image1
Logo

Ulrike Mattke (Hrsg.)

Sexuell traumatisierte Menschen mit geistiger Behinderung

Forschung – Prävention – Hilfen

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

 

1. Auflage 2015

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-025847-1

E-Book-Formate:

pdf:       ISBN 978-3-17-025848-8

epub:    ISBN 978-3-17-025849-5

mobi:    ISBN 978-3-17-025850-1

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

Inhalt

  1. Vorwort
  2. A Theorie und Forschung
  3. 1 Sexualität bei Menschen mit Behinderung – immer noch ein Tabuthema?
  4. Barbara Ortland
  5. 1.1 Sexualität von Menschen mit Behinderung als ein Tabu?
  6. 1.2 Sexuelle Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen mit Behinderung
  7. 1.3 Sexuelle Selbstbestimmung in einer Wohneinrichtung
  8. 1.4 Abschließende Überlegungen
  9. Literatur
  10. 2 Lebenssituation und Gewalterfahrungen von Frauen mit sogenannter geistiger Behinderung in Deutschland
  11. Monika Schröttle
  12. 2.1 Einleitung
  13. 2.2 Kindheitserfahrungen und aktuelle Lebenssituation kognitiv beeinträchtigter Frauen in Einrichtungen
  14. 2.3 Gewaltbetroffenheit(en) und Gewaltkontexte
  15. 2.4 Risikofaktoren für Gewalt
  16. 2.5 Erforderliche Maßnahmen
  17. Literatur
  18. 3 Sexuelle Gewalt gegen Jungen und Männer mit einer so genannten geistigen Behinderung
  19. Ahmed Amor
  20. 3.1 Einleitung
  21. 3.2 Das Gefährdungsfeld
  22. 3.3 Betroffenheit von sexueller Gewalt als Junge oder Mann mit Behinderung
  23. 3.4 Folgen der sexuellen Gewalthandlungen für die Opfer
  24. 3.5 Fazit
  25. Literatur
  26. 4 »Niemand glaubt mir.«
    Aspekte der Glaubhaftigkeit der Aussagen von Menschen mit geistiger Behinderung
  27. Ulrike Werner
  28. 4.1 Einleitung
  29. 4.2 Begutachtung der Glaubhaftigkeit der Aussagen geistig behinderter Menschen
  30. 4.3 Kriterienorientierte Aussagenanalyse
  31. 4.4 Gespräch
  32. 4.5 Vermeidung suggestiver Beeinflussung
  33. 4.6 Fazit
  34. Literatur
  35. 5 Folgen von sexueller Traumatisierung bei Frauen mit geistiger Behinderung
  36. Babara Leiersender
  37. 5.1 Einleitung
  38. 5.2 Gestaltung und Durchführung der Fragebogenerhebung
  39. 5.3 Ergebnisse der Fragebogenerhebung
  40. 5.4 Fazit
  41. Literatur
  42. B Prävention
  43. 6 Prävention professionell planen und wirkungsvoll praktizieren
  44. Ulrike Mattke
  45. 6.1 Voraussetzung Fachwissen
  46. 6.2 Priorität Schutz
  47. 6.3 Vieldimensionalität statt Eindimensionalität
  48. Literatur
  49. 7 Sexuelle Gewalt als Herausforderung für Einrichtungen der Behindertenhilfe
  50. Ursula Sauder
  51. 7.1 Einleitung
  52. 7.2 Umgang mit der Thematik auf institutioneller Ebene – ein Konzept aus der Praxis
  53. 7.3 Zusammenfassung
  54. Literatur
  55. 8 Zusammenarbeit hilft! Vernetzung als Weg der Prävention und Intervention bei sexualisierter Gewalt gegen Frauen mit Lernschwierigkeiten
  56. Katharina Göpner & Rebecca Maskos
  57. 8.1 Prävalenz sexualisierter Gewalt gegen Menschen mit Lernschwierigkeiten
  58. 8.2 Situation des Unterstützungssystems für gewaltbetroffene Frauen und Mädchen
  59. 8.3 Situation der Behindertenhilfe: Behindernde Einrichtungsstrukturen und innere Barrieren auf Seiten der Mitarbeiter/innen und betroffenen Frauen
  60. 8.4 Handlungsempfehlungen
  61. 8.5 Ausblick
  62. Literatur
  63. 9 Sexualpädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen an der Förderschule für geistige Entwicklung als Prävention sexueller Gewalt
  64. Susan Leue-Käding
  65. 9.1 Einleitung
  66. 9.2 Thematischer Zugang
  67. 9.3 Sexualpädagogische Arbeit als Primärprävention
  68. 9.4 Ich-Identität und körperliches Selbstbestimmungsrecht
  69. 9.5 Informationen über sexuelle Gewalt
  70. 9.6 Sprache
  71. 9.7 Abschließende Gedanken und Perspektiven
  72. Literatur
  73. 10 Schlafende Hunde wecken?!
  74. Andrea Huber
  75. 10.1 Sexualpädagogische Gruppenarbeit im Rahmen von WfbM
  76. 10.2 Gruppenangebot im Rahmen einer WfbM
  77. 10.3 Herstellung des Films »Und dann auch noch Liebe«
  78. 10.4 Schluss
  79. Literatur und Filme
  80. C Hilfen
  81. 11 Handlungsorientierungen in der pädagogisch-therapeutischen Begleitung sexuell traumatisierter Menschen mit geistiger Behinderung
  82. Ulrike Mattke
  83. 11.1 Folgen sexueller Gewalt für Menschen mit geistiger Behinderung
  84. 11.2 Prinzip der Kombination individueller Hilfen und struktureller Maßnahmen
  85. 11.3 Individuelle Handlungsorientierungen zur Überwindung der Folgen sexueller Traumatisierungen
  86. 11.4 Traumabearbeitung
  87. 11.5 Pädagogisch-therapeutische Handlungsorientierungen als Quintessenz der Heilpädagogik
  88. Literatur
  89. 12 Pädagogisch-therapeutische Begleitung sexuell traumatisierter Kinder mit geistiger Behinderung
  90. Cornelia Schulte
  91. 12.1 Einleitung
  92. 12.2 Fallbeispiel
  93. 12.3 Pädagogisch-therapeutische Begleitung
  94. 12.4 Methoden und Materialen
  95. 12.5 Grundsätzliches in der pädagogischen Begleitung
  96. 12.6 Schlusswort
  97. Literatur
  98. 13 »Den Wolf der Freude füttern« Materialien und Methoden bei der Beratung von sexuell traumatisierten Frauen mit Lernschwierigkeiten
  99. Anneke Bazuin
  100. 13.1 Einleitung
  101. 13.2 Der Frauennotruf Hannover
  102. 13.3 Grundsätze der Beratung
  103. 13.4 Exkurs: »Nicht Ihre Reaktionen sind ›verrückt‹, sondern was Ihnen passiert ist!«
  104. 13.5 Bedeutung und Konsequenzen der Lebensrealitäten von Frauen mit Behinderungen für die Beratung
  105. 13.6 Materialien, Methoden, Geschichten und Gleichnisse als Hilfsmittel in der traumatherapeutischen Beratung von Klientinnen mit Behinderungen
  106. 13.7 Fazit
  107. Literatur
  108. Die AutorInnen

Vorwort

 

 

 

»So emotional und erschütternd das Thema auch sein mag: Missbrauch wird nicht verhindert durch Dramatisierungen, Skandalisierungen und Dämonisierungen, sondern am ehesten durch Aufklärung, durch die Überwindung der Sprachlosigkeit und durch vermehrte Erkenntnisse über missbrauchsfördernde ebenso wie missbrauchssenkende Konstellationen in pädagogischen Bezügen« (Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts, 2011).

Was Thomas Rauschenbach hier in Bezug auf die Jugendhilfe postuliert gilt gleichermaßen für die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen.

Zweifelsohne gilt: Die Beschäftigung mit der Thematik sexuelle Gewalt verläuft nicht immer sachlich und wird vielfach vehement abgewehrt, sowohl auf persönlicher als auch auf institutioneller und gesellschaftlicher Ebene (vgl. u. a. Becker-Fischer & Fischer 2008, 23 ff.). Dazu kommt: Sexuelle Gewalt »ist kein Thema, dem man emotionslos oder neutral oder unvoreingenommen begegnen kann« (Tschan, 2012, 37). Das Thema infiziert auf emotionaler Ebene und führt häufig dazu, dass Empfindungen der Opfer erlebt werden: Wut, Ohnmacht, Verlust an Sicherheit und an Vertrauen.

Angesichts der vorliegenden Zahlen über die Prävalenz sexueller Gewalt, insbesondere gegen Mädchen und Frauen mit Behinderung (vgl. Schröttle et al. 2012), ist eine aktive Auseinandersetzung mit sexueller Gewalt in der Behindertenhilfe unerlässlich.

Trotz der dem Thema impliziten emotionalen Erschütterung ist es erforderlich, eine kritische und rationale Diskussion auf der Basis von Theorie und Forschung zu führen. Dabei einzubeziehen sind Konzepte für präventive Maßnahmen sowie Konzepte zur Unterstützung von Menschen mit geistiger Behinderung, die sexuelle Gewalt erfahren haben. Hier will diese Veröffentlichung einen wesentlichen Beitrag leisten.

Mit der speziellen Ausrichtung auf Menschen mit Lernschwierigkeiten bzw. mit geistiger Behinderung werden in diesem Buch drei Bereiche des Themas der sexuellen Gewalt ausgearbeitet: Theorie und Forschung, Hilfen sowie Prävention.

Grundlegende theoriegeleiteten Darstellungen beschäftigen sich mit der Frage nach der Sexualität von Menschen mit Behinderungen als Tabu (Barbara Ortland), einem Bezug des Themas sexuelle Gewalt auf Jungen und Männer mit geistiger Behinderung (Ahmet Amor) und Aspekten der Glaubhaftigkeit von Aussagen (Ulrike Werner).

Aus der repräsentativen Studie im Auftrag des BMFSFJ werden Ergebnisse in Bezug auf Frauen mit geistiger Behinderung berichtet (Monika Schröttle) und aus einer Befragung von Expertinnen Folgen sexueller Traumatisierung bei Frauen mit geistiger Behinderung (Barbara Leierseder) geschildert.

Der zweite Teil dieser Veröffentlichung widmet sich dem Thema Prävention. Nach einer theoretischen Einführung (Ulrike Mattke) werden mögliche und erforderliche Handlungsschritte in Einrichtungen der Behindertenhilfe (Ursula Sauder) sowie die Bedeutung von Vernetzung im Rahmen von Prävention (Maskos & Göpner) aufgezeigt. Theoretisch fundierte Anregungen zu präventiver sexualpädagogischer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung finden sich in einer umfangreichen Sammlung an Ideen und Methoden, die sämtlich in der Praxis erprobt wurden (Susan Leue-Käding). Sexualpädagogische Gruppenarbeit mit Erwachsenen in einer Werkstatt wird anhand eines Projekts beschrieben (Andrea Huber).

Schließlich werden in einem dritten Teil Hilfen für traumatisierte Menschen mit geistiger Behinderung dargestellt. Zunächst erfolgt die Erörterung grundlegender Handlungsorientierungen, die sowohl in der ambulanten als auch in der stationären Unterstützung von Bedeutung sind (Ulrike Mattke). Dem folgen umfangreiche, erfahrungsbasierte und durch Fallbeispiele veranschaulichte Sammlungen über mögliche methodische Vorgehensweisen bei Kindern mit geistiger Behinderung (Cornelia Schulte) und bei Erwachsenen mit geistiger Behinderung (Anneke Bazuin).

Mein besonderer Dank gilt den Teilnehmerinnen des Arbeitskreises »Sexuelle Gewalt an Frauen und Mädchen mit Behinderung« des Frauennotrufs Hannover. Hier habe ich Grundlegendes gehört, erfahren und gelernt.

Würzburg/Hannover, Frühjahr 2015

Ulrike Mattke

Literatur

 

Becker-Fischer, M. & Fischer, G. (2008): Sexuelle Übergriffe in Psychotherapie und Psychiatrie. Orientierungshilfen für Therapeut und Klientin. Asanger: Kröning.

Schröttle, M., Hornberg, C., Glammeier, S., Sellach, B., Kavemann, B., Puhe, H. & Zinsmeister, J.: (2012): Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Deutschland. In: http://www.uni-bielefeld.de/IFF/for/for-gewf-fmb.html. Zugriff am 1.7.2014.

Tschan, W. (2012): Sexualisierte Gewalt. Praxishandbuch zur Prävention von Sexuellen Grenzverletzungen bei Menschen mit Behinderungen. Bern: Verlag Hans Huber.

Rauschenbach, T. (2011): Editorial. In: DJI Impulse. Das Bulletin des Deutschen Jugendinstituts. Heft 3/2011: Sexuelle Gewalt gegen Kinder, 3.

 

 

 

A   Theorie und Forschung

1          Sexualität bei Menschen mit Behinderung – immer noch ein Tabuthema?

Barbara Ortland

 

»Weiblichkeit? Was war das? Mich als Frau zu begreifen oder zu fühlen, hatte mir niemand beigebracht, und niemand hatte mich aufgeklärt. In meiner ›Erziehung‹ wurde dieser Bereich komplett ausgeblendet und mir wurde vermittelt, dass man als Behinderter ein Bedürfnis nach Nähe einfach nicht zu haben hat. Noch heute wird Behinderten ihr Anrecht auf Sexualität abgesprochen – und oft gestehen wir es uns ja nicht einmal selbst ein, weil dieses Thema in unserer Kindheit und Jugend absolut tabu war und weder im Heim noch in der Schule je darüber gesprochen wurde« (Soyhan, 2012, S. 103).

In diesem Zitat aus der Autobiografie der von Glasknochenkrankheit betroffenen Fernsehmoderatorin Zuhal Soyhan beschreibt sie in Bezug auf ihr Leben den Zusammenhang von Tabuierung der Sexualität und ihrer Behinderung. Dieses Themenfeld soll im nachfolgenden Beitrag aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden. Einleitend wird erläutert, was unter einem Tabu verstanden wird und welches Spannungsfeld sich daraus für die Begleitung von Menschen mit Behinderung auf dem Weg zu einer subjektiv befriedigenden und selbstbestimmten Sexualität ergibt. Dazu werden relevante Entwicklungsschritte und Erfahrungen der sexuellen Entwicklung exemplarisch aufgezeigt und Konsequenzen für eine sexualpädagogische Begleitung benannt. Schließlich werden auf der Grundlage der Ergebnisse einer aktuellen Mitarbeitendenbefragung in Wohneinrichtungen der Eingliederungshilfe (Ortland, 2013) aktuelle Themen in der Begleitung Erwachsener mit Behinderung diskutiert.

1.1        Sexualität von Menschen mit Behinderung als ein Tabu?

Das Wort Tabu hat laut Duden folgende bildungssprachliche Bedeutung: »ungeschriebenes Gesetz, das aufgrund bestimmter Anschauungen innerhalb einer Gesellschaft verbietet, über bestimmte Dinge zu sprechen, bestimmte Dinge zu tun« (Duden online, 2014). Es handelt sich damit um kulturell-religiös geprägte Anschauungen, die nicht unbedingt von allen Mitgliedern einer Gesellschaft geteilt werden müssen und grundsätzlich veränderbar sind. Gründer und Stemmer-Lück (2013, S. 17) führen dazu aus, dass zwischen einem »Handlungs- und einem Sprach- und Kommunikationstabu« unterschieden werden kann: »Das Handlungstabu hat die Funktion, soziales Handeln in einer Gesellschaft zu regulieren (…). Das Sprachtabu scheint das Handlungstabu noch zu unterstützen nach dem Motto: ›Was man nicht tut, darüber spricht man auch nicht‹« (ebd., S. 18). Der Bereich der Sexualität wird von ihnen als Tabubereich bezeichnet, so dass dessen Tabuierung sexuelle Handlungen und die Kommunikation über Sexualität gesellschaftlich regulieren soll. Lautmann (2008) erörtert in seinen Ausführungen zu gesellschaftlichen Normen der Sexualität, dass der Begriff des Tabus für eine »besonders scharfe Ablehnung (steht), die jegliche Diskussion unterdrückt [ein Diskursverbot wird vor allem dann verhängt, wenn in der ›falschen‹ Sexualität schwere Gefahren gesehen werden]« (ebd., S. 210). Das heißt, dass es bei Tabuierungsprozessen immer um an einer gesellschaftlichen Norm gemessene Bewertung von Verhalten geht. In Bezug auf die normative Sexualregulierung führt Lautmann aus, dass zwischen Normalität und Normativität zu unterscheiden sei. »Für normal wird ein Ereignis gehalten, wenn es nicht weiter auffällt, d. h. für die Situation und die daran Beteiligten als selbstverständlich durchgeht« (ebd., S. 209). Die Deutungsmacht haben also die beteiligten Personen oder z. B. der institutionelle Zusammenhang, in dem das Verhalten gezeigt/nicht gezeigt und als normal/nicht normal bewertet wird. Lautmann führt weiter aus: »Der normative Akzent fügt dem Handeln den Charakter des Erlaubten, Geforderten bzw. Verbotenen hinzu. Die Sexualnormen besitzen in unserer Kultur ein hohes Gewicht; sie sind umstritten, oft unklar und häufig dramatischen Wandlungen unterworfen. Für die Akteure hängt viel davon ab, wie gut sie die jeweils gültigen Normen kennen und sich ihnen anpassen« (ebd., S. 209/210).

In Bezug auf Menschen mit Behinderung scheint es im Bereich der Sexualität eine Verquickung sehr unterschiedlicher Aspekte zu geben, die ihnen den Weg zu einer als subjektiv befriedigend erlebten Sexualität erschweren können. Walter (2013) formuliert folgende Gründe als Hindernisse sexueller Selbstbestimmung: »Vorurteile, Ängste und Unsicherheiten, Tabus und Verbote, aber auch sexualfeindliche Lebensbedingungen in Elternhaus, Schule, Werkstatt und Wohnstätte, in Offener Hilfe und Freizeitangeboten (behindern) immer noch selbstbestimmte Sexualität (…) quasi als ›sekundäre soziale Behinderung‹« (ebd. 5 f). Mattke (2004, S. 47) nennt ergänzend Mythen, die sich vor allem auf das Sexualverhalten von Menschen mit geistiger Behinderung beziehen und eine »Spannbreite von asexuell bis triebbestimmt« aufzeigen, so dass »eine sachliche Diskussion mit der Thematik« erschwert ist.

Die Bewertungsprozesse bei allen beteiligten Menschen mit und ohne Behinderung setzen sich aus gesellschaftlichen, religiösen, kulturellen, institutionellen sowie individuell-biografischen Anteilen zusammen. Aufgrund dieser Komplexität der Einschätzungen bzgl. der ›Normalität‹ von sexuellen Verhaltensweisen, normativen Akzentuierungen bis hin zu Tabuierungen, kann dieser Themenbereich hier nicht erschöpfend behandelt werden. Es sollen nachfolgend jedoch einige Denkanstöße bzgl. der Wertungen der Sexualität bei Menschen mit Behinderungen gegeben werden.

Alison Lapper, eine Künstlerin mit Körperbehinderung aus England, berichtet z. B. in ihrer Autobiografie Folgendes: »Manchmal fragen mich die Leute, wie ich Sex mache. Dann erkläre ich ihnen, dass sie sich gefälligst um ihren eigenen Kram kümmern sollen, weil das nun wirklich meine Privatsache ist, außerdem empfinde ich diese Frage oft als leicht beleidigend« (Lapper, 2005, S. 229). Zwei Themen sollen aus dem Zitat herausgegriffen und um weitere Aspekte ergänzt werden. Zum einen scheinen Tabubrüche, hier das Fragen nach sexuellen Praktiken, gegenüber Menschen mit visiblen Behinderungen ›erlaubt‹ zu sein. Wenngleich dies aufgrund des Beispiels nicht verallgemeinerbar ist, so stützt die Befragung von Fries (2005, S. 222 ff) diese Annahme der angenommenen ›Zulässigkeit‹ der Grenzüberschreitungen. Zum anderen ist mit der Frage nach sexuellen Praktiken eine deutliche Diskriminierung verbunden, die Frau Lapper als Beleidigung ihrer Person benennt. Diesbezüglich zeigt die aktuelle repräsentative Studie zur Lebenssituation von Frauen mit Behinderung in Deutschland, dass das Erleben von Diskriminierungen den Alltag der Frauen bestimmt: »Die in der Studie befragten Frauen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen haben fast durchgängig (zu 81–99%) direkte diskriminierende Handlungen durch Personen und Institutionen im Zusammenhang mit ihrer Behinderung erlebt« (Schröttle et al. 2012, S. 34). In Bezug auf sexuelle Entwicklung können diese Abwertungsprozesse erschwerend auf die Ausbildung einer selbstbestimmten und subjektiv befriedigenden Sexualität wirken.

Sexuelle Entwicklung von Kindern und Jugendlichen benötigt eine begleitende Sexualerziehung. Diese ist in Deutschland als gemeinsame Aufgabe von Elternhaus und Schule gesetzlich verankert (vgl. Ortland 2005). Die Lehrkräfte brauchen dazu u. a. kommunikative Kompetenzen im Bereich der Sexualität und die persönliche Fähigkeit, das Sprach- und Kommunikationstabu in diesem (erlaubten) schulischen Rahmen zu brechen. Sie bewegen sich damit in einem Spannungsfeld von auf der einen Seite notwendiger, gesellschaftlich erwünschter und institutionell verankerter sexualerzieherischer Thematisierung tabuisierter Themen bei auf der anderen Seite erforderlichem Einhalten von Grenzen zur Wahrung der Intimsphäre und Schamgrenzen aller Beteiligten. Auch das Erlernen von Scham und Intimität und den damit verbundenen sozialen Regeln gehört zur Sexualerziehung. Gründer und Stemmer-Lück (2013) beschreiben, dass es bei einem Tabubruch immer zu Gefühlen von »Peinlichkeit, Scham und Schuld wie auch Abscheu und Ekel kommt« (ebd., 18). So sind die professionell Agierenden in sexualpädagogischen und -andragogischen Zusammenhängen herausgefordert, durch entsprechende Reflexionsprozesse einen jeweils für alle Beteiligten passenden Weg zu finden, bei dem diese individuellen Gefühle wahrgenommen und respektiert werden und gleichzeitig angemessene und förderliche Begleitung realisiert werden kann. Weiterhin erfordert sexualpädagogisches Handeln mit Menschen mit Behinderung auch die Berücksichtigung behinderungsspezifischer Themen (z. B. Partnerfindung trotz Behinderung, die eigenen Möglichkeiten, Kinder zu bekommen und zu erziehen, Möglichkeiten unterstützter Sexualität). Diese werden in einer Befragung von Lehrkräften an der Förderschule mit dem Förderschwerpunkt körperliche/motorische Entwicklung (FkmE) durchweg als brisante Themen (›heiße Eisen‹) bewertet (vgl. Ortland, 2005, S. 152). Es kann vermutet werden, dass dies den geforderten ›Tabubruch‹ im Anforderungsniveau noch potenziert.

Die tägliche Assistenz bei Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf ist mit Herausforderungen verbunden, die von den begleitenden Personen eine intensivere Reflexion und Auseinandersetzung mit dem Thema sexuelle Selbstbestimmung erfordert. So berichtet z. B. die junge, schwer körperbehinderte Ronja, die in der Studie von Schabert (2008) interviewt wurde, von ihrem Wunsch, im Genitalbereich rasiert zu werden: »Meinen Sie (…), ich hab das einmal hingekriegt, das zu jemand zu sagen? Das ist ein Ding, das ist ein Ding der Unmöglichkeit (…), weil ich schon so oft mitgekriegt hab, dass die sagen: ›Nein, das mach ich nicht! Des ist ja schmutzig, richtig schmutzig.‹ Und dann möchte ich Ihnen mal was sagen. Dann haben wir eine Sportlehrerin und die duscht mit uns, und nach dem Duschen nimmt sie sich die Rasierklinge und rasiert sich die Haare weg. Und bei uns ist das ›wä – das mach ich nicht, das tu ich nicht. Pfui Teufel, was verlangst du da von mir!‹« (ebd., 127). Ronja ist bei dem Wunsch zur Gestaltung ihres Körpers aufgrund der Schwere ihrer motorischen Beeinträchtigung auf die fremde Hilfe angewiesen. Sexuelle Selbstbestimmung ist ihr in diesem Bereich nur möglich, wenn Mitarbeitende über ihre eigenen Schamgrenzen und subjektiv empfundenen Ekelgefühle hinweggehen und für sich diesen Tabubruch vollziehen.

Die Tabuierung von Sexualität hat bei allen Menschen ihre Berechtigung, wenn dies zum Schutz der Intimitäts- und Schamgrenzen und der sexuellen Selbstbestimmung aller Beteiligten realisiert wird. Die Tabuierung hat jedoch individuell negative Konsequenzen, wenn dadurch der individuelle Zugang zu der eigenen Entwicklungsressource der selbstbestimmten Sexualität verhindert wird. In der Sexualerziehung von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung sind Tabubrüche, im Sinne des Aufhebens von Kommunikationsverboten, in vertretbarem Maße angezeigt und nötig, um die für sie relevanten Lernprozesse zu ermöglichen und erzieherisch zu begleiten. Sozial angemessene Kommunikation über Sexualität sowie gesellschaftlich angemessenes sexuelles Verhalten sollen erlernt werden. Hier hat sich gezeigt, dass Mythen über die (A-)Sexualität von Menschen mit Behinderung eine konstruktive und angemessene Begleitung erschweren oder sogar verhindern. Im Bereich der alltäglichen Begleitung von Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf werden Mitarbeitende mit dem Wunsch nach Tabubrüchen konfrontiert. Pflegehandlungen erfordern Eingriffe in die Intimsphäre des anderen und erschweren die Ausbildung von Scham und Intimität (vgl. Ortland, 2007). Hier liegt die Herausforderung in dem Spannungsfeld von auf der einen Seite dem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung der Menschen mit Behinderung und auf der anderen Seite dem Recht auf Schutz der eigenen Intimität und der eigenen sexuellen Selbstbestimmung der Mitarbeitenden.

1.2        Sexuelle Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen mit Behinderung

Der Abbau von Mythen und Vorurteilen bzgl. der Sexualität von Menschen mit Behinderung (Mattke 2004; Walter 2013) kann über Wissensvermittlung im Bereich der sexuellen Entwicklung bei Menschen mit Behinderungen erreicht werden. Dies soll im Folgenden überblickshaft geschehen. Grundlegende Ausführungen zur sexuellen Entwicklung in Verbindung mit möglichen Besonderheiten bei Menschen mit Behinderung sind an anderen Stellen bereits ausführlich erfolgt (Ortland, 2008, 2011) und mit entsprechenden didaktisch-methodischen Vorschlägen versehen (Ortland, 2006, 2009).

Den folgenden Erörterungen liegt ein breites Verständnis von Sexualität zugrunde, das eine Eingrenzung auf genitale Sexualität ablehnt und fließende Grenzen zu sozialem Verhalten aufweist. Sexualität ist deutlich mehr als Geschlechtsverkehr. Die eigene Körperlichkeit zu erleben, sich als Mann oder Frau zu fühlen, sich als schön empfinden, das Erleben von Zärtlichkeit, Liebkosungen oder Selbstbefriedigung gehören u. a. wie auch analer, oraler oder genitaler Geschlechtsverkehr zur Sexualität. Jeder Mensch, unabhängig von seinen/ihren körperlichen oder kognitiven Voraussetzungen hat Sexualität, und diese umfasst den ganzen Menschen in seinem Erleben. Sie ist eine Lebensenergie, deren Aus- und Erleben als beglückend und Kraft gebend empfunden werden kann. Ein Mangel kann bedrücken oder auch zu Aggressionen führen. Alle Menschen haben ihr Leben lang Sexualität. Sie wird gelernt, in höchst unterschiedlicher Intensität ausgelebt und sehr individuell für das eigene Leben als notwendig oder wichtig bewertet. Sie verändert sich im Laufe eines jeden Lebens, ist in einzelnen Lebensphasen subjektiv unterschiedlich bedeutsam und ist in vielen, positiven und negativen, Facetten erfahrbar.

Die Entwicklung von Sexualität ist durch die sexuelle Motivation, die jeweiligen gesellschaftlichen, kulturell geprägten Sexualnormen, das eigene Sexualverhalten sowie die sexuelle Orientierung determiniert (vgl. Kluge, 2013, S. 72). Diese Determinanten können bei Menschen mit Behinderung eine Veränderung erfahren. So kann bzgl. der sexuellen Motivation z. B. die hormonelle Situation durch bestimmte Medikamente (z. B. Antiepileptika) verändert sein. Ebenso können dauerhafte Schmerzen die sexuelle Motivation negativ beeinflussen. In Bezug auf Sexualnormen sind sie mit Mythen oder Vorurteilen konfrontiert, die ihnen Sexualität absprechen, weil sie als ›ewige Kinder‹ infantilisiert werden. Sowohl sexualfeindliche Lebenswelten als auch veränderte eigene Lebensvoraussetzungen können ihre Möglichkeiten im Ausleben der Sexualität einschränken, so dass weniger oder andere Lernerfahrungen in Bezug auf das Sexualverhalten vorliegen. Homosexuelle Orientierungen führen häufig zu einer doppelten (behinderter Mann und schwul) oder dreifachen (Frau, behindert, lesbisch) Diskriminierung.

Die sexuelle Entwicklung kann in der Kindheit und Jugendzeit grob in drei Phasen unterteilt werden, die im Folgenden als Struktur dienen: Im frühen Kindesalter (0–6 Jahre) liegt der Schwerpunkt auf vielfältigen Erfahrungen mit dem eigene Körper und der Erprobung von Sozialkontakten außerhalb der Familie. In der mittleren Kindheit (Schuleintritt bis Beginn der Pubertät) wiederholen sich die Themen der frühen Kindheit in neuer Qualität. Das Jugendalter wird entwicklungspsychologisch unter der Perspektive der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben beschrieben (vgl. Fend, 2003). Gerade bei Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen können sich entsprechende Erfahrungen in spätere Lebensalter verschieben.

Frühes Kindesalter

Die sehr frühen Erfahrungen im Leben eines jeden Menschen beeinflussen den Aufbau des Körperbildes und das Bindungsverhalten. Die Körperwärme der Bezugsperson, Liebkosungen, gehalten und getragen werden, ganzkörperlich angenehme Erfahrungen unterstützen ein positives Erleben des eigenen Körpers. Bereits pränatal vorhandene Schädigungen, Frühgeburten oder auch traumatische Erlebnisse für Mutter und Kind durch z. B. lebensbedrohlich verlaufende Geburten können dieses frühe Erleben und den Aufbau von Bindung sehr empfindlich stören (vgl. Kühn & Kalber, 2014). Mit Zunahme ihrer motorischen Möglichkeiten entdecken die Kinder ihren gesamten Körper und so auch die Möglichkeiten zu Selbststimulation im Genitalbereich. Es schließt sich die Fähigkeit zur Beherrschung des Schließmuskels an. Diese Fähigkeiten erlangen Kinder mit Behinderung nicht immer oder deutlich später, so dass sehr grundlegende Erfahrungen von Festhalten und Loslassen oft nicht oder später gemacht werden können. Auch zur Abgrenzung in der Trotzphase und zur Formulierung der vielen Fragen nach dem ›Warum‹ braucht es entsprechende sprachliche und kognitive Möglichkeiten. In einer Kindergruppe üben die Kinder rollenspezifisches Verhalten z. B. durch Vater-Mutter-Kind-Spiele. Enge Freundschaften können sich bilden und somit Beziehungserfahrungen gemacht werden. Die eigenen körperlichen Möglichkeiten in Bezug auf Kraft, Bewegung und Körperbeherrschung werden erprobt, so dass sich das Gefühl für den eigenen Körper weiter entwickeln kann. Doktorspiele dienen zur Erkundung der Unterschiede zwischen dem eigenen und dem anderen Geschlecht und tragen so zur Entwicklung der eigenen Geschlechtsidentität bei. Windeln sind hier oft hinderlich. Ebenso fangen die Kinder an, in sehr unterschiedlicher Ausprägung und abhängig von familiären Schamregeln, Schamgefühl zu entwickeln. Dies ist durch Pflegeabhängigkeit deutlich erschwert.

Mittlere Kindheit

In der mittleren Kindheit wiederholen sich die Themen der frühen Kindheit: Doktorspiele, Selbststimulation, Erfahrungen mit Verliebtsein, Fragen zu Geschlechtsverkehr, Schwangerschaft und Geburt sowie das Einfinden in die Geschlechterrolle als Junge oder Mädchen.

Diese Themen realisieren sich aber nun vor dem Hintergrund einer neuen sozialen Gruppe in der Schule, schulischer Sexualerziehung, neuer Zugang zu Medien, mehr Freiräumen durch mehr Selbständigkeit und mehr eigenen Kompetenzen. Für Kinder mit Behinderung kann sich das anders darstellen und zwar sowohl in Bezug auf die Möglichkeiten, neue Erfahrungen zu machen, als auch auf die Bewertung der Erfahrungen im Rahmen der (sexuellen) Selbstkonzeptentwicklung. Veränderungen sind jedoch nicht allein vom Grad der Beeinträchtigung der eigenen Kompetenzen abhängig. Auf der personalen Ebene sind z. B. auch die eigene Selbstwertschätzung, die Form der Kontrollüberzeugungen oder die Bewertung der eigenen Behinderung (als Schicksal oder als Herausforderung) bedeutsam. Auf der sozialen Ebene spielen z. B. Verlässlichkeit der Erziehungsbedingungen, der Anregungsgehalt der Umgebung oder die Akzeptanz durch Eltern und Umfeld eine Rolle. Ebenso haben gesellschaftliche-strukturelle Faktoren auf die Entwicklung der Kinder und später Jugendlichen Einfluss (vgl. Leyendecker, 2006, S. 21 f).

Jugendalter

Im Jugendalter stehen alle Jugendlichen vor der Herausforderung der Ausbildung/Weiterentwicklung der eigenen Identität. Exemplarische Entwicklungsaufgaben sind z. B. nach Fend (2003), den eigenen Körper bewohnen zu lernen, Umgang mit Sexualität zu lernen und Umbau der sozialen Beziehungen.

Für Jugendliche mit Behinderung kann die individuelle Bearbeitung der Entwicklungsaufgaben, die in einem ko-konstruktiven Prozess zwischen ihm/ihr und dem jeweiligen Umfeld (Familie, Schule etc.) in gegenseitiger Einflussnahme realisiert wird (vgl. Fend 2003, 208 f), mit besonderen Herausforderungen verbunden sein. Auf gesellschaftlich-struktureller Ebene erschweren z. B. mangelnde Möglichkeiten der Teilhabe in der Freizeit (BMAS 2013, S. 210) und der Mobilität (ebd., 175) die Möglichkeit, andere Menschen kennen zu lernen, Partner/innen zu finden oder sexuelle Erfahrungen zu machen. Stigmatisierungsprozesse und erlebte Diskriminierungen (Schröttle et al., 2012, S. 34) sowie die Vermeidung von Kontakten durch Menschen ohne Behinderung oder erlebte Kontaktabbrüche können im sozialen Bereich als abwertende Erfahrungen erlebt werden und verunsichern. Dies wird in einem autobiografischen Zitat aus der Jugendzeit des an Muskeldystrophie erkrankten Hans-Joachim Stelzer deutlich: »Kontaktschwierigkeiten kannte ich nicht! Sobald aber meine Kontaktversuche einen sexuellen Unterton erhielten, verklemmte und blockierte ich mich total. Ich fühlte mich schüchtern und irgendwie minderwertig. (…) Es war nicht die Furcht vor der ganz normalen Ablehnung, mit der man immer rechnen musste, wenn man einen Beziehungsversuch startete. (…) Ich fürchtete mich aber vor einer Ablehnung wegen meiner Behinderung. Mein Selbstbewusstsein war damals noch nicht so stark gefestigt, als dass ich souverän mit solch einer behinderungsbedingten Ablehnung umzugehen gewusst hätte« (Stelzer, 2011, S. 118 f). Häufig fehlen Vorbilder oder Gesprächspartner/innen mit Behinderung, mit denen Unsicherheiten, Ängste oder auch erfreuliche, erotische Erfahrungen thematisiert und geteilt werden könnten. Pflegeabhängigkeit kann ebenso das Erleben von Sexualität und auch die Bewertung der eigenen Lebenssituation mit Behinderung verändern. Die Progredienz einer Behinderung und den damit verbundenen Verlust an Selbständigkeit beschreibt Stelzer wiederum sehr eindrücklich: »Mein Status als ›Selbstabwischer‹ (auf der Toilette, B.O.) verabschiedete sich langsam aber kontinuierlich. (…) Dabei spielte es keine Rolle, dass meine weiblichen und männlichen Behindertenassistenten sehr einfühlsam mit dieser Situation umgingen. Mein Behindertsein schlug voll durch, an einer Stelle, wo ich ›seelisch entblößt‹, gefühlsmäßig aufgewühlt war und keine Schutzmechanismen zur Verfügung standen« (ebd., S. 220).

Durch die Behinderung, Pflegeabhängigkeit, erlebte Fremdbestimmung, das Leben in Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen sowie oft fehlende oder nur kleine soziale Netzwerke sind die jungen Männer und Frauen besonders gefährdet, Opfer sexueller Gewalt zu werden (vgl. Zemp, 2011). Diese Gefährdung, aber auch die Angst vor ungewollten Schwangerschaften führt häufig zu prophylaktischer Verhütung (vgl. Schröttle et al., 2012, S. 41) und/oder zu einem sehr behütenden Erziehungsverhalten der Begleitpersonen. Dies ist bei Töchtern deutlicher ausgeprägt als bei Söhnen (vgl. Leue-Käding, 2004) und erschwert, sexuelle Erfahrungen zu machen. Sexuelle Erfahrungen sind in Kombination mit angemessener Sexualerziehung wiederum nötig, um zum einen sexuelle Übergriffe als solche erkennen und benennen zu können und zum anderen zu einer subjektiv befriedigenden Sexualität und Sicherheit im sexuellen Verhalten zu gelangen. Es zeigt sich ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt.

Abschließend ist bei allen möglichen Veränderungen der sexuellen Erfahrungen in der gesamten sexuellen Entwicklung zu betonen, dass Menschen mit Behinderung keine behinderte Sexualität haben. Häufig werden sie in ihrer individuellen sexuellen Entwicklung durch ihr eher sexualfeindliches Umfeld behindert und erhalten zu wenig förderliche, Mut machende und Freiräume eröffnende Unterstützung. Zum Abschluss sollen deshalb aktuelle, ausgewählte Ergebnisse einer Mitarbeitendenbefragung dargestellt werden, in der die zu Beginn schon benannte Verquickung verschiedener Faktoren deutlich wird (Ortland, 2013). Ebenso wird dargestellt werden, dass sich in institutionellen Zusammenhängen eigene Normen von angemessenen sexuellen Verhalten entwickeln können, welche gesellschaftlichen Normen diametral entgegenstehen.

1.3        Sexuelle Selbstbestimmung in einer Wohneinrichtung

In dieser nicht repräsentativen Erhebung wurden Mitarbeitende aus sechs Wohneinrichtungen der Eingliederungshilfe, in denen vorrangig Erwachsene mit geistiger Behinderung leben, mit einem Fragebogen schriftlich und in anonymisierter Form befragt. Aufgrund der breiten Datenlage (N = 640) geben die Ergebnisse deutliche Hinweise auf die Situation aus der Perspektive der Mitarbeitenden. Folgende Forschungsfragen leiteten die Studie:

•  Welche Erfahrungen machen die Mitarbeitenden im Bereich »sexuelle Selbstbestimmung« mit den Bewohner(innen)? Wie bewerten sie diese Erfahrungen?

•  Welche Veränderungsnotwendigkeiten und -möglichkeiten sehen die Mitarbeitenden in diesem Bereich?

•  Welche Unterstützung benötigen Sie zur Realisierung von Veränderungen?

Erfahrungen der Mitarbeitenden und deren Bewertung

Zur Erfassung der sexuellen Verhaltensweisen, mit denen die Mitarbeitenden (MA) in ihrem Arbeitsalltag in den Wohngruppen konfrontiert werden, erhielten sie eine umfangreiche Itemliste (124 Items), auf der sie ankreuzen sollten, welche sexuellen Verhaltensweisen sie bei den männlichen oder weiblichen Bewohner/innen oder bei Bewohner-Paaren wahrnehmen. Dazu wurde drei Situationen unterschieden: Bewohner/in (bzw. Bewohner-Paare) alleine/fühlen sich unbeobachtet, Bewohner/in (bzw. Bewohner-Paare) in Situation mit Mitbewohner/innen oder Bewohner/in (bzw. Bewohner-Paare) in Situation mit Mitarbeitender/m.

Als ein zentrales Ergebnis der Befragung kann festgehalten werden, dass die Befragten mit einer Vielzahl von sexuellen Verhaltensweisen der Bewohner/innen in ihrem Arbeitsalltag konfrontiert werden: Homo- und heterosexuelles Verhalten, vielfältige Formen von Selbststimulation, umarmen/küssen/anfassen an Brust oder im Genitalbereich von Mitbewohner/innen oder Mitarbeitenden, Pornografiekonsum, analer, oraler oder genitaler Geschlechtsverkehr, Transsexualität, Schmieren mit Kot oder Menstruationsblut, Frage nach sexuellen Hilfsmitteln oder Unterstützung beim Geschlechtsverkehr und vieles mehr. Eine Prüfung der Ergebnisse in Bezug auf das Geschlecht der befragten Mitarbeitenden ergab keine signifikanten Unterschiede.

Von besonderem Interesse in Bezug auf die anfangs aufgeworfene Diskussion um Tabuierung der Sexualität bei Menschen mit Behinderung erscheinen hier die Ergebnisse in Bezug auf die sexuellen Verhaltensweisen, in die die Mitarbeitenden direkt von den Bewohner/innen involviert werden. In Abbildung 1 werden Verhaltensweisen, die mindestens jeder 10. Befragte erlebt hat, dargestellt.

Es wird deutlich, dass viele der Befragten sexuelle Verhaltensweisen der Bewohner/innen erleben, in die sie direkt involviert werden (z. B. umarmen, küssen, nach Freund/in gefragt werden), sie Beobachter/in intimer Handlungen sind (Selbstbefriedigung im Beisein der MA) oder direkt zum Objekt der Sexualität der Bewohner/innen werden (Wunsch nach Liebesbeziehung zu MA, sexuelle Erregung durch Anwesenheit der MA).

Images

Abb. 1: Prozentualer Anteil der gültigen Nennungen bei »häufig« und »manchmal« auf die Frage »Welche der folgenden sexuellen Verhaltensweisen der Bewohner/innen begegnen Ihnen bei Ihrer Arbeit in der Wohneinrichtung (Items zu Bew. in Situation mit MA)?« aufsteigend sortiert nach den meisten gezeigten Verhaltensweisen der Bewohnerinnen

Die Befragten wurden weiterhin gebeten zu markieren, welche der von den Bewohner/innen gezeigten sexuellen Verhaltensweisen sie als störend im Gruppenalltag erleben. Diese Ergebnisse sind in Abbildung 2 dargestellt. Hier ist zu beachten, dass die Grundgesamtheit der Befragten bei den einzelnen Items jeweils unterschiedlich ist, da es sich nur um diejenigen handelt, die das Verhalten im Arbeitsalltag wahrnehmen. Es handelt sich also um die jeweilige Teilgruppe, die aus Abbildung 1 abzulesen ist. Beispiel: Von den insgesamt Befragten erleben 51,3%, dass Bewohnerinnen sie versuchen zu umarmen, zu küssen oder bei ihnen auf den Schoß zu setzen. Von diesen stört das 14%.

Images

Abb. 2: Prozentualer Anteil der gültigen Nennungen auf die Aufforderung »Kreisen Sie bitte die Verhaltenswiesen ein, die Sie im gruppenalltag für Einzelne oder alle Beteiligten als besonders störend bzw. hinderlicher leben«.

Es fällt bei den Ergebnissen der vorliegenden Studie auf, dass die Bewertung der verschiedenen sexuellen Verhaltensweisen der Bewohner/innen als störend/hinderlich im Gruppenalltag eher geringe Störungswerte erhält. Ein Vergleich mit den Ergebnissen der Lehrkräftebefragung an Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt körperliche/motorische Entwicklung (FkmE) (Ortland, 2005) erhärtet diesen Eindruck.

Die Lehrkräfte sollten ebenfalls gezeigtes sexuelles Verhalten der Schüler/innen und die durch die Lehrkräfte empfundene Störung bewerten (vgl. Ortland, 2005, 107 ff). Die Verhaltensweisen, die als am meisten störend empfunden wurden, beziehen sich auf Eingriffe in die Intimsphäre der Mitschüler/innen oder Lehrkräfte selbst. Dieser inhaltliche Zusammenhang ist vergleichbar mit den Ergebnissen der befragten Mitarbeitenden in den Wohneinrichtungen. Hier konnte folgender Zusammenhang festgestellt werden: Je invasiver ein Verhalten ist und in die Intimsphäre der Mitbewohner/innen oder Mitarbeitenden eingreift, umso mehr der Befragten bewerten das Verhalten als störend im Gruppenalltag.

Allerdings unterscheidet sich die Anzahl der Lehrkräfte, die Verhaltensweisen der Schüler/innen als störend erleben, erheblich von der Anzahl der Mitarbeitenden, die Verhalten der Bewohner/innen als störend bewertet. Z.B. wird selbststimulierenden Verhalten in der Pflege von Schüler/innen von 85,4% der befragten Lehrkräfte als störend bewertet. Von den befragten Mitarbeitenden aus Wohneinrichtungen, die dieses Verhalten erleben, bewerten es 3,3% bei Bewohnern und 2,5% bei Bewohnerinnen als störend. In Pflegesituationen wird selbststimulierendes Verhalten der Kinder/Jugendlichen mit Behinderung durch die Lehrkräfte also 25-fach als störender bewertet als bei den Erwachsenen mit Behinderung durch die Befragten. Die Eingriffe in die Intimsphäre der befragten Erwachsenen durch die Kinder/Jugendlichen bzw. Erwachsenen mit Behinderung werden durchschnittlich im schulischen Kontext als 3–4 Mal störender bewertet als im Wohngruppenkontext. Diese Unterschiede sind gravierend.

Es drängt sich die Frage auf, ob Mitarbeitende im Wohnkontext toleranter sind als Lehrkräfte an Förderschulen FkmE oder ob in Wohneinrichtungen andere Normen bzw. Tabus in Bezug auf sexuelle Verhaltensweisen der Menschen mit Behinderung gelten? Weder die Berücksichtigung der Unterschiedlichkeit des Kontextes noch mögliche Überlegungen zu sozialer Erwünschtheit der Antworten der befragten Mitarbeitenden sind m.E. ausreichend, um diesen großen Unterschied, gerade im Kontext Pflege, zu erklären.

Ein möglicher Erklärungsansatz für das geringe Störungsempfinden könnte darin liegen, dass die Mitarbeitenden die erwachsenen Bewohner/innen in ihren sexuellen Verhaltensweisen nicht ernst genug nehmen, d. h. sie zu wenig als Erwachsene anerkennen, deren sexuelle Verhaltensweisen stören, Schamgefühle hervorrufen und nicht im öffentlichen Kontext der Wohngruppe toleriert werden. Diese Annahme lässt sich durch die starke Dominanz behinderungsbedingter Erklärungsmodelle für die sexuellen Verhaltensweisen der Bewohner/innen stützen. Die Befragung erbrachte diesbezüglich das Ergebnis (vgl. Ortland, 2013, S. 85 ff.), dass die Bewohner/innen von den Mitarbeitenden vorrangig als ›Behinderte‹ gesehen werden, die sich nicht anders verhalten können als sie es tun. So erhielt z. B. das Item »Bewohner/innen haben durch Behinderung kein Verständnis von eigener Sexualität und angemessenen Verhaltensweisen« von 90,6% der Befragten Zustimmung. 90% der Befragten stimmten der Aussage »Bewohner/innen haben durch Behinderung kein Verständnis von Privat-/Intimsphäre« zu. Den Bewohner/innen werden somit – pointiert formuliert – als »Behinderten ohne Entwicklungspotential im Bereich Sexualität« Veränderungsmöglichkeiten aus sich heraus weitestgehend abgesprochen. Die damit verbundene Abwertung der Bewohner/innen als ›handlungsunfähig‹ in Bezug auf ihre sexuellen Verhaltensweisen ermöglicht es scheinbar vielen der Befragten, die Verhaltensweisen als nicht störend zu erleben. Dies wäre ein mögliches Erklärungsmodell.

Schaut man sich die Auswertung der Frage nach den angenommenen Gründen für die genannten vielfältigen sexuellen Verhaltensweisen der Bewohner/innen in der Gesamtschau an, so ergibt sich ein eher diffuses Bild: strukturelle und behinderungsbedingte Erklärungsmodelle haben in gleicher Intensität bei den Befragten – trotz ihrer Widersprüchlichkeit – nebeneinander Bestand. So bekamen folgende Aussagen die angegebene Zustimmung der befragten Mitarbeitenden:

•  »Bewohner/innen haben in der Einrichtung kaum Möglichkeit, Partner/in zu finden«: 89,9%,

•  »Bewohner/innen haben in Einrichtung keine Möglichkeit, ihre sexuellen Wünsche zu leben«: 84,8%

•  »Viele Mitarbeitende wollen nicht wahrhaben, dass Bewohner/innen Sexualität haben und leben wollen«: 75,9%

•  »Mitarbeitende beachten die Intim-/Privatsphäre in der Wohneinrichtung nicht (z. B. ins Bad kommen, ohne anzuklopfen)«: 64,6%

Positive Konnotationen von sexuellen Verhaltensweisen finden sich ebenso.

•  »Sexuelles Verhalten ist Ausdruck von Freude/Lust an Gefühlen/körperlichem Erleben«: 96,6%

•  »Sexuelles Verhalten als Ausdruck von Wunsch nach Nähe/Zuwendung«: 84,6%

•  »Bewohner/innen erleben sich durch die eigene Sexualität als gleichwertige Erwachsene«: 80,1%

Trotz der von fast allen Befragten geteilten Annahme, dass die Bewohner/innen aufgrund ihrer Behinderung nicht in der Lage sind, andere sexuelle Verhaltensweisen zu erlernen, werden strukturelle Hindernisse in der Einrichtung sowie inadäquates Verhalten der Mitarbeitenden ebenso deutlich als Gründe für die sexuellen Verhaltensweisen gesehen. Auf der einen Seite wird z. B. den Bewohner/innen abgesprochen, aufgrund ihrer Behinderung ein angemessenes Verständnis von Privatheit und Intimsphäre zu erlernen, und auf der anderen Seite wird als Grund dafür der mangelnde Schutz der Privat- und Intimsphäre durch die Mitarbeitenden gesehen.

Ähnliche Widersprüche beschreiben Jeschke, Wille & Fegert (2006) in ihrer Analyse der Diskurse von Mitarbeitenden in Wohneinrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung. Exemplarisch sollen an dieser Stelle die Ausführungen zur Thematik der Sexualaufklärung aus ihrer Erhebung aufgegriffen werden. Das von Jeschke, Wille & Fegert interviewte Personal gibt als Gründe für nicht stattfindende Aufklärungsgespräche zum einen ungünstige Rahmenbedingungen und unklare Zuständigkeiten an und zum anderen, dass die Bewohner/innen die Aufklärung von sich aus nicht einfordern würden oder sich noch kein geeigneter Zeitpunkt finden ließe. Die Autoren/innen analysieren: »Das Verschweigen der potenziellen eigenen Scheu vor dem Thema und das Anführen nicht beeinflussbarer und legitimierbarer Gründe für die kaum stattfindende Sexualaufklärung im Zusammenhang mit der häufigen Betonung der eigenen Offenheit weist insgesamt darauf hin, dass auch hier die Alltagspraxis zugunsten des Selbstbildes der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verzerrt wiedergegeben wird. Begründungen, die vom jeweiligen Interviewten nicht zu verantworten sind, entlasten diese bzgl. der Verantwortung für die tägliche Praxis und machen den Widerspruch zwischen der eigenen Offenheit und der tatsächlich nur rudimentär stattfindenden Aufklärung lebbar« (ebd., 262).

Dieser Argumentationszusammenhang lässt sich m.E. auf die vorliegenden Ergebnisse übertragen: Die Konfrontation mit vielfältigen sexuellen Verhaltensweisen, bei denen die Bewohner/innen zum Teil deutlich in die Intimsphäre der Mitarbeitenden eingreifen und von den Befragten eine große Offenheit gegenüber sehr individuellen Formen sexueller Selbstbestimmung benötigt wird, lassen sich vielleicht nur als Bestandteil der täglichen Arbeit ›ertragen‹, weil sie als behinderungsbedingt verursacht bewertet werden oder ursächlich in von den Mitarbeitenden nicht beeinflussbaren strukturellen Bedingungen liegen. Damit würden die Mitarbeitenden keine explizite Verantwortung dafür tragen, aber auch keine oder nur sehr eingeschränkte Beeinflussungsmöglichkeiten haben. Dies könnte eine Erklärung sein für die geringe Anzahl der Mitarbeitenden, die Verhaltensweisen als störend/hinderlich im Gruppenalltag bewerten oder sich durch sexuelle Verhaltensweisen der Bewohner/innen subjektiv stark belastet fühlen.

Werden sexuelle Phänomene allerdings allein als behinderungsbedingt verursacht gesehen, so entfallen viele Handlungsoptionen. Eine solche Haltung kann negative Effekte haben, wie sie Jeschke, Wille & Fegert (2006, 286) beschreiben: »Die Festschreibung der Defizite schränkt die Betroffenen von vorherein in ihren Entwicklungsmöglichkeiten ein. (…) Die defizitorientierte Perspektive bestätigt sich immer wieder selbst und führt zu den – oft im Kontext einer Legitimation der Praxis – anzutreffenden Tautologien über die (vermeintliche) Bedürfnislosigkeit der Bewohnerinnen und Bewohner, z. B. bzgl. der Sexualaufklärung oder der (vermeintlichen) Unfähigkeit der Betroffenen, z. B. mit Übernachtung von Gästen bzw. mit Kondomen umzugehen« (ebd.).

Fabian (1996) macht in ihrer Analyse bisheriger Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Mitarbeitendeneinstellungen und deren Handlungsweisen gegenüber Menschen mit geistiger Behinderung folgenden Zusammenhang deutlich: »Eine Reihe von Untersuchungen (…) lassen auf einen Zusammenhang zwischen positiven Erwartungen an die Möglichkeiten der Klienten und dem Interaktionsverhalten der Mitarbeiter gegenüber den geistig behinderten Klienten schließen. Mitarbeiter, die den Möglichkeiten der Klienten gegenüber optimistischer eingestellt waren, zeigten häufiger akzeptierende und funktionale Interaktionen, schätzten sich selbst als hilfsbereiter den Klienten gegenüber ein und gestalteten das Umfeld des Klienten weniger restriktiv« (ebd., S. 66). Mit behinderungsbedingten Erklärungsmodellen sind keine positiven Erwartungen an die Klienten verbunden, sondern eher das Gegenteil ist der Fall. Die Befragten mit diesen Einstellungen haben wahrscheinlich keine Veränderungserwartungen an die Klienten. Damit ist wiederum aus der angenommenen Unveränderbarkeit des Verhaltens der Bewohner/innen erklärbar, dass Verhaltensweisen als eher weniger störend bewertet werden und die eigene Belastung als eher gering eingeschätzt wird. Es handelt sich dabei um eine Einschätzung, die dringend durchbrochen werden muss.

1.4        Abschließende Überlegungen