EPISODE 0
ZEICHEN

BASTEI ENTERTAINMENT

INHALT

 

 

Episode 0    ♦  ZEICHEN

    I

    II

    III

    IV

    V

    VI

    VII

I

28. April 2011, Annapurnagebiet, Himalaja

Den Rosenkranz hatte sie auch schon längst verloren. Er lag 200 Meter über ihr irgendwo im Schnee neben der Route. Aber auch die hatte sie ja längst verloren. Sie hatte überhaupt fast alles verloren. Ihre Handschuhe, ihr Team, die Steigeisen, das Wasser und auch das Funkgerät. Alles außer ihrem Leben und ihrem Glauben. Die Frage war, was sie als nächstes verlieren würde.

Über ihr glühte der Gipfel des Annapurna im Licht der Nachmittagssonne. Zum Greifen nah, und dennoch hatten sie ihn nicht erreicht. Tracy, Laura, Betty und Susan waren tot, abgestürzt in einer Schneewehe über einer Gletscherspalte, von einem Moment auf den anderen vom Erdboden verschwunden. Der Annapurna hatte sie einfach verschluckt. Nun war sie allein.

Vor drei Wochen war Anna mit einer Gruppe Bergsteigerinnen aus den USA und Kanada zu einer Besteigung des Annapurna Himal, des zehnthöchsten Berges der Welt, aufgebrochen. Anna war eine erfahrene Bergsteigerin, es war nicht ihr erster Achttausender, und das Annapurnagebiet war eines der touristisch erschlossensten in ganz Nepal. Vor zwei Tagen war sie frühmorgens bei klarem Wetter mit vier Frauen vom Lager V zum Gipfel aufgebrochen. Alles schien gut zu laufen, trotz der Schmerzen und der Qual bei jedem Schritt. Sie waren zuversichtlich gewesen, ja euphorisch, den Gipfel mittags zu erreichen. Bis sie die Schneewehe überquerten.

Bei dem Sturz ihrer Kameradinnen war auch Annas Rucksack samt Steigeisen mit abgestürzt, den sie kurz zuvor für einen Moment abgelegt hatte, weil sie nicht mehr konnte. Das war ihr Glück gewesen. Wenn man davon absah, dass sie auch noch ihre Handschuhe bei dem vergeblichen Versuch verloren hatte, ihre Freundinnen in der Spalte zu orten.

Und ohne die Handschuhe hatte sie nun ein Problem: die Kälte. Die Temperatur in siebeneinhalbtausend Metern betrug selbst am Nachmittag höchstens minus dreißig Grad Celsius. Die Nacht würde Temperaturen bis zu minus Vierzig bringen. Ohne Handschuhe kühlte Annas Körper nun rasch aus. Ihre Kerntemperatur betrug bereits nur noch knapp dreiunddreißig Grad Celsius. Sie zitterte heftig, eine unwillkürliche Reaktion des Körpers, um zusätzliche Körperwärme zu erzeugen. Doch hier oben kam auch noch die dünne Luft hinzu. Orientierungslos stolperte Anna bergab in die Richtung, in der sie Lager V vermutete. Ihre Bewegungen waren holprig und torkelnd, erste Anzeichen der Höhenkrankheit. Anna war zum Umfallen müde. Sie wollte schlafen, nur noch schlafen. Aber mit einem letzten Funken klarem Verstand wusste sie, dass dies das Ende sein würde. Sie musste weiter. Nach unten. Zum Lager. Was Anna jetzt noch antrieb, waren nur der uralte Überlebensinstinkt und ihr Glaube.

Sie hatte ihren Bergkameradinnen nicht erzählt, dass sie katholische Nonne war. Sie hatte ihnen auch nicht erzählt, was sie wirklich am Annapurna suchte. Sie hatte ihnen weder von ihrem Auftrag noch von ihrem Orden erzählt. Für die Frauen war sie einfach nur ein verlässliches, bergerfahrenes Landei gewesen, das bei den abendlichen Geschichten über Männer und Partys nicht viel beizutragen hatte. Viel mehr hatte Anna die großartige Landschaft genossen, die freundlichen Menschen und die safranfarben gekleideten Mönche, die ihr die Lehre Buddhas erklärten.

Anna hielt einen Moment inne, versuchte zu Atem zu kommen und murmelte ein Gebet. Der Herr würde ihr helfen. Die Jungfrau Maria würde ihr helfen.

Nach weiteren hundert Metern war ihre Kerntemperatur bereits auf neunundzwanzig Grad abgesunken. Die Nazi-Ärzte von Dachau mit ihren Eiswasserbecken kamen zu dem Schluss, dass ein Mensch nur bis zu einer Kerntemperatur von fünfundzwanzig Grad Celsius überleben könne. Man hatte aber auch schon Kinder im Schnee gefunden, die noch mit einer Körpertemperatur von vierzehn Grad überlebt hatten. In der Höhe herrschten andere Regeln. Anna hustete blutigen Schleim. Auch das ein Zeichen der Höhenkrankheit. Nach weiteren fünfzig Metern verließ sie zwar nicht der Glaube, dafür schwand die Kraft. Ohnmächtig sackte Anna in den Schnee, murmelte immer wieder die gleichen Gebete. Sie war nun bereit, der Jungfrau Maria gegenüberzutreten – als sie die Mönche sah.

Die zwölf Gestalten bewegten sich in einer geordneten Reihe und durch Seile gesichert bergaufwärts, direkt auf Anna zu. Die Höhenkrankheit hatte Annas Blick getrübt, deswegen erkannte sie nicht gleich, dass diese Bergsteiger nicht zu ihrer Expedition gehörten. Überhaupt wirkten sie seltsam, denn statt der üblichen knallbunten High-Tech-Funktionskleidung trugen sie braune Kutten wie katholische Mönche.

Als die seltsamen Mönche sie erreichten, schlug Anna noch einmal die Augen auf. Sie wunderte sich, dass die Mönche an ihr vorbei zogen, ohne sie zu beachten. Sie wollte etwas rufen, doch in der dünnen Luft versagte ihre Stimme. Erst die letzten beiden Mönche hielten bei ihr an. Einer von ihnen beugte sich über sie. Anna konnte sein Gesicht sehen. Ein freundliches, sanftes Gesicht, obwohl der Mann nicht lächelte. Die beiden Männer untersuchten Anna kurz und sahen, dass sie noch lebte. Sie wechselten einige Worte auf Latein, dann packten sie Anna unter den Armen, und Anna dankte der Jungfrau Maria für ihre Rettung.

Bis sie merkte, dass die Mönche sie nicht talwärts trugen – sondern bergauf! Anna hielt das zunächst für eine Halluzination, es konnte einfach nicht sein. Nicht bergauf! Aber ohne dass es sie besondere zusätzliche Anstrengung zu kosten schien, schleppten die Männer in den Mönchskutten die halb bewusstlose, halb erfrorene Nonne weiter bergauf bis zu der Gletscherspalte, in der Annas Kameradinnen abgestürzt waren. Anna erkannte die Stelle wieder. Das rote Sicherungsseil baumelte ja noch über der Kante. Und genau dorthin schleppten sie die beiden Männer nun. Das Letzte, was Anna spürte, war ein harter Stoß und ein eisiger Luftstrom im Gesicht. Dann wurde alles wunderbar blau und weiß um sie herum.