Die Libelle

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Einflüsse gibt es verschiedentlichster und merkwürdigster Art. Warum fliegen Motten und Falter ins Licht, das sie doch zu Tode senget? – Warum flog die Libelle, die überm Rhein schwebte, wo er in Basel grün und herrlich unter der Brücke fließt, auf Frau Vivianes Busen, wurde da gespießt von Doktor Merluzzi, und kam in solchem Zustande als Zierde zwischen duftige weiße Gazewolken auf Vivianes Hut? Dann – o es war schauerig. Aber lasset euch der Ordnung gemäß die Geschichte vom Anfang an erzählen, vorerst wie Frau Viviane nach Basel kam.

Dr. Merluzzi, der ausgezeichnete Psychiater, hatte eine Studienreise gemacht nach dem Norden. Er kam direkt aus dem Irrenhaus, wo er bis dahin Assistent gewesen, nun ging er nach der Schweiz und nach Frankreich, um da ebenfalls das Irrenwesen zu studieren, bevor er sein eigenes Sanatorium eröffnete. Auf dem Wege dahin besuchte er – in Süddeutschland – einen angesehenen Kollegen.

Freundlich, ja herzlich empfing ihn der würdige Mann. In allen Teilen seiner Anstalt führte er den jungen Kollegen umher, von dessen mächtigem Einfluß auf alles, was da kreucht und fleucht, er bereits gehört hatte. Erstaunt beobachtete er, wie fest, sicher und zart die schönen, weißen Hände des Gastes die toll um sich schlagenden Arme der tobsüchtigen niederzwangen, wie ruhig die Heulenden wurden, wenn das schwarze Funkelauge des Fremden durch die Brillengläser hindurch mit mildem Blicke sie traf. Stiller wurde es in den Zellen, wo sonst das Heulen und Jammern der Verdammten die Luft erschütterte, da die beiden sie durchschritten.

Betroffen und bewegt von dem seltsamen Schauspiel führte der Inhaber der Anstalt, der freundliche Mann mit dem grauen Barte, den jungen Kollegen ins Wohnhaus hinüber. Schweigend durchschritten sie den Garten, vor ihnen her flohen graue Schatten scheu aus dem Wege …

Sie betraten ein warmes, schönes Gemach, wo gelbe Lampen versteckt hinter Schleiern glühten und mit ihrem Lichte farbenfrohe, dicke Teppiche und buntbestickte, strahlende Seidenkissen beleuchteten. Vor dem flackernden Ofenfeuer stand eine frierende Frau, in einem weiten, hellgrünen Gewand, das wie in geschweiften Zacken an ihr herunterfloß und ihren Bewegungen Ähnlichkeit mit denen eines hellgrünen, schwebenden Wesens verlieh. Das tief im Nacken festgesteckte Haar ließ die Stirn ganz frei, eine blasse Stirn mit matten, braunen Augen darunter.

»Viviane, ich bringe dir einen Gast für heute abend.«

Dr. Merluzzi blieb zwei Tage, In der Anstalt war es merkwürdig still in diesen Tagen, spielend wurde der Wille der armen Wütenden gemeistert, und ein rasendes Weib, das erst vor kurzem einen Wärter in die Wade gebissen hatte, ließ sich von Dr. Merluzzi lautlos untersuchen. Im Wohnhaus aber ging es dafür lauter und lebhafter zu als sonst; Gäste kamen und gingen, lauter Ärzte, die den Durchreisenden begrüßen wollten. Und Frau Viviane füllte die Gläser, unermüdlich flatterte sie um die Tafel herum, und von da in ihren warmen, schönen Salon hinüber, wo sie am Flügel phantasierte, daß allen Gästen der Atem stockte, so schauerlich spielte Viviane, die Künstlerin, die der gute, kluge Arzt sich errungen hatte und die sein Glück war, das ihm von der Stirn strahlte.

Am letzten Abend vereinigte ein Abendessen die Gesellschaft, man speiste früh, denn mit dem Nachtschnellzuge reiste Dr. Merluzzi – »direkt nach Paris«.

»In zwei Stunden sind Sie fort«, sagte Viviane und brach plötzlich in Lachen aus, in ein langgedehntes Gelächter. Dann erhob sie sich und schritt in den Salon hinüber zum Flügel. Später folgten ihr einzelne Herren, andere blieben beim Weine sitzen. Merluzzi stand neben ihr und verfolgte das Schweben ihrer Finger über den Tasten.

»Libelle,« sagte er. Sie trug wieder das grüne Kleid. – »Libelle.«

Das Adagio unter ihren Händen schwoll an und ging in eine zitternde Koloratur über, wie in ein leises Wimmern.

»Ich fahre nicht nach Paris, hören Sie? Ich fahre – nach Basel – in der Schweiz. Heute Nacht noch – nach Basel – – –«

Dann rauschte ein dumpfes Nocturno durch das Gemach, in dem seine Worte untergingen.

Nach einer Stunde verabschiedete sich Dr. Merluzzi und fuhr zum Pariser Schnellzug.

Frau Viviane verbrachte den folgenden Tag zum größten Teile auf ihrem Zimmer. Zu den Mahlzeiten aber kam sie heiter zu Tisch, nur abends fehlte sie und war nicht aufzufinden, – und alle Nachforschungen nach ihr blieben vergeblich.

Und als sie in Basel über die Rheinbrücke schritten, geschah, wovon ich zu Anfang voreilig erzählte: eine Libelle, die lieblich über den Wellen des Rheines schwebte, die hier weiße Schaumkronen auf dunkelgrünen Häuptern tragen, stieg schwebend aus der Tiefe empor, flog über das Geländer der Brücke und taumelte auf Viviane zu. Mit ausgespannten Flügeln ließ sie sich auf ihrem Busen nieder. Dr. Merluzzis schöne Hand bedeckte die Ruhende, Liebliche und schien sie noch fester gegen den Busen zu drücken, auf dem sie ruhte und der noch bewegter war als die Wellen des Rheines, über denen sie vorhin geschwebt, – als wolle er sie ersticken. Und er fühlte ein banges Herz in die Wölbung seiner Hand klopfen – und den zarten Leib der Libelle durchbeben …

Als er die Hand lüftete, lag die Erschöpfte wie tot. Da zog er eine dünne, goldene Nadel mit einer weißen Perle aus Vivianes Haar, »man muß barmherzig sein«, sagte er und durchstach den schlanken Leib der Libelle, die er zwischen den Fingern hielt.

»Sie ist wunderbar schön, grüngolden, – du sollst sie am Hute tragen. Geliebte.«

»Ihre Flügel beben«, sagte Viviane bleich.

»Es ist der Wind, der sie bewegt, Geliebte.«

Und er befestigte das leuchtende Wesen, dessen grün-goldene, im Winde bewegte, ätherzarte Flügel wunderbar zu beiden Seiten der Perlennadel strahlten, die den langen schlanken Leib durchbohrte, in den weißen Gazewolken auf Vivianes Hut.

Es war dies ihr erster Tag in Basel – zur Dämmerzeit – auf der Brücke.

Die Nacht fand sie beisammen. In dumpfer Herzensangst schmiegte sich ein Weib in die Arme eines fremden Mannes. Aber die Angst wich nicht unter der Glut seiner Umarmung, und während er sie zu sich zwang, hörte sie von fern das Heulen der armen Irren … Wimmernd drang es von weit her durch die Nacht, – trostlose Spukgestalten wogten durcheinander und reckten drohend und lockend die Arme nach ihr … Und ein fernes, graues, geheimnisvolles Land tauchte wie aus der Versunkenheit als vergessene Heimat vor ihr auf, während in uneigentlicher Wahrhaftigkeit ein furchbar Fremdes von ihr Besitz nahm.

Als sie die Augen aufschlug, graute der Morgen, und das Gemach war erst schwach erhellt. Aber eine kleine weiße Wolke schwebte in dem Dunkel und gerade dorthin fiel das eindringende Licht durch die Spalten der Vorhänge; und grünlichgolden schien es sich da um eine mildleuchtende Perle zu krümmen – zu bewegen.

Entsetzen schloß ihr die Augen und versenkte sie in schweren, tiefen Schlaf. – Als sie sich aber spät am Tage erhob, hatte sie an das Grauen vergessen – und woher es gekommen war. In Bitterkeit verstrich der Tag in der fremden Stadt, die sie morgen verlassen wollten, – sie flatterte dahin, wie es ihre Art war, libellengleich, – wie mit bebendem Flügelschlag, – ein wonniges Vergnügen dem fremden Freunde … Und die zweite Nacht fand sie wieder in seinen Armen.

Gegen Morgen erwachte Dr. Merluzzi von einem durchdringenden Schrei. Er fuhr aus dem Schlafe und sah Viviane im bloßen Hemde zitternd im Zimmer stehen, mit hastigen, krampfhaften Gebärden winkte sie ihn heran. Er stand auf, noch ganz verschlafen und trat zu ihr zum Tische. Ihr Hut lag da, – und mit aschbleichem Gesichte deutete sie auf die Libelle: »Sie hat die Flügel bewegt – ganz deutlich – ich habe es gesehen – ich bin plötzlich aufgewacht, als ob etwas um Hilfe gerufen hätte …«

»Du selbst hast geschrieen, im Schlaf – davon bist du aufgewacht.«

»Aber ich hab' es deutlich gesehen – es war kein Windzug – sie hat die Flügel bewegt …« Ihre Zähne schlugen klappernd aufeinander.

»Närrisches Kind – sie ist seit mehr als vierundzwanzig Stunden gespießt – wie könnte sie leben!«

»Aber sieh doch nur – sieh …«

In der Tat schienen sich die Flügel zu bewegen.

»Der geringste Luftzug genügt eben – die Tür zum Nebenzimmer ist offen. Geh jetzt ins Bett.« Er war schläfrig und ärgerlich.

»Aber wenn sie nun doch –« sie starrte mit Grauen auf das schimmernde Flügelpaar.

Gereizt griff er nach dem Hut: »Jedenfalls muß das herunter.«

Und er zog die Nadel aus dem weißen Gewebe und streifte das Tier davon ab, auf den Tisch.

Da lag sie – eine schillernde Leiche. – »Fort damit.«

Er griff danach, – aber eine eiseskalte Hand umklammerte die seine und hielt sie zurück, – und ein Stöhnen drang durch das Gemach.

Die Flügel hoben sich matt, den schlanken Leib hatte ein Zittern durchlaufen – gestreckt – gekrümmt – und wieder gestreckt – – – und jetzt bewegte sie sich fort – und kroch – kroch über die Tischplatte …

Ein Ächzen, – ein mörderischer Schauer, der einen Körper durchrüttelte, – dann sank sie zu Boden.

In einer gewitterschwülen Nacht, die schwer auf den Kranken lastete, so daß sie noch unruhiger waren als sonst und man spät in der Anstalt zur Ruhe gekommen war, wurde der Herr des Hauses plötzlich gerufen. Es mußte eine schwere Angelegenheit sein – denn er hatte sich suspendiert vom Dienst, in diesen fürchterlichen Tagen – hatte sich in sein Haus vergraben. – Sein Bart war weiß geworden, – und in seinem Blick glühte es schaurig, – so daß sich kaum jemand in seine Nähe wagte.

»Es ist jemand da – schnell – man verlangt Sie …«

Im Korridor steht eine dunkle Gestalt – die mit starken Armen etwas umklammert …

- »Hier, Herr, bringe ich Ihnen – eine arme Irre –« sagt die barmherzige Schwester.

»Was soll – um des Himmels –«

»Seien Sie stark, Herr – und milde – sie irrte – und ward geschlagen … Als sie von Ihnen ging, war sie wohl schon – im Wahne.«

»Woher kommen Sie – um Gott – wer sind Sie – wo fanden Sie sie …«

»Man übergab mir sie, Herr, fragen Sie nichts – mich bindet –«

Und sie entgleitet über den Korridor – entschwindet dem Fassungslosen. – Ein wimmerndes Wesen, das mit den Armen jammernd um sich schlägt, kann diese Nacht nicht anders gebändigt werden, als in der furchtbaren Jacke.

Ein Teil des großen Gartens ist abgegrenzt worden von dem übrigen Teil und hier hütet der Arzt seine Kranke, Sie ist gut und sanft und beinahe heiter, manchmal geht sie tagelang im Hause umher, als wäre nichts geschehen, - häuslich ordnend durchstreift sie die Zimmer oder phantasiert an ihrem Flügel, niemand würde ahnen, daß diese da ihre arme Seele als Leiche in sich trägt, – oder als etwas, das einer Leiche gleicht – ein schillerndes Flügelwesen, dessen Flügel noch manchmal sich zu bewegen scheinen … Aber von Zeit zu Zeit kommen Tage, wo die Erinnerung an irgendein gräßliches Erlebnis sie zu packen scheint; niemand vermag zu erklären, unter welchem Wahne sie steht, mit flugartigen Bewegungen, beginnt ihre Krise. Wenn sie so durch den Garten fliegt, mit den Armen flatternd, – sich wiegend und schwebend, – dann weiß man, es beginnt. Plötzlich fällt sie starr zusammen, dehnt und streckt die Glieder, als würde ihr armer Leib durchbohrt. So bleibt sie wie tot einen Tag und zwei Nächte … dann erwacht sie. Unbegreifliche Qualen scheinen sie zu durchwühlen. Sie windet sich in namenlosem Jammer, am Boden kriechend, dahin – bis ein neues Schlafmittel, das man ihr gewaltsam einflößt, sie wieder in Bewußtlosigkeit versenkt … Dann erwacht Viviane am nächsten Tag – und hat alles vergessen.

Man wollte zu dem absonderlichen Falle auch Dr. Merluzzi heranziehen. Aber man konnte in Paris seine Adresse nicht eruieren und hörte nach längerem Nachforschen endlich, daß er sich nach Indien eingeschifft habe, um die psychischen Fähigkeiten außergewöhnlich begabter Personen an Fakiren und Magiern zu studieren.

Die Lösung

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Da war kein Ausweg mehr.

Das war das Chaos – unentwirrbar, unentrinnbar.

Da blieb nur der letzte grausige Sprung – mittendurch - ins Nichts.

Sie hatte ihr ganzes Vermögen verloren. Die Bank, wo ihr verstorbener Gatte es angelegt hatte, war an einem einzigen fehlgeschlagenen Industrieunternehmen zugrunde gegangen. Sie stürzte krachend zusammen und unter ihren Trümmern lagen zerschmetterte Leichen.

Ganz Europa blickte auf die Katastrophe, welche die weitesten Kreise in Mitleidenschaft gezogen hatte und durch eine erschreckende Anzahl voll Selbstmorden illustriert worden war.

Auch ihr blieb nichts anderes übrig als der Selbstmord.

Erst nach langen dumpfen Wochen war sie zu diesem Bewußtsein gekommen. Anfangs hatte sie das nicht begriffen. Denn sie hatte doch weiter ihre hübsche, kleine Wohnung, die warmen, behaglichen Zimmer, – das treue Mädchen, das sie bediente. Aber plötzlich war kein Geld da. Es kam auch keines. Ja so, die Bank hatte ja falliert. Und sie hatte ihr ganzes Vermögen verloren.

Ihre Familie war die einer Stiefmutter, die, ebenfalls verwitwet, mit ihren Kindern in der Provinz lebte. Dahin konnte sie nicht.

Also hieß es irgendeine Stelle suchen, von der sie leben konnte. Denn man mußte doch ein Einkommen haben - monatlich, regelmäßig, sicher.

Irgendeine Stelle … die suchen alle »gebildeten« Frauen, die plötzlich verarmen, ein bißchen Klimpern, Stümpern und Tändeln – damit sollen diese Unseligen aus den verschossenen Erzadern der Welt das Gold herausklopfen, das man braucht, um diese Zellen zusammenzuhalten.

Und in diesem »irgendeine Stelle« liegt der ganze Jammer der unqualifizierten Arbeit.

Sie hatte also begonnen, die Annoncen zu lesen; »Komptoiristin mit böhmischer Sprache …«, »Damen mit großem Bekanntenkreis …«, »Fräulein, bewandert in Kinderpflege …«, »Redegewandte Verkäuferin aus der Metallwarenbranche …«, »Feine, verläßliche Stütze …«, »Sympathisches Fräulein zu einzelnem Herrn …«, »Jeune et jolie ménagère …«, »Bescheidenes Fräulein – – – zu vier Kindern – – – Lyzealunterricht – – – dreißig Kronen …«

O Elend, Elend! Schlaff sanken ihre Hände herab. Die Augen wurden leer.

Auch an ihre Malerei dachte sie. Aber damit hatte sie noch nie Geld verdient. Wohl hatte sie erstaunliche Fortschritte gemacht in den wenigen Jahren, seit ihr Gatte gestorben war. Früher hatte sie die Pflege des kränklichen Mannes zu sehr in Anspruch genommen. Dann, als sie einsam zurückblieb, war sie sich ihrer jungen Kraft bewußt geworden und des sehnlichen Wunsches ihrer Kindheit, und sie war die Schülerin eines lange verehrten Meisters geworden – stolz und froh, daß er sie angenommen hatte. Sie hatte auch hie und da schon ein bescheidenes Bildchen ausgestellt und freundliche Worte geerntet. »Ihr Zeichentalent ist bedeutend,« hatte der Meister gesagt, »und gerade das ist selten; aber es fehlt Ihnen noch an Sinn für das Malerische – für interessante, malerische Probleme. Sie sollten dem nachgeben und dann etwas Größeres arbeiten – etwas, das man nicht übersehen kann …«

Auch das war vorbei, es gab für sie nichts mehr zu tun - nur noch zu leiden. Der Schlag, der sie so unerwartet getroffen, hatte das Leben in ihr zum Erstarren gebracht, mit toten Blicken sah sie zu, wie die hübsche, warme Wohnung langsam zersprengt wurde, erst kam das Silber fort – der Flügel – die Teppiche – die Bilder – dann die überflüssigen Möbel.

Jetzt stand nur noch ihr Schlafzimmer. Und auch das sollte morgen fortgetragen werden, da das »Viertel« zu Ende ging und sie die Wohnung räumen mußte.

Da war sie hinausgegangen auf die Straße. Es war ein strahlend goldener Herbsttag. Mitten in den eleganten flutenden Korso der Großstadt war sie hineingetaucht, – und da hatte sie gefühlt, wie die Wellen über ihr zusammenschlugen. Da um sie herum war das Brausen des Lebens. Sie aber hatte kein Teil daran.

Denn in ihr war alles tot und still.

Und während sie durch die glänzenden, bewegten Straßen ging, sah sie nur immer einen einzigen, weißen, unbeweglichen Punkt. Durch die bunte, rauschende Menge schritt sie hindurch – und da wurde er größer und größer. Und näher und näher kam sie dem Ziel: das war fahl und endlos, sanft und still – eine weiße, selige Öde …

Wie lange dieser Spaziergang dauerte, wußte sie nicht.

Endlich überraschte sie der Abend. Sie spürte eine feuchte Kälte ihre Kleider durchdringen, bleiche Auerlichter leuchteten trüb durch den Nebel, der die Stadt durchdrang und alles Bunte, Glänzende, Verschiedene mit grauer, feuchter Eintönigkeit umhüllte.

Da lenkte sie die Schritte nach Hause.

Vorher aber ging sie in ein hellerleuchtetes, glänzendes Stadtgeschäft und kaufte die Waffe. Ihr Portemonnaie war schwer von Silbergeld. Es war der Erlös für die kleine Salongarnitur, die sie gestern davongetragen hatten. Viele, viele silberne Gulden rollten über den Ladentisch, als sie den Revolver bezahlte. Hastig strich sie sie zusammen: war sie denn nicht närrisch? Das war doch viel schweres Geld, das sie da hatte, eine lange, blinkende Reihe von Gulden – zwanzig, fünfundzwanzig, dreißig, sechsunddreißig silberne Gulden, die waren schwer im Kleide zu schleppen.

Sie lachte plötzlich laut auf, zahlte, ergriff das kleine, leichte Päckchen und ging schnell davon.

Aber in der dunkeln, einsamen Straße, die sie nach Hause führte, strömten ihre Tränen – verborgen unter dem dichten Schleier – lautlos und ununterbrochen, bis sie ihre Wohnung betrat.

Sie sperrte auf. Und aus den halbausgeräumten, frostigen Zimmern kam ihr wieder das Grauen entgegen. Ganz allein war sie in der Wohnung, denn das Mädchen hatte sie längst verlassen.

Sie öffnete schnell das Bett und warf die Kleider ab. Ihr Körper zitterte vor Kälte. Das Geld und die Waffe legte sie auf den Tisch neben dem Bett; dann zündete sie die Kerze an, versuchte wie alle Abende, bevor sie sich niederlegte, ob der Gashahn und die Türen gut versperrt und die Fenster fest verschlossen waren. Sie rüttelte an den Fenstern und sah dabei in die stille Gasse hinaus. Die lag ganz einsam da. Nur ein Schatten streifte drüben an der Wand vorbei. Sie war so allein in der Wohnung – und die lag im Parterre. Ein Angstgefühl schlich an sie heran.

Zitternd legte sie sich zu Bett. Wie war das weich und warm und federnd, eine Nacht noch sollte sie darin schlafen. Und morgen … sie tastete nach dem Revolver, nur nicht jetzt in der schwarzen Nacht, morgen früh, im Lichte der Sonne!

Ihr Herz klopfte stark und unruhig in der Finsternis. Grüne und rote Kugeln tanzten vor ihren Augen. Aber sie wurden blasser, und endlich war alles fahl – weiß – verloren – – – –

Plötzlich hörte sie ein Geräusch. Kam das nicht vom Fenster? Nein, das kam da vom Tische her. Ein schwarzer Schatten stieg riesengroß in der weißen Öde empor.

Das war ein schwarzer, riesiger Mann mit Augen wie Feuerkohlen. Er stand mitten in ihrem Zimmer und spielte mit roten und grünen Kugeln. Dann – horch! Er trat zum Schranke, riß alle Laden auf und durchwühlte sie … er suchte nach Geld. – »Da ist es, lieber Mann, neben dem Bette auf dem Tische – – – viele glänzende, silberne Gulden – schweres – zentnerschweres Silber – – soviel – – – nimm es fort – aber töte mich nicht! – – – -«

Zu spät! Ein Messer blitzt durch die Luft. Er tritt an ihr Bett, sie will schreien, herausschreien all das namenlose Entsetzen – – – da dringt der Stahl hart und eisig in ihre Kehle, ein Blutstrom schießt empor – –

Mit einem gellenden, entsetzlichen Schrei fuhr sie empor. Hin zum Fenster stürzte sie und riß es auf. Das Morgenlicht strömte herein und der Tag überflutete sie mit seinem Glanz.

Bebend und schluchzend sank sie zu Boden, und in namenloser Seligkeit streckte sie die Arme zum Licht.

Heiliges Leben – heiliges Leben! – – –

Halb weinend und halb jauchzend richtete sie sich auf. Sie betastete ihren jungen Leib, der war warm und lebendig und ihr köstlich Eigentum.

Und die Gruft, in der sie gelegen seit Wochen, seit der Schlag auf sie niedergesaust, die war zersprengt.

Der Wille war auferstanden. Da stand sie – noch immer bebend vor dem Schrecken des fürchterlichen Gesichtes – vor dem Grauen des Todes, an dem sie vorüber gegangen … Sie sah sich selbst in dem großen Spiegel, in ihrem weißen, wallenden Hemd.

Sich selbst – sich selbst hatte sie wieder – die süße Wärme, das klopfende Herz, den blühenden Leib, die strahlenden Augen, die ins Licht blicken durften, in die goldene Sonne!

Und der schwere, schwarze Vorhang, der sich auf sie niedergesenkt hatte vor vielen Wochen, rauschte zurück.

Und sie sah das Leben, sie sah die wahre, große Gefahr, der sie entronnen war: die lag nicht im Verluste des Materiellen.

Aber sie lag in der Zerknickung des Willens, des Willens zum Kampf, zur Aktivität!

Und sie begriff. Wenn der wieder in uns aufersteht und seine Locken schüttelt, dann sind wir gerettet, dann finden wir Mittel und Wege uns zu erhalten und durchzusetzen.

Lichtüberflutet stand sie da, das Gesicht überströmt von seligen Tränen. Durch das offene Fenster brauste der Morgenwind und ließ ihre Haare flattern. Und plötzlich sah sie das Bild, das sie lange gesucht, das malerische Problem, das ihr Meister von ihr gefordert: ein Weib, wie sie selbst, so nackt, so jung, so arm und umtost vom Sturm, der sie an den Haaren zerrt. Aber in ihren Augen sprüht der Triumph und gegen Wind und Wetter schwingt sie hoch in der Luft einen grünen Zweig.

Das wollte sie ihrem Meister sagen, für den sie seit Wochen verschollen gewesen, – gleich heute. Sie wollte ihm erzählen, was über sie gekommen war, und wie sie schon beinahe in dem Chaos versunken gewesen, weil sie nirgends die Lösung gefunden.

Nun war sie ihr dennoch gekommen, von wo sie sie am wenigsten erwartet: aus Traumland, wo die geheime Wahrheit der Dinge wohnt, die, uns selbst verborgen, sich nur über die Schwelle des Bewußtseins wagt, wenn Wünsche und Begierden schlafen.

Eine sonderbare Hochzeitsreise

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Fräulein Gusti Neuberger wußte nicht, was sie anfangen sollte. Ihr Vater war gestorben und sie stand nun ganz allein da. Hatte aber genug zu verzehren: das Erträgnis eines großen, schuldenfreien Miethauses in Döbling. Außerdem hatte sie die kleine, einstöckige Cottage-Villa mit dem wundervollen Garten. Dort war sie geboren worden, dort hatte sie mit dem Vater gewohnt. In dem Garten hatte sie ihr Leben zugebracht. Sie hatte wenig Freundinnen, lebte still und verspielt, aber mit einer heimlichen Neugierde im Herzen. Recht gespannt dachte sie manchmal an die Dinge, die von jenseits des grünen Zaunes doch jedenfalls eines Tages hier herein kommen müßten. Sie war recht klug, las in Büchern und wußte alles, was andere Mädchen auch wissen. Nur konnte sie von all dem, was in stetem Fluß durch ihren Kopf hin und her strömte, nichts so recht ergreifen und anhalten: konnte nichts Festes und Hartes aus dem Flüssigen machen.

Es war immer alles so ein bißchen im Nebel drin – traumhaft sah sie sich manchmal neben sich selbst, wie eine zweite Person.

Nach dem Tode des Vaters war Onkel Theodor, des Vaters Bruder, ihr Vormund geworden; eigentlich nur der gewissenhafte Verwalter ihres Vermögens, denn sie irgendwie zu bevormunden, fiel ihm nicht ein. Tante Anna, seine Frau, lud sie aufs liebevollste ein, zu ihnen ins Haus zu ziehen, damit sie nicht so allein sei. Das wollte aber Gusti nicht tun, sie wollte weiter in ihrer Villa bleiben mit Berti, die ihre Amme gewesen war und die nun seit zwanzig Jahren die Wirtschaft führte. Nur die Abende verbrachte sie gewöhnlich bei Neuberger im Familienkreise. Es war dies eine alte Wiener Bürgerfamilie, wo ein sicherer, gut fundierter Wohlstand, verbunden mit einem gewissen Patriziergefühl, ein Milieu von angenehmer Distraktion erzeugte, besonders da die Leute praktisch mit ihrer Zeit vorwärtsgingen, so daß bourgeoise Engherzigkeit dort niemals aufkam. Gustis Vater hatte auch als Kenner aller Münzen in numismatischen Kreisen einen bedeutenden Ruf genossen. Von ihrer Mutter, die bei ihrer Geburt gestorben war, hatte sie nie viel gehört, nur soviel, daß sie Schauspielerin gewesen sein solle, am Karl-Theater. Ein altes, verblaßtes Aquarell, das sie einmal in einer Kiste auf dem Dachboden fand, zeigte eine hübsche, junge Dame mit lockigen, kurzen Haaren, über denen sie ein Tambourin schwang. Sie trug ein Kleidungsstück, das aussah wie ein roter Frack, und einen kurzen Rock; auch war das eine Bein etwas erhoben.

Es war recht gemütlich bei Neubergers, die zwei Cousinen spielten sehr gut Klavier, und Onkel Ottokar hatte einen schönen Baß.

Dort lernte sie auch Herrn Borostiany kennen, einen sehr gut situierten Seidenfabrikanten aus Budapest.

Eines Tages besuchte sie Herr Borostiany in der Villa. Als sie erschien und ihn fragte, was ihr das Vergnügen seines Besuches verschaffe, bat er sie kurz und freundlich um ihre Hand. Gleichzeitig teilte er ihr mit, daß er mit Onkel Theodor bereits gesprochen habe, der hätte nichts gegen ihre Verbindung einzuwenden,

Sie war erstaunt und schwieg, im großen venezianischen Silberspiegel, der im Salon hing, sah sie sich dasitzen in dem dunkelgrünen Tuchfauteuil – ihr gegenüber Herrn Borostiany. Sie sah ein großes, etwas mageres Mädchen von sehr guten, eleganten Formen, mit schönen, dunkelblauen Augen und ganz hellblondem Haar, das in zwei Zöpfen um den Kopf gelegt war. Sie trug ein vornehmes, dunkles Herbstkostüm aus grauer Zibeline, das sich zottig, langhaarig und seidenschimmernd in schweren Falten um ihre schlanke Gestalt schmiegte. Der etwas lange, zarte Hals ragte daraus hervor wie der Stengel einer Blüte.

Neben diesem Spiegelbilde saß ein stattlicher Herr mit sehr schwarzen, dichten, bläulich glänzenden Haaren und ebensolchem Vollbarte. Sein Gesicht war rot und frisch, die Zähne sehr weiß; er hatte einen appetitlichen Mund, dem man es ansah, daß er gern aß und trank.

Beide zusammen erschienen ihr wie ein Witz.

Der Spiegel hing gegenüber der offenen Verandatür und während sie noch immer in das Glas starrte, sah sie darin auch ein Stück des mit Grün umwachsenen, jetzt etwas herbstlichen Gartenzaunes.

Von dorther war der Besucher gekommen. Sie hatte ja etwas erwartet – von dort – jenseits des Zaunes. – – –

Und mit einer plötzlichen, wunderlichen Neugier richtete sie ihre Blicke vom Spiegel weg – auf Herrn Borostiany, der noch immer wartend dasaß.

Ja, so –

Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn und gab ihr Jawort.

Abends wurde bei Neubergers die Verlobung gefeiert. Die Trauung wurde auf den nächsten Monat festgesetzt, Herrn Borostianys wegen, der sich nicht lange vom Geschäfte fernhalten konnte, eine Hochzeitsreise nach Italien wurde vereinbart. Das neuvermählte Paar sollte über Budapest fahren und die junge Frau ihre künftige Heimat besichtigen.

Aber die Villa im Cottage wollte sie auf jeden Fall behalten. Heimlich nahm sie sich vor, den Schlüssel immer bei sich zu tragen,

Auch sollte Betti in der Villa verbleiben.

Gleich nach der Trauung fuhr Gusti mit ihrem Gemahl weg. Im Wagen wollte er sie küssen. Aber während sie dies in ihrer Brautzeit ruhig hingenommen kalte, lehnte sie sich jetzt dagegen auf. Er respektierte ihre mädchenhafte Scheu, ebenso ihren Wunsch, während der ganzen Reise stets allein ein eigenes Zimmer zu bewohnen, er nahm sich vor, nicht ungeduldig zu werden, damit es in ihrer Familie nicht hieße, er sei ein Plebejer.

In der Kirche, während der Trauung, hatte Gusti eine sonderbare, sich immer mehr steigernde Unruhe empfunden, mißtrauisch betrachtete sie den schwarzhaarigen Herrn an ihrer Seite, ein Witz – ein Witz … Ihre Gedanken verschwammen ineinander, sie überhorte die Frage des geistlichen und Herr Borostiany mußte sie anstoßen, damit sie ihr »Ja« hervorbrachte, flüchtig, zerstreut.

Zwei Tage blieben sie in Budapest. Sie fand es ordinär und ganz unmöglich, jemals dort zu leben. Die Leute sprachen so merkwürdig laut auf der Straße, in steigenden und fallenden Skalen; die öffentlichen Lokale erschienen ihr zu pomphaft ausgestattet, dabei kam es ihr vor, als ob überall auf den roten Plüschbänken und den vergoldeten, krummbeinigen Möbeln Schmutz liegen müsse. Sie wußte es aber nicht sicher, bis sie mittags im Restaurant mit dem schwedischen Handschuh über die Sessellehne strich: richtig, er war ganz dunkel. Sie empfand eine lebhafte Freude darüber, sagte aber nichts.

Nein, hier konnte man nicht bleiben, hatte doch der Kohlenhändler rotweißgrüne Fähnlein auf der Butte, ebenso steckten diese in der Auslage des Delikatesenhändlers überall: im Schinkengestell, zwischen den Sardinenbüchsen und ganz besonders auf den langen Salamistangen.

Eines aber schlug dem Fasse den Boden aus: sie gingen nachmittags ins Café und Herr Borostiany legte ein Päckchen nieder, das er bei Kugler gekauft hatte. Da kam der Kellner, begrüßte ihm, nahm das Päckchen in die Hand, drückte es leicht zwischen den Fingern und fragte freundlich: »Was haben Sie da drin?«

Sonderbar dünkt euch, was ich euch da erzähle, ihr Herren und Frauen. Aber es kommt noch sonderbarer. Wundert euch über nichts, was ihr noch hören werdet von dieser Hochzeitsreise, denn ihr wisset ja, im menschlichen Leben ist mancherlei möglich. War bis jetzt alles allzu realistisch, so ist es nicht ausgeschlossen, daß die Poesie noch kommt. Denn diese Hochzeitsreise geht ja nach Italien! Vielleicht werde ich euch von Venedig erzählen, von der dämonischen Tochter der Adria … Vielleicht von Rom, von Prunk und Pracht des Katholizismus, von den Purpurschleppen der Kardinäle mit ihrem grausamen Gegensatz zur Hungeragonie des Ghettos –! Von den mystischen Schauern in St.ããPetri Dom könnte ich euch sprechen, könnte euch schöne, kluge und ergreifende Dinge sagen über den gigantischen Zusammenstoß zweier Kulturen: der christlichen und der antiken. Vielleicht könnte ich auch von den Wundern der Campagna erzählen, von sinneberückenden Symphonien der Farbe, von Michel Angelinischen Marmorträumen! – – – Vielleicht!

Sie fuhren gar nicht über Venedig. Sie wollten nach Capri auf dem kürzesten Weg. Daher nahmen sie die Route Budapest-Fiume, Fiume-Ancona (per Schiff), Ancona-ãRom (wieder per Bahn), Rom-Neapel-Capri. In Rom blieben sie nur einen Tag (da sie es auf der Rückreise besehen wollten), ebenso in Neapel.

Gusti war wie betäubt – zerschmettert von dem, was sie sah. Daß Herr Borostiany mit war, empfand sie eher als unangenehm, ihre Tür hielt sie ihm noch immer verschlossen, immer wieder verschob er ein energisches Vorgehen.

Es war ihr erster Abend in Capri. Sie hatten das Souper auf der großen Terrasse eingenommen. Es waren um diese Zeit wenig Fremde da. Die Tochter des Wirtes, die bildhübsche Gianella, bediente sie. Sie sah aus wie eine dunkle, saftige Frucht. »Eine Glutorange«, bemerkte Herr Borostiany, indem er ihr nachblickte.

Bald nach dem Essen zog sich Gusti auf ihr Zimmer zurück. Herr Borostiany drückte ihr die Hand und meinte, er wolle noch eine Zigarre rauchen, dann werde er ebenfalls auf sein Zimmer gehen, das an das ihre stieß.

Oben kleidete sie sich aus und blickte durchs offene Fenster auf das vom Mondlicht überflutete Meer. Das war voll seliger Schönheit. Hell und friedlich war es in ihr, die Unruhe wich. Alles Unfreundliche versank. Sie schob den Riegel der Tür zurück. – – – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Eine Stunde verging. Herr Borostiany war nicht heraufgekommen. Gusti erhob sich, kleidete sich an und ging leise die Treppen hinunter. Da hörte sie aus der Kammer des Mädchens, an der sie vorbei, kam, lachen, flüstern – und sie erkannte die Stimme Herrn Borostianys.

Einen Moment stockte ihr Atem, es war wie eine Lähmung, wie eine komische Leere im ganzen Körper, als ob alles Blut plötzlich ausgeronnen wäre. Dann durchströmte sie eine siedende Hitze – sie empfand sie wie ein fröhliches Brennen in allen Poren – und mit wunderlicher Lebhaftigkeit eilte sie in ihr Zimmer.

Am Morgen fand Herr Borostiany, als er bei ihr anklopfte und endlich eintrat, ihr Zimmer leer. Auf dem Tische lag ein Brief an ihn:

»Euer Wohlgeboren!

nachdem Sie die Nacht im Zimmer der Wirtstochter verbracht haben, werde ich in Wien die Scheidung sofort einleiten lassen. Suchen Sie mich nicht zu finden, da ich vielleicht gar nicht direkt nach Wien reise und auch dort für Sie auf gar keinen Fall zu sprechen wäre.

Hochachtend
Gusti Neuberger.«

Von der Bestürzung des Herrn Borostiany könnt ihr euch kaum eine Vorstellung machen, ihr Herren und Frauen.

Beppo Agliardi, der Bruder der bildhübschen Gianella, die aussah wie eine dunkle Glutorange, hatte am frühen Morgen die fremde Signora hinübergesegelt nach Neapel. Sie hatte all ihr Gepäck bei sich, zwei Handkofferchen und eine Hutschachtel. Es war eine wunderschöne, vergnügte Fahrt. Mit entzückten Augen blickte die Signora übers Meer, auf die weißen Schaumkrönchen der bewegten Wellen, auf die Delphine, die da und dort in die Höhe schnellten. Dann legte sie sich flach hin, ließ ihre Händchen über den Rand des Bootes hängen und eine ganze Weile durchs Wasser ziehen, worauf sie plötzlich emporschnellte (wie ein Delphin) und Beppo eine Handvoll Wasser ins Gesicht spritzte.

Der Junge lachte wie toll – und als ihm die Signora durch die prachtvollen schwarzen Haare fuhr, schnappte er nach ihr und hatte sie beinahe in die Hand gebissen.

Sie trennten sich in Neapel, wo er sie bis zum Bahnhof führte. »Sage, daß ich gleich weitergereist bin, wenn man dich fragt; ich fahre hinauf – nach Cormons.« Und sie gab ihm ein Trinkgeld, wie er es noch nie in seinem Leben bekommen hatte.

Als er fort war, ging sie aus dem Bahnhof heraus, nahm einen Wagen und ließ sich durch ganz Neapel führen, nachmittags ritt sie auf einem Eselchen mit zwei Führern den Vesuv hinauf. Abends dinierte sie in ihrer schwarzen, dekolletierten Flittertoilette, die sie als Abendkleid in die Ausstattung bekommen hatte, im ersten Hotel an der Table d'hôte.

Der Marquis von Barbillon begleitete sie, als sie am anderen Tage nach Rom fuhr. Sie hatte ihn abends an der Table d'hôte kennen gelernt, er kannte Rom sehr gut und machte in vortrefflicher Weise den Führer. Sie besuchten Kirchen, Museen, Galerien sie stiegen hinauf auf den Pincio und hinunter in die Katakombengrüfte der Kapuziner. Waren sie vormittags in den schmutzigen Schlupfwinkeln von Trastevere herumgestreift, so dinierten sie abends in der prachtvollen Villa des Herzogs von Aosta, eines Freundes des Marquis, der vom Pariser Jockeiklub her internationale Beziehungen besaß. Er war Millionär, Sportsmann und zu seinem Vergnügen auch Sänger, hatte einen wohlgeschulten Bariton und war vollständig für die Oper ausgebildet, so daß er hätte jederzeit auftreten können. Im übrigen sah er aus wie der Zar von Rußland, nur war er größer.

Die schöne Österreicherin, die der Marquis in Neapel kennen gelernt hatte, – sie war eine Waise, Tochter eines Gelehrten, aus distinguierter Wiener Familie – wurde überall sehr gefeiert. Als sie Rom verließen, gaben ihnen römische Nobili in vierzehn Equipagen das Geleite zum Bahnhofe und Madame (wie es hieß, war sie von ihrem Gatten nach kurzer Ehe geschieden) erhielt zweiundzwanzig Buketts.

Ihre Beziehungen zum Marquis, der ein vollendeter Gentleman war, zu verdächtigen, fiel natürlich niemandem ein.

Vorher hatten sie noch etwas Glanzvolles erlebt: eine Massenaudienz beim Papst. Als der Heilige Vater in schier transzendentaler Herrlichkeit sich auf seinem Stuhle erhob, als er dastand von überirdischer Helle umflossen, schneeweiß im Antlitz, durchleuchtend wie eine Geistererscheinung, in der gespenstigen Totenhand die strahlende Monstranz, als er so dastand und mit dünner, singender Stimme, die aus den Wolken zu fallen schien, wie die Stimme der Gnade, weltenfern wie ein traumhafter Widerhall aus längst entschwundenen Jahrhunderten, den Segen gab, während alle Glocken läuteten, da fiel auch Gusti, die Protestantin war, gleich allen anderen in Anbetung nieder und jauchzte: »Evviva il papa!«

Du siehst, lieber Leser, ich habe keine leeren Versprechungen gemacht, als ich dir andeutete, daß die Poesie noch kommt. Aber es kommt noch mehr – wozu wesentlich die vorzügliche gesangliche Ausbildung des Marquis beitragen wird, er hieß Eugène und wenn ich dir dies bis jetzt verschwiegen habe, so liegt das an meinem ausgesprochen literarischen Feingefühl für die Stellung des Notwendigen.

In Venedig war es. Sie waren draußen auf dem Lido gewesen und abends fütterte Gusti die Tauben auf dem schönsten Platze der Welt. Als sie das erstemal diesen Platz betreten hatte, aus einem Gewirr von Gäßchen tretend, – plötzlich, mit einem Schritt sozusagen, der fünffach gekuppelten Markuskirche, nur durch einen von Arkadengängen geheimnisvoll umzogenen Riesenplatz getrennt, gegenüber stand, – als ihr diese byzantinische Herrlichkeit entgegenstrahlte aus pathetischer Entfernung, die ihr als wahrhaft fürstliche Raumverschwendung anbetungswürdig erschien, da überkam sie eine so lebhafte Freude, daß sie dankbar den Arm ihres Begleiters drückte, der sie hierher gebracht hatte,

O, so eine Hochzeitsreise!

Und damals wich auch ihre mädchenhafte Scheu – und sie flüsterte zum erstenmal: »Eugène!«

Abends in ihrem Zimmer, das auf den Canal Grande hinausging, hörte sie Mandolinenklänge. Im weißen Frisiermantel, mit aufgelöstem Haar, eilte sie zum Fenster. Da stand der Marquis in einer Gondel, ein Knabe saß zu seinen Füßen und zupfte die Mandoline. Die Gondel war ganz mit Lampions umsäumt, die rot und still über dem Wasser glühten. Der Marquis von Barbillon war in einen dunklen Mantel gehüllt, von dem ein Zipf über seine Schulter geschlagen war. Man sah nichts von ihm als seinen Kopf mit dem Spitzbart blond foncé à la Nicolas II. Also stand er unten, blickte sehnsüchtig empor und sang:

»Laisse moi,
Laisse moi,
Contempler ton visage …!«

Entzücken durchströmte sie, sie warf eine Rose hinunter.

Gleich darauf erloschen die Lichter der Gondel. Jemand stieg aus. Ruderschläge, die sich weiter und weiter entfernten, hörte man durchs offene Fenster.

Moskitos umschwirrten die Kerze, die oben im Zimmer brannte, und wurde von einem blonden, verspielten Mädchen, dessen Kopf immer ein bischen in Nebeln steckte und das sich manchmal mit wunderlicher Neugier neben sich selbst stehen sah, aufmerksam beobachtet, wie sie in beginnender Sinnlosigkeit, im Banne der Flamme, durcheinander flattern. – – –

Jemand klopfte mit drei kurzen Schlägen an die Tür und eine verträumte Stimme antwortete leise: Entrez!

Wie sie nach Wien gekommen war, hätte sie kaum sagen können. Sie erinnerte sich nur, daß der Marquis von Venedig aus mit ihr über Genua nach Nizza reisen wollte, wo er eine Villa besaß. Das kam ihr aber so komisch vor, daß sie insgeheim darüber lachen mußte. Sie beschloß, auf keinen Fall nach Nizza zu reisen. Und am anderen Morgen, lange bevor sie den Marquis im Frühstückzimmer des Hotels zu treffen pflegte, stand sie allein und vergnügt am Bahnhof von Venedig. Ihre Hotelrechnung hatte sie in aller Frühe bezahlt. Sie hatte ihr ganzes Gepäck bei sich, zwei Handkofferchen und eine Hutschachtel.

Löste ein Billett über Pontafel nach Wien.

Den Verwandten in Wien teilte sie mit, sie müsse sich von Herrn Borostiany scheiden lassen. Warum, möchte sie lieber nicht erzählen, es sei peinlich. Da inzwischen aus Budapest ein Brief von Herrn Borostiany gekommen war, in dem er sich sehr gedrückt und demütig als den schuldigen Teil bekannte, – ohne jede Hoffnung auf Wiedervereinigung, – drängte man nicht weiter in sie und die Sache wurde kurz und glatt abgewickelt. Auch daß sie sich eine Zeitlang von Wien ferngehalten hatte, begriff man ganz gut. Man befürchtete nur, das arme Kind würde etwas gedrückt sein von den Ereignissen, an denen man sich einige Schuld beimaß durch die voreilig gegebene Einwilligung. Man war daher sehr besorgt um sie.

Sie war aber nicht anders als früher. Lebte still und spielerisch in der Villa mit Betti. Alles war ja in Ordnung. Sie hatte geheiratet, eine Hochzeitsreise gemacht, ließ sich nun scheiden.

Und als sie nach einiger Zeit erfuhr, daß sie Mutter werden würde, war sie vollständig glücklich.

Onkel Theodor befürchtete nur, daß Herr Borostiany Ansprüche an das Kind machen würde – was aber niemals geschah.

Herr Borostiany soll später in einer Irrenanstalt geendigt haben, was aber auch ein Zufall sein kann, der mit unserer Geschichte in keinerlei wie immer geartetem Zusammenhange steht.

Der Retter

Inhaltsverzeichnis

Ein naßkalter, trüber, trostloser Wintertag. Schon in früher Nachmittagsstunde wird es dunkel und die Auerlichter der Straßen flammen auf. Der fahle Widerschein einer solchen Laterne einer stillen Straße, die zwischen lauter Gärten dahinläuft, fällt in ein großes, dunkles Zimmer im Erdgeschosse einer kleinen Villa. Die Laterne steht gerade vor dem Fenster, so daß sie das Tulpenmuster des Spitzenvorhanges beleuchtet und es auf die Scheiben projiziert; es sieht aus, als wüchsen die Tulpen von draußen am Fenster hinauf.

Drin in dem Zimmer ist das elektrische Licht noch nicht aufgedreht, man würde nicht ahnen, daß jemand in dem Zimmer ist, kämen nicht von der Ottomane, die schräg in der Ecke des Zimmers steht, leise, hastige Atemzüge. Eine junge Frau liegt dort in der Dunkelheit; sie trägt ein Kleid aus weichem, schwarzem Samt, das in fließenden Falten, gürtellos an ihr herabfällt. Ein zarter, weißer Spitzenkragen liegt über den Schultern und läßt den Hals frei.

Regungslos liegt sie da und starrt mit brennenden Augen in die Dunkelheit.

Tödlich langsam, gespensterhaft feierlich scheint ihr das Schreiten der Zeit, nicht der atemraubende Wirbel der Minuten, nicht die eilige Ablösung der Wochen, nicht die schnelle Folge der Monate kommt ihr zum Bewußtsein: für sie schreitet ein gigantischer Schatten, der mit der Stirne die Wolken berührt, über die Erde; breit und schrecklich versperrt er den Weg, denen, die vorauseilen möchten, – hinter ihm muß sich alles geduldig drängen, – auch sie.

O, wer doch fliegen konnte, – fliegen über diese nächsten Wochen, die die große, große Befreiung bringen.

Oder auch nicht? Soll sie ewige Verdammnis leiden, – tausendfache Hölle, – sicheren Untergang – – – deshalb, weil sie jung und ahnungslos war?

Weil sie sich nichts träumen ließ von den Schrecken der Entartung, die sich unter glatter gesellschaftlicher Form zu verbergen vermag?!

Soll sie deswegen verflucht und verdammt sein?! Nein, nein, nein! Das ist nicht möglich, das kann nicht sein, eher geschehe irgend etwas – Gräßliches!

– – – Eher wirft sie dieses Leben weg!

Sie stöhnt …

Wird sie hart genug sein, diesen schrecklichen Kampf durchzukämpfen?

Es muß sein, denn sie weiß, gibt sie auch diesmal noch nach, so ist sie verloren.

Und nichts, nichts, das einem diese Zeit verkürzen hilft.

Kann sie denn lesen oder ein Theater besuchen mit solchen Gedanken im Kopf? Oder kann sie unter Menschen gehen?

Heute hätte ihr Empfangstag sein sollen. Der zweite Donnerstag, wie gewöhnlich. Da empfängt sie sonst ihre Freunde und Bekannten. Natürlich hat sie allen abgesagt, in der Stimmung, in der sie ist, kann man keine Gäste empfangen. Und dann: offiziell ist »es« noch nicht, verbergen ließe sich's aber auch nicht mehr.

Es wäre schrecklich gewesen, ihr heutiger »Jour«. Aber auch die Einsamkeit in der großen Wohnung, jetzt, – in dieser entsetzlichen Zeit, – ist kaum zu ertragen …

Plötzlich läutet es. Sonst achtet sie nicht darauf, ja, sie hört es vielleicht gar nicht bis hier herein. Aber heute wird das Klingeln draußen vernehmlich und wirkt wie ein paar feine, kleine Stiche, die in die schwarze Stille dieses Zimmers dringen.

Nebenan hört sie die Salontür öffnen, dann die Schritte des Stubenmädchens, gedämpft auf dem dicken Teppich; – es klopft.

»Herein.«

Das Mädchen öffnet leise, behutsam, – beinahe schonend die Tür. In der Hand hält sie ein weißes Blatt.

Die junge Frau streckt die Hand danach aus; sie glaubt, es ist ein Brief. Wahrscheinlich schon wieder –

»Bitt', gnä' Frau – der Herr wartet.«

»Der Herr?«

Sie ist erschrocken aufgesprungen und greift nach dem weißen Blatt: »Licht!«

Die Glühlampen flammen auf und ihr gelbes Licht fällt auf die Visitkarte, die die junge Frau in der Hand hält.

»Ach so, – – Sie haben doch gesagt, – der Herr.«

»Der Herr Oberleutnant.« Ja, wieso denn – ich habe doch abgesagt – er wartet?«

»Der Herr Oberleutnant hat abgelegt.«

Die junge Frau schüttelt den Kopf und scheint ein paar Augenblicke nachzudenken –: »Ich lasse bitten!«

Sie geht in den Salon hinein, wo das Mädchen Licht gemacht hat. Gleich darauf Säbelklirren an der Tür und zwischen der Portiere erscheint Herr v. Balamitsch, Oberleutnant der schwarzen Husaren.

»Ah – küss' die Hand, Gnädigste.« Er führt mit ausgesuchter Galanterie ihre Hand an die Lippen. Er ist ein großer, sehniger, eleganter Mann, mit etwas verlebten, nicht unbedeutenden Zügen. Seine sehr dunkeln, etwas flackernden Augen, die unter dem dünnen, braunen, seitlich gescheitelten Haar beinahe schwarz erscheinen, fliegen mit einem erstaunten Blick durchs Zimmer.

»Ah – Gnädigste – ich bin doch nicht als erster gekommen? – Die Herrschaften sind wohl nebenan?«

Die Dame des Hauses bemüht sich zu lächeln, – es gelingt ihr nicht, Heiterkeit in ihr blasses Gesicht zu bringen.

»Herr Oberleutnant – ich – haben Sie meine Karte nicht erhalten?«

»Welche Karte – Gnädigste haben –?«

»Ich habe meinen Bekannten mitgeteilt, daß heute – mein Jour entfällt, – weil – ich – – – ich war nicht ganz wohl …«

»Gnädigste – ich bin – wie aus den Wolken gefallen – ich bitte tausendmal um Verzeihung – ich – ich war nämlich auf dem Semmering oben – und bin soeben – direkt von der Bahn hierher gefahren …«

Sie sieht eine ehrliche Verlegenheit in seinem Gesicht und zwingt sich ein Lächeln ab.

»Nun, das macht ja nichts – bitte – wollen Sie Platz nehmen.«

»Auf gar keinen Fall, Gnädigste, selbstverständlich darf ich nicht stören – – – bitte nur um Verzeihung – küss' die Hand – bitte mich dem Herrn Gemahl zu empfehlen!«

Aber indem er sich verbeugt, sieht er, wie die Dame bei den letzten Worten zusammenfährt.

»Pardon – daß ich gestört habe, ich hatte wirklich keine Ahnung« – er wendet sich zum Gehen.

Die junge Frau fröstelt … Der geht jetzt fort, – und sie bleibt wieder mutterseelenallein in dieser Wohnung …

»Ach, – bitte, – möchten Sie nicht doch eine Weile – bleiben? – – – Vielleicht trinken Sie eine Tasse Tee mit mir –?«

Er blickte in ihr trübes, blasses Gesicht, die Augenlider scheinen rot gerändert, – was ist denn da vorgefallen? … Bis jetzt hat er mit dieser Frau noch nie allein gesprochen, – interessiert und angezogen hat sie ihn immer, – aber sie hat ihn übersehen unter der Menge ihrer Besucher, und nun ist er heute allein da, – und sie bittet ihn, zu bleiben.

»Wenn Sie wirklich wünschen und befehlen, gnädige Frau, wird es mir eine große Ehre sein …«

»Schön«, sagte sie und atmet auf, wie erleichtert.

»Aber – es ist hier kalt, – heute ist das Kaminfeuer nicht angezündet worden, – ich werde gleich einheizen lassen, – zwar es dauert lange, bis es warm wird …« Sie sieht etwas ratlos drein, schließlich sagt sie einfach:

»Vielleicht gehen wir lieber hinein – in mein Zimmer.«

Sie geht voraus und er folgt, den Blick wie mechanisch zu Boden auf die schwarze Samtschleppe gerichtet, die vor ihm herschleift und knisternd und wellig über die Teppiche raschelt.

Es ist ihr Wohnzimmer, – und in letzter Zeit auch ihr Schlafzimmer. Vor der Ottomane steht ein kleiner, runder Mahagonitisch, groß genug, um den Tee für zwei Personen darauf zu servieren.

Das Mädchen hat bald alles gebracht, und es ist traulich da.

Aber kein Gespräch will in Fluß kommen, – die Frau ist so merkwürdig …

»Gnädige Frau – ich weiß nicht, Sie scheinen indisponiert, ich will doch lieber nicht Stören …«

Die junge Frau blickt dem Offizier ins Gesicht – und plötzlich kommt die heiße Sehnsucht über sie, irgend jemandem, und sei es auch dieser fremde Mann da, alles zu sagen …

»Ich – ich möchte Ihnen – sagen – warum …«