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Inhaltsverzeichnis





























DANKSAGUNG

Dieses Buch wäre ohne die Unterstützung vieler Menschen nicht möglich gewesen, die von Anfang an daran geglaubt haben und großartige Cheerleaderinnen waren, während Between nach und nach Gestalt annahm. Mein aufrichtiger Dank gilt meiner Lektorin Stacy Cantor Abrams, einem der Menschen, mit denen ich nach wie vor am liebsten zusammenarbeite, und meiner unglaublichen Agentin und großartigen Freundin Andrea Somberg. Außerdem möchte ich Rebecca Mancini für ihre erstaunliche Arbeit danken, sowie auch Deb Shapiro und allen anderen bei Walker. Ich bin sehr froh, Teil eures wunderbaren Teams zu sein. Darüber hinaus möchte ich Rachel Boden meinen Dank für die wertvollen Einblicke ausdrücken, die sie mir gewährt hat. Ohne all diese Leute wäre dieser Roman nicht das, was er ist; ich bin so begeistert von dem und stolz auf das, was wir gemeinsam geleistet haben!

1

Es ist kurz nach zwei Uhr nachts. Außerhalb der Elizabeth ist alles relativ ruhig. Boote – eigentlich Jachten – sind an den Piers vertäut; saubere weiße Bojen schützen ihre Fiberglas-und Porzellanaußenwände vor dem Holz. Das Plätschern des Long-Island-Sunds – kleine Wellen, die gegen die Boote und das Ufer schlagen – bildet ein konstantes Hintergrundgeräusch. Bei den anderen Booten mit Namen wie Wohlverdient, Ungestörtheit und Gutes Leben scheint alles friedlich.

Doch nicht an Bord der Elizabeth. Hier herrscht ständige Unruhe. Das Boot ist eine zwanzig Meter lange Segeljacht, ausgestattet mit einer richtigen Küche, zwei Bädern, zwei Schlafzimmern und außerdem genügend Platz, um insgesamt zwanzig Leute unterzubringen. Heute Nacht sind es allerdings bloß sechs. Es ist eine kleine Party; meine Eltern hätten nicht erlaubt, dass ich eine große schmeiße. Ich glaube, alle schlafen, abgesehen von mir.

Seit zwanzig Minuten starre ich jetzt auf die Uhr und lausche diesem lästigen Tschumb, Tschumb, Tschumb gegen die Bootswand. Es ist später August. Die Luft draußen ist bereits ziemlich kühl und das Wasser ohne Zweifel eisig. Aber so ist Connecticut nun mal; im Juli wird das Wasser zwar für einen guten Monat warm, doch gegen Ende des Sommers ist es schon wieder abgekühlt. Manchmal scheint es, als würde es in der Gegend hier nur zwei Jahreszeiten geben: Winter und Fast-Winter.

Trotz der Wassertemperatur bin ich mir ziemlich sicher, dass da draußen ein Fisch ist, der zwischen dem Pier und dem Boot festsitzt, gegen das Fiberglas schlägt und versucht, sich zu befreien. Der Krach dauert jetzt schon eine gefühlte Ewigkeit. Um genau 1:57Uhr hat er mich geweckt, und die Sache fängt langsam an, mich verrückt zu machen.

Schließlich halte ich es nicht länger aus. Tschumb. Tschumb-Tschumb. Wenn das ein Fisch ist, dann ist es ein äußerst dummer Fisch.

»Hey? Hörst du das?«, sage ich zu meiner besten Freundin und Stiefschwester Josie, die neben mir auf der Ausziehcouch im vorderen Teil des Bootes schläft; ihr schmutzigblondes, gesträhntes Haar klebt an ihrer Wange. Sie antwortet nicht, sondern schnarcht einfach leise weiter. Um kurz nach Mitternacht hatte sie eine Alkohol-Marihuana-Kombination außer Gefecht gesetzt. Genau genommen hatte sie uns alle ins Bett befördert, noch bevor das Spätprogramm richtig anfangen konnte. Das Letzte, woran ich mich vor dem Einschlafen erinnere, ist, dass ich versuchte, die Augen offenzuhalten. Ich murmelte Josie zu, dass wir bis 1:37Uhr wachbleiben müssten, weil ich genau da zur Welt gekommen bin, doch dann schliefen wir ein. Keiner schaffte es. Zumindest ich nicht, das weiß ich.

In der Beinahedunkelheit stehe ich auf. Das einzige Licht an Bord des Bootes stammt vom Fernseher, wo gerade ohne Ton ein Werbespot für den SuperSchrubber! läuft.

»Ist irgendwer wach?«, frage ich, noch immer mit leiser Stimme. Das Boot schaukelt auf den Wellen, die vom Long-Island-Sund heranrollen. Tschumb-Tschumb-Tschumb. Da ist es wieder.

Ich schaue auf die Uhr: Es ist 2:18Uhr. Ich lächle, denn jetzt bin ich offiziell seit über einer halben Stunde achtzehn.

Wäre dieses dumpfe Pochen nicht, könnte sich das Schaukeln des Bootes anfühlen, als würde man in einer Wiege in den Schlaf gewiegt. Dies ist so ziemlich mein Lieblingsort auf der Welt. Und mit meinen Freunden hier zu sein, macht es noch besser, falls das überhaupt möglich ist. Alles wirkt friedlich und ruhig. Die Stille der Nacht fühlt sich heute beinahe magisch an.

Tschumb.

»Ich gehe raus, um einen Fisch zu befreien«, verkünde ich. »Kommt jemand mit?«

Aber niemand regt sich, keiner von ihnen.

»Was für ein Haufen egoistischer Saufköpfe«, murmle ich. Aber das ist nicht ernst gemeint, und außerdem kann ich auch allein rausgehen. Ich bin ein großes Mädchen. Und da ist nichts, wovor man Angst haben müsste.

Ich weiß, dass sich das scheinheilig anhört, da wir getrunken und geraucht haben, aber es stimmt: Wir sind nette Kids. Noank in Connecticut ist eine sichere Stadt. Alle an Bord sind gemeinsam hier aufgewachsen. Unsere Familien sind befreundet. Wir lieben einander. Während ich sie mir alle so anschaue – Josie vorne im Boot; Mera, Caroline, Topher und Richie hinten am Heck in Schlafsäcken auf dem Boden –, kommt mir das Leben im Innern der Elizabeth vor wie ein verschwommener Traum.

Elizabeth Valchar. Das bin ich; meine Eltern haben dieses Boot nach mir benannt, als ich sechs Jahre alt war. Aber das ist eine Ewigkeit her. Ein paar Jahre, bevor wir meine Mutter verloren und mein Dad Josies Mom heiratete. Nach ihrem Tod hat mein Dad viele von Moms Sachen weggegeben, doch was das Boot betraf, war er unnachgiebig. Hier gibt es so viele glückliche Erinnerungen, und ich habe mich an Bord stets sicher gefühlt. Meine Mom hätte es so gewollt.

Trotzdem kann es hier nachts ein bisschen unheimlich sein, besonders draußen. Abgesehen vom Schwappen der Wellen und dem dumpfen Pochen gegen die Bordwand ist die Nacht dunkel und still. Der Geruch nach salzigem Meerwasser und Algen, die so nah am Ufer auf den mächtigen Felsformationen trocknen, ist so überwältigend, dass ich mich beinahe davor ekle, wenn der Wind ihn direkt hier herübertreibt.

Ich bin nicht sonderlich scharf darauf, ganz allein nachzuforschen, wo das geheimnisvolle Geräusch herkommt, auch wenn ich mir ziemlich sicher bin, dass es bloß ein Fisch ist. Also versuche ich es nochmal bei Josie. »Hey«, sage ich, diesmal lauter. »Wach auf. Ich brauche deine Hilfe.« Ich strecke die Hand aus, um sie zu berühren, aber etwas lässt mich innehalten. Das Gefühl ist wirklich seltsam; als ob ich sie nicht stören dürfte. Einen Moment lang denke ich, dass ich vermutlich immer noch betrunken bin. Alles kommt mir irgendwie ein bisschen unscharf vor.

Ihre Augenlider flattern. »Liz?«, murmelt sie. Sie ist benommen; offensichtlich schläft sie noch. Eine Sekunde lang blitzt etwas in ihrem Blick auf – ist das Furcht? Jage ich ihr Angst ein? Und dann versinkt sie wieder im Schlummerland, und ich stehe ganz allein da, die einzig Wache an Bord. Tschumb-Tschumb-Tschumb.

Der Pier ähnelt einem Holzpuzzle. Vom Ozean her rollen Wellen herein, und wenn sie schließlich den Sund erreichen, sind sie normalerweise ziemlich harmlos, doch heute Nacht scheinen sie kräftiger als sonst, um uns alle in den Schlaf zu wiegen. Als wären wir ein Haufen Babys. Trotz meines Versuchs, tapfer zu sein, fühle ich mich klein und ängstlich, als ich schließlich auf Zehenspitzen durch die offene Glasschiebetür hinaushusche; meine Schuhe erzeugen auf dem Fiberglasdeck des Bootes leise, klackernde Geräusche. Jeder Arm des Piers hat bloß zwei Laternen: eine in der Mitte und eine ganz am Ende. Vom Mond ist nichts zu sehen. Die Luft ist so frostig, dass ich schaudere; wie muss sich dann erst das Wasser anfühlen? Gänsehaut überzieht meine nackten Arme.

Ich stehe frierend an Deck und lausche. Vielleicht geht das Geräusch ja von allein weg.

Tschumb. Nö.

Es kommt vom Heck, irgendwo zwischen dem Pier und dem Boot, wie von etwas Schwerem und Lebendigem, hartnäckig, gefangen. Wir sind das letzte Boot an diesem Pier, was bedeutet, dass der hintere Teil der Elizabeth fast vollständig von der Laterne erhellt wird. Ich weiß nicht, warum ich den Drang verspüre, so leise zu sein. Das Geräusch meiner Schuhe auf dem Deck ist viel zu laut, jeder Schritt lässt mich zusammenzucken, ganz gleich, wie vorsichtig ich auftrete. Ich bahne mir meinen Weg an der Seite des Bootes entlang und halte mich dabei gut an der Reling fest. Sobald das Geräusch direkt unter mir ist, schaue ich runter.

Nass. Das ist das erste Wort, das mir in den Sinn kommt, bevor ich schreie.

Durchweicht. Mit Wasser vollgesogen. Das Gesicht nach unten. Oh, Scheiße.

Es ist kein Fisch; es ist ein Mensch. Ein Mädchen in Jeans und einem kurzärmeligen rosa Pulli. Ihr Haar ist lang und so blond, dass es beinahe weiß wirkt. Es ist eine hübsche Farbe, und sie schimmert unter Wasser. Die Haarsträhnen reichen ihr fast bis zur Hüfte und wiegen sich in der Strömung wie Algen.

Doch daher rührt das Geräusch nicht. Das machen ihre Füße; ihre Stiefel, um genau zu sein. Sie trägt ein Paar weißer, mit Schmucksteinen verzierter Cowgirl-Stiefel — Stahlkappen-Dekadenz.

Die Stiefel sind ein Geburtstagsgeschenk ihrer Eltern. Sie hat sie die ganze Nacht lang voller Stolz angehabt, und jetzt ist die Stahlkappe ihres linken Fußes in einem grotesken Winkel zwischen dem Boot und dem Pier eingeklemmt, und bei jeder Welle tritt der Stiefel gegen die Seite der Elizabeth, beinahe, als würde sie versuchen, die Leute an Bord zu wecken.

Woher ich das alles weiß? Weil es meine Stiefel sind. Genau wie die Klamotten. Das Mädchen im Wasser, das bin ich.

Ich schreie wieder, laut genug, um jeden im Umkreis von einer Meile aufzuwecken. Doch langsam beschleicht mich das Gefühl, dass mich niemand hören kann.