TOM LEVEEN

Ich hätte
es wissen
müssen

Aus dem Englischen
von Anja Hansen-Schmidt

Carl Hanser Verlag

Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel

Random bei Simon Pulse, an imprint of Simon & Schuster Children’s Publishing Division, New York, N. Y.

ISBN 978-3-446-25032-1

Alle Rechte vorbehalten

© 2014 Carl Hanser Verlag München 2015

Alle Rechte der deutschen Ausgabe:

© Carl Hanser Verlag München 2015

Umschlag: Enrico Pellegrino, Wiesbaden

Foto: © plainpicture / Photo Alto / Alix Minde

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»NICHT SCHULDIG ZU SEIN,

BEDEUTET NICHT,

DASS DU UNSCHULDIG BIST.«

Eins

Sie hämmern jetzt schon über eine Stunde an unsere Haustür, exakt so lange, wie Dad brauchte, um seinen berühmten Kartoffelbrei mit Knoblauch zu machen. Immer wieder hat er mit dem Stampfer zugeschlagen, BAMM, BAMM, BAMM!, die Lippen fest zusammengepresst, während Mom mit bedächtigen Schritten zwischen Herd und Spüle hin- und hergegangen ist und einen italienischen Hackbraten gemacht hat.

Fast wie eine Henkersmahlzeit.

»Ich will Ihnen doch nur ein paar Fragen stellen«, ruft die eine Reporterin immer wieder durch die verschlossene Tür. Sie heißt Allison Summers. Ich kenne sie nicht persönlich und weiß nicht, wie sie aussieht, aber ich weiß genau, was sie von mir hält und was deshalb jetzt auch alle Welt von mir denkt. Hexe. Die soll ruhig da draußen stehen und im Regen zerfließen. Mir doch egal.

Im Haus schweigen alle. Wir erledigen unsere gewohnten Aufgaben, ohne dabei auch nur ein Wort zu sprechen. Normalerweise singt Mom beim Kochen R.E.M.-Songs oder Dad bringt ein paar Sprüche von einem toten Komiker oder mein Bruder Jack und ich diskutieren darüber, ob Olympiateilnehmer Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten sind.

Heute Abend: absolute Stille, als würde man in einer leeren Turnhalle stehen.

Vor allem Jack achtet sehr darauf, mich nicht mal anzugucken. An dieses Verhalten von meinem älteren Bruder habe ich mich immer noch nicht gewöhnt, obwohl er das jetzt schon seit Wochen macht. Und Mom und Dad tun nichts dagegen. Nicht gerade tröstlich.

»Wo sind die grünen Servietten, Jack?«, frage ich ihn, als er die Teller rausholt.

Er zeigt nicht mal darauf. Stattdessen beißt er die Zähne zusammen, wodurch seine tiefen Aknenarben wie pulsierende Mondkrater aussehen. Jack hat die ganze Schulzeit hindurch furchtbar unter Akne gelitten und die Leute haben ihm ständig die übelsten Spottnamen gegeben, sogar bis zu seinem Abschluss im letzten Jahr. Krakatau. Pickelgesicht. Eiterfresse.

Ich hab da nie mitgemacht. Aber daran scheint er sich jetzt nicht mehr zu erinnern.

»Bitte, Miss Hershberger, das könnte Ihre letzte Gelegenheit sein, die Sache richtigzustellen«, ruft Allison, die rasende Reporterin, und hämmert noch ein bisschen lauter an die Tür.

»Schau mal in dem anderen Schrank nach, ob da noch Servietten sind, Tori«, sagt Mom. Sie bemüht sich, es ganz beiläufig klingen zu lassen, als würden da keine Journalisten in einem leichten Frühlingsregen in unserem Vorgarten stehen, aber ihre Stimme ist genervt und angespannt.

Also schaue ich in den anderen Schrank und da liegen die grünen Servietten, aber das wusste ich ja schon. Ich habe Jack nur gefragt, um zu sehen, ob er vielleicht vergisst, dass er nicht mehr mit mir spricht, und versehentlich doch antwortet.

Sobald Dads Kartoffelbrei fertig ist, setzen wir uns an den kleinen Esstisch direkt neben der Küche. Es ist eher eine Art Nische als ein richtiges Zimmer. Hier essen wir an sechs Abenden in der Woche. Und heute auch. Mom lächelt mich bemüht an und zeigt auf den Hackbraten, um mir zu bedeuten, dass ich mir als Erste nehmen soll.

»Victoria?«, ruft Allison Summers. »Die Redaktion wartet schon. Ich werde den Artikel heute Abend abgeben, ob Sie nun mit mir sprechen oder nicht. Also überlegen Sie sich, ob Sie den Leuten nicht doch Ihre Seite der Geschichte erzählen wollen.«

Eine andere, männliche Stimme ruft: »Haben Sie schon entschieden, ob Sie auf schuldig plädieren werden?«

Dads Stuhl kippt nach hinten, als er aufsteht. Mein Magen krampft sich zusammen und ich sitze wie festgeklebt auf meinem Stuhl. Mom lässt ihre Gabel fallen. Jack rührt sich nicht, er sitzt einfach nur da und starrt auf seinen leeren Teller.

Dad rennt zur Haustür und reißt sie auf.

»Runter von meinem Grundstück!«, brüllt er. »Sofort! Ihr alle, haut endlich ab!«

»Mr Hershberger, ich möchte doch nur …«

»Raus! Oder ich rufe die Polizei. Verschwindet!«

»Mr Hersh…«

»Verzieht euch!«, brüllt Dad und schleudert noch ein richtig übles Schimpfwort hinterher. »Ihr sensationshungrigen Geier! Runter von meinem Grundstück. Lasst meine Familie in Ruhe!«

Ich habe Dad noch nie fluchen gehört. Oder herumschreien. Er ist eher ein Meckerer, kein Brüller.

»Ich dachte, wir sollen sie ignorieren«, flüstert Jack, ohne den Blick zu heben.

»Mr Halpern hat gut reden«, sagt Mom und ihre Stimme klingt noch genervter. »Er kann ja auch in Ruhe essen.«

Ich höre leises Gemurmel an der Haustür, dann wird sie zugeschlagen. Anstatt zurück zum Tisch zu kommen, marschiert Dad an uns vorbei und verschwindet im Schlafzimmer. Wieder wird eine Tür zugeknallt und mein Magen krampft sich noch mehr zusammen.

Wenigstens hat das Geklopfe jetzt aufgehört. Nach einer Weile höre ich, wie ein paar Autos angelassen werden und wegfahren.

Ich atme tief aus und merke jetzt erst, dass ich die ganze Zeit die Luft angehalten habe. Jack nimmt die Serviette von seinem Schoß und wirft sie auf seinen leeren Teller.

»Tut es dir eigentlich leid?«, fragt er mich.

Blinzelnd sehe ich ihn an. Das sind die ersten Worte, die er seit Wochen mit mir spricht. Und natürlich versaue ich es gleich wieder.

»Was ist das denn für eine Frage?«

»Eine ganz einfache«, fährt Jack mich an. »Also antworte gefälligst. Tut es dir leid?«

»Jack«, sagt Mom, »das ist jetzt vielleicht nicht der richtige …«

Ich bin zu wütend, um sie ausreden zu lassen. Ich schreie zurück: »Natürlich tut es mir leid, Jack. Mein Gott!«

Mom sagt: »Kinder, bitte …«

Jack stützt sich auf die Unterarme und lehnt sich über den Tisch. »Tut dir leid, was du getan hast, oder tut es dir leid, dass du deswegen jetzt Ärger hast?«

»Was ist da der Unterschied?«

Jack schnaubt und schiebt seinen Stuhl zurück. Er steht auf, geht einen Schritt vom Tisch weg und bleibt dann stehen. »Meine Güte, Vic«, sagt er. »Ich erkenne dich echt nicht mehr wieder.«

Ich suche krampfhaft nach einer geeigneten Erwiderung, aber mir fällt nichts ein. Außerdem weiß ich genau, was er meint. Ich fühle mich irgendwie auch gar nicht mehr wie ich selbst.

»Jack«, sagt Mom wieder.

»Ich muss noch Hausaufgaben machen«, sagt er. »Ich setz mich besser an meinen Schreibtisch, solange ich noch auf dem College bin.«

»Das wird schon wieder, Jack«, beharrt Mom. »Du brauchst jetzt nicht überzureagieren.«

Jack zuckt mit den Schultern. »Es könnte uns vielleicht nicht schaden, etwas überzureagieren«, sagt er sarkastisch. Dann schiebt er seinen Stuhl zurück an den Tisch und geht durch den Flur in sein Zimmer. Er knallt nicht mit der Tür, zieht sie aber auch nicht gerade leise zu.

Ich sehe Mom an. Sie massiert ihre Schläfen.

»Mom?«

Draußen fährt ein Auto vorbei, das Motorengeräusch klingt, als sei es sehr schnell. Bevor es um die Ecke biegt, brüllt jemand im Vorbeifahren aus dem Fenster.

»Schlaaaampe!«

Moms Stirn, die sowieso schon ganz faltig war, wird noch runzeliger.

»Was ist, Tori?«

»Ähm … nichts«, sage ich und stehe auf. »Ich habe eigentlich keinen Hunger.«

Mom sagt nichts. Deshalb gehe ich in mein Zimmer und schließe die Tür.

Vielleicht sollte ich morgen tatsächlich auf schuldig plädieren. Vielleicht sind dann alle zufrieden.

Smartphone
Smartphone

Zwei

»Das Abendessen ist jetzt sechs Stunden her«, sage ich zu meinem Freund Noah am Telefon, »und ich habe seit heute Mittag nichts gegessen. Wenn das so weitergeht, verliere ich noch alle meine Muskeln.«

Ein Teil von mir sehnt sich nach einem Chicken-Burrito, der andere Teil sagt mir: Ja, klar. Den würdest du doch sowieso gleich wieder rauskotzen.

»Du musst essen, Tori-chan«, sagt Noah. »Sportler brauchen unbedingt genügend Nährstoffe.«

Ich antworte nicht. Ich kenne Millionen von Mädchen, die dafür töten würden, keinen Appetit zu haben.

Bei dem Gedanken fahre ich unwillkürlich zusammen. Sätze mit »töten« sollte ich in meiner Situation nicht mal denken.

»Ich wünschte, ich könnte schlafen«, sage ich zu ihm. »Oder wenigstens Hausaufgaben machen.«

»Dir geht es definitiv nicht gut, wenn du lieber Hausaufgaben machen willst, als zu schlafen«, sagt Noah. Aber das ist dummes Gerede. Er hat nur Einser im Zeugnis.

»Englisch kann ich ohne Computer sowieso nicht machen«, sage ich.

»Stimmt«, meint Noah. »Oder du versuchst es mal mit so einem … wie heißt das noch gleich … einem Stift?«

In einer anderen Nacht würde ich darüber vermutlich lachen. Trotzdem, Noah hat recht. Ein paar Sachen könnte ich vermutlich auch von Hand schreiben. Nur glaube ich nicht, dass mein Englischlehrer einen Text, der nicht mit Times New Roman und einem Zwei-Zentimeter-Rand geschrieben wurde, überhaupt akzeptiert. Mom hat versprochen, bei der Arbeit einen Laptop aufzutreiben, auf dem die Office-Programme und so sind, aber bis jetzt ist sie noch nicht dazu gekommen. Wir waren eben alle in letzter Zeit ein kleines bisschen beschäftigt. Aber wenn ich nicht bald mal ein paar Aufsätze abgebe, kann ich dieses Schuljahr komplett vergessen.

Da fällt mir ein …

Ich bin jetzt sechzehn, das bedeutet, wenn es schlecht läuft, komme ich erst mit sechsundzwanzig wieder aus dem Gefängnis.

Das erwähne ich Noah gegenüber aber nicht. Ich sitze an meinem leeren Schreibtisch, das Handy an mein Ohr gedrückt, und höre, wie er etwas kaut. Popcorn vermutlich. Es kracht nicht genug für Chips. Chips würde ich erkennen.

Ich hasse mein »neues« Handy.

Moment. Mit dem Wort »hassen« sollte ich vielleicht auch lieber vorsichtig sein. Tatsächlich würde ich mich sehr freuen, wenn ich es nie wieder hören müsste.

Das Handy ist auch nicht wirklich neu. Mom wollte es eigentlich schon seit Jahren wegwerfen. Es lag die ganze Zeit auf dem Küchentresen, in einer kleinen Tonschale, die ich in der ersten Klasse mal getöpfert habe, zusammen mit ein paar Papierklammern, Gummiringen und einem längst abgelaufenen Burger-King-Rabattcoupon, der irgendwie liegen geblieben ist. Der Coupon ist so alt, dass er längst zu einem Familienwitz geworden ist. »Hey, wie wär’s mit zwei zum Preis für einen bei Burger King!«, sagen wir immer, wenn jemand von uns Dad fragt, was es zum Abendessen gibt. Mom seufzt dann jedes Mal und sagt, seit es nicht mehr nur einen, sondern zwei Burger Kings in Canyon City gebe, sei ihr die Stadt wirklich zu groß geworden.

Na ja, wenigstens habe ich überhaupt ein Handy. Sie haben mir die Möglichkeit nicht ganz verbaut, mit den paar Leuten zu kommunizieren, die überhaupt noch was mit mir zu tun haben wollen. Was ich ja sowieso voll scheinheilig finde. Meine Teamgefährtinnen haben Kevin Cooper doch auch die ganze Zeit verarscht. Das gesamte Trainerteam hat ihn im Sportunterricht ständig auf dem Kieker gehabt. Meine Güte, wenn jemand an der Schule Cooper das Leben schwer gemacht hat, dann war das Coach Scordo, der Trainer der Baseballmannschaft und Sportlehrer bei den Jungs. Jeder Junge, der keine ganze Runde um den Sportplatz rennen konnte, wurde total niedergemacht, das habe ich selbst erlebt. Und haben die Schulleitung oder die anderen Lehrer was dagegen unternommen? Nein. Und wieso haben die deshalb keinen Ärger bekommen?

Ach, egal.

Ich seufze laut und fahre mit dem Finger über meine Schreibtischplatte. Meine Eltern haben nicht nur mein Handy ausgetauscht, sie haben auch meinen Laptop konfisziert und damit praktisch meine Verbindung zur Welt. Da, wo er stand, ist auf meinem Schreibtisch immer noch ein rechteckiger Abdruck zu sehen. Ich muss dringend mal Staub wischen.

Vielleicht morgen.

»Also, Tori-chan?«, sagt Noah in meinem neuen/alten Handy. »Du bist so still. Darf ich es wagen zu fragen, was dir an diesem wunderschönen Abend durch den Kopf geht?«

»Schaust du nie Nachrichten?«, frage ich zurück. »Weißt du nicht, was morgen für ein Tag ist?«

Fast hätte ich ihm gesagt, er soll aufhören, mich »Tori-chan« statt einfach nur Tori zu nennen, aber momentan hört sich alles, was nicht nach Victoria Renée Hershberger klingt, richtig tröstlich an. Die Fernsehreporter verwenden stur immer alle drei Namen, so wie bei Attentätern: Lee Harvey Oswald, John Wilkes Booth …

Hershberger. Es gibt nur ein Wort, das meinen Nachnamen angemessen beschreibt: scheußlich. Er sieht ganz furchtbar aus unter dem Foto aus dem Jahrbuch unserer Schule vom letzten Jahr, das in der Presse dauernd verwendet wird. Und auf meinem Trikot müssen sich seine Buchstaben hinten auf meinen Schultern richtig zusammendrängen. Aus dem Mund dieser bescheuerten Reporterin vorhin hat er auch kein bisschen besser geklungen.

»Natürlich hab ich das gesehen«, sagt Noah. »Aber ich erwarte nicht, von denen die Wahrheit zu erfahren.«

»Ich liebe dich«, sage ich.

Noah lacht. »Du solltest keine Versprechungen machen, die dein Herz nicht einlösen kann, Hershy.«

Er ist der einzige Mensch auf diesem Planeten, dem ich es durchgehen lasse, dass er mich »Hershy« nennt. Aber wir kennen uns einfach schon so lange. Seit der sechsten Klasse. Praktisch eine Ewigkeit. Damals, in der Junior-Highschool, haben wir richtig viel zusammen unternommen. Und letztes Jahr auch noch. In diesem Jahr haben wir uns dann ein bisschen aus den Augen verloren. Deshalb bin ich ja so dankbar, dass er mir jetzt beisteht.

Ich lege mich flach aufs Bett und starre an die Decke. »Hey, ob man eine Zimmerdecke aus Popcorn wohl essen könnte?«

»Die Frage ist, warum sollte man das wollen?«

»Weil sie aus Popcorn ist. Warum denn sonst?«

»Das ist bestimmt kein echtes Popcorn, Tori-chan.«

Er liebt es, sich das sagen zu hören. Es ist sein größter Wunsch, mal in Japan zu leben. Immer wieder erklärt er allen ausführlich den Unterschied zwischen -chan und -san. Das ist irgendwie süß, nervt mittlerweile aber auch. Seit er diesen Anime Fullmetal Alchemist gesehen hat, liebt er alles, was mit Japan zu tun hat. Damit hat diese Besessenheit angefangen.

»Viel wichtiger ist doch, ob sie auch mit Butter und Salz gut schmecken würde?«, überlege ich und beantworte meine Frage gleich selbst. »Ja. Mit Butter und Salz schmeckt alles besser. Da würde ich sogar meine eigenen Füße essen.«

»Deine eigenen Füße?«

»Ich meine, zuerst würde ich sie natürlich waschen.«

»Zum Glück. Ich hab nämlich mal nach einem Spiel an euren Stollenschuhen gerochen, und, Junge, Junge …«

»Halt die Klappe.«

»Ehrlich, ihr solltet euch echt öfter die Füße waschen.«

»Und das sagt ausgerechnet der Junge, der in alle unsere Innenfeldspielerinnen verknallt ist.«

»Nur in die Innenfeldspielerinnen?«, sagt Noah und tut entsetzt. »In das ganze Team, Hershy!«

»Ich wollte nur nicht, dass du wie ein Frauenaufreißer dastehst.«

»Tja, die kriegen wenigstens Dates«, meint Noah. »Also, wann ist dein nächstes Spiel …«

Er verstummt. So bald werde ich bei keinem Spiel mehr dabei sein. Nächstes Jahr vielleicht wieder. Wenn ich Glück habe. Vermutlich hat er das vergessen. Oder heißt es »vermeintlich hat er das vergessen«?

Ich blick da echt nicht mehr durch.

»Na ja«, sagt Noah nach einer Pause. »Dann, wenn du eben wieder mit dabei bist.«

»Ja«, sage ich. »Klar.«

Ich höre, wie er seufzt. »Also, weshalb hast du mich angerufen? Um darüber zu reden, ob du deine Zimmerdecke essen kannst?«

»Vielleicht.«

»Hör mal, Tori, wenn du absolut nicht darüber reden willst …«

»Tut mir leid«, sage ich biestig. Verbiestert? »Vergiss es.«

Ich lege auf und klappe mein Handy zu. Ein Klapphandy. Was für ein billiger, völlig veralteter Ersatz für mein iPhone. Es könnte genauso gut aus Stein gehauen sein. Ich lasse das Telefon auf meinen Nachttisch fallen und lege den Arm über meine Augen, um sie vor dem Deckenlicht abzuschirmen. Mit diesem grellen Licht wirkt mein Zimmer wie ein Verhörraum. »Weiches, weißes Licht« – so ein Schwachsinn.

Ich wollte nicht so biestig zu Noah sein, aber ehrlich, ich brauche unbedingt Ablenkung und nicht noch mehr Gerede über den Fall. Seit einem Monat dreht sich jeder Atemzug in meinem Leben um nichts anderes mehr. Können wir nicht einfach über ganz alberne Sachen sprechen … zum Beispiel Popcorndecken? Oder wie sexy er Alexis, Alyssa, Taylor, Megan und die anderen Mädels aus dem Team findet?

Ich wünschte, sie würden mich anrufen.

Egal. Bei all den furchtbaren Dingen, die mir demnächst blühen könnten, ist es irgendwie auch eine Erleichterung, mich über mein Schrotthandy aufzuregen oder über das grelle Licht in meinem Zimmer oder dass mein Name so bescheuert klingt. Es ist irgendwie tröstlich. Ein Hauch Wirklichkeit. Ganz normale Dinge, über die man sich ärgern kann.

Das Handy läutet und vibriert auf dem Nachttisch. Riiiiii. Riiiii. Riiiiii.

Ich schaue auf meinen Wecker. Die roten Digitalbuchstaben schalten von 11:53 zu 11:54. Daneben in der P.-M.-Anzeige leuchtet ein einzelner, roter Punkt. Er sieht so einsam und allein aus, dieser winzige rote Punkt. Muss tagein, tagaus dieselbe Arbeit verrichten. Der Wecker ist derzeit auf Nachtzeit eingestellt, verkündet der kleine rote Punkt. Nur dass du es weißt.

Kann es sein, dass ich langsam sonderbar werde? Passiert das mit einem, wenn man nicht mehr aus dem Haus kommt? Vielleicht eine Art Lagerkoller oder Stockholmsyndrom oder so. Halt, nein, das gibt es ja nur bei Entführungen. Ach, egal.

Ich nehme das Telefon und schaue auf das winzig kleine Display. Noah. Er gehört zu den wenigen Leuten, deren Nummer ich noch habe, und auch nur deshalb, weil er mich angerufen hat. Hätte er das nicht getan, wäre seine Nummer für immer weg gewesen. Schließlich kannte ich sie nicht auswendig. Ich wusste keine einzige Handynummer auswendig. Mom und Dad sind nicht mal mit mir in den Apple-Laden, um zu versuchen, meine Kontakte auf das Klapphandy zu übertragen, bevor sie mir das iPhone weggenommen haben. Sie haben es sich einfach geschnappt und mir hinterher dieses Schrottteil in die Hand gedrückt.

Vermutlich hätte es sowieso nicht funktioniert, meine Kontakte zu übertragen. Die Technik von diesem Klapphandy ist einfach zu veraltet. Das wäre, als würde man einem Neandertaler das Autofahren beibringen wollen.

»Es ist nicht nett, einfach aufzulegen«, sagt Noah, nachdem ich mein Handy wieder aufgeklappt habe.

»Warum nicht?«

»Es ist sehr unhöflich«, sagt er.

»Ich hab mir schon schlimmere Vorwürfe anhören müssen«, sage ich.

»Fang jetzt bitte nicht damit an«, seufzt Noah.

»Tut mir leid«, sage ich, diesmal kein bisschen biestig. »Ich kann irgendwie nicht anders.«

Und dann wäre es mir beinahe entschlüpft: Noah, ich hab solche Angst. Aber ich lasse die Worte nicht raus. Das hilft mir jetzt auch nicht weiter.

»Und, wie ist der Plan für morgen?«, fragt Noah und bemüht sich sehr, es wie eine ganz beiläufige Frage klingen zu lassen, obwohl es das absolut nicht ist.

Mein Magen krampft sich zusammen, als würde er von einer riesigen Faust zusammengedrückt werden.

»Ich werde mir alle Mühe geben, nicht ohnmächtig zu werden«, sage ich.

»Mann, das tut mir echt leid, Tori«, sagt Noah. Er hat wenigstens Mitleid mit mir und will mich nicht drängen, meine Strategie für die Gerichtsverhandlung zu verraten, wie es die Reporter wollten. Wie es alle wollen. Sollen sie ruhig noch ein paar Stunden warten.

Noahs Bereitschaft, auf genauere Auskünfte zu verzichten, ist einer der Gründe, warum ich mit ihm befreundet bin. Er stürzt sich nicht gleich auf jedes Gerücht, auf die große Story, wie es die anderen Mädchen aus dem Team getan hätten. Vielleicht ist es doch besser, dass sie mich nicht angerufen haben.

»Ich weiß, das bringt dir jetzt wahrscheinlich nicht viel, aber kann ich irgendwas tun, um dir zu helfen?«, fragt Noah.

Seine Stimme ist freundlich und sanft. Ich habe Noah noch nie geküsst, aber ich würde sofort mit seiner Stimme knutschen, wenn das möglich wäre. Seine Stimme und Lucas Mulcahys Arme – perfekt.

Ich gähne. Endlich. Ich hätte mich gern schon vor ein oder zwei Stunden schlafen gelegt, aber meine Gedanken trampolieren wie wild, ohne dass ich es verhindern kann. Kann man das überhaupt so sagen? Oder habe ich ein neues Wort erfunden? Cool.

»Ich glaube nicht«, sage ich zu Noah.

»Sicher?«

»Ja«, sage ich. »Es ist schon spät. Ich sollte ins Bett gehen.«

»Morgen erste Stunde, oder was?«, sagt er.

Schlechter Witz. Ganz schlechter Witz. Ich muss ihn nicht mal darauf hinweisen.

»Entschuldige«, sagt er sofort. »Das war blöd von mir. War nicht so gemeint.«

»Schon gut«, sage ich zu ihm. »Ich weiß schon.«

»Alle vermissen dich.«

»Nein, nicht alle.«

»Ich vermisse dich.«

»Danke«, sage ich, denke dabei aber an Lucas. Ob er mich vermisst? Ausgerechnet mit dem Jungen, von dem ich mir wirklich wünsche, dass er mich vermisst, darf ich keinen Kontakt haben. Ich frage mich, was Lucas heute Abend wohl macht.

Klammern sich seine großen Hände an einem Kissen fest oder hat er sie lässig hinter dem Kopf verschränkt und schläft, kein bisschen beunruhigt wegen des Gerichtstermins morgen?

Und was ist mit Marly und den anderen? Schlafen sie auch schon? Ich frage mich, ob Lucas sich Sorgen macht. Wahrscheinlich nicht. Ob er sich Sorgen um mich macht? Wahrscheinlich auch nicht.

Dann überlege ich, wie teuer sein Anwalt wohl ist. Ich wette, er verlangt deutlich mehr als Mr Halpern.

Jetzt habe ich mir selbst die Laune verdorben. Mal wieder.

»Noah?«

»Yo.«

»Was denkst du, was ich dem Gericht morgen sagen soll?«

Ich höre, wie Noah ausatmet, und stelle mir vor, wie er sich beim Sprechen mit der Hand über die Augen reibt, während er sagt: »Himmel, Tori.«

»Das ist mein Ernst«, sage ich. »Ich meine, du kanntest ihn doch auch. Warum hasst du mich eigentlich nicht?«

Es ist so lange still, dass ich mir vorstelle, ich könnte in der Zeit jeden einzelnen Regentropfen auf meiner Markise zählen.

»Noah?«

»Hör mal«, sagt er unvermittelt, »du hast recht, du solltest noch ein bisschen schlafen. Morgen wird bestimmt ein harter Tag. Deshalb … na ja, schalt einfach dein Handy ab, mach das Licht aus und hör Musik oder so … entspann dich einfach ein bisschen.«

»Warum beantwortest du meine Frage nicht?«

»Ich weiß nicht … was du dem Gericht sagen sollst, Tori«, sagt Noah. »Ich weiß nur, dass ich dich nicht hasse, dass ich dich niemals hassen könnte und dass ich dich immer …«

Er verstummt.

Ich lausche.

»Schalt einfach alles aus und denk nicht daran«, sagt er schließlich. »Okay?«

Nicht ganz die Antwort, auf die ich gehofft habe. Andererseits weiß ich gar nicht genau, was für eine Antwort ich hören wollte.

»Na gut«, sage ich. »Ich ruf dich morgen an, wenn es vorbei ist.«

Außer, dass es dann noch längst nicht vorbei sein wird, denke ich. Es wird gerade erst angefangen haben.

»Also … ich weiß nicht, ich könnte auch noch eine Weile aufbleiben«, meint Noah unvermittelt. »Ich hab noch ziemlich viel Koffein intus und wir können uns gerne noch eine Weile unterhalten, wenn du willst. Ich muss sowieso wach bleiben. Ich bin mit ein paar Typen aus Tokio im Chat verabredet. Das heißt, dass ich morgen ziemlich sicher die Schule schwänzen werde.«

»Danke, aber das ist nicht nötig«, sage ich. »Ich schlafe jetzt. Hoffe ich jedenfalls.«

Wieder eine Pause. Er lässt sich mittlerweile ganz schön Zeit mit seinen Antworten. Ich frage mich, ob ich ihn total verschreckt habe oder ob es ihm einfach nur unangenehm ist.

»Okay«, sagt Noah. »Bis später dann. Und, hey, Tori?«

»Ja.«

»Kopf hoch. Das wird schon.«

Zischschsch. Ein Tropfen Säure verätzt mein Auge. Zumindest fühlt es sich so an.

»Danke«, sage ich, während sich hinten in meiner Kehle Salzwasser sammelt.

Ich lege auf, bevor er weiterreden kann, und schleudere das Handy wieder auf meinen Nachttisch.

Gott sei Dank gibt es Noah. Er lässt mich nicht fallen, obwohl er den ganzen Mist mitgekriegt hat, der in den Medien über mich verbreitet wird. Ich wette, die in der Schule schauen sich die Nachrichten nur deshalb an, weil sie wissen wollen, ob das Interview mit ihnen gesendet wird. Schaffen es ihre »authentischen Einblicke in die Tragödie« bis in die landesweiten Nachrichten oder werden sie nur im Lokalradio ausgestrahlt?

Wenn man nicht im Scheinwerferlicht steht, ist es einfach, sich nach Ruhm zu sehnen. Dabei ist Berühmtheit echt das Allerletzte.

Das Klapphandy summt. Ich schaue auf das Display und erwarte, Noahs Namen zu sehen. Wer sollte es sonst sein? Wer könnte