DANKSAGUNG

Wenngleich der eigentliche Vorgang des Schreibens eine einsame und persönliche Übung ist, existiert kein Buch in einem Vakuum.

Mein aufrichtiger Dank geht an John Edward Lawson und Jennifer Barnes von Raw Dog Screaming Press – ihren Professionalismus, ihre Unterstützung und nicht zuletzt ihre Freundschaft weiß ich mehr zu schätzen, als es Worte auszudrücken vermögen. Ferner danke ich Darin Malfi, meinem Bruder, für seine kreativen Anregungen und seinen außergewöhnlichen Beitrag zu diesem Werk; Efrem Emerson für das Lektorieren eines Manuskripts, das den Umfang eines Telefonbuchs hatte; Brian Keene; Gerard Houarner; dem unfehlbaren Brother Rabbit, der dafür sorgt, dass ich aufrichtig bleibe; Jonathan und Samantha; meinen Eltern und Großeltern, die gezwungen sind, dieses Buch zu lesen (und mich jedes Mal schief anschauen, wenn sie ein garstiges Wort entdecken); und all meinen wahren Freunden.

Und zu guter Letzt: Debbie, meiner Welpin, für ihr Mitgefühl, ihre Liebe, ihre Unterstützung, ihre Ehrlichkeit, Entschlossenheit, Stärke und Überzeugung. Es kommt im Leben selten vor, dass man einen Traum verwirklicht; noch seltener ist es, diesen Traum mit jemandem zu teilen, den man zutiefst und von ganzem Herzen liebt. Danke, Deb.

Ronald Malfi

5. August 2004

Arnold, Maryland

KAPITEL 8

Sie erwachte früh und fühlte sich immer noch erschöpft. Als sie die Augen aufschlug, starrte sie auf die Unterseite des rosa Himmeldachs, und wie eine Springflut setzte die Erinnerung daran ein, wo sie sich befand: zu Hause.

Rasch duschte sie, zog sich an und betrat beinahe lautlos den Flur im ersten Stock. Als sie an der geschlossenen Tür von Beckys Zimmer vorbeikam, streckte sie die Hand aus und rüttelte an dem Knauf. Abgesperrt.

Was um alles in der Welt soll das?

Unten hatte Glenda eine vollwertige Mahlzeit für sie vorbereitet: Eier, Speck, Kartoffelpuffer, Muffins, Maisbrot, geschälte Früchte, einen Krug Milch und einen weiteren mit frisch gepresstem Orangensaft. Mitten auf dem Tisch in einer wunderschönen Vase befand sich ein Strauß cremefarbener Pfingstrosen. Bereitwillig nahm sie Platz und aß. Das Haus umgab sie still und hintergründig. Wie viel wusste sie noch von diesem Ort? Sicher, sie hatte einzelne Kindheitserinnerungen an Halloween, Weihnachten, Thanksgiving und sogar Geburtstage, aber nichts davon schien mit irgendetwas in Verbindung zu stehen, alles trieb für sich allein umher – wie Geister vor einem Fenster. Und dann war da noch, was sie nur als ›Bruchstücke‹ bezeichnen konnte – körperlosen Bilder, die in ihrem Kopf auftauchten, ihr Gesichter zeigten, die sie kaum erkannte, oder ein bestimmtes Paar Lederschuhe mit Messingschnallen oder die Jagd auf Eichhörnchen und Kaninchen über die bewaldeten Hügel hinter dem Haus.

Und die fast vergessenen Worte eines Kinderlieds:

Kleines Baby, süße Maus,

Lasst jemand das Baby raus,

Und jetzt, o Baby, ist Zeit fürs Bett,

drum schließ die Augen lieb und nett.

»Scheiße«, murmelte sie und grinste bei sich.

»Tja«, ertönte eine Frauenstimme hinter ihr.

Erschrocken drehte Kelly den Kopf und erblickte ihre Mutter, die an der Küchentür stand. Marlene Kellow war eine große, schlanke, kantige Frau. Ihre knochigen Arme ruhten an den Hüften, im Gesicht trug sie eine unlesbare Miene zur Schau. Der fast lippenlos wirkende Mund bildete eine schmale Linie, der Blick ihrer Augen wirkte scharf und zugleich leer. Der Ansturm der Gedanken ihrer Mutter erfolgte praktisch an der Oberfläche, so greifbar, dass Kelly vermeinte, sie aus der Luft pflücken zu können. Mutter und Tochter – und das träge Verstreichen so vieler Jahre.

»Mom«, sagte sie, und ihre Stimme stockte. Rasch stieß sie sich vom Tisch ab und stand auf.

»Kelly«, erwiderte ihre Mutter und machte eine Bewegung, als wolle sie auf sie zukommen, doch in letzter Sekunde überlegte sie es sich anders. Stattdessen ging sie um den Küchentisch herum und setzte flink ein verhaltenes Lächeln auf. »Du siehst gut aus, Liebes. Geht es dir auch gut?«

»Ja, Mom.«

»Es tut mir leid, dass ich nicht da war, als du gestern Abend eingetroffen bist.« Sie seufzte, beugte und streckte die Finger, rang mit den Händen. »Dein Vater und ich ... Weißt du, durch Becky und all das ...«

»Schon gut. Es ist schön, dich zu sehen.«

Ihre Mutter nickte. »Ja.« In der Stille, die folgte, musterten die beiden einander – nicht wie Mathematiker ein Lehrbuch mit Gleichungen sondern wie Kinder, die sich zum ersten Mal im Sandkasten begegnen.

Kleines Baby, süße Maus, dachte Kelly mit wirbelnden Gedanken. Lasst jemand das Baby raus.

»Wie geht es Dad?«

»Er beschäftigt sich«, antwortete ihre Mutter. »Steht früh auf, isst, unternimmt Spaziergänge auf dem Grundstück. Diese Sache mit deiner Schwester hat ihn schwer mitgenommen ...«

»Wie geht es ihr? Becky, meine ich.«

»Oh«, machte ihre Mutter. »Nun, die Ärzte kommen und gehen unablässig. Und dasselbe gilt für die Polizei. Es ist ein richtiges Irrenhaus. Diese Angelegenheit ist sehr belastend. Für alle.«

»Aber sie wird wieder gesund, oder?«

»Im Augenblick können wir nur darauf warten, dass sie aufwacht.«

»Wieso ist sie in keinem Krankenhaus?« Beinah hätte sie auch gefragt, weshalb die Tür zum Zimmer ihrer Schwester die halbe Zeit verriegelt war, doch sie beschloss, sich Zunder für künftige Feuer aufzusparen.

»Das war sie«, gab ihre Mutter zurück. »Aber wir haben darauf bestanden, sie nach Hause zu holen.«

»Warum?«

»Warum nicht? Es gibt nichts, was ein Krankenhaus tun kann, wofür wir nicht auch Ärzten gutes Geld bezahlen könnten, damit sie es hier tun, nicht wahr?« Sie senkte die Stimme. »Außerdem möchte ich nicht, dass unser armes Mädchen in einem weißen Krankenzimmer aufwacht, indem es nach Desinfektionsmittel stinkt.«

Damit hattest du kein Problem, als es um mich ging, dachte Kelly.

Ihre Mutter vollführte eine flüchtige Handbewegung. »Aber nein – mach dir keine Sorgen um deine Schwester, sie wird wieder gesund.«

»Warum habt ihr mich dann angerufen? Oder vielleicht sollte ich sagen, Mr Kildare damit beauftragt, mich anzurufen. Wer ist er überhaupt?«

Die Augen ihrer Mutter verengten sich kaum merklich. Anscheinend knauserte auch sie mit ihrem Zunder. »Willst du damit irgendetwas zum Ausdruck bringen?«

»Womit?« Doch Kelly wusste, was sie meinte.

»Warum wir nicht selbst angerufen haben. Oder dich vielleicht früher angerufen haben. Oder was immer du gemeint hast.«

»Ja und nein«, antwortete Kelly kalt. »Aber es war eine aufrichtige Frage. Warum haben du und Dad mich ersucht, nach Hause zu kommen?«

»Wegen der Polizei, Liebes«, erwiderte ihre Mutter. Und wie auf ein Stichwort hin ertönte durch den Gang zur Eingangshalle ein dreimaliges, kräftiges Klopfen.

Die Polizei war eingetroffen.

Zwei Beamte standen im Wohnzimmer. DeVonn Rotley harrte mit ausdruckslosen Zügen an der Tür aus. Die Beamten sahen wie eine komische Verkörperung eines Sherlock-Holmes-Romans aus – der eine klein, der andere groß; einer mit Schnurrbart, der andere glatt rasiert; der eine stämmig mit üppigem Bauch und kurzen Armen, der andere schlank mit Armen so lang, dass seine Fingerspitzen praktisch zu den Knien reichten, wenn er sie ausstreckte.

Kelly betrat den Raum, ihre Mutter ging ihr voraus. Marlene Kellow begrüßte die Beamten auf eine Weise, die Kelly vermuten ließ, dass es sich nicht um den ersten Besuch der beiden auf dem Anwesen handelte.

»Danke, Rotley«, sagte Marlene Kellow. Rotley nickte knapp, verschwand in den Flur und schloss hinter sich die Doppeltür.

»Kelly«, ergriff der große, glatt rasierte Beamte das Wort. Er nahm seinen zerknitterten Filzhut ab und legte ihn auf einen Beistelltisch aus Mahagoni. »Ich bin Detective Raintree. Das ist mein Partner, Detective Sturgess.«

Sturgess, der Stämmige mit dem Schnurrbart, nickte. »Ma’am.«

»Bitte nehmen Sie Platz«, forderte Raintree sie auf. Er sprach mit samtener Stimme. »Wir haben nur einige Fragen an Sie.«

Kelly setzte sich auf das Sofa. Raintree blieb stehen, aber sowohl Sturgess als auch Kellys Mutter ließen sich zu ihren beiden Seiten nieder.

»Ich bin etwas verwirrt«, gestand Kelly. »Hat das hier mit Becky zu tun? Damit, was ihr passiert ist?«

»Mit ihrem Tagebuch«, gab Raintree zurück. »Wussten Sie, dass Becky ein Tagebuch geführt hat?«

Kelly zuckte mit den Schultern. »Nein, aber es überrascht mich nicht. Immerhin ist sie ein junges Mädchen.«

»Die meisten jungen Mädchen führen Tagebücher«, pflichtete Raintree ihr bei. »Das ist nicht ungewöhnlich.« Er schob die Hände in die Hosentaschen. »Hatten Sie auch eines? Als junges Mädchen?«

»Schon möglich. Ich erinnere mich nicht.«

»Meine Tochter hat eines«, meldete sich Sturgess zu Wort.

»Wann haben Sie zuletzt mit Ihrer Schwester gesprochen, Miss Kellow?«

»Es heißt Rich«, berichtigte sie und bemerkte, wie ihre Mutter sie verdutzt anstarrte.

»Wie bitte?« Auch Raintree wirkte etwas verwirrt.

»Kelly Rich. Ich war verheiratet.«

»Oh«, machte Raintree und zog die Augenbrauen hoch.

Die Züge ihrer Mutter hingegen blieben unverändert – sie starrte nur weiter ihre Tochter an, bis Kelly sicher war, ihre Augäpfel würden jeden Moment aus den Höhlen rollen. »Verheiratet«, murmelte sie kalt und abwesend. »Na so was ...«

»Mrs Rich«, fuhr Raintree fort. »Können Sie sich erinnern, wann Sie zuletzt mit Becky gesprochen haben?«

»Ist das Ihr Ernst?«

»Wie bitte?«

»Wieso denken Sie, ich hätte mit Becky gesprochen?« Sie hustete ein trockenes Lachen hervor. »Ich bedauere es – wirklich, das tue ich –, aber ich habe nicht mehr mit meiner Schwester geredet, seit ich von zu Hause weggezogen bin. Und damals war sie noch ein Kind.«

Die beiden Beamten wechselten einen Blick. Ihre Mutter sah sie immer noch an; Kelly konnte ihr eindringliches Starren aus dem Augenwinkel erkennen. Ihr fiel auf, dass es nicht besonders zornig wirkte; es war eher ein Blick der Art, wie ihn ein Zirkusclown einem kleinen, geistig unterentwickelten Kind entlocken mochte – fragend und unsicher. Beinah dumm – ein Blick, aus dem nicht der geringste Ansatz von Begreifen hervorging.

»Vor Jahren?«, hakte Raintree nach.

»Genau.«

»Wir hatten den Eindruck ...«, setzte Sturgess an.

»Ja«, warf Raintree ein. »Den Eindruck ...«

»Lüg diese Männer nicht an, Kelly«, herrschte ihre Mutter sie an. »Mrs Rich ...«

»Warum sollte ich lügen?« Dann sagte sie zu Raintree: »Ich bin etwas verwirrt ...«

Raintree kicherte nervös wie jemand, der intensiv verhört wurde. »Tja, ich schätze, momentan sind wir alle etwas verwirrt. Lassen Sie mich Ihnen versichern, wir wollen in keiner Weise andeuten, dass Sie etwas damit zu tun haben, was Ihrer Schwester passiert ist, es gibt also wirklich keinen Grund, Informationen vorzuenthalten ...«

»Informationen vorzuenthalten?« Kelly stand auf. »Warum sollte ich etwas zu verbergen haben? Und warum sollte ich überhaupt annehmen, dass Sie hier sind, um mich zu verhören?«

»Das ist es nicht«, gab Sturgess zurück. Er streckte einen Arm in Kellys Richtung aus, berührte sie am rechten Handgelenk und gab ihr zu verstehen, sie möge sich wieder setzen.

»Kooperiere, Kelly«, forderte ihre Mutter sie auf.

»Kelly«, fuhr Raintree fort. »Ihre Schwester erwähnt in ihrem Tagebuch, dass sie praktisch regelmäßig mit Ihnen spricht. Seit mehreren Monaten. Allerdings hat Becky laut Mr Kildare nie von hier aus in Ihrer Wohnung angerufen. Das würden auch die Telefonaufzeichnungen belegen, und das tun sie nicht. Also muss sie entweder auf ihrer eigenen Leitung von Ihnen angerufen worden sein, oder die Kommunikation erfolgte vielleicht per Post, durch Briefe.«

»Ist das Ihr Ernst? Das steht in ihrem Tagebuch?«

Raintree schüttelte den Kopf. Es war eine beiläufige Geste, die ohne Nachdenken erfolgte: einmal nach links, einmal nach rechts, zurück in die Mitte. »Eigentlich nicht, nein.«

»Sie beschreibt nicht direkt, wer wen angerufen hat«, erklärte Sturgess. Er hatte die kleinen Hände auf dem Schoß gefaltet und presste sie gegen seinen beachtlichen Wanst.

»Aber sie erwähnt Sie mehrmals. Und, dass sie mit Ihnen gesprochen, über Dinge mit Ihnen diskutiert hat.«

»Also geht es nur um meinen Namen? Könnte es nicht jemand anders namens Kelly sein?«

»Hör auf damit«, sagte ihre Mutter in tadelndem Tonfall. »Du schämst dich für diesen Ort, für deinen Vater und für mich, aber fang nicht an, zum Nachteil deiner Schwester zu lügen.«

Kelly schleuderte ihrer Mutter einen giftigen Blick zu. »Du hast ja Nerven.«

»Du weißt, dass es stimmt. Und denk nicht, dass ich es nicht merke. Du hast deine Eigenheiten, das ist mir egal. Aber denk nicht eine Sekunde lang, dass ich deine Lügen in diesem ...«

»Ich lüge nicht«, beharrte Kelly. »Wieso um alles in der Welt sollte ich? Wenn ich mit Becky geredet hätte – und ich wünschte, ich wäre in Verbindung mit ihr geblieben –, dann würde ich es sagen. Es gibt keinen Grund für mich zu lügen. Das ist einfach lächerlich.«

»Es gibt mehrere Passagen, in denen Ihre Schwester nicht nur Ihren Namen erwähnt, Kelly, sondern Sie auch als ihre Schwester bezeichnet«, erklärte Raintree.

Leise, wie zu sich selbst, murmelte Marlene Kellow: »Becky hat keine Freunde. Weder hier noch in der Schule.«

»Das kann nicht sein. Ich habe nicht mehr mit ihr gesprochen, seit ich aus Spires weggezogen bin. Damals war sie noch ein Kind.«

»Sie wissen also nichts von irgendwelchen Jungs, an denen sie interessiert gewesen sein könnte?«, fragte Sturgess. »Sie hätten keine Ahnung davon, wenn sie beispielsweise in einen jungen Burschen aus der Ortschaft verliebt gewesen wäre?«

»Es gibt keine jungen Burschen in der Ortschaft«, warf Marlene Kellow ein. »Das war ein Fremder.«

»Nein«, antwortete Kelly.

»Oder wissen Sie vielleicht etwas von einem Jungen, der an ihr interessiert war?«, fügte Raintree hinzu.

»Nein«, wiederholte Kelly. »Ich belüge Sie nicht.«

»Selbstverständlich nicht«, gab Raintree zurück. Er zog die Hände aus den Hosentaschen und rieb sie aneinander. »Ich schätze, dann werden wir alle warten müssen, bis die junge Becky zu sich kommt, bevor wir dieses kleine Rätsel lösen können, nicht wahr?«

»Haben Sie schon irgendwelche Hinweise?«, fragte Kellys Mutter.

Raintree schüttelte den Kopf. »Noch nicht«, erwiderte er. »Aber wir haben mehrere Männer darauf angesetzt, Mrs Kellow.«

»Im Vertrauen gesagt«, meldete sich Sturgess zu Wort, »sind in diesen Wäldern vor etwa einem Monat drei Jäger verschwunden. Wir haben zwar keinen Grund zu der Annahme, dass diese Vermisstenfälle in irgendeinem Zusammenhang zu dem Angriff auf Ihre Tochter stehen, aber es kann nicht schaden, sich davon zu überzeugen. Wir gehen der Sache nach.«

»Kann nicht schaden«, pflichtete Raintree ihm bei.« »Allerdings glauben wir wirklich nicht ...«

»Nein, tun wir nicht«, bestätigte Sturgess.

»Drei Jäger«, murmelte Marlene Kellow bei sich.

Sturgess stand auf und klatschte in die Hände. »Und, geht es ihr gut?«, wollte er von Kellys Mutter wissen. »Das arme Ding ...«

»Die Ärzte überwachen ihren Zustand«, erklärte Marlene Kellow. »Sie vermuten, dass sie das Bewusstsein bald zurückerlangen sollte.«

»Tja, das sind gute Neuigkeiten«, befand Sturgess.

»In der Tat«, stimmte Raintree ihm zu und ergriff seinen Filzhut vom Beistelltisch. Er sah Kelly an. »Ich hatte gehofft, unser Gespräch würde sich als nützlich erweisen.« Er zog eine Karte hervor und reichte sie ihr. »Vielleicht rufen Sie mich an, falls ... nun, falls Ihnen noch etwas einfällt. Ich habe mein Handy rund um die Uhr dabei. Also ... tja, wie auch immer.«

»Oder wenn Sie einfach reden möchten«, ergänzte Sturgess.

»Genau«, sagte Raintree. »Oder einfach zum Reden.«

Wortlos ergriff Kelly die Karte. Neben ihr erhob sich ihre Mutter steif von der Couch, strich ihre Bluse glatt und faltete zwischen den Brüsten die Hände. Marlene Kellow starrte sie noch immer an – Kelly konnte ihren Blick im Hinterkopf und seitlich am Gesicht spüren, wenn sie den Kopf drehte. War es möglich, dass ihre Mutter ebenso verbittert wie sie selbst darüber war, dass sie Kelly im Alter von fünfzehn in eine Anstalt gesteckt hatte? Oder war es Verbitterung über die Jahre seither – Jahre, die in Stille, ohne Kommunikation verstrichen waren? Und falls sie verbittert war, hatte sie überhaupt das Recht dazu?

Mir egal, dachte Kelly. Verbittert oder nicht, das ändert weder die Vergangenheit noch sonst etwas.

»Danke, dass Sie gekommen sind«, sagte ihre Mutter zu den Ermittlern. »Mir tut nur leid, dass ...«

»Nein«, fiel Raintree ihr ins Wort und schwenkte die Hand. Dann lächelte er Kelly an. »Wirklich, das macht nichts.«

»Ein Versuch schadet nie«, meinte Sturgess.

Das Lächeln seines Partners wurde breiter. »Richtig«, pflichtete er ihm bei. »So ist es.«

»Entschuldigen Sie«, sagte Kelly, als sich die beiden zum Gehen wandten. »Darf ich einen Blick in Beckys Tagebuch werfen?«

»Das liegt ganz bei Ihrer Mutter«, erwiderte Sturgess.

»Haben Sie das Tagebuch noch, Mrs Kellow?«, erkundigte sich Raintree.

»Ja«, antwortete Marlene Kellow und warf ihrer Tochter einen Seitenblick zu. »Allerdings bin ich nicht sicher, ob mir die Vorstellung gefällt, dass es weiterhin von Fremden durchgeblättert wird.«

Von Fremden, dachte Kelly. So sehr es mich schmerzt, es zuzugeben, da kann ich ihr nicht widersprechen. Nach all den Jahren bin ich wirklich eine Fremde – für Becky, für meine Eltern, für dieses Haus, für ganz Spires. Eine unerwünschte Fremde.

»Nun, das ist Ihre Entscheidung«, meinte Raintree. Er lächelte sowohl Kelly als auch ihre Mutter an. »Meine Damen«, sagte er.

»Meine Damen«, echote Sturgess.

Fünf Minuten später war Beckys Zimmertür aufgesperrt, und Kelly trat ein. Es war düster und stank nach ungewaschenen Laken. Dennoch war seit vergangener Nacht jemand hier gewesen, um aufzuräumen: Die Laken sahen frisch gebügelt aus, und die sonderbare Ansammlung kaputter Plastikgabeln lag nicht mehr über den Boden verstreut. Außerdem hatte wieder jemand das Fenster neben Beckys Bett geöffnet, sodass die Vorhänge über das Fußende wehten. Falls es Glenda gewesen war, merkte sich Kelly in Gedanken vor, der Haushälterin gegenüber zu erwähnen, dass es wahrscheinlich keine gute Idee sei, zumal sich Becky erkälten konnte.

Unter den Laken lag an derselben Position wie in der vergangenen Nacht ihre kleine Schwester in traumlosem Schlaf. Kelly schlich ans Fußende des Bettes und wischte die Vorhänge beiseite.

Was hältst du wirklich von mir, Becky? Was denkst du von deiner älteren Schwester, die du nie richtig kennengelernt hast, weil sie verängstigt und beschämt war und abgehauen ist, als du noch sehr jung warst? Und die dich auch noch vergessen hat – das wollen wir nicht unter den Teppich kehren, Becky, mein Schatz. Deine große Schwester – ich, die ich jetzt hier stehe – ist gegangen und hat nie zurückgeblickt. Hat keinen Sinn, es schönzureden. Alle Karten auf den Tisch. Was denkst du von mir, Becky? Auch wenn du jetzt schläfst, was denkst du von deiner jämmerlichen großen Schwester?

Einen Moment lang vermeinte sie, das Mädchen habe sich unter der Decke bewegt. Kelly beobachtete ihre Schwester wie eine Schülerin, folgte dem Verlauf der Infusionsleitung von ihrem Arm zu dem Flüssigkeitsbeutel, der an einem Gestell neben dem Bett hing. Bei Tageslicht war einfach zu erkennen, was der Angreifer ihr angetan hatte. Beckys Antlitz glich einem gesprenkelten Flickenteppich unterschiedlicher Farbtöne, wies die Beschaffenheit von schrumpligem Obst auf und strotzte vor geplatzten Äderchen. Die linke Seite ihres Mundes war aufgedunsen und wies eine vertikale Platzwunde auf; ein moosartiges Gewächs von Schorfen wucherte an ihrer Unterlippe und am Kinn. Die Lide wirkten blau und dünn wie Papier.

Was denkst du von mir, Becky?

»Gott«, murmelte sie. »Kleines Baby, süße Maus.«

Sie ging zum Fenster, um es zu schließen, und sah, dass unten jemand stand, halb vom Waldrand verborgen. Sofort verschwand die Gestalt, zu schnell, um Einzelheiten zu erkennen. Aber irgendjemand war dort gewesen.

Draußen war es kalt. Kaum trat Kelly aus dem Haus, fiel die frostige Luft über sie her, rammte in sie wie ein rasendes Auto in eine Ziegelsteinmauer. Wenn es so weiterging, würde der Winter brutal werden, noch schlimmer als in der Stadt. Hier oben kam ein solcher Winter praktisch einer Todesstrafe gleich – Familien wurden quasi eingekerkert, unter Umständen mehrere Monate lang, während sich draußen der Schnee auftürmte, manchmal einen Meter hoch oder gar anderthalb. Und nicht nur gegen die Türen, Fenster und Wände, sondern auch auf dem Dach, auf Oberlichtern, Kaminen, Türmen und Veranden. Ein Knacken in der Nacht konnte bedeuten, dass ein Abschnitt des Dachs den Kampf aufgegeben hatte. Dachflächenfenster splitterten und bekamen Sprünge, was ein Problem darstellte, insbesondere, wenn es letztlich wärmer wurde und der Schnee zu schmelzen begann. Der Schneeregen und Hagel, die über dem Flughafen niedergegangen waren, waren gar nichts gewesen; Spires kannte die Macht des Winters und wusste, dass sie etwas war, das es zu respektieren und fürchten galt. Und dieses Jahr würde es ein furchteinflößender Winter werden, davon war Kelly überzeugt.

Sie ging seitlich um das Haus herum. Ihr Atem wallte in Wölkchen vor ihr her. Im Osten war der Wald am dichtesten. Als sie zu dieser Seite des Hauses schlich, blickte sie mit einem ähnlichen Gefühl des Respekts und der Furcht, das sie jedem Winter entgegenbrachte, in das weitläufige Waldland hinab.

»Dad?«

War er aufgebrochen, um seinen morgendlichen Spaziergang über das Grundstück zu unternehmen, wie es ihre Mutter erwähnt hatte? Beim Gedanken an ihren Vater wurde sie von einer Salve mottenzerfressener Erinnerungen an den Mann bestürmt, allesamt rissig, nicht vollständig, wie Brotscheiben statt eines ganzen Laibs. Er war ein großer, ein starker und – sonderbarerweise – ein bemitleidenswerter Mann. Kelly hatte lange gebraucht, um das zu begreifen, dabei war es von Anfang an so klar gewesen.

Niemand will glauben, dass sein Vater schwach ist, dass er Gefühle hat, weinen kann und Schmerz empfindet, dachte sie. Es ist sicherer, so zu tun, als wären Väter unbesiegbare Roboter, die keinen Schmerz kennen.

Auf dem Weg zur Ostseite des Hauses achtete sie darauf, wohin sie die Schritte setzte. Das Gelände ging in einen steilen Hang über, wo es kein Gras und keine Blumenbeete mehr gab. Stattdessen tauchten wie aus dem Nichts schartige Schieferfelsen und blattlose, armleuchterartige Büsche auf. Ein unachtsamer Schritt, und sie konnte sich den Knöchel brechen – und wäre das nicht entsetzlich gewesen?

Wieder sah sie, wie sich jemand hinter dem Vorhang der ersten Bäume im Wald bewegte.

»Hallo!«, rief sie, mittlerweile nicht mehr so sicher, dass es sich bei der Person um ihren Vater handelte.

Vorsichtig trat sie den Weg über den Felshang hinab an, indem sie sich an den kahlen Ästen kleiner Bäume und an Büschen festhielt. Bei jedem Schritt lösten sich Steine, die über die Böschung hinabrollten und im Wald verschwanden. Weiter unten sprossen in verstreuten Flecken einige Wildblumen, und Kelly dachte: Das ist seltsam. Ich hätte gemeint, es sei zu kalt, als dass noch Blumen blühen könnten.

Sie betrat den Wald, und irgendwie wurde es wärmer, als schlösse er die Arme um sie und sperre die Kälte aus. Reglos verharrte sie zwischen den Bäumen und spähte in die Dunkelheit vor ihr. So dicht. Sogar mitten am Vormittag war es, als stünde die tiefste Nacht unmittelbar bevor. Sie ging einige Schritte hinein, nicht mehr so sehr daran interessiert, ihren Vater zu finden – oder wer auch immer die Person gewesen sein mochte –, sondern um die Wärme zu genießen, die der Ort ihr bot. Der Wald wirkte wie ein lebendiges Wesen, das rings um sie atmete mit einem Teppich orangefarbener Kiefernnadeln unter ihren Füßen. In der Ferne die Geräusche von Vögeln, die noch nicht in den Süden gezogen waren. Hoch über ihr hopsten Eichhörnchen von Ast zu Ast.

Lass dich nicht täuschen. Hier gibt es keinen Frieden, keine Ruhe, dachte sie aus einem unerfindlichen Grund, den sie nicht verstand.

Zu ihrer Rechten bewegte sich etwas, und sie drehte sich in die Richtung.

Ein Hund. Ein großer weiß-grauer Hund, der deutlich hinkend vor sich hin trottete. Oder ein Wolf. Es konnte auch ein Wolf sein.

Sie spürte, wie sich ihr die Kehle zuschnürte und ihre Lungen versagten. Der überwältigende Drang zu urinieren überkam sie, und die Schmerzen ließen sie beinah die Besinnung verlieren. Sie krümmte sich und fiel gegen den harzigen Stamm eines Baums. Immer noch konnte sie den Blick nicht von dem Hund abwenden, der auch ein Wolf sein konnte ...

Das Tier humpelte weiter durch den Wald, bahnte sich langsam einen Weg tiefer in die Schwärze zwischen den Bäumen. Es bewegte sich mit gesenktem Kopf und heraushängender Zunge. Die pyramidenförmigen Schultern wanderten in einer mechanisch anmuteten Abfolge auf und ab. Es litt offensichtlich Qualen und vermied es, die rechte Vorderpfote zu belasten.

»Gott«, stieß Kelly stöhnend hervor und presste die Hände in den Schritt, doch es half nichts – der Damm war im Begriff zu bersten. »Gott, Gott, Gott ...«

Die Schmerzen wurden schlimmer, erblühten wie eine Blume, dann explodierten sie wie ein zerplatzender Ballon. Bevor ihr klar wurde, was geschah, spürte sie eine nasse Wärme im Schritt, die sich ihre Beine hinab und über ihren Hintern ausbreitete. Die Flut schien nicht enden zu wollen. Angewidert und beschämt brach sie auf dem Kiefernnadelteppich auf Hände und Knie zusammen. Schließlich gelang es ihr, Luft zu schnappen. Ihre Lungen öffneten sich, der imaginäre Strick um ihre Kehle fiel ab.

O großer Gott ...

Sie hatte wie ein Kleinkind in die Hose gemacht. Und obwohl es niemand mitbekommen hatte, verspürte sie ein überwältigendes Gefühl der Scham.

Dann hallte ein gequältes Heulen durch die Luft, und sie schaute auf. Der Hund war kaum noch zu erkennen, da er sich tief in den Wald vorgearbeitet hatte, doch sie konnte noch seine Umrisse ausmachen.

»Großer Gott«, stieß sie leise hervor und kämpfte gegen Tränen an.

Nachdem sie die Fassung wiedererlangt hatte, kletterte sie die steile Böschung hinauf aus dem Wald auf das Haus zu. Sie war nervös und zitterte wie ein Kind, das soeben einen Horrorstreifen gesehen hatte. Zweimal verlor sie beinah das Gleichgewicht, wäre um ein Haar den Hang zurück hinuntergekullert.

Mit einigen Schwierigkeiten erreichte sie die Kuppe. Ihr Herz leistete Schwerarbeit, und sie war völlig außer Atem, als sie aufstand und noch einmal in den Wald hinabblickte. Verwirrende Gefühle durchströmten ihren Körper – die Verlegenheit, sich angepinkelt zu haben, gepaart mit dem Anblick des humpelnden Hundes. Und wenngleich sie das Urinieren zutiefst beunruhigte, verstörte sie etwas an dem Hund noch mehr.

Weil dieser Hund nicht real war. Keine Ahnung, woher ich das weiß, aber es ist so. Dieser Hund war nicht real, und doch habe ich ihn vorbeihumpeln gesehen. Ich habe gehört, wie er vor Schmerz heulte, als er im Wald verschwand. Ich habe ihn gesehen und gehört – obwohl er nicht wirklich da war.

Oder lag es bloß daran, dass sie den Verstand verlor? Die Sache mit dem Urinieren war nicht neu – das widerfuhr ihr seit einiger Zeit immer wieder –, ebenso wenig ihre ständige Anspannung.

Es ist, als stünde ich am Rand der Welt und sähe dabei zu, wie alles endet, dachte sie. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es auch für mich endet.

Sie lehnte sich gegen das Haus, um zu verschnaufen. Über dem bewaldeten Tal präsentierte sich der Himmel im Grau von Pistolenmetall und wirkte sturmschwanger. Immer noch keuchend stieß sich Kelly vom Haus ab und blickte zu Beckys Zimmerfenster empor.

Was, zur Hölle, ist hier los?

Das Fenster stand offen.

KAPITEL 9

Es war früher Abend und der Bus gerammelt voll. Carlos Mendes saß mit verschwommenem Blick da. Seine Hände kneteten langsam die ungelesene Zeitung auf seinem Schoß. Es regnete, und der Bus rollte durch die verstopften Straßen. Mendes lauschte den Tropfen, die friedlich gegen das Fenster neben ihm prasselten. Die kleine Hindu-Frau neben ihm brüllte ihren kleinen Jungen an, der eine Tüte Skittles auf den Boden verschüttete und zu weinen anfing.

Denk an etwas anderes, mahnte er sich. Und er tat es: Er dachte daran, rechtzeitig zum Abendessen mit Marie und seiner Mutter nach Hause zu kommen. Er stellte sich die Küchengerüche nach kurz angebratenem Fleisch und Zwiebeln, überbackenen Kartoffeln und jenen Tomatenscheiben im Käsemantel vor, die Marie manchmal kochte. Etwas Wein würde er zum Essen trinken, einen dunklen aus dem Russian River Valley und sich vielleicht ein, zwei Zigarren auf der Veranda gönnen. Er war ziemlich sicher, noch eine ungeöffnete Schachtel Macanudo-Zigarren in einem alten Margarinebehälter hinten im Kühlschrank versteckt zu haben. Und anschließend würde er schlafen; nicht nachdenken, sondern nur schlafen. Er würde die Arme um Maries Körper schlingen und sie an sich ziehen, wie er es so gerne mochte. Du bist wie ein kleines Kind, würde Marie sagen – wie immer, wenn er sich an sie schmiegte –, aber sie würde leise dabei lachen, denn sie mochte es ebenfalls.

Der Gedanke an Marie brachte ihn selbst nach einem derart anstrengenden Tag zum Lächeln. Selbst nach dem, was die alte Frau in Zimmer 218 über Julian gesagt hatte, ihr ungeborenes Baby ...

Siehst du? Schon wieder – du denkst an verrückte Dinge. Du bist wie ein abergläubisches altes Waschweib!

Aber sie hatte den Namen des Babys gekannt ...

Nein!

Er wandte sich von dem kleinen Jungen ab, der sich auf dem Schoß seiner Mutter vorbeugte und die rollende Flut der von ihm verschütteten Süßigkeiten zu berühren, und schaute wieder aus dem Fenster. Ja, dachte er. Das Abendessen wird nett werden. Sehr nett.

Und das wurde es. Zwar gab es kein Fleisch, keine Kartoffeln und keine Tomatenscheiben im Käsemantel, sondern gegrillten Lachs in Butter mit Zitrone und Knoblauch, dafür wurde Wein getrunken, und hinten im Kühlschrank befand sich tatsächlich eine Schachtel mit Zigarren.

Marie summte vor sich hin, während sie den Tisch deckte. Während des Essens zeigte sie sich guter Laune, und sie griff die Melodie erneut auf, als es an der Zeit war, die schmutzigen Teller abzuräumen.

»Du siehst müde aus«, meinte Mendes’ Mutter zu ihm. Sie hinkte mit ihrem schlimmen Bein zu ihm, als er in der Ramschlade nach einem Streichholzheft suchte. »Ich mache mir Sorgen um dich.«

»Nicht nötig, Mamá.«

»Ah«, schalt sie ihn. »Trabajas demasiado

»Ich arbeite, wenn ich gebraucht werde. Ich suche mir die Arbeitszeiten nicht aus, Mamá, das weißt du.«

»Trotzdem siehst du sehr müde aus.«

»Du wolltest, dass ich Arzt werde, schon vergessen?«

»Ich wollte, dass du Schönheitschirurg wirst«, berichtigte sie ihn. Dann lächelte sie matt und berührte die lose Haut an ihrem Kinn. »Dann könntest du das hier beheben. Jetzt sehe ich wie ein großer, grauhaariger Truthahn aus.«

»Du siehst nicht wie ein Truthahn aus, Mamá.« Er fand die Streichhölzer, hielt Ausschau nach Marie, die in der kleinen Wäschekammer abseits des Hauptgangs verschwunden war, und steckte das Streichholzheft in die Tasche.

»Und du rauchst«, fuhr seine Mutter fort. »Das sind nicht die Dinge, die ich dir beigebracht habe, oder?«

»Irgendwann sterben wir alle«, gab Mendes zurück.

»Marie hat gesagt, du hättest aufgehört.«

»Das habe ich. Früher. Und außerdem rauche ich ja keine Zigaretten.«

»Oh, dann ist es ja gut.« Sarkasmus. »Vielleicht fängst du nächste Woche mit Heroin, Marihuana und Kokain an.«

»Mamá.« Man konnte einfach nicht vernünftig mit der Frau reden. So entschied er stattdessen, das Thema zu wechseln. »Wie geht es deinem Bein?«

Sie schwenkte die Hand in seine Richtung und trottete zur Küchenspüle. »Llaga«, antwortete sie, drehte den Wasserhahn auf und griff nach einem Geschirrtuch.

Auf der Veranda war es kalt, aber ruhig. Mendes zündete sich eine Macanudo an, inhalierte und blies den Rauch über das Geländer. Er wohnte in einem renovierten Long-Island-Sandsteinbau nur fünf Blocks von dem Viertel entfernt, in dem er aufgewachsen war. Fünf Blocks – trotzdem zwei verschiedene Welten. Nicht, dass sie in Saus und Braus lebten, doch er kam mit seiner Familie gut über die Runden, und das war alles, was zählte. Als Kind musste er manchmal zu Smitty’s gehen und sich eine Rolle Klebeband kaufen, um seine Turnschuhe zu flicken. Gummisohlen besaßen eine begrenzte Lebensdauer. Er und seine drei Brüder wurden gut darin, Mittel und Wege zu finden, damit Gegenstände – insbesondere Kleidung – über die normale Lebenserwartung hinaus hielten. Aber das war vorbei.

Die hintere Veranda seines Hauses wies zur Rückseite eines dreigeschossigen Wohnkomplexes. Zwischen den beiden Gebäuden befand sich ein geschlossener Hof, der halb aus ungejätetem Unkraut, halb aus Asphalt bestand. Jemand – vermutlich ein Junge aus dem Viertel oder sogar aus dem Wohntrakt – hatte die Worte Denis tut es täglich in greller orangefarbener Schrift auf den Boden geschrieben.

Du weißt so gut wie jeder, dass ein Schlaganfall Demenz verursachen kann; dass jemand, der eine chemische oder physische Unausgewogenheit erlitten hat, die das Gehirn betrifft, nun mal dazu neigt, Dinge zu sagen und zu tun, die sonderbar erscheinen oder regelrecht furchteinflößend sind.

Ja, das stimmte. Allerdings bewirkte ein Schlaganfall in der Regel nicht, dass die Opfer übersinnliche Fähigkeiten erwarben und in die Zukunft sehen konnten, richtig? Oder dass sie geheimes Wissen über andere Menschen erlangten ...

Es gibt eine Erklärung dafür. Sie muss gehört haben, wie ...

Doch das war Blödsinn, diente bloß zur Selbstbeschwichtigung. Wie um alles in der Welt sollte die alte, verkrüppelte Frau auch nur irgendetwas über seinen ungeborenen Sohn erfahren haben?

Kind, berichtigte er sich in Gedanken. Kein ungeborener Sohn, ein ungeborenes Kind. Wir wissen das Geschlecht des Babys noch nicht, und bis es soweit ist, bleibt es einfach ein Kind. Als könnte dieser Umstand irgendwie Nellie Worthridges Vorhersage entgegenwirken. Was, wenn es ein Mädchen wird? Wenn es ein Mädchen wird, erhält es nicht den Namen Julian, und das Gefasel der alten Frau wird bedeutungslos. Völlig bedeutungslos. Oder was, wenn es zwar ein Junge wird, wir ihn aber anders nennen? Wäre ihre Aussage nicht auch dann falsch? Pfeif auf Tradition und Maries Vater – wir könnten ihn Billy, Jimmy, Bobby oder ähnlich unoriginell nennen. Dann wären wir zumindest sicher.

Er konnte es sich nicht verkneifen, ein Kichern hervorzustoßen – das war alles wirklich zu viel, oder? Übersinnliche Greisinnen ohne Beine und ungeborene Babys, über die bereits die Todesstrafe verhängt worden war! Das klang wie etwas aus einem zweitklassigen Horrorstreifen.

Die Schiebetür zur Veranda öffnete sich, und Carlos warf die glimmende Zigarre instinktiv über das Geländer. Marie kam mit einem zerknitterten Umhängetuch über den Schultern heraus. Sie wirkte müde, hatte dunkle Ringe unter den Augen. Trotzdem war sie wunderschön. Das ist sie schon immer gewesen, dachte Carlos.

»Kalt hier draußen«, meinte sie. »Magst du das, Carlito?«

Er schloss die Augen und schauderte beim Klang seines Namens. »Ja«, antwortete er und überspielte sein Unbehagen.

»Du warst so still beim Essen.« Sie trat hinter ihn und begann, seine Schultern zu kneten. »War es ein harter Tag? Bei der Arbeit?«

»Nein«, log er und sah vor sich Nellie Worthridges verzerrtes, greises Gesicht, das ihm mitteilte, das es seinem Sohn vorherbestimmt sei, tot geboren zu werden. Diesem Cavey hatte er zuvor so einfach, so schlicht davon erzählt ... doch da war wesentlich mehr, viel mehr als die Schlichtheit von Worten.

Worte sind unfair und dumm, ging es ihm durch den Kopf. Unter der Kontrolle von Worten wird alles Reale korrumpiert, irgendwie billig gemacht. Ich glaube nicht, dass es einen Menschen gibt, der in Worte fassen könnte, was für ein Gefühl diese alte Frau heute in mir ausgelöst hat.

»Willst du über irgendetwas reden?«, fragte Marie und drückte die Lippen an sein Ohr.

Er lächelte, schüttelte aber den Kopf. »Wie fühlst du dich?«, erkundigte er sich.

»Müde, aber gut. Es ist schön, hin und wieder gemeinsam zu Abend zu essen. Manchmal denke ich, du hast eine Affäre mit diesem verfluchten Krankenhaus. Hat es größere Titten als ich?«

Er lachte. »Viel größere.«

Kichernd stieß sie ihn leicht in die Rippen. »Das will ich sehen, Herr Doktor. Also gibt es wahrscheinlich irgendein wunderschönes Supermodel von Krankenschwester, mit der du zusammenarbeitest, richtig?«

»Genau«, erwiderte er. »Nach einem langen, öden Tag mit Fotoshootings für ein Hochglanzmodemagazin entspannt sich Schwester Bambi gern bei einer Zehn-Stunden-Schicht im Krankenhaus.«

»Klugscheißer. Du reißt ständig Witze. Für dich ist alles ein einziger großer Witz.« Sie lächelte immer noch; er hörte es in ihrer Stimme und brauchte ihr nicht ins Gesicht zu sehen.

Nicht alles ist ein Witz, dachte er. Tot geborene Säuglinge sind kein Witz. Alte, verkrüppelte Frauen mit übersinnlichen Fähigkeiten – auch daran ist nichts witzig.

»Mir ist zu kalt«, sagte seine Frau und löste sich von ihm. »Kommst du bald ins Bett?«

»Bald«, versprach er, als sie ihn mit seinen Gedanken allein auf der Veranda ließ.

Mendes hatte eine verschrumpelte alte Tante, die etwas nördlich der New Jersey Pine Barrens lebte. Als er noch ein Kind war, ließ seine Mutter ihn und seine drei Brüder zweimal im Jahr auf Besuch zu ihr fahren – einmal im Sommer und einmal im Winter. Tante Teresa – die von den Brüdern Tante Tet genannt wurde – war eine nur aus Haut und Knochen bestehende Frau mit großen braunen Augen und Fingern so lang und dürr wie Pfeifenreiniger. Sie roch immer nach Ammoniak und Mottenkugeln. Ihr kleines Cottage – sein ältester Bruder Michael hatte den anderen einmal erklärt, dass man Häuser, die in der Nähe von Wäldern gebaut wurden, als ›Cottage‹ bezeichnete – glich allzeit einer Sauna, ganz gleich, wie spät im Winter sie eintrafen. Oft versuchte Tante Tet, den Jungen Angst einzujagen – oder sie für sich einzunehmen, indem sie ihnen Angst einjagte; Jungs können bisweilen sonderbar sein –, indem sie Geschichten vom Jersey Devil erzählte, jenem behuften Schlangenkind, das durch das bewaldete Gebiet der Pine Barrens streifte. Laut Tante Tet gebar damals in den alten Zeiten – wobei, wie Michael erklärte, alles, was länger als ein Jahr zurücklag, unter die ›alten Zeiten‹ fiel – eine Frau namens Leeds eine unvorstellbar abscheuliche Kreatur. Das Wesen besaß den Kopf eines Pferdes, den Körper eines Huhns und den gegabelten Schwanz des Teufels. Bei der Geburt wurde die arme Leeds systematisch von ihrer deformierten Brut getötet und teilweise gefressen. Danach breitete die Kreatur fledermausartige Flügel aus und flog durch den Schornstein hinaus in die benachbarten Pine Barrens. Tante Tets Lieblingsteil war das große Finale: Es heißt, dass der Jersey Devil diese Wälder bis zum heutigen Tage heimsucht und nachts Hühner, Schweine, Hunde und Katzen stiehlt. Und manchmal, fügte sie mit zuckersüßer Stimme unheilvoll hinzu, auch Kinder.

Das Bild dieser entstellten Märchenkreatur war es, was ihn nun mitten in der Nacht weckte. Er fürchtete, dass er im Schlaf ein Geräusch von sich gegeben und Marie geweckt hatte, deshalb setzte er sich auf und blickte zu ihr hinüber. Seine Frau lag friedlich träumend auf der Seite, das dunkle Haar unter das Kinn gekräuselt. Der Daumen der linken Hand steckte zwischen ihren Lippen – eine Kindheitsgewohnheit, die abzulegen ihr nie gelungen war.

Manchmal stielt er auch Kinder, dachte Mendes und kletterte aus dem Bett.

Unten herrschte Dunkelheit. Er lauschte und hörte irgendwo in der Ferne eine Eule rufen, was er für diese Jahreszeit und erst recht so nah bei der Stadt als seltsam empfand.

Und jetzt?, schalt ihn sein Verstand. Willst du bei jeder Kleinigkeit verängstigt zusammenzucken? Es ist nur eine Eule, um Himmels willen.

Und Nellie Worthridge war nur eine alte Frau.

Seine Arzttasche stand mit der ungelesenen Zeitung darüber auf der Arbeitsfläche in der Küche. Mendes schaltete das Licht ein, kniff ein Auge zu, ging zur Tasche, öffnete den Reißverschluss und spähte hinein. Nach kurzem Zögern holte er ein kleines Aufnahmegerät daraus hervor. Eine Weile starrte er es an. Aus unerfindlichem Grund musste er daran denken, dass seine Mutter ihm gesagt hatte, er arbeite zu viel und solle nicht rauchen, weil ihn das Rauchen umbringen würde. Irgendwann sterben wir alle, lautete seine klassische Erwiderung darauf. Irgendwann sterben wir alle. Und spielt es wirklich eine Rolle, wann das ist?

Er spulte zuerst zurück und drückte dann die Wiedergabetaste. Ein statisches Knistern drang aus dem Lautsprecher ... gefolgt von der angestrengten, undeutlichen Stimme der alten Frau. Mendes stellte sie sich vor, während er lauschte.

»Kellow ... Kellow ... Kellow ...«

Seine eigene Stimme auf dem Band. »Miss Worthridge? Können Sie mich hören?«

Die alte Frau: »Kellow ...«

»Miss Worthridge?« Ein Rascheln von Papier. »Nellie?«

Auf dem Band wiederholte die Greisin den Namen noch mehrere Minuten lang. Und obwohl es unablässig dasselbe war, spulte Mendes die Kassette nicht vor. Schließlich folgte ein ersticktes Husten, dann etwas anderes – etwas, das sich sonderbarerweise anhörte, als furze jemand; danach ertönte wieder die Stimme der alten Frau, nur viel kräftiger, und sie sagte mehr, als er sich überwunden hatte, Joshua Cavey zu erzählen: »Julian wird tot geboren! Dein Sohn wird tot geboren, Carlito! Dein Sohn wird tot geboren!« Ein Geräusch, das an raschelnde Laken erinnerte ... und die Frau rief mit einer höheren, fast kindlichen Stimme: »Wir hätten den verfluchten Hund beinah getötet!«

Hinter ihm erklangen Schritte, und er schaltete das Gerät aus.

»Was machst du?« Es war Marie. Sie stand mit zusammengekniffenen Augen im grellen Küchenlicht, eingewickelt in einen Frotteemorgenmantel. »Carlos?«

Zitternd schüttelte er den Kopf. Wie durch ein Wunder gelang es ihm, das Aufnahmegerät zurück in die Tasche zu stecken, ohne es sich auf den Fuß fallen zu lassen.

Sie eilte zu ihm. »Schatz, was ist denn? Was hast du? Geht es dir nicht gut?«

»Ich ...« Er räusperte sich. »Alles in Ordnung.«

»Kannst du nicht schlafen? Soll ich dir irgendetwas machen?«

»Nein, nein.«

»Was ist denn?«

»Ich brauche nur ...«

»Was?«

»Ich habe schlecht geträumt«, sagte er schließlich.

»Ein Albtraum?« Mendes konnte ihre Erleichterung regelrecht in der Luft schmecken. »Ein Albtraum hat dich geweckt?«

»Jetzt geht es mir wieder gut.«

»Worum ging es?«

»Um das Baby.« Die Worte hatten seinen Mund verlassen, bevor ihm etwas anderes eingefallen war.

»Du hattest einen Albtraum über das Baby? Worum ging es genau?«

»Um gar nichts«, erwiderte er und zwang sich zu einem Grinsen. Mit einem Schlag fühlte er sich sehr alt. »Es war albern. Einfach albern.«

»Wirklich?«

»Ja.« Er überlegte. »Aber vielleicht würde ich mich besser fühlen, wenn wir irgendwann nächste Woche einen Termin mit Dr. Chalmers vereinbaren.«

»Ich habe nächsten Monat eine Kontrolle ...«

»Ich weiß«, unterbrach er sie. »Aber es würde mich beruhigen. Ist das in Ordnung?«

Sie lächelte matt, schlang einen Arm um seinen Hals und küsste sein zerzaustes Haar. »Ist es«, antwortete sie. »Ich rufe ihn morgen an.«

»Gut«, meinte er.

»Gut«, wiederholte sie. »Kommst du jetzt ins Bett, mein Carlito?«

Er lächelte sie an und versuchte, das Übelkeit erregende Bild von Tante Tets Teufelskind aus seinem Kopf zu verbannen.

Sie gingen ins Bett.