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Anke Höhl-Kayser

Der Zeitwandler – Restart

Das Buch:

 

Eine alte Legende sagt: Wenn die Raben den Tower verlassen, fällt das britische Königreich. Ich habe fast tausend Jahre lang darauf gewartet. Hier im London des einundzwanzigsten Jahrhunderts ist mein Ziel in greifbare Nähe gerückt. Niemand rechnet damit, dass ausgerechnet Dennis diese Legende wahr machen wird. Dennis, der Versager. Verspottet von seinen Klassenkameraden, verachtet von seinen Lehrern, hin und her geschubst zwischen verschiedenen Pflegefamilien. Jede einzelne Gegenwart, die Dennis erlebt, habe ich für ihn erschaffen. Wenn sich die Dinge zu seinen Gunsten zu entwickeln drohen, starte ich die Zeit neu. Nichts davon ist Zufall. Alles wäre anders, wenn Dennis wüsste, wer er ist, doch das verhindere ich. Nun ist er endlich bereit, mir beim Erreichen meines Ziels zu helfen und die Legende zu erfüllen. Wenn die Raben den Tower verlassen, ist es so weit. Ein hilfloser Junge und der letzte Atemzug eines großen Königs sind alles, was ich brauche, um mein Königreich zu errichten.

Nur noch einmal: Restart.

 

Die Autorin:

 

Anke Höhl-Kayser ist nicht nur 1962 in Wuppertal geboren, sondern lebt auch gern dort. Studiert hat sie Literaturwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Seit 2009 ist sie als Autorin und freie Lektorin tätig. Sie schreibt Fantasy für alle Altersstufen, Kurzgeschichten und Lyrik. Inzwischen hat sie sechs Bücher veröffentlicht (darunter eine heitere Hommage an Wuppertal, gemeinsam mit zwei Autorenkollegen), und ihre Kurzgeschichten und Gedichte sind in zahlreichen Anthologien erschienen. Im April 2014 gewann ihre Kurzgeschichte »Im Herzen« den 2. Platz des Marburg Award.

 

www.hoehl-kayser.de

 

 

Anke Höhl-Kayser

 

 

Roman

 

 

 

Der Zeitwandler – Restart

Anke Höhl-Kayser

 

Copyright © 2015 at Bookshouse Ltd.,

Villa Niki, 8722 Pano Akourdaleia, Cyprus

Umschlaggestaltung: © at Bookshouse Ltd.

Coverfotos: www.shutterstock.com

Satz: at Bookshouse Ltd.

Druck und Bindung: CPI books

Printed in Germany

 

ISBNs: 978-9963-53-168-4 (Paperback)

978-9963-53-171-4 (E-Book .mobi)

978-9963-53-169-1 (E-Book .pdf)

978-9963-53-170-7 (E-Book .epub)

978-9963-53-172-1 (E-Book .prc)

 

 

www.bookshouse.de

 

 

 

Urheberrechtlich geschütztes Material

Inhaltsverzeichnis

Vergangenheit - Ein Anfang. Ein Ende.

7. Juli 1028

7. Juli 1307

Gegenwart

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

Gegenwart Zwei - Restart

4. Kapitel

5. Kapitel

Gegenwart Drei - Restart

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

Gegenwart Vier - Restart

9. Kapitel

Vergangenheit Dreißig - Restart

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

Zukunft

18. Kapitel

19. Kapitel

Zwischen den Zeiten

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

Anmerkung

Personen

Literatur

Danksagung

Meiner Mutter

London, August 1981

Vergangenheit

Ein Anfang. Ein Ende.

7. Juli 1028

 

 

 

Moire ließ den Kopf auf das Strohlager zurückfallen. Die Krämpfe wurden schwächer. Sie nahm das nachlässig gebündelte Reet des Hüttendachs über sich wahr, das von Holzbalken gestützt wurde. Der Rauchabzug über der kalten Feuerstelle gab den Blick auf den Sternenhimmel frei.

Ein über ein Brett gespanntes, mottenzerfressenes Kuhfell trennte ihr Lager vom Rest der Hütte. Dreogan hatte das Fell irgendwo aufgetrieben, damit sie Ruhe hatte.

Der Nachtwind war kühl und trocknete den Schweiß auf ihrer Stirn. Sie atmete tief die duftende Sommerluft ein. Moire hatte es geschafft. Sie würde leben. Es war nicht viel leichter gewesen als bei den ersten beiden Malen, aber sie war stark.

Sie richtete sich schwerfällig auf dem Strohlager auf und legte sich das Neugeborene an die Brust. Sie lauschte in die Stille nach dem verebbenden Geschrei und hörte das kräftige Schmatzen des Kindes. Stolz und Triumph durchfluteten sie, auf diese gotteslästerlichen Gefühle folgte augenblicklich heiße Scham. Mit der freien Hand zeichnete sie ein Kreuz auf ihren Oberkörper, das den Säugling einschloss. »Danke, Herr, danke!«

Wieder der Triumph, kaum zu unterdrücken. Moire ließ den Gefühlen freien Lauf. Gott war gütig, er würde ihre Schwäche in dieser Stunde verzeihen.

Lag irgendwo wohl eine Frau, die gerade ein Kind geboren hatte und wie sie am Leben geblieben war? Eine Frau, die wie sie weiterleben würde, um vielleicht eines Tages zu sehen, wie ihre Söhne die Not des Alltags mit ihr teilten?

Ein Bild erschien vor ihren Augen. Was war das?

Sie sah eine andere Frau – blond, rundlich, mit schwellenden, bloßen Brüsten. Nicht auf Stroh, sondern in einem Holzbett, in einem großen Zimmer mit gemauerten Wänden.

Eine Vision! Moire schauderte und versuchte, die Bilder fortzublinzeln, aber sie blieben. Der Frau wurde ein Sohn an die Brust gelegt. Moire schaute, zugleich verängstigt und fasziniert.

»Zur gleichen Zeit wie du hat eine Mätresse namens Herleva in der Normandie einen Sohn zur Welt gebracht«, sagte eine Stimme in Moires Kopf. »Er wird England von den Dänen befreien und über das Königreich herrschen. William, genannt the Bastard. Er wird zu William the Conqueror werden.«

Moire lauschte dem Klang der Stimme nach. Ein Unterton schwang darin mit, der ihr vertraut vorkam.

»Du weißt es nicht, und du wirst es niemals erleben«, fuhr die Stimme fort. »Auch dein Sohn wird in einer fernen Zukunft über England herrschen. Man wird ihn den Rabenkönig nennen.«

»Wird er mich stolz machen?«

»Wenn er sich entschieden hat, wer er sein will.«

Das Bild war fort. Die Stimme verstummte. Moire runzelte die Stirn und betrachtete jenes winzige rotgesichtige Ding mit seinen für einen Neugeborenen seltsam bernsteinfarbenen Augen, dem struppigen Haarschopf und der Stupsnase.

Das fehlte noch, dass sie Stimmen hörte, die ihr solche Dinge erzählten!

Sie kniff sich in die Wange. Genug jetzt mit Traumbildern und dummem Gerede, mit dem beschämenden Stolz! Gott war gütig, aber seine Geduld war nicht unendlich. Sie wollte nicht seinen Zorn auf ihre Familie herabbeschwören. Moire bekreuzigte sich erneut und betete ein Vaterunser. »Du hast uns gesegnet, Herr«, murmelte sie.

Die beiden älteren Söhne hatten das jüngste Kindesalter schon hinter sich gelassen und lebten immer noch. Ein Wunder. So Gott wollte, würde auch dieser Sohn heranwachsen.

Dreogan beugte sich über das Lager, er hatte mit ihr gewacht, war bleich und übernächtigt. Sie sah die Lachfältchen um seine Augen und empfand einen Glücksmoment. Moire hatte Dreogan geheiratet, obwohl sie um seine Gebrechen wusste. Die linke Hand und sein rechtes Bein waren lahm, er konnte trotz seiner zweiundzwanzig Winter nur unregelmäßig arbeiten. Die Menschen verachteten ihn, aber er war ein guter Mann, sanft und freundlich, er hatte sie noch nie geschlagen.

Seine Familie bedeutete ihm alles. Er stellte seine Bedürfnisse stets hinter sie zurück. War nicht ausreichend Essen da, gab er seine Bissen Moire und den Kindern. Moire hatte genug Männer gesehen, um zu wissen, wie außergewöhnlich Dreogan war. Sie würde bei ihm bleiben, egal, was geschah. Wenn Gott ihnen weiter so wohlgesonnen war, würden sie nicht verhungern.

»Weißt du schon einen Namen?«, fragte Dreogan und strich dem Baby zart über den Kopf.

Diese Geste weckte ein schmelzendes Gefühl der Zärtlichkeit in ihr. Welcher Mann erlaubte schon seiner Frau, einen Sohn zu benennen? »Die Wikinger werden immer mächtiger«, flüsterte sie. »Wir müssen unseren Sohn schützen. Er soll heißen, als sei er einer von ihnen. Wenn sie seinen Namen hören, werden sie ihm kein Haar krümmen.«

7. Juli 1307

 

 

 

Unwürdig.

Der Gedanke wiederholte sich in Edwards Kopf im Rhythmus der Schritte seines Pferdes.

Unwürdig, so dahinzusiechen, in einem so schwachen Leib gefangen zu sein. Unwürdig, wo sein Verstand noch so wach und heiß und hell war. Achtundsechzig Jahre lang hatte sein Körper ihm willig gedient, nun war das Ende nah. Er war stets ein Realist gewesen. Auch der Hammer der Schotten, wie man ihn nannte, der Nachkomme Williams the Conqueror, Englands König seit fünfunddreißig Jahren, würde sterben. Vielleicht sogar noch heute.

Er musste es schaffen. Nur noch ein Stück weit.

Die schottische Grenze lag südlich. Burgh by Sands war fast erreicht. Ein paar Stunden Schlaf, wenn der Schlaf denn kommen wollte. Morgen würde es weitergehen. Würde es? Er wusste es nicht.

»Ich bin noch nicht fertig«, sagte er laut.

Die Männer, die vor und neben ihm ritten, zuckten zusammen. Es verschaffte ihm für einen Moment lang finstere Befriedigung. Er war noch immer der König, wie sterbenselend ihm auch sein mochte.

Otto de Grandson lenkte sein Schlachtross neben ihn. Der Ritter aus dem Haus Savoyen war ein Greis wie Edward, ein Jahr älter als er. Aber Otto war nicht schwach.

Otto würde leben, wenn er, Edward, schon unter der Erde lag. So, wie es aussah, noch viele Jahre lang.

»Mein Lord«, sagte Otto. »Gibt es etwas, was ich für Euch tun kann?«

Edward hasste die Besorgnis in seinen Augen. »Ja, verschaff mir Gesundheit und noch ein paar Lebensjahre«, fauchte er ihn an. Dann tat ihm sein Ausbruch leid. Zur Hölle mit seinem aufbrausenden Temperament. Otto war sein Freund seit Jahrzehnten, er war ihm immer treu gewesen.

Philip war an seine Seite geritten. Edward starrte ihn an, es kam ihm so vor, als würde er jetzt zum ersten Mal erkennen, dass aus dem jungen Burschen, der ihm als Page und Knappe gedient hatte, ein siebenundvierzigjähriger Mann geworden war. Er war Roberts unehelicher Sohn, und er sah Edwards engstem Vertrauten, seinem Lordkanzler, so verdammt ähnlich, dass es Edwards Herz zusammenpresste. Tränen traten in seine Augen, er fühlte sich so traurig, als wäre Robert nicht schon vor fünfzehn Jahren, sondern erst gestern gestorben.

Philip legte ihm eine Hand auf den Arm. Sein einstmals rotes Haar war grau meliert, und seine Sommersprossen waren verblasst. Aber er hatte immer noch dieses spitzbübische Jungengesicht, das den König zu mancher Maßregelung verleitet hatte. Edward wurde von einer solchen Zuneigung übermannt, dass die Tränen wie Sturzbäche über seine Wangen rannen.

»Mein lieber Herr«, sagte Philip in tiefer Sorge. »Gönnt Euch eine Rast.«

Edward hätte ihn gern in die Arme geschlossen, ihm gesagt, dass er wie ein Sohn für ihn gewesen war – all diese Jahre. Der Augenblick verging wie mancher zuvor, weil Edward so viele Dinge aufgeschoben hatte. Er hatte an seine Unsterblichkeit geglaubt. »Verlass mich nicht, Philip«, murmelte er.

Philip war mit einem Satz vom Rücken seines Pferdes geglitten und stützte ihn.

»In alle Ewigkeit nicht, mein Herr«, erwiderte er fest.

Edward versuchte vergeblich, sich am Sattel festzuhalten und rutschte seitlich vom Rücken seines Pferdes in die Arme seines Ritters. Er konnte nicht mehr.

 

Hatte er geschlafen, oder war er ohnmächtig gewesen?

Die Augen zu öffnen war eine Tat, schwerer, als fünfzig Feinde mit dem Schwert zu erschlagen. Er sah den Baldachin eines Zeltes über sich. Durch den Rauchabzug blickte er in einen bewölkten Nachmittagshimmel.

Er hörte die Ärzte gedämpft miteinander sprechen.

»Die Ruhr hat seinen Körper völlig ausgezehrt. Ein paar Stunden vielleicht, nicht länger. Nur sein Wille hält ihn noch am Leben.«

»Das dürft Ihr nicht sagen! Er darf nicht sterben! Edward der Erste ist der größte König Englands. Er hat Recht und Ordnung ins Land gebracht! Kein einziger Bürgerkrieg während seiner Herrschaft! Er muss leben, er muss die Schotten besiegen. Sein schwächlicher Sohn wird das niemals schaffen!«

Daran bestand kein Zweifel, dachte Edward bitter. Siebzehn Kinder – und die besten hatte ihm der Tod genommen. Er dachte an Henry und Eleanor. Henry, der tapfere, von Krankheiten gebeutelte, kleine Junge, der wenige Monate nach Edwards Krönung gestorben war. Sieben Jahre nur waren ihm an irdischem Dasein vergönnt gewesen an der Seite seiner Eltern. Und Eleanor, Edwards kleine Eleanor … er sah ihr Gesicht, ihre flehenden blauen Augen, und konnte kaum noch atmen.

»Wenn der Tod da ist, ist er da! Dagegen können auch die Herren Doktoren nichts ausrichten. Lasst mich durch!«

Der Schreck fuhr Edward wie ein Schwert ins Herz, als er die Stimme hörte.

Wulfric.

Edward wünschte sich die Kraft, den Ärzten zu sagen, Wulfric nicht vorzulassen. Er versuchte zu sprechen, aber vergebens. Warum hatte er nie auf Robert gehört, und nicht auf alle anderen Freunde, die ihn vor Wulfric gewarnt hatten? Warum hatte er diesen Mann nicht von seinem Hof verwiesen, als er es noch konnte? Er wollte nicht sterben, wenn Wulfric dabei war. Er hatte Angst.

»Ja«, flüsterte Wulfric in sein Ohr.

Edward hatte nicht bemerkt, dass er schon an seinem Lager war, und der Schreck brachte sein Herz zum Stolpern. Wulfrics Atem an seiner Schläfe war eiskalt wie die Hölle und verbrannte ihm trotzdem die Haut.

»Ja, du hast Angst, mein Freund, denn nun begibst du dich in meine Hände. Aber mach dir keine Sorgen – es ist keine Kraft mehr in dir. Es wird dir nichts anderes übrig bleiben, als zu sterben!«

Edward wollte schreien, wollte ihn wegstoßen, aber er brachte noch nicht einmal ein »Nein!« über die Lippen. Sein Herz raste, und er hatte das Gefühl, ersticken zu müssen.

Es wurde dunkel um ihn.

 

Der Himmel war deutlich dunkler geworden, aber es war noch nicht Nacht.

Um sein Lager herum war Bewegung. Er roch gebratenes Fleisch. Ihm wurde übel. Nein, er konnte nicht essen. Es würde eh nicht im Magen bleiben. Man hielt ihm einen Becher Wein an die Lippen, der Trunk rann seine ausgedörrte Kehle hinunter. Augenblicke später schüttelte ihn das Erbrechen.

Sanfte Hände richteten ihn auf. Ihm war so schwindlig, dass er nicht mehr wusste, wo oben und wo unten war. Er fiel den Männern in die Arme, hörte Rufe.

»Die Priester! Lasst die Priester kommen!«

Der Duft von Weihrauch stieg ihm in die Nase. Ein tröstlicher Geruch. Vielleicht würde Gott ihn schützen vor dem, was ihn erwartete. Vielleicht würde Gott ihn vor Wulfric bewahren. Die Hoffnung war sein letzter Gefährte auf dem Weg in die Dunkelheit.

 

Durch den Rauchabzug des Zeltes sah er den Sternenhimmel. Die Wolken waren fort. Kühle Nachtluft trocknete die Schweißperlen auf seiner Stirn.

Er hörte die Liturgien der Priester. Man bereitete ihn für die letzte Ölung vor.

So Gott wollte, hatten sie Wulfric fortgeschickt! Seine Angst ließ ein wenig nach, aber nur für einen Moment. Denn da war die Stimme wieder, diesmal nicht an seinem Ohr, sie schien von überallher zu kommen.

»Es ist so weit, mein alter Freund!«

Nein. Nein, ich will nicht. Ich entbinde dich von deinem Versprechen, das du mir gegeben hast. Ich verzichte darauf, ewig zu leben. Ich will sterben, wie es jedem Lebewesen bestimmt ist. Ich will sterben!

»Dumm nur«, sagte die Stimme, »dass dir das erst jetzt einfällt.«

Edward roch das Chrisam auf seiner Haut. Der Duft des Öls erinnerte ihn an eine andere Zeremonie, die viele Jahrzehnte zurücklag. Seine Krönung.

An diesem Tag hätte er es beenden müssen.

Sein Herzschlag setzte aus. Schwärze schlug über ihm zusammen. Dann riss es ihn wieder zurück in die Wirklichkeit.

Er sah Wulfric neben sich sitzen. Das Gesicht wie immer zu einem wölfischen Grinsen verzogen, die Reißzähne entblößt.

Vor ein paar Jahren hatte Edward die totale Ausrottung von Wölfen in seinen Wäldern in Auftrag gegeben, in der schwachen Hoffnung, es würde etwas nutzen. Es hatte nicht geholfen. Es hatte Wulfric nur noch hochmütiger und höhnischer gemacht.

In vierzig Jahren war Wulfric keinen Tag gealtert. Doch außer Edward schien das niemanden zu wundern.

Er wusste, warum. Wulfric hatte eine Art, Menschen die Dinge nach seinen Vorstellungen sehen zu lassen.

»Deinen letzten Atemzug«, sagte Wulfric mit fordernder Stimme. »Im Austausch für das ewige Leben, wie versprochen.«

»Die Priester«, röchelte Edward. Er hörte die lateinischen Gesänge, aber keiner der Schwarzröcke traute sich an sein Sterbebett.

»Du brauchst keinen Priester.« Wulfric grinste, und Edward sah den Wolf hinter seinem menschlichen Gesicht.

Schwärze senkte sich erneut herab, diesmal langsam. Er wusste, sie würde vor seinen irdischen Augen nicht mehr weichen. Es war vorbei, er konnte es nicht mehr ändern. Er fühlte Wulfrics Hand an seinen Lippen.

»Der letzte Atemzug von Englands König«, sagte der Zauberer. »Siebenhundertsiebenundsiebzig und sieben Jahre, und ich werde herrschen.«

Edward versuchte, den Atem anzuhalten, aber es war unmöglich. Die Luft entströmte seiner Lunge, und während sich die Realität ausblendete, spürte er, wie etwas aus seinem Inneren herausgezogen und in Wulfrics Hand gegeben wurde.

Hinter seinen geschlossenen Lidern gleißte ein fünfzackiger Stern auf. Ein Pentakel. Verblasste.

Dann nichts mehr.

 

Die Dunkelheit lichtete sich. Wieder einmal. Wie viele Jahrhunderte waren es jetzt? Edward hatte aufgehört zu zählen. Vielleicht war die Zeit schon bald um? Er hatte die Hoffnung nie aufgegeben. Eines Tages würde er kommen.

Er stand in seinem Schlafzimmer im St. Thomas' Tower. Was machten all diese Jugendlichen hier? Sie tuschelten und lachten. Eine Respektlosigkeit in den Gemächern des Königs!

Es durchfuhr ihn wie ein Blitz. Er hatte ihn entdeckt! Ihn und seine bernsteingelben Augen.

Irrte er sich? Nein, es konnte kein Zweifel bestehen. Dort stand der Junge aus seiner Vision in der Nacht vor der Krönung, der Junge, der ihm in der Painted Chamber erschienen war und ihn gewarnt hatte.

Er war es!

Das bedeutete, dass es Hoffnung gab.

»Wulfric!«

Der Junge schien seine Gegenwart zu spüren. Edward triumphierte. Der Blick des Knaben verschleierte sich, er verlor alles Rot aus den Wangen und wurde ohnmächtig. Konnte es sein, dass Wulfric nicht wusste, wer er war? Er musste vorsichtig mit seinen Erklärungen sein, sie fein dosieren.

»Wulfric«, schrie Edward. »Steh auf! Sofort!«

Gegenwart

1. Kapitel

 

 

 

Dennis hob den Kopf aus der Tüte. Sein Gesicht glühte. Noch nie in seinem ganzen Leben hatte er sich so geschämt. Er war überzeugt: Es konnte nicht schlimmer werden. Das hier war wie einer seiner Albträume. Es begann mit schwarzen Vögeln, die über ihn hinwegglitten. Dann stand er auf einmal inmitten von schwarzen Schattengestalten, die ihre Hände nach ihm ausstreckten, und schwarze Schwingen strichen über sein Gesicht.

Nur dass hier kein gnädiges Erwachen folgen würde.

Aber als Lena »Mann, Dennis, deine Ohren leuchten ja lila, ist das toll!« sagte, revidierte er seine Meinung. Er hatte sich geirrt. Es konnte tatsächlich noch schlimmer werden. Nach unten ging immer.

Das Gelächter seiner Klassenkameraden verebbte allmählich. Es gab einfach viel mehr zu sehen als ihn, spuckend über seiner Tüte. Das kannte man schon.

Der Doppelstockbus rumpelte soeben über die Tower Bridge. Dennis versuchte, sich von seiner Übelkeit mit einem Blick aus dem Fenster abzulenken. Er hatte eine großartige Aussicht auf die gegenüberliegende London Bridge. Nur, dass an der London Bridge im Gegensatz zur Tower Bridge mit ihren tollen Türmen und dem Mittelalter-Look nicht wirklich etwas Spektakuläres zu sehen war.

Die Themse glitzerte im Sonnenlicht, futuristisch anmutende Sightseeingboote mit riesigen Fensterfronten fuhren darauf. Linker Hand grüßte das mächtige sandsteinfarbene Bauwerk des Tower of London.

Dennis versuchte es, aber er konnte sich einfach nicht für diese Aussicht begeistern. Ihm war schlecht von der Rumpelei. Er hatte nach oben gewollt, aufs Oberdeck, aber die anderen hatten ihn an der Treppe zurückgeschubst, und nun saß er nicht auf der Aussichtsplattform an der frischen Luft, sondern bei dreißig Grad Außentemperatur im stickigen Innenraum, was der Grund für seine Übelkeit war. Alle – oder zumindest alle in diesem hinteren Teil des Busses – hatten ihn ausgelacht, weil er mal wieder gekotzt hatte. Sogar Rika hatte gegrinst, wenn auch nur schwach.

Klar. Hatte er wirklich gedacht, auf dieser Klassenfahrt würde es anders sein? London konnte ihm gestohlen bleiben. Wie schön, dass er noch eine Woche vor sich hatte, um dieses Gefühl auszukosten.

»Dennis, du hältst die Tüte schief«, bemerkte Rika trocken. »Gleich schüttest du das Zeug auf Ansgars Schuhe.«

Dennis zuckte zusammen und riss die Tüte nach oben, während Ansgar ihn wütend anfunkelte. Das fehlte gerade noch, dass er den sauer machte.

Ansgar war einen Meter fünfundachtzig groß und in etwa genauso breit. Leider bestand seine Breite nicht aus Fett, sondern aus Muskelmasse, ansonsten wäre es vielleicht nicht so schlimm gewesen. Aber sein Lieblingssport war Ringen. Den übte er gern auch außerhalb seines Sporttrainings aus.

Er minimierte sein Verletzungsrisiko, indem er sich Gegner suchte, die ihm deutlich unterlegen waren. Dennis war ihm dabei am liebsten. Keine Frage, warum.

Die London Bridge verschwamm vor Dennis' Augen, und er erblickte sein Spiegelbild in der Scheibe. Er überlegte bei dem, was er sah, ob er die Kotztüte noch mal brauchen würde.

Er war zwanzig Zentimeter kleiner als Ansgar und schmächtig. Er habe »gefährliches Untergewicht«, hatte der Arzt bei der letzten Routineuntersuchung gesagt, und seine Pflegeeltern waren richtig wütend auf ihn gewesen, weil er nicht essen wollte. Nur, wie konnte man essen, wenn man ständig einen Knoten im Magen hatte?

Und auch ansonsten sah er in der Fensterscheibe nichts Erfreuliches. Dennis' dunkelbraunes Haar stand widerborstig in verschiedene Richtungen vom Kopf ab, und da halfen weder Bürste noch Haargel. Eine Mondlandschaft mit ihren Kratern war nichts gegen sein pickelübersätes Gesicht, und im Moment stimmte sogar die Farbe … aschgrau. Bei seinen männlichen Klassenkameraden sprossen schon ordentlich Barthaare, nur Dennis' Haut blieb selbstverständlich glatt. Seine Zähne waren mit Brackets eingezäunt, seine Nasenspitze zeigte zum Himmel, seine Stirn war zu hoch und seine Lippen zu schmal. Seine Kleider waren ebenso uncool wie sein Name, aber in beiden Fällen hatte man an seiner Stelle entschieden, ohne ihn zu fragen. Ganz ehrlich: Welcher Vierzehnjährige trug Klamotten vom Discounter um die Ecke? Seine Pflegeeltern gaben sich Mühe, es waren, wenn er ehrlich war, die besten Pflegeeltern, die er bislang gehabt hatte, aber bei ihnen saßen insgesamt sechs Kinder um den Tisch, und da musste gespart werden. Das bedeutete: keine Markenklamotten. Aber, was noch schlimmer war: wer, um alles in der Welt, hieß heute noch Dennis? Als seine Mutter mit ihm schwanger war, erzählte sie stolz, habe sie einen amerikanischen Film mit dem Namen Dennis the Menace gesehen – ein superblödes Machwerk, das damals schon nicht mehr aktuell gewesen war …, und das hatte er nun davon. Er war nur froh, dass sie nicht Kevin – Allein zu Haus gesehen hatte. Er hatte nach der Bedeutung des Namens gegoogelt, in der Hoffnung, dass wenigstens der Ursprung cool sei. Doch Dennis leitete sich vom griechischen Gott Dionysos ab, dem Gott des Weines – Ironie des Schicksals. Wenn er sich an den Besuchstagen bei seiner meistens betrunkenen Mutter beschwerte, wies sie ihn bestenfalls wortreich darauf hin, dass sie ihm schließlich das Leben geschenkt habe. Schlimmstenfalls haute sie ihm eine rein. Dennis war ihr dann von ganzem Herzen dankbar.

Vielleicht lag es daran, dass er immer so traurig war. Manchmal tauchte diese Trauer auf, wenn er nicht daran dachte, wie Wolken, die sich plötzlich vor die Sonne schoben. Er hatte dann das Gefühl, dass es irgendetwas Schreckliches gab, an das er sich nicht erinnern konnte. Schlimmer als das, was in seinem bisherigen Leben passiert war. Er konnte diese Traurigkeit nicht einordnen, also versuchte er, sie zu akzeptieren. Wie alles an ihm. Was blieb ihm auch anderes übrig?

Das Einzige, was Dennis an sich mochte, waren seine hellbraunen Augen. Sie leuchteten, wenn das Licht so wie jetzt hineinfiel, honiggelb wie Bernstein. Geheimnisvoll. Wölfe hatten solche Augen.

Er bekam einen Stoß gegen die Schulter, dass er mit dem Kopf gegen das Fenster schlug, und konnte im letzten Moment die Kotztüte festhalten.

»Na, mein Hübscher, gefällst du dir?«, ertönte Ansgars Piepsstimme.

Der Riesenkerl war fast fünfzehn und immer noch nicht im Stimmbruch. Seine überdimensionale Figur gepaart mit dem Gepiepse drängten den Vergleich mit einem Eunuchen geradezu auf. Dennis hätte gern darüber gelacht. Leider verlangten Ansgars ganze Statur und seine charmanten Gepflogenheiten, dass man ihn ernst nahm. Sehr ernst, wenn man klug war. Und so klug war Dennis allemal.

Ansgar war übrigens ein toller Name. Magnus, Lena, Tobias, Sophia, Frauke, Adrian, Henrik, Christoph, Niels, Danya, Lyssa, Yannick – genial. Und Rika erst. Wenn man so hieß, wurde man automatisch cool, brauchte keine Kotztüten, hatte keine Stupsnase, die Zähne waren von Geburt an ebenmäßig und weiß, man lebte bei seinen Eltern, die weder ständig besoffen noch im Knast waren.

Dennis nahm seine Kotztüte und kippte den Inhalt gegen sein Spiegelbild auf der Busscheibe.

 

Frau Zender hatte immer noch einen puterroten Kopf, als sie ihn am Eingang zum Tower erwartete.

Dennis wusste, dass sie laut schreien konnte, aber wie laut, war ihm bislang nicht klar gewesen.

»Ich hoffe, du hast deine Stimmungsschwankungen inzwischen überwunden«, sagte sie spitz, nahm ihn an der Schulter und geleitete ihn durch die Eingangskontrolle, die von einem Mann in Yeoman Warders-Uniform durchgeführt wurde.

Waren die hohen Halskragen, die wie eine Tortenplatte aussahen, nicht unangenehm? Außerdem wirkten sie ziemlich lächerlich.

»Leider hast du nun die Besichtigung der Kronjuwelen verpasst, während du den Bus gesäubert hast«, fuhr sie fort, und es hörte sich absolut nicht so an, als ob es ihr leidtäte. »Die Klasse hat sich auf der äußeren Mauer versammelt, wir gehen jetzt in den mittelalterlichen Palast und schauen uns zuerst den Schlafraum und die Kapelle King Edwards I. im St. Thomas' Tower an.«

Die Klasse johlte, als Dennis hinter Frau Zender die Treppe hinaufstieg. Die guckte grimmig, während der frisch von der Uni gekommene Begleitlehrer Herr Meinert betont jovial in Dennis' Richtung grinste.

Die Klassenkameraden empfingen ihn mit äußerst einfallsreichen Sprüchen.

»Kotz doch den Tower an, Süßer – nur für mich!«

»Please beware of the vomiting dwarf!«

»Habt ihr mal den Exorzisten gesehen, da gibt es auch so 'ne Szene!«

Als er oben angekommen war, versetzte ihm Ansgar einen solchen Rippenstoß, dass ihm erst mal die Luft wegblieb.

»Haste toll gemacht«, sagte das Riesenross piepsig. »Du bist echt mein Held, weißte das, Spacko? Ich glaub, das hat noch keiner gebracht, seine eigene Kotze gegens Fenster zu kippen. Wenn sie mit dir mal einen IQ-Test machen, hast du minus hundert.«

Dennis ignorierte ihn. Was sollte er auch sagen? Ihm taten die Rippen so weh, dass er keine Luft zum Sprechen hatte.

Er wünschte, er wäre nicht hier. Er wünschte, er wäre überhaupt nicht auf dieser Welt. Danke, Mama, aber danke nein. Er wünschte sich eine Riesentüte voller Kotze, um sie auf das hinabschütten zu können, was ihn nervte, und das war in der Tat so ziemlich alles. Rika mal ausgenommen.

»Kannst du vielleicht mit deinen blöden Anpöbeleien einfach auf eine Weide zu den Rindviechern gehen?«, fauchte diese gerade Ansgar an.

Sie betraten die Räumlichkeiten auf der Mauer durch eine schmale Tür.

Nach wenigen Schritten standen sie im Turm in einem mittelalterlichen Schlafraum. Rechts ein großes Doppelbett mit prunkvollem Baldachin, daneben ein Tisch mit zwei Kerzen, denen man ansah, dass sie extra zu Dekozwecken so schön heruntergebrannt waren. Dahinter ein riesiger Kamin mit dem Plantagenet-Wappen, den drei untereinander liegenden goldenen Löwen, die Dennis persönlich ihre blauen Zungen herausstreckten. Es roch nach Holzfeuer, obwohl der Kamin offensichtlich eine Attrappe war.

Ziemlich realistisch. Irgendwo im Towerführer hatte er gelesen, dass man an verschiedenen Stellen in der Festung Vaporisatoren aufgestellt hatte, die den Touristen ein Dufterlebnis der vergangenen Jahrhunderte ermöglichen sollten.

Frau Zender verteilte ihre vierzehn Schüler um sich herum und begann die Informationen wie im Unterricht in ihrem einschläfernden Singsang herunterzuleiern. Herr Meinert hielt sich im Hintergrund an der Fensterbank fest und gab sich Mühe, interessiert auszusehen.

»König Edward I., auch aufgrund seiner für damalige Verhältnisse außergewöhnlichen Körpergröße von einem Meter achtundachtzig Edward Longshanks genannt, hat den St. Thomas' Tower zwischen 1275 und 1279 erbaut.«

Er hat ihn in Auftrag gegeben, aber wohl kaum selbst mit Hand angelegt, dachte Dennis im Bemühen, sich auf den Singsang zu konzentrieren und nicht wie gewohnt in Tagträumereien zu versacken. Er fand diesen oft bei großartigen Bauwerken geäußerten Satz ungerecht, angesichts der zahllosen Arbeiter, die in Wahrheit für die Errichtung gesorgt und in der heißen Sonne geschwitzt hatten, während die Auftraggeber bequem in ihren Schlössern saßen und sich üppige Mahlzeiten servieren ließen. Vor seinem inneren Auge sah er Holzgerüste um Mauerfundamente, große und kleine Ruderboote, die Baumaterialien über eine ungewohnt breite Themse heranschafften. Stimmengewirr, Geschrei, vereinzelt Gelächter. Die Luft roch auf einmal anders, nach Holzbrand und Fäulnisgeruch vom Fluss.

Jemand stieß ihn in die Rippen.

»Du schielst«, zischte Rika. »Gleich wird die Zender merken, dass du schläfst! Der Meinert guckt schon. Warum musst du eigentlich immer so auffallen?«

Dennis zuckte zusammen. Er hatte immer noch diesen andersartigen Geruch in der Nase. Er ging einen Schritt vor, weil hinter ihm Ansgar stand und ihm immer dichter auf die Pelle rückte. Die riesige Gestalt türmte sich über ihm auf. Konnte der ihn nicht mal fünf Minuten lang in Ruhe lassen? Unwillig drehte er sich um – aber da war niemand. Ansgar stand links neben Frau Zender, etliche Schritte entfernt.

Beim Eintreten in den Turm hatte Dennis noch gedacht, es wäre ziemlich stickig – aber jetzt fand er es kühl. Sehr kühl sogar für Mitte Juni. Er bekam Gänsehaut und fröstelte in seinem T-Shirt. Fast hatte er den Eindruck, seinen Atem sehen zu können.

Er war gewohnt, solche seltsamen Dinge zu träumen, aber nun schienen sie auch zu geschehen, wenn er wach war. Hoffentlich würden nicht gleich die Schattengestalten erscheinen. Er hatte ein starkes Gefühl von Unwirklichkeit. War er tatsächlich wach? Er hoffte inständig, dass er schlief. Die Stimmen der Klassenkameraden und seiner Lehrerin klangen so fern. Irgendwo am Himmel fauchte ein Flugzeug. In seinem Kopf begann es, zu summen.

Der Boden schwankte und kam auf einmal rasend schnell näher.

Er hörte jemanden seinen Namen rufen, dann wurde ihm schwarz vor Augen.

 

»Wulfric! Steh auf! Sofort!«

Eine Stimme drang an sein Ohr. Sie war nicht besonders laut, aber befehlsgewohnt und selbstbewusst. Man musste tun, was diese Stimme sagte.

Es klang nicht so, als wäre der Sprecher böse mit ihm, obwohl er Kommandos auf diese Weise aneinanderreihte. Irgendwie mochte Dennis die Stimme. Er hatte keine Ahnung, warum.

Er schlug die Augen auf und blinzelte. Sonnenlicht blendete ihn.

Der Mann, der mit diesem Tonfall sprach, begann zu lachen. Triumphierend, froh. Aber, und das war eindeutig, er lachte Dennis nicht aus.

»Ich wusste es! Ja, du bist es! Ich habe auf dich gewartet.«

Dennis hielt sich die Hand vor die Augen. Im Gegenlicht sah er ein von wild gelockten blonden Haaren umrahmtes Gesicht. Es war ein junger Mann, die Barthaare waren noch weich und sprossen spärlich. Wasserklare blaue Augen lachten ihn an, das linke saß tiefer als das rechte. Dadurch wirkte das ganze Gesicht schief. Dennis hatte so eine Deformation noch nie gesehen, und er starrte sein Gegenüber fasziniert an.

Was meinte er mit »Ich habe auf dich gewartet«? Das klang so schwülstig, fast ein bisschen schwul. Wollte der was von ihm? Seinetwegen konnte der gern schwul sein, aber Dennis hatte inzwischen festgestellt, dass er selbst eindeutig der Fraktion hetero zuzurechnen war.

»Du kennst mich noch nicht«, sagte der Mann, der sich an Dennis' Blicken nicht zu stören schien, und streckte ihm die Hand entgegen. »Aber ich kenne dich, schon sehr lange. Ich habe auf dich gewartet, durch die ganzen Jahrhunderte hindurch. Ich bin glücklich, dass du endlich den Weg zu mir gefunden hast, so froh, wieder in deine Augen zu schauen. Ich bin Edward.«

2. Kapitel

 

 

 

»So froh, wieder in deine Augen zu schauen« klang nun eindeutig schwul. Und das Ganze hier fühlte sich nicht an wie ein Traum, obwohl es nicht wahr sein konnte.

Die Aufmachung des Typen sprach auch für schwul, von der Frisur bis zu den Klamotten, oder er war Mitglied irgendeiner Theatertruppe, die ein Mittelalterstück aufführte. Oder beides.

Er trug ein rotes, am Hals wie ein Mädchenshirt gerafftes Hemd, darüber einen königsblauen weit fallenden Mantel mit goldbestickten Säumen. Seine Kleidung wirkte kostbar und schien in Handarbeit genäht. Die Nähte waren grober als bei modernen Klamotten. Aber es war zweifellos sehr viel Arbeit auf die Kleidung dieses Mannes verwendet worden. Einer Laienspielgruppe gehörte er sicher nicht an.

Auf dem Kopf hatte der Mann eine goldene Krone mit breitem Reif und nach oben aufgewellten Spitzen. Das Ding war der Hammer. Stilisierte Lilien und Kreuze schmückten den Rand des Reifs. Vier Kronbügel führten nach oben zum Scheitelpunkt, auf dem ein Globus mit einem weiteren Kreuz thronte. Im Inneren der Krone befand sich eine Haube aus rotem Samt, die zur Stirn hin mit schwarz-weiß geflecktem Fell gesäumt war.

Dennis hatte die Kronjuwelenbesichtigung zwar versäumt, aber aus der schulischen Vorbereitung wusste er, dass es sich um die Edwardskrone handelte. Oder doch wohl um eine ausgezeichnete Nachbildung derselben.

Als er die dargebotene Hand nicht ergriff, nahm der Mann ohne große Geste Dennis' Rechte und drückte sie an seine Brust. Er fühlte sich real und lebendig an, Dennis spürte die Körperwärme und die Weichheit des Stoffes. Die Berührung hatte etwas Inniges, aber das störte Dennis nicht. Er mochte den Mann.

Er entschied sich dafür, dass dies ein Traum war. Mal etwas anderes als die ständigen Träume von Rika. Er war gespannt, was ihm seine Fantasie bescheren würde. Nur: So wirklichkeitsgetreu hatte er noch nie geträumt.

Der Mann lächelte strahlend und entblößte dabei ein Gebiss, das offensichtlich niemals von Brackets in seine Schranken verwiesen worden war. Zwei Eckzähne waren abgebrochen, die meisten Zähne standen abenteuerlich schief, und sie wirkten trotz der Jugend des Mannes schon ziemlich abgeschliffen. Da, wo er herkam, gab es anscheinend ordentlich was zu kauen.

Dennis richtete sich langsam auf und entzog dem seltsamen Fremden vorsichtig seine Hand. »Wo bin ich hier?«, fragte er leise. Er merkte, wie undeutlich er sprach – es klang wie durch Watte, und als hätte er einen dicken Klumpen Kaugummi im Mund. »In der Vergangenheit?«

Aber der Mann, der sich als Edward vorgestellt hatte, verstand ihn problemlos. »Nein«, erwiderte er, während das Lächeln allmählich aus seinem Gesicht wich. »Nicht in der Vergangenheit. Ich wünschte, es wäre so. Ich bin in diesem Augenblick seit Jahrhunderten gefangen und reise durch die Zeit. Ein Zauber hat mich in eine Zeitblase gebannt, in der ich immer jung bleibe. Doch durch deine Ankunft läuft für mich die Zeit wieder weiter, und ich weiß nicht, wie schnell sie mich einholen wird. Ich habe das Gefühl, du musst dich beeilen.«

Dennis starrte ihn an. Er wünschte sich, das Ganze würde weniger real wirken. Halluzinationen zu haben, war nicht der Traum eines jeden Vierzehnjährigen. »Und wie bist du in diese Zeitblase hineingekommen?« Es war das Nächstliegende, was ihm einfiel.

Edwards Lächeln verblich. Er schien sich an etwas Unangenehmes zu erinnern. »Es war ein Versprechen«, fuhr er zögerlich fort. »Von – einem Freund, wenn man so will. Das ewige Leben im Austausch für meine lebenslange Freundschaft. Doch er hat mich betrogen, und meine Freundschaft wollte er in Wirklichkeit nicht. Ich wäre klug beraten gewesen, auf meine Getreuen zu hören. Sie rieten mir stets von seiner Gesellschaft ab.«

Dennis räusperte sich. »Aber was wollte er denn, anstelle von deiner Freundschaft?« Seine Stimme krächzte.

Edwards schiefe hellblaue Augen musterten Dennis eindringlich. »Er will über London herrschen«, setzte er an. »Und dafür braucht er einen bestimmten Moment meines Lebens. Warte, ich zeige dir …«

Plötzlich war ein hoher singender Ton in der Luft. Es hörte sich wie das Düsentriebwerk eines Flugzeugs an. Wieder mal, so wie eben. Für Dennis nichts Ungewöhnliches, und in einer spontanen Geste legte er seinem erschrocken aufblickenden Gegenüber die Hand auf den Arm. »Keine Sorge, das ist nur wieder ein Flieger, der nach Heathrow will.«

Edward, dessen Gesicht vor Entsetzen verzerrt war, ergriff Dennis' Rechte mit beiden Händen. »Wenn du wüsstest, mein lieber Freund.«

Etwas zischte durch die Luft. Dennis sah eine verkümmerte Landschaft um sich herum. Ruinen, ein schwarzschlammiges, ausgetrocknetes Flussbett, verkrüppelte Bäume ohne Blätter, schwarzes Gras, ein rauchgrauer Himmel mit einer kleinen silbernen Sonne hinter Wolken.

Schwarze Schwingen streiften Dennis' Haar – ein sehr großer Vogel. Sein Herz hämmerte. Er wandte sich an Edward, um ihn zu fragen, was das hier sei, doch da war wieder das Sirren in seinen Ohren, und ihm wurde erneut schwarz vor Augen. Das Letzte, was er sah, war Edwards flehender Blick.

»Wulfric – du musst das verhindern.«

 

»Mann, erst kotzt der den Bus voll, und dann fällt er auch noch in Ohnmacht!«

Das war eindeutig Ansgars Stimme.

Wie schön.

»Wir brauchen au-gen-blick-lich einen Not-arzt«, kreischte Frau Zender im Alarmstufe Rot-Tonfall.

Noch schöner.

Jemand schlug ihm auf die Wangen. Es sollte wohl belebend wirken, aber es tat ziemlich weh.

Dennis öffnete die Augen. Herr Meinert, war ja klar. Man hatte ihn irgendwie aus dem St. Thomas' Tower transportiert, er lag nun unten vor dem Traitors Gate auf einer der langen Holzbänke. Jemand fächelte ihm Kühlung zu. Dennis drehte den Kopf und sah Rika mit einem Tower-Heftchen wedeln. Sie lächelte.

Dennis setzte sich mit einem Ruck auf. »Ich bin völlig in Ordnung«, erwiderte er und war überrascht, wie fest seine Stimme klang. »Ich muss nur was essen und trinken.«

 

Wenig später betraten sie alle das Selbstbedienungsrestaurant gegenüber dem White Tower. Frau Zender setzte sich zu Dennis an den Tisch und beobachtete ihn mit Argusaugen. Dennis hätte sich beim Anblick einer Vogelspinne auf seinem Teller behaglicher gefühlt. Aber Rika hatte sich auch zu ihnen gesetzt, und das machte Frau Zenders Anwesenheit mehr als wett.

Dennis stocherte in seinen Fish and Chips. Es sah lecker aus, aber sein Magen fühlte sich an, als ob er gerade im Fantasy-Freizeitpark mit der Black Python gefahren wäre. Schlimmer als sonst. Das lag nicht nur an Rika, das war klar.

Er war also in Ohnmacht gefallen. Das hatten ihm die Klassenkameraden berichtet. Einfach umgefallen, ohne Vorwarnung, und Ansgar (er sprach darüber, als ob er Dennis vor dem sicheren Tod bewahrt hätte) hatte gerade noch den Absperrungspfosten beiseiteschieben können, sonst wäre Dennis wohl mit dem Gesicht darauf gekracht. Er war dankbar genug und fragte nicht, warum Ansgar ihn nicht aufgefangen hatte. Das Riesenross erklärte jedem, der es hören wollte: Eine Kollision mit dem Absperrseil hätte sicher zu einer Verbesserung von Dennis' Aussehen geführt.

So hatte er fünf Minuten herumgelegen, bis man ihn die Treppe hinunter und an die frische Luft befördert hatte.

Dennis trank einen großen Schluck Cola und suchte eine vernünftige Erklärung. Er hatte eine lange Busfahrt hinter sich. Ihm wurde ohnehin im Bus immer schlecht, und das hielt oft noch stundenlang danach an. Außerdem hatte er seinen Magen komplett entleert. Es war heiß, die Sonne knallte auf seine dunklen Haare, und er neigte zu niedrigem Blutdruck.

Eigentlich war doch alles logisch, oder?

Er hatte während seiner – ganz und gar erklärbaren – Ohnmacht einen Traum gehabt. Einen sehr realistischen. Na wenn schon. Seine Träume waren immer realistisch. Das hatten die halt so an sich.

Seine Laune hob sich, und er wagte einen Seitenblick auf Rika. Sie beobachtete ihn ähnlich eingehend wie Frau Zender, nur war sie dabei ein deutlich hübscherer Anblick mit ihren langen blauschwarzen Haaren und den mandelförmigen Augen.

Rikas Vater war ein japanischer Geigenvirtuose, ein winziger, zerbrechlich wirkender Mann. Von ihm hatte Rika ihr atemberaubend exotisches Äußeres und wahrscheinlich ihre Freundlichkeit geerbt.

Dennis war dankbar, dass Rika so einen Vater hatte, nicht nur deshalb, weil sie damit keine Vorurteile gegenüber klein gewachsenen Männern hegte.

»Iss was«, sagte Rika.

Dennis zuckte zusammen. Ihr Tonfall duldete keinen Widerspruch. Sie hatte noch zwei kleinere Schwestern, auf die sie häufig aufpasste, und sie wusste, sich durchzusetzen. Er begann gehorsam zu essen, und Rika lächelte schon wieder. Sie hatte eines dieser Lächeln, die einen Raum auch bei Mitternacht und ausgeschalteter Deckenlampe erleuchten konnten. Er musste sich zwingen, auf seinen Teller zu sehen.

Frau Zender schien inzwischen überzeugt, dass es Dennis gut ging. »Wenn wir gegessen haben, können wir den Rundgang fortsetzen«, verkündete sie. »Zuerst gehen wir zur Rabenfütterung, die findet gleich statt. Anschließend können wir uns die Ausstellung im White Tower ansehen.«

»Rabenfütterung?«, fragte Rika. »Das klingt, als wären wir im Zoo!«

Frau Zender nickte und lächelte, wobei dieses Lächeln im Vergleich zu Rikas etwa im selben Verhältnis stand wie Sommertag zu Dauerfrost. »Die Raben im Tower haben eine ganz besondere Bedeutung. Man sagt, wenn die Raben den Tower verlassen, wird er untergehen, und ganz Großbritannien dazu. Deshalb pflegen die Yeoman Warders eine gewisse Zahl von Raben in einem Areal hinter dem White Tower. Im Moment sind es zehn Tiere, bis 2008 waren es nur sechs. Den Raben ist ein Flügel gestutzt, sodass sie keine weiten Strecken fliegen können, was ihren Verbleib auf dem Towergelände garantiert.«

Dennis mochte keine Raben. Genauer gesagt: Er hatte Angst vor ihnen. Sie waren groß und schwarz und erinnerten ihn an seine Albträume. Auch wenn er die schwarzen Schwingen in den Träumen nicht deutlich sehen konnte, war er sicher, dass sie zu einem oder mehreren Raben gehörten. Er hätte auf die Rabenfütterung liebend gern verzichtet und spielte einen Moment lang mit dem Gedanken, einfach auf seinem Stuhl sitzen zu bleiben. Aber Frau Zender legte anscheinend so großen Wert darauf, und Dennis wollte einfach nicht schon wieder auffallen. Also hielt er seinen Mund.

Der Weg vom Restaurant zum Rabengehege war nicht weit.

Sie mussten nur wenige Minuten warten, bis der Ravenmaster, ein Mitglied der Yeoman Warders, mit zwei großen Eimern die Rasenfläche betrat.

Die Raben hielten sich glücklicherweise in ziemlicher Entfernung auf. Dennis konnte ihr blauschwarz glänzendes Gefieder sehen. Ein eisiges Gefühl kroch seine Wirbelsäule hinunter. Er sah keine zehn Raben, er zählte nur sieben. Vermutlich hatten sich die anderen irgendwo in der Voliere versteckt. Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Er hatte ein Bild vor Augen, wie die fehlenden Raben auf einmal hervorschossen und sich auf ihn stürzten.

Das waren zahme Raben, versuchte er, sich zu beruhigen, sie waren Menschen gewöhnt. Sie würden einfach ihr Futter fressen, und das wäre es dann auch schon. Nichts würde passieren.

Die Vögel, von denen einige in der geöffneten Voliere saßen und andere wiederum über das Gras hüpften, zeigten überraschend wenig Interesse an ihrem Pfleger. Der Ravenmaster näherte sich den Tieren behutsam, sie wichen vor ihm zurück.

Sie waren definitiv nicht so neugierig und zahm, wie Dennis gehofft hatte. Das machte ihm richtig Angst.

Als der Ravenmaster begann, Hühnerbeine aus den Eimern in Richtung der Raben zu werfen, kamen dann doch drei ein wenig näher. Sie schnappten das Futter und zogen sich sofort hüpfend zurück. Dabei warfen sie immer wieder misstrauische Blicke auf ihren Futtermeister.

Die Sonne ließ ihre Augen rötlich funkeln. Dennis' Angst wuchs, der Anblick der Tiere verursachte ein heftiges Kribbeln in seiner Magengegend.

Aber die Fütterung war vorüber, und nichts war passiert. Er atmete auf.

»So, ich denke, nun können wir uns dem White Tower zuwenden, und zum Schluss besuchen wir noch den Bloody Tower«, verkündete Frau Zender energiegeladen.

Herr Meinert grinste und zwinkerte ihnen zu. »Cool – Folterinstrumente«, wisperte er verschwörerisch.

Dennis hatte einen Moment lang Mitleid mit ihm. Er spürte, der junge Lehrer war ähnlich unsicher wie er selbst. Aber als Herr Meinert Ansgar kumpelhaft den Arm um die Schultern legte, war dieses Gefühl gleich wieder verschwunden.

Und dann hörte er die Schreie.

Sofort wusste er, dass seine Albträume Wirklichkeit geworden waren. Adrenalin schoss durch seinen Körper und ließ ihn keuchen. Gleichzeitig war das Rauschen von Schwingen über ihm. Etwas großes Schwarzes zischte über seinen Kopf, Klauen zausten seine Haare, Kälte durchströmte ihn.

Da waren sie. Sie wollten ihn holen!

»Vorsicht«, schrie Frau Zender.

Dennis duckte sich. Der Rabe huschte über ihn hinweg und flog Rika geradewegs gegen den Kopf. Der große Vogel riss sie von den Füßen, sie stolperte gegen die Tür der Waffenkammer und verbarg das Gesicht schützend in den Armen.

Dennis vergaß seine Angst vor Raben. Er musste Rika helfen! Er rannte los, packte den Vogel an den Flügeln und zog ihn von Rikas Kopf. Er war eiskalt, aber Dennis' Hände fühlten sich an wie verbrannt. Er konnte vor Zittern kaum auf den Beinen stehen. Hinter sich hörte er den Ravenmaster laut auf Englisch schimpfen.

Die Sonne blendete Dennis, aber er war sich sicher, die Augen des Vogels waren nicht schwarz, sondern rot. Und einen Moment lang glühten Rikas Augen ebenso rot auf. Ihm war schwindlig vor Angst, trotzdem ließ er den Vogel nicht los.

Dann war alles vorbei. Der Ravenmaster war da, schob ihn unsanft beiseite und nahm ihm den Raben ab. Er untersuchte den Vogel sorgfältig, als ob der sich bei seinem Angriff auf Rika verletzt haben könnte. Als er nichts fand, schien er zufrieden, und die britische Höflichkeit siegte. Er begann zu lächeln und entschuldigte sich freundlich bei Rika und Frau Zender, die reichlich aufgebracht fragte, seit wann die Raben so aggressiv seien.

Dennis half Rika auf die Füße.

Sie hatte einen kleinen Kratzer auf der Stirn, war aber ansonsten unverletzt. Sie wirkte verwirrt. »Was ist denn passiert?«, fragte sie ratlos.

Er schaute den Raben an, der immer noch vom Ravenmaster festgehalten wurde. Die Knopfaugen des Vogels waren wieder schwarz. Der Rabe sah ebenso verwirrt aus wie Rika. Überhaupt nicht mehr Angst einflößend.

»Also, für meinen Geschmack geschieht heute eindeutig zu viel«, kommentierte Frau Zender trocken, als sie die Gruppe zum White Tower führte. »Ich mache diese Jahrgangsstufenfahrten mit dem bilingualen Zweig inzwischen seit acht Jahren, und so was habe ich noch nicht erlebt. Das muss ich einfach mal so zu Protokoll geben.«

Sie sah Dennis von oben herab an (das war ihr möglich, weil sie größer war als er), wandte sich um und ging energischen Schrittes zum White Tower voraus.

Ist ja klar. Die denkt jetzt auch noch, es wäre meine Schuld.

»Und?«, sagte eine Stimme in seinem Kopf mit heiterem Unterton. »Hat sie da nicht recht?«

Es war Edward. Und Dennis war eindeutig hellwach.

3. Kapitel

 

 

 

Dennis konnte sich nicht vorstellen, dass er sich jemals daran gewöhnen würde, Edwards Stimme auf diese Weise in seinem Kopf zu hören.

Edward behauptete steif und fest, natürlich würde er sich daran gewöhnen. Aber aus Edwards Warte war das ja auch kein Problem, schließlich hörte der keine fremden Stimmen, während er versuchte, nachzudenken.

»Alles in Ordnung mit dir?«, hatte Rika ihn gefragt, weil er so zusammengezuckt war. Sie sah selbst so aus, als wäre sie überhaupt nicht in Ordnung, sie war blass und hinter den Brillengläsern sah man, dass ihre schönen Augen schwarz umschattet waren.

»Klar«, antwortete Dennis so belanglos wie möglich. »Und bei dir?«

»Auch alles klar«, gab Rika ebenso belanglos zurück.

Sie gingen schweigend nebeneinander her, geeint durch das Bewusstsein, dass sie einander etwas vorzumachen versuchten.

Der White Tower war ein markantes grau- und weißsteiniges Gebäude mit vier Türmen, frei stehend inmitten des Towergeländes. Auf der Spitze eines Turms wehte der Union Jack.

»Der White Tower war das erste Bauwerk der Festung, und seine auffällige Gestaltung ist der Grund dafür, dass anschließend alle weiteren Bauwerke die Bezeichnung Tower erhielten«, verkündete Frau Zender in ihrem einschläfernden Singsang.

Anders als vor dem Juwelenhaus stand hier keine Riesenschlange Touristen. Sie gingen die breite Treppe hinauf und befanden sich in einer großen, dunklen Halle mit einem überdimensionalen Ausstellungskasten in der Mitte.