An das Publikum.

Inhaltsverzeichnis

«Um das Andenken vergangener Dinge der Vergessenheit zu entreißen und vielen großen und wunderbaren Thaten unserer holländischen Vorfahren den gerechten Tribut des Nachruhms zu verschaffen, stellt Dietrich Knickerbocker, aus New-York gebürtig, diesen historischen Versuch an’s Licht.» Wie Herodotus, der große Vater der Geschichte, dessen Worte ich so eben auf mich angewandt, handle ich von längst vergangenen Dingen, über welche das Zwielicht der Ungewißheit bereits seine Schatten geworfen hat und auf welche die Nacht der Vergessenheit bereits unerbittlich herabzusteigen im Begriff war. Mit großer Besorgniß sah ich schon lange die Geschichte dieser ehrwürdigen alten Stadt dem Erfassen unserer Hände entrinnen, auf den Lippen des redseligen Alters erzittern und tagtäglich ein Stück nach dem andern in’s Grab sinken. Wie kurze Zeit noch, dachte ich, und jene ehrwürdigen holländischen Bürger, wankende Denkmäler der guten alten Zeiten, werden zu ihren Vätern versammelt seyn; ihre Kinder, von verführerischen Vergnügungen oder unbedeutenden Beschäftigungen in Anspruch genommen, werden es versäumen, mit den Erinnerungen der Vergangenheit zu geizen, und die Nachwelt wird sich vergebens nach Memoiren aus den Tagen der Patriarchen umsehen. Der Ursprung unserer Stadt liegt dann in ewiger Vergessenheit begraben und selbst die Namen und Thaten eines Wouter Van Twiller, eines Wilhelmus Kieft und Peter Stuyvesants, erscheinen gleich denen des Romulus und Remus, Karls des Großen, König Arthurs, Rinaldo’s und Gottfrieds von Bouillon, in Dunkel und Erdichtung gehüllt.

Fest entschlossen, diese drohende Gefahr, so viel ich vermochte, abzuwenden, sammelte ich unermüdlich alle Fragmente aus der Kindheit unserer Geschichte, und wo diese nicht ausreichten, versuchte ich, wie mein ehrwürdiges Vorbild, Herodotus, die Kette der Geschichte durch wohlbeglaubigte Traditionen zu ergänzen – es ist das Resultat eines in Einsamkeit hingebrachten mühevollen Lebens! Viele gelehrte Bücher wurden, wiewohl vergebens befragt. Ein Manuscript bei der Familie Stuyvesant gab mir viele schätzbare Beiträge; andere würdige holländische Bürger, auch alte Damen, die nicht genannt seyn wollen, endlich die berühmte historische Gesellschaft von New-York haben in gleicher Beziehung Anspruch auf meinen Dank.

Meine Art der Geschichtschreibung ist nicht einem besondern Muster entlehnt. Ich strebte nach der größten Wahrheitsliebe, gleich Xenophon. Wie Sallust habe ich meine Geschichte mit kräftigen Charakteren alter Helden und Edlen erfüllt. In tiefen politischen Gedanken strebte ich Thucydides nach, milderte sie mit der Grazie eines Tacitus, und durchdrang das Ganze mit der Würde, Größe und Pracht eines Livius.

Selten konnte ich, gerade wie Herodot, der Versuchung widerstehen, mich in kühne Excursionen einzulassen – in jene reizende Episoden, die wie Blumenränder und duftende Lauben den bestaubten Weg des Historikers einfassen, und ihn einladen, sich auszuruhen und zu erfrischen von seiner mühevollen Reise.

Gern hätte ich wie Polybius die strenge Einheit der Geschichte beobachtet, aber die unzusammenhängende Beschaffenheit vieler Thatsachen ließ dieß kaum zu. Was diese Regel noch mehr erschwerte, war die Nachweisung vieler Sitten und Einrichtungen dieser besten Stadt in ihrer Entwicklung und Veränderung nach dem Stande der Cultur.

Wahrheit – Wahrheit bis in’s Kleinste war es, wonach ich strebte; und ich darf es mir sagen, daß ich die Geschichte eines großen Punktes der Erde vom Untergang gerettet habe; – so verzeihe denn der Leser die Eitelkeit dem mühevollen Streben, er sehe mich, wie ich die Feder niederlege, mich den Vorgänger so vieler nachfolgenden Geschichtschreiber dieses Landes, in der Vogelperspective schwebend über einer Reihe von 300 Jahren, das Buch unter’m Arm, New-York im Rücken, vorwärts, vorwärts, ein ritterlicher Führer zu Ruhm und Unsterblichkeit!

Solche eitle Bilder drängen sich wohl zuweilen in das Gehirn eines Schriftstellers – erhellen mit himmlischen Lichtern sein einsames Kämmerlein, frischen seine Lebensgeister auf und beleben neu die Lust zu schaffen. Ich habe gern diese Ausrufungen hier mit aufgenommen, wie sie sich rhapsodisch darboten; nicht aus Egoismus, warlich nein, sondern, damit der Leser einen Begriff habe von dem, was ein Autor denkt und fühlt, wenn er schreibt – eine Art der Erfahrung, die selten und seltsam, und eben deßhalb sehr begehrungswürdig ist.

Fünftes Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Worin der Verfasser mit Hülfe des Mannes im Monde eine große Frage völlig abthut, und damit nicht allein Tausende von Menschen aus großer Verlegenheit reißt, sondern auch dieses einleitende Buch beschließt.

Ein Geschichtschreiber gleicht in gewisser Hinsicht einem abenteuerlichen Ritter, der sich auf seinem ehrenvollen Zuge, wo tausend Gefahren seiner warten, vor keinem Feinde fürchtet, und vor keinem noch so schrecklichen Ereigniß zurückbebt. So gewappnet hebe auch ich mit Entschlossenheit die Feder und gehe mit aller Kraft auf jene herzhaften Fragen und subtilen Paradoxen los, die wie feurige Drachen und blutgierige Riesen das Thor einer Geschichte besetzt halten und mir den Eingang wehren wollen. Und grade jetzt steigt eine riesenhafte Frage auf, die ich sogleich bei’m Bart fassen und darniederwerfen muß, ehe ich auf meinem historischen Grund und Boden einen Schritt weiter thun kann – aber es ist sicher auch der letzte Gegner, der zu bekämpfen ist, und ich werde den Leser dann im nächsten Buche im Triumph mitten in’s Werk, medias in res, versetzen.

Die Frage, welche sich so mit einem Male erhoben, ist die: Welches Recht hatten die ersten Entdecker von Amerika, von einem Lande Besitz zu nehmen, ohne die Bewohner um Erlaubniß zu fragen oder sie für den Verlust zu entschädigen? – ein Punkt, der äußerst wichtig, und für viele zarte Gewissen höchst beunruhigend ist.

Die erste Quelle des Rechtes, wodurch Eigenthum in einem Lande erworben wird, ist die Entdeckung. Alle Menschen haben ein gleiches Recht auf Dinge, die zuvor Niemanden angehörten, und so auch die Nationen, wie Grotius, Puffendorf und Vattel lehren.

Dieses zugegeben, folgt klar, daß die Europäer, welche Amerika zuerst besuchten, die wahren Entdecker waren. Um dieses Recht festzustellen, bedarf es nur des einfachen Beweises, daß es von Menschen völlig unbewohnt war. Dieses möchte anfangs etwas schwierig erscheinen, denn es ist sehr bekannt, daß dieser Welttheil von gewissen zweibeinigen, aufrecht einhergehenden Thieren wimmelte, die etwas von den menschlichen Zügen hatten, unverständliche Töne ausstießen, welche sehr einer Sprache glichen, kurz die eine merkwürdige Aehnlichkeit mit den Menschen hatten. Aber die eifrigen erleuchteten Väter, welche die Entdecker begleiteten, um das Reich des Himmels zu erweitern, indem sie Klöster und Bisthümer auf Erden gründeten, klärten die Christen über diesen Punkt, zum großen Wohlgefallen ihrer Oberen und aller christlichen Reisenden, in Kurzem auf.

Sie bewiesen, daß diese zweibeinigen Thiere Menschenfresser, Ungeheuer, ja Riesen seyen; daß sie eine unbesiegliche Unempfindlichkeit gegen die Eindrücke der Cultur besäßen; daß sie keine Bärte hätten; daß sie kupferfarbig, das heißt, grade so wie die Neger seyen, die Neger aber seyen schwarz, und «schwarz», sagten die frommen Väter, indem sie sich andächtig bekreuzten, «schwarz ist die Farbe des Teufels;» – endlich, sagte man, bewohnten sie wie die wilden Thiere die Wälder. – Nach alle diesem müßten die zweibeinigen Thiere unterjocht oder ausgerottet werden.

Ein zweites Recht ist das der Anbauung. Vattel lehrt, daß jede Nation verpflichtet sey, den ihr zugefallenen Grund und Boden zu bebauen. Wer aber, wie die alten Deutschen und die neuern Tartaren, ein fruchtbares Land nicht bauen wolle, und lieber vom Raube lebe, « müsse wie ein wildes und gefährliches Thier ausgerottet werden.»

Da dies die Indianer trifft, da sie unnütze Knechte waren, die nicht arbeiten wollten, sondern umherschweiften, und nahmen, wo sie etwas bekamen, so mußten sie natürlich ausgerottet werden. Daß sie so wenig Bedürfnisse hatten, bewies grade ihre Rohheit, denn erst die Menge und Größe der Bedürfnisse macht den Menschen – sie waren also unvernünftiges Vieh. Aber kaum sahen die wohlwollenden Bewohner von Europa ihre traurige Lage, als sie ihnen hülfreich beisprangen. Sie machten sie mit Rum, Branntwein, Fusel und anderen Tröstungen des Lebens bekannt, und es ist erstaunlich, wie schnell die armen Wilden diese Segnungen schätzen lernten. Sie machten sie auch mit Heilmitteln gegen die hartnäckigsten Krankheiten bekannt, und um ihnen diese Wohlthaten recht angedeihen zu lassen, führten sie erst jene schweren Krankheiten ein. Durch diese und andre Dinge wurde der Zustand der armen Wilden unendlich verbessert, und da derjenige die meisten Quellen des Glückes besitzt, der recht viele Bedürfnisse befriedigen kann, so waren auch sie nun viel glücklichere Wesen. Aber der wichtigste Zweig der Civilisation, ein Recht, welches die ehrwürdigen Väter der Kirche am höchsten zu erheben gewußt haben, war die Bekehrung zum Christenthum. Zwar hatten sie zuvor weder gestohlen, noch veruntreut, sie waren sanft, mäßig, enthaltsam und hielten ihr Wort, aber das war alles nur aus Gewohnheit, nicht nach Vorschrift. Daher bedienten sich die Ankömmlinge aller möglichen Mittel, um ihnen die wahre Religion nach Vorschriften einzuprägen, aller – nur nicht desjenigen, daß sie ihnen selbst ein Beispiel gaben. Sie ließen ganze Schaaren feuriger Mönche und wüthender Bluthunde auf sie los, reinigten sie mit Feuer und Schwerd, mit Pfahl und Holzstoß, und in Folge dieser Bekehrungsmittel nahm die christliche Liebe und Zärtlichkeit so überhand, daß in wenig Jahren kaum der fünfte Theil der Ungläubigen mehr in Südamerika existirte. Mit Recht schrieb ein ehrwürdiger spanischer Pater an seinen Oberen folgende Worte nach Hause: «Kann irgend Jemand anders sagen, als daß diese wilden Heiden ihren Wohlthätern nur geringe Vergeltung gegeben haben, indem sie ihnen ein erbärmliches, kleines Stück dieses schmutzigen Planeten für ein glorreiches Erbe im Königreich des Himmels abtraten!»

Dieses bringt mich denn auf ein viertes Recht, welches alle anderen überwiegt. Denn nachdem die Urbewohner alle getödtet und begraben worden, und niemand mehr vorhanden war, der den Spaniern ihre Ansprüche auf das Land streitig machen konnte, so waren sie in der glücklichen Lage des Henkers, der die Kleider des Delinquenten erhält. Da sie nun Blackstone und alle gelehrte Commentatoren der Gesetze auf ihrer Seite haben, die alle Klagen auf Besitz-Entsetzung zu nichte machen, so mag denn diese letzte Befugniß das Recht der Vertilgung oder das Recht des Schießpulvers genannt werden.

Weil jedoch Gründe keinen rechten Eingang finden, wenn wir egoistische Sterbliche sie nicht in Beispielen an uns selbst klar gemacht erhalten, so will ich einen ganz gleichen Fall erzählen, um meinen Lesern recht einleuchtend zu seyn.

Laßt uns annehmen, die Bewohner des Mondes hätten durch bewundernswerthe Fortschritte in den Wissenschaften und durch tiefe Einsichten in jene Mondphilosophie, wovon die bloßen Flitterchen in letzter Zeit die schwachen Gesichtsnerven unserer Erdbewohner geblendet und ihr mattes Gehirn wirblich gemacht – sie hätten, sage ich, durch diese Mittel eine solche Energie und eine so beneidenswerthe Vervollkommnung erreicht, daß sie über die Elemente Herr geworden und die endlosen Regionen des Himmels zu durchschiffen im Stande wären, welches letztere sich ja grade so verhält, wie unser Fahren in Luftschiffen an den Grenzen unserer Atmosphäre zu der unvollkommnen Uferschifffahrt der Wilden mit Canots. Laßt uns nun annehmen, eine umherschweifende Schaar solcher hochfliegenden Philosophen, mit höherer Weisheit, mit höheren Kenntnissen im Vertilgungskampfe ausgerüstet, sey im Laufe einer Entdeckungsreise unter den Sternen auch auf diesem ausländischen Planeten angekommen. Sie sitzen auf Hippogryphen, sind mit undurchdringlichen Rüstungen angethan und mit verdichteten Sonnenstrahlen bewaffnet, haben überdem ungeheure Geschützstücke bei sich, aus denen sie große Mondsteine schießen, kurz uns eben so überlegen, wie wir damals den Indianern. Alles das ist sehr möglich; es ist nur unsere Selbstgenügsamkeit, die uns anders denken lehrt, und ich bin gewiß, die armen Wilden waren, bevor sie die weißen Männer in glänzendem Stahl und mit dem schrecklichen Donnergeschütz kennen lernten, eben so überzeugt, daß sie die weisesten, mächtigsten und vollkommensten Geschöpfe seyen, wie gegenwärtig die hochgebietenden Bewohner von England, die luftige Bevölkerung von Frankreich und selbst die in sich zufriedenen Bürger dieser erleuchteten Republik.

Laßt uns ferner annehmen, daß diese Luftschiffer von unserm Planeten, in dem sie eine heulende Wildniß finden, die nur von uns wilden und unbändigen Thieren bewohnt ist, im Namen Seiner allergnädigsten und allerweisesten Excellenz, dem Mann im Monde, feierlich Besitz nehmen. Da sie sich jedoch an Zahl zu klein sehen, um diese wilden Barbaren im Zaum zu halten, so nehmen sie unsern würdigen Präsidenten, den König von England, den Kaiser von Hayti, den mächtigen Bonaparte und den großen König von Bantam gefangen und bringen sie mit zurück nach ihrem Planeten, an den Hof ihres Gebieters, wie die indianischen Häuptlinge an den Höfen von Europa paradirten.

Während sie alle Reverenzen und Bücklinge schneiden, welche die Hofetikette fordert, werden sie den mächtigen Mann im Mond ungefähr in folgenden Sätzen anreden:

«Allererleuchtetster und großmächtigster Gebieter, dessen Reiche sich ausdehnen, so weit das Auge schweift, der auf dem großen Bären reitet, sich der Sonne als seines Spiegels bedient und ungefährdet seinen Scepter schwingt über Ebben und Fluthen, über Verrückte und Seekrabben. Wir, deine getreue Unterthanen, sind soeben von einer Entdeckungsreise heimgekehrt, in deren Laufe wir auf jenem kleinen, dunklen, schmutzigen Planeten, den du dort siehst, angekommen sind und von ihm Besitz genommen haben. Die fünf ungeschlachten Ungeheuer, die wir hier vor dein hoheitliches Antlitz stellen, waren einst bedeutende Häuptlinge ihrer wilden Brüder, eines Geschlechtes, dem die Attribute der Menschheit fremd sind, und die in allen Stücken von den Bewohnern des Mondes abweichen, indem sie die Köpfe auf den Schultern tragen statt unter den Armen, zwei Augen statt eines haben, von Schweifen gänzlich entblößt sind, und eine Menge unscheinbarer Gesichter führen, besonders fürchterlich weiße – statt des menschlichen Erbsengrün.»

«Wir haben ferner diese erbärmlichen Wilden in einem Zustand äußerster Unwissenheit und Verdammniß angetroffen, indem jeder ohne sich zu schämen mit seinem eignen Weibe lebt und seine eignen Kinder aufzieht, statt sich der durch die Natur gebotenen Gemeinschaft der Weiber zu erfreuen, wozu uns unsere Mondsphilosophie emporgehoben hat. Kurz, sie haben kaum einen schwachen Schimmer wahrer Weisheit und sind in der That schreckliche Ketzer, Ignoramus und Barbaren. Da wir nun mit der betrübten Lage dieser sublunarischen Jammerwesen Mitleid fühlten, so versuchten wir es bei dem Aufenthalt auf ihrem Planeten, das Licht der Vernunft und die Tröstungen des Mondes unter ihnen einzuführen. Wir haben sie mit Mondschein und mit Schlückchen vom besten Stickgas bewirthet, welches sie mit unglaublicher Gier verschlangen, besonders die Weiber; auch haben wir versucht, ihnen die Vorschriften der Mondsphilosophie einzuflößen. Wir haben sie nöthigen wollen, die verächtlichen Ketten der Religion und des sogenannten gesunden Menschenverstandes abzuschütteln und die tiefe, allmächtige und allgenügende Energie, und die extatische, unwandelbare, unbewegliche Vervollkommnung anzubeten. Aber so unsäglich hartnäckig waren diese verwünschten Wilden, daß sie immer ihren Weibern anhingen, ihre Religion vertheidigten und die erhabenen Lehren des Mondes für gar Nichts achteten; ja, unter andern Ketzereien und Gotteslästerungen gingen die Verruchten so weit, daß sie erklärten, dieser unaussprechliche Planet sey nichts mehr und nichts weniger als ein grüner Käse!»

Bei diesen Worten wird der große Mann im Monde (der ein tiefdenkender Philosoph ist) in heftigen Zorn gerathen und mit seiner erhabenen Autorität über Dinge, die ihn nichts angehen, sogleich eine fürchterliche Bulle erlassen, des Inhalts:

«Nachdem eine Schaar von Mondbürgern kürzlich einen neuentdeckten Planeten besucht und in Besitz genommen, und nachdem sich ergeben, daß dieser Stern von einem Geschlecht zweibeiniger Thiere bewohnt ist, welche die Köpfe auf den Schultern statt unterm Arme tragen, zweiäugig sind, die Mondsprache nicht sprechen, und statt erbsengrün fürchterlich weiß aussehen; so haben Wir selbige Geschöpfe aus diesen und vielen andern Ursachen unfähig erfunden, irgend ein Eigenthum auf dem Planeten, welchen sie plagen, zu besitzen, und bestätigen hiermit die ersten Entdecker in ihren Rechten und Ansprüchen. Von nun an aber sollen diejenigen Colonisten, welche nach dem genannten Planeten abgehen, autorisirt und angewiesen seyn, alle Mittel anzuwenden, um diese ungläubigen Wilden aus der Nacht des Christenthums zu bekehren und sie durchaus und unbedingt mondsüchtig zu machen.»

Zufolge dieser mildgesinnten Bulle gehen nun unsere philosophischen Wohlthäter mit großem Eifer zu Werke. Sie bemächtigen sich unserer fetten Länder, peitschen uns aus unserem rechtmäßigen Eigenthum, erlösen uns von unsern Weibern, und wenn wir unklug genug sind, uns darüber zu beklagen, so wenden sie sich gegen uns mit den Worten: Miserable wilde Schlucker! undankbares Packvolk! Sind wir nicht Tausende von Meilen zu euch gefahren, um eueren unwürdigen Planeten zu beglücken? Haben wir euch nicht mit Mondschein gefüttert und mit Stickstoff berauscht gemacht; spendet euch unser Mond nicht jede Nacht sein Licht, und seyd ihr so niederträchtig, zu murren, wo wir demüthigen Dank für so große Wohlthaten erwarten? Wenn sie aber finden, daß wir nicht allein in der unbedingten Verachtung ihrer Vernunftgründe beharren und an ihre Philosophie nicht glauben wollen, ja selbst so weit gehen, daß wir es wagen, unser Eigenthum zu vertheidigen, so wird ihre Geduld das Maaß überstiegen haben, und sie werden zu stärkeren Argumenten ihre Zuflucht nehmen, uns mit Hippogryphen hetzen, uns verdichtete Sonnenstrahlen durch den Leib jagen, unsere Städte mit Mondsteinen in Grund und Boden schießen, und endlich, wenn wir uns, der Uebermacht uns beugend, zum wahren Glauben bekennen, werden sie uns gnädigst erlauben, in den brennenden Wüsten Arabiens oder in den Eisregionen Lapplands zu wohnen und uns dort der Segnungen der Civilisation und der Mondsphilosophie zu erfreuen, gerade so, wie den veredelten und erleuchteten Wilden unseres Landes gütig verstattet ist, die unwirthlichen Wälder des Nordens und die undurchdringlichen Dickichte des Südens von Amerika zu bewohnen.

So ist, wie ich hoffe, das Recht der Besitznahme Amerika’s durch die ersten Ansiedler klar bewiesen und gerechtfertigt; und nachdem ich nun ritterlich alle Hindernisse besiegt und alle Einwürfe entkräftet habe, kann ich meine Leser sogleich in die lang belagerte Stadt einführen. – Doch Halt! ehe ich einen Schritt weiter thue, muß ich erst stillstehen und Athem schöpfen, mich zu verschnaufen von der furchtbaren Anstrengung, diese zuverlässige Geschichte vorbereitet zu haben. Ich folge hierin dem Beispiel eines berühmten holländischen Tummlers des Alterthums, der einen Anlauf von dreiviertel Stunden nahm, um über einen Hügel zu springen. Weil er, als er den Fuß der Anhöhe erreichte, außer Athem war, so setzte er sich ein Paar Augenblicke hin, um sich zu verschnaufen und führte dann mit aller Bequemlichkeit seinen Coup aus.

Fünftes Kapitel.

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Wie das Fort der guten Hoffnung furchtbar belagert wurde – wie der berühmte Wouter in einen tiefen Zweifel fiel und endlich ausschmauchte.

Schon sehr früh und vor der Ankunft des berühmten Wouters hatte das Cabinet der Neuen-Niederlande die Ländereien am Connecticut gekauft und dort zum Schutz einen befestigten Punkt am Ufer errichtet, welchen man das Fort der guten Hoffnung nannte, dicht bei der jetzigen schönen Stadt Hartford. Das Commando mit dem Titel als Commissär erhielt der ritterliche Jacobus Van Curlet oder Van Curlis. Er hatte das Ansehen eines langen Mannes auf kurzen Beinen, und machte deßhalb solche Schritte, daß man ihn hätte für den Däumling mit den Siebenmeilenstiefeln halten sollen; dabei tappte er so stark auf, daß seine Leute immer fürchteten, er werde sich selbst einmal unter die Füße treten.

Dieses verwegenen Mannes und seines starken Forts ungeachtet, unterließen es die Yankees doch nicht, in das Gebiet einzudringen und sich selbst in der Umgebung des Forts festzusquattern.

Bei solcher Beleidigung unterließ es auch der langleibige Van Curlet nicht, hervorzukommen, auf gut holländisch dagegen zu protestiren und eine Abschrift der Protestation mit einem höchst beschwerenden Bericht an den Gouverneur zu schicken. Nun sprach er seinen Leuten Muth ein, schloß das Thor der Festung, rauchte drei Pfeifen, ging zu Bett und erwartete mit großer Kaltblütigkeit den Erfolg, welches seinen Leuten großen Muth und seinen Feinden ohne Zweifel Zaghaftigkeit einflößte.

Nun geschah es zu selbiger Zeit, daß der berühmte Wouter Van Twiller, an Jahren und Ehren und Rathsmahlzeiten reich, die Lebensperiode erreicht hatte, die nach dem großen Gulliver zum Eintritt in den alten Orden der Struldbruggs berechtigt. Als nun Seine Excellenz der Gouverneur die Protestation des ritterlichen Jacobus Van Curlet zu lesen bekam, fiel er gradeswegs in den tiefsten Zweifel, den er je gehabt hatte; sein umfassender Kopf sank allmählig auf die Brust herab, er schloß die Augen, neigte das Ohr auf die eine Seite, als wolle er genau der Discussion zuhören, die in seinem Magen vor sich ging, welcher bei ihm das Unterhaus des Parlaments war. Ein unarticulirter Ton, der sehr einem Schnarcher glich, entfuhr ihm, aber diese innere Ueberlegung kam nie mehr zu Tage, da er über diesen Gegenstand gegen Niemanden seine Lippen mehr öffnete. Mittlerweile lag die Protestation Van Curlets ruhig auf dem Tisch, wo sie dazu diente, die Pfeifen anzuzünden, und in dem großen Tabacksdampf, den der Rath verbreitete, war bald das Fort der guten Hoffnung und sein ritterlicher Vertheidiger umwölkt und vergessen, wie eine wichtige Frage in einer Congreßsitzung durch vieles Schwatzen und Entschließen.

Während nun Wouter in seinen Zweifeln vorrückte, schritt der Feind in dem Gebiet weiter und baute in der Nähe des Forts die Stadt Pyquag, die jetzt Weathersfield heißt, und nach dem würdigen Historiker John Josselyn wegen ihrer Hexen verflucht war. Die Bewohner derselben wurden so keck, daß sie ihre Zwiebeln, wodurch sie berühmt geworden sind, der Garnison der guten Hoffnung dicht unter die Nase bauten, so daß die guten Holländer nach dieser Gegend nicht ohne Thränen in den Augen hinausblicken konnten.

Diese schreiende Ungerechtigkeit erregte den vollen Unwillen des ritterlichen Jacobus Van Curlet. Er zitterte vor Zorn und Muth, und dieser Ausbruch von Leidenschaft wurde durch die Länge seines Leibes verstärkt. Er ging heraus, vermehrte die Befestigungen und schickte einen zweiten Courier mit der furchtbaren Nachricht von seiner gefährlichen Lage ab.

Der erwählte Courier war ein kleiner, fetter, schmieriger Kerl, der die Hetze wohl aushalten konnte. Man gab ihm das schnellste Wagenpferd in der ganzen Garnison, welches hoch und lang war, derbe Knochen hatte und stark stieß; der kleine Mann mußte sich am Schweif über das Hintertheil hinaufarbeiten. Aber er eilte sich so sehr, daß er in etwas weniger als einem Monat im Fort Amsterdam ankam, obwohl die Entfernung gute zweihundert Pfeifen ausmachte.

Das Außerordentliche seiner Erscheinung würde die Stadt Neu-Amsterdam in Schrecken versetzt haben, wenn sich die guten Leute je um irgend etwas, außer ihren häuslichen Angelegenheiten, bekümmert hätten. Mit dem Anschein der größten Eile sprengte er in scharfem Trab durch die schmutzigen Gassen der Hauptstadt und überritt ganze Häuser von Koth, welche die kleinen Kinder am Wege bauten, für welche plastische Kunst die Jugend dieser Stadt immer bekannt gewesen ist. Als er beim Haus des Gouverneurs ankam, rutschte er mit großer Hast vom Pferd herab, weckte den grauköpfigen Thürsteher, den alten Skaats – klopfte heftig an der Thüre des Rathszimmers und erschreckte die Mitglieder, die über einen Plan zu einem Markte in stilles Brüten versunken waren.

In diesem Augenblick wurde ein sanftes Grunzen oder vielmehr ein tiefer, schnarchender Athemzug von dem Stuhl des Gouverneurs gehört, sogleich sah man eine Rauchwolke seinen Lippen entschlüpfen und eine kleinere dem Pfeifenkopfe. Der Rath glaubte, er sey für das Wohl der Gemeine eingeschlafen, und es wurde, wie sonst in solchem Falle, Stille geboten, als auf einmal die Thüre aufging und der kleine Courier ins Zimmer tappte, zur Hälfte in großen Steifstiefeln versteckt, die er eigens zu diesem Ritt mit bekommen hatte. Die rechte Hand hielt die verhängnißvolle Depesche und die linke den Hosenträger, der ihm beim Absteigen gerissen war. Er ging mit Entschlossenheit auf den Gouverneur los und übergab mit mehr Eile als Vorsicht die Botschaft. Aber glücklicherweise kamen diese traurigen Nachrichten zu spät, um die Ruhe dieses friedlichen Herrschers zu stören. Seine ehrwürdige Excellenz hatte so eben den letzten Zug gethan – seine Lunge und Pfeife gingen mit einander aus und seine friedliche Seele schwang sich in dem letzten Puff, der seiner Tabackspfeife entstieg, zu besseren Gefilden empor. Mit einem Wort, der berühmte Walter der Zweifler, welcher so oft mit seinen Collegen geschlafen, schlief nun mit seinen Vätern, und Wilhelmus Kieft ward Gouverneur an seiner Stelle.

Siebentes Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Mit schrecklichen Nachrichten von Gränzkriegen und himmelschreienden Verletzungen der Wegelagerer von Connecticut – dann dem Entstehen des großen Amphictyonen-Gerichts im Osten und dem Ende Wilhelms des Eigensinnigen.

Weise Männer des Alterthums, die mit solchen Dingen vertraut waren, versicherten, an dem Thor des Palastes Jupiters ständen zwei große Tonnen, die eine mit Segnungen, die andere mit Unheil gefüllt – es scheint, die letztere wurde über die unglückliche Provinz der neuen Niederlande ausgeleert, um sie ganz damit zu überschwemmen. Was bei den Erregungen von Außen und Innen dem hitzigen Temperament Wilhelms des Eigensinnigen immer neuen Brennstoff zuführte, waren die ewigen Einfälle der Yankees an den Gränzen. Viele Berichte darüber sind in den Archiven jener Zeit niedergelegt worden und die Offiziere an den Gränzen sandten unzählige und dickleibige Beschwerden nach Hause, wie treue Dienstboten nicht aufhören können, die kleinen Unfälle und Klatschereien der Küche brühwarm in’s Zimmer zu tragen.

Die Beschwerden waren aber allerdings triftig genug, und so geschah es, daß am 24. Juni 1641 Einige von Hartford ein Schwein aus der Gemeinde-Mastung hinwegführten und es, aus Bosheit oder sonstigem übelwollenden Vorurtheil, in einem Stall Hungers sterben ließen! Vom 26. Juni hieß es: die vorerwähnten Engländer trieben abermals die Schweine der Compagnie aus der Mastung von Sicojoke nach Hartford; indem sie das Volk tagtäglich mit Vorwürfen, Rippenstößen, und allem erdenklichen Ungemach und Drangsalen heimsuchten; ähnliches wird von weidenden Pferden berichtet; wobei die Hirten immer lederweich geprügelt wurden!

O ihr himmlischen Mächte, welchen Zorn regte jede dieser Beleidigungen bei dem philosophischen Kieft auf! Brief auf Brief, Protestation auf Protestation, Proclamation auf Proclamation! umsonst wurde schlechtes Latein, miserables Englisch, und abscheuliches Holländisch an die unerbittlichen Yankees verschwendt; die stehende Armee, aus den vierundzwanzig Buchstaben des Alphabets bestehend, war während seiner Verwaltung immer auf den Beinen, und Anton Van Corlear, der wackere Trompeter, mußte alle Schreckensnachrichten, die hin und her gingen, von den Wällen herabposaunen, welches ihn in ein Ansehn und in einen Respekt setzte, wie allemal die Buchhändler, wenn sie in die Posaune stoßen.

Jetzt kann es mir aber ergehen, wie Simson, der aus eines Löwen Haupt (dem Archiv der Geschichte aus welchem ich den Honig der Weisheit ziehe) einen Schwarm von Bienen um seine Ohren lockte; ich meine die unverständigen Nachkommen jener Yankees, die warlich Unthaten an meinen Vorfahren verübten, wofür sie der Historiker – den die ewige Nemesis bestellt hat – züchtigen muß, und wovon keine Maus einen Faden abbeißt.

Im Osten begannen Ereignisse zu tagen, welche den unglücklichen Gouverneur der neuen Niederlande auf die Hefen seines Witzes setzten. Bisher hatten nur die Räuber von Connecticut sich aus ihres Landes Veste herübergewagt; aber nun, es mochte um’s Jahr 1643 seyn, versammelten sich die Völker im Osten, von den Colonieen Massachusets, Connecticut, New-Plymonth und New-Haven, zu einer fürchterlichen Rathsversammlung, wie ein ungeheurer Bienenschwarm, wenn sie den Stock verlassen; sie beschlossen einen schrecklichen Bund unter dem Namen der Vereinigten Colonieen von Neu-England. Sie verpflichteten sich gegenseitig zu Schutz und Trutz wider die Wilden, worunter sie ohne Zweifel auch unsre ehrenwerthen Vorfahren auf Manhattan verstanden, und um dem Bund mehr Kraft und Nachdruck zu geben, beschlossen sie eine jährliche große Zusammenkunft von Vertretern aller Provinzen.

Beim Empfang dieser Nachricht ward Wilhelmus Kieft äusserst bestürzt; zum Erstenmal in seinem ganzen Leben vergaß er aufzubrausen. Er erwog in seiner geängsteten Seele alles, was er im Haag über solche Bündnisse gelesen, und fand endlich, daß dieses eine complette Nachahmung des Rathes der Amphictyonen sey, wodurch im Alterthume die Staaten Griechenlands sich zu unvergleichlicher Macht und Herrschaft emporgeschwungen hatten, und diese Vorstellung machte ihn für das Heil des Manhatten-Reichs zittern.

Er ließ es sich nicht ausreden, daß es bloß darauf abgesehen sey, die Niederländer aus ihren schönen Besitzungen zu vertreiben und gerieth in große Wuth, wenn Jemand daran zu zweifeln wagte. Seine Ahnung blieb nicht ohne Bestätigung; denn bei der ersten Versammlung, die der Bund in Boston (welches Kieft nur das Delphos dieses wahrhaft classischen Bundes nannte) hielt, wurden Vorstellungen gegen die Niederländer beschlossen, «sintemal sie in ihrem Tauschhandel mit den Wilden sich Gewehre, Pulver und Blei abhandeln lassen, eine Entäußerung, die höchlich zu mißbilligen sey und den Colonisten sehr gefährlich werden könne.» Wenn die Handelsleute von Connecticut sich dasselbe zu Schulden kommen ließen, so war dieß doch ein Anderes, denn sie verkauften den Indianern immer nur solche Flinten, die ihnen sogleich platzten und daher Niemanden als diesen heidnischen Bestien gefährlich werden konnten.

Das Entstehen des mächtigen Bundes war der Todesstoß für den Ruhm Wilhelms des Eigensinnigen, denn von diesem Tage an hielt er, wie viele bemerkten, nicht mehr das Haupt empor, sondern schien ganz wie abgeschlagen zu seyn. Die übrigen Tage seiner Regierung geben daher der Feder des Geschichtschreibers wenig zu thun. Versammlungen der Amphictyonen von der einen, donnernde Proclamationen und Protestationen von der andern Seite, worin Kieft wie ein erfahrner Seeheld sein ganzes Geschütz losließ, um eine Wasserhose platzen zu machen; leider aber waren es lauter blinde Schüsse.

Der letzte Act, den die Geschichte von dem berühmten und gelehrten kleinen Regenten mittheilt, ist ein langes Schreiben an den Rath der Amphictyonen, wo er sich bitter über die Bewohner von Neu-Haven oder Red-Hill’s beklagt, daß sie den Aufforderungen, das Land Ihrer Hochmögenden zu verlassen, mit Impertinenz und Verachtung begegneten. Von diesem Briefe, der ein Muster eleganter Schreibart, und classischer Apophthegmen und Bilder ist, kann ich wegen Enge des Raums nur folgendes mittheilen: «Wahrlich, wenn wir die Einwohner von Neu-Hartford sich über uns beklagen hören, so ist es uns, als hörten wir den Wolf des Aesopus, der das Lamm beschuldigt, oder jenen jungen Menschen, welcher seiner Mutter, die sich mit der Nachbarin zankte, zurief: «O Mutter, schimpfe Sie nur gleich tüchtig, damit die Nachbarin ihr nicht zuvorkommt.» Uns sind aber durch frühere Vorfälle wohl die Augen geöffnet worden, als zum Beispiel jene Antwort war, die wir von den Einwohnern von New-Haven erhielten: «der Adler verachte das Käfer-Geschmeiß,» aber wir verfolgen demungeachtet unser Recht, mit gerechten Waffen und Mitteln, und verhoffen ohne allen Zweifel die ausdrücklichen Befehle unserer Oberen zu vollziehen.» Um dieß zu bekräftigen, schloß er mit einem Bannfluch, der jene Bewohner Squatters nannte und ihnen das Wohnen in den Neuen Niederlanden kräftig untersagte.

So endet die authentische Chronik von der Regierung Wilhelms des Eigensinnigen. Die Frage, warum einige Geschichtschreiber der Zeit ihn ganz übergangen haben, möchte durch jenen Spruch des Califen zu beantworten seyn, der zu seinem Sohne sagte: «Beleidige den Derwisch nicht, damit du nicht deinem Geschichtschreiber an’s Ohr schlägst.» Hätte mancher Mann des goldenen Alters diese weise Lehre beachtet, wie glücklich wäre er den unbarmherzigen Kreuz-und Querstrichen entgangen, welche die Feder des Historikers über seine Physiognomie zog.

So war es denn die ernste Aufgabe für mich, einen Mann aus dem Dunkel der Geschichte hervorzuziehen, dessen schöpferisches Genie dauernden Nachruhm verdient, da er es war, der die Tactik der Proclamationen und die Vertheidigung des Landes durch Trompeter und durch Windmühlen einzuführen verstand – Erfindungen, welche der Menschheit mehr Ehre machen als die des Schießpulvers und ähnlicher Höllenerfindungen.

Einige Dichter, deren es in den Neuen-Niederlanden eine Menge gibt, benutzten das Verschwinden Wilhelms des Eigensinnigen in der Geschichte zu der Fiction, daß er gleich Romulus an den Himmel versetzt worden und in jenem kleinen feurigen Stern an der linken Scheere des Krebses glänze, während Andre, eben so phantasiereich, ihm das Schicksal Arthurs von der Tafelrunde geben, den die alten wälischen Barden nach dem lieblichen Feenland entführen lassen, wo er in alter Kraft und Herrlichkeit lebt, bis er einst zurückkehrt, um das Ritterthum, die Ehre und die unbefleckte Treue seiner Zeit wiederherzustellen, und ganz Britannien wieder zu regieren, wie auch Merlin der Zauberer weissagt.

Das alles aber sind Spinnengewebe der Phantasie, von jenen träumerischen Schelmen, den Poeten erfunden, denen meine ernsthaften Leser keinen Glauben beimessen werden. Zweien andern Ueberlieferungen kann ich eben so wenig Glauben schenken; die eine rührt von einem alten oder vielmehr apocryphischen Geschichtschreiber her und besagt, er habe durch den unversehenen Schlag eines Windmühlenflügels seinen Tod gefunden – ein späterer Schriftsteller aber meinte, er habe das Unglück gehabt den Hals abzustürzen und als Opfer eines philosophischen Experimentes zu enden, dem er schon mehrere Jahre nachgesonnen, daß er nämlich versucht habe, von dem Gaubloch des Stadtthurms aus Schwalben zu fangen, indem er ihnen Salz auf den Schwanz streuen wollte.

Die wahrscheinlichste Auskunft über sein Ende liegt in einer alten dunklen Ueberlieferung, daß die beständigen Sorgen, Reizungen und Aergernisse sein Hirn in so fortwährende Ofenhitze versetzt hätten, bis er, wie eine holländische Familienpfeife, die ihre drei Generationen von wackeren Rauchern durchlebt, völlig ausgebrannt sey. Auf solche Weise erfuhr Wilhelm der Eigensinnige eine Art von animalischer Verbrennung, die wie ein Binsenlicht verging, so daß der Tod, als er das Flämmchen vollends ausblies, kaum noch so viel übrig ließ, daß man es begraben konnte.

Fünftes Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Wie der Fürst der Finsterniß die Bevölkerung des Ostens berückte und wie man den Feind ausrottete – wie dann ein ritterlicher Held unter den Holländern aufstand und zeigte, daß ein Mann, wie eine Blase, mit lauter Wind gefüllt seyn kann.

Eine Unzahl Hexen zeigten sich im Lande; es war ein wahrer Schauder über diese Bünde mit dem Teufel. Das Merkwürdigste aber war, daß die höllischen Künste gerade den dummsten, verrunzeltsten, häßlichsten alten Weibern anvertraut wurden, die kaum mehr Verstand hatten, als die Besenstiele, auf denen sie ritten. – Aber wenn einmal Lärm geschlagen ist, bedarf es keiner großen Beweise mehr; und es geht dann mit den Anzeichen wie bei dem gelben Fieber. Wo sich eine Krankheit zeigte, mußten Hexen daran schuld seyn, und wehe dann dem alten Weibe, das in der Nachbarschaft lebte. Die schändlichen Hexen wurden schnell erkannt an den Liebesmälern des Teufels, an schwarzen Katzen, Besenstielen und dem Umstande, daß sie nur drei Thränen und zwar aus dem linken Auge weinten. – Es gab Gerüchte von Schaluppen, die mit alten Weibern bemannt waren, von einem Schiff, wo ein großes rothes Pferd am Hauptmast stand, das aber plötzlich verschwunden war, von unsichtbarem Mannzen, von schrecklichen Erscheinungen und solchen Dingen mehr.

Umsonst war es, daß Viele die Vergehungen läugneten; sie mußten alle Martern durchlaufen, bis sie endlich in dem Feuer ihren gerechten Tod fanden.

In der Stadt Ephesus soll sich diese Plage dadurch verloren haben, daß man ein zerlumptes altes Weib steinigte, welches der böse Feind selbst war und sich augenblicks in einen zottigen Hund verwandelte. Eben so weise verfuhr man hier mit den schnellen Ausrottungen. Die Hexen wurden alle verbrannt oder verjagt, und in kurzer Zeit gab es in ganz Neu-England kein einziges häßliches altes Weib mehr – woher es ohne Zweifel kommt, daß alle junge Weiber dort so schön sind. Das gute Volk dieses Landes aber wandte sich von jenen geheimen Künsten auf den reelleren Hokuspokus des Handels, und wenn sich ja noch Hexerei durchdrängt, so geschieht es unter Verkleidungen, in der Maske von Aerzten, Rechtsgelehrten, Geistlichen. Diese Leute zeigen eine Gelehrsamkeit und Spürkraft, die gewaltig nach Hexerei schmeckt, auch ist sehr richtig bemerkt worden, daß die Steine, die sich vom Mond ablösen, meist in Neu-England niederfallen.

Der Verfasser des unschätzbaren Manuscripts in der Stuyvesant’schen Familie schreibt jene Irrungen und Plagen im Osten lediglich dem Beistande des heiligen Nikolaus zu, welches wir nicht bezweifeln wollen. Peter Stuyvesant, auf dieser Seite durch so mächtigen Schutz gesichert, wandte sich jetzt mit ernstlicher Besinnung gegen andere Freibeuter im Süden, die Schweden, die sich gegen das Ende der Regierung Wilhelms des Eigensinnigen dort festgenistet hatten.

Ohne vielen Lärm ließ er ein Truppencorps nach Süden marschiren und stellte es unter den Befehl des Generallieutenants Jacobus Van Poffenburg. Dieser berühmte Krieger war der zweite Commandant des Forts der guten Hoffnung gewesen, dessen Garnison mit so schmählichen Sprüngen von dannen fliegen mußte. In Folge dieser «denkwürdigen Affaire,» bei welcher er mehr Wunden an einem gewissen Ort erhielt, als alle seine Kameraden, sah man ihn immer als einen Helden an, «der sich im Dienste umgesehen.» Wilhelm Kieft würdigte ihn seines besonderen Vertrauens und gab ihm die Stelle Van Curlets, als dieser nach der Capitulation des Forts, des Dienstes satt, sich unter den Schatten seiner Lorbeern zurückzog.

Seine Person war nicht besonders groß, doch ansehnlich und stattlich, nicht sowohl von Fleisch als von merklicher Aufgeblasenheit. Er war einem jener Säcke nicht unähnlich, welche Ulysses von Aeolus auf seine Reise mitbekam. Seine Kleidung harmonirte vollkommen mit seinem Wesen. Er trug eine Art Polonaise mit rothen Schnüren und war umwickelt mit einer karmoisinfarbenen Schärpe von der Art und Größe eines Fischnetzes, wahrscheinlich um das ritterliche Herz zu hindern, daß es nicht durch die Rippen springe. Kopf, Schnurr-und Backenbart waren reichlich gepudert, und in der Mitte glänzte ein vollblütiges Gesicht wie ein feuriger Ofen, und die hochherzige Seele blickte aus einem Paar großen funkelnden Augen, die hervorstarrten, wie bei einer Hummer.

Ich schwör’ dir’s zu, wackerer Leser, sofern die Geschichte nicht lügt, mögte ich ihn gesehen haben (alles Geld in meiner Tasche hätte ich darum gegeben) von Kopf bis zu Fuß kriegerisch gerüstet, bis zur Mitte in großen Stiefeln versteckt, hoch gestutzt bis zum Kinn, einen Kragen bis an die Ohren, beschnurrbartet bis in die Zähne hinein, gekrönt mit einem weithinschattenden dreieckigen Hut und gegürtet mit einem zehn Zoll breiten ledernen Riemen, an dem ein Säbel, so lange schier als ein Weberbaum, herabhing. So gerüstet, stolzierte er umher, sauer blickend wie jener berühmte Held More von More-Hall, als er auszog, den Drachen von Mantley zu erschlagen, wie jene Ballade singt:

O säht ihr ihn in seiner Pracht,
In seiner Waffen Zier,
Ihr hieltet ihn gewiß für ein
Egyptisch Wunderthier;
Wie floh da alles, Hund und Kuh,
Gans, Katze, Pferd und Schwein,
Entsetzt sah’n sie im Rittersmann
Ein fremdes Stachelschwein.

Der furchtbare General Van Poffenburg wurde hauptsächlich darum zu diesem Commando erwählt, weil sich sonst Niemand dazu meldete, auch weil Peter Stuyvesant die Anciennetät über alles achtete und nicht um alles in der Welt einen jüngeren Commandeur dazu genommen hätte. Er war eigentlich ein besserer Oekonom als Soldat, stellte lieber Kohlköpfe als Krieger in Reihe und Glied, und war behender in den Kornfeldern als auf dem Schlachtfelde.

Muthig machte dieser neue Anführer seinen Weg durch Wildnisse und Einöden, Flüsse und Dickichte, und bestand nach seinen eignen Aussagen mehr Fährnisse, als die zehntausend Griechen auf ihrem Rückzuge unter Xenophon. Am Delaware angelangt, errichtete er ein Fort, dem er, den schönen schwefelfarbenen Pluderhosen des Gouverneurs zu Ehren, den Namen Fort Casimir gab. Es war das nachmals sogenannte Niew-Amstel, welches der jetzigen blühen den Stadt New-Castle den Ursprung gab, aber eigentlich No-Castle oder Nie-Schloß heißen sollte, da es niemals eine Veste war, noch je geworden ist.

Die Schweden litten aber diese drohende Bewegung nicht so gutmüthig; vielmehr erließ Jan Printz, damaliger Gouverneur von Neu-Schweden, eine Protestation gegen diese Einfälle auf seinem Territorium. Aber Van Poffenburg wußte von Wilhelms Kiefts Zeiten her, was Proclamationen zu bedeuten hatten. Ohne alle Furcht besichtigte er sein fertiges Fort von vorn und von hinten, zog seine volle Uniform an und marschirte ganze Stunden vorwärts und rückwärts auf den Wällen herum, stolz wie ein Hahn auf dem Mist, oder wie einer unserer kleinen lumpigen militärischen Posten im wissentlichen Gewicht seiner Wichtigkeit.

In dem ergötzlichen Roman Pierce Forest wird erzählt, daß ein junger Held, von König Alexander zum Ritter geschlagen, sich nicht enthalten konnte, sogleich in den nächsten Wald zu jagen und die Bäume kreuz und quer dergestalt niederzusäbeln, daß der ganze Hof die Ueberzeugung erhielt, er sey der stärkste und muthigste Ritter auf dem Erdboden. Grade so entledigte sich Van Poffenburg der heftigen Wildheit, die ihn befiel und zu mörderischen Kämpfen trieb. Wenn ihn nämlich die Hitze übernahm, rannte er hinaus ins Feld, riß seinen betrauten Säbel heraus und fegte gewaltig hin und her, köpfte lange Reihen von Kohlstauden, hieb ganze Fronten von Sonnenblumen nieder und nannte sie riesige Schweden; aber wenn er zufällig auf eine Colonie von dickwanstigen Kürbissen stieß, die sich still und behaglich sonnten, schrie er mit gräßlicher Stimme: «Ha, ha, ihr niederträchtigen Yankees, finde ich euch endlich!» und damit spaltete er die unglücklichen Gewächse unbarmherzig bis zum Nabel. Hatte er sein Müthchen auf solche Art gekühlt, so kehrte er beruhigt und zufrieden über seinen ritterlichen Geist zu seiner Garnison zurück.

Ein zweiter Gegenstand seines militärischen Ehrgeizes war eine gute Disciplin, bekanntlich die Seele aller kriegerischen Unternehmungen. Er erzwang sie mit tyrannischer Strenge, ließ die ganze Mannschaft stark auswärts gehen und den Kopf so hoch als möglich halten, auch schrieb er genau die Breite der Hemdkrausen vor, welches aber nur für die galt, welche ein Hemd auf dem Leibe hatten.

Eines Tages stieß er zufällig in der Bibel auf die tragische Geschichte von Absalons Erhängung, und in einer schwarzen Stunde erging der Befehl, daß Officiere und Mannschaft fürder in kurzem Haar erscheinen sollten. Nun geschah es aber, daß sich in der Garnison ein kühner Veteran, Namens Kildermeester, befand, der in seinem langen Leben sich ein schönes Haar gezogen hatte, womit er einem wohlbewachsenen Neufundländer Hund nicht unähnlich sah, welches er in einen unmenschlichen Schweif versteckte, der so strack war wie der Stiel einer Bratpfanne, und das Haar überm Scheitel so arg zusammenzog, daß ihm Mund und Augen in der Regel offen, und die Augenbraunen fast dastanden, wo bei andern Menschen der Wirbel ist. Es war vorauszusehen, daß der Besitzer eines solchen Kleinods sich den Befehl der Schur unter keiner Bedingung würde gefallen lassen. Als er davon hörte, machte er seinem Grimm mit einem Strom von altsoldatischen Flüchen Luft. – Dunder und Blixurn feuerte er allen auf den Kopf, die es wagen würden, seinen Zopf anzugreifen, den er jetzt steifer als jemals, dem Schwanz eines Krokodils nicht unähnlich, zur Schau trug.

Jetzt wurde die Aalhaut des alten Kildermeester ein höchstwichtiger Gegenstand der Disciplin, welche mit ihrem Verschwinden oder Bleiben stehen oder fallen mußte: der ganzen Provinz, ja der Würde Ihrer Hochmögenden selber war ins Gesicht geschlagen, wenn er sich nicht unterwarf; mehr aber als Alle war der große General von Poffenburg compromittirt, und seiner Ehre mußte der Zopf zum Opfer fallen. So beschloß er denn, daß der alte Kildermeester im Angesichte der ganzen Garnison feierlich geschoren werden sollte. Der trotzige Veteran widersetzte sich. Der General ward zornig, wie es sich für einen großen Mann schickt, und stellte ihn vor ein Kriegsgericht, das ihn der Meuterei und böslichen Verlassung seiner Fahne schuldig erkannte und mit der Anerkennung der Infamie schloß, daß er es wage, einen ordonanzwidrigen, drei Fuß langen Zopf von Aalhaut, seinem General zum Trotz, den Rücken herabhängen zu lassen. Die Verhöre und die Gerüchte über das Schicksal des Zopfes und seines Besitzers setzten das Land in eine fieberhafte Bewegung. Ohne Zweifel wäre der ungehorsame Veteran, nach der, einem General in fernen Landen zustehenden Macht, geköpft worden, hätte ihn nicht glücklicherweise in Folge seiner Entrüstung ein heftiges Fieber befallen, vermöge dessen er allen irdischen Befehlen mit seinem Haarschmuck desertirte. Seine Hartnäckigkeit behielt er bis zum letzten Athemzuge, wo er befahl, daß man ihn mit der Aalhaut am Kopf zu Grabe tragen und den Zopf, so lang er wäre, durch ein Loch aus dem Sarg schauen lassen solle.

Dieser großartige Kampf machte dem General einen bedeutenden Namen als Disciplinator; aber leider untergrub er die Ruhe seines Lebens. Es wird nämlich erzählt, daß ihn böse Träume und fürchterliche Gesichte Nachts geängstigt und das grausige Gespenst des alten Kildermeester an seinem Bette Wache gestanden, steif wie eine Pumpe, und der Zopf herabhängend wie der Pumpenschwengel.

Siebentes Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Verfasser und Leser ruhen nach der Schlacht aus und gerathen in eine ernsthafte Betrachtung – wonach erzählt wird, wie Peter Stuyvesant sich auf seinen Sieg benommen.

Dem heiligen Nicolaus sey Dank! wir haben die schreckliche Schlacht glücklich beendigt: laß uns niedersitzen, edler Leser, und uns abkühlen, denn ich bin in einem schrecklichen Schweiß und Aufruhr. – Warlich, es ist keine Kleinigkeit, so eine Schlacht, und wenn die großen Helden wüßten, welche Unruhe sie ihren Geschichtschreibern machen, sie könnten es nicht über’s Herz bringen, so fürchterliche Dinge zu vollführen. Aber mich däucht, ich höre meinen Leser klagen, daß in der ganzen gewaltigen Schlacht kein einziger erschlagen, nicht einmal einer verstümmelt wurde, den unglücklichen Schweden ausgenommen, dem das scharfe Schwerd Peter Stuyvesants den Schweif abhieb – welches alles doch gegen alle Wahrscheinlichkeit verstößt.

Ich weiß es selbst nicht, wie es zugeht, allein es muß die große Bescheidenheit unserer Vorfahren gewesen seyn, da in allen Quellen von Blutvergießen nirgends etwas vorkömmt; und es thut mir leid, die Leser ganz umsonst blutdürstig gemacht zu haben, wie es bei einer Hinrichtung geschieht, wo dem Delinquenten das Leben geschenkt wird.