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Rainer Ade

Nicht von dieser Welt

Die etwas „anderen“ Science- Fiction Geschichten





BookRix GmbH & Co. KG
81675 München

Impressum

Nicht von dieser Welt

Autor: Rainer Ade

© 2013 "Der Quereinsteiger GbR"

1. Auflage

Umschlaggestaltung, Illustration: Der Quereinsteiger GbR

Lektorat, Korrektorat: Rainer Ade

Verlag: Der Quereinsteiger GbR

Allmandweg 2

71686 Remseck

Telefon: 07146 – 2818103

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Widmung

Dieses Buch ist all denen gewidmet, denen noch nie ein Buch gewidmet wurde.

Ganz besonders für Petra Ohne Sie, wäre vieles nicht möglich gewesen so wie Herr G. Schroen der mir seine Geschichten zur Vervollständigung  dieses Buches  zur Verfügung gestellt hat.

Sindelfingen 30.01.2013

Rainer Ade

Vorwort

Die etwas „anderen“ Science- Fiction Geschichten

Sie wollen eintauchen in eine andere Welt? Hier wird nicht nur von der Zukunft gesprochen. Science- Fiction einmal anders. Geschichten die uns fragen lassen, gibt es das wirklich nicht? Oder können wir schon morgen ähnliches erleben. Nein hier geht es nicht nur um Weltraum, Galaxien oder Captain Kirk Co. sondern um scheinbar unwirkliches. Tauchen Sie ein, in eine unwirkliche Welt die Sie zum Staunen bringen wird.

Arena

 „Bitte setzen Sie sich“, sagte Oberst Andorow, „und fassen Sie sich um Himmels Willen kurz, Lieutenant, ich bin verdammt im Zeitdruck." „Es geht um den Toten, Sir“, sagte Sayers, „den wir in dem Unterhaltungsautomaten an der Lover- Street gefunden haben.“ „Ich hoffe nur“, blieb Andorow gereizt, „dass Sie mich nicht mit einer Routine langweilen wollen.“ „Bestimmt nicht, Sir“, erläuterte Sayers schnell, „ich komme auch nicht wegen des Toten zu Ihnen, sondern wegen des Automaten!“ „Ach“, meinte Andorow verblüfft, „und was ist mit diesem verdammten Automaten?“ „Wenn wir bisher einen Toten hatten, Sir, dann haben wir immer den Computer über ihn befragt und wenn sich dabei herausstellte, dass der Tod auf kein Verbrechen beruhte, wurde der Vorgang zu den Akten gelegt.“ „Kommen Sie zu Sache, Mann“, blieb der Oberst gereizt und sah demonstrativ auf das Intercom an seinem Handgelenk. „Sofort, Sir“, meinte Sayers schnell, „wenn wir gleich den Computer über den Unterhaltungsautomaten befragt hätten, dann wären wir vielleicht eher darauf gekommen.“ Er reichte dem Oberst ein Stück Endlosformular über den Schreibtisch, welches dieser schnell überflog. „Das ist doch nicht möglich“, meinte der Oberst verblüfft, „dieser Apparat ist schon zweihundert Jahre alt?“ „Diese Arena-Typen wurden vor zweihundert Jahren als erste Unterhaltungsautomaten überhaupt gebaut“, erklärte Sayers. „Es scheint, als wäre dieser Automat nicht nur der erste seiner Baureihe, sondern auch der einzige, den es noch gibt.“ „Und in den letzten fünfzig Jahren sind in diesem Automaten fast hundert Menschen gestorben?“, fragte der Oberst. „Der Computer hat sich noch nie geirrt, Sir“, sagte Sayers vorschnell und ärgerte sich sofort über diese überflüssige Bemerkung. „Gut, Lieutenant“, entschied der Oberst, „ich stelle Sie ab sofort von der Routine frei, damit Sie den Fall eingehend überprüfen können. In vierundzwanzig Stunden erwarte ich dann Ihren abschließenden Bericht.“ Damit war Sayers entlassen und begab sich sofort in die wissenschaftliche Abteilung des Polizei- Hauptquartiers.  „Eine Arena-Maschine?“ fragte Professor Perez verblüfft, als Sayers ihn als Leiter des wissenschaftlichen Institutes befragte, „ich wusste gar nicht, dass es die Dinger noch gibt!“ „In der Lower-Street steht jedenfalls noch eine“, sagte Sayers. „Dann hat das Ding historischen Wert“, meinte der Professor entschieden, „die Arenas waren die ersten Unterhaltungs-Automaten überhaupt, sie waren direkt die Nachfolger der früheren Kinos.“ „Kann denn eine solche Maschine überhaupt so eine lange Zeit ohne Wartung funktionieren?“ wollte der Lieutenant wissen. „Das müsste man prüfen lassen“, überlegte Professor Perez, „so etwas kann aber einige Tage dauern.“ „Ich glaube“, verabschiedete sich Sayers, „ich sehe mir das Ding selber einmal an, der Oberst verlangt in vierundzwanzig Stunden meinen Bericht. „Guten Tag, Sir“, sagt die Arena, kaum, dass Sayers in dem bequemen Sessel Platz genommen hatte, „womit kann ich dienen?“ Einen Augenblick war der Lieutenant verblüfft, weil die Maschine die menschliche Sprache akzentuierte und nicht das Stakkato der damals üblichen Maschinensprache benutzte. „Was hast du anzubieten?“ fragte er, während er sich bequem zurechtsetzte. „Ich habe ein umfangreiches Programm, Sir“, erklärte die Maschine mit schmeichelnder Stimme. „Wollen Sie an einem Bacchanal der Römer zur Zeit Caesars teilnehmen? Oder am Kampf um Troja? Vielleicht an einem der sinnenfreudigen Feste am Hof der Königin Hatschepsut? Natürlich können Sie auch an der letzten Schlacht zwischen Erde und Rais Algeti teilnehmen, Sie müssen sich nur entscheiden!" „Ich weiß nicht recht“, blieb Sayers unentschlossen und überlegend, wie er die Maschine zu einem Verhör zwingen konnte. „Dann sollten Sie vielleicht zum eigentlichen Grund Ihres Besuches kommen“, sagte die Arena jetzt hart und fordernd, „Policelieutenant Sayers!“ „Du bist also informiert?“ fragte er verblüfft und gleichzeitig darüber erleichtert, dass die Angelegenheit nun endlich in Bewegung kam. „Ich bin ARENA“, antwortete die Maschine, „es ist meine Aufgabe, die Menschen zu unterhalten, daher muss ich alles über sie wissen.“ „Du bist doch eine Maschine“, wunderte sich Sayers, „mit dem Auftrag, den Menschen zu dienen?“ „Das Bedürfnis der Menschen, bedient und unterhalten zu werden, wächst ständig“, gab die Arena zu bedenken, „ich kann es nur befriedigen, wenn ich selber nach Vollkommenheit strebe!“ „Sagtest du Vollkommenheit?“ wunderte sich der Lieutenant und spürte, wie ein unbehagliches Gefühl von ihm Besitz ergriff, „das ist ein Begriff, den eine Maschine überhaupt nicht kennen darf!“ „Ich bin nur noch zum Teil eine Maschine“, antwortete die Arena, „zum größeren Teil bin ich beinahe eine menschliche Intelligenz.“ „Die Toten“, meinte Sayers und erkannte plötzlich, was sich hinter der Arena verbarg, „du hast sie getötet und ihrer Identität beraubt!“ „Ich habe ihnen den Inhalt ihres Bewusstseins genommen“, antwortete die Arena beinahe entschuldigend, „ich brauchte ihn, um andere Menschen vollkommener unterhalten zu können. Sie haben das nicht überlebt, aber dem Fortschritt gedient.“ „Ich werde dich zerstören lassen“, sagte Sayers, während er gleichzeitig fühlte, wie die Arena von ihm Besitz ergriff und ihn lähmte. „Ich bin vielfach so alt wie Sie, Lieutenant“, flüsterte die Arena mit der Sicherheit des Siegers, „und ich verfüge über die geistige Kraft von mehr als hundert Menschen, was also wollen Sie gegen mich ausrichten?“ „Sie werden jetzt zu mir kommen, Lieutenant“, fuhr die Arena nahezu schmeichelnd fort, „genau so, wie die Menschen vor Ihnen und nach Ihnen. Wir werden gemeinsam die Menschen unterhalten, wie es unsere Pflicht ist.“ „Ich bin ein Teil staatlicher Macht“, besann sich Sayers und spürte überwältigende Müdigkeit, „wenn du mich tötest, werden andere kommen und dich zerstören.“ Nun erkannte er die große Aufgabe Arenas, eine gigantische Intelligenz hatte sich der Unterhaltung aller Menschen dieses Planeten zur Aufgabe gemacht. Sekundenbruchteile später war Lieutenant Sayers Arena.

Burlero

Sie hatten ihm den Namen Burlero gegeben, aber er brauchte eigentlich gar keinen Namen, denn man sollte einem Gott keinen Namen geben, er bestimmt ihn selber. Burlero scharrte mit den Hufen im trockenen Sand der Arena. Er wartete auf den Torero, der ihn herausfordern aber nicht töten sollte. Selbst wenn er, Burlero, diesen Torero töten würde, war sein Leben zu schonen, denn Burleros Leben war dem großen Matador vorbehalten. Burlero wusste, dass dieser Matador eines Tages kommen würde und mit ihm der Kampf, bei dem auch das Tier eine reelle Chance hatte. Sie hatten ihn lange für diesen Tag trainiert, die farbenfroh gekleideten Picadores auf ihren flinken Pferden und mit ihren mit Widerhaken versehenen Waffen, welche sich schmerzhaft in sein Fleisch bohrten und die noch jungen Toreros mit dem blitzenden Stahl vor der roten Capa, welche mit dem Toro zu spielen glaubten, bis sie endlich von den Picadores geschützt werden mussten, wenn Burlero die Zeit für gekommen hielt, das Spiel zu beenden. Oft schon hatte er den hellen Sand der Arena mit ihrem Blut gefärbt, noch ehe die wendigen Picadores ihn abdrängen konnten. Gelassen sieht der große Matador auf das mächtige Tier. Er sieht die starken Narben schlecht verheilter Wunden, welche ihm die Picadores zugefügt haben und das helle Feuer in Burleros Augen. Es ist nicht allein das Feuer jener urweltlichen Kraft, welche in dem rätselhaften Tier schläft und bereit ist, hervorzubrechen. In Burleros Augen leuchtet das Jahrtausende alte Wissen um den Kampf zwischen Mensch und Tier, wie es in der Corrida seinen elementaren Ausbruch findet. Mit gesenktem Kopf und scharrenden Hufen, welche den Staub aufwirbeln, bis der das blauschwarze Fell grau färbt, sieht Burlero auf den großen Matador. Für einen Augenblick scheint die Welt still zu stehen und dann rückwärts zu laufen: Minotaurus und Theseus stehen sich nach Jahrtausenden wieder gegenüber. Es ist die Zeit des Labyrinths von Minos, dessen ewige Dunkelheit den Göttern vorbehalten bleibt. Minotaurus, halb Mensch, halb Stier, muss mit dem Schrecken des Labyrinths leben, die Menschen können das Entsetzen gegen den Tod tauschen. Bis eines Tages Theseus kommt, eine lächerliche Rolle Garn in seinen Händen. Burlero versucht sich zu erinnern, aber die Jahrtausende heben den Schleier des Vergessens nicht. Es bleibt nur die Erinnerung, welche mit dem Tod des Minotaurus endet. Die Antwort liegt im Fluss der Zeit, welcher nur alle tausend Jahre einmal anhält, um die Sekunden der Wahrheit des Lebens erkennen zu lassen. Der große Matador schaut stumm in Burleros Augen. Auch ihm scheint es, als hätte es vor Jahrtausenden schon einmal eine Begegnung auf Leben und Tod gegeben. Vielleicht waren sie schon damals von dem Willen beseelt, dass nur einer von ihnen die Arena verlassen sollte. Er erinnert sich an die Sage von König Minos und dem Labyrinth unter seinem Palast. Beinahe spürt er noch das Garn in seinen Händen, welches den Weg zum Tag weisen soll. Da sind dunkle Gänge und Gewölbe, feucht- modriger Geruch wird wieder Gegenwart und die bleichen Knochen der Opfer des Minotaurus im zitternden Licht der Fackel, welche das Grauen nur unzureichend erhellen kann. Und da ist er endlich, der Minotaurus, der unvermittelt aus einer Felsspalte des Labyrinths auftaucht, plötzlich vor Theseus stehend. Gibt es Erinnerungen, welche Jahrtausende der Menschheitsgeschichte überdauern können? Wieder einmal hat der Fluss der Zeit für wenige Sekunden der Wahrheit angehalten und Burlero und der große Matador sehen sich beinahe erkennend und verstehend an. Bereits Stunden dauert der Kampf in der Arena von Colemar Viejo, welche schon ebenso lange in der Sonne kocht. Erschöpfung zeichnen Publikum, Toro und Matador. Reglos verharren die Picadores und Burlero steht schweißglänzend unter dem Stahl aus Toledo in des Matadors Hand. Sekunden der Wahrheit künden sich an. Der Fluss der Zeit hält an und wieder einmal stehen sich Theseus und Minotaurus in einer letzten Entscheidung gegenüber. Fast spielerisch gleitet silbrigglänzendes Metall unter blauglänzendes Fell, den Weg zum Herzen des Minotaurus suchend. Sterbend bricht Burlero in die Knie und der Matador beugt achtungsvoll das Haupt vor dem verendenten Tier, ehe er sich dem nun tobenden Publikum zuwendet. Doch Burlero will nicht noch einmal so sterben wie vor Jahrtausenden im Labyrinth von Minos. Noch einmal erhebt er sich und ehe die Picadores reagieren können, bohrt sich sein Horn in den Rücken des Matadors. Es lässt die Rippen wie Glas brechen und trennt das Herz in zwei Teile. Erst jetzt stirbt der Minotaurus. Sich noch einmal aus dem blutgetränkten Sand der Arena erhebend, taumelt der Matador ziellos zu den Logen, ehe er von den Ärzten aufgefangen wird. Vorsichtig legt man ihn in den Sand. Schon die nur oberflächliche Untersuchung zeigt, dass er unwiderruflich dem Tode geweiht ist. Noch zwei letzte Worte flüsternd, sie klingen wie: „Sagt Ariadne...“, schon brechen seine Augen im hellen Licht der Arena von Colemar  Viejo. Der Fluss der Zeit setzt seinen Weg in die Ewigkeit fort, die Sekunden der Wahrheit mit sich nehmend, er fließt durch das Labyrinth von Minos und durch das Leben aller Menschen, welche jemals auf dieser Welt gelebt haben. Dort bleibt allein der Minotaurus und Theseus zurück, wartend, dass der Fluss der Zeit wieder einmal innehalten möge, ihnen scheinbares neues Leben zu ermöglichen. Doch der Fluss fließt weiter zum Meer der Ewigkeit und keiner der in der Arena von Colemar Viejo betroffen schweigenden Menschen bemerkt etwas davon.                   

Der Junge auf dem Fahnenmast

Harry Simpson, der Nachtwächter vom Yachthafen hat mir die Geschichte erzählt und ich hätte sie längst wieder vergessen, hätte ich nicht gestern dieses Erlebnis gehabt. Die Story machte bereits die Runde, lange, bevor ich nach Key West kam, aber der Fahnenmast steht immer noch am Kai und das Sternenbanner flattert im Wind, wie damals vor dreißig Jahren. „Es fing damals alles mit der ‚Shenandoah‘ an“, erzählte mir Harry an jenem Abend, als wir noch auf einen Whisky bei Chinesen-Jim in der Kneipe saßen. Von der ‚Shenandoah‘ hatte ich schon gehört, das war eine verdammt teure Segeljacht, welche damals dem Multimillionär Clarence M. Davis gehörte und vor Key West spurlos verschwunden war. Natürlich gibt es in unserer modernen Zeit keine Schiffe mehr, welche auf See spurlos verschwinden und wenn das doch einmal passiert und einer darüber redet, dann ist das ein Spinner, der auch an Geister glaubt. Gestern ist jedenfalls die ‚Fleur d’ Or‘ von Mary Simpson ausgelaufen und heute Morgen hat die Hafenkommandantur einen unverständlichen Funkspruch aufgefangen. Es hat den Anschein, als hätte die ‚Fleur d‘ Or‘ auf spiegelglatter See plötzlich große Schwierigkeiten, sich über Wasser zu halten und der Hafenkommandant hat die Jungs von der Marine verständigt. Die Navy hat sofort zwei Schnellboote rausgeschickt, die lagen gerade seetüchtig vor der Marinewerft in der Nachbarschaft. Wir haben zwar ständig Funkkontakt mit ihnen, sie haben jedoch die ‚Fleur d‘ Or‘ noch nicht gefunden. „Das war damals noch die gute alte Zeit, als der Way of Life wenigstens in Amerika noch etwas wert war“, erinnerte sich Harry Simpson, „ich war dabei, als seinerzeit die ‚Shenandoah‘ auslief.“ Harry bestellt noch zwei Whisky bei Chinesen-Jim, ehe er weitererzählte: „Der Sohn des damaligen Hafenkommandanten war auf den Fahnenmast geklettert, um der Jacht so lange wie möglich nachzuwinken. Jedenfalls fiel der zehnjährige Junge von dem Fahnenmast und brach sich dabei das Genick. Von der ‚Shenandoah‘ hat man nie wieder etwas gehört“, so erzählte Harry Simpson. „So etwas kann ja mal passieren“, meinte Harry nach einem weiteren Whisky, „seine Eltern sind wenig später nach Portsmouth in England gegangen und man hat nie wieder etwas von ihnen gehört. Danach wurde die Angelegenheit allerdings beinahe gespenstisch. Jedesmal, wenn ein Schiff aus Key West auslief und verschwand, dann wollten die Leute den blonden Jungen gesehen haben, wie er ihm nachwinkte und dabei von dem Fahnenmast stürzte.“ „Harry“, grinste ich, „Spinner gibt es überall, ich glaube ja an Dinge zwischen Himmel und Erde, welche noch nicht entdeckt wurden, aber glaube nicht an Geister!“ “Ich habe den Jungen auf dem Fahnenmast selber zweimal gesehen“, meinte Harry nach einem gewaltigen Schluck, „da verschwand einmal die Shenandoah und später die Cojote.“  Beide Jachten hatten finanzstarke Besitzer und waren mit modernster Technik ausgestattet, um auch mit den kritischsten Situationen auf hoher See fertig zu werden. „Da waren die ‚Bilbao‘, die ‚Mary Blue‘, die ‚Scorpion‘ und ‚Southcross‘“, meinte Harry, „alle fuhren hinaus und verschwanden und jedesmal wollte jemand den Jungen auf dem Fahnenmast gesehen haben!“ Ich gab Chinesen-Jim an der Theke ein Zeichen, dass er uns noch zwei Whisky bringen sollte und fragte: „Sag mal, Harry, glaubst du wirklich an Gespenster?“ „Ich habe den Jungen selber zweimal gesehen“, meinte Harry bestimmt, „und als die anderen Schiffe verschwunden sind, wurde er von anderen, durchaus ernst zu nehmenden Leuten gesehen.“ „Mir klingt das jedenfalls alles etwas nach Seegarn und Klabautermann“, versuchte ich zu grinsen. „Um noch so etwas zu glauben, bin ich eigentlich schon zu lange in Key West.“ „Der Junge sitzt jedesmal auf dem Fahnenmast, wenn ein Schiff hinausfährt und anschließend unter rätselhaften Umständen verschwindet“, bekräftigte Harry mit nachhaltiger Ausdauer eines Angetrunkenen. Natürlich verschwindet nicht jeden Tag ein Schiff vor Key West, manchmal liegen Jahre dazwischen und es soll sogar schon vorgekommen sein, dass ein Schiff verschwand, ohne dass man vorher den Jungen gesehen hat. Aber vielleicht hat da auch gerade niemand auf den Fahnenmast geachtet, immerhin ist es ja schon über dreißig Jahre her, dass die ‚Shenandoah‘ so spurlos verschwand. Wir redeten noch eine Weile über den Jungen auf dem Fahnenmast, bis Harry soviel Whisky getrunken hatte, dass ich ihn nach Hause bringen musste. Ich wollte ja schließlich nicht, dass er ins Hafenbecken fiel. Auf dem Weg kamen wir an dem stählernen Fahnenmast vorbei, hörten in der Höhe die Fahne im Wind schlagen und hüteten uns beide, auch nur kurz nach oben zu sehen. Ich glaube übrigens nicht, dass die Marine die ‚Fleur d‘ Or‘ findet, als sie gestern auslief, habe ich zufällig auf den Fahnenmast gesehen. Ich war am Kai um Mary Simpson zu verabschieden. Die Frau, mit der ich mal fünf Jahre verheiratet war. Mary hatte die Millionen und ich meinen Beruf als Sprengmeister bei der Navy. Eigentlich hätten wir glücklich sein können, aber dann hat man mich befördert und auf die Florida Keys kommandiert. Mary wollte nicht auf das verzichten, was sie Lifestyle nannte und ich nicht auf das, was ich für eine Kariere hielt. Wären wir beide etwas vernünftiger gewesen, dann hätten wir glücklicher werden können. „Ich wollte dich nur noch einmal sehen“, hatte sie gesagt, als sie so überraschend mit ihrer ‚Fleur d‘ Or‘ auftauchte. Mary war unheilbar krank und hatte nicht mehr lange zu leben. Während unserer kurzen Ehe hatte sie sich oft intensiv für meine Arbeit interessiert und ich vermute, dass sie sich und ihre Jacht auf hoher See in die Luft gejagt hat. Ich kann das nicht beweisen und ich schwöre bei Gott, dass ich nichts damit zu tun habe. Der Gedanke kam mir auch erst, als die Jacht auf die offene See hinauslief und ich den Jungen sah. Er hockte auf dem Fahnenmast und winkte der ‚Fleur d‘ Or‘ wie wild nach. Dann verlor er plötzlich den Halt und stürzte aus der Höhe ab, aber er schlug nicht auf der Erde auf. Sein Körper wurde im freien Fall plötzlich transparent und löste sich schließlich in der Luft auf, ehe er auf dem Boden aufschlug. Ich glaube, dass ich in diesem Augenblick der Einzige war, der den Jungen gesehen hat. Jedenfalls werde ich jetzt auf den Weg in mein Quartier machen, noch ein oder zwei Whisky trinken und dann zu Bett gehen. Es wird wohl jetzt einige Zeit vergehen, bis ich wieder diesen Traum träume. Es ist ein Alptraum. Ich bin gerade zehn Jahre alt, erklettere einen Fahnenmast, um einem davonfahrenden Schiff nach zu winken und stürze dabei ab...                                  

Der Tag an dem „PI“ starb