Erste Begegnung

Stundenlang setzten sie den Weg in den Wald der Elben fort. Alek musste seinen Verstand beschäftigen, da er sich dabei ertappte, andernfalls die Schritte zu verlangsamen und gedankenverloren die Erhabenheit der Bäume rings um ihn zu bestaunen. Sie berührten sein Herz, und er wünschte sich nichts inniger, als den Rest seiner Tage damit zu verbringen, unter ihren üppigen, prächtigen Blättern zu tanzen. Dann jedoch dachte er an sein Leben in Bartambuckel und daran, wie sehr er sich danach sehnte, dort als Bäcker zu arbeiten. So gelang es ihm, den Blick von den Bäumen zu lösen. Eine weitere Möglichkeit bestand darin, Sarah anzusehen oder das Gefühl ihrer Hand in der seinen auf sich wirken zu lassen. So betörend der Wald sein mochte, Sarahs Lächeln hatte er nichts entgegenzusetzen.

Zwielicht hielt Einzug, doch durch das Schwinden der Sonne verdunkelte sich der Wald kaum, da er einen sonderbaren, unsichtbaren Silberschein besaß. Die Bäume schienen einerseits ein eigenes Licht abzustrahlen, rein und sanft, zugleich jedoch bereits vorhandenes Licht zurückzuwerfen. Aber wenn dem so war, wo befand sich die Quelle? Es musste sich wohl um Magie handeln.

Plötzlich fiel von einem Baum eine Gestalt herab und landete nahezu geräuschlos vor ihnen. Alek verharrte jäh und riss die Augen weit auf. Vor ihnen stand ein Mann, groß und schlank, mit langem, blondem Haar und fein geschnittenen Zügen. Seine Ohren waren etwas spitz, seine Wangenknochen ausgeprägt. Das Gesicht war schmal, die Haut beinah so hell wie das Haar. Er trug einen braunen Kittel mit tiefem Ausschnitt, eine eng anliegende, tiefgrüne Hose und hohe, schwarze Stiefel. In der Hand hielt er ein äußerst langes und dünnes Schwert, das auf Lorn zielte, der die Gruppe anführte.

»Was haben wir denn da?«, fragte der Elbe mit einem verschlagenen Lächeln auf den Lippen. »Reisende aus dem Süden? Menschen? Ob sie König Elyahdyn ihre Dienste anbieten wollen? Was denkst du, Bruder?«

»Ich denke, wir sollten sie zuerst töten und dann Fragen stellen.«

Alek wirbelte zu der zweiten Stimme herum. Zu seiner Überraschung umzingelten etliche Elben die Gruppe, einige mit Bogen, andere mit Messern oder Schwertern, wieder andere unbewaffnet. Manche waren blond und blauäugig, manche hatten dunkle Haare und Augen, aber alle besaßen fein geschnittene Züge, waren groß und wunderschön.

»Nicht so hastig, Freund Rhyan«, sagte der erste Elbe. »Vielleicht sollten wir uns anhören, was sie zu sagen haben, bevor wir sie durchbohren. Was wollt ihr, Menschen? Niemand darf die Elbenlande uneingeladen betreten.«

Lorn hob die Hand als Zeichen des Friedens. »Ich bin Lorn von Eglak und war dem Volk der Elben in früheren Jahren als Lorn Narnsahn bekannt. Diese Leute kommen in großer Not zu euch, und ich bin ihr Führer. Wir ersuchen um Vorsprache bei eurem König.«

Der Elbe zog neugierig eine Augenbraue hoch. »Vorsprache beim König? Tja, das ist ein recht anmaßendes Gesuch, besonders für derart erbärmlich gekleidete Menschen. Natürlich weiß ich vom Narnsahn, aber da ich ihn nie gesehen habe, vermag ich nicht zu sagen, ob du es bist. Narnsahn, hyn eyst uhra pacta

Lorn sah dem Elben in die Augen und antwortete: »Muhra pacta eyst ny Narn o Egla, kyhn a rah sa Breyden Faryn-Lahdyne.«

Einige Atemzüge lang musterte der Elbe ihn argwöhnisch. »Du beherrschst unsere Sprache. Das allein ist noch kein Beweis dafür, dass du der bist, der zu sein du behauptest, aber es reicht, um dich vor der Spitze meines Schwertes zu retten. Womöglich bist du tatsächlich der Narnsahn, doch wir leben in gefährlichen Zeiten, und ich fürchte, ich muss auf der sicheren Seite bleiben. Ihr kommt unter Bewachung mit in unser Dorf. Dort werden wir uns ausführlicher über euer Schicksal unterhalten.«

Lorn nickte, um anzuzeigen, dass er sich mit den Bedingungen einverstanden erklärte. »Und wie soll ich meinen Häscher nennen, werter Elbe?«

»Man nennt mich Vyrdan. Folgt uns jetzt und versucht, nicht solch entsetzlichen Lärm zu verursachen.«

Von hochgewachsenen Elben umgeben folgten die Gefährten Vyrdan. Schweigend marschierten sie eine halbe Stunde durch den Wald, bevor sie in einen Bereich gelangten, in dem sich die Bäume lichteten. Dazwischen verteilten sich schlichte Holzbauten, manche hoch und groß, andere gedrungen und klein. Sogar in den Bäumen selbst befanden sich Häuser, hoch droben im Geäst, nur über Strickleitern erreichbar. Vereinzelt gingen Leute alltäglichen Aufgaben nach: Sie kauften und verkauften Allfälliges, sammelten Nüsse und Beeren, kümmerten sich um Kinder, fütterten Vieh, holten Wasser von einem Brunnen in der Mitte der Ortschaft. Für Alek wirkte es wie ein gewöhnliches, ländliches Dorf, abgesehen davon, dass alle Bewohner groß, schlank und wunderschön anzusehen waren. Eigentlich hatte er damit gerechnet, überall auf sichtbare Anzeichen von Magie zu stoßen, doch hier schienen die Elben ein einfaches, bescheidenes Leben zu führen.

Vyrdan wandte sich an jenen seiner Gefährten, der Rhyan hieß. »Benachrichtige Fürstin Devra. Sag ihr, wir bringen ihr fünf menschliche Gäste zum Lesen.«

»Wie Ihr wünscht, Herr.«

Rhyan und drei weitere Elben eilten zur Mitte des Dorfes und verschwanden zwischen den Bäumen. Vyrdan drehte sich mit einem wissenden Grinsen zu Lorn.

»Schon bald werden wir erfahren, ob du tatsächlich der Narnsahn bist.«

»So ist es«, pflichtete ihm Lorn bei. »Eure Fürstin Devra braucht nicht einmal ihre Magie zu verwenden, um in uns zu lesen. Sie wird mich erkennen.«

»Das Auge lässt sich täuschen; Devras innere Sicht nicht.«

Sie gelangten an der Ortsmitte vorbei, wo eine Gruppe von Kindern entlang eines breiten Trampelpfads spielte. Einige Erwachsene betrachteten die Menschen argwöhnisch. Offenbar war es lange her, dass hier Außenstehende gewesen waren.

Schließlich erreichten sie einen alten Baum, neben dem sich jene rings um ihn winzig ausnahmen. Der Stamm war gewaltig, und die Äste erstreckten sich hoch über ihre Nachbarn hinaus. Die Wurzeln ragten aus der Erde und strahlten vom Stamm nach außen wie dicke, knorrige Finger. Hoch droben prangte ein Baumhaus, größer als jedes andere, das Alek je gesehen hatte. Eine Strickleiter, die leicht in der Brise wogte, führte hinauf.

»Das ist das Schloss der Fürstin«, verkündete Vyrdan. »Folgt mir hinauf und vergesst nicht, dass ihr beobachtet werdet.«

Ohne eine Erwiderung abzuwarten, erklomm der Elbe wieselflink die Leiter. Lorn folgte ihm deutlich langsamer. Als Nächster kam Alek an die Reihe, der die Sprossen noch vorsichtiger in Angriff nahm als der Krieger vor ihm. Er empfand es als schwierig, auf einer aus Seil gefertigten Leiter zu klettern, zumal die Sprossen unter seinen Füßen durchsackten und seinen Armen zusätzliche Arbeit verursachten. Unverhofft erfüllte ihn Dankbarkeit für die Ausdauer, die er durch den langen Marsch und seine Schwertkampfausbildung erlangt hatte, denn noch vor drei Wochen hätte ihn das Erklimmen der Leiter restlos erschöpft.

Als er oben ankam, zog er sich durch eine Falltür auf eine weitläufige Holzplattform. Vor sich erblickte er unter dem Holzdach eine elegante Einrichtung aus Holz. In der Mitte der Plattform standen ein langer Tisch und hohe Stühle, rechter Hand führte ein Vorhang in einen anderen Raum. Hinter dem Tisch befand sich ein Wohnzimmer, wo dick gepolsterte Stühle um einen Kamin aus Ziegelsteinen angeordnet waren. Auf einem der Stühle saß eine Frau – so wunderschön, das Alek der Atem stockte.

Sie erhob sich und kam anmutig auf Lorn und Alek zu. Der Bäcker nahm am Rande wahr, dass sich Rhyan und einige andere Elben in dem Wohnzimmer aufhielten, doch er konnte den Blick nicht von der Frau lösen. Braunes Haar reichte ihr bis zur Hüfte, und in ihren bernsteinfarbenen Augen widerspiegelte sich das Licht funkelnd und vollkommen. Ihre Haut war weiß, ihr Kleid hellgrün. Als sie den Rand des Wohnzimmers erreichte, lächelte sie und gab den Neuankömmlingen ein Zeichen.

»Ich bin Devra, die Herrin von Lehnwald. Von Gnaden unseres Königs und unserer Königin herrsche ich über dieses Dorf. Willkommen, Lorn Narnsahn. Es ist lange her. Komm zu mir.«

»Warte hier«, flüsterte Lorn Alek zu, dann schritt er über die Plattform, bis er der Elbin von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Er sank vor ihr auf ein Knie und senkte das Haupt. Sie legte ihm eine zierliche weiße Hand auf den Kopf und schloss die Augen. Kurz darauf schlug sie die Lider wieder auf und lächelte herzlich.

»Du bist wahrhaftig der Narnsahn. Willkommen zurück in Faerie, Freund Lorn.«

Der Krieger erhob sich, lächelte ebenfalls und begegnete ihrem Blick. »Fürstin, Ihr seid so liebreizend wie immer. Es erfüllt mein Herz mit Freude, Euch wiederzusehen. Meine Gefährten und ich haben auf dem Weg in den Elbenwald vielen Unbilden getrotzt. Wir kommen in großer Not zu Euch.«

»Wir haben noch genug Zeit, um über Not zu sprechen, Narnsahn. So wie ich in dir gelesen habe, muss ich auch in deine Freunde blicken. Wir leben in hinterhältigen Zeiten und müssen an Vorsichtsmaßnahmen gegen den Schatten ergreifen, was wir können.«

»Ich verstehe, Fürstin. Es sind in der Tat finstere Zeiten.«

Alek blickte hinter sich und stellte fest, dass die anderen mittlerweile oben angekommen waren. Er war so gebannt von Fürstin Devras Anblick gewesen, dass er sie nicht gehört hatte. Vyrdan, der etwas abseits stand, bedeutete ihnen allen, sich der Fürstin zu nähern.

Devras Augen weiteten sich, als sie Michael sah. Sie winkte ihn zu sich, und er gehorchte stumm. Wie Lorn kniete er sich vor sie und ließ sich von ihr am Kopf berühren. Sie schloss mehrere Herzschläge lang die Augen; als sie die Lider wieder öffnete, wirkte sie traurig.

»Erheb dich, Elsendarin. Beim Einen, ich kann kaum glauben, dass du es bist. Es ist ... sehr lange her, alter Freund.«

Michael musterte sie mit finsterer Miene. »Warum wirkst du so traurig? Hast du die Schwärze in meinem Herzen gesehen? Hast du den Grund gesehen, weshalb ich mich so lange von hier ferngehalten habe?«

Devra beugte sich zu ihm hinab und legte ihm eine Hand auf jede Wange. »Du hast viel verloren, Elsendarin.«

»Nur meinen Glauben, nichts weiter.«

»Dein Glaube ist alles. Warum bist du nicht früher zurückgekehrt, Liebster? Hier gibt es Leute, die dir helfen können, die ...«

»Ihr könnt gar nichts tun. Niemand von euch. Aber hier geht es nicht um mich, Devra.«

Sie schien den Tränen nahe zu sein. Alek verstand nicht, was sich zutrug. Offensichtlich kannte sie Michael, aber warum war sie so traurig? Und hatte sie ihn tatsächlich gerade ›Liebster‹ genannt?

»Nein«, sagte sie. »Das habe ich in deinem Geist gesehen. Du bist wegen des Menschenjungen hier. Welche Not hat dich bewogen, ihn hierher zu bringen?«

Sie trat zurück und ließ Michael aufstehen. Er war kleiner als sie und musste den Kopf zurückneigen, um ihr in die Augen zu blicken. »Wir werden vom Hexer Salin Urdrokk verfolgt. Er begehrt etwas, das der junge Alek besitzt. Wir müssen unbedingt so bald wie möglich mit dem König sprechen.«

Sie betrachtete den Einsiedler mit unausgesprochenen Fragen in den Augen. Dann berührte sie ihn am Arm und schien noch etwas zu ihm sagen zu wollen. Doch stattdessen schaute sie an ihm vorbei zu Alek.

»Alek? Komm zu mir.«

Er konnte nicht widerstehen. Ein Blick zurück zu Sarah und Kraig verriet ihm, dass die beiden ebenso verwirrt und gebannt waren wie er. Alek ging zu Fürstin Devra, folgte dem Beispiel seiner Gefährten und kniete sich vor sie. Er spürte zuerst ihre Hand auf dem Kopf, dann ein Feuer, das in ihm aufloderte. Es raste durch seinen Verstand und öffnete seine Gedanken für sie, als wäre er ein Buch. Sie las in ihm, las Dinge, die selbst er nicht wusste. Er konnte es fühlen. Geheimnisse strömten aus ihm wie Wasser aus einem Becher. Dann erlosch das Feuer, und sie entfernte die Hand von seinem Kopf.

Als er aufschaute, sah er, wie sie mit überraschter Miene zurückstolperte. »Der Talisman der Einheit! Er war verloren ... und du hast ihn gefunden! Und die Mumie in der Gruft nannte dich Fluchbrecher. Beim Einen, du hast wirklich keine Ahnung, nicht wahr?«

»Fürstin?« Alek rappelte sich auf. »Geht es Euch gut? Wovon habe ich keine Ahnung?«

»Nein, ich muss mich irren. Was ich gesehen habe, kann nicht wahr sein.«

Sie sah aus, als könne sie jeden Augenblick in Ohnmacht fallen. Vyrdan und die anderen Wachen der Elben eilten zu ihr, doch Michael war schneller. Er umfasste sie, stützte sie und sah ihr besorgt in die Augen.

»Was ist, Devra?«, fragte er. »Was hast du gesehen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ein Irrtum. Das kommt gelegentlich vor, wenn ich müde bin. Bitte, verlang nicht von mir, darüber zu reden. Was ich über den Talisman gesehen habe, ist wichtig. Das stimmt doch, oder?«

»Ja«, bestätigte Michael und nickte. »Er hat den Talisman der Einheit in seinem Heimatort Bartambuckel gefunden. Irgendwie hat der Hexer von der Entdeckung erfahren und versucht, ihn sich anzueignen. Und es wäre ihm gelungen, hätte ich Alek nicht zuerst erreicht. Deshalb müssen wir zu eurem König. Wir müssen den Talisman in seine Hände übergeben, damit er ihn einsetzen kann, um den einstigen Ruhm Faeries wiederherzustellen.«

»Wenn ich es nur gewusst hätte ... Warum hast du mir nicht einfach vom Talisman erzählt? Warum hast du Vyrdan nicht sofort davon berichtet, als er euch fand?«

»Wie du zu Lorn gesagt hast, wir leben in hinterhältigen Zeiten. Ich weiß, dass das Volk der Elben in der Vergangenheit nie unterwandert wurde, aber der Schatten des Seth breitet sich über alle Länder aus, auch über Faerie. Womöglich hat er letztlich auch die Reinheit einiger deines Volkes besudelt. Ich weiß, dass kein Elbe in der Lage wäre, den Talisman für böse Zwecke zu verwenden, aber ein verderbter Elbe würde alles versuchen, damit er nicht in die Hände des Königs gelangt. Ich wollte es geheim halten, bis wir vor dem König stehen. Ich hätte wissen müssen, dass es sich nicht vor einer Gedankenleserin verbergen lassen würde.«

»Und ob, ausgerechnet du hättest das wissen müssen. Was hast du im Lauf der Jahre sonst noch vergessen, Elsendarin? Auch die Geheimnisse der Geisterwelt? Oder wie es sich anfühlt, den Einen zu berühren? Hast du vergessen, wie man das Lied singt, das die Welt willformt?«

»Ich erinnere mich an das Lied, aber es hat keine Bedeutung mehr für mich. Meine Stimme ist mittlerweile zu rau zum Singen.«

Eine tiefe Traurigkeit trat in die Augen der Fürstin und bewegte Aleks Herz. Er verstand nicht, was vor sich ging, aber er wusste, dass sie litt – um Michaels willen. Sie fühlte den Schmerz, den zu spüren er selbst zu abgestumpft war. Die Fürstin wandte sich Vyrdan zu und winkte ihn hinfort.

»Geh. Und nimm diese Menschen mit. Ich habe im Augenblick nicht die Kraft, in den anderen zu lesen. Behandle sie gut, denn sie sind unsere geschätzten Gäste. Alle, die mit Lorn und Elsendarin reisen, haben dasselbe Entgegenkommen zu erhalten, wie wir es Adeligen erweisen würden, die uns besuchen. Versorge sie mit Essen, Trinken und einem Platz zum Schlafen. Benachrichtige König Elyahdyn, dass der Narnsahn und der Weise um Vorsprache bei ihm ersuchen. Und sag ihm, Fürstin Devra schlägt untertänigst vor, er möge sie so bald wie möglich empfangen.«

»Sofort, Fürstin«, erwiderte Vyrdan. Er scheuchte die Menschen aus dem Wohnbereich und führte sie zur Strickleiter. Als sie auf dem Boden versammelt waren, geleitete er sie zu einer großen Hütte in der Nähe von Fürstin Devras Baum. Er schob eine Holztür auf und bedeutete ihnen, einzutreten. Im Inneren erwartete sie ein behaglicher Wohnraum mit einfachen Schlafstätten und einem Esstisch. Brennende Öllampen hingen an den Wänden und verbreiteten einen warmen Schimmer im Raum. Auf einem Regal drängten sich zahlreiche Bücher, daneben standen ein gemütlicher Sessel und eine Leselampe.

»Das ist unsere Gästeunterkunft. Es ist nichts Besonderes, aber ihr werdet feststellen, dass die Betten angenehm sind. Ihr könnt gerne jegliche Texte lesen, die ihr hier findet. Einige sind in der Sprache der Eglak verfasst, andere in der Unseren; ich vermute, diese Bände werden nur dem Narnsahn von Nutzen sein.« Er lächelte. »Ich entschuldige mich dafür, an dir gezweifelt zu haben, Lorn Narnsahn. Du bist in den Wäldern von Faerie immer willkommen.«

»Danke, Vyrdan.«

»Ich sorge dafür, dass euch etwas zu essen und zu trinken gebracht wird. Ruht euch hier aus, wenn ihr möchtet, oder schlendert nach Belieben durch das Dorf. Ich komme wieder, sobald ich Neuigkeiten von unserem König habe.«

Damit verneigte sich der blonde Elbe tief und verließ die Hütte. Alek ließ sich auf eines der Betten fallen und stellte fest, wie müde er war. Sarah tat es ihm gleich, während Kraig und Lorn auf Stühlen am Tisch Platz nahmen. Michael setzte sich auf den gepolsterten Sessel und nahm die Bücher auf dem Regal in Augenschein.

»Was sollte das alles?«, fragte Kraig. »Anscheinend sind du und Fürstin Devra miteinander bekannt. Was ist dieses ›Lesen‹?«

Michael betrachtete gebannt die Bücher und las die Titel auf den Rücken, deshalb beantwortete Lorn die Frage des Friedenswächters. »Alle Elben verfügen in der einen oder anderen Form über Magie. Manche sind wahre Willformer, bei anderen drückt sich ihre Begabung auf andere, unscheinbarere Weise aus. Einige der Letzteren sind, so wie Devra, Gedankenleser. Indem sie jemanden berühren, können sie in dessen Gedanken lesen. Für gewöhnlich wird diese Fähigkeit eingesetzt, um jemandes Absichten zu ermitteln oder um zu überprüfen, ob jemand die Wahrheit sagt. Manchmal können Gedankenleser auch tiefer in Seelen blicken. Dann sehen sie Dinge, die nicht einmal dem Betroffenen selbst bewusst sind.«

»So war es wohl, als Fürstin Devra in mir gelesen hat«, meldete sich Alek zu Wort. Er runzelte die Stirn. Wie sie sich danach verhalten hatte, bereitete ihm Kopfzerbrechen. »Was könnte sie in mir gesehen haben, das sie so verängstigt hat?«

Michael löste sich mit verkniffener Miene von den Büchern. »Es muss etwas von großer Bedeutung gewesen sein, etwas Unerwartetes. Ich habe noch nie erlebt, dass sich Devra so verhalten hat, wenn sie in jemandem las. Alek, ich hatte schon vermutet, dass in dir mehr steckt, als du weißt, aber jetzt bin ich sicher.«

»Das ist doch lächerlich«, entgegnete Alek. »Was immer sie gesehen hat, war ein Irrtum. Du hast ja gehört, was sie sagte.«

Michael schüttelte den Kopf. »Sie hat gelogen. Was sie gesehen hat, war so erschreckend für sie, dass sie nicht darüber reden konnte. Ich muss sie später aufsuchen und unter vier Augen mit ihr sprechen.«

Lorn musterte den Einsiedler eindringlich. »Wie genau sieht deine Beziehung zu Devra aus? So, wie sie mit dir geredet hat, scheint ihr euch recht gut zu kennen. Vermutlich sogar sehr gut.«

Michael wandte sich wieder den Büchern zu. »Vor Jahren waren wir befreundet. Sehr gut befreundet. Aber das ist lange, lange her.«

Es war offensichtlich, dass er nicht über seine Beziehung zu Devra reden wollte, und Lorn ließ es dabei bewenden. Michael zog ein Buch vom Regal und begann zu lesen, während die anderen schwiegen. Bald verfiel Alek in einen leichten Schlaf.

Er erwachte durch das Geräusch schlurfender Füße. Vyrdan war mit mehreren anderen Elben zurückgekehrt, die Tabletts voll Essen und Trinken trugen. Alek beobachtete, wie sie auf dem Tisch Teller mit dampfendem Fleisch, Schalen mit frischem Obst, warme Brotlaibe und Schüsseln mit gekochtem Gemüse abstellten. Sein Magen rumorte beim Anblick eines solchen Festschmauses. Eine Mahlzeit wie diese hatte er nicht mehr gegessen, seit sie Bartambuckel verlassen hatten – tatsächlich sogar, seit Stan zum letzten Winterfest ein riesiges Wildschwein gegrillt hatte.

»Falls ihr noch etwas benötigt, wendet euch einfach an Bree.« Vyrdan deutete auf eine junge Frau, die geholfen hatte, das Essen hereinzubringen. »Sie wurde mit der Aufgabe betraut, sich um eure Bedürfnisse zu kümmern, und wird in der Nähe bleiben.«

Bree verbeugte sich, wobei ihr das dunkle Haar vor das zierliche Antlitz fiel. »Mein Heim ist nebenan. Dort findet ihr mich, falls ihr mich braucht.«

»Danke«, gab Lorn zurück. »Euch allen. Das Essen sieht herrlich aus. Die Gastfreundschaft des Elbenvolks hat im Verlauf der Zeit keineswegs nachgelassen.«

Vyrdan antwortete darauf mit einer seiner tiefen Verneigungen, dann führte er die anderen Elben aus der Hütte. Kaum waren sie gegangen, stürmte Alek zum Tisch und begann, einen Teller zu füllen. Die anderen taten es ihm rasch gleich. Es schmeckte hervorragend. Das Fleisch und das Gemüse waren heiß und köstlich, das Obst erwies sich als kühl und frisch, und ein besseres Brot hatte Alek noch nie gekostet. Er fragte sich, ob er Gelegenheit haben würde, den Bäcker der Ortschaft aufzusuchen und ihm einige Geheimnisse zu entlocken. Wenn er lernte, solches Brot herzustellen, würde ihn jedes Dorf mit Freuden aufnehmen.

Nach der Mahlzeit streckte sich Alek auf dem Bett aus. Mit vollem Magen fühlte er sich noch müder als zuvor. Sarah suchte sich das Bett neben seinem aus, legte sich auf die Seite und lächelte. Sie wirkte glücklich. Er wusste genau, wie sie sich fühlte. Sie hatten im vergangenen Monat einen weiten Weg zurückgelegt und mehr Grauen durchgemacht, als irgendjemand erleben sollte. Doch nun war es letztlich vorbei. Weder Salin noch seine Schergen konnten den Wald betreten. Endlich waren sie in Sicherheit. Der Gedanke überwältigte Alek, und eine wohlige Wärme erfüllte ihn. Er bedachte Sarah mit einem langen Blick, sah ihr tief in die Augen. Er hatte es sich zuvor nicht eingestanden, doch mittlerweile ließ es sich nicht mehr leugnen: Er war in sie verliebt.

Alek zwang sich, den Blick von ihr abzuwenden, um seine Gefühle nicht hervorzusprudeln. Es war nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Außerdem konnte er kaum noch die Augen offenhalten. Er spürte, wie ihn rasch der Schlaf überkam, und mit einem Gähnen ließ er sich davon übermannen.

Devra stand alleine da und starrte nachdenklich durch ein großes Fenster ihres Hauses hinaus. Sie fragte sich, ob sie das Richtige tat. Sie wollte nur das Beste für Faerie, allerdings war sie nicht mehr sicher, was das war. Der alte König war schwach, und ihr Volk litt darunter. Das Elbenvolk schwand und verlor an Macht, da die königliche Blutlinie im Lauf der Jahre verwässert worden war. Es gab Elben, die zwar nicht von königlichem Blut waren, jedoch noch die Macht der Altvorderen besaßen, die Macht, die Welt zu formen und andere zu befehligen. Jemand, der selbstsicher und stark war, musste die Herrschaft über Faerie übernehmen, andernfalls würde das Land weiterhin schwächer werden, bis es sich letztlich dem Schatten ergäbe. Der alte Narr musste ersetzt werden.

Natürlich war es Hochverrat. Allein ihre Gedanken kamen dem gleich. Besäße der König den Talisman der Einheit, würde er sofort wissen, ob jemand seines Volkes Ränke gegen ihn schmiedete. Die Vorstellung ließ sie schaudern. Wenn sie den Schein wahren wollte, eine getreue Dienerin des Königs zu sein, musste sie dafür sorgen, dass Michael und die anderen bei ihm vorsprechen durften. Alles andere würde Verdacht erregen. Elsendarin und Lorn Narnsahn genossen beim Elbenvolk Ansehen; es gab keinen triftigen Grund, ihnen ihr Anliegen zu verweigern. Nur würden sie dann den Talisman an den König überreichen, und all ihre Pläne wären hinfällig.

Aber immerhin war sie Gedankenleserin und besaß als solche die Macht, ihre eigenen Gedanken abzuschirmen. Vermutlich konnte sie ihr Geheimnis noch eine Weile bewahren, wenngleich sie nicht wusste, wie lange es ihr gegen jemanden gelingen würde, der den Talisman besaß. Sie war noch nicht geboren gewesen, als der letzte König das Werkzeug innehatte, und ihr war zu wenig darüber bekannt. Trotz ihrer mittlerweile dreihundert Lebensjahre hatte sie nie viel über seine Macht erfahren.

Doch auch ohne den Talisman regten sich neue Befürchtungen in ihr. Jene, mit denen sie Ränke schmiedete, wollten den König aus weniger hehren Gründen vom Thron stoßen. Ihr war klar, dass sie von ihnen benutzt wurde, genau wie die anderen wussten, dass sie es von Devra wurden. Devra fürchtete, was sie womöglich tun würden, wenn sie zuließe, dass sie die Oberhand erlangten. Aber noch mehr als das fürchtete sie Alek Maurer. Sie verstand zwar nicht völlig die Vision, die er ihr beschert hatte, doch sie hatte etwas in ihm gespürt ... etwas Dunkles und Mächtiges, das darauf wartete, entfesselt zu werden. Seine Seele unterschied sich von allen anderen, in denen sie je gelesen hatte. Sie war größer. Viel größer.

Devra war nicht sicher, was das bedeutete. Bisher hatte sie auf Seelen nie Größenbegriffe angewandt. Elben-Seelen schillerten heller und reiner als die der meisten Menschen. Menschliche Seelen waren grau, aber stark. Willformer, sowohl Menschen als auch Elben, besaßen leuchtend weiße Seelen, während die von Hexern schwarz wie die Nacht waren. Die Größe jedoch hatte nie eine Rolle gespielt.

Aleks Seele war schwarz – nicht so wie die Schatten der Nacht, sondern eher wie eine völlige Leere, so groß wie der Himmel. Devra wäre um ein Haar davon verschlungen worden und hätte sich auf ewig in der unendlichen Dunkelheit verloren. Etwas Ähnliches hatte sie noch nie zuvor erfahren. Die Seele eines Hexers strahlte im Vergleich zu Alek Maurers grell wie das Licht der Sonne.

Und doch hatte sie die Güte in ihm wahrgenommen. Er war ein schlichter Mensch, ein Bäckerlehrling, der sich nur danach sehnte, ein einfaches, beschauliches Leben zu führen. Abgesehen von Salin Urdrokk hegte er gegen niemanden einen Groll. Dennoch schlummerte aus unerfindlichem Grund in ihm eine Dunkelheit, so groß wie die Welt. Schaudernd dachte sie, dies könnte nur umso mehr Grund sein, ihren Plan voranzutreiben. Dass jemand wie Alek Maurer ausgerechnet zu einem so entscheidenden Zeitpunkt auftauchte, musste eine Art Zeichen sein. Und Devra wusste, wie man Zeichen deutete.

Das Geräusch leiser Schritte auf dem Holzboden ließ sie herumwirbeln. Es war Rhyan. Er stand ungezwungen mit einer Hand auf dem Schwertknauf da – und grinste.

»Was ist?«, fragte sie.

»Die Zeit ist gekommen«, erwiderte er. »In etwa einer Woche, höchstens in zwei, werden all unsere Pläne in die Tat umgesetzt.«

»Warum schon so bald?«, erkundigte sie sich, wenngleich sie die Antwort bereits kannte.

»Wegen unserer Gäste. »Wir müssen unsere Karten ausspielen, bevor sich der Talisman der Einheit an den König anpassen kann und dieser lernt, wie man ihn benutzt.«

»Was ist mit unserem Verbündeten? Wir haben aus Notwendigkeit mit ihm zusammengearbeitet, aber du weißt so gut wie ich, dass ihm nicht zu trauen ist. Der Talisman wirft ein völlig neues Licht auf die Lage.«

»Dem stimme ich zu, trotzdem müssen wir wie geplant weitermachen. Er hat uns eine Botschaft gesandt, um uns mitzuteilen, dass es keine Verzögerungen geben darf. Der richtige Zeitpunkt ist jetzt entscheidender denn je zuvor. Sobald der König entthront ist, können wir uns unseres Freundes annehmen. Vergiss nicht, dies ist unser Ort der Macht, nicht seiner. Falls er vorhat, uns zu verraten, wird er die Ewigkeit damit verbringen, es zu bereuen.«

Devra nickte. »Ich weiß, dass du recht hast. Ich war nur nicht darauf vorbereitet. Was sollen wir mit dem Talisman tun? Auf jeden Fall müssen wir dafür sorgen, dass er nicht ihm in die Hände fällt.«

Rhyan zog eine Augenbraue hoch. »Natürlich. Wir müssen ihn einfach sicher verwahren, bis ein neuer König ausgerufen ist ... jemand, der stark und in der Lage ist, Faerie wieder zu Größe zu führen. Jemand mit Macht. In seinen Händen wird der Talisman unser Volk zu der mächtigen Rasse schmieden, die wir sein sollten.«

Eine Weile musterte Devra ihn argwöhnisch. In seinem Lächeln lag etwas, das ihr nicht gefiel. Allerdings hatte er recht. Sie mussten bald handeln, sonst war womöglich alles verloren. »Na schön. Morgen werden unsere Gäste beim König vorsprechen. Nächste Woche wird es einen Umsturz geben. Ich hoffe, bis dahin haben sich Elsendarin und die anderen aus unserem Land entfernt.«

»Sie werden nicht gehen. Sie fürchten Urdrokk und werden hierbleiben wollen, weil sie sich hier in Sicherheit wähnen. Du darfst sie auf keinen Fall warnen. Das wäre verheerend für unseren Plan.«

Devra runzelte die Stirn. »Ja. Geheimhaltung ist von größter Bedeutung. Ich werde einen Weg finden müssen, sie vor Schaden zu bewahren.«

»Verlier wegen einer Gruppe von Menschen nicht den Plan aus den Augen. Vergiss nicht, was wir tun, ist zum Wohle Faeries.«

Sie spürte, wie ihr Zornesröte in die Wangen stieg. »Maße dir nicht an, mir das zu sagen! Du wirst überheblich, Rhyan. Ich bin immer noch die Herrin von Lehnwald, und du unterstehst meinem Befehl. Geh jetzt und störe mich bis morgen nicht mehr. Ich habe über vieles nachzudenken.«

»Ja ... Fürstin.«

Mit einem Grinsen, das beinah höhnisch wirkte, verbeugte er sich und ging. Devra fragte sich, was in ihn gefahren sein mochte. Rhyan war nicht immer so gewesen. Sie vermutete, dass es an der Belastung lag, die es verhieß, Hochverrat zu planen – gepaart mit dem Wissen darum, mit wem sie ihre Ränke schmiedeten.

Wenn sie etwas bedauerte, dann, dass Elsendarin nicht billigen würde, was sie tat. Er würde es nie verstehen. Sie liebte ihn und wusste, wäre Elben und Menschen das Zusammenleben als Paar gestattet gewesen, er wäre vor langer Zeit der ihre geworden. Doch obwohl Elsendarin älter war als sie, war er menschlich. Hätte sich sein Erbgut je mit ihrem vermengt, hätte sie damit einen unendlich schlimmeren Verrat begangen als jenen, den sie nun plante – Verrat nicht nur gegen Faerie, sondern auch gegen den Einen. Zu Devras Lebzeiten war ein junger Elbe gehängt worden, weil er sich mit einer menschlichen Frau eingelassen hatte. Es war das einzige Mal in tausend Jahren, dass vom Volk der Elben einer von ihnen hingerichtet worden war. Das Verbrechen galt als schwer, denn die Folgen konnten verheerend sein.

Sie kehrte zum Fenster zurück, blickte wieder hinaus und fragte sich, wie sie nach den nächsten Tagen mit sich selbst leben würde. Vor allem, falls Elsendarin oder auch Lorn etwas geschehen würde. Sie würde eine Möglichkeit finden müssen, die Menschen aus dem Weg zu schaffen, irgendwohin, wo sie in Sicherheit waren und sich nicht einmischen konnten. In gewisser Weise kam es einem Segen gleich, dass Elsendarin seine Fähigkeit verloren hatte, zu willformen. Andernfalls hätte er zweifellos versucht, sich ihr in den Weg zu stellen. So jedoch war er außerstande, sie aufzuhalten. Sie würde Hochverrat begehen. Sie würde Faerie retten.

Möge mir der Eine beistehen.

Die Nacht hielt Einzug in Faerie, und Michael ging alleine unter den Sternen. Den Bäumen haftete ein silbriger Schimmer an, der über jeden Zweifel hinaus verdeutlichte, dass dies ein Ort der Magie war. Dieses Land bei Nacht zu sehen, trieb ihm beinah Tränen in die Augen. So abgestumpft er sein mochte, der Anblick der sichtbar gewordenen Magie bewegte ihn unwillkürlich. Auch die Sterne wirkten hier heller, der Himmel klarer. Er fühlte sich, als wäre er nach Hause zurückgekehrt.

Sein Herz verspürte eine Sehnsucht wie seit Jahren nicht mehr. Solange er zurückdenken konnte, war er betäubt gewesen, beinah gefühllos; es war eine reine Verteidigungsmaßnahme gegen das Grauen in seinem Herzen gewesen. Nun jedoch hatte ihn der Anblick dieses Landes und Devras für seine Gefühle geöffnet. Er empfand wieder Freude, Verlangen, Schmerz und Furcht. Faerie besaß die Gabe, tiefe Gefühle freizulegen; vor allem aus diesem Grund hatte er vermeiden wollen, hierher zu kommen. Er wusste, dass es ihm das Herz brechen würde.

Genauer gesagt, brach es ihm das Herz, Devra zu sehen, die Liebe, die er nie haben konnte. Und die Schönheit Faeries mit dem Wissen zu betrachten, dass sie eines Tages dem Seth zum Opfer fallen würde, zerriss ihn förmlich. Dies war der einzige Ort der Welt, in der das Böse nie Einzug gehalten hatte; doch sein Tag nahte.

Eine Stimme hinter ihm ließ ihn herumwirbeln.

»Ich habe überall nach dir gesucht«, sagte Lorn.

Der Krieger stand hinter ihm. Er hatte das lange dunkle Haar aus dem Pferdeschwanz befreit, sodass es ihm anmutig über die Schultern fiel. Außerdem hatte er sich rasiert. Michael überraschte, wie verändert er dadurch wirkte. Lorn war ein bestechend gut aussehender Mann mit dunkler Haut und ausgeprägten Wangenknochen. Michael wäre noch überraschter gewesen, hätte er nicht gewusst, dass gutes Aussehen in Lorns Familie lag. Das und einiges mehr.

»Wie geht es den anderen?«, erkundigte sich der Einsiedler.

»Sie schlafen. Kraig wollte Wache stehen, aber ich habe ihn davon überzeugt, dass es nicht notwendig ist. Sie brauchen alle Ruhe. Wenn ich’s mir recht überlege, wir beide auch, allerdings würde ich gern einige Worte unter vier Augen mit dir reden.«

»Das dachte ich mir schon.«

Lorn blickte Michael mehrere Herzschläge lang in die Augen. »Du weißt, wer ich bin.« Es war keine Frage.

»Ja. Du hast sorgsam darauf geachtet, dein Geheimnis zu hüten, außer als du mit den Ogern und später mit den Elben gesprochen hast. Natürlich hatte ich bereits Vermutungen, seit wir auf der Ebene von Naar gegen den Verwüster kämpften. Die Kreatur hat dich mit einem Feuerstoß getroffen, der einem Elefanten den Garaus gemacht hätte. Die Fähigkeit, zu willformen, ist unter Menschen ausgesprochen selten; Unempfindlichkeit gegen die Wirkung von Willformen noch weit seltener.«

Lorn grinste freudlos. »Meine Unempfindlichkeit ist der Grund, weshalb ich Salin oder andere Hexer kaum fürchte. Sie könnten den ganzen Tag lang Blitze vom Himmel auf mich herabschnellen lassen, ich würde es nicht einmal spüren.«

»Hexerei selbst vermag dir nichts anzuhaben«, entgegnete Michael. »Trotzdem kann sie sich mittelbar auf dich auswirken. Höbe Salin beispielsweise mit Magie einen Berg an und ließe ihn über dir fallen, würdest du sterben. Das Heben wäre magisch, der Berg an sich hingegen nicht.«

»Ich weiß«, sagte Lorn. »Deshalb muss ich dennoch vorsichtig sein. Aber die meiner Blutlinie angeborene Unempfindlichkeit verschafft mir einen großen Vorteil.«

Eine Weile schwiegen sie, dann meinte Michael: »Du bist davon ausgegangen, dass niemand in unserer Gruppe die Sprache der Oger oder des Elbenvolks beherrscht. Du hast unmittelbar vor uns von deiner Herkunft erzählt. Ich habe bisher nichts gesagt, weil ich wusste, dass du sie geheim halten wolltest.«

»Du musst zugeben, die Annahme war nicht unbegründet. Immerhin benutzen die Elben unsere Sprache fast ausschließlich, wenn sie mit Menschen zu tun haben, und die Sprache der Oger ist nur den Wenigsten bekannt. Aber ich habe dich unterschätzt. Ich wusste zwar, dass du schon in Faerie warst, allerdings dachte ich, das wäre alles. Wie du mit Devra geredet hast, belehrte mich eines Besseren. Wer bist du, Michael?«

Der Einsiedler blickte zu den Sternen. »Jemand, der zu viel weiß. Jemand, der zu viel gesehen hat. Aber ich bewahre meine Geheimnisse vorerst. Was ist mit dir? Wie wurde aus dem, was du warst, ein Trunkenbold und Narr?«

»Das ist eine üble Geschichte, und sie ist zu lang, um sie heute Nacht zu erzählen. Wie gesagt, ich bin müde und möchte mich zur Ruhe legen. Lassen wir es vorläufig dabei bewenden, dass ich von meinem Bruder verraten, nicht von mir begangener Verbrechen beschuldigt und von meinem Vater verstoßen wurde.«

Michaels Herz setzte einen Schlag aus, als ihn schmerzliche Erinnerungen durchfluteten. »Auch mir wurde von meinen Brüdern wehgetan«, sagte er leise.

Lorn runzelte die Stirn und wirkte unsicher, was er erwidern sollte. Er bedachte Michael mit einem mitfühlenden Blick, dann ging er auf ihre gemeinsame Hütte zu.

Der Einsiedler schaute wieder zu den Sternen empor. Die Baumwipfel schillerten im Mondlicht. Er gestattete sich, die Schönheit, die Magie zu bewundern, seinen Blick über das Geflecht des Zaubers wandern zu lassen, den nur Wenige wahrzunehmen vermochten. Derzeit hielt jenes Geflecht das Böse fern, doch wie lange würde es halten? Gewiss nicht mehr viele Jahre, zumal die Macht des Seth im Westen stetig wuchs.

Einige Monate jedoch würde es zweifellos noch währen. Zeit genug, um den Talisman seinem rechtmäßigen Herrn zu übergeben und diese Reise endlich hinter sich zu bringen. Zeit genug für die Elben, sich zu vereinen und Salin abzuwehren. Gegen Salins Meister würden sie vielleicht nichts ausrichten können, aber der Hexer selbst wäre für sie kein Gegner, sobald sie vom Talisman geeint waren.

Michael gähnte und stellte plötzlich fest, wie müde er war. Nach einem letzten Blick an den nächtlichen Himmel trat er den Weg zurück in die Hütte an.