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5. Auflage 2017
 
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Redaktion: Antje Steinhäuser
Umschlaggestaltung: Laura Osswald
Umschlagabbildung: Shutterstock
Bildbearbeitung: Pamela Machleidt
Satz: Carsten Klein, München
E-Book: Daniel Förster, Belgern
 
ISBN Print 978-3-86882-564-0
ISBN E-Book (PDF) 978-3-86415-738-7
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-86415-739-4
 
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In Erinnerung und in Liebe an meinen Vater Michael Hoffmann, der kurz vor der Veröffentlichung dieses Buches ganz unerwartet starb.

Ich bin ihm sehr dankbar, dass er mich von Anfang an in der Wahl meines ungewöhnlichen Berufs unterstützte, an mich glaubte und mich immer ermunterte, komplizierte Dinge einfach auszudrücken.

Inhaltsverzeichnis

Titel
Impressum
Widmung
Vorwort

Kriminalpsychologie: Die Frage nach der Motivation des Menschen
Warum der Vampir von Düsseldorf und ein Diktator taten, was sie taten
Persönlichkeitsstile: Was Persönlichkeit ist
Warum Psychopathen einfach dazugehören
Profiling: Weit mehr als Täterprofile
Was Worte über uns sagen und Facebook über uns verrät
Narzissmus: Ich bin ein Star
Grandiosität bis zum Schluss und warum Gerhard Schröder eigentlich immer noch Kanzler ist
Integrität: Was uns Grenzen überschreiten lässt
In Sachen zu Guttenberg und Middelhoff
Psychopathie: Gefühlskälte und Dominanz
Wenn Machtgier das Herz ersetzt
Manipulationen erkennen: Die Beeinflussung des Menschen
Warum wir geben wollen, wenn uns etwas gegeben wird, und wie andere genau das ausnutzen
Die dramatische Persönlichkeit: Aufmerksamkeit ist alles
Was Karl May mit Harald Glööckler verbindet
Psychologie des Betrügers: Stufen einer Pyramide
Was uns für Mondraketen zahlen lässt
Die wachsame Persönlichkeit: Sicherheit durch Kontrolle
Warum Angela Merkel so wenig von sich preisgibt
Die querulatorische Persönlichkeit: Aus Wut am Scheitern
Wenn Hartnäckigkeit zu einem Problem wird
Die strukturliebende Persönlichkeit: Sicherheit durch Struktur
Wo die Grenze zwischen detailverliebt und zwanghaft liegt
Lügenerkennung: Der Heilige Gral der Kriminalpsychologie
Was micro expressions, Worte und Körperhaltung verraten
Die passiv-aggressive Persönlichkeit: Der verdeckte Widerstand
Wenn Zuspätkommen zur Protesthaltung wird
Aggression: Zwischen kalter Wut und heißer Wut
Wie urzeitliche Verhaltensmuster uns bis heute prägen
Der Bosstyp: Die Dominanz des Rudelführers
Warum ein Wladimir Putin Stärke respektiert und Schwäche verachtet
Böse Chefs: Der Aufstieg von Psychopathen in Führungsetagen
Karriere mit Charisma statt Können
Die anhängliche Persönlichkeit – Schwäche mit Stärken
Warum Abhängigkeit von anderen auch Vorzüge haben kann

Fazit
Quellen
Danksagung
Über den Autor

Vorwort

Auf unserem Planeten leben mehr als sieben Milliarden Menschen, und es werden täglich mehr. Doch das Verhalten all dieser Frauen, Männer und Kinder wird bestimmt durch nicht mehr als 15 Persönlichkeitsstile, von denen jeder Mensch wiederum meist gerade einmal zwei dieser Stile in einer markanten und für ihn charakteristischen Ausprägung zeigt. Diese Stile prägen, wie eine Person denkt, fühlt und wie sie handelt. Sie entscheiden damit auch, ob jemand ohne Rücksicht auf andere seine Ziele verfolgt, ob er eher vorsichtig und wachsam durch sein Leben geht oder ob er vielleicht Probleme mit Autoritäten hat.

Von diesen Stilen gibt es einerseits also eine überschaubare Anzahl, andererseits sind sie sehr komplex und daher häufig schwer zu erkennen. Für mich besonders faszinierend ist die Tatsache, dass das Wissen über diese Persönlichkeitsstile teils schon Jahrtausende alt ist. Daher ist dieses Wissen sehr umfangreich – nur wurde lange behauptet, es hätte allein für Psychiater einen Wert. Und zwar, um Menschen zu diagnostizieren und dann zu behandeln, die tatsächlich psychisch krank sind.

Tatsächlich aber umfasst diese Charakterologie, wie sie auch genannt wird, einen großen Reichtum an fundierten Erkenntnissen, den wir alle nutzen können. Es wird uns dadurch möglich, andere Menschen besser und vorurteilsfreier einzuschätzen sowie uns selbst besser kennenzulernen. Das ist meiner Überzeugung nach hilfreich für eine große Zahl von Menschen, im beruflichen wie im privaten Umgang.

Ich bin außerdem davon überzeugt, dass die Zeit wieder gekommen ist, dieses Wissen besser zu nutzen. Viel zu lange waren wir dominiert von Statistik und formalen Modellen, wenn es um die Erforschung der Persönlichkeit ging.

An diesem Punkt kommt nun die Kriminalpsychologie ins Spiel. Sie hat gerade in jüngerer Zeit nach einem längeren Schlaf wieder deutlich an Bedeutung gewonnen, und sie hat inzwischen auch erneut viel Praxiserfahrung sammeln können. Gesprochen wird über Kriminalpsychologie häufig nur in Zusammenhang mit Mord oder Totschlag. Doch sie beschäftigt sich gerade in jüngerer Zeit verstärkt mit Themen wie Manipulation oder Betrug, zudem sucht die Kriminalpsychologie immer auch in anderen Bereichen der Psychologie nach Strategien und Erkenntnissen, die sie nutzen kann.

Ich selbst beschäftige mich seit mehr als 15 Jahren mit diesem Bereich, und ich konnte in dieser Zeit eine große Menge an handfestem Wissen sammeln. Als Kriminalpsychologe brauche ich viel von dieser Erfahrung – gleichermaßen lässt sich dieses Wissen aber auch weitergeben. Ich frage mich daher immer wieder, was ich anderen Berufsgruppen auf Basis meiner Erfahrungen und der Kriminalpsychologie vermitteln kann, was davon für einzelne Menschen oder ganze Unternehmen Bedeutung haben könnte.

Vor diesem Hintergrund ist die Grundidee für dieses Buch entstanden. Ich weiß durch meine Arbeit, dass für eine Persönlichkeitsanalyse ein sehr großer Erfahrungsschatz benötigt wird. Man darf sie zudem nicht überhastet angehen und so vielleicht vorschnell eine Hypothese aufstellen, die einen Menschen in eine falsche Schublade steckt. Menschen zu entschlüsseln ist eine komplexe Angelegenheit. Gleichzeitig möchte ich doch mein Wissen über die Persönlichkeitsstile sowie das Erkennen beziehungsweise Beurteilen solcher Stile weitergeben – denn es ist für jeden Menschen von großem Wert. Wir können auf diese Weise vielleicht besser verstehen, warum sich ein Kollege so verhält, wie er sich verhält. Oder warum ein Freund auf eine bestimmte Situation so vollkommen anders reagiert als man selbst. Warum es in der Partnerschaft immer wieder einmal zu problematischen Momenten kommen kann, deren Ursache nur scheinbar im Dunkeln liegt.

In den folgenden Kapiteln werde ich daher auf einige besonders interessante Persönlichkeitsstile intensiver eingehen. Ich werde erläutern, warum wir Psychopathen nicht nur hinter Gittern, sondern immer wieder auch in Vorstandsetagen finden – und wie wir am besten mit solchen Menschen umgehen. Der narzisstische Persönlichkeitsstil wird erklärt und im Rahmen der Möglichkeiten dieses Buches analysiert. Dies versuche ich ebenfalls mit weniger auffälligen Persönlichkeiten, wie etwa dem passiv-aggressiven Menschen, der uns das Leben schwer machen kann, gerade weil wir ihn so schwer erkennen. Es wird außerdem darum gehen, was eine wachsame Persönlichkeit wie die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel von einem Bosstypen wie Wladimir Putin unterscheidet. Zusätzlich werde ich weitere Themen behandeln, die eng mit den Persönlichkeitsstilen und deren Erkennen zusammenhängen. Dabei wird es um Lügen, Betrug, Manipulation von Menschen und um Integrität gehen.

Vielleicht werden am Ende dieses Buches viele Leser ihr Umfeld in einem etwas anderen Licht sehen, mit einem verbesserten Verständnis für andere Menschen und sich selbst. Sie werden Wissen mit auf den Weg bekommen, welches ihnen am Arbeitsplatz eine Hilfe sein wird. Und sie werden Bücher von Karl May in gewisser Hinsicht ebenso anders lesen, wie sie die Person eines Oskar Schindler neu bewerten.

Kriminalpsychologie: Die Frage nach der Motivation des Menschen

Warum der Vampir von Düsseldorf und ein Diktator taten, was sie taten

Beginnen möchte ich mit einer Enttäuschung für diejenigen, die bei dem Begriff Kriminalpsychologe automatisch an einen Profiler denken: Letzterer ist durch Filme und Bücher zu einer fast schon mythischen Gestalt stilisiert worden – nur gibt es ihn in der Form so nicht. Selbst beim amerikanischen FBI mag und verwendet man den Begriff des Profilers nicht, da dadurch die hoch qualifizierte und methodische Arbeit dieser Profession trivialisiert wird. Das FBI spricht hier von einer Behavioral Analysis Unit, auf Deutsch Verhaltensanalyseeinheit. Was es in Deutschland tatsächlich gibt, das ist die operative Fallanalyse und damit eine Methode zur Erstellung eines Täterprofils, was wiederum grob gesagt dem entspricht, was viele Menschen unter Profiling verstehen.

Aber fangen wir vorne an, und zwar mit der Frage, was Kriminalpsychologie eigentlich ist und was sie tut. Grundsätzlich beschäftigt sich die Kriminalpsychologie mit kriminellem Verhalten und der Motivation von Menschen, dies an den Tag zu legen. Das macht sie nicht erst seit Kurzem, sondern sie hat damit schon vor langer Zeit begonnen. Interessanterweise hat die Kriminalpsychologie eine sehr reichhaltige Geschichte, die bereits im späten 19. Jahrhundert ihre Wurzeln hat. Damals schon gab es großartige Fallbeschreibungen, darunter solche von Menschen, die wir heute als Prominenten-Stalker bezeichnen würden. Verfasst wurden sie von dem Psychiater Richard von Krafft-Ebing, der von Frauen berichtete, die zu damaliger Zeit Schausteller und Sänger verehrten und mit Liebesbriefen überschütteten. In dieser Zeit entstand bereits eine sehr lebendige Form von angewandter Kriminalpsychologie. Erarbeitet wurde sie von Fachleuten, die über ein sehr feines Verständnis solcher Persönlichkeiten verfügten.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts arbeiteten einige Kriminalkommissare ebenfalls bereits mit Methoden, die auf kriminalpsychologischen Überlegungen beruhten, indem sie Täterprofile erstellten. Ein berühmt gewordenes Beispiel dafür ist der Fall des sogenannten Vampirs von Düsseldorf: Dessen Spitzname beruhte darauf, dass der Täter nach seiner Ergreifung erzählte, er habe einem Schwanenküken den Hals durchgeschnitten und das Blut des sterbenden Tieres getrunken. Vor allem aber tötete er zwischen 1929 und 1930 sieben Frauen und einen Mann, beging außerdem 30 Überfälle – meist ebenfalls in der Absicht, einen Menschen zu ermorden. Die Brutalität der Taten sorgte sogar international für Aufmerksamkeit und machte weltweit Schlagzeilen. In Düsseldorf breitete sich während der lange Zeit erfolglosen Tätersuche zudem eine regelrechte Hysterie aus.

Die erstellte Beschreibung des später als Peter Kürten identifizierten Täters stellte nicht weniger als das erste bekannte Täterprofil der deutschen Kriminalgeschichte dar.

Am 8. April 1930 wurde dieses Charakterbild des Vampirs von Düsseldorf in einer Sonderausgabe des Deutschen Kriminalpolizei-Blattes veröffentlicht. Kriminaldirektor W. Gacy legte auf 30 Seiten die Tatzusammenhänge ausführlich dar, ergänzt wurde dies durch Hypothesen über den möglichen Beruf des Mörders, seine kommunikativen Fähigkeiten oder auch seine Vorstrafen. Gacy beschrieb Peter Kürten als eine vermutlich hochintelligente Person, die sadistische Neigungen habe, auf ihre Mitmenschen aber durchaus gutherzig und nett wirke. Die gesamte Beschreibung und der Aufbau ähnelten bereits in den Grundzügen aktuellen Täterprofilen. Vor allem aber zeigte sich nach der Ergreifung Kürtens, dass sich tatsächlich Übereinstimmungen zwischen der Theorie und der Person finden ließen, für die erstmals überhaupt der Begriff des Serienmörders genutzt wurde. Dieser Fall war sozusagen der historische Beginn der Kriminalpsychologie.

Doch so vielversprechend das alles war, es ging schon wenige Jahre nach Peter Kürtens Hinrichtung im Juli 1931 mit dem Zweiten Weltkrieg wieder verloren. Danach gab es einen großen und bedauernswerten Wandel, weil die Idee des »wissenschaftlichen Verstehenwollens« beendet und ersetzt wurde durch eine einseitige Form des Erkenntnisgewinns, die besagt: Wissenschaft ist allein das, was wir zählen oder messen und was wir in statistischen Werten ausdrücken können.

Dies führte dazu, dass die Kriminalpsychologie erst einmal fast ein halbes Jahrhundert vom Erdboden verschwand. Die lange und reichhaltige Tradition kriminalpsychologischer Herangehensweisen wurde als unwissenschaftlich abqualifiziert, weil hier eben keine Statistiken oder Zahlen die Basis bildeten.

Heute wird der Begriff Profiling bekanntlich wieder sehr häufig verwendet, wenn es um das Entlarven von Straftätern beziehungsweise um deren Persönlichkeitsprofile geht. Das wiederum führt zu der Frage: Was bedeutet Profiling eigentlich wirklich? Tatsächlich hat das Profiling zwei Bedeutungen. Einmal ist Profiling die Ermittlung beziehungsweise Feststellung der Identität eines Täters, den man nicht kennt, und zwar aufgrund der Analyse des Verhaltens am Tatort. Man fragt sich also, was dort geschehen ist, und man rekonstruiert dieses Verhalten sehr ausführlich. Dabei geht es um eine ganze Reihe unterschiedlicher Faktoren beziehungsweise Fragen: Wie hat der Täter sein Opfer ausgesucht? Hat er dies vorbereitet und geplant gemacht? Hat er dem Opfer am Tatort aufgelauert, oder ist die Tat aus der Situation heraus geschehen? Wie hat er bei einem Sexual- oder Gewaltdelikt die Kontrolle über sein Opfer behalten? Wie impulsiv ist er in der Tatausführung gewesen?

Dieses Täterverhalten wird erst einmal sehr akribisch rekonstruiert und bildet am Ende dann die Grundlage für Ableitungen – für Hypothesen also, die helfen können, den Täter schließlich zu ermitteln. Insgesamt ist also Profiling oder korrekt ausgedrückt die operative Fallanalyse eine sehr pragmatische und damit sachbezogene Ermittlungsstrategie. Man fragt sich beispielsweise, wo der Täter wohnen könnte, ob Vorstrafen vorliegen und wenn ja welche, oder wo er eventuell schon einmal auffällig geworden sein könnte. Insgesamt versucht Profiling auf diese Weise, sehr konkrete Ermittlungshinweise zu geben. Das ist die eine Richtung des Profiling, die schon vor langer Zeit genutzt wurde, die aber nach dem Zweiten Weltkrieg erst in den Siebzigerjahren beim FBI in den Vereinigten Staaten wieder aufgenommen wurde. In den Neunzigerjahren wurde die Methodik in Europa unter anderem vom deutschen Bundeskriminalamt und von Polizeiexperten einzelner Bundesländer weiterentwickelt.

Eine andere Facette des Profiling ist das Persönlichkeits-Profiling. Dabei geht es um die psychologische Einschätzung einer Person. Und es muss sich hier nicht immer um Straftäter handeln. Manchmal geht es dabei auch um die Einschätzung einer bekannten Persönlichkeit, etwa die eines Politikers. Die auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse werden dann beispielsweise bei Verhandlungsführungen eingesetzt. Zudem kann das erlangte Wissen bei der Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität von Nutzen sein. Gefordert wird in so einem Fall etwa eine Einschätzung des Persönlichkeitsstils dieses Menschen und eine Prognose, wie er sich im weiteren Verlauf verhalten wird, was also noch geschehen könnte.

Dieses Vorgehen wird auch als Distant Profiling bezeichnet oder als indirektes Persönlichkeits-Assessment. Hierzu gibt es ein klassisches Beispiel aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, also ausgerechnet jener Zeit, in der die Kriminalpsychologie ja eigentlich vom Radarschirm verschwunden war. Damals arbeitete in den Vereinigten Staaten die Vorgängerorganisation der heutigen CIA unter der ­Bezeichnung Office of Strategic Services (OSS) – übersetzt also Amt für strategische Dienste. Es handelte sich dabei um einen Nachrichtendienst des Kriegsministeriums, der unter anderem für psychologische Kriegsführung und für die Beschaffung von Informationen zuständig war.

Eines der großen Themen des OSS während des Zweiten Weltkriegs war: Man wollte wissen, wie die militärische Führung des sogenannten Dritten Reichs weiter vorgehen würde – und vor allem, wie sich Adolf Hitler weiter verhalten würde. Daher beauftragte das OSS den amerikanischen Psychoanalytiker Walter C. Langer mit einer psychologischen Studie über den Diktator. Langer begann damit mit einem Team im Frühjahr 1943 und befragte für das Distant Profiling Menschen, die zwar inzwischen in Kanada oder den USA lebten, die Hitler aber aus der Vergangenheit persönlich kannten. Auf diese Weise konnte man Beschreibungen Hitlers und zudem Berichte über ihn sammeln. Diese zusammengetragenen Informationen wurden dann ausgewertet von einem Team aus Psychologen und Psychoanalytikern. Am Ende entstand so im Auftrag des US-Geheimdienstes ein Profil des Diktators, das erklären sollte, wie dieser sich weiter verhalten würde, worin seine Motivation lag – und was passieren könnte, wenn die sich bereits abzeichnende militärische Niederlage Deutschlands wirklich eintrat.

Betrachtet man sich dieses Profil heute, sieht man einerseits, dass dort zwar noch eher altmodische psychoanalytische Konzepte eingesetzt werden, die wir heute in dieser Form nicht mehr verwenden. Andererseits ist dieses Profil vor dem Hintergrund unseres inzwischen erlangten Wissens erstaunlich präzise und immer noch sehr lesenswert. Unter Zeitdruck arbeitete das Team bis zum Herbst des Jahres 1943 das Profil eines Mannes aus, der sich selbst für die größte Führungsperson in Deutschland seit Jahrhunderten hielt und sich sogar auf eine Stufe mit Jesus Christus stellte. Gleichermaßen arbeitete Langer heraus, dass Hitler zwar in der Öffentlichkeit an seinem geradezu messianischen Selbstbild arbeitete, tatsächlich aber auch an einer inneren Leere litt. Der ­wichtigste Teil des Persönlichkeitsprofils fand sich in dem vorgelegten Bericht unter der Überschrift »Hitler, His Probable Behavior in the Future«. Denn gerade wie Hitler sich im weiteren Verlauf des Kriegs verhalten würde, wollte man ja herausfinden. Die Analytiker kamen zu dem Schluss, dass bei einer drohenden Niederlage der Deutschen eine hohe Wahrscheinlichkeit bestand, dass der »Führer« Suizid begehen würde, was ja bekanntlich tatsächlich geschah.

Die Analyse blieb Jahrzehnte unter Verschluss, doch spätestens als sie 1972 unter dem Titel The Mind of Adolf Hitler veröffentlicht wurde, führten die darin enthaltenen Ergebnisse gerade in den USA zu Überlegungen, in welcher Form man die Möglichkeiten des Distant Profiling weiter nutzen könnte und sollte. Diese Überlegungen mündeten darin, dass noch in den Siebzigerjahren eine spezielle Expertengruppe gegründet wurde, die man beim CIA ansiedelte. In dieser Einheit waren Psychiater und Psychologen im Auftrag der amerikanischen Regierung damit beschäftigt, ausländische Politiker oder auch Terroristen und deren Verhalten einzuschätzen. Dies geschah immer vor dem Hintergrund der erstellten Persönlichkeitsprofile. Dabei ging es unter anderem um Fragen, wie sich bestimmte Personen eventuell beeinflussen lassen, was man in Verhandlungen mit ihnen oder in politischen Auseinandersetzungen von ihnen zu erwarten hat. Diese Abteilung berät seit ihrer Gründung die Regierung über Alliierte ebenso wie über politische Gegner – und sie wird nach allem, was wir über sie wissen, sehr rege genutzt.

Ein klassisches Beispiel für die Arbeit und für die Fähigkeiten dieser Abteilung stellt ein Ereignis aus dem Jahr 1978 dar: Damals wurde in Camp David, dem Landsitz des amerikanischen Präsidenten, über einen Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel verhandelt. US-Präsident Jimmy Carter hatte es geschafft, den ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat und den israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin an einen Tisch zu bringen. Die Idee bestand darin, in Camp David einen historischen Vertrag zwischen Ägypten und Israel auszuhandeln, um den damals schon seit Langem schwelenden Nahostkonflikt zu beenden oder zumindest zu beruhigen.

Dass sowohl Sadat als auch Begin tatsächlich nach Camp David kamen, galt an sich schon als ein diplomatischer Meilenstein. Doch die bevorstehenden Verhandlungen standen noch vor einem weiteren Problem: Sadat und Begin waren zwei sehr verschiedene Menschen. Beide verfolgten zudem sehr unterschiedliche Ziele, die wiederum von ihrer jeweiligen Persönlichkeit mit geprägt waren.

Ägyptens Präsident Sadat galt als sehr narzisstische Persönlichkeit – ihm lag daher nicht allein an erfolgreichen Verhandlungen, sondern vor allem daran, dass er damit Geschichte schreiben würde. Er wollte sich in den Geschichtsbüchern verewigt sehen und von der Weltöffentlichkeit beklatscht werden. Details auf dem Weg dahin waren ihm dagegen mehr oder weniger egal. Man sagte Sadat sogar einen »Nobelpreiskomplex« nach: Er wollte international geachtet und schließlich für die Friedensverhandlungen mit einem Nobelpreis geehrt werden.

Menachem Begin war im Grunde das genaue Gegenteil: Er war sehr auf Details versessen und strukturliebend, das Kleine war ihm wichtig. Dazu war er sehr wachsam und misstrauisch. Für die Verhandlungen stellten diese gegensätzlichen Persönlichkeiten ein klares Problem dar: Steht auf der einen Seite jemand, der jedes Detail berücksichtigt und alles klein-klein betrachtet, auf der anderen Seite aber jemand, dem diese Details völlig egal sind und dem es nur um das große Ganze geht, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass diese beiden Personen vollkommen aneinander vorbeireden.

Daher begleitete das von Jimmy Carter schon im Vorfeld zusammengestellte Distant-Profiling-Team die Verhandlungen und analysierte das Verhalten beider Parteien während ihres Aufenthalts in Camp David. Dass die Gespräche in Camp David am Ende tatsächlich zu einem Erfolg wurden, war nicht zuletzt auf diesen Umstand zurückzuführen.

Denn als die Verhandlungen ins Stocken gerieten, konnte der US-Präsident einen Durchbruch zur Fortführung vor allem dadurch erzielen, dass er aufgrund der Analysen über die gegensätzlichen Persönlichkeiten von Sadat und Beginn informiert war. So nutzte Carter einen psychologischen Trick, als er Menachem Begin ansprach. Er sagte dem israelischen Ministerpräsident, dass sein ägyptischer Verhandlungspartner sich sorge, man würde womöglich das große Ganze aus den Augen verlieren, falls man sich mit zu vielen Details befasse. Begin habe darauf geantwortet, er sei sehr wohl imstande, auf das größere Ganze zu blicken, die Klärung von Details könne man durchaus den Unterhändlern beider Delegationen überlassen. Nach zwölf Verhandlungstagen konnten dann Ergebnisse präsentiert werden, die im Jahr 1979 zur Unterzeichnung eines Friedensvertrags führten. Noch im selben Jahr wurde Anwar as-Sadat tatsächlich mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet – ebenso wie Menachem Begin.

Ungefähr zur gleichen Zeit, in der Distant Profiling einen historischen Friedensvertrag mit ermöglichte, ist die kriminalistische Täterprofilerstellung erneut in Erscheinung getreten und wurde sozusagen wiederentdeckt. Im Mittelpunkt stand dabei das amerikanische FBI. Dort gab es eine Gruppe von Mitarbeitern, die, allein wegen der schieren Größe der USA, vor dem Problem standen, dass sich bei einigen Taten – darunter Serienmorde – keine weiteren Ermittlungsansätze mehr fanden. Die Frage lautete, wie man solche Taten doch noch aufklären und womöglich weitere Verbrechen verhindern könnte. Daher begann man damit, anhand der vorliegenden Akten die mutmaßlichen Täter und ihre Taten zu analysieren. Außerdem wurden Gespräche mit bereits gefassten Tätern geführt. Auf Basis der so gewonnenen Erkenntnisse entwickelte man ein erstes Täterprofil-Programm, das zunächst vor allem Mordermittlungen unterstützen und auf die Spur des Täters führen sollte.

Eine interessante Unterscheidung, die von den FBI-Experten schon damals gemacht wurde, ist die zwischen der Handschrift oder Signatur des Täters auf der einen Seite und dem Modus Operandi auf der anderen, also dem tatsächlichen Vorgehen während der Tat. Dahinter verbarg sich folgende Idee: Begehe ich eine Tat wie einen Mord, muss ich bestimmte pragmatische Schritte machen. Ich muss ein Opfer auswählen, ich muss das Opfer überwältigen, ich werde dann ein bestimmtes Tatverhalten an den Tag legen, und am Ende muss ich womöglich die Leiche beseitigen. Das trifft jedoch nicht nur auf Morde, sondern in abgewandelter Form gleichermaßen auf andere Delikte wie etwa Einbrüche, Sabotageakte und Anschläge zu. Insgesamt ist dies die Seite einer Tat, die als Modus Operandi bezeichnet wird. Im Laufe einer kriminellen Karriere kann sich dieser Modus Operandi verändern: Zumindest ein Teil der Kriminellen lernt dazu und entwickelt seine Vorgehensweise weiter. Zusammengefasst liefert dieses Modus-Operandi-Verhalten so unter anderem Hinweise darauf, wie erfahren ein Täter ist und wie kontrolliert er vorgehen kann.

Der andere Aspekt ist der der psychologischen Handschrift des Täters, die Hinweise auf seine Persönlichkeit und Bedürfnisse gibt. Eine wichtige Frage dabei lautet: Was macht eine Person, was sie nicht machen müsste? Denn die Antwort auf diese Frage verrät viel über den Menschen. Nehmen wir als Beispiel eine Person, die bei Treffen mit anderen Menschen immer sehr viel über sich erzählt, obwohl sie es ja eigentlich nicht müsste. Diese Person berichtet also oft und gerne davon, was sie alles gemacht oder was sie erlebt hat. Vor allem geht es in den Erzählungen immer auch darum, wie grandios ihre Handlungen waren. Das wäre aus kriminalpsychologischer Sicht ein Hinweis auf die Persönlichkeitsaspekte und die psychologischen Bedürfnisse dieses Menschen. In dem beschriebenen Fall könnte man so die Erkenntnis gewinnen, dass diese Person narzisstisch geprägt ist und sich in der Bewunderung anderer sonnt.

Ein anderes Beispiel: Habe ich jemanden, der immer alles sehr genau sortiert, der sehr nervös erscheint, wenn nicht alle Details so sind, wie sie sein sollten, wäre das letztendlich ein Hinweis auf eine sicherheits- oder strukturliebende Persönlichkeit.

Aus der Fragestellung »Was macht eine Person, was nicht unbedingt notwendig ist?« lassen sich also häufig Hinweise ziehen. Das gilt gleichermaßen für den umgekehrten Fall und damit verbunden für die Frage: Was macht eine Person nicht, obwohl sie eigentlich die Möglichkeit dazu hat? Ich möchte diese Frage anhand eines anderen Beispiels verdeutlichen, das ich selbst erlebt habe. Gemeinsam mit einem Kollegen aus dem Ermittlungsbereich arbeitete ich an einem Fall, der sich in einem Bankenumfeld abgespielt hatte. Einem unbekannten Täter war es gelungen, Konten zu manipulieren. Schnell wurde deutlich, dass es sich nur um einen Innentäter handeln konnte, also um jemanden, der selber für die Bank tätig war. Denn der Zugang zu den einzelnen Systemen war nur für eine Person erreichbar, die dort arbeitete.

Dieser Täter hat also das System manipuliert – und er hätte gleich zu Beginn schon große Summen abziehen können. Nur hat er genau dieses nicht getan, sondern wartete stattdessen nach der ursprünglichen Manipulation und einer ersten, eher geringen Geld­entnahme sehr lange. Es dauerte mehrere Monate, bis er den nächsten Schritt machte. Erneut aber nahm er nur eine relativ geringe Menge Geld heraus und wartete dann wieder einige Monate, bis er den nächsten Schritt machte. Diese Vorgehensweise war auffällig, und sie verriet mir etwas über die Persönlichkeit des Täters. Es handelte sich um jemanden, der sehr vorsichtig und sehr wachsam war. Ein Mensch also, der aus einem gewissen Sicherheitsabstand sehr genau beobachtete, was in seinem Umfeld geschah.

Der wichtige Punkt daran: Persönlichkeit ist etwas, das sich durch alle Lebensbereiche zieht. Wenn jemand sich also beim Bestehlen seines Arbeitgebers auf diese Weise verhält, wird er in seinem Alltag nicht anders vorgehen. Für uns bedeutete das bei den Ermittlungen, dass wir Personen ausschließen konnten, die sich gerne in den Mittelpunkt stellten oder die eine »Hoppla, hier komm ich«-Mentalität an den Tag legten. Der Täter war mit hoher Wahrscheinlichkeit also kein Selbstdarsteller und kein Geschichtenerzähler, sondern eine eher zurückhaltende und misstrauische Person.

Das also sind einige der Ableitungen, die man aus der Frage ziehen kann, was der Täter nicht getan hat, obwohl er es hätte tun können.

In einem anderen Fall ging es um anonyme Schreiben, die in einem Unternehmen eintrafen. Auffällig war hier, dass es immer sehr ausführliche Darstellungen in der Form gab, wie schlimm doch die anderen sind, was ihm, dem unbekannten Autor, und anderen Mitarbeitern an Bösem zugestoßen war. All das war immer auch sehr dramatisch geschildert.

Im Grunde aber ging es bei den einzelnen Schreiben allein um die Verleumdung einer Führungskraft des angesprochenen Unternehmens – die ausufernde Darstellung des selbst Erlebten wäre also im Grunde gar nicht notwendig gewesen. Zudem waren die Briefe an außenstehende Empfänger wie Medien und Behörden adressiert. Das intensive Herausstellen des eigenen Leids und der Boshaftigkeit der Führungskraft stellte damit einen deutlichen Hinweis auf eine dramatische Persönlichkeit dar. Denn das Ziel der Rufschädigung dieser Person ließe sich auch ohne eine derart ausufernde und emotionalisierte Darstellung erreichen. Dies war eine Erkenntnis, die ebenfalls für die Ermittlungen genutzt und herangezogen werden konnte. Denn der anonyme Briefschreiber neigte sicherlich nicht nur im geschriebenen Wort, sondern auch in seinem persönlichen Auftreten zu solcher Dramatik. Die psychologischen Bedürfnisse, die sich hinter dieser Art des Ausdrucks verbergen und sich in der Persönlichkeit manifestieren, drücken sozusagen immer mehr durch.

Ein von mir geschätzter Kollege hat einmal gesagt: Je stärker ein solcher Persönlichkeitsaspekt ist, desto stärker drückt er sich im Verhalten aus. Dieses Wissen lässt sich für die Ermittlungsarbeit ebenso wie für die Analyse anderer Menschen nutzen.

Persönlichkeitsstile: Was Persönlichkeit ist

Warum Psychopathen einfach dazugehören

Jeder, der das beschriebene Wissen über Persönlichkeitsaspekte berücksichtigt, kann in der Folge andere besser verstehen – und er kann lernen, besser mit bestimmten Persönlichkeiten umzugehen. Das gilt für die Partnerschaft, den Umgang mit Freunden wie für den Chef oder die Kollegen. Nicht zu unterschätzen ist dabei der Faktor der Selbsterkenntnis. Wir lernen auf diese Weise auch, uns selbst besser zu verstehen und zu erkennen, warum wir in gewissen Situationen so reagieren, wie wir reagieren. Ist uns das bewusst, können wir schlussendlich lernen, eventuell unerwünschtes eigenes Verhalten zu verändern. Allerdings ist dies nur in gewissem Rahmen möglich.

Jeder von uns besitzt einen beziehungsweise meist zwei Persönlichkeitsstile, die in unserer Psyche dominanter sind und je nach individueller Ausprägung unser Verhalten bestimmen. Diese Persönlichkeitsstile sind fest in uns verankert. Das gilt für einen dramatischen ebenso wie für einen misstrauisch-vorsichtigen Stil und alle weiteren Persönlichkeitsstile.

Die oft beschriebene Idee, wir könnten aus uns alles machen, was wir wollen, wir könnten uns selbst regelrecht umkrempeln und damit neu erfinden – diese Fantasie ist sicherlich falsch und entspricht nicht der Realität. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir alles einfach hinnehmen müssen. Natürlich können wir an uns selbst arbeiten, und wir können graduell etwas an uns verändern. Häufig ist es aber deutlich sinnvoller, wenn wir versuchen, uns selbst besser zu verstehen und dann entsprechend mit unserer Persönlichkeit umzugehen. Wir können uns eben nicht zu vollkommen anderen Menschen formen. Vor allem aber, weil diese Bildung unserer Persönlichkeitsstile sehr früh in unserem Leben einsetzt und die Grundfiguration unserer Persönlichkeit dann meist schon recht früh abgeschlossen ist – in der Regel in den späten Teenagerjahren. Das führt außerdem dazu, dass wir durch unseren ganz eigenen Persönlichkeitsstil schon in recht jungen Jahren einen Blick auf die Welt haben, der für uns der natürliche Blick ist. Ist ein Mensch eine eher narzisstische Persönlichkeit und steht daher gerne im Mittelpunkt, ist es für ihn völlig selbstverständlich, dass er etwas Besonderes und einfach »eine große Nummer« ist. Dass die anderen ihm gern zuhören, steht für diesen Menschen außer Zweifel – schließlich ist er ja »er«. Dass an dieser Ansicht etwas nicht stimmen könnte, dieser Gedanke kommt bei einer starken Ausbildung des Persönlichkeitsstils gar nicht auf. Bildlich gesprochen lässt sich jeder Mensch auf allen Persönlichkeitsstilen in jeweils einem Wert von 0 bis 100 einordnen. So kann man sich gut vorstellen, dass für ein zufriedenes Leben beispielsweise ein gewisses Maß an Selbstliebe sprich Narzissmus förderlich ist. Genauso ist etwa eine gute Portion Wachsamkeit allgemein hilfreich und in manchen Berufen sogar unentbehrlich, etwa bei Anwälten oder Polizisten.

Allerdings sollten wir nicht denken, dass alles, was einen entwickelten Persönlichkeitsstil ausmacht, auf angeborenen Eigenschaften beruht. Vielmehr handelt es sich um eine Kombination von Angeborenem und zumeist frühen Erfahrungen. Wahrscheinlich hat das Angeborene sogar einen geringeren Anteil. Was uns angeboren ist, das sind Eigenschaften wie Temperament und die Grundlagen dafür, ob wir eher ruhig oder emotional sind. Was jedoch weit wichtiger und prägender ist, das sind die frühen Erfahrungen mit unseren sogenannten Bindungspersonen. Das sind in der Regel natürlich unsere leiblichen Eltern, es können aber auch andere enge Bezugspersonen sein.

Wir Menschen sind Bindungswesen – dieser Fakt ist tief in unserer Natur verankert. Das drückt sich in vielen Facetten unseres typischen Verhaltens aus. Hören wir etwa ein Baby schreien, haben wir das Bedürfnis, zu dem Baby zu gehen. Babyschreien ist nicht nur für Eltern sehr schwer auszuhalten, und dabei geht es nicht um das Ertragen von Lautstärke, sondern eben um den Impuls, der uns etwas dagegen tun lassen will.

Sehen wir andererseits auf der Straße ein Kind, das uns anlächelt, gibt uns das ein Gefühl von Wärme und Freude – es sei denn, wir sind psychopathisch oder zum Zeitpunkt der Begegnung gerade depressiv. In der Regel haben wir beim Lächeln eines Kindes das Bedürfnis, zurückzulächeln.