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Inhalt

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Landwirtschaft und ländliches Leben in Pommern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Das landwirtschaftliche Jahr und seine Arbeiten

Feste und Brauchtum

Ländliche Architektur

Landwirtschaftliche Technik

Fischerei

Zur Fotografie/Dank des Bildredakteurs

Bildnachweis

Dank des Textautors und weiterführende Literatur

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Die rauwolligen Pfennigsucher fanden ihr Futter auf abgeernteten Feldern, Weiden und am Feldrain. Schäfer mit Herde auf Rügen, 1930er-Jahre

Bei Hinstorff bereits erschienen:

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144 Seiten | 156 s/w-Fotos

ISBN 978-3-356-01278-1

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224 Seiten | 2. Auflage

ISBN 978-3-356-00900-2

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

© Hinstorff Verlag GmbH, Rostock 2010

Lagerstraße 7, 18055 Rostock

Tel. 0381 / 4969-0

www.hinstorff.de

Alle Rechte vorbehalten. Reproduktionen, Speicherungen in Datenverarbeitungsanlagen, Wiedergabe auf fotomechanischen, elektronischen oder ähnlichen Wegen, Vortrag und Funk – auch auszugsweise – nur mit Genehmigung des Verlages.

1. Auflage 2010

Herstellung: Hinstorff Verlag GmbH

Repro und Bildbearbeitung: Juliane Radike, Greifswald

Lektorat: Dr. Florian Ostrop

eISBN: 978-3-356-01471-6

Dirk Schleinert (Text) | Heiko Wartenberg (Bildredaktion)

DAS ALTE
         POMMERN

Leben und Arbeiten auf
dem platten Land

HINSTORFF

Landwirtschaft und ländliches Leben in Pommern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

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»Von allen verschiedenen Zweigen der Erwerbstätigkeit steht in Pommern obenan die Landwirtschaft. Sehen wir von dem Stettiner Handel und einigen Industrien ab, so ist die Provinz eine vorwiegend agrarische, wie denn auch viele Bewohner der kleinen Städte entweder selbst Ackerbau treiben oder auf das umgebende Land mit Bauerndörfern und Gütern angewiesen sind.«

So beginnt Professor Wilhelm Deecke den Abschnitt »Erwerbsleben« in seiner 1912 veröffentlichten »Landeskunde von Pommern«. Unter Pommern wollen wir in diesem Band die gleichnamige preußische Provinz verstehen, wie sie 1815 gebildet wurde und bis zum Kriegsende 1945 existierte. Die Pommern 1938 zugeordneten Teile der aufgelösten Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen finden sich zwar auch auf den Bildern, im Text bleiben sie jedoch weitestgehend unberücksichtigt. Wegen ihrer nur kurzen Zugehörigkeit zur Provinz sind sie nämlich in der dieser Darstellung zu Grunde liegenden Literatur so gut wie nicht enthalten.

Pommern war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zweifellos ein Agrarland und die Gebiete, die zur Provinz gehörten, sind es noch heute, auch wenn die Landwirtschaft längst nicht mehr eine so große Zahl an Menschen ernährt wie vor 50 oder 70 Jahren. Ein Blick auf die Verteilung der Bevölkerung verdeutlicht die Dimensionen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte Pommern etwas mehr als 1 700 000 Einwohner. Das entsprach bei einer Fläche von 30 120 km2 einer Bevölkerungsdichte von knapp 57 Einwohnern pro km2. Die Provinz zählte damit zu den am dünnsten besiedelten Gebieten Preußens und Deutschlands. Nur Ostpreußen wies eine noch geringere Bevölkerungsdichte auf. Rund 43 % der Einwohner lebten 1910 in den Städten und knapp 57 % auf dem Land. Von 1 000 Beschäftigten arbeiteten, nach der Berufszählung von 1907, 473 in der Landwirtschaft, im Regierungsbezirk Köslin sogar 600. In der Industrie arbeiteten dagegen in der ganzen Provinz 231 und im Regierungsbezirk Köslin 175 Beschäftigte von Tausend. Zum Vergleich seien die Zahlen in Preußen und im Reich genannt: Landwirtschaft 326 (Preußen) bzw. 327 (Reich) und Industrie 371 (Preußen) bzw. 372 (Reich).

Ein teilweise anderes Bild bietet sich zu Beginn der 1930er-Jahre. Nach der Bevölkerungszählung von 1933 hatte Pommern 1 920 897 Einwohner, was einer Bevölkerungsdichte von 63,5 Einwohnern pro km2 entsprach. Der Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigten war jedoch auf 38,1 % gesunken. Insbesondere Stettin und sein Umland wiesen mit Zahlen zwischen 25 und 31,5 % noch deutlich geringere Werte auf und auch auf dem Inselkreis Usedom-Wollin arbeiteten nur 25,2 % der Beschäftigten in der Land- und Forstwirtschaft. Die Hafenstadt Swinemünde und der Fremdenverkehr werden für diese Werte maßgeblich verantwortlich gewesen sein. Dagegen waren auf der Insel Rügen damals noch über 43 % der Erwerbstätigen in der Land- und Forstwirtschaft tätig. Aber den größten Anteil machten diese Erwerbszweige weiterhin im östlichen Hinterpommern, im Regierungsbezirk Köslin, aus. Hier lagen die Werte der Kreise fast durchgängig bei über 50 %, lediglich der Kreis Dramburg blieb mit 49,6 % ganz knapp darunter. In den Landkreisen Kolberg-Körlin und Stolp erreichten sie mit 73,5 bzw. 70,4 % die Spitzenwerte der Provinz.

Eine Betrachtung der Flächenverteilung unterstreicht den agrarischen Charakter Pommerns. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden über 70 % der Gesamtfläche der Provinz landwirtschaftlich genutzt. Der Acker nahm dabei mit 55 % der Gesamtfläche den weitaus größten Teil ein, gefolgt von rund 10 % Wiesen und rund 6 % Weideflächen. Bis 1937 hatte sich der Anteil der landwirtschaftlichen Nutzfläche (LNF) am Gesamtgebiet auf 64,8 % verringert. Von der LNF nahm das Ackerland mit 77,2 % weiterhin den größten Anteil ein, gefolgt von Wiesen mit 14,5 und Weiden mit 7 %. Das Verhältnis der Nutzungsarten der LNF zueinander hatte sich also kaum verschoben. Gemessen an Bevölkerung und Fläche produzierte die Provinz Pommern am Vorabend des Zweiten Weltkrieges einen Überschuss an landwirtschaftlichen Produkten, wie das Schaubild unten verdeutlicht.

Die Ursachen für die ausgebliebene Industrialisierung während des 19. Jahrhunderts sind in der Rohstoffarmut des Landes zu suchen. Insbesondere fehlte es an Kohle als Energieträger für die Dampfkraft, die in dieser Zeit im wahrsten Sinne des Wortes der Motor des technischen Fortschritts war, und an Erzen als Rohstoff für die metallverarbeitende Schwerindustrie. Lediglich der verkehrsmäßig günstig gelegene Hafen von Stettin ermöglichte der Provinzhauptstadt am Unterlauf der Oder eine aus dem Rahmen der wirtschaftlichen Entwicklung herausfallende Industrialisierung. Die anderen Hafenstädte, die wie zum Beispiel Stralsund im Mittelalter stolze und reiche Hansestädte waren, stagnierten dagegen wegen ihrer ungünstigen Lage. Die immer größer werdenden Schiffe konnten ihre Häfen nicht mehr ansteuern und die großen Warenströme flossen ohnehin an ihnen vorbei. Sie wurden zu Handelsplätzen des Umlandes. Stralsunds Wirtschaftsbezirk, wie er sich unter anderem im Einzugsbereich der dortigen Industrie- und Handelskammer darstellte, umfasste den Regierungsbezirk Stralsund, d. h. die Insel Rügen und das angrenzende Festland bis zur Peene. Der Hafen und die wenige Industrie waren hier hauptsächlich auf das agrarische Umland ausgerichtet. Dies veranlasste den Syndikus der Industrie- und Handelskammer im Pommern-Jahrbuch 1925/26 zu folgender Einschätzung: »Im wesentlichen beruht das ganze Wirtschaftsleben des Bezirkes auf durchaus bodenständigen Faktoren und verfügt dadurch über ein Merkmal, das ihm durch die festen Grundlagen eine bevorzugte Stellung verleiht.« Die Landwirtschaft wurde hier als sicherer Wirtschaftszweig eingestuft, der zwar keinen großen Profit abwarf, aber ein bescheidenes und vor allem sicheres Einkommen gewährleistete. Für den größten Teil der übrigen Provinz galt dies ebenso.

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Bei der Produktion von Kartoffeln, Roggen und Hafer, aber auch bei Schweinefleisch war Pommern ein Überschussgebiet.

Landwirtschaft ist maßgeblich von zwei natürlichen Faktoren abhängig, dem Boden und dem Klima. Verglichen mit West- und Süddeutschland war Pommern beim Klima auf jeden Fall und bei den Böden teilweise benachteiligt. Klimatisch befand es sich an einer doppelten Zonengrenze. Von West nach Ost verlief der Übergang vom atlantischen Seeklima zum kontinentalen Binnenklima. Die Grenze lag ungefähr an der Persante. Während das Seeklima insgesamt milder ist und etwas geringere Niederschläge aufweist, zeichnet sich das Binnenklima durch niedrigere Temperaturen und etwas höhere Niederschläge, insbesondere während des Winterhalbjahres, aus. Die viel beschriebenen kalten und schneereichen Winter Hinterpommerns erklären sich dadurch. Die zweite Zonengrenze ergab sich aus der Lage an der Küste. Insgesamt kann gesagt werden, dass die Küstengebiete mehr Niederschläge erhielten und ein etwas milderes Klima aufwiesen als die binnenländischen Gebiete. Das ansteigende Relief des Binnenlandes, insbesondere der hinterpommersche Höhenrücken, trug zusätzlich zu diesem Phänomen bei.

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Seit der Hansezeit gehörte Getreide zu den wichtigsten Ausfuhrgütern der pommerschen Seestädte nach Skandinavien und England. Hafen von Stralsund, um 1942

Der wichtigste Nachteil, den das Klima im Bereich der pommerschen Landwirtschaft verursachte, ist die gegenüber den mehr westlich und südlich gelegenen Landesteilen Deutschlands verkürzte Vegetationsperiode. Sie betrug in Vorpommern und an der hinterpommerschen Küste etwa sechs bis sieben Monate, im hinterpommerschen Binnenland sogar nur fünf bis sechs Monate. Weiterhin wirkte sich die jahreszeitliche Verteilung der Niederschläge ungünstig für den Ackerbau aus, indem das Frühjahr eher regenarm, der Sommer dagegen oft regenreich war. Ein regelrechtes meteorologisches Frühjahr als Übergangszeit vom Winter zum Sommer gab es meist nicht. Spätfröste waren nicht selten bis Ende Mai möglich, andererseits konnte es bereits im April oder Mai zu überwiegend trockenen Hitzeperioden kommen. Dies alles war der Landwirtschaft, insbesondere dem Ackerbau und der Grünfuttergewinnung, natürlich sehr abträglich.