INHALT

Editorial

Das Tibethaus Deutschland in Frankfurt a. M.

Buddhismus

„Es war, als wäre er immer bereit, sofort wegzugehen.“ | S.E. Dagyab Rinpoche

„So wie die Schlange, die ein geringeltes Seil ist“

„Und plötzlich beginnen die Einzelteile des Satzes vielfarbig zu schillern.“
Erfahrungen der Übersetzerin des Tsongkhapa-Textes „Gompa Rabtsel“ | Conni Krause

Ein Satzbeispiel aus der „Übersetzerwerkstatt“

„Wache jederzeit über deinen Geist“ | Die Ratschläge Atishas an Lhatsün Jangchub Ö

Biographie

Gedanken über Dr. Herbert V. Guenthers Lebenswerk | Leslie S. Kawamura

Abwärts und wieder aufwärts | Abendländische „Hilfsmittel“ zum Verstehen der buddhistischen Philosophie | Notizen zu Herbert Guenthers Philosophie | Ilse Guenther und Peter Gäng

Wissenschaft

Sommergras – Winterraupe | Der Tibetische Raupenpilz: Yartsa Gunbu | Daniel Winkler

Heilkunde

Sa Che | Ein kurzer Überblick zur traditionellen tibetischen Geomantie | Dr. Nida Chenagtsang

Kunst + Kultur

Das Tana-Kloster in Nord-Kham | Spirituelles Zentrum im Herzen des Nomadenlandes | Andreas Gruschke

Das Füllen und Segnen einer Buddha-Statue | Mark Wehrmann

Insight Tibet | Zeitgenössische tibetische Fotografie aus Lhasa
Eine Ausstellung in der Melkweg Galerie Amsterdam | Elke Hessel

Central Asian Museum Leh | Elke Hessel

Persönlichkeit + Gesellschaft

Wir stehen vor großen Herausforderungen | Ingrid Haas

Der Eintritt ins Kloste | Namri Dagyab

Tibet

Päl Lhamo Ritrö | Das Fest der Frauen zu Ehren der Stadtgöttin von Lhasa | Elke Hessel

Dagyab e.V. | Förderverein für die tibetische Regionen Dagyab und Minyak | Elke Hessel

Bücher, Ausstellungen, Filme

Service & Kontakt

Programmübersicht 2. Halbjahr 2011

Kursleiter/innen

Publikationen des Tibethaus Verlages

EDITORIAL

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IMPRESSUM

Herausgeber:
Tibethaus Deutschland e.V.
Kaufunger Straße 4
60486 Frankfurt am Main
Tel. +49 (0) 69. 71913595
Fax +49 (0) 69. 71913596
info@tibethaus.com
www.tibethaus.com

Bankverbindung:
Tibethaus Deutschland
Frankfurter Volksbank
BLZ 501 900 00
Konto 610 001 4295
BIC: FFVBDEFF
IBAN: DE81 5019 0000 6100 0142 95

Redaktion:
Elke Hessel, Gisela Behr, Ingrid Glass,
Kalligraphien von Puntsok
Tsering Duechung

Layout + Realisation:
cct: werbeagentur, Heidelberg
Druck: Druckerei Hassmüller
Frankfurt am Main

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Bildnachweis:
Copyright-Vermerke jeweils
bei den Abbildungen, bzw.
den Anmerkungen

Erscheinungsweise:
halbjährlich (Dezember und Juni)
Auflage: 1000

Einsendeschluss für Beiträge: 1. September | 1. April Das „Chökor Tibethaus Journal“ wird an die Mitglieder des Vereins kostenlos, an alle weiteren Interessenten zum Abonnementspreis von 15 Euro pro Jahr in Deutschland und 18 Euro pro Jahr im Ausland abgegeben. Nachdruck nur mit Genehmigung des Herausgebers.

Titelfoto: Thangka der Weißen Tara,
Drepung, Tibet, gemalt von Amdo
Jampa, © E. Hessel

Liebe Leserinnen und Leser,

die Arbeit am aktuellen Chökor Tibethaus Journal 51 mit seinen vielfältigen Themen hat mir wieder großes Vergnügen bereitet. Ich freue mich, Ihnen hiermit die neue Ausgabe präsentieren zu können. In diesem Heft geht es schwerpunktmäßig um das Thema Vermittlung, um gegenseitiges Verständnis, um Individualität, um Sprache als Brücke, um Achtsamkeit, um Akzeptanz der eigenen Grenze und der Grenze des Verstehens.

Als westliche tibetische Buddhisten oder Interessenten der tibetischen Kultur und Philosophie können wir, wenn wir bereit sind, uns auf einen beharrlichen und offenen Wissensaustausch und Lernprozess einzulassen, unseren Verstehenshorizont enorm erweitern. Dazu möchte das Tibethaus Journal einen Beitrag leisten.

Den Auftakt zum Heft bildet das Interview Annette Kirschs mit Dagyab Rinpoche, der über seine abenteuerliche Zeit als 20-jähriger in Dharamsala und seinen vielen Begegnungen mit dem Dalai Lama erzählt. Anfang der 60er Jahre war alles anders: Rinpoche lebte in einem Verschlag aus Holzkisten, der Dalai Lama trug Hosen, und die alten Regeln und Konventionen waren außer Kraft gesetzt. Es folgt ein Auszug aus Je Tsongkhapas Alterswerk „Erläuterung der Absicht“, in dem er unsere geistigen Konventionen und falschen Zuordnungen beleuchtet, sowie ein Blick in die Übersetzerwerkstatt von Conni Krause, in den schwierigen und reizvollen Prozess des Transfers von tibetischen Grundtexten in ein verständliches Deutsch.

Der biographische Teil ist diesmal Herbert Guenther gewidmet, einem der Pioniere der Vermittlung von tibetischen Texten und Gedanken in die westliche Welt. Sein Leben und Wirken wird aus gleich drei Blickwinkeln beleuchtet: aus den Augen eines seiner wichtigsten Schüler, Professor Kawamura, den Augen seiner Frau, Ilse Guenther, und von Peter Gäng, der viele seiner Werke erstmalig in deutscher Sprache herausgebracht hat.

Wieder in eine vollkommen andere Welt entführt dann der Bericht des Geographen Daniel Winkler, der den erstaunlichen Einfluss eines kleinen, eher gruseligen Raupenpilzes beschreibt, der jedes Jahr ganze Teile Tibets in einen Ausnahmezustand versetzt.

In die Grundzüge der tibetischen Geomantie führt uns anschließend der traditionelle tibetische Arzt Dr. Nida Chenagtsang ein, der zu diesem Thema im Oktober auch ein Seminar im Tibethaus leiten wird.

Andreas Gruschke, der mehrere Standardwerke über Amdo und Kham verfasst hat, nimmt uns mit in ein spirituelles Zentrum im Herzen des tibetischen Nomadenlandes, das Tana-Kloster.

Ergänzt wird der Kulturteil mit Berichten über das Füllen von Buddha-Statuen, eine Ausstellung mit zeitgenössischer tibetischer Fotografie aus Lhasa sowie das im Bau befindliche Central Asian Museum in Leh.

In der Rubrik Persönlichkeit und Gesellschaft informiert Ingrid Haas über die wichtige Arbeit einer Enquete-Kommission zur sozialen Marktwirtschaft im Bundestag, und der Volkswirt und Tibetologe Namri Dagyab beschreibt die strikten Verwaltungsstrukturen der tibetischen Klöster am Beispiel der Aufnahmeregeln.

Der Bericht über das Fest der Frauen zu Ehren der Stadtgöttin von Lhasa, an dem Elke Hessel im Winter 2010 teilgenommen hat, zeigt eine andere Facette der tibetischen Kultur, die sinnenfreudig, archaisch und jenseits von traditionellen Erstarrungen ist.

Informationen zu aktuellen Büchern, Ausstellungen, Filmen, der Service- und Programmteil beschließen wie immer das Journal.

Noch etwas zum Titelbild und damit ein Vorblick auf die nächste Ausgabe:

Das Foto zeigt einen großen Thangka aus dem Kloster Drepung in der Nähe von Lhasa. Gemalt wurde die Darstellung der Weißen Tara von Amdo Jampa, einem der ersten modernen tibetischen Maler. Über ihn werden wir im Tibethaus Journal 52 berichten.

Viel Freude beim Lesen wünsche ich Ihnen!

Ihre Elke Hessel

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Foto © Elke Hessel

Das Tibethaus Deutschland in Frankfurt a. M.

Seit Ende 2005 existiert das Tibethaus Deutschland in Frankfurt a. M. Seine Heiligkeit der XIV. Dalai Lama hat im selben Jahr bei seinem Besuch in Wiesbaden die Schirmherrschaft übernommen; diese großzügige Geste gewährt er nur in ganz seltenen Fällen. Zudem haben wir das Gütesiegel des Mutterhauses in Neu Delhi erhalten und dürfen die Bezeichnung „Tibethaus“ offiziell im Namen führen. Neben Frankfurt ist dies nur dem Tibethaus in New York gestattet.

Stätte der Begegnung

Das Tibethaus Deutschland ist ein Kulturinstitut, das sich als Begegnungs- und Studienzentrum versteht, als eine Art „tibetisches Goethe-Institut“. Tibetinteressierte Frankfurter und darüber hinaus, Tibeter, Buddhisten genauso wie Nichtbuddhisten finden hier einen Ort, an dem sie die alte und moderne Kultur Tibets kennenlernen und in einen fruchtbaren, inspirierenden Austausch eintreten können. Seminare, Workshops und Vorträge bieten den Teilnehmern ein fundiertes Angebot zur Entfaltung und Entwicklung. Besonderes Augenmerk ist dabei auf den Bezug zum täglichen Leben gerichtet. Das Tibethaus sieht seine Aufgabe darin, eine Brücke zwischen Tibet und dem Westen zu schlagen, aber auch zwischen dem Westen und Tibet, ohne zu verwässern, ohne zu polarisieren, ohne Exotik oder gar Esoterik.

S. E. Loden Sherab Dagyab Rinpoche, der spirituelle Leiter des Tibethauses, gehört der Gelugpa-Tradition an, die in Tibet Anfang des 15. Jahrhunderts gegründet wurde. Als Kyabgön, „Schutzherr“ von Dagyab war er, wie schon sein Vorgänger seit dem 17. Jahrhundert, das geistliche und weltliche Oberhaupt der Region Dagyab in Osttibet. Als „Hothogthu nomonhan“ gehörte Rinpoche zusätzlich zur kleinen Gruppe der ranghöchsten Tulkus. Er ist der einzige Hothogthu, der im Westen lebt. Rinpoche absolvierte an der Klosteruniversität Drepung das traditionelle Studium der buddhistischen Philosophie und hörte auch zahlreiche Unterweisungen aus der Kagyü- und der Sakya-Tradition. 1959 ging er zusammen mit S.H. dem Dalai Lama nach Indien. Er erwarb dort den Grad eines Geshe Lharampa und leitete u.a. das Tibet House in Delhi.

Nach Deutschland kam Rinpoche 1966 auf Einladung der Universität Bonn, wo er bis 2004 als Tibetologe (Schwerpunkt: Tibetische Kunst und Ikonographie) arbeitete. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Erst seit 1984 wurde er auch im Westen auf Bitten vieler Buddhisten als buddhistischer Lehrer tätig.

Sein besonderes Anliegen ist die Pflege und Weitergabe der buddhistisch-tantrischen Überlieferung. Unter den tibetischen Tulkus im Exil gilt er inzwischen als derjenige, der die meisten Übertragungslinien der Gelugpa-Tradition hält. Neben seiner Lehrtätigkeit engagiert Rinpoche sich auch für Hilfsprojekte in Tibet. 1993 wurde auf seine Initiative hin der Dagyab e.V. gegründet, welcher in seiner alten Heimat in Osttibet die medizinische Versorgung, Ausbildung und die Erhaltung der buddhistischen Kultur tatkräftig unterstützt.

Die fünf Säulen des Tibethauses

Fünf Themenbereiche formen das Tibethaus: Buddhismus, Persönlichkeit und Gesellschaft, Kunst und Kultur, Heilkunde und Wissenschaft.

Buddhismus

Der Bereich Buddhismus ist hervorgegangen aus dem über 20 Jahre unter der Leitung von Dagyab Rinpoche in Franken ansässig gewesenen buddhistischen Zentrum Chödzong e.V.

Obwohl Dagyab Rinpoche Wert auf eine möglichst kulturneutrale Darlegung der buddhistischen Lehre im Westen legt, ist sein Hauptanliegen doch die Erhaltung der authentischen tibetischen Tradition. Er strebt daher nicht nach großen Schülerzahlen, sondern nach Qualität im Verständnis der Lehre und in ihrer Umsetzung im Alltag oder bei der formalen Praxis. Oft erklärt er, dass man nicht Buddhist sein müsse, um von den buddhistischen Erklärungen und Methoden zu profitieren. Aber diejenigen, die sich für den Dharma entschieden haben, sollten ihn sich tiefer zu eigen machen und zu authentischen Erfahrungen gelangen.

Die Basis für die buddhistische Praxis ist dabei der Stufenweg (tibetisch: Lamrim), wie er seit dem 11. Jahrhundert überliefert worden ist. Dieses Meditationssystem dient dazu, den Schüler mit den grundlegenden buddhistischen Lehren vertraut zu machen und ihn allmählich zu einem Verständnis der Mahayana-Motivation zu führen, so dass er – wenn er will – schließlich in das Vajrayana eintreten kann.

In den letzten Jahren haben sich in ganz Deutschland Stadtgruppen gebildet. Auch die tibetisch-buddhistische Gemeinschaft Chöling in Hannover arbeitet unter Rinpoches spiritueller Leitung.

Im Herbst 2009 begann im Tibethaus das dreijährige buddhistische Grundlagenstudium auf der Basis des Lamrim mit fast 100 Teilnehmern, das von Dr. Birgit Schweiberer und Tenzin Peljor geleitet wird. Hinzu kommt das ebenfalls sich über drei Jahre erstreckende anspruchsvolle Aufbaustudium mit 70 Teilnehmern. Regelmäßig sind auch andere tibetische Lehrer wie z.B. Lodrö Rinpoche aus der Schweiz, Ringo Tulku oder Dolpo Tulku bei uns zu Gast.

Eine Gruppe langjähriger Schülerinnen und Schüler hat Rinpoche zu Tutoren ernannt und mit der Vermittlung grundlegender Themen betraut.

Dieser Bereich wird von dem Mönch Jampa Tsöndrü (Andreas Ansmann) sowie zwei der Dharmatutoren, der Heilpraktikerin Simone Hensel und der Psychologin Corina Aguilar-Raab, gemeinsam geleitet.

Persönlichkeit und Gesellschaft

Der tibetische Buddhismus ist reich an Methoden, die zu mehr Lebensfreude und Ausgeglichenheit führen. Dieser Ansatz ist für Buddhisten und Nichtbuddhisten gleichermaßen konzipiert.

Zum Tibethaus Angebot gehören Vorträge, Seminare, Workshops und fortlaufende Kurse in folgenden Bereichen: Methoden der Stressbewältigung und Entspannung wie Yoga, MBSR und Meditation, Persönlichkeitsentwicklung und Coaching. Ein weiteres Angebot befasst sich mit dem Thema Sterbe- und Trauerbegleitung. Darüber hinaus finden Gesprächskreise und Vorträge von Fachleuten zur Wirtschaftsethik statt.

Die systemische Trainerin und Coach Anna Matzenauer und der Kommunikationsdesigner und MBSR-Lehrer Christian Stocker leiten diesen Bereich gemeinsam.

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Kunst schlägt Brücken, Ausstellung im Tibethaus „Kalligraphie im Dialog“ © Martin Brüger

Tibetische Kunst und Kultur

Hier organisiert das Tibethaus regelmäßig Ausstellungen, teilweise in Zusammenarbeit mit Frankfurter und überregionalen Museen. Des Weiteren gibt es Begegnungsabende wie z.B. „Tibet trifft Indien“, die in Kooperation mit den jeweiligen Ländervereinen organisiert werden. Außerdem werden regelmäßig Künstler und Fachleute aus unterschiedlichen Gebieten für Vorträge und Workshops eingeladen oder Filmabende – insbesondere zu modernem tibetischen Film – organisiert.

Es werden auch diejenigen beraten, die Künstler und Referenten suchen oder Reisen in den tibetischen Kulturraum planen. Dieser Bereich wird durch den tibetischen Künstler und Kalligraphen Puntsok Tsering Duechung geleitet.

Heilkunde

Die Traditionelle Tibetische Medizin (TTM) ist eine Naturheilkunde, die ihre Wurzeln in der vorbuddhistischen Kultur hat und sich im 7. Jahrhundert eigenständig entwickelte. TTM beschreibt physische und psychische Gesundheit als abhängig von einer fein ausgewogenen Balance.

Das Tibethaus arbeitet hier u.a. mit ATTM (der Akademie für Traditionelle Tibetische Medizin) zusammen, die unter der Leitung von Dr. Nida Chenagtsang steht. Zusätzlich findet ein dreijähriger Kurs in Tibetischer Massage statt, und es werden regelmäßig weitere Gastlehrer eingeladen.

Hier ist der Mediziner Professor Dr. Klaus Jork Bereichsleiter mit Unterstützung der Heilpraktikerin Barbara Sittig.

Wissenschaft

Der Bereich Wissenschaft des Tibethauses fördert den Dialog zwischen Wissenschaftlern und Praktikern. Er befindet sich an der Schnittstelle zwischen Universitäten und Forschungsinstituten einerseits sowie an Buddhismus und Tibet Interessierten andererseits. In regelmäßigen Abständen werden wissenschaftliche Vorträge oder Themenabende zu tibetologischen, ethnologischen und religionswissenschaftlichen Themen angeboten.

Dieser Bereich wird von Elke Hessel und dem Religionswissenschaftler Dr. Karsten Schmidt geleitet. Die Mathematikerin Ingrid Haas betreut zusätzlich das Thema „Buddhismus und Naturwissenschaft“.

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S.H. Sakya Trizin im Gespräch mit S.E. Dagyab Rinpoche © Martin Brüger

Die Kontaktadressen aller Bereichsleiter/innen finden sich im Serviceteil des Journals.

Die Vision:
Ein grünes Tibethaus in Frankfurt

Das Tibethaus in seiner jetzigen Form möchten wir gerne weiterentwickeln, auch schon deshalb, weil wir aus allen Nähten platzen.

Wir haben eine ganz konkrete Vision und stehen dafür im Kontakt mit der Stadt Frankfurt, insbesondere mit dem Amt für Integration. Wir möchten eine regionale und überregionale Begegnungsstätte etablieren für Menschen, die Ruhe und Inspiration suchen. Dabei sollte sich der Komplex in einen öffentlichen und in einen privaten Bereich teilen.

Gerne möchten wir – so wie wir es jetzt in unserem Tibethaus schon haben – ein Café errichten, eine kleine angegliederte Galerie, mittelfristig auch eine Dauerausstellung mit den Tibetica, die uns in den letzten Jahren von Frankfurter Bürgern vermacht wurden. Aufgrund der großen Nachfrage soll unser Shop umfassender werden. Auch unsere schon jetzt umfangreiche Bibliothek mit deutschen, englischen und tibetischen Büchern wollen wir erweitern und interessierten Besuchern (Studenten, Tibetreisenden, allgemein Interessierten) zur Verfügung stellen. Als Vorbild hierzu dient uns die Latse Library in New York, mit der wir eine Kooperation anstreben.

Zudem planen wir einen großen Vortragsraum und einen kleineren Raum für MBSR, Entspannungskurse und Yoga. Mittelfristig könnten wir uns vorstellen, ein Heim für alte Menschen – aktive und betreuungsbedürftige – einzurichten, vielleicht sogar einen ambulanten Hospizdienst. Das wäre eine konsequente Weiterentwicklung unserer seit mehreren Jahren existierenden Arbeitsgemeinschaft „buddhistische Sterbebegleitung“, geleitet von Corina Aguilar-Raab, die auch ausgebildete Sterbebegleiterin ist.

S.H. der Dalai Lama hat übrigens zugesagt, dass er – wenn das „eigene“ Tibethaus in Frankfurt steht – uns besuchen wird, um es selbst einzuweihen.

Der Tibethaus-Beirat

Folgende Persönlichkeiten, die mit Tibet und seiner Kultur sehr verbunden sind, unterstützen das Tibethaus mit Ihrer Expertise:

Dr. Alex Berzin, Berlin

Prof. Dr. Karl-Heinz Brodbeck, Würzburg

Prof. Dr. Michael von Brück, München

Carsten Graaf, Meerbusch

Kelsang Gyaltsen, Gesandter S. H. des Dalai Lama, Genf

Prof. Dr. Manfred Hensel, Heidelberg

Prof. Dr. Adelheid Herrmann-Pfandt, Marburg

Ehrw. Doboom Rinpoche, New Delhi

Prof. Dr. Klaus Sagaster, Bonn

Prof. Dr. Peter Schwieger, Bonn

Dr. med. Tashe W. Thaktsang, Radolfzell

Prof. Dr. Robert Tenzin Thurman, New York

Dr. Tsetan Dolkar Khyunglho, Atlanta

BUDDHISMUS

„Es war, als wäre er immer bereit, sofort wegzugehen.“

S. E. Dagyab Rinpoche spricht über seine ersten Jahre in Dharamsala nach dem Weggang aus Tibet. Die Fragen stellte Annette Kirsch.

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Foto – Privatbesitz

Lassen Sie uns über den Umzug von Mussoorie nach Dharamsala sprechen.

Nach der Flucht aus Tibet war Moosourie der erste Aufenthaltsort des Dalai Lama.

Englischklasse in Dharamsala, stehend, von links: Nyare Khentul Rinpoche (Gelek Rinpoche)
Geshe Tenpa Gyaltsen (†)
Sharkor Khentul Rinpoche
Yerpa Tsenshab Rinpoche
Geshe Losang Tharchin (USA, †)
Zatul Rinpoche (Perth, Australien)
Panglung Rinpoche (München)
Lhakhar Rinpoche (Darjeeling)
Samdhong Rinpoche (Dharamsala)
Geshe Jampel Senge (Rom, †)
Chötse Rinpoche (Mön, Arunachal Pradesh, Indien)

Sitzend, von links:
Yiga Rinpoche (†)
der Englischlehrer, Name unbekannt
Dagyab Kyabgön Rinpoche
Panchen Ötul Rinpoche (Irland)

Genau. Aber die indische Regierung sagte aus Sicherheitsgründen, der Dalai Lama müsse von Mussoorie wegziehen und nach Dharamsala gehen. Mussoorie ist der tibetischen Grenze noch näher als Dharamsala, vielleicht nur achtzig Kilometer Luftlinie entfernt. Und deshalb hat die indische Regierung für den Dalai Lama in Dharamsala eine Residenz vorbereitet und zusätzlich weitere Gebäude für seine Mannschaft, die Regierung, zur Verfügung gestellt.

Kurz und gut, es wurde die Entscheidung getroffen, dass der Dalai Lama nach Dharamsala zieht, im April 1960. Es gab für mich keinen Grund, irgendwo anders zu sein als der Dalai Lama, zum Beispiel privat in Mussoorie zu bleiben. Kjabje Dorje Chang hatte mir auch gesagt, dass ich nach Dharamsala gehen solle. Es war nur die Frage, wie und wohin genau.

Kjabje Dorje Chang hatte einen Mitarbeiter, den man Tsongpönla – also Geschäftebetreiber, Geschäftsmann, Leiter des Geschäfts – nennt. Der Trijang Labrang hat, glaube ich, früher ein bisschen Handel betrieben, und dieser Mitarbeiter war dafür zuständig. Deshalb war er der „Trijang Tsongpönla“. Sein Name ist Losang Yeshe. Ihn habe ich gebeten: „Bitte, wenn du nach Dharamsala kommst, guck mal, ob Du da eine mögliche Unterkunft für mich beziehungsweise für uns finden kannst.“ Und dann, eine Woche danach, sind wir – Sharkor Rinpoche, mein Koch und ich – nach Dharamsala gegangen.

So schnell?

Ja, so schnell, eine Woche später. Und dort haben wir Trijang Tsongpönla getroffen. Er sagte: „Ich habe einfach ein Haus reserviert.“ Das ist auch lustig zu erzählen, glaube ich. Damals war Dharamsala ein total menschenleeres Dorf. Früher war es mal ziemlich bedeutend gewesen. England hatte es als holiday resort benutzt, die britischen Soldaten hatten dort Sommerurlaub gemacht. Aber später waren alle weg, es war quasi niemand mehr da. Auf dem Berg gegenüber waren ein paar Militärcamps zu sehen, aber sonst war da nichts. Es gab nur zwei Läden. Einer war ein Geschäft mit Zeitungen, Bonbons und ein bisschen Schnickschnack, und ihm gegenüber war ein Gemüseladen. Das war der obere Teil von Mc Leod Ganj. Weiter unten gab es jede Menge kleine Läden, indische Restaurants und was alles üblich ist in einem indischen Dorf. Na ja, kurz und gut, als bekannt wurde, dass der Dalai Lama nach Dharamsala kommt, wurden den tibetischen Flüchtlingen verschiedene leerstehende Häuser zur Verfügung gestellt, pauschal. Darunter war ein alleinstehendes Haus, schätzungsweise sechzig Quadratmeter.

Trijang Tsongpönla hatte gehört, dass dieses Haus für die Flüchtlinge zur Verfügung gestellt werden sollte. Niemand war da, aber das Haus stand da. Es hatte keine vernünftige Tür, jeder konnte rein und raus, es hatte nicht mal eine Treppe. Später haben wir eine Treppe gemacht, etwa sieben Stufen. Aber als junger Mensch kann man irgendwie da hochklettern. Und es hatte auch keine richtigen Wände, es war einfach wie eine Hawakhana. Du kennst das wahrscheinlich aus Indien. Die Hawakhana sind luftige kleine Häuschen mit Säulen an jeder Ecke und einem Dach. Da kann man sitzen. Es gibt so was auch in Deutschland.

Ohne Wände sozusagen?

Ohne Wände. So ähnlich. Ziemlich ähnlich ist das. Und dann sagte der Trijang Tsongpönla: „Ja, das ist frei, das steht leer. Das ist eigentlich ganz neu, vor drei Jahren oder so ist es erst gebaut worden, wurde aber nicht fertiggestellt.“ Und wir könnten das benutzen. Warum nicht. Wir haben gesagt: „O.k., machen wir das.“ Dann sind wir ins Dorf gegangen und haben von dem Gemüseladen Holzkisten geholt. Von denen haben wir die Seiten rausgenommen und damit die Wände gemacht.

Haben Sie da mitgeholfen?

Ja, hab ich.

In Roben?

Ja, ja. Wir haben Nägel geholt und einfach so Wände daraus gemacht. Wunderbar. Dann haben wir die Innenseite mit Zeitung beklebt, damit es schön warm ist. Und so weiter und so fort. Dann haben wir in diesem Haus residiert.

Und wer war „wir“?

Sharkor Rinpoche und mein Koch. Wir waren zu dritt. Wir haben aus diesem einen großen Raum zwei Zimmer gemacht. Und hinten gab es einen Flur, da haben wir eine Küche gemacht usw. Und später haben wir auch irgendwie zwei Hühner gekauft. Für die haben wir auch wiederum solche Kisten geholt und einen Hühnerstall daraus gebaut.

Neben das Haus gebaut? Gab’s da einen Garten?

Im Haus, genauer gesagt, im Flur.

Uh, das macht doch Dreck.

Ja.

Und stinkt.

Ja. Aber das machte nichts. Das haben wir gar nicht gerochen. Und immerhin hatten wir dann genügend Eier für uns drei. Na ja, das Leben war ganz gemütlich, das kann man schon sagen. Und dann natürlich, peu à peu, haben wir alles ein bisschen besser gemacht Später kam auch ein tibetischer Zimmermann. Wir haben ihn geholt und ein paar Fenster machen lassen, aus Glas. Und draußen im Flur hab ich noch ein weiteres kleines Häuschen gebaut, wo ich tagsüber sitzen und arbeiten konnte. An allen Ecken waren Fenster, es war schön hell. Es war wunderbar. Na ja, so haben wir gelebt.

Aber nur im Sommer, oder?

Im Sommer. Im Winter konnte man so natürlich nicht leben. Bis zum Winter hatten wir überall, glaube ich, Glasfenster eingebaut. Und dann haben wir letztlich dort gelebt. Ich hatte ja keine Einkünfte, außer von den tibetischen Besuchern. Die kamen, damit ich ihnen ein Mo mache, und sie haben mich gebeten, Bittgebete zu machen und anderes. Dafür bekommt man ein bisschen Dana. Eigentlich war das auch ziemlich gut, kann man sagen. Denn ich saß genau am richtigen Platz.

Wie ist das zu verstehen?

Die beiden Lehrer des Dalai Lama lebten ja ganz oben am Hang. Bis dahin zu gehen war ein bisschen mühsam, denn das war sehr hoch. Andererseits gab es im Dorf kleinere Rinpoches, aber die wurden als nicht besonders vertrauenswürdig angesehen. „Vertrauenswürdig“ bezieht sich nicht auf ihren Charakter, sondern auf ihren Titel. Ich wohnte gerade in der Mitte und hatte auch ein bisschen einen Namen und Ansehen. Deshalb galt ich als vertrauenswürdig und alle sind zu mir marschiert. Das war mein Glück, sozusagen. Na ja, so haben wir dort gelebt.

Damals waren Sie zwanzig Jahre alt?

Ja, genau. So haben wir vor uns hingelebt. Irgendwann hat die tibetische Regierung drei Geshes und elf Rinpoches, die in Mc Leod Ganj lebten, zusammengetan und eine Art Schule gegründet. Wir sollten alle Englisch lernen. Das Ziel war, diese Rinpoches und Geshes später irgendwohin zu schicken, damit sie eine Lehrtätigkeit ausüben konnten, an anderen Schulen oder im Ausland. Das war das Ziel der tibetischen Regierung. Unter anderem gehörten Panglung Rinpoche dazu, der heute in München lebt, Nyare Khentul Rinpoche [Gelek Rinpoche], Samdhong Rinpoche [langjähriger Premierminister der tibetischen Exilregierung] und Geshe Losang Tharchin [Ex-Abt von Sera Me, der für längere Zeit in New Jersey lebte]. Wir haben dann also jeden Tag – morgens von neun bis zwölf Uhr – gemeinsam Englischunterricht gehabt. Ich gehörte, glaube ich, zu der zweiten Klasse. Zu den Besten gehörten Panglung Rinpoche und Zatul Rinpoche, die waren die Besten in Englisch.

Wer ist Zatul Rinpoche?

Er wohnt jetzt in Australien. Und er war der Beste. Und der Zweitbeste war Panglung Rinpoche, dann kam ich in der nächsten Kategorie. Außerdem mussten wir an jedem 10. und 25. im Büro für religiöse Angelegenheiten Tsog-Pujas machen, gemeinsam mit den Mitarbeitern des Amts. Damals gab’s nur ein einziges größeres Gebäude für die tibetische Regierung, die Mortimer Hall. Dorthin haben sie uns eingeladen.

War das schon dort, wo jetzt der Kashag ist?

Nein. Der ist ja ganz oben in Mc Leod Ganj. Ob die Mortimer Hall immer noch existiert – keine Ahnung. Wenn man vom Busplatz in Mc Leod Ganj zum Dalai Lama geht, musste man die linke der beiden Straßen nehmen. Sie führt auf ein kleines Hügelchen, auf dem die Mortimer Hall stand, ein großes Gebäude. Dort waren die fünf Ämter der tibetischen Regierung untergebracht, auch das Büro für religiöse Angelegenheiten. Tagsüber waren es Büros, abends haben sie alles ein bisschen zur Seite geräumt und Puja gemacht. Von der Mortimer Hall führte die Straße wieder ein bisschen nach unten, dann wieder hoch: Dort stand das Kapurthala [ein großes Haus]. Später wurde es abgerissen und die jetzige Residenz des Dalai Lama an dieser Stelle gebaut. Damals gab es dort nur das Kapurthala. In diesem Haus habe ich jahrelang ein Büro gehabt und dort gearbeitet. Na ja, dazu komme ich später noch.

Weil ich zu dieser Schule gehörte, bekam ich 75 Rupies Gehalt. Sharkor Rinpoche hatte 52 Rupies, glaube ich. Somit hatten wir noch ein bisschen Geld, das war eine kleine Aufstockung unserer Einnahmen. So haben wir immer weitergemacht. Als der Dalai Lama und die tibetische Regierung mir empfohlen haben, in diese Schule einzutreten, habe ich eine Bedingung daran geknüpft. Ich wollte nicht als Dharma-Lehrer an tibetische Schulen oder nach Europa an irgendwelche Kulturinstitutionen geschickt werden.

Ach ja?

Ich wollte gar nicht weggehen. Ich wollte in Dharamsala sein, wo Kjabje Dorje Chang war. Ich wollte von ihm Unterricht nehmen oder Teachings hören, Einweihungen bekommen. Das war mein Hauptziel.

Aber sie haben Sie trotzdem auf die Schule geschickt.

Ja, ja, aber ich sollte eine Ausnahme sein. So sind wir einige Jahre dort gewesen.

Und nach einiger Zeit ist dann der große Meister Trehor Kyorpön Rinpoche nach Dharamsala gekommen. Der war wirklich ... über Rinpoche zu sprechen, das ist ein Kapitel für sich. Jedenfalls haben wir ihn zu uns nach Hause eingeladen. Vielleicht eine Woche oder noch länger hat er bei uns gelebt. Ich habe ihm auch eine Dalai Lama-Audienz vermittelt und so weiter. Das war auch eine sehr, sehr schöne Zeit. Später hat Trehor Kyorpön Rinpoche eine eigene Wohnung bekommen, irgendwo in Dharamsala, und dort hat er ein paar Monate gelebt. Später ist er nach Dalhousie umgezogen. Von Dharamsala nach Dalhousie zu fahren dauert etwa sechs Stunden mit dem Auto. In Dalhousie gab es viele tibetische Flüchtlinge, viele Mönche und Laien. Und tibetische Teppichfabriken wurden dort aufgebaut. Es ist ein großes Camp in einer sehr schönen Gegend.

Ich weiß nicht mehr, in welchem Jahr das war, jedenfalls hat Trehor Kyorpön Rinpoche in Dalhousie ein großes Teaching über den Lam-rim Chen-mo gegeben. Dann sind wir, alle vierzehn Rinpoches und Geshes, als Gruppe dorthin gegangen. Wir haben gemeinsam ein Haus gemietet und dann drei Monate lang dort Teachings gehört, es war eine wunderbare Zeit. Das Wetter war scheußlich, es hat gegossen, wirklich, meistens sind wir barfuß gelaufen. Mit Schuhen sowieso nicht, aber auch mit den billigen Sandalen funktionierte es nicht sehr gut. Denn der hintere Teil der Sandale machte unten alles nass. So wurden die Roben noch nasser als sowieso schon. Deshalb sind wir lieber barfuß gegangen. Auf den Straßen war das wunderbar, gar kein Problem. Aber da wir auf einem Berg wohnten und die Teachings auf dem anderen Berg stattfanden, mussten wir immer ein bisschen nach unten laufen, und dann wieder hoch.

Wievielmal am Tag?

Zweimal.

Jeden Tag?

Ich nehme es an. Genau weiß ich es nicht mehr.

Und wer war Trehor Kyorpön Rinpoche?

Der war eigentlich „nur“ Geshe – aber ein wunderbarer Geshe! Geshe Lharampa Nummer eins, also der Beste seines Jahrgangs. Nach seiner Geshe-Prüfung, noch in Tibet, ist er einfach verschwunden. Er hat ein Retreat gemacht, richtig in der Felsenhöhle. Dafür ist er einfach