I. Teil

Inhaltsverzeichnis

I

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Im Künstlerzimmer hinter dem grünen Vorhang war die strahlende Frau Roth beschäftigt, die Körbe und Bouquets zu ordnen und dem Diener sorgsam die Adresse einzuprägen.

Sie fühlte sich heute als Siegerin. Sie hatte es durchgesetzt, daß Fanny lernen durfte, trotzdem es der Vater nicht wollte. Der Vater war Essigfabrikant und hatte nichts davon hören wollen. Aber heute strahlte auch er.

In einem Kreis von Journalisten und Künstlern stand Fanny.

»Gnädiges Fräulein haben sich im Konservatorium ausgebildet?« fragte ein Journalist, mit dem Bleistift in der Hand.

Fanny bejahte.

»Erstaunlich sicher, – diese Bogenführung für Ihre Jahre,« bemerkte ein anderer.

»Und der ›Teufelstanz‹ ist Ihre erste Komposition?«

»O, nicht doch, – schon früher, – Kleinigkeiten …,« entgegnete sie.

Lächelnd nahm sie die Lobsprüche hin und die kritischen Urteile und die interessierten Fragen. Aber die Einladung zum gemeinsamen Souper lehnte sie ab, – sie könne wirklich nicht, – so leid es ihr thue, – aber sie sei zu erschöpft.

Frau Roth war ärgerlich über diesen Eigensinn. So war Fanny. – »Was sagen Sie dazu, Jacques?«

Dr. Jakob Guttmann hatte gar nichts zu sagen. Er stand da und putzte seine große Brille, – verlegen, erregt. Er sah hinüber zu der kleinen Freundin, die heute plötzlich die große Künstlerin geworden war. Er, freilich, hatte es schon längst gewußt, – und doch hatte es ihn hingerissen, heute abend. …

Jetzt traf sein Blick den ihren. Er bemerkte, wie sie ihm zulächelte und drüben die Herren zu verabschieden schien. Sie verbeugten sich, traten auseinander – – – sie schritt durch sie hindurch und kam auf ihn zu.

»Gehst du mit uns, Jakob?«

»Gewiß, – natürlich, – wenn du erlaubst. Nur einen Augenblick noch, – ich erwarte einen Freund, der mich gebeten hat, ihn dir vorzustellen. – Er muß jeden Moment kommen. – – Ah – –« er wandte sich der Thüre zu.

Soeben trat der Erwartete ein. Mit ihm ging ein zweiter junger Mann.

»Ich habe mir erlaubt, Herrn Josef Fellner mitzubringen,« sagte Jakobs Freund, nachdem er Fanny vorgestellt war.

Ein auffallend groß gewachsener Mann, mit breiten, ein wenig nach vorne gebeugten Schultern und langem blonden Vollbart verbeugte sich vor ihr.

»Die Herren werden uns vielleicht begleiten,« sagte Jakob. »Fanny wird bei dem schönen Abend gewiß zu Fuß gehen wollen.«

Zehn Minuten später waren sie in den Straßen Wiens, die um diese Stunde schon wie ausgestorben waren.

Fanny ging mit Jakob voraus. Langsam glitt die Unrast und die Aufregung des Tages von ihr ab, sie atmete die Ruhe der Nacht. Das nervöse Klopfen in den Schläfen ließ nach, die Gedanken und Melodien, die in wirrem Durcheinander in ihrem Kopf tanzten, lösten sich langsam. – Sie entgeistigte sich mit einem heimlichen Wonnegefühl –: die erste Ruhe nach monatelanger bohrender Arbeit. Nur eine selige Erinnerung an die tolle Schönheitsorgie dieser letzten Monate war in ihr, – wo sie geschaffen hatte in der somnambulen Verzückung des Künstlers.

Licht und gut schienen ihr die Worte, die Jakob zu ihr sprach. Das erste Mal huldigte auch er ihr. – Er sprach von ihrer Bestimmung als Künstlermensch. Kulturen weiterzubauen und apollinische Erkenntnisse weiterzugeben, war die Aufgabe der Erwählten, zu denen sie gehörte.

Und doch hörte sie kaum, was er sprach. Nur ein fernes, brandendes Rauschen hörte sie, – es rauschte durch ihre Adern, – rot und heilig – und durchglühte ihr den zwanzigjährigen Körper.

Unbewußtes hatte sie ahnend in Kunst geformt. Und nun, da sie sich davon erlöst hatte, war eine heiße, neue Sehnsucht in ihr geblieben.

II

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In ihrem Zimmer fand sie es erdrückend heiß. Aber als sie das Fenster aufgerissen hatte, fröstelte sie, und sie schloß es wieder. Sie zündete die gelbe Lampe an und stellte den schwarzen Holzkasten mit der kostbaren geliebten Geige auf die Etagère an ihren Platz. Dann rückte sie das Notenpult, das noch aufgeklappt dastand, in die Ecke.

Ihr Bett war schon gemacht. Ein schmales Messingbett mit Plumeaux und Deckchen und länglichen kleinen Mädl-Polstern. – Sie begann sich langsam vor ihrem großen Spiegel zu entkleiden. Der Mantel fiel, und das helle, geblümte Seidenkleid wurde sichtbar.

Dann löste sie den Spitzenshawl vom Kopf und stand da, als kleine moderne Silhouette, wie sie heut abend gespielt hatte.

Mit einer Neugierde, als sähe sie sich heute zum erstenmal, betrachtete sie das blaße Kindergesicht mit dem glatten Scheitel und den riesigen Haarpuffen zu beiden Seiten, den großen grünen Augen und den brennenden Lippen; dann die kleine, weiche, immer miederlose Schlangengestalt in dem fabelhaften secessionistischen Röckchen. – Das also war Fanny Roth. Recht interessant kam sie sich vor.

Seltsam: – Noch nie war es jemandem eingefallen, eine persönliche Bemerkung über sie zu machen in ihrer Gegenwart. – Nicht einmal heute. – Von der Geige sprach man mit ihr und von ihren weichen, singenden Tönen. … Und sie selbst – war sie nicht immer überströmend voll nur von dem Einen? War nicht immer eine Flut von Tönen in ihr, eine wilde Fülle von Musikarabesken, von tanzenden Rhythmen, – von Ideen, die sich unaufhörlich in sich selbst vermehrten, die sie nicht eher freiließen, als bis sie geformt waren, – die sich hartnäckig an ihr festsaugten wie die Blutegel, und sich selbst in der Nacht nicht abschütteln ließen, so daß sie oft wie verzweifelt aufsprang von ihrem Bett, – mit heißer, glühender Stirn, hinter der es hämmerte und raste, – mit aufgescheuchter Seele, die wirr herumflatterte in dem hilflosen, todmüden Körper. …

Und diesen orgiastischen Fiebernächten folgten die formenden Schaffenstage – in energischer, erlösender, unbarmherzig rastloser Arbeit.

Das war die gesegnete Hochflut, die ihr Leben umbrandete, hinter der sie wuchs und schuf.

Und doch – in den Pausen des Schaffens – – ein fremder lastender Druck auf der Seele, – irgend eine ferne, unbestimmte Beunruhigung, – ein unbewußtes Schluchzen im Schlaf – ein üppiger Traum, – ein schamvolles Erwachen. …

Und wie sie jetzt in den Spiegel sah, kam diese beklommene Sehnsucht wieder. Die braunen Schatten unter den Augen und das Kindergesicht, das täglich bläßer und schmaler wurde, machten ihr Angst. –

Und eine fremde, neue Zärtlichkeit stieg in ihr auf, für diesen Körper, an den nie jemand dachte, nicht einmal sie selbst.

Und doch schimmerte es unter der durchbrochenen Spitze des Kleides, beim Halse, weiß und leuchtend. …

Mit zitternden Händen löste sie die Haken, schlüpfte aus den Ärmeln und warf das seidene Leibchen auf den Sessel daneben. Ein leises Rauschen, – der Rock glitt zu Boden.

Sie stand da in dem weißen kurzen Unterrock, mit nackten Armen und Hals, und der kleinen, bewegten Büste, deren leises Heben und Senken unter dem gestickten Hemd zu sehen war.

Die Stille im Zimmer wurde betäubend, – abgrundtief. … Wieder hörte sie das ferne Rauschen und Branden. …

Und sie löschte die Lampe aus, – nur das Nachtlicht warf seinen verstohlenen Schein über sie. Dann stand sie wieder vor dem Spiegel und starrte in das schwacherhellte Glas. … Bänder lösten sich, und etwas Langes, Wallendes, Weißes flutete zu Boden.


Die Nacht war qualvoll und unruhig. Pferdegewieher und Gestampfe, lautes Beifallsgedröhn und endlich Feuer. Erst war es nur ein einzelnes, schrilles Glöckchen, irgendwo in der Ferne, dann fielen harte, metallene Töne ein – ein wirrer, chaotischer, betäubender Feuerlärm. – Und endlich ging das ganze in eine satanische Melodie über, die sich in ihr Hirn einbohrte wie eine Schraube, und das Publikum tobte und schrie und applaudierte wie rasend.

Mit einem lauten Schrei sprang sie auf. Sie zitterte an allen Gliedern und stürzte zur Thür. Dort kam sie zur Besinnung.

Es mochte gegen 5 Uhr früh sein. Die ersten, fahlen Dämmerwolken hingen wie Fetzen am Himmel.

Fröstelnd kroch sie in ihr Bett zurück. Eine müde Beruhigung kam ober sie, – wie ein leises Schaukeln, ein sanfter Wellenschlag. Jemand beugte sich zärtlich zu ihr nieder, und ein fremder, starker Duft liebkoste sie. Dichtes, blondes Haar streifte ihre Wangen. Von da entströmte der Duft. Es roch wie Cigarren und wie Wiesenluft im Herbst – und wie etwas ganz, ganz fremdes, Gegensätzliches. – Und eine Hand griff an ihre Brust. …

Sie erwachte. Helle, fröhliche Strahlen schienen ins Zimmer. Nebenan hörte sie das Stubenmädchen aufräumen. – Wie gebadet in lächelnder Seligkeit erwachte sie. Das Herz klopfte ihr bis zum Halse, Thränen stiegen ihr in die leuchtenden Augen, und sie hätte die Arme ausbreiten mögen nach dem neuen Glück.

III

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Um 11 Uhr wurde ihr ein Besuch gemeldet. Josef Fellner kam, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen.

Mit einem stillen Lächeln ging sie ihm entgegen.

Dann saßen sie im Salon. Das Zimmer hatte Sonnenseite, und die Rouleaux waren herabgelassen. Nur zwischen die einzelnen Holzstäbe konnte die Frühjahrssonne ihre Strahlen werfen.

Keine Phrasen gab es zwischen ihnen und keine Ceremonien. Daß sie einander erst seit gestern kannten, daran dachte keines.

Und während er sprach – von ihr und ihrer süßen kleinen Person und dem Eindruck, den sie ihm gemacht – und seine blauen Augen mit brünstiger Sehnsucht an dem blaßen Kindergesicht hingen, – lächelte sie nur wie traumverloren und atmete langsam und verstohlen den seltsamen, fremden Duft ein, der seinem zottigen, blonden Bart entströmte, und der sie gestern abends, als er sich vor ihr verbeugte, das erste Mal angeweht hatte – wie Cigarren und wie Wiesenluft im Herbst und etwas Fremdes, Fremdes, Gegensätzliches. …

Und sie kam sich vor, wie ein kleiner, zierlicher Köter neben einem großen prachtvollen Rassehund.

Als er aufbrach, begleitete sie ihn bis ins Vorzimmer. Er zögerte noch immer und schien noch etwas sagen zu wollen.

Plötzlich fiel sein Blick auf ein Damenrad, das im Vorzimmer stand.

»Ja, ja, das ist meines,« sagte sie. »Aber das ist ja herrlich.« – Er strahlte über das ganze Gesicht. – »Wollen Sie morgen mit mir fahren?«

Sie nickte lächelnd.

»Also um wie viel Uhr soll ich Sie abholen?«

»Um vier.«

Als Fanny in ihr Zimmer zurückkam, trat ihr die Mama im Morgenkleid entgegen, mit einem Staubtuch in der einen und einem Pack Zeitungen in der anderen Hand. Es waren sämtliche Wiener Morgenblätter.

»Fanny,« rief sie, – und ihre Stimme zitterte vor Aufregung – »da schau! Claar schreibt ein ganzes Feuilleton und Malik – – aber du mußt selbst lesen.«

Und glückselig legte sie ihr das Paket auf den Tisch, wie eine Morgengabe, und ging.