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Mario Stegmann

Miemand soll frieren müssen

Wie aus der Not eine Tugend wurde

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Übersetzungen von kursiv geschriebenen Textstellen sind im Glossar auffindbar

Copyright © 2015 Cameo Verlag, Bern
Alle Rechte vorbehalten.

Text: Yvonne Eckert, Zürich
Lektorat: Annelies Lüscher, Schönbühl
Umschlaggestaltung: werbemacher.ch gmbh, Thun
Umschlagabbildung: Remo Neuhaus, Rubigen
Gesamtherstellung: GGP Media GmbH, Pößneck
eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-906287-06-5

Obdachlos

Als ich auf der Gasse lebte, wärmte ich mich im Winter auf den Bahnhöfen oder bei Läden auf. Dort gibt’s so Schlitze in der Wand, wo manchmal warme Luft rauskommt. Da stand ich dann jeweils hin. Oder beim Loeb-Eingang (Berner Warenhaus). Und klar wärmte ich mich auch mit Schnaps. Obwohl das ja nicht wirklich hilft, das hat man sich mehr eingebildet. Aber wenn man besoffen ist, merkt man nicht so viel.

1977 waren meine Freundin und ich aus der Mansarde an der Länggasse geflogen, weil wir die Miete nicht mehr bezahlen konnten. Sie ging zurück zu ihren Eltern und ich landete uf dr Gass. Ich war 19.

Damals gab es beim Bahnhof Bern noch den Stein. Tagsüber hing ich oft dort herum. Oder auf der Plattform, der Pläfe. Oder an der Aare. Wir haben Bier getrunken, gekifft. Im Prinzip einfach in den Tag hinein gelebt. Zum Schlafen kam ich bei Freunden unter oder pennte unter einer Brücke. Wenn es kalt war, auch mal im Keller eines Hauses. Klar, das war eigentlich verboten, aber man hat’s halt gemacht. Manchmal wusste ich, wo das geht. Ich musste aber schauen, dass ich frühzeitig ging, damit es niemand merkte. Natürlich durfte man nichts kaputt machen und musste den Ghüder mitnehmen. Sonst wäre es aufgefallen und ich hätte danach nicht mehr dorthin gekonnt. Mehr als einmal wurde ich aber von einem Hauswart aus einem Keller usegschosse. Damit musste man rechnen. Manchmal ging ich auch auf Baustellen go pfuuse.

Um Geld habe ich nicht gerne gebettelt. Angesprochen habe ich nur Leute, die ich irgendwie kannte. Zu einem Wildfremden gehen und sagen: «Hey, hesch mer e Schtutz?», das hätte ich nicht gekonnt. Ich habe lieber mal etwas zu Essen geklaut, wenn nötig auch eine Hose oder ein T-Shirt. Ein paar Leute, die später im Sleeper waren, kannte ich schon. Die hingen auch beim Stein rum. Damals konnte man am Bahnhof für zwei Franken duschen und die Wäsche waschen. Zwischendurch machte ich das auch bei Kollegen.

Dass ich auf der Gasse gelandet war, überraschte meine Freunde nicht. Der Tenor war bei allen eigentlich gleich: «I ha dänkt, dass das mau wird passiere.» Gross erstaunt war niemand. Aufgrund meiner Familiengeschichte hat man mich nicht anders gekannt. Ich habe ja früher schon gewisse Dinge gemacht, die andere nicht getan hätten. Wenn ich als Kind was wollte, musste ich auch mal Spielzeug für mich klauen, es Outöli oder so. Weil solche Sachen bei uns finanziell nicht drin lagen. Oder die Geschichte mit der Mandarinenbüchse. Deshalb war alles, was später passierte, nicht so aussergewöhnlich. Für mich war das nicht «ou, du machsch jiz öppis Verbotnigs, öppis Böses». Das kam mir überhaupt nicht in den Sinn. Von meiner Familiengeschichte her war das es bitzli normal. Wenn ich als Kind in einem Laden beim Klauen erwischt wurde, gabs zuhause schon Lämpe, meine Eltern schimpften und ich wurde zämegschisse. Dann musste ich ohne Znacht ins Bett oder so. Nach zwei Tagen war das aber wieder vorbei und kein Hahn krähte mehr danach.

Unangenehm war mehr, dass die Leute immer zuerst an mich dachten, wenn in der Schule oder irgendwo etwas passiert war. Für mich war es schwierig, das Gegenteil zu beweisen, zu sagen: «Hey, ich war es nicht.» Weil ich immer wusste, dass man mir sowieso nicht glaubte. Das war für mich mehr der Knackpunkt.

Vielleicht würde ein Psychiater sagen, dass der ganze Scheiss, den ich geboten habe, wie ich lebe, was ich denke und was ich mache, dass mich die Obrigkeit irgendwo kann und so, dass all dies sicher irgendwo in meiner Kindheit, diesem Lebensstil, seine Ursachen hat. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass dies ausschlaggebend ist, im Stil von «wäge däm bin ig jiz so worde». Meinen Mist, mein Denken habe ich auch selbst eingebracht. Ich war einfach viel früher erwachsen als andere. Weil ich die harte Schule des Lebens schon erlebte, als ich in die dritte oder vierte Klasse ging. Ich habe bereits als Primarschüler mitbekommen, wie es ist, wenn man selbst für sein Mittagessen sorgen muss. Es gab Situationen, in denen nur noch Päcklisuppe i de Schäft war und sonst nichts.

Es gab schon Momente uf der Gass, in denen ich dachte: «Was mach ich eigentlich hier?» Nicht am Anfang. Da war es ein Abenteuer. Ich habe mir mal was von Kollegen geborgt, habe da mau pfuuset, hie mau öppis gässe, dert mau öppis gwäsche. Einen Monat, zwei, drei hat das alles gut funktioniert, aber nachher stösst man an. Ich hatte all meine Freunde und Kollegen quasi düreexerziert, man kann auch sagen teilweise ausgenutzt. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich nicht mehr wusste, zu wem ich noch könnte. Dann kamen Gedanken wie: «Soll ich zum Soz-Amt gehen?» Oder: «Ich könnte einen Pfarrer fragen ob er mir etwas Geld gibt.» Aber dieses Schnure u Bättle, das war nicht meins. Ich wollte nicht mit einem Schild irgendwo hinhocken, auf dem stand: «Hey, ig ha nüt zum ga pfuuse u ig wott echli Gäud zum Frässe.» Das hätte ich nicht gekonnt, ich weiss nicht weshalb, ob aus Stolz oder so. Keine Ahnung.

Irgendwann klaute ich etwas Fleisch, das ich irgendwo im Wald brätelte. Und auch mal Unterwäsche, als ich sie brauchte. Manchmal wurde ich erwischt, manchmal nicht. Doch es war nicht ein Klauen, an dem ich mich bereichern wollte. Ich brauchte die Dinge einfach. Klar, ich war vielleicht schon selbst schuld, dass ich auf der Strasse war, aber in diesem Moment zählte das nicht. Da kommt einem nicht der Gedanke «Ou ja, bisch säuber tschuld. Du könntest ja arbeiten gehen u mache u tue. Dann hätte man wieder Geld.» So was denkt man nicht. Dann geht es darum, dass man etwas braucht und sich dies irgendwie besorgen muss.

Aus der Not heraus Kleinigkeiten klauen, war aus meiner Sicht nie ein Bereichern. Als Kind schaute ich das sowieso anders an. Da wollte ich auch mal mit den anderen cowboyerle. Eine Spielzeugpistole in der Hand halten und nicht nur einen Stock. Das war wohl der Grund dafür. Ich musste halt selbst schauen, dass ich zu etwas kam. Ich hatte schon meine Trickli; trimmte neue Sachen auf alt, damit die Eltern es nicht merkten. Die Bestraferei hat mich nicht schockiert. Ausser, wenn ich für etwas bestraft wurde, das ich nicht getan hatte. Oft spielte es gar keine Rolle, ob ich sagte, wie es gewesen war, oder so, wie es nicht gewesen war. Man hat mir eh nicht geglaubt. Alle Leute hatten bereits eine vorgefasste Meinung, das war bei mir immer so. Deshalb fand ich wohl mit der Zeit: «Weisch was? Wenn ich etwas sage, dann ist es so. Und ich weiche nicht mehr davon ab und fertig!»

Früher habe ich vieles aus der Not heraus gemacht und fand es nicht schlimm. Ich hatte deswegen nie Gewissensbisse. Ich habe schliesslich für alles bezahlt. Wenn ich beim Schwarzfahren erwischt wurde oder beim Ladendiebstahl und die Bussen nicht bezahlen konnte, hockte ich diese ab, für 30 Franken pro Tag. Je nach Busse gab das eine Woche oder zweieinhalb Wochen Gefängnis. Als ich auf der Strasse lebte, war das im Winter durchaus praktisch. Es hat mich auch nicht gross gestört. Doch, dass ich irgendwo unter einer Brücke pennte oder, wenn ich keine Decke hatte, irgendwo im Dreck liegen musste, das hat mich immer gestört. Oder dass ich in einem Keller oder Hauseingang übernachten musste.

Ich hätte nicht jahrelang so leben wollen. Es war klar, dass es irgendwann ändern würde. Ich hatte sowieso eigentlich genug von diesem unsteten Leben, nirgendwo zuhause zu sein. Hie si und glich nid hie si.

Von der Grimsel nach Saudi-Arabien

Mein Vater kannte einen, der ein Temporärbüro hatte. Und der suchte jemanden für die Grimsel-Baustelle. So habe ich dann dort oben auf dem Pass acht Monate als Kranführer gearbeitet – als sie im Oberaarsee das Einlaufwerk gemacht haben. Dazu mussten sie auch einen Querstollen zum Gerzensee bauen. Ich habe die Querschachtkräne bedient.

Danach fragte mich mein Vater, ob ich nicht mitkommen wolle, er gehe ins Ausland arbeiten. Nach Saudi-Arabien, Strassenbau in der Wüste. Ich arbeitete als Schlosser im Camp, war mehr dort als auf den Strassen. Habe repariert, was kaputt war, vom Bagger bis zu Werkzeug. Solche Sachen.

Saudi-Arabien hat mich auch als Land gereizt. Das mit den Moslems und den Christen war damals noch nicht so eng wie heute. Ich konnte auch in Riad meinen Sound hören. Es gab viele Schwarzpressungen auf dem Markt und ich konnte dort Sex Pistols und so ügs kaufen. Bespielte Kassetten kosteten nur 2.50 Franken, in der Schweiz hätte ich 22 Franken dafür bezahlen müssen. Meinen arabischen Kollegen gefiel meine Musik teilweise auch. Sie verstanden den Text zwar meistens nicht. Für sie war es einfach schneller, lauter Sound.

Als ich zusagte, musste ich einen Vertrag unterschreiben. Darin stand, dass bei Diebstahl die Hände abgehackt werden. Auf andere Vergehen stand Auspeitschung, zum Beispiel beim Genuss von Alkohol. Auf Drogendelikte stand im muslimischen Land Todesstrafe. Eine deutsche Firma hatte einen Vertrag mit der Temporärbude in der Schweiz, durch die ich bereits auf der Grimsel gewesen war. Sie vermittelten auch Arbeiter nach Saudi-Arabien. Deswegen hat sich das so ergeben, dass ich ohne grosse Qualifikationen mitgehen konnte. Ich war ja gelernter Koch, nicht Schlosser. Sie brauchten Leute, und mein Vater wusste, wie ich bügle. Er hat sich für mich verbürgt, weil er wusste, dass ich das, was ich in Saudi-Arabien tun musste, auch konnte.

Am Morgen war es immer kalt, Riad liegt mitten in der Wüste. Nachts fielen die Temperaturen teilweise unter null Grad. Und um 6.30 Uhr war es plötzlich wieder 45 Grad. In den Bungalows, in denen wir Arbeiter untergebracht wurden, gab’s Klimaanlagen, darüber war man froh. Am Freitag war Sonntag, nicht wie bei uns. Jeder hatte ein kleines Häuschen mit Bad/WC. Draussen hatte es noch einen Swimmingpool. Den konnte man tagsüber aber gar nicht benutzen, es war viel zu heiss. Draussen waren nur diejenigen, die arbeiten mussten. Das Leben spielte sich sonst drinnen ab. Erst abends, wenn es dämmerte, ging es richtig los. Dann kamen die Leute raus, gingen in die Basars der Stadt.

Immer wenn der Muezzin vom Minarett rief, mussten die Arbeiter Pause machen und beten. Hände waschen, Gesicht waschen, Füsse waschen, Teppich hinlegen, gegen Mekka ausgerichtet. Das wurde streng überwacht, es gab eine Gebetspolizei. Wenn der Muezzin zum Gebet rief, waren sie zu fünft oder sechst unterwegs. Sie hatten Bambusstöckchen dabei. Wenn man im Laden war und der Händler einem noch etwas verkaufte oder verkaufen wollte, trieben sie diesen mit den Stöckchen zum Laden raus. Zur Betzeit durfte nichts verkauft werden, Geschäfte machen war dann verboten.

Die Trennung Mann/Frau war ganz krass. In den Bussen war vor den letzten drei Sitzreihen eine Milchglasscheibe, dahinter sassen die Frauen. Am Flughafen gab es zwei Wartesäle, einen für die Männer und einen für die Frauen. Die Frauen durften nicht arbeiten, auch nicht Auto fahren. Das Regime hatten sie nur zuhause. Dort hatte dafür der Alte nichts zu sagen.

Zuerst waren mir das Land und die Bevölkerung schon fremd, aber mit der Zeit habe ich mich eigentlich gut ans Leben dort gewöhnt. Ich hatte meinen Pass abgeben müssen und dafür einen neuen erhalten, der arabisch geschrieben war, mit meinem Foto. Den musste ich jeweils vorweisen. Der eine oder andere fand schon: «Mit dir will ich nichts zu tun haben, du bist Christ.» Das ist dort nicht viel anders als hier. Mein Glaube zählte nicht. Als Ungläubiger durfte ich nicht nach Mekka. Es gab aber auch solche, denen meine Religion schnuppe war, sie durften es einfach nicht zeigen. Mit der Verschleierung war es auch so. Alle Frauen waren verschleiert, aber kaum waren sie im Flugzeug, gingen sie auf die Toilette und zogen sich um. Europäisch gekleidet kamen sie wieder raus. Kein Mann sagte: «Das darfst du nicht!»

An manchen Abenden ging ich in den Ausgang, etwas essen, Alkohol ist ja verboten. Manchmal gab es aber trotzdem Wein, oder ein Chauffeur hatte Whiskey dabei, oder sie machten aus Traubensaft selbst Wein. Wenn man frei hatte, fuhr man in die Wüste. Anfangs war es schon toll. Mit der Zeit wurde es aber etwas eintönig. Ich machte oft Überstunden. Ich musste ja Geld verdienen, um meine Schulden zuhause abzubezahlen. Ich schuftete jeweils 12, 13 Tage am Stück und war danach froh, wenn ich einen Tag oder zwei überhaupt nichts tun musste. Meistens arbeitete ich 13/14 Stunden am Tag. Mit den Überstunden habe ich gut verdient. Mit diesem Geld bezahlte meine Freundin in der Schweiz die Schulden. Ich hab ihr aber auch Briefe geschrieben. Ganz romantisch, mit schwarzer Tinte auf rotes Papier. Das Schreibgerät habe ich immer noch, eine Feder.

Die Schulden waren entstanden, weil ich Rechnungen, z. B. für die Krankenkasse, nicht bezahlt hatte. Ich hatte eine Zeit lang nicht gearbeitet und konnte deswegen die Miete nicht bezahlen. Deshalb wurden meine Freundin und ich ja aus der Wohnung geworfen. Dann hab ich noch die Dummheit gemacht, einen Kredit aufzunehmen. Den musste ich auch abbezahlen. Einen Kredit habe ich später nie mehr aufgenommen. Wenn ich heute wieder in einer finanziellen Notlage wäre, würde ich wieder nach Saudi-Arabien arbeiten gehen.

Kindheit

Meinen leiblichen Vater lernte ich erst mit 19 kennen. Ich ging mit meiner Mutter in die Stadt, in den «Anker» beim Kornhausplatz. Das war damals eine Beiz, wo sich Alkoholiker trafen. Wir tranken was. Plötzlich sagte meine Mutter zu mir: «Der dort ist dein Vater». Er kam zu uns und fragte mich, wie ich ihn nennen würde. Ich meinte: «Rüedu dänk.» Er hiess Rudolf. Später erzählte mir meine Mutter, er sei etwas enttäuscht gewesen, dass ich ihn nicht Vater nannte. Aber wieso hätte ich ihn so nennen sollen, wenn ich ihn erst so spät kennengelernt habe? Danach habe ich ihn nie mehr getroffen. Es hat mich nicht gross interessiert, sonst hätte ich ihn schon vorher gesucht. Und wenn es ihn interessiert hätte, hätte auch er schon früher schauen können. Er hatte ein Alkoholproblem, mein zweiter Vater ebenso. Bei uns zuhause hatte es immer Bier im Kühlschrank.

An meinen dritten Vater erinnere ich mich hauptsächlich. Ihn hat meine Mutter geheiratet, als ich etwa zehnjährig war. Mit ihm ging ich auch nach Saudi-Arabien. Als Jugendlicher hatte ich schon meine Schwierigkeiten mit ihm gehabt. Aber als ich älter wurde, habe ich manchmal mit ihm geredet und gewisse Dinge verstanden, von denen ich vorher nur Mutters Seite kannte. Wir haben auch mal zusammen einen Schnaps getrunken und miteinander gesprochen. Gewisse Dinge hatte ich als Kind natürlich nicht begriffen. Wieso die beiden Lämpe hatten oder wohin das viele Geld gegangen war, dass er verdient hatte. Meine Mutter sagte jeweils: «Wo isch de die Chole härecho?» Später begriff ich; ihr Schmuck, ihre Pelzmäntel, ihre Schuhe, ihre Jaquetkleider. All das saugte das Geld auf. Auch was sie verdiente, ging dafür drauf. Meine Mutter hat immer die Namen ihrer Ehemänner angenommen, aber mein Name blieb. Meine Schwester trägt denselben Familiennamen. Meine Mutter hat mal erzählt, dass sie zwei Fehlgeburten hatte, sonst wären wir zu viert gewesen.