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Krankheit oder Unfall – wie weiter im Job?

Stand Gesetze und Rechtsprechung: Januar 2017

Beobachter-Edition
4., aktualisierte Auflage, 2017
© 2015 Ringier Axel Springer Schweiz AG, Zürich
Alle Rechte vorbehalten
www.beobachter.ch

Herausgeber: Der Schweizerische Beobachter, Zürich
Lektorat: Käthi Zeugin, Zürich
Umschlaggestaltung und Layout: Cornelia Federer, Zürich
Umschlagillustration: illumueller.ch
e-Book: mbassador GmbH, Luzern

ISBN 978-3-03875-050-5

eISBN 978-3-85569-927-8

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GITTA LIMACHER

Krankheit oder Unfall –
wie weiter im Job?

Das gilt, wenn Sie nicht arbeiten können

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Die Autorin

Gitta Limacher, dipl. Wirtschaftsjuristin FH und Sozialversicherungs-Fachfrau mit eidg. Fachausweis, studierte nach ihrer kaufmännischen Versicherungslehre Wirtschaftsrecht an der ZHAW. Heute arbeitet sie beim Beobachter-Beratungszentrum als Beraterin/Redaktorin für die Bereiche Arbeit und Sozialversicherungen.

Dank

Ein grosses Dankeschön an Irmtraud Bräunlich Keller, Anita Hubert, Regina Jäggi, Dana Martelli, Anne Sciavilla vom Beobachter-Beratungszentrum für das Fachlektorat und die grosse Unterstützung; Hans-Jakob Mosimann, Kurt Pärli, Sabine Steiger-Sackmann für die kompetente Beantwortung verschiedener Fragen; Käthi Zeugin für das professionelle Lektorat und die wertvollen Inputs.

imageDownload-Angebot zu diesem Buch
Unter www.beobachter.ch/download (Code 8899) finden Sie weitere Informationen sowie eine Reihe von Musterbriefen, die Sie herunterladen und an Ihre Situation anpassen können.

Inhalt

Vorwort

image Krankmeldung und Arztzeugnis

Krank? Informieren Sie den Arbeitgeber

Was muss der Arbeitgeber wissen?

Einen Stellvertreter suchen?

Zentral: das Arztzeugnis

Ab wann braucht es ein Arztzeugnis?

Wenn das Arztzeugnis angezweifelt wird

Einfach oder detailliert: Was gehört ins Arztzeugnis?

Teilarbeitsunfähigkeit

Was heisst 50 Prozent?

Teilarbeitsunfähig im Teilzeitjob

Arbeitsplatzbezogene Arbeitsunfähigkeit

Kein Problem im Zweitjob

Zumutbare Ersatzarbeit

Was Sie bei Stress, Mobbing und Berufskrankheit tun können

Achtung, Kontrolle!

Krankenbesuche und Kontrollanrufe

Der Termin beim Vertrauensarzt

Weiterarbeiten trotz Arbeitsunfähigkeit?

Arbeiten bis zum Umfallen: Präsentismus

Der Arbeitgeber muss Präsentismus verhindern

Müssen Kranke zu Hause bleiben?

image Freizeit, Ferien, Feiertage

Freizeit: Sie sind nicht ans Bett gefesselt

Diese Tätigkeiten sind erlaubt

Was Sie lieber lassen sollten

Krank in die Ferien?

Ferien nachholen

Ferien beziehen trotz Arbeitsunfähigkeit

Ferienkürzung bei längerer Absenz

Arbeitsunfähig an Feiertagen oder am freien Tag

Feiertage und vorgeholte Tage

Häufige Fragen bei Teilzeitarbeit

Wieder arbeitsfähig: Was gilt für Arztbesuche und Therapie?

Fixe Arbeitszeit oder Gleitzeit?

Längere Therapien

image Lohn, Taggeld und Versicherungen

Woher kommt das Geld?

Unfall oder Krankheit?

Die richtige Meldung ist entscheidend

Berufskrankheit und unfallähnliche Köperschädigung

Wenn die Zuständigkeit nicht klar ist

Bei Unfall: umfassende Unfallversicherung

Heilungskosten, Hilfsmittel und weitere Vergütungen

Taggeld, Rente und Integritätsentschädigung

Bei Krankheit: Lohnfortzahlung des Arbeitgebers

Es kommt auf den Arbeitsvertrag an

Das sagt das Gesetz

Kein Krankenlohn für «Frischlinge»

Wie viel Geld erhält man wie lange?

Was gilt bei Stundenlohn?

Wenn eine Krankentaggeldversicherung besteht

Die Lösung muss gleichwertig sein

Wie kommt man zu den Leistungen?

Vollmacht für die Versicherung

Die Krankenkasse kommt ins Spiel

Das zahlt die Grundversicherung

Mehr abdecken mit Zusatzversicherungen

Auch Kranke dürfen die Krankenkasse wechseln

Was ist mit dem Dreizehnten, den Spesen und Zulagen?

13. Monatslohn, Gratifikation, Bonus

Trinkgelder, Spesen, Schichtzulagen, Überstunden

Familienzulagen

Die Beiträge an die Sozialversicherungen

Beitrags- und Versicherungslücken vermeiden

Achtung, Versicherungslücken

Lücken und Probleme bei der Unfallversicherung

Wenn die Krankentaggeldversicherung fehlt oder nicht genügt

Wenn die Versicherung einen Berufswechsel verlangt

Die Arbeitsunfähigkeit dauert länger

Case Management

Wann ist eine Anmeldung bei der IV sinnvoll?

Die Abklärungen der IV

Wenn die IV eine Rente spricht

IV und Unfallversicherung spielen zusammen

Die Rolle der Pensionskasse

image Kündigung und Arbeitslosigkeit

Kündigungsschutz bei Krankheit und Unfall

So lange sind Sie vor Kündigung geschützt

Und der Lohn?

Selber kündigen?

Pensumskürzung, Funktionsänderung, Vertragsanpassung

Wenn der Job Sie krank macht

Gekündigt! Finanzielle Situation und Versicherungsschutz

Haben Sie noch Taggeld zugut?

Falls keine Taggeldversicherung Sie auffängt

Jobsuche und Arbeitsunfähigkeit

Was gilt für das Arbeitszeugnis?

Was muss man im Vorstellungsgespräch sagen?

Neuer Job, neue Versicherung

Gesundheitsfragebogen korrekt ausfüllen

Vorbehalte bei der Pensionskasse

Vorbehalte bei der Krankentaggeldversicherung

Krank und arbeitslos

Sind Sie wirklich arbeitslos?

Haben Sie genug Beitragszeit?

Sind Sie vermittlungsfähig?

Spezialregelung nach der Anmeldung bei der IV

image Wenns falsch läuft: der Rechtsweg

Zuerst Hilfe holen

Vor dem Rechtsstreit – das Gespräch

Wenn Sie klagen müssen

Klage gegen die Arbeitgeberin

Der Rechtsweg der Sozialversicherungen

Speziell geregelt: das IV-Verfahren

Klage gegen die Pensionskasse

Klage gegen die Krankentaggeldversicherung

Kein Geld für einen Prozess? Unentgeltliche Rechtspflege

image Anhang

Links und Adressen

Literatur

Vorwort

Ein Unfall, eine Krankheit, eine Operation, ein Burn-out: Viele Angestellte sehen sich plötzlich vor die Situation gestellt, dass sie für eine gewisse Zeit am Arbeitsplatz ausfallen. Dann tauchen Fragen und Ängste auf – viele davon arbeitsrechtlicher und finanzieller Art. Anfragen rund um das Thema Arbeitsunfähigkeit gehören denn auch zu den häufigsten und vielseitigsten Problemstellungen an den Hotlines für Arbeit und für Sozialversicherungen im Beobachter-Beratungszentrum.

Für Betroffene ist es schwierig, sich im Gesetzes- und Versicherungsdschungel zurechtzufinden. Gehören Sie selbst dazu? Dann hilft Ihnen dieser Ratgeber, die Orientierung (wieder) zu erlangen. Er begleitet Sie von der ersten Krankmeldung im Betrieb bis zur Genesung, aber auch zu einem möglichen Jobwechsel oder einer Anmeldung bei der IV. Dabei erklärt das Buch nicht nur die Grundlagen von Lohnersatz und Kündigungsschutz, sondern beantwortet auch Fragen zur Freizeitgestaltung, zur Möglichkeit, Ferien zu nehmen, und zum schrittweisen Wiedereinstieg bei Teilarbeitsfähigkeit. Zudem erfahren Sie, wann eine Absenz oder ein Leiden im Arbeitszeugnis oder gar im Bewerbungsgespräch für einen neuen Job erwähnt werden muss. Und schliesslich helfen Ihnen verschiedene Musterbriefe, die online für Sie bereitstehen, sowie die Adressen von spezialisierten Anlaufstellen, Ihre Situation zu bewältigen.

Ich wünsche Ihnen alles Gute und hoffentlich eine baldige Genesung.

Gitta Limacher
im April 2017

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Krank? Informieren Sie den Arbeitgeber

Wer arbeitsunfähig ist, muss sich im Betrieb krankmelden. Schon dabei können erste Konflikte entstehen. Es ist deshalb wichtig, den Chef rechtzeitig und richtig zu informieren.

In den meisten Betrieben gibt es geschriebene oder ungeschriebene Regeln darüber, wie man die Krankmeldung vornehmen muss. So kann es an einem Ort absolut normal sein, mit einer kurzen SMS Bescheid zu geben; ein anderer Chef könnte Ihnen das hingegen übel nehmen. Erkundigen Sie sich nach den Gepflogenheiten, wenn Sie eine neue Stelle angetreten haben.

Gibt es in Ihrem Betrieb keine Regeln, rufen Sie Ihre direkte Vorgesetzte an. Ist die Chefin nicht da, wenden Sie sich an deren Stellvertreter. In einem Grossbetrieb müssen Sie mit Ihrer Abmeldung nicht gleich an die Personalabteilung gelangen, aber es reicht auch nicht, wenn Sie bloss einen Kollegen informieren. Die Information muss bei Ihrer Vorgesetzten ankommen, und zwar rechtzeitig. Nur so kann diese bei Bedarf einen Ersatz organisieren oder Termine absagen.

Die Briefpost ist also nicht der richtige Weg, um sich krankzumelden, und auch eine E-Mail kann ungelesen bleiben. Wichtig ist, dass die Vorgesetzte die Information rasch und sicher erhält. Das Arztzeugnis können Sie bei Bedarf später nachreichen.

imageACHTUNG Wenn Sie sich selbst nicht krankmelden können, sollte dies wenn möglich eine Vertrauensperson für Sie erledigen. Jedenfalls müssen Sie die Krankmeldung nachholen, sobald Sie dazu wieder in der Lage sind. Wenn Sie ohne Abmeldung einfach zu Hause bleiben und auch auf Nachfragen nicht reagieren, können Sie im schlimmsten Fall fristlos entlassen werden. Zwar wäre dies unter Umständen nicht gerechtfertigt und Sie könnten eine Entschädigung einklagen. Den Job aber wären Sie trotzdem los.

Was muss der Arbeitgeber wissen?

Die Diagnose geht den Arbeitgeber nichts an. Sie müssen also nicht offenlegen, woran Sie leiden. In manchen Fällen – vor allem bei längeren Absenzen – kann es jedoch hilfreich sein, dies freiwillig zu kommunizieren. Eventuell stossen Sie dann auf mehr Verständnis für Ihre Situation.

imageHEIDI S., 46, IST KAUFMÄNNISCHE ANGESTELLTE und strickt leidenschaftlich gern. Wegen ihres Hobbys hat sie sich eine schwere Sehnenscheidenentzündung eingefangen. Der Arzt schreibt Frau S. vorerst für zwei Wochen krank und verordnet eine Handgelenkschiene zur Ruhigstellung. Weil Frau S. weiss, dass ihr Chef für die zweiwöchige Absenz dann mehr Verständnis aufbringt, informiert sie ihn freiwillig über die Sehnenscheidenentzündung.

Diese Angaben braucht der Arbeitgeber

Offenlegen muss man hingegen, ob ein Unfall oder eine Krankheit der Grund für die Arbeitsunfähigkeit ist und zu wie viel Prozent man arbeitsunfähig ist. Der Arzt vermerkt das auf dem Arztzeugnis. Die Angabe, ob ein Unfall oder eine Krankheit vorliegt, ist deshalb zentral, weil die Regeln zur Lohnfortzahlung sich unterscheiden und verschiedene Versicherungen zuständig sind (mehr dazu ab Seite 66).

Der Arbeitgeber darf auch fragen, wie lange Ihre Abwesenheit voraussichtlich dauern wird. Dies zu erfahren, ist für ihn aus organisatorischen Gründen und für die Aufrechterhaltung des Betriebs wichtig.

Können Sie nur einzelne Tätigkeiten Ihres Jobs nicht ausführen, müssen Sie mitteilen, für welche Art Arbeit sie nicht einsetzbar sind und für welche schon. Am besten stellt Ihnen Ihr Arzt dazu ein detailliertes Arbeitszeugnis aus. Darin kann er zum Beispiel festhalten, wie viele Kilogramm Sie heben dürfen oder dass Sie keine Arbeiten in kniender Position verrichten können. Der Arbeitgeber muss auf diese Einschränkungen Rücksicht nehmen (mehr zum detaillierten Arztzeugnis auf Seite 21).

Kollegen informieren, Gerüchte vermeiden

Auch Ihre Kollegen geht die Diagnose Ihrer Krankheit grundsätzlich nichts an. Seien Sie sich aber im Klaren, dass rasch Gerüchte kursieren können, und wägen Sie ab: Vielleicht informieren Sie doch lieber über Ihre Schwangerschaftskomplikationen, als dass Sie Getuschel über eine angebliche Krebserkrankung riskieren. Möchten Sie bloss Ihren Chef einweihen, teilen Sie ihm unbedingt mit, was er dem Team kommunizieren darf und was nicht.

Einen Stellvertreter suchen?

Vor allem bei Hauswartstätigkeiten oder auch in Betrieben mit Schichtarbeit verlangen Chefs von ihren Angestellten häufig, dass sie bei Arbeitsunfähigkeit selber einen Ersatz organisieren. Brauchen Sie nur ein Pikett-Handy anzurufen, mag dies zumutbar sein. Im Übrigen ist es jedoch die Aufgabe des Chefs, eine Stellvertretung zu organisieren oder die Aufgabenverteilung und die Arbeitspläne anzupassen. Sie müssen sich nicht selber darum bemühen.

Obwohl dies gerade in Arbeitsverträgen von Hauswarten sehr häufig so geregelt ist: Es ist nicht zulässig, dass der Chef die Kosten für die Stellvertretung vom Krankenlohn abzieht oder vom Angestellten verlangt, dass dieser den Stellvertreter direkt bezahlt. Wer krank ist, hat grundsätzlich Anspruch auf den Lohn, den er verdient hätte, wenn er gesund geblieben wäre. Sie müssen Ihren Lohn also nicht an den Stellvertreter abgeben. Das gilt übrigens auch bei Stundenlohn.

Zentral: das Arztzeugnis

Das Arztzeugnis gilt in der Praxis als Beweis für Ihre Arbeitsunfähigkeit. Deshalb wird es in den meisten Arbeitsverträgen oder Personalreglementen ausdrücklich verlangt – häufig ab dem dritten Tag. Doch was heisst das genau? Und was sagt ein Arztzeugnis eigentlich aus?

Die Tatsache, dass Sie wegen Unfall oder Krankheit nicht arbeiten können, müssen Sie beweisen. Obwohl es in der Praxis üblich ist, verlangt das Gesetz eigentlich nicht, dass Sie dies mit einem Arztzeugnis tun. Grundsätzlich wären auch andere Beweismittel denkbar, etwa Zeugenaussagen. Das Arztzeugnis gilt jedoch als das offizielle Beweismittel für Arbeitsunfähigkeit.

Ab wann braucht es ein Arztzeugnis?

Die meisten Betriebe verlangen ein Arztzeugnis ab dem dritten oder vierten Tag der Arbeitsunfähigkeit. Doch was heisst das, wenn dazwischen ein Wochenende oder ein Feiertag liegt? Hier ist die genaue Formulierung in Ihrem Arbeitsvertrag oder im Personalreglement entscheidend.

Verlangt der Betrieb ein Arztzeugnis ab dem dritten Krankheitstag, zählt das Wochenende mit. Sind Sie also ab Freitag krank, gilt der Montag bereits als der vierte Krankheitstag, und Sie benötigen ein Zeugnis.

Ist dagegen von Absenztagen die Rede, ist der Montag der zweite Absenztag. Dann brauchen Sie das Arztzeugnis erst, wenn Sie am Dienstag noch immer krank sind.

Arztzeugnis schon ab dem ersten Tag?

Es ist zwar zulässig, dass Ihr Chef bereits ab dem ersten Krankheitstag ein Arztzeugnis verlangt. Besonders sinnvoll ist eine solche Regelung aber nicht. Sie zwingt Sie dazu, bei jeder Erkältung zum Arzt zu gehen, und hat unnötige Arztkosten zur Folge, die Sie übrigens nicht vom Arbeitgeber ersetzt bekommen.

Anders ist die Situation, wenn ein Arbeitgeber den konkreten Verdacht hat, dass jemand immer mal wieder ein, zwei Tage blaumacht. Dann kann er ein Arztzeugnis bereits ab dem ersten Absenztag verlangen. Auch in einer solchen Situation muss man die Kosten für den Arztbesuch und das Zeugnis selber übernehmen.

Wenn das Arztzeugnis angezweifelt wird

Arztzeugnisse haben allgemein einen sehr hohen Beweiswert – auch in einem Streit vor Gericht. Diese Beweiskraft verringert sich aber oder entfällt sogar ganz, wenn das Zeugnis nur aufgrund von Angaben der Patientin ausgestellt wird. Beispielsweise, wenn der Arzt einer medizinischen Telefonhotline das Zeugnis ausstellt, ohne die Patientin zu sehen und zu untersuchen. Es empfiehlt sich deshalb, für ein Arztzeugnis persönlich beim Arzt vorzusprechen.

Aufgepasst bei Rückdatierung

Arztzeugnisse werden auch dann häufig infrage gestellt, wenn sie ohne nachvollziehbaren Grund zurückdatiert wurden. Zum Beispiel, wenn Sie das Zeugnis für eine einwöchige Absenz erst nach Ihrer Rückkehr an den Arbeitsplatz einholen, weil die Arbeitgeberin danach gefragt hat. Auch rückdatierte Zeugnisse beruhen meist bloss auf Patientenangaben, ohne dass der Arzt die Arbeitsunfähigkeit, die er attestiert, noch beurteilen könnte. Deshalb ist die Beweiskraft von solchen Zeugnissen in der Regel tief.

Nachvollziehbar ist eine Rückdatierung jedoch, wenn Sie gemäss Arbeitsvertrag für die ersten Absenztage gar kein Arztzeugnis benötigen und deshalb mit dem Arztbesuch zuwarten. Auch wenn der Arzt Ihnen nicht sofort einen Termin geben kann oder wenn Sie zum Beispiel wegen starkem Durchfall die Arztpraxis nicht aufsuchen können, ist eine Rückdatierung kein Problem.

imageTIPP Zweifelt Ihr Arbeitgeber an der Richtigkeit des Arztzeugnisses, können Sie ihm erklären, dass Sie bereit sind, auf seine Kosten zu einem Vertrauensarzt zu gehen oder ein detailliertes Arztzeugnis einzuholen (siehe Seite 21 und 39).

imageURTEIL Dem ärztlichen Zeugnis kommt kein absoluter Beweiswert zu. Ein Arztzeugnis kann aus wichtigen Gründen angezweifelt werden, insbesondere:

wenn sich aus dem Verhalten des Angestellten ergibt, dass er gar nicht arbeitsunfähig ist (etwa, wenn er trotz Arbeitsunfähigkeit wegen Kniebeschwerden das Dach repariert),

bei Krankschreibung, nachdem jemand entlassen wurde oder die gewünschten Ferien nicht erhalten hat,

bei wiederholten Absenzen,

wenn ein Arzt für Gefälligkeitszeugnisse bekannt ist,

wenn das Zeugnis ausschliesslich auf Patientenangaben beruht,

wenn das Zeugnis mehrere Monate nach Auftreten der Symptome ausgestellt wurde.

Dem Arbeitnehmer steht es aber frei, seine Arbeitsunfähigkeit auf andere Weise zu belegen. (Urteil des Bundesgerichts 1C_64/2008 vom 14.4.2008)

Einfach oder detailliert: Was gehört ins Arztzeugnis?

Dieselbe Erkrankung, dieselben Unfallfolgen haben je nach Beruf unterschiedliche Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit: Ein Dachdecker mit verstauchtem Fuss kann nicht aufs Dach, während die Callcenter-Mitarbeiterin in ihrem Bürojob kaum eingeschränkt ist. Doch nicht immer gestaltet sich die Beurteilung so einfach. Um die Arbeitsfähigkeit seriös einschätzen zu können, muss die Ärztin in Erfahrung bringen, was der Patient arbeitet und welche Tätigkeiten, Bewegungsabläufe und Belastungen diese Arbeit mit sich bringt. Auch das Arbeitspensum ist entscheidend. Aufgabe der Ärztin ist es dann, zu beurteilen, ob dieser Patient in seinem Job ganz, teilweise oder gar nicht eingeschränkt ist.

Die Interessengemeinschaft Versicherungsmedizin Schweiz (SIM) fordert, dass Ärzte zunächst einerseits die Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit, andererseits die mögliche Präsenzzeit am Arbeitsplatz betrachten und erst daraus den Grad der Arbeitsunfähigkeit bestimmen. Füllt die Ärztin nach all diesen Überlegungen ein Arztzeugnis aus, hat sie zwei Möglichkeiten: das einfache Arbeitsunfähigkeitszeugnis und das detaillierte.

Das einfache Arztzeugnis

In einem einfachen Arztzeugnis kreuzt die Ärztin an, ob der Grund für Ihre Absenz in einer Krankheit oder einem Unfall liegt. Sie gibt an, zu wie viel Prozent Sie arbeitsunfähig sind und wie lange Sie voraussichtlich bei der Arbeit fehlen werden. Angaben zur Diagnose haben im Arztzeugnis nichts zu suchen.

Man ist heute davon abgekommen, bei länger dauernder Erkrankung ein Zeugnis für mehrere Monate oder «bis auf Weiteres» auszustellen. Solche Zeugnisse sind oft nicht sehr aussagekräftig. Zudem lässt sich in vielen Fällen die Dauer einer Arbeitsunfähigkeit gar nicht von Anfang an vernünftig abschätzen. Üblicherweise geben Ärzte deshalb ein Datum an, an dem die Arbeitsunfähigkeit neu beurteilt werden muss, und stellen dann wenn nötig Folgezeugnisse aus.

imageTIPP Wichtig ist, dass Sie Ihre Arbeitsunfähigkeit lückenlos nachweisen. Leiten Sie Folgezeugnisse jeweils umgehend an den Arbeitgeber weiter und melden Sie sich weiterhin krank. Sonst riskieren Sie, dass die Lohnzahlung ausbleibt. Wenn Sie dies mehrmals versäumen, wäre – nach einer Verwarnung – gar eine fristlose Entlassung denkbar.

Das detaillierte Arztzeugnis

Je nach Art und Dauer der Arbeitsunfähigkeit kann es sinnvoll sein, dass die Ärztin nicht nur ein einfaches Zeugnis ausstellt, sondern detailliert darüber Auskunft gibt, welche Tätigkeiten der Patient noch ausüben kann und bei welchen er ganz oder teilweise eingeschränkt ist. Die Diagnose jedoch bleibt auch im detaillierten Arztzeugnis geheim. Ein detailliertes Zeugnis ist vor allem dann angebracht, wenn jemand nur einzelne Arbeiten oder bestimmte Bewegungsabläufe nicht ausführen kann und wenn die Arbeitsunfähigkeit schon längere Zeit, etwa bereits ein halbes Jahr, andauert.

Um ein detailliertes Arztzeugnis ausstellen zu können, benötigt die Ärztin von Ihrem Arbeitgeber eine genaue Arbeitsplatzbeschreibung, die Auskunft darüber gibt, ob Sie bei Ihrer Arbeit hauptsächlich stehen oder sitzen, ob Sie Lärm, Hitze, Kälte oder Dämpfen ausgesetzt sind und wie viel Gewicht Sie regelmässig heben müssen. Auch besondere Körperhaltungen sollten angegeben werden, etwa bei einer knienden Tätigkeit oder bei Arbeit mit den Händen über dem Kopf. Anhand dieser Arbeitsplatzbeschreibung gibt die Ärztin dann an, welche Tätigkeiten Sie nicht oder nur eingeschränkt ausführen können und bei welchen keine Einschränkung besteht.

imagePATRICK K. IST 35 JAHRE ALT und Automobilfachmann von Beruf. Vor sechs Monaten hat er sich an der Schulter verletzt und ist noch immer in seiner Arbeitsfähigkeit eingeschränkt. Nun verlangt der Chef ein detailliertes Arztzeugnis. Er füllt zuhanden der Ärztin eine Arbeitsplatzbeschreibung aus, die Herr K. weitergibt. Die Ärztin stellt fest, dass es Herrn K. nicht möglich ist, Überkopfarbeiten, zum Beispiel am Autolift, auszuführen. Auch darf er nicht mehr als zehn Kilogramm heben. Alle übrigen Arbeiten kann Herr K. ausführen, sofern diese seine Schulter nicht übermässig belasten. Der Arbeitgeber weiss nun, dass er Herrn K. für einfache Aufgaben einsetzen kann, zum Beispiel für Testfahrten ohne abrupte Lenkbewegungen, für das Auslesen von Fehlern in der Elektronik, das Ersetzen von kleineren Verbrauchsteilen oder das Anleiten der Lernenden beim korrekten Anschliessen von grösseren Ersatzteilen. Auch bei der Wagenannahme kann Patrick K. zeitweise aushelfen und dort mit seinem Fachwissen die Kunden beraten. Diese leichteren Arbeiten machen immerhin 40 Prozent seiner normalen Arbeitszeit aus. Patrick K. ist also nur noch zu 60 Prozent arbeitsunfähig und fühlt sich wieder gebraucht.

imageINFO Die Interessengemeinschaft Versicherungsmedizin Schweiz (SIM) stellt Formulare für die Arbeitsplatzbeschreibung und für das detaillierte Arztzeugnis zur Verfügung (www.swiss-insurance-medicine.chFachwissen nachschlagenArbeitsunfähigkeitArbeitsunfähigkeitszeugnisse). Die SIM ist mit dem Schweizerischen Arbeitgeberverband übereingekommen, dass der Arbeitgeber die Kosten für das detaillierte Arztzeugnis trägt, und schlägt dafür einen Preis von 65 Franken vor (Stand 2016).

Teilarbeitsunfähigkeit

Ein Arbeitsunfähigkeitszeugnis muss nicht immer auf 100 Prozent lauten. Je nach Schwere der Erkrankung oder Verletzung besteht allenfalls bloss eine Teilarbeitsunfähigkeit. Und nach langer Abwesenheit ist die teilweise Krankschreibung ein gutes Mittel für eine schrittweise Rückkehr an den Arbeitsplatz.

Wenn Angestellte vom Arzt nur zum Teil arbeitsunfähig geschrieben werden, führt dies im Arbeitsalltag immer wieder zu Schwierigkeiten bei der praktischen Auslegung: Wie viele Prozente muss eine Teilzeitangestellte mit 50-Prozent-Pensum arbeiten, wenn der Arzt sie 50 Prozent krankschreibt? Die vollen 50 Prozent? Nur 25 Prozent? Oder muss sie während der vollen Arbeitszeit lediglich 50 Prozent der Leistung erbringen? Und darf sie mehr arbeiten, wenn sie sich mal gut fühlt und der Arbeitsanfall in der Firma gerade hoch ist?

Was heisst 50 Prozent?

Wenn im Arztzeugnis eine Teilarbeitsunfähigkeit von 50 Prozent angegeben ist, bedeutet dies für Vollzeitangestellte üblicherweise, dass sie bloss zu 50 Prozent der normalen Arbeitszeit eingesetzt werden können. Danach sollen sie den Arbeitsplatz für den Rest des Tages verlassen. Ist im Zeugnis nichts anderes angegeben, darf die Arbeitgeberin nicht verlangen, dass jemand die restliche Arbeitszeit im Betrieb absitzt – einfach, ohne zu arbeiten.

Je nach Art der Beschwerden kann es aber sinnvoll sein, dass der Arzt Ihnen in einer solchen Situation nicht nur eine zeitliche, sondern auch eine leistungsmässige Arbeitsunfähigkeit attestiert. Es geht also nicht nur darum, wie lange Sie im Betrieb anwesend sein können, sondern auch darum, wie viel Ihres üblichen Pensums Sie in dieser Zeit bewältigen können.

imageKATHRIN G. IST SCHREINERIN. Nach einem Unfall ermüden ihre Hände rasch und sie kann ihre Arbeiten nur langsam erledigen. Der Arzt ermittelt, dass Frau G. nur vormittags in der Werkstatt anwesend sein kann und dass sie während dieser Zeit 50 Prozent der gewohnten Leistung erbringen kann. Frau G. ist also nur zur Hälfte von 50 Prozent arbeitsfähig – oder anders gesagt: Ihre Arbeitsunfähigkeit beträgt 75 Prozent.

Im Zeugnis schreibt der Arzt: «Arbeitsunfähigkeit von 50% der Arbeitszeit mit 50% Leistung, also 75%.» Oder: «Arbeitsunfähigkeit 75%, das heisst 4 Stunden Arbeit pro Tag zu 50% Leistung.»

Der Entscheid für eine solche Formulierung muss vom Arzt kommen, sie darf nicht von der Arbeitgeberin ins Arbeitsunfähigkeitszeugnis hineininterpretiert werden.

Wer zahlt wie viel?

Angenommen, Sie sind nach einem Unfall zu 50 Prozent arbeitsunfähig. Für das halbe Arbeitspensum, das Sie verrichten, erhalten Sie Lohn, für die andere Hälfte Taggeld von der Unfallversicherung. Bei der Unfallversicherung sind nur 80 Prozent des versicherten Verdienstes gedeckt (wobei dieser versicherte Verdienst betragsmässig nicht genau Ihrem Lohn entspricht, siehe Seite 78). Vereinfacht gesagt haben Sie auf Ihrem Konto Ende Monat 90 Prozent Ihres normalen Lohnes: 50 Prozent finanziert Ihr Arbeitgeber für den Teil, den Sie gearbeitet haben, 40 Prozent übernimmt die Versicherung für Ihre Arbeitsunfähigkeit.

imageINFO Bei Krankheit haben Sie vom Gesetz her grundsätzlich Anspruch auf denselben Lohn, wie wenn Sie gearbeitet hätten. Hat Ihr Arbeitgeber aber eine der üblichen Krankentaggeldversicherungen abgeschlossen, kommen Sie bei einer 50-prozentigen Teilarbeitsunfähigkeit in der Regel ebenfalls auf 90 Prozent (mehr dazu auf Seite 86 und 94).

100 Prozent arbeiten oder gar nicht?

Gelegentlich kommt es vor, dass ein Arbeitgeber kein Verständnis für eine Teilarbeitsunfähigkeit aufbringt. Er lehnt die Arbeitsleistung ab und fordert, dass die Angestellte erst wieder kommt, wenn sie voll einsetzbar ist. In dieser Situation müssen beide Seiten aufpassen:

Die ärztlich bescheinigte Arbeitsunfähigkeit besteht nur für ein Teilpensum. Entsprechend reduziert sich auch das Taggeld der Versicherung. Für den Teil, den Sie eigentlich arbeiten könnten, schuldet der Arbeitgeber Ihnen Lohn – ganz egal, ob er Ihre Arbeitsleistung annimmt oder ablehnt. Lässt der Chef Sie nicht arbeiten, spricht man vom «Annahmeverzug des Arbeitgebers». Die fehlende Arbeitszeit darf Ihnen weder vom Ferienanspruch abgezogen werden noch müssen Sie Minusstunden hinnehmen und nacharbeiten.

Aber Achtung: Der Arbeitgeber schuldet Ihnen den Lohn nur dann, wenn Sie Ihre Arbeitskraft tatsächlich angeboten haben. Kommt es zum Rechtsstreit, müssen Sie dies beweisen.

imageTIPP Will Ihr Chef Sie nicht arbeiten lassen, obwohl Sie dies gemäss Arztzeugnis teilweise könnten, bieten Sie ihm Ihre Arbeitsleistung schriftlich an, und zwar mit einem eingeschriebenen Brief. Behalten Sie die Postquittung und eine Kopie Ihres Schreibens. Auf www.post.ch können Sie zudem eine Sendungsverfolgung ausdrucken. Einen Musterbrief finden Sie unter www.beobachter.ch/download.

Keine Überstunden

Während einer Teilarbeitsunfähigkeit müssen Sie sich an die ärztliche Anweisung halten und dürfen keine Mehrarbeit leisten. Ihr Arbeitgeber ist aufgrund seiner Fürsorgepflicht sogar verpflichtet, Sie nach Hause zu schicken (mehr dazu auf Seite 43). Arbeiten Sie trotzdem mehr, handelt es sich nicht etwa um Überstunden, die Sie später kompensieren können oder für die Sie einen Überstundenzuschlag erhalten. Sind Sie der Meinung, Sie könnten mehr leisten, sprechen Sie mit Ihrem Arzt darüber. Ist das auch aus medizinischer Sicht sinnvoll, wird er Ihnen ein geändertes Zeugnis ausstellen.

imageACHTUNG Seien Sie vorsichtig damit, mehr zu arbeiten, als der Arzt abgesegnet hat. Es könnte Ihrer Gesundheit schaden. Vor allem bei einer Erschöpfungsdepression nach längerer Überbelastung sind die Patienten häufig nicht in der Lage, die eigene Arbeitsfähigkeit korrekt einzuschätzen.

Teilarbeitsunfähig im Teilzeitjob

imageSANDRO Z. ARBEITET ZU 50 PROZENT