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SARAH SCHWARTZ

BLUTSEELEN 01: AMALIA

EROTISCHER VAMPIRROMAN

„O Mensch! Gib acht!“ von Friedrich Nietzsche wurde „Des Sommers letzte Rosen - Die 100 beliebtesten deutschen Gedichte“, herausgegeben von Dirk Ippen, Verlag C.H. Beck, München 2001, 9. Auflage, entnommen.

Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Dieses eBook darf weder auszugsweise noch vollständig per E-Mail, Fotokopie, Fax oder jegliches anderes Kommunikationsmittel ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages oder der Autorin weitergegeben werden. Für unaufgefordert auf dem Postweg eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden.

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O Mensch! Gib acht!

Was spricht die tiefe Mitternacht?

„Ich schlief, ich schlief -,

Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -

Die Welt ist tief,

Und tiefer als der Tag gedacht.

Tief ist ihr Weh -,

Lust – tiefer noch als Herzeleid:

Weh spricht: Vergeh!

Doch alle Lust will Ewigkeit -,

- will tiefe, tiefe Ewigkeit!“

Friedrich Nietzsche

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STRAßBURG, APRIL

Das Geläut des Münsters erklang in der Ferne des Nachmittags und ergoss sich in die engen Straßen und Gassen. Ein Spiel aus Tönen, wie man es nirgendwo sonst in Europa hören konnte. Ein Meisterwerk, das selbst das Herz des verirrtesten Sünders anrührte, doch Aurelius warf nicht einmal einen Blick in die Richtung des winzigen, geklappten Fensters des Fachwerkhauses. Gereizt zog der Vampir eine weitere Schublade des alten Schreibtischs aus Nussbaumholz auf. Seine Gedanken waren ganz in seine Aufgabe vertieft.

Wo hatte dieser Bastard seine Unterlagen versteckt?

Der Klan hatte schon lange eine Vermutung, was die Vergangenheit von Pierre de la Rougé betraf, doch bisher gab es keinen Beweis. Nun war der alte Mann tot. Herzversagen. Sein Körper war abgeholt, sein Geruch lag noch immer wie eine schlechte Aura aus Tod und Verwesung über allem, was Aurelius berührte.

Seine empfindlichen Sinne wurden beleidigt von der Profanität des Todes, von dem erstickenden, süßlichen Parfüm, das zu viele Erinnerungen weckte, in einem Wesen wie ihm, das im Dreißigjährigen Krieg gelebt hatte und gestorben war. Aber damit wollte er sich jetzt nicht befassen. Er hatte einen Auftrag. Die Zeit war knapp. Schon bald würden die neuen Besitzer der winzigen Wohnung auftauchen und das Haus in Beschlag nehmen. In wenigen Minuten konnte der Laster kommen, der die alten Möbel und vergilbten Bilder samt ihrer Staubschicht abholen würde, um Raum für Neues zu schaffen.

Zwischen Tradition und europäischer Zukunft auf der Grande Île zu leben, war der Traum vieler Straßburger, und sie waren bereit, ein Vermögen dafür auszugeben.

Aurelius stieß die Schublade heftig zu. Er schloss die Augen. Langsam atmete er ein und aus. Obwohl er nicht wie ein Mensch atmen musste, beruhigte ihn dieser vertraute Prozess. Seine Gedanken sammelten sich, wurden zu einem Mantra, das er dachte, wie er es oft in schwierigen Situationen gedacht hatte.

Nein. Ich versage nicht. Ich habe niemals versagt.

Als Gracia ihm erzählt hatte, was Rene plante, war ihm bewusst geworden, was er alles zu verlieren hatte. Die Existenz seines Klans stand auf dem Spiel. Er war geschickt worden, weil er der Beste war. Wenn er die Dokumente nicht fand, fand sie niemand.

Mit geschlossenen Augen lauschte er, drängte das Geläut der großen und kleinen Glocken des Münsters beiseite. Unten im Haus kochte eine Frau ein spätes Mittagessen. Sie summte leise, während Holz gegen Metall schlug – sie rührte in einem Topf. Aurelius roch den scharfen Duft von Zwiebelsuppe, der über dem Geruch nach Tod und Verwesung lag. Aber da war noch mehr. Eine ganze Welt aus Gerüchen, die darauf wartete, von ihm durchdrungen zu werden. Auch Papier hatte einen Geruch. Es roch scharf und säuerlich. In diesem Schreibtisch gab es ganz verschiedene Papiersorten, die auf unterschiedliche Art und Weise behandelt worden waren. Jede Herstellung hinterließ einen anderen Geruch, einer Prägung gleich, und hinter jeder Herstellungsart erkannte er das Material: Zellstoff, Holzstoff, Altpapier, Fichte, Tanne, Kiefer.

„Kiefer …“, flüsterte er, und riss mit einer fließenden Bewegung die oberste Schublade auf. Sie war leer. Aber der Geruch war unverwechselbar. Schwach drang er unter dem Nussbaumholz hervor, verheißungsvoll.

Mit dem Finger fuhr er über den Boden der Schublade. Mühelos drang sein messerscharfer Daumennagel in das Holz ein und ein haarfeiner Riss entstand. Ihm stand nicht der Sinn danach, lange nach einem geheimen Mechanismus zu suchen. Vielleicht gab es gar keinen. Das Holz konnte als doppelter Boden aufeinander geleimt worden sein, um das Versteck sicher zu machen. Er ignorierte die winzigen Holzsplitter, die sich in seine Hand gruben. Seine Haut erkannte sie innerhalb von Sekundenbruchteilen als Fremdkörper und stieß sie ohne sein Zutun ab.

Triumphierend riss er den doppelten Boden endgültig auseinander. Etwas weiß Schimmerndes lag vor ihm. Fieberhafte Erregung pochte in seinen Adern. Er riss die Papiere an sich, die in einer an zwei Seiten offenen Plastikfolie auf ihre Entdeckung gewartet hatten. Mit einer einzigen Bewegung streifte er die Folie ab und ließ sie achtlos auf den braunen Teppich fallen.

Hastig blätterte er die Dokumente durch, erfasste Seite um Seite den kompletten Inhalt. Namen und Daten bestätigten ihm, das Gewünschte gefunden zu haben. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Als er die Papiere gelesen hatte, steckte er sie zurück in die Folie, trat an das geklappte Fenster und sah zur Ill hinunter, deren Arme die Insel der Altstadt schützend umflossen.

Er hatte das Geheimnis entdeckt.

Erneut atmete er tief ein und aus. Die kühle Frühjahrsluft vertrieb den erstickenden Todesgeruch aus seinen Lungen.

Er griff zu dem Handy an seiner Seite und berührte die Oberfläche. Es dauerte nicht lange, bis er gewählt hatte, und noch kürzer, bis Gracia abhob.

„Pierre hatte einen Sohn“, sagte er mit fester Stimme, als er Gracias Gegenwart am anderen Ende der Leitung fühlte.

Gracia zögerte. „Dann hat er vielleicht weitere Nachfahren. Du weißt, was das heißt?“

„Es könnte ein Seelenblut darunter sein. Eine Wissende.“

„Komm mit den Unterlagen nach Frankfurt zurück. Wir haben wenig Zeit.“

„Ich komme.“ Aurelius legte auf. Er öffnete das Fenster ganz, wartete, bis niemand in seine Richtung sah, und schwang sich aus dem Rahmen hinunter auf die drei Meter tiefere Straße. Die Bewegung war so schnell, dass ein Mensch ihr nicht folgen konnte. Auf der Straße zog er sich mit einer Hand den schwarzen Mantel glatt und strich sich durch die langen, goldbraunen Haare. Zielstrebig ging er in Richtung Münster. Obwohl er es eilig hatte, wollte er dem imposanten Bau mit seinen eindrucksvollen Glasfenstern einen Besuch abstatten. Er wusste selbst nicht genau, warum er diesem Drang nicht widerstehen konnte. Vielleicht wollte er ein Grabmal Gottes bewundern, und in Erinnerungen eintauchen. Noch vor zwei Jahrhunderten hatte er in Frankreich gelebt, auf dem Anwesen seiner Vorfahren in der Nähe von Montbéliard.

„Du bist ein sentimentaler Schwachkopf“, schimpfte er leise mit sich. Es gab Wichtigeres zu tun, als ein altes Bauwerk zu bewundern. Die Gegenwart rief nach ihm. Seine Hände umschlossen die Papiere.

Seine Stimme war so leise wie der Windhauch zwischen den Häusern. „Wenn es ein Seelenblut gibt, werde ich es finden und es zu ihr bringen. Sie wird das Geheimnis aus dem Nebel der Zeiten heben.“

Aurelius wusste, dass das nicht genügen würde. Er würde das tun müssen, was er hasste, und was er seit Jahrzehnten vermied. Sobald sein Klan die benötigten Informationen hatte, würde er töten müssen. Das Geheimnis war nur dann sicher, wenn seine Quelle ausgelöscht wurde. Vielleicht war das der wahre Grund, warum er wie ein Sünder in die Kirche lief, auch wenn er seinen Glauben schon vor Jahrhunderten verloren hatte. Er hoffte auf eine Absolution, die ihm niemand erteilen konnte.

LEIPZIG, PFINGSTEN, FREITAG

Amalia umklammerte das weiß bezogene Hotelkissen in dem breiten Doppelbett. Sie schlief und spürte, wie sie über jene Schwelle glitt, die so düster und zauberhaft zugleich war. Der Traum riss sie mit sich. Bilder bauten sich auf. Bilder, so real, als könne sie die *.htmlGegenstände berühren, die plötzlich da waren. Seidenbespannte Wände, schwere Vorhänge und stilvolle Möbel umgaben sie. Da waren Polsterstühle, Tische auf zarten Beinen, barocke Spiegel und Blumen in hohen chinesischen Vasen. Rosenduft hüllte sie ein. Ihr raues Kleid kratzte unangenehm auf der nackten Haut. In dieser Traumwelt trug sie niemals Unterwäsche.

Der hohe Raum wurde vom Licht der Sonne durchflutet. In seinem Glanz stand er. Aufrecht wie eine Statue, die goldbraunen Haare zu einem Zopf geflochten. Sein Anblick beschleunigte das Pochen ihres Herzens. Sie schaffte es nicht, den Blick zu senken, wie es von ihr eigentlich verlangt wurde. Seine erstarrte Schönheit ließ sie flacher atmen, und der grausame Zug um seinen Mund brachte ihre Knie zum Zittern.

Ihr Herr hatte sie rufen lassen. Er hatte sie zu sich befohlen. Sie versuchte sich zu erinnern, wie sie in seinen Besitz gekommen war, aber da war keine Erinnerung. Seine grüngoldenen Augen blickten über ihren Körper in dem Kleid aus groben Leinenstoff. Ihm schien nicht zu gefallen, was er sah. Sie unterdrückte den Impuls, nach ihrer Haube zu fassen, ob sie auch gerade saß, und nicht zu viel von ihrer schwarzen Haarpracht zeigte.

Auch das war sonderbar. In diesem Zimmer ihrer Traumwelt war sie schwarzhaarig, dabei hatten ihre Haare die Farbe von dunklem Wein.

Ihr Herr sah sie auffordernd an. Ein übernatürlicher Bronzeschimmer lief über die helle Haut seines Gesichts. Sein Blick drang in sie, brach in ihr Denken ein und raubte jeden Widerstand. Amalia glaubte, diesen Blick auch auf ihrem Körper zu spüren, wie die Berührung von tausend Fingern, die besitzergreifend über sie strichen. Ihre Haut begann, erwartungsvoll zu kribbeln. Auch wenn ihr Verstand sie maßregelte und ihr sagte, dass ihre Gefühle falsch waren, kam sie nicht gegen ihren Körper an. Zwischen ihren Schenkeln pochte es sehnsuchtsvoll.

Eine wilde Lust überkam sie. Ein kreatürliches Verlangen, als sei sie nur für diesen Augenblick geboren worden; für seine Wünsche und Forderungen. Ohne, dass er es befehlen musste, öffnete sie ihren dünnen Gürtel. Sie streifte erst das Oberkleid, dann das Unterkleid über den Kopf und stand nur in ihren groben Schuhen und der Haube vor ihm, bis sie auch diese Kleidungsstücke abgelegt hatte.

Er sagte etwas zu ihr, aber sie konnte es nicht verstehen. Seine sinnlichen Lippen verzogen sich arrogant. Obwohl sie seine Abwertung in jeder seiner Gesten spürte, nahm das Pulsieren in ihrem Unterleib weiter zu. Sie war ein Instrument, das geduldig darauf wartete, von einem Meister gespielt zu werden.

Er trat zu ihr. Sie hielt den Blick gesenkt, während er sie betrachtete wie ein Händler die Ware auf einem römischen Sklavenmarkt. Seine Hände betasteten ihr Fleisch, wogen ihre Brüste, griffen nach ihrer unrasierten Scham und glitten tiefer, hinein in die Feuchte, die sie nicht vor ihm verbergen konnte.

Ihr Zittern wurde stärker, das Pulsieren unerträglich. Seine Finger hinterließen brennende Male, die sie quälten und zugleich liebkosten. Sie kämpfte gegen den Wunsch an, ihn anzuflehen, ihr mehr von sich zu schenken. Doch sie wusste, wo ihr Platz war. Er sah in ihr nur einen Gegenstand, der seiner Befriedigung diente, und obwohl sie ihm zürnen sollte, konnte sie es nicht. Sie wollte mehr von ihm, viel mehr, und sie war bereit, jeden Preis zu zahlen.

Er ließ von ihr ab und wies auf seinen Schreibtisch aus schwerem Holz. Mit wackligen Beinen ging sie darauf zu, lehnte sich mit dem Oberkörper auf die Platte und bot ihm bereitwillig ihren Rücken und ihr Gesäß an. Sie ahnte, was kommen würde, trotzdem ließ das lustvolle Brennen in ihrem Körper nicht nach.

Er hob etwas vom Tisch. Amalia musste nicht hinsehen, um zu wissen, was es war. Sie hörte den Reitstock durch die Luft sausen. Noch traf das harte Ende ihre Haut nicht. Er *.htmlspielte mit ihr und ließ sich Zeit. In ihrem Inneren kämpfte Lust gegen Furcht. Wie hart würde er zuschlagen? Wie schmerzvoll würde er sie dieses Mal treffen und wo würde das breite Ende des Reitstocks auftreffen? Sie presste die Lippen fest aufeinander, um nicht zu schreien, wenn er zuschlug. Wenn sie schrie, bestrafte er sie zusätzlich.

Er schlug sie gerne. Erniedrigte sie mit Worten und Züchtigungen. Doch sie konnte sich nicht einmal gedanklich darüber empören, so sehr war sie sein Geschöpf. Tief in sich spürte sie, dass sie ohne ihn längst tot wäre, dass ihr Leben an das seine gekettet war, und mehr noch – dass er etwas mit ihr machte. Etwas mit ihrer Seele. Sie hätte sich gerne bekreuzigt, doch wann immer sie das tat, schlug er sie. Ihr Vater hatte sie vor dem Teufel gewarnt. Vor dem Teufel, und genau das war er. Schlimmer, als die Inquisition und die Gerichtshöfe des Königs, die Giftmischer und Ketzer verfolgten und dabei Schuldige und Unschuldige nicht mehr auseinanderzuhalten vermochten.

In seiner Reitkleidung und den hohen Stiefeln ragte er hinter ihr auf, den Reitstock locker in der Hand haltend. Amalia – die andere Amalia – streckte sich ihm entgegen. Sie schloss ihre Augen und wartete auf den Schmerz, der reine Lust werden würde. Wenn er sie nahm, war er ihre Erfüllung. Doch es würde noch lange dauern, bis er sich dazu herabließ. Vielleicht auch gar nicht. Nicht an diesem Tag. Nicht in dieser Woche. Er verhexte sie, machte sie süchtig und ließ sie dann betteln, bis sie ihn auf Knien anflehte, sie zu nehmen. Dann spielte er den Gönner, den Erfüller in doppelter Hinsicht, und sie konnte ihn nicht einmal dafür hassen.

Das harte Ende der Gerte traf auf ihr Fleisch. Als ein scharfer Schmerz durch ihre Haut fuhr, zuckte sie zusammen. Der Schmerz ebbte ab und verwandelte sich in ein heißes Brennen. Sie keuchte und klammerte sich am Rand des Holzes fest. Beim nächsten Schlag riss sie die Augen auf. Ihr Blick fiel auf den Beistelltisch mit den weißen und roten Rosen in der hohen chinesischen Vase, keine zwei Schritte entfernt. Sie waren wunderschön, unschuldig, und süß.

Der nächste Hieb traf ihre Oberschenkel kurz unter dem Gesäß. Er brannte wie Feuer und ließ sie wimmern.

Es gab Tage, da bekam er nicht genug, da bereitete es ihm Freude, wenn sie später nicht einmal mehr sitzen konnte.

Wieder sagte er etwas. Wieder hörte sie die Stimme nicht. Das Bild verwischte und ging über in eine andere Szene. Sie wusste, sie waren noch im selben Haus: einem Anwesen. Sie holte etwas aus einer Kammer – Nahrungsmittel, ja, Eier – als seine Hände sie hart packten und herumwirbelten. Die Eier fielen zu Boden, Eigelb und Eiweiß ergossen sich als hässlicher Fleck auf dem Holz, die zerbrochenen Schalen ragten auf wie dunkle Ruinen.

Er riss ihren Rock hoch, rückte sie mit dem Rücken gegen die Wand, packte ihre Beine, spreizte die Schenkel und stieß in sie. Seine goldgrünen Augen raubten ihr jeden Laut. Sie wollte schreien, doch kein Ton verließ ihren Mund. Er nahm sie heftig, trieb sie weiter und weiter und dann … dann war auch dieses Bild verschwunden und sie stand in einem ganz anderen Raum an einem ganz und gar anderen Ort. Umgeben von fünf Männern, die um sie herum knieten. Eine Götzenfigur aus Stein ragte neben ihr auf und vor ihr saß eine Katze, in deren rotgoldene Augen sie starrte. Eine Katze, die ihre Seele verschlang, um sie auf eine Reise zu schicken. Irgendwo schrie eine Frau.

Das Bild der Kammer kehrte zurück. Die Eier am Boden. Ihre lautlosen Schreie drohten sie zu ersticken. Ihr Körper glühte in einem verzehrenden Fieber, das heißer war, als sie es ertrug. Sie wand sich in seinem Griff und versuchte, ihm zu entkommen, doch er hielt sie unerbittlich fest. Sein Becken stieß gegen ihres. Er drang tief und immer tiefer in sie. Seine Stöße machten die Hitze zu einer Qual. Sie verbrannte, während er sie nahm. Lodernde Flammen hüllten sie ein und doch spürte sie die nahende Erlösung. Obwohl sie es nicht wollte, breitete sich die Lust wie Wellen in ihr aus. Es waren Wellen aus roter Glut, die sie wimmern ließen. Sie kämpfte gegen ihre Schreie an und verlor. Sein Blick war spöttisch, als sie laut und heftig kam, punktgenau von ihm dorthin dirigiert. Ihre Finger krallten sich in die Haut seiner Schultern, die kalt und hart war, wie Marmor. Sie wusste, dass er nicht aufhören würde. Seine Ausdauer kannte keine Grenze. Sie würde kommen, betteln, flehen, dass er aufhörte – und wieder kommen. So oft und so lange, wie er es wünschte.

Schweißnass wachte Amalia auf. Ihre Schenkel zitterten. Sie fühlte noch das Nachbeben des Orgasmus, der im Schlaf über sie gekommen war. Während sie dem dumpfen Pochen zwischen ihren Beinen und dem ihrem Herzschlag folgenden Pulsieren in ihrer Klitoris nachhorchte, betastete sie ihr vor Scham erhitztes Gesicht. Ihre Hände fühlten sich angenehm kühl an. Was für ein Traum. Mit Erleichterung stellte sie fest, dass sie allein in ihrem Bett lag. Die goldgelbe Hoteldecke mit der Kristalllampe über ihr war ein vertrautes Stück Alltag. Langsam beruhigte sich ihr Atem und auch das Flattern in ihrem Körper ließ nach.

Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, warum sie immer diese Träume hatte.

Sie griff zu ihrer Scham und spürte die Feuchte, die an ihren Schenkeln klebte und den Stoff der Unterhose durchtränkt hatte.

Schon verschwammen die Traumszenen. Sie wurden zu einzelnen Bildern, dann zu Fetzen, die im Nebel untergingen und an Bedeutung verloren.

Sie schwang die Beine aus dem Bett und griff nach ihrem Handy. Es war kurz vor neun. Wieder einmal hatte sie es geschafft, nur wenige Minuten vor dem Klingeln ihres Handy-Weckers aufzuwachen. Gut gelaunt suchte sie sich ein Lied aus und schaltete die Musik ihres Handys ein. Der Klang war mäßig, aber sie liebte Musik und hörte lieber welche in schlechter Qualität, als überhaupt keine. Die melodischen Töne holten sie endgültig in die Realität zurück. Sie war nicht in Frankreich, auf irgendeinem Anwesen, sondern in Leipzig auf dem Wave Gotik Treffen. Sie freute sich, dass sie sich die Zeit für das Festival gegönnt hatte, sie hatte die letzte Zeit viel gearbeitet und musste unbedingt mal raus.

Zufrieden lächelnd sah sie sich in dem geräumigen Hotelzimmer um. Das schwarze Bett stand auf einem Laminatboden, zwei Spiegel und ein Druck Lyonel Feiningers von 1954 mit dem lyrischen Namen „Die entschwundene Stunde“ hingen an den Wänden. Das Bild Feiningers zeigte eine verwaschene Häuserfront in Blautönen und setzte sich gut von der warmen gelben Wand ab. Es gab einen Fernseher auf einem schwarzen Sideboard, einen runden Tisch mit zwei filigranen Stühlen und sogar eine Grünpflanze neben der Fensterfront mit den orangefarbenen Vorhängen. Alles passte zusammen und vermittelte ein Gefühl von wohnlichem Wohlbehagen.

Gähnend streifte sie ihr Nachthemd und ihre Unterhose ab, und ging hinüber zu dem modernen Bad mit Dusche und Luxusbadewanne. Sie stieg in den weißen Duschraum und ließ das Wasser über ihre Haut fließen. Langsam erwachten ihre Lebensgeister. Der Traum floss von ihr ab, verblasste mehr und mehr zu einem Gespinst der Nacht, das bei Tageslicht keinen Bestand hatte.

Was dagegen nicht verschwinden wollte, war ihre Lust. Sie stellte sich den braunhaarigen Mann aus ihrem Traum vor und fragte sich, wie es wäre, wenn er jetzt bei ihr wäre und sie sehen könnte. Sie schloss die Augen.

Das Wasser der Dusche zerteilte sich über ihr in Myriaden winziger Tropfen. Das Prasseln auf dem Boden erinnerte sie an tropischen Regen. Sie ertappte sich dabei, sich weit ausgiebiger mit Duschgel einzureiben, als es notwendig war. Der Geruch des Duschgels nach Mango und Honig stieg auf.

Ihre linke Hand kreiste auf ihrer Brust, während die rechte langsam über ihren Bauch fuhr.

Sie dachte an seinen Mund. An die vollen, sinnlichen Lippen, die sich zum verächtlichsten Lächeln der Welt verziehen konnten, und an seine grüngoldenen Augen, deren Blick auf ihrem nackten Körper lag. Ein angenehmes Kribbeln überzog ihre Haut. Wie in Trance hob sie ihre Brust an, so wie er es im Traum getan hatte.

Ihre Hand wanderte tiefer. Ihre Finger glitten zwischen ihre Schamlippen und spreizten sie. Zögernd bewegte sie die Hand ein Stück nach oben und verharrte über ihrer pochenden Klitoris. Wie kam es nur, dass ein Traumbild so viel Begierde weckte? Sie drückte sehnsüchtig gegen ihren Schamhügel. Die andere Hand berührte die Kacheln der Wand. Sie stützte sich ab, während sie ihren Zeigefinger genussvoll kreisen ließ, die Kuppe genau auf dem dumpfen Pochen liegend, das sich sofort verstärkte.

Das Wasser hüllte sie ein wie warmer Nebel. Sie stellte sich seine Hände auf ihren Brüsten vor. Seinen Körper an ihrem. Wohlige Schauer durchrieselten sie und zugleich stiegen neue Bilder in ihr auf, die ganz und gar ihrer Fantasie entsprangen. Er und sie duschten gemeinsam. Sie fühlte ihren Herzschlag und spürte die Hitze und Sehnsucht größer werden. Ihr Finger bewegte sich fließend, aber noch immer langsam. Sie ließ sich Zeit und spürte die winzigen Berührungen wie schwache Stromstöße. Ihre Schenkel zitterten vor Anstrengung, aufrecht stehen zu bleiben.

Sie stellte sich seine Stimme vor, die dicht an ihrem Ohr ihren Namen sagte. Wie er wohl hieß? Ein Name für ihn wollte ihr nicht einfallen. Jeder, der ihr in den Sinn kam, erschien ihr falsch.

Die kleinen Kreise wurden schneller, die zarten Stromstöße intensiver. Sie stützte sich mit der Schulter an der kühlen Wand ab, um die andere Hand freizuhaben. Wieder hob sie ihre Brust an und ließ sie sinken. Dabei dachte sie erneut an seine kräftigen Hände, die groß genug waren, ihre Brüste zu umspannen. Sie wünschte sich, er wäre bei ihr und würde sie mit seinen Fingern verwöhnen. Ihr Daumen rieb abwechselnd über ihre harten Brustspitzen, bis ihre Hand auf einer Brust liegen blieb und Zeige- und Mittelfinger die Brustspitze wie eine Klammer anhoben. Nur ein winziges Stück, aber es genügte, um eine Welle der Lust wie ein Elektroschock durch ihren Körper fahren zu lassen.

Sie beschleunigte ihre Bewegungen, die Kreise wurden enger und fester, bis ihr Unterleib sich fast schmerzhaft anspannte.

Ihr Orgasmus kam noch heftiger als der im Traum. Sie lehnte sich ganz an die Wand, genoss das Pulsieren in ihrer Scham und das heiße Wasser, das über ihre Haut floss.

Einen Moment stand sie still und fühlte dem Echo ihres Höhepunkts nach. Sie wusste, sie musste sich erneut abduschen, aber das war es wert. Schöner aber wäre es mit ihm gewesen. Sie seufzte. Zu schade, dass es solche Männer nicht in der Realität gab.

Nach dem Duschen kämmte sie ihre langen, dunkelroten Haare. Den Ansatz hatte sie erst vor wenigen Tagen nachgefärbt, damit er nicht braun hervorstach. Gut gelaunt trat sie zurück in den Schlaf- und Wohnraum.

Der Inhalt ihres Koffers war über den ganzen Boden verteilt und sie sah unentschlossen zwischen Korsagen, Lackhosen, Tüllröcken und Stiefeln hin und her. Sie hatte sich mit ihrer Freundin Kim im Hotel zum Frühstücken verabredet. Kim würde erst an diesem Morgen anreisen. Es war ihr fünfter Besuch auf dem Wave Gothic Treffen. Das erste Mal hatte ihr damaliger Freund sie mitgenommen – und dann eine andere kennengelernt. Nichtsdestotrotz war sie dem Festival treu geblieben. Sie liebte die Atmosphäre, die vielen Menschen in der aufwendigen Kleidung und den kreativen Stylings. Sie mochte die gutmütige Eitelkeit, die freundliche Stimmung und die Ausstrahlung dieses friedvollen und zugleich lebensfrohen, obgleich schwarzen Festes. All das war ihr genauso wichtig wie die Bands, die von morgens bis abends in den unterschiedlichsten Locations der Stadt ihre Auftritte gaben.

Nach kurzem Zögern entschied sie sich für eine Lackhose, eine Satinkorsage, einen schwarzen, eng anliegenden Spitzenbolero und ein reich verziertes Halsband aus schwarzen Kunstperlen. Dazu eine Samtjacke, die sie bei den leider noch recht kühlen Temperaturen warmhalten würde.

Auf dem Weg zum Frühstück besah sie sich mit dem professionellen Blick einer Raumausstatterin den wundervollen Innenbereich des Hotels mit seinen stilvollen Leuchtern, den verspiegelten Deckenkacheln, den dunkelroten Wänden und dem Parkettboden. Es hatte sogar einen eigenen Park, vor dem eine ausladende Terrasse mit runden Bistrotischen und weißen Sonnenschirmen lag.

Amalia holte sich am Buffet ihr Frühstück, organisierte sich ein Glas Sekt mit Orangensaft und suchte sich einen ruhigen Platz an der frischen Luft. Drinnen waren fast alle Tische belegt und es herrschte geschäftiges Treiben. Die Hälfte der Gäste trug schwarze Kleidung und viele waren noch wesentlich auffälliger zurechtgemacht und geschminkt als sie selbst. Ein Pärchen fiel ihr besonders auf, denn irgendwie kamen die beiden ihr bekannt vor. Sie hatte lange, schwarze Locken und trug ein weites, dunkelrotes Satinkleid mit Reifrock. Auf dem Kopf trug sie einen kleinen Hut mit Schleier, und an ihrem linken Handgelenk baumelte ein Varietéfächer. Ihre Haut war weiß geschminkt und wirkte wie Alabaster. Die dunklen Augen schienen zwischen den schwarzen Soft-Liner-Balken zu glühen. Der dunkelhaarige Mann an ihrer Seite war nicht minder beeindruckend. Er trug einen schwarzen Gehrock, unter dem ein weißes Rüschenhemd hervorblitzte. Die Sonnenbrille betonte die blitzenden Knöpfe und modernen Verzierungen seines Gehrocks. Er war eine Mischung aus Graf und Punk, mit einem Stachelhalsband, ebenso weißer Haut wie die seiner Partnerin und dem sinnlichsten Mund, den sie je gesehen hatte.

Unwillkürlich lief ihr ein Schauer über den Rücken. Sie musste an den Mund des Mannes aus ihren Träumen denken, an die weichen Lippen, die sich spöttisch verzogen.

Amalia schaffte es nicht, den Blick abzuwenden. Die beiden saßen drinnen, waren aber durch die geöffnete Glastür gut zu sehen. Etwas war an diesem Paar, was sie auf einer tiefen Ebene berührte.

Der Mann im Gehrock hob den Kopf und sah sie an, als könne er ihren Blick spüren. Amalia schoss Hitze ins Gesicht. Hastig wich sie dem Blick des Mannes aus, griff nach dem Sekt und nahm einen Schluck. Als sie wieder in seine Richtung sah, hatte er den Kopf abgewandt.

Als ob er wüsste, dass sie ihn nun wieder ansah, und ihr demonstrieren wollte, dass er in diesem Blickduell der Stärkere war.

Sie ertappte sich erneut dabei, das faszinierende Paar zu beobachten, als ihr Handy klingelte. Mit einem Blick auf das Display stellte Amalia fest, dass es ihre Freundin Kim war. Eilig nahm sie das Gespräch an.

„Hallo Kim, wo bist du denn? Wir waren doch zum Frühstück verabredet, und die Frühstückszeit ist fast rum. Steckst du im Stau?“

„Lia, Liebes. Hi. Sorry, ich … mir ist was total Blödes passiert, und ich kann dieses Wochenende nicht weg.“

Besorgt presste Amalia den Hörer fester an ihr Ohr. „Was ist passiert?“ Hoffentlich war Kim nicht krank geworden oder hatte sich verletzt.

„Es tut mir leid, Lia, ehrlich.“

„Was ist denn los? Hattest du auf dem Weg einen Unfall?“

Kim seufzte. „Äh … nicht ganz. Ich weiß, du wirst mich jetzt vielleicht verfluchen, aber, es … na ja …“ Sie druckste herum. Das Schweigen wurde länger. Es wurde unangenehm.

Ah, daher wehte der Wind.

„Es ist ein Mann“, stellte Amalia fest. „Habe ich recht?“

Es war nicht das erste Mal, dass sich Kim Hals über Kopf verliebte und deswegen Verabredungen absagte.

„Lia, hör zu … er kann dieses Wochenende mit mir nach Paris fliegen. Er hat da was Geschäftliches zu tun und möchte mich mitnehmen.“

„Du tauschst Paris gegen das WGT, okay, ich kann‘s verstehen. Aber ich bin jetzt schon traurig, dass ich hier allein sitze.“

„Es tut mir leid, ehrlich. Ich bin eine miese Freundin. Mach dir einfach eine schöne Zeit, okay? Es wird bestimmt auch ohne mich super und ich verspreche, es irgendwann wieder gut zu machen.“

Sie wechselten noch ein paar Worte und verabschiedeten sich. Das Starren auf ihr Handy half ihr aber auch nicht weiter. Sie war enttäuscht, auch wenn sie Kim verstehen konnte. Sie hatte nicht viele Menschen, die ihr nahe standen und sich sehr auf ein paar entspannte Tage mit Kim gefreut, aber sie wünschte ihrer Freundin alles Gute für ihren romantischen Trip nach Paris. Sie selbst glaubte nicht daran, auf dem Festival vielleicht jemanden kennenzulernen. Mit dem Thema Männer war sie vorerst durch. In den letzten Jahren hatte sie zu viele Enttäuschungen erlebt. Sie leerte ihr Sektglas und tat sich selbst ein bisschen leid.

Ein Schatten fiel auf sie.

Als sie aufsah, waren ihre trüben Gedanken nur noch ein Schatten am Vormittagshimmel. Eine winzige Wolke, die in Bedeutungslosigkeit versank.

Oh. Mein. Gott.

An der Seite ihres Tisches - mitten in der Sonne - stand ein fast ein Meter neunzig großer Mann in schwarzer Kleidung und sah sich scheinbar nach einem freien Tisch um.

Das war ER! Der Mann aus ihrem Traum. Es gab überhaupt keinen Zweifel. Ihr Traumbild lebte auf der Erde, trug eine Bondagehose, ein schlichtes schwarzes Hemd und eine Sonnenbrille. Trotzdem, obwohl sie nicht einmal seine Augen erkennen konnte, war sie sicher. Er war der Mann aus ihrem Traum. Es war dasselbe Kinn, dieselben Wangenknochen, derselbe Bronzeschimmer, der über die helle Haut strich, derselbe Mund, sinnlich und spöttisch. Er hatte sogar dieselben langen Haare, die er offen trug, und die wie flüssiger, goldbrauner Bernstein sein Gesicht einrahmten. Sie brachte einen erstickten Laut hervor und hustete gequält.

Der Fremde beugte sich besorgt zu ihr herab. „Ist alles in Ordnung? Hast du dich verschluckt?“ Er roch nach einer nassen Herbstwiese. Nach dem feuchten Boden am Ende eines Sturms.

Verzweifelt kämpfte Amalia darum, sprechen zu können.

Sie musste sich irren. Er sah ihm bestenfalls ähnlich. Es konnte einfach nicht der Mann aus ihrem Traum sein. So etwas gab es nicht.

„Entschuldige“, brachte sie stammelnd hervor. „Kennen wir uns?“

Er richtete sich wieder auf und zog den Stuhl neben ihrem zurück. Wie selbstverständlich setzte er sich. Jede seiner Gesten war zugleich anmutig und nachlässig. „Nicht, dass ich wüsste, aber vielleicht hast du mich letztes Jahr in Leipzig gesehen? Warst du im selben Hotel? Meine Freunde und ich kommen jedes Jahr zum WGT. Wir steigen entweder hier ab oder in der Innenstadt. Das Radisson ist sehr zu empfehlen. Zentrale Lage, nette Zimmer, gute Küche.“

„Oh.“ Mehr brachte Amalia nicht hervor.

Liebe Güte, sie war die Krone der Schöpfung, wirklich. Fehlte nur noch, dass sie grunzte wie ein Erdferkel …

„Bist du allein unterwegs?“ Er lehnte sich entspannt zurück und sah in ihr Gesicht.

Amalia spürte, wie kribbelnde Erregung sie durchflutete. Alles an ihm war fremd und zugleich vertraut: sein Geruch, seine Gesten, die Art und Weise, wie er den Kopf zu ihr wandte. Die Bilder aus ihrem Traum vermischten sich mit der Realität. Dieser Mann vor ihr war lange nicht so spöttisch und herrisch wie sein nächtliches Spiegelbild. Sie glaubte, sein Verständnis zu spüren. Es hüllte sie ein und nahm ihr alle Hemmungen.

„Ich war mit einer Freundin verabredet“, platzte es aus ihr heraus. „Aber sie hat abgesagt. Ich … ich habe den Anruf gerade erst bekommen und bin noch ganz durcheinander. Am besten fahre ich wieder heim.“

„Bedauerlich, dass sie dir abgesagt hat. Aber deshalb gleich nach Hause fahren? Kennst du sonst niemanden hier?“

„Nicht wirklich. Ich komme nicht aus der Gegend.“

„Ich auch nicht. Meine Freunde und ich leben in Frankfurt.“ Er sah sie neugierig an.

„Mainz“, beantwortete sie die nicht gestellte Frage.

„Gar nicht so weit von Frankfurt weg.“ Er lächelte. Amalia fühlte sich durch dieses Lächeln sofort besänftigt. Es war, als würde eine zweite Sonne nur für sie aufgehen.

„Du hast grüne Augen, nicht wahr? Goldgrüne Augen.“ Der Satz verließ ihre Lippen, noch ehe sie recht wusste, was sie sagte.

Der Fremde nahm die Sonnenbrille ab und legte sie auf den Tisch. „Bedaure. Ein langweiliges Braun.“

„Oh!“, entfuhr es Amalia enttäuscht. Er hatte wirklich braune Augen. Sie passten ganz ausgezeichnet zu seinen hellbraunen Haaren und schimmerten unnatürlich intensiv.

„Braun ist sehr … bodenständig …“, brachte sie in dem Versuch hervor, etwas Nettes zu sagen, das ihre merkwürdige Anwandlung überspielte, seine Augenfarbe kennen zu wollen.

Er grinste vergnügt. „Bodenständig? Du bist sonderbar. Wie kommst du darauf, ich hätte grüne Augen?“

„Du hast mich an jemanden erinnert.“

„An wen?“

„Nicht so wichtig.“ Ihr Traum stieg in aller Deutlichkeit vor ihr auf, die Eierschalen am Boden, der Reitstock, und sie spürte das Brennen in ihrem Inneren größer werden. Verwirrt sah sie von ihm fort. Was war das nur für ein verrückter Tag? Alles schien schiefzulaufen. Es war, als sei der S-Bahn-Waggon, in dem sie sich sonst durchs Leben tragen ließ, entgleist, und rase mit tödlicher Geschwindigkeit einer Mauer entgegen. Eine dunkle Vorahnung mischte sich in ihr mit Furcht und ließ sie trotz des Sonnenscheins frösteln. Sie versuchte, das Gefühl abzuschütteln.

Ich werde langsam albern, schimpfte sie sich selbst. Als ob dieser Mann sie bedrohen würde. Sie fragte sich, wie er heißen mochte.

„Aurelius Dubais.“ Er streckte ihr seine Hand hin, als habe er ihren Gedanken gelesen.

„Aurelius? Ist das ein Künstlername?“

„Ich hatte altmodische Eltern. Im Grunde kann ich froh sein, dass ich nicht Novalis heiße. Meine Mutter liebte Novalis. Besonders die Gedichte.“

Amalia nahm zögernd seine Hand. „Amalia Stern. Meine Eltern standen auf die österreichische Herrscherfamilie.“

Sie lächelten einander an. Der kalte Knoten aus Angst in Amalias Bauch begann, sich zu lösen, aber die Lust blieb. Das war einfach ein ganz normaler Typ Ende zwanzig der … ja, was wollte er eigentlich? Mit ihr flirten? Sie hatte nichts dagegen.

Vorsichtig zog er seine Hand zurück. Sie ließ sie nur widerwillig los. Sie versuchte, sich ganz auf ihn zu konzentrieren und das Durcheinander in ihrem Kopf zu ordnen. „Du bist mit Freunden hier?“

„Ja. Wir machen heute unser traditionelles schwarzes Picknick im Auwald. Mit Decken, Musik und gepackten Kühltaschen. Das ist jedes Jahr ein ziemlicher Spaß. Hast du nicht Lust mitzukommen?“

„Ich … darf ich dich zeichnen?“ Er war traumhaft schön. Sein Gesicht war perfekt. Sie musste ihn einfach fragen, ob sie eine Zeichnung von ihm machen durfte.

Er sah sie verwundert an. „Nachher im Auwald?“

„Okay.“

Aurelius lehnte sich entspannt zurück. „Nun, du hattest nicht geplant, allein hier zu sein, und wenn du Lust hast, kannst du gerne mit mir, Grace und Darion kommen. Du hast nichts zu verlieren. Wenn es dir nicht gefällt, bringe ich dich zur nächsten Haltestelle und du fährst einfach ins Hotel zurück.“

„Du hast Mitleid mit mir“, stellte Amalia fest. Sie fühlte sich dabei weit weniger schlecht, als sie es wohl sollte.

„Mir fehlt noch eine Begleitung. Grace und Darion sind üblicherweise sehr mit sich beschäftigt, und unsere anderen Freunde sind dieses Jahr nicht mit dabei.“

Amalia drängte sich die Frage auf, ob dieser unverschämt gut aussehende Mann in festen Händen war.

Vielleicht suchte er nur etwas für das Wochenende. Und was lag da näher als eine Affäre mit einer Frau, die quasi seine Zimmernachbarin war? Noch dazu bei den luxuriösen Betten, dem weichen Sessel und dem stabilen Tisch. Sie lächelte innerlich. Kim war nicht hier. Was hatte sie also zu verlieren?

„Gut, ich komme gerne mit. Besonders, wenn ich dich zeichnen darf.“ Sie sah auf sein Handgelenk. Er trug noch kein Band, das ihm Eintritt zu den Locations des Festivals verschaffte. Vielleicht war das eine Chance, ihn bereits vor dem Picknick besser kennenzulernen. Sie deutete auf seine nackte Haut.

„Du musst dir auch noch das Bändchen holen?“

„Bitte?“

„Das Bändchen.“ Lia hob ihr Handgelenk. „Für den Eintritt.“

„Oh … ja. Das brauche ich noch. Darion kümmert sich normalerweise darum.“

Amalia sah ihn verwirrt an. Anscheinend hatte er die indirekte Aufforderung, gemeinsam mit ihr in die Stadt zu fahren, nicht verstanden, oder nicht verstehen wollen.

Typisch Mann und Frau. Dann eben direkter.

„Ich mache das lieber bald. Willst du nicht mitkommen?“

„Geht leider nicht. Wir müssen noch Essen für unser Picknick vorbereiten.“

„Oh. Wann geht ihr denn los?“

„Gegen vier Uhr. Wir können uns ja um zehn vor vier an der Rezeption treffen.“

„Einverstanden.“

Amalia stand auf. Sie wollte nicht aufdringlich erscheinen.

„Okay. Dann bis später.“ Er nahm seine Sonnenbrille vom Tisch und setzte sie wieder auf.

Noch einmal verglich Amalia ihn mit dem Mann aus ihrem Traum.

Sie sahen sich unglaublich ähnlich. Wahrscheinlich hatte sie Aurelius wirklich schon letztes Jahr gesehen und sich sein Gesicht unterbewusst eingeprägt. Vielleicht träumte sie deshalb von ihm. Mit einem leichten Kopfschütteln ging sie auf ihr Zimmer. Sie hätte nie gedacht, dass der fremde Adelige aus ihren Träumen in der Tagwelt existierte.

BERLIN, EINE VILLA AM STADTRAND

Rene betrachtete den Grauhaarigen am Boden. Sein Körper war massig im Vergleich zu ihrem. Obwohl er nur einen Kopf größer war, hatte er ihr doppeltes Gewicht. Das ärmellose schwarze Hemd zeigte Armmuskeln, die breiter waren, als ihre schlanken Schenkel. Er kniete vor ihr, den Kopf gesenkt. Die langen grauen Haare verbargen einen Teil seiner vernarbten Gesichtshaut. Seine Stimme war ein raues Flüstern.

„Herrin … ich habe Euch alles gesagt. Kamira ist bereits vor Ort, wir …“