heiligen Stätten als ewige Wächter sehen kann.